Ein unmoralisches Angebot
Ein unmoralisches Angebot
Hallo, meine Lieben :) Gestern war ich leider unterwegs, deshalb geht es heute weiter. Und es bleibt ereignisreich, denn der Weihnachtsball ist noch nicht vorbei ;) Viel Spaß beim Weiterlesen.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 31 Ein unmoralisches Angebot
Lucinda PoV
Die Musik aus der Großen Halle war inzwischen nur noch gedämpft zu hören. Je weiter Anthony und ich uns von der Menge entfernt hatten, desto ruhiger wurde es. Die Flure lagen beinahe verlassen da, nur vereinzeltes Kerzenlicht spiegelte sich auf dem Steinboden und irgendwo in der Ferne hallte noch Gelächter durch das Schloss. Ich atmete erleichtert aus. >>Das ist besser.<<
Anthony grinste neben mir. >>Du magst Menschenmengen wirklich nicht besonders, oder?<<
>>Das ist höflich formuliert.<<
>>Und ich dachte schon, der Punsch wäre schuld.<<
Ich musste lachen. >>Nein. Obwohl Castor ihn heute beinahe noch interessanter gemacht hätte.<<
Anthony prustete los. >>Ich werde nie vergessen, wie diese Orangenscheibe auf seiner Schulter klebte.<<
>>Professor Snape vermutlich auch nicht.<< Allein bei der Erinnerung musste ich wieder schmunzeln. >>Er sah aus, als würde er seine Berufswahl überdenken.<<
>>Vielleicht beantragt er morgen Versetzung.<<
>>Oder Castors.<<
Wir lachten beide. Und für einen Moment war alles erstaunlich leicht. Kein Feuerkelch. Keine Verschwörung. Kein Bruder. Kein Fluch. Nur ein stiller Korridor, ein Weihnachtsball und ein Freund, mit dem ich über einen völlig überforderten Castor Thornbloom lachen konnte.
Anthony lehnte sich neben mir gegen die steinerne Fensterbrüstung. Draußen fiel leise Schnee. >>War eigentlich schön heute.<<
Ich nickte. >>Ja.<< Das meinte ich sogar ehrlich. >>Der Tanz war überraschend erträglich.<<
Anthony legte gespielt eine Hand auf sein Herz. >>Erträglich?<<
>>Das war ein Kompliment.<<
>>Bei dir vielleicht.<<
>>Du gewöhnst dich daran.<<
Sein Lächeln blieb. Doch irgendetwas darin veränderte sich. Ich bemerkte es sofort. Anthony wurde still. Seine Augen wanderten kurz zum Fenster hinaus und anschließend wieder zu mir. >>Lucinda?<<
>>Hm?<<
>>Darf ich dich etwas fragen?<<
Ich zog eine Augenbraue hoch. >>Das klingt gefährlich.<<
>>Vielleicht.<<
Mein Lächeln verschwand langsam. Plötzlich wirkte er nervös. Anthony Goldstein. Der sonst beinahe immer irgendeinen lockeren Spruch auf Lager hatte. Nervös. Oh nein. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
>>Anthony...<<
>>Lass mich kurz ausreden.<<
Da wusste ich es. Ich wusste es, bevor er überhaupt weitersprach. Ruby hatte recht gehabt. Natürlich hatte Ruby recht gehabt. Diese Frau besaß manchmal ein beinahe unheimliches Gespür für Dinge, die ich selbst geflissentlich ignorierte.
Anthony strich sich fahrig durchs Haar. >>Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat.<< Ich sagte nichts. >>Am Anfang fand ich dich einfach interessant.<<
>>Das klingt schon bedenklich.<<
Er lachte kurz. Dankbar. Dann wurde seine Miene wieder ernst. >>Du bist anders als die anderen.<<
Oh Merlin. >>Anthony...<<
>>Ich weiß, wie kitschig das klingt.<<
>>Ein bisschen.<<
>>Danke.<<
>>Gern.<<
Er atmete tief durch. >>Aber ich verbringe wirklich gern Zeit mit dir.<< Meine Brust wurde eng. >>Du bist klug. Und lustig, auch wenn du immer so tust, als wärst du es nicht.<<
>>Frechheit.<<
>>Und du hörst zu.<< Seine Stimme wurde leiser. >>Wirklich zu.<<
Ich senkte den Blick. Das machte es nur schlimmer. Anthony war ein guter Mensch. Genau deshalb wollte ich ihn nicht verletzen.
>>Und heute Abend...<< Er lächelte schwach. >>...habe ich gemerkt, dass es für mich nicht mehr nur Freundschaft ist.<<
Da waren sie. Die Worte. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. >>Anthony...<<
>>Du musst nichts sagen.<<
>>Doch.<< Ich hob den Blick wieder. Er versuchte zu lächeln. Aber ich sah bereits, wie sehr er sich gegen die mögliche Antwort wappnete. Also trat ich einen kleinen Schritt näher. Nicht zu nah. Nur genug, damit er verstand, dass ich seine Offenheit ernst nahm. >>Du bist mir wichtig.<<
Seine Augen flackerten. >>Aber?<<
Ich hasste dieses Wort. >>Aber ich sehe in dir einen Freund.<<
Die Stille danach war schlimmer als jedes Geschrei. Anthony nickte langsam.
>>Okay.<<
>>Es tut mir leid.<<
>>Muss es nicht.<<
Doch. Musste es. Ich sah es ihm an. >>Du hast nichts falsch gemacht.<<
>>Das ist meistens der Satz, den man hört, wenn man gerade abgewiesen wurde.<<
Ich verzog leicht das Gesicht. >>Stimmt.<<
Zu meiner Überraschung lachte er leise. Nur kurz. Dann schob er die Hände in die Taschen seiner Festrobe. >>War einen Versuch wert.<<
>>Anthony...<<
>>Schon gut.<< Sein Lächeln war tapfer. Viel zu tapfer. >>Wirklich.<< Ich wusste, dass es nicht stimmte. >>Ich brauche nur...<< Er sah Richtung Große Halle. >>...ein bisschen Luft.<<
Ich wollte etwas sagen. Ihn aufhalten. Ihm erklären, dass es nicht an ihm lag. Dass es überhaupt niemals an ihm liegen konnte. Doch was hätte ich sagen sollen?
Entschuldige, Anthony. Ich bin durch einen dunklen Fluch an das Leben meines wahnsinnigen Zwillingsbruders gebunden und werde sterben, sobald Harry Potter ihn irgendwann vernichtet.
Wohl kaum. Also nickte ich nur. >>Natürlich.<<
Anthony blieb noch einen Moment stehen. Dann lächelte er wieder. Ein kleines, schiefes Lächeln. >>Trotzdem danke für den Tanz.<<
Mein Herz zog sich unangenehm zusammen. >>Danke ebenfalls.<<
Er ging. Und ich blieb allein zurück. Die Geräusche seiner Schritte verklangen langsam im Korridor. Erst dann ließ ich die Schultern sinken. >>Großartig.<< Meine Stimme hallte leise zwischen den Steinwänden wider.
Ich trat ans Fenster. Draußen fiel der Schnee weiter. Friedlich. Unberührt. Ich legte eine Hand gegen das kalte Glas.
Anthony hatte nichts falsch gemacht. Das war gerade das Problem. Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht...Nein. Ich verdrängte den Gedanken sofort. Es spielte keine Rolle.
Liebe war für mich keine Option. Nicht Anthony. Nicht irgendein anderer Mann. Nicht heute. Nicht irgendwann. Denn irgendwann würde Tom sterben. Und mit ihm würde auch mein Leben enden. Das war kein Geheimnis, das ich mir selbst gegenüber noch beschönigen konnte.
Ruby konnte von Zukunft sprechen, so viel sie wollte. Dumbledore konnte hoffen. Ich wusste es besser. Der Fluch war mein Schutz gewesen. Und mein Todesurteil. Jemanden an mich zu binden wäre grausam. Vielleicht war genau deshalb Freundschaft alles, was ich mir erlauben durfte.
>>Na, wenn das nicht Stonefield ist.<<
Meine Finger versteiften sich augenblicklich. Nein. Bitte nicht. Nicht jetzt. Ich drehte mich langsam um. Castor Thornbloom stand am anderen Ende des Korridors. Natürlich. Der Abend hatte offenbar beschlossen, mich endgültig zu hassen. Sein Festumhang war inzwischen wieder trocken. Leider. Von der Punschkatastrophe war nur noch ein leicht rötlicher Fleck an seinem Ärmel übrig.
Ich verschränkte die Arme. >>Thornbloom.<<
Er kam näher. >>Allein?<<
>>Offensichtlich.<<
>>Wo ist Goldstein?<<
>>Das geht dich nichts an.<<
Castors Mundwinkel zogen sich nach oben. >>Hat er aufgegeben?<<
Mein Blick wurde kühl. >>Was genau willst du?<<
>>Dich.<<
Ich schloss kurz die Augen. >>Natürlich.<<
>>Was?<<
>>Nichts.<<
Er blieb vor mir stehen. >>Du hast heute ziemlich gut getanzt.<<
>>Danke.<<
>>Mit mir hättest du besser ausgesehen.<<
>>Nein.<<
>>Du weißt doch gar nicht, wie ich tanze.<<
Ich betrachtete demonstrativ seinen Ärmel. Castor folgte meinem Blick. Sein Gesicht verfinsterte sich. >>Das war ein Unfall.<<
>>Natürlich.<<
>>Der Boden war rutschig.<<
>>Direkt neben einer Punschschale.<<
>>Kann jedem passieren.<<
>>Sicher.<<
Er trat näher. Ich wich nicht zurück. >>Du machst dich gern über mich lustig, was?<<
>>Du lieferst erstaunlich gutes Material.<<
Sein Lächeln wurde schmaler. >>Du bist wirklich schwierig.<<
>>Und trotzdem stehst du immer wieder vor mir.<<
>>Weil ich Herausforderungen mag.<<
Da war es wieder. Dieses Wort. Als wäre ich irgendein Preis. Eine Trophäe. Etwas, das er gewinnen konnte. Mein Magen zog sich zusammen. >>Ich bin keine Herausforderung.<<
>>Für mich schon.<<
>>Dann hast du ein Problem.<<
>>Oder du.<<
Er kam noch näher. Diesmal machte ich einen Schritt zurück. Nicht aus Angst. Sondern weil ich keine Lust hatte, seinen Atem zu spüren. >>Castor.<< Meine Stimme wurde schärfer. >>Lass es.<<
>>Warum?<<
>>Weil ich kein Interesse habe.<<
>>Das sagst du ständig.<<
>>Vielleicht solltest du irgendwann zuhören.<<
Sein Blick verdunkelte sich. >>Noch nie hat sich eine Hexe so gegen mich gesträubt.<<
Ich starrte ihn fassungslos an. >>Vielleicht weil die anderen bessere Nerven hatten.<<
>>Du findest mich also attraktiv.<<
>>Das habe ich nicht gesagt.<<
>>Aber auch nicht verneint.<<
>>Castor.<<
>>Lucinda.<<
Ich hasste es, wie er meinen Namen aussprach. Zu vertraut. Zu selbstverständlich. >>Du weißt genau, dass zwischen uns etwas sein könnte.<<, hauchte er, doch ich sah ihn nur ausdruckslos an.
>>Nein.<<
>>Du gibst mir nur keine Chance.<<
>>Weil ich keine möchte.<<
Er lachte leise. Nicht amüsiert. Eher gereizt. >>Goldstein bekommt eine, aber ich nicht?<<
>>Anthony ist mein Freund.<<
>>Und ich könnte mehr sein.<<
>>Nein.<<
Sein Kiefer spannte sich an. >>Was stimmt eigentlich nicht mit dir?<<
Da war sie. Die erste echte Schärfe. >>Nichts.<<
>>Jede andere würde sich freuen.<<
>>Dann such dir jede andere.<<
Ich wollte an ihm vorbeigehen. Castor stellte sich mir in den Weg. Meine Geduld riss. >>Geh zur Seite.<<
>>Nicht bevor wir das geklärt haben.<<
>>Es gibt nichts zu klären.<<
>>Doch.<< Er trat näher. >>Warum willst du mich nicht?“
Ich musste beinahe lachen. Nicht weil es lustig war. Sondern weil ich seine Selbstüberschätzung nicht mehr fassen konnte. >>Weil ich Nein sage.<<
Sein Gesicht veränderte sich. >>Das ist keine Antwort.<<
>>Doch.<<
Ich zog meinen Zauberstab. Langsam. Deutlich sichtbar.
Castors Blick fiel darauf. >>Du willst mich verhexen?<<
>>Wenn du mich zwingst.<<
>>Du würdest doch nicht—<<
>>Mr. Thornbloom.<<
Die Stimme hinter ihm war so kalt, dass selbst ich augenblicklich innehielt. Castor erstarrte. Ich kannte diese Stimme. Natürlich kannte ich sie. Professor Snape stand einige Meter entfernt im Korridor. Sein schwarzer Festumhang fiel wie ein Schatten um ihn. Seine Hände waren hinter dem Rücken verschränkt. Sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Was bei ihm meistens bedeutete, dass jemand gerade ernsthafte Probleme bekam.
Castor drehte sich langsam um. >>Professor.<<
Snape ließ den Blick über die Szene gleiten. Über Castor. Über mich. Über meinen gezogenen Zauberstab. Dann wieder zurück zu Castor. >>Ich hoffe sehr, dass es für die Situation, die sich mir hier bietet, eine außergewöhnlich überzeugende Erklärung gibt.<<
Castor räusperte sich. >>Wir haben nur geredet.<<
Snapes Blick wurde noch kälter. >>Tatsächlich.<<
>>Ja, Professor.<<
>>Dann scheint Miss Stonefield eine bemerkenswert defensive Haltung gegenüber gewöhnlichen Unterhaltungen zu besitzen.<<
Ich senkte meinen Zauberstab noch nicht. Castor bemerkte es ebenfalls. >>Sie übertreibt.<<
Snapes Augen verengten sich. Oh. Falsche Antwort. Sehr falsche Antwort. >>Miss Stonefield.<<
Ich sah ihn an. >>Ja, Professor?<<
>>Haben Sie Mr. Thornbloom aufgefordert, Sie in Ruhe zu lassen?<<
>>Mehrfach.<<
Stille. Snape blickte wieder zu Castor. >>Dann gibt es nichts weiter zu besprechen.<<
Castor öffnete den Mund. >>Aber Professor—<<
>>Nein.<< Dieses eine Wort schnitt sauber durch den Korridor. Castor verstummte. Snape trat langsam näher. >>Ich werde mich außergewöhnlich verständlich ausdrücken, Mr. Thornbloom.<< Seine Stimme blieb ruhig. Gerade deshalb wirkte sie so bedrohlich. >>Wenn eine Mitschülerin Ihnen sagt, dass sie kein Interesse an Ihrer Gesellschaft hat, akzeptieren Sie diese Entscheidung.<<
Castor presste die Lippen zusammen. >>Sie können sie nicht überzeugen.<< Ein weiterer Schritt. >>Sie können sie nicht überreden.<< Noch einer. >>Und Sie werden sie ganz sicher nicht in einem abgelegenen Korridor bedrängen, bis sie sich genötigt sieht, den Zauberstab gegen Sie zu ziehen.<<
Castor wurde blass. >>Ich wollte doch nur—<<
>>Was Sie wollten, ist vollkommen irrelevant.<< Ich blinzelte. So deutlich hatte ich Professor Snape selten erlebt. >>Entscheidend ist, was Miss Stonefield Ihnen mitgeteilt hat.<< Sein schwarzer Blick bohrte sich regelrecht in Castor. >>Und offenbar lautet diese Botschaft seit geraumer Zeit: Nein.<< Castor schwieg.
>>Habe ich mich klar genug ausgedrückt?<<
>>Ja, Professor.<<
>>Ausgezeichnet.<< Snape ließ einen Moment verstreichen. Dann fügte er beinahe beiläufig hinzu: >>Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin.<<
Castors Kopf schnellte hoch. >>Was?!<<
Ich musste mich beherrschen. Professor Snape hob eine Augenbraue. >>Möchten Sie über dreißig verhandeln?<<
>>Nein, Professor.<<
>>Das dachte ich mir.<<
Castor warf mir einen finsteren Blick zu. Snape bemerkte es natürlich. >>Mr. Thornbloom.<< Castor hielt inne. >>Sollte ich feststellen, dass Sie Miss Stonefield erneut gegen ihren ausdrücklichen Willen bedrängen...<< Eine kurze Pause. >>...werden Hauspunkte Ihr geringstes Problem sein.<<
Castor schluckte. >>Verstanden.<< Dann drehte er sich um und verschwand.
Ich sah ihm nach. Erst als seine Schritte verklungen waren, senkte ich endgültig meinen Zauberstab. >>Danke.<<
Professor Snape sah mich an. >>Bedanken Sie sich nicht.<<
>>Sie haben trotzdem eingegriffen.<<
>>Das gehört zu meinen Pflichten.<<
Natürlich. Was sonst. Sein Blick wanderte kurz über mein Gesicht. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber seine Miene verlor einen winzigen Teil ihrer Härte. >>Hat er Sie angefasst?<<
Die Frage überraschte mich. >>Nein.<<
Snape nickte kaum merklich. >>Gut.<<
Stille. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an Ruby. An ihren Kommentar vor der Großen Halle. An seinen Blick. Unsinn. Vollkommener Unsinn.
>>Sie sollten zurück zum Ball gehen.<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Ich glaube, für heute reicht es.<<
Sein Blick blieb noch einen Moment auf mir. >>Dann gehen Sie in Ihren Schlafsaal.<<
>>Das hatte ich vor.<< Ich wollte an ihm vorbeigehen. Als ich auf seiner Höhe war, hielt ich kurz inne. >>Professor?<<
>>Miss Stonefield.<<
>>Trotzdem danke.<<
Für einen Moment sagte er nichts. Dann neigte er kaum merklich den Kopf. >>Gute Nacht.<<
Ich ging weiter. Erst mehrere Schritte später bemerkte ich, dass meine Gedanken nicht mehr bei Anthony lagen. Auch nicht bei Castor. Sondern bei der Frage, weshalb Professor Snape so wütend gewirkt hatte. Und warum mir ausgerechnet diese Tatsache ein merkwürdig warmes Gefühl im Bauch bereitete.
Ich verdrängte es sofort. Liebe war keine Option. Das hatte ich mir heute Abend schließlich gerade erst wieder bewiesen.
***
Als ich die Tür zum Gemeinschaftsraum der Slytherin hinter mir schloss, hatte ich das Gefühl, einen ganzen Tag statt nur einen Abend hinter mir zu haben. Die ausgelassene Musik des Weihnachtsballs war längst verklungen. Stattdessen herrschte in den Kerkern jene wohltuende Stille, die ich schon immer mochte. Ich stieg langsam die letzten Stufen zu unserem Schlafsaal hinauf.
Daphne und Pansy waren selbstverständlich noch immer unten. Beide würden den Ball vermutlich bis zur letzten Minute auskosten und anschließend noch stundenlang darüber diskutieren, welcher Junge am besten getanzt hatte oder wer das schönste Kleid getragen hatte. Ich hingegen sehnte mich nur noch nach meinem Bett.
Als ich die Tür öffnete, erwartete mich allerdings ein Anblick, der sämtliche Anspannung des Abends augenblicklich etwas abschwächte. >>Na wunderbar...<<
Ein warmes Lächeln huschte über mein Gesicht. Alle fünf Bowtruckles hatten es sich auf meinem Bett gemütlich gemacht. Zwei schliefen zusammengerollt auf meinem Kopfkissen. Ein weiterer hing halb über der Bettkante und schnarchte so leise vor sich hin, dass ich unwillkürlich schmunzeln musste. Die beiden Kleinsten waren offenbar beim Warten auf mich eingeschlafen und hielten sich noch immer gegenseitig an den winzigen Händen fest. >>Ihr seid vielleicht eine Bande...<<
Ich zog vorsichtig meine Schuhe aus und setzte mich neben sie. Keiner der kleinen Baumhüter wachte auf. Behutsam strich ich einem der Bowtruckles über den schmalen Rücken. >>Keine Sorge.<< Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. >>Ich bin wieder da.<<
Als hätte er mich verstanden, murmelte der Kleine verschlafen irgendetwas Unverständliches und kuschelte sich noch enger in die Bettdecke. Mein Herz wurde warm. >>Ihr seid wirklich meine kleine Familie.<<
Ich lehnte mich gegen das Kopfteil des Bettes und betrachtete die fünf friedlich schlafenden Geschöpfe. Wie beneidenswert. Sie machten sich keine Gedanken über Morgen. Keine Sorgen über die Zukunft. Sie lebten einfach. Vielleicht war genau das ihr größter Zauber. >>Der Abend war... anstrengend.<<
Einer der Bowtruckles blinzelte verschlafen und öffnete langsam die schwarzen Knopfaugen. Er setzte sich auf, rieb sich mit beiden Ärmchen das Gesicht und kletterte ohne zu zögern auf meinen Schoß. >>Ja...<< Ich kraulte vorsichtig seinen schmalen Kopf. >>Eigentlich fing alles ganz schön an.<< Er legte den Kopf schief. >>Anthony war wirklich aufmerksam.<< Ich lächelte traurig. >>Gerade deshalb tut es mir leid.<<
Ich dachte an sein Gesicht zurück. An den kurzen Moment, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich ihn zwar sehr schätzte, aber eben nur als Freund. Es war unmöglich gewesen, den Schmerz in seinen Augen zu übersehen. >>Er hat etwas Besseres verdient.<< Der kleine Bowtruckle legte vorsichtig seine winzige Hand auf meinen Finger. >>Jemanden...<< Ich schluckte. >>...der seine Gefühle auch erwidern kann.<< Mein Blick verlor sich im Kerzenschein. >>Nicht jemanden wie mich.<<
Stille. Nur das leise Atmen der anderen Bowtruckles erfüllte den Schlafsaal. >>Und dann war da noch Castor.<< Allein sein Name genügte, damit ich die Stirn verzog. >>Manchmal frage ich mich wirklich, ob er das Wort Nein überhaupt kennt.<<
Der kleine Bowtruckle verschränkte empört seine dünnen Ärmchen. Ich musste trotz allem lachen. >>Ja. Ich weiß. Mich nervt er genauso.<<
Ich dachte an den Moment zurück, als Castor mir den Weg versperrt hatte. An seine Selbstverständlichkeit. Als müsse jede Hexe seinem Charme erliegen. Unwillkürlich erinnerte ich mich daran, wie plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihm erklungen war. Mr. Thornbloom.
Ich wusste nicht, weshalb gerade dieser Augenblick mir nun wieder in den Sinn kam. Vielleicht, weil Professor Snape keine Sekunde gezögert hatte. Er hatte weder laut werden noch drohen müssen. Allein seine ruhige Stimme hatte genügt.
>>Er war heute merkwürdig.<< Der Bowtruckle auf meinem Schoß sah mich neugierig an. >>Professor Snape, meine ich.<< Ich lächelte nachdenklich. >>Er hat kein einziges Kompliment gesagt.<< Das war auch nicht seine Art. >>Aber...<< Ich runzelte leicht die Stirn. >>...er hat mich angesehen.<<
Ich hörte Ruby beinahe wieder lachen. 'Professor Fledermaus hat gerade ungefähr fünf Sekunden länger hingesehen als sonst.'
Ich schnaubte leise. >>Unsinn.<< Der Bowtruckle hob fragend den Kopf. >>Ruby bildet sich da etwas ein.<<
Tat sie das wirklich? Ich erinnerte mich an diesen einen Moment vor der Großen Halle. An den Blick des Professors. Er war tatsächlich etwas länger gewesen. Aber weshalb? Vielleicht hatte er nur prüfen wollen, ob ich mich vollständig von dem Giftanschlag erholt hatte. Das wäre immerhin nachvollziehbar. Er hatte mir schließlich das Leben gerettet. Mehr steckte bestimmt nicht dahinter.
>>Professor Snape ist eben Professor Snape.<< Ich zuckte mit den Schultern. >>Außerdem...<< Mein Lächeln verschwand langsam. >>...spielt das ohnehin keine Rolle.<<
Der kleine Bowtruckle blickte mich aufmerksam an. Ich senkte den Blick auf meine Hände. >>Selbst wenn Ruby recht hätte...<< Schon beim Aussprechen erschien mir der Gedanke absurd. >>...selbst dann dürfte ich niemals anfangen, davon zu träumen.<< Meine Stimme wurde leiser. >>Ich habe keine Zukunft.<< Die Worte taten jedes Mal aufs Neue weh. >>Sobald Harry meinen Bruder vernichtet...<< Ich schloss kurz die Augen. >>...sterbe ich ebenfalls.<<
Der Fluch. Mein eigener Fluch. Vor über fünfzig Jahren hatte ich ihn gemeinsam mit Ruby erschaffen. Damals war er meine einzige Hoffnung gewesen. Heute war er zugleich mein Todesurteil.
>>Es wäre grausam.<< Ich strich gedankenverloren über den Rücken des kleinen Bowtruckles. >>Jemanden an mich zu binden...<< Ein bitteres Lächeln legte sich auf meine Lippen. >>...wenn ich doch längst weiß, dass ich ihn irgendwann zurücklassen muss.<<
Der Bowtruckle drückte sich wortlos an meine Hand. Ich ließ ihn gewähren. >>Deshalb bleibt Professor Snape genau das, was er ist.<< Ich atmete langsam aus. >>Mein Lehrer.<<
Ein außergewöhnlich begabter Zaubertränkemeister. Ein verschlossener Mensch. Jemand, den ich inzwischen respektierte. Vielleicht sogar bewunderte. Aber mehr durfte daraus niemals werden. Nicht in diesem Leben.
Ich zog die Decke vorsichtig über die schlafenden Bowtruckles, damit keiner der kleinen Baumhüter fror, zog mich schnell um und legte mich schließlich selbst daneben. Der Kleinste kroch sofort auf mein Kopfkissen, kuschelte sich an mein Haar und schlief augenblicklich wieder ein.
Ein leises Lächeln huschte über mein Gesicht. >>Gute Nacht...<<, flüsterte ich. >>...meine kleinen Wächter.<<
Während draußen der Weihnachtsball langsam seinem Ende entgegenging, kehrte in meinem Herzen zumindest für diesen einen Moment jene Ruhe ein, die ich zwischen all den Wirren meines Lebens so selten fand.
***
Severus PoV
Als Severus endlich die Tür zu seinen privaten Räumen hinter sich schloss, war die Stille beinahe wohltuend. Keine Musik. Kein Gelächter. Keine tanzenden Schüler. Keine Champagnergläser, schwebenden Eiskristalle oder viel zu aufwendig herausgeputzten Jugendlichen, die offenbar glaubten, der Weihnachtsball sei eine einmalige Gelegenheit, sämtliche Regeln Hogwarts zu vergessen. Und vor allem kein Castor Thornbloom. Allein der Gedanke an seinen Schüler genügte, damit Severus das Gesicht verzog.
Mit einer knappen Bewegung löste er den Verschluss seines Festumhangs und legte ihn über die Lehne eines Sessels. Anschließend trat er zum kleinen Tisch neben dem Kamin und schenkte sich einen Schluck Feuerwhisky ein. Ein Abend. Es war lediglich ein Weihnachtsball gewesen. Und dennoch fühlte er sich, als hätte er drei Wochen ununterbrochen Unterricht bei Erstklässlern gehalten.
Severus nahm einen Schluck und ließ sich schließlich in den Sessel sinken. Das Feuer knackte leise. Endlich Ruhe. Zumindest äußerlich. Sein Verstand zeigte jedoch keinerlei Absicht, sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben.
Zuerst tauchte Karkaroff wieder vor seinem inneren Auge auf. Das blasse Gesicht. Die fahrigen Bewegungen. Die Angst. Er kommt zurück.
Severus' Finger schlossen sich etwas fester um das Glas. Igor hatte recht. Natürlich hatte er recht. Das Dunkle Mal wurde stärker. Severus hatte es selbst bemerkt. Dieses dumpfe Brennen unter der Haut, das sich seit Wochen immer deutlicher bemerkbar machte. Ein beinahe vergessenes Gefühl. Beinahe. Einige Dinge vergaß man niemals. Ganz gleich, wie viele Jahre vergangen waren.
Severus stellte das Glas ab. Karkaroffs Versuch, seinen Unterarm freizulegen, hatte ihn mehr angespannt, als er sich hatte anmerken lassen. Nicht, weil Igor dort etwas entdeckt hätte, das er nicht bereits kannte. Sondern weil allein der Anblick des Mals genügt hätte, um Severus daran zu erinnern, was ihn womöglich bald erwartete. Die Rückkehr. Die alte Rolle. Die Maske. Der Gang zurück zu einem Mann, dessen Anhänger er einst selbst gewesen war.
Dumbledore hatte ihn darauf vorbereitet. Seit Jahren. Severus hatte gewusst, dass dieser Tag kommen konnte. Doch Wissen und Realität waren zwei verschiedene Dinge. Wenn der Dunkle Lord zurückkehrte, würde Severus ebenfalls zurückkehren müssen. Zu ihm. Als Spion. Als Todesser. Als Verräter für die eine Seite und Verbündeter für die andere. Ein falscher Schritt würde seinen Tod bedeuten. Oder schlimmer.
Er zog langsam den linken Ärmel zurück. Das Dunkle Mal zeichnete sich deutlich auf seiner Haut ab. Dunkler als noch vor einigen Monaten. Severus betrachtete es schweigend. Karkaroff hatte Angst. Und genau diese Angst machte ihn gefährlich. Feiglinge waren unberechenbar. Wenn Igor glaubte, fliehen zu müssen, würde er fliehen. Wenn er glaubte, jemanden opfern zu müssen, um sich selbst zu retten, würde er auch das tun.
Severus ließ den Ärmel wieder hinuntergleiten. Er würde Dumbledore informieren müssen. Nicht heute. Morgen. Für diesen Abend hatte er genug. Er griff erneut nach seinem Glas. Und genau in diesem Moment tauchte ein zweites Bild in seinem Kopf auf. Lucinda Stonefield.
Severus schloss kurz die Augen. Natürlich. Warum sollte sein Verstand ihm auch nur fünf Minuten Frieden gönnen? Er sah sie wieder in diesem abgelegenen Korridor stehen. Den Zauberstab in der Hand. Castor Thornbloom vor ihr. Zu nah. Viel zu nah.
Severus' Kiefer spannte sich an. Er hatte nicht das gesamte Gespräch gehört. Das war auch nicht nötig gewesen. Die Körpersprache hatte gereicht. Lucinda hatte Abstand gesucht. Thornbloom hatte ihn verringert. Sie hatte ihn zurückgewiesen. Er hatte weitergemacht. Und schließlich hatte sie ihren Zauberstab gezogen. Damit war die Lage eindeutig gewesen.
Severus spürte erneut diesen kurzen Anflug von Zorn. Nicht außergewöhnlich. Nicht persönlich. Jeder Hauslehrer hätte eingegriffen. Das redete er sich zumindest ein. Und es stimmte schließlich. Er hatte eine Verantwortung für seine Schüler. Auch für Thornbloom. Vielleicht sogar besonders für Thornbloom, wenn dieser weiterhin glaubte, ein Nein sei lediglich der Anfang einer Verhandlung.
Severus lehnte sich zurück. Das Problem war nur...er hatte sich nicht bloß verantwortlich gefühlt. Für einen kurzen Moment hätte er Thornbloom am liebsten eigenhändig aus dem Korridor befördert. Dieser Gedanke war weniger professionell. Severus nahm einen größeren Schluck. >>Idiot.<<
Ob er damit Castor oder sich selbst meinte, ließ sich nicht eindeutig feststellen.
Die vergangenen Wochen hatten seine Aufmerksamkeit viel zu häufig auf Lucinda gelenkt. Zuerst ihre ungewöhnliche Begabung in Zaubertränke. Dann ihre merkwürdige Art, Fragen auszuweichen. Ihre Beobachtungen. Ihre Verschlossenheit. Ihre fast unheimliche Selbstbeherrschung. Und gleichzeitig jene vollkommen gegensätzliche Seite, die immer dann zum Vorschein kam, wenn magische Geschöpfe in ihrer Nähe waren. Die Bowtruckles.
Severus erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie den verletzten kleinen Baumhüter in seinen Kerker gebracht hatte. Keine Forderung. Kein Drama. Nur ehrliche Sorge. Sie hatte dieses winzige Geschöpf gehalten, als wäre sein Leben genauso bedeutend wie das eines Menschen. Und als der Heiltrank gewirkt hatte...dieses Lächeln. Warm. Ungekünstelt.
Severus hatte bereits damals feststellen müssen, dass Lucinda Stonefield wesentlich komplizierter war, als sie nach außen erschien. Heute Abend war ein weiteres Puzzlestück hinzugekommen. Sie konnte tanzen. Sehr gut sogar.
Er hatte beobachtet, wie sie gemeinsam mit Goldstein über die Tanzfläche geglitten war. Wie Chadwick und Daniel dazugekommen waren. Wie aus zwei Paaren plötzlich eine erstaunlich saubere kleine Formation entstanden war. Und wie Lucinda gelacht hatte. Nicht dieses kontrollierte höfliche Lächeln. Wirklich gelacht.
Severus stellte sein Glas ab. Warum beschäftigte ihn das überhaupt? Er hatte hunderte Schüler lachen sehen. Meistens zu laut. Meistens aus Gründen, die keinerlei Humor verdienten. Doch bei Lucinda war es anders gewesen. Vielleicht weil sie sonst so selten unbeschwert wirkte. Selbst wenn sie lächelte, lag oft etwas Schweres dahinter. Als würde sie ständig etwas mit sich herumtragen, das niemand sehen durfte.
Severus kannte dieses Gefühl besser, als ihm lieb war. Dann war da Goldstein. Severus verzog leicht das Gesicht. Anthony Goldstein hatte sich immerhin korrekt verhalten. Kein übertriebenes Gehabe. Keine öffentliche Zurschaustellung. Kein Versuch, Lucinda wie eine Trophäe vorzuführen.
Anders als Thornbloom. Vielleicht war genau deshalb nichts daran auszusetzen gewesen, dass Lucinda mit ihm getanzt hatte. Severus bemerkte, dass er überhaupt darüber nachdachte. Sein Gesicht verdüsterte sich.
Absurder Unsinn. Er war ihr Professor. Ihr Hauslehrer. Was Lucinda Stonefield außerhalb des Unterrichts tat, solange sie keine Regeln verletzte, ging ihn nichts an. Punkt. Diese Feststellung hätte beruhigend wirken sollen. Tat sie nicht.
Stattdessen tauchte erneut die Szene aus dem Korridor auf. Lucinda, nachdem Thornbloom verschwunden war. Ihr leises: Danke.
Und seine eigene Frage. Hat er Sie angefasst?
Severus schloss die Augen. Warum hatte er das gefragt? Weil es relevant gewesen war. Natürlich. Wenn Thornbloom eine Mitschülerin körperlich bedrängt hätte, wären weitere Konsequenzen notwendig gewesen. Eine vollkommen rationale Frage. Nichts weiter. Und doch erinnerte er sich noch genau an die Erleichterung, als Lucinda den Kopf geschüttelt hatte.
Nein. Er hatte sie nicht angefasst. Gut. Severus fuhr sich mit zwei Fingern über die Nasenwurzel. Vielleicht war er einfach müde. Das war die logischste Erklärung. Müdigkeit. Karkaroff. Das Dunkle Mal. Der Ball. Thornbloom. Zu viele Eindrücke an einem einzigen Abend.
Sein Blick wanderte zum Kamin. Das Feuer war inzwischen kleiner geworden. Die Flammen warfen lange Schatten über die steinernen Wände. Severus dachte an Lucindas Gesicht vor der Großen Halle. Das dunkelgrüne Kleid. Die hochgesteckten Haare. Den kurzen Moment, in dem ihre Blicke sich getroffen hatten.
Er hatte zu lange hingesehen. Das wusste er. Und sie hatte es bemerkt. Wahrscheinlich hatte sie sich lediglich gefragt, warum ihr Hauslehrer sie anstarrte. Vielleicht hatte Chadwick ebenfalls etwas bemerkt. Bei dem Gedanken wurde Severus unwillkürlich misstrauisch.
Ruby Chadwick beobachtete mehr, als gut für irgendeinen Menschen war. Auch sie war ein Rätsel. Beide waren es. Und Severus mochte Rätsel nur dann, wenn er sie lösen konnte. Bei Lucinda jedoch stellte er zunehmend fest, dass er nicht nur Antworten wollte. Er wollte verstehen.
Warum sie so wirkte, als hätte sie bereits mehr verloren als manche Erwachsene. Warum sie sich so hingebungsvoll um Wesen kümmerte, die andere kaum wahrnahmen. Warum sie hervorragend in Zaubertränke war. Warum sie manchmal Dinge sagte, die viel zu abgeklärt für ihr Alter klangen. Und warum ihn die Vorstellung, Thornbloom könnte ihr etwas antun, derart wütend machte.
Severus griff nach seinem Glas. Leer. >>Hervorragend.<<
Er stellte es etwas härter auf den Tisch als notwendig. Dann erhob er sich. Es war spät. Er brauchte Schlaf. Morgen würde er wieder Professor Snape sein. Der gefürchtete Meister der Zaubertränke. Hauslehrer von Slytherin. Dumbledores Spion. Ein Mann, der wesentlich größere Probleme hatte als eine ungewöhnliche Schülerin mit einer Vorliebe für Bowtruckles und einer bemerkenswerten Fähigkeit, seinen Verstand zu beschäftigen.
Severus löschte die letzten Kerzen. Doch bevor er das Schlafzimmer betrat, blieb er noch einmal stehen. Sein Blick fiel auf seinen linken Arm. Karkaroff. Der Dunkle Lord. Dann dachte er an Lucinda. Thornbloom. Den Giftanschlag.
Unwillkürlich beschlich ihn ein unangenehmer Gedanke. Wenn die dunklen Zeichen tatsächlich stärker wurden, war der Giftanschlag vielleicht kein isolierter Vorfall gewesen. Severus' Gesicht wurde ernst. Vielleicht hatte jemand Lucinda nicht zufällig vergiften wollen. Vielleicht steckte mehr dahinter. Und wenn dem so war, würde er herausfinden, wer.
Nicht, weil Lucinda Stonefield ihn beschäftigte. Nicht, weil er begann, sich Sorgen um sie zu machen. Sondern weil sie eine Schülerin seines Hauses war. Severus hielt an diesem Gedanken fest. Sehr bewusst. Denn alles andere wäre wesentlich komplizierter gewesen.
***
Ruby PoV
Als ich den Ravenclaw-Turm erreichte, war der Gemeinschaftsraum beinahe leer.
Das Feuer im Kamin brannte nur noch schwach. Einige vergessene Pergamente lagen auf einem der Tische, und aus den Schlafsälen drang gedämpftes Stimmengewirr. Ich wollte gerade zur Treppe gehen, als ich jemanden am Fenster bemerkte. Anthony. Er saß allein in einem der Sessel und starrte hinaus in die Dunkelheit.
Ich blieb stehen. Oh. Natürlich. Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihn lieber in Ruhe lassen sollte. Dann drehte er den Kopf. >>Hey.<<
>>Hey.<< Ich ging zu ihm. >>Daniel schon im Bett?<<
>>Seit einer halben Stunde.<<
>>Vernünftiger Mann.<<
Anthony lächelte schwach. Ich setzte mich ihm gegenüber. Einige Sekunden sagte keiner von uns etwas. >>Sie hat es dir gesagt<<, stellte ich schließlich fest.
Anthony sah wieder zum Fenster. >>So offensichtlich?<<
>>Ich kenne Lucinda. Und ich kenne dich.<<
>>Dann weißt du vermutlich auch, was sie gesagt hat.<<
Ich nickte. >>Dass sie dich sehr gern hat. Aber nicht auf diese Weise.<<
Er lachte leise auf. >>Ungefähr.<<
>>Anthony...<<
>>Schon gut.<< Er fuhr sich durch die Haare. >>Nein. Eigentlich nicht. Aber es wird schon.<<
Das gefiel mir wesentlich besser als irgendein tapferes Es macht mir nichts aus . Natürlich machte es ihm etwas aus. >>Es liegt nicht an dir<<, sagte ich.
Anthony sah mich an. >>Das sagt man immer, wenn es sehr wohl an einem liegt.<<
>>Diesmal nicht.<< Ich meinte es ernst. >>Lucinda hält wirklich viel von dir.<<
>>Nur eben nicht genug.<<
>>Falsch.<< Er runzelte die Stirn. >>Sie hält vielleicht sogar mehr von dir, als du glaubst. Aber Liebe funktioniert nicht wie eine Prüfung. Du kannst nicht genügend richtige Antworten geben und bekommst am Ende die entsprechende Punktzahl.<<
>>Das war erstaunlich philosophisch.<<
>>Genieß es. Passiert nicht oft.<<
Ein richtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Immerhin. Ich zog die Beine etwas näher an den Sessel. >>Lucinda ist kompliziert.<<
>>Das ist mir aufgefallen.<<
>>Mehr, als du weißt.<<
Anthony musterte mich. Sofort wusste ich, dass ich vorsichtig sein musste. >>Was soll das heißen?<<
>>Nur, dass sie Gründe hat, warum sie Menschen nicht besonders leicht an sich heranlässt.<<
>>Hat sie dir gesagt, welche?<<
Ich hielt seinem Blick stand. >>Das musst du sie selbst fragen.<<
Er nickte langsam. Keine weitere Frage. Dafür mochte ich Anthony. >>Ich werde sie nicht bedrängen<<, sagte er.
>>Ich weiß.<<
>>Und ich will auch nicht, dass es jetzt merkwürdig zwischen uns wird.<<
>>Dann lass es nicht merkwürdig werden.<<
>>So einfach?<<
>>Nein.<< Ich lächelte. >>Aber ein Anfang.<<
Anthony betrachtete das Feuer. >>Ich dachte wirklich, vielleicht hätte ich eine Chance.<<
Mein Herz zog sich ein wenig zusammen. >>Das glaube ich dir.<<‘
>>Hat sie eigentlich jemanden?<<
Ich erstarrte. Nur für einen winzigen Moment. Schwarze Roben. Ein finsteres Gesicht. Ein Blick, der beim Weihnachtsball ein wenig zu häufig zu Lucinda gewandert war. Dann ein dunkler Korridor. Karkaroff. Ein hochgeschobener Ärmel. Er kommt zurück.
Meine anfängliche Belustigung war augenblicklich verschwunden. >>Nein<<, sagte ich. Das war schließlich die Wahrheit.
Anthony bemerkte mein Zögern offenbar nicht. >>Dann habe ich wenigstens nicht gegen jemanden verloren.<<
>>Du hast überhaupt nicht verloren.<<
>>Das klingt verdächtig nach etwas, das meine Mutter sagen würde.<<
>>Deine Mutter scheint eine kluge Frau zu sein.<<
Er lachte. Diesmal richtig. Gut. Ich stand auf. >>Geh schlafen.<<
>>Du klingst jetzt wirklich wie meine Mutter.<<
>>Und du wirst zunehmend undankbar.<<
Anthony erhob sich ebenfalls. >>Danke, Ruby.<<
Ich lächelte. >>Gern.<<
Er ging zur Treppe der Jungenschlafsäle. Auf halbem Weg blieb er stehen. >>Ruby?<<
>>Hm?<<
>>Pass ein bisschen auf sie auf.<<
Mein Lächeln wurde weicher. >>Immer.<<
Anthony nickte. Dann verschwand er.
Später lag ich in meinem Bett und starrte an die Decke. Schlafen wäre vernünftig gewesen. Mein Gehirn war anderer Meinung. Immer wieder kehrte derselbe Augenblick zurück. Karkaroff. Snape. Der hochgeschobene Ärmel.
Ich hatte nicht erkennen können, was sich darunter befand. Aber Snape hatte es gewusst. Sofort. Du weißt genau, was das bedeutet. Er kommt zurück.
Ich drehte mich auf die Seite. Wer? Das war die entscheidende Frage. Wer kam zurück? Und weshalb hatte Karkaroff solche Angst davor?
Noch beunruhigender war Professor Snape gewesen. Er hatte nicht überrascht gewirkt. Nicht verwirrt. Er hatte gewusst, wovon Karkaroff sprach.
Ich zog meine Decke höher. Vielleicht gab es eine vollkommen harmlose Erklärung. Ich verzog das Gesicht. Nein. Nicht einmal ich glaubte das.
Die Frage war vielmehr, ob ich Lucinda davon erzählen sollte. Eigentlich hätte die Antwort einfach sein müssen. Natürlich. Wir erzählten einander alles. Nahezu alles.
Aber Lucinda vertraute Professor Snape. Mehr, als sie vermutlich selbst bemerkte. Und bis gestern hatte ich sie noch damit aufgezogen, dass ausgerechnet dieser Mann ungewöhnlich viel Interesse an ihr zeigte. Jetzt wusste ich nicht einmal mehr, wie ich ihn einschätzen sollte.
Dumbledore vertraute ihm. Das durfte ich nicht vergessen. Professor Snape arbeitete seit Jahren in Hogwarts. Er war Hauslehrer von Slytherin. Dumbledores Vertrauter. Und trotzdem—
Karkaroff hatte Angst. Snape nicht. Warum?
Ich schloss die Augen. Vielleicht sollte ich zunächst mehr herausfinden. Nur ein wenig. Bevor ich Lucinda mit einer Beobachtung beunruhigte, die womöglich überhaupt nichts bedeutete. Das klang vernünftig.
Leider hatte ich inzwischen ausreichend Erfahrung damit, dass Sätze wie Das klingt vernünftig häufig der Beginn ausgesprochen unvernünftiger Entscheidungen waren. Ich seufzte. >>Großartig.<<
Ein leises Klopfen ließ mich zusammenfahren. Meine Augen öffneten sich. Wieder. Klopf. Diesmal am Fenster. Ich richtete mich auf. Draußen saß eine Eule.
>>Um diese Uhrzeit?<<
Ich schlug die Decke zurück und ging zum Fenster. Kaum hatte ich es geöffnet, flatterte die Eule herein und ließ ein kleines Päckchen auf mein Bett fallen. Ich runzelte die Stirn. An der Schnur hing ein zusammengerolltes Stück Pergament. Mein Name stand darauf. Ich kannte die Handschrift. Sofort.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung. >>Sirius.<<
Ich setzte mich aufs Bett. Die Eule ließ sich auf meinem Bettpfosten nieder, während ich das Pergament öffnete. Die Nachricht war kurz. Typisch Sirius.
Kleine Krähe,
ich bezweifle, dass Hogwarts dir ausreichend vernünftige Weihnachtsgeschenke zur Verfügung stellt. Also muss wohl jemand nachhelfen.
Frohe Weihnachten.
Und versuch wenigstens für einen Abend, dich aus Schwierigkeiten herauszuhalten.
Sirius
Ich starrte auf die letzte Zeile. Dann lachte ich leise. >>Ausgerechnet du.<< Die Eule blinzelte. >>Er besitzt wirklich überhaupt kein Schamgefühl, oder?<<
Keine Antwort. Ich nahm das kleine Päckchen. Unter dem Papier kam eine schmale Schachtel zum Vorschein. Darin lag eine silberne Feder. Keine echte. Ein kleiner Anhänger. Fein gearbeitet, kaum länger als mein kleiner Finger. Die einzelnen Federäste waren so filigran eingraviert, dass sie im Licht beinahe echt wirkten. Eine Rabenfeder.
Ich strich mit dem Daumen darüber. Mein Lächeln verschwand nicht. Kleine Krähe. Natürlich. Sirius konnte unmöglich einfach ein Geschenk schicken. Es musste eine Anspielung sein.
Ich befestigte den Anhänger an der feinen Kette, die ebenfalls in der Schachtel lag, und hielt sie einen Moment hoch. >>Angeber.<< Aber meine Stimme klang viel zu weich, um die Beleidigung überzeugend wirken zu lassen.
Ich legte die Kette auf meinen Nachttisch. Daneben lag noch immer Sirius' Nachricht. Snape und Karkaroff waren nicht vergessen. Ganz im Gegenteil.
Morgen würde ich darüber nachdenken. Vielleicht würde ich beobachten. Vielleicht würde ich Lucinda davon erzählen. Vielleicht würde ich zunächst Dumbledore im Auge behalten. Aber nicht mehr heute.
Ich kroch zurück unter meine Decke und nahm Sirius' Nachricht noch einmal in die Hand. Versuch wenigstens für einen Abend, dich aus Schwierigkeiten herauszuhalten.
Ich schnaubte. >>Das sagt der Richtige.<<
Zum ersten Mal seit ich den dunklen Korridor verlassen hatte, fühlte sich das Gewicht auf meiner Brust ein wenig leichter an. Ich legte das Pergament neben die silberne Rabenfeder. Dann löschte ich das Licht.
Und während Hogwarts um mich herum langsam still wurde, dachte ich für einen kurzen Moment weder an Severus Snape noch an Igor Karkaroff oder an geheimnisvolle Zeichen unter hochgeschobenen Ärmeln. Sondern an einen Mann, der irgendwo außerhalb dieser Mauern saß und offenbar noch immer ganz genau wusste, wie er mich zum Lächeln brachte.