LNCrawler

Rita Kimmkorns Meisterwerk

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Rita Kimmkorns Meisterwerk

Hallo, meine Lieben :) So, die Woche ist geschafft und das erholsame Wochenende erwartet uns. Auch heute geht es turbulent zu, denn der Weihnachtsball bleibt nicht ohne Folgen ;) Zumindest, wenn eine exzentrische Journalistin ihr Unwesen treibt. Viel Spaß beim Weiterlesen und ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 32 Rita Kimmkorns Meisterwerk

Lucinda PoV

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, wusste ich bereits, dass der Tag nichts Gutes bringen würde. Dafür gab es keine rationale Erklärung. Kein bedrohliches Geräusch. Keine dunkle Vorahnung. Keinen Schmerz, der durch den Fluch jagte. Nur dieses unangenehme Gefühl in meiner Magengrube, das mir mit bemerkenswerter Beharrlichkeit mitteilte, dass ich die Augen am besten wieder schließen und den gesamten Tag ignorieren sollte.

Ich tat es tatsächlich. Für ungefähr zehn Sekunden. Dann seufzte ich und starrte zur Decke des Schlafsaals. Der Weihnachtsball war vorbei. Endlich.

Eigentlich hätte mich dieser Gedanke erleichtern sollen. Stattdessen dachte ich an Anthony. An seinen Blick. An seine Worte. Und an den Moment, in dem ich ihm hatte sagen müssen, dass ich seine Gefühle nicht erwiderte.

Ich zog die Decke höher. Großartig. Das schlechte Gewissen war also auch noch da. Natürlich wusste ich, dass ich nichts falsch gemacht hatte. Ich konnte mich nicht dazu zwingen, jemanden zu lieben. Anthony eine Hoffnung zu machen, die es nicht gab, wäre wesentlich grausamer gewesen. Das machte es nicht angenehmer. Er hatte mir vertraut. Er hatte sich mir gegenüber geöffnet.

Und ich hatte den Schmerz in seinen Augen gesehen, obwohl er versucht hatte, ihn zu verbergen.

Ich schloss die Augen. Genau deshalb wollte ich das alles nicht. Gefühle machten alles komplizierter. Liebe machte Menschen verletzlich. Und mein Leben besaß bereits mehr als genug Möglichkeiten, andere Menschen zu verletzen. Tom. Der Fluch. Meine Vergangenheit. Meine Zukunft, die möglicherweise gar nicht existierte.

Nein. Je länger ich darüber nachdachte, desto überzeugter war ich davon, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. In meinem Leben war kein Platz für Liebe. Nicht für Anthony. Nicht für irgendjemanden.

Ich würde mich auf das konzentrieren, weshalb ich nach Hogwarts zurückgekehrt war. Harry beschützen. Herausfinden, wer seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte. Meinen Bruder aufhalten. Das war kompliziert genug.

Leider gab es noch ein weiteres Problem. Castor Thornbloom. Ich stöhnte und drückte mein Gesicht ins Kissen. Als wäre Anthony nicht schon genug gewesen.

Castor hatte gestern Abend erneut bewiesen, dass das Wort Nein in seinem persönlichen Wortschatz offenbar nur eine unverbindliche Empfehlung darstellte. Und Professor Snape—

Ich hob den Kopf. Nein. Darüber würde ich nicht nachdenken. Überhaupt nicht.

Ruby hatte mir mit ihren merkwürdigen Theorien bereits genug Unsinn in den Kopf gesetzt. Professor Snape hatte eingegriffen, weil Castor mich bedrängt hatte. Das war alles. Er war Lehrer. Mein Hauslehrer.

Castors Verhalten war unangemessen gewesen. Vollkommen nachvollziehbar. Vollkommen professionell. Und falls Professor Snape dabei ein wenig...wütender gewirkt hatte, als unbedingt notwendig gewesen wäre, dann lag das vermutlich daran, dass Castor Thornbloom bereits seit Monaten mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit seine Geduld zerstörte. Eine ausgezeichnete Erklärung.

Ich beschloss, sie nicht weiter zu hinterfragen. Stattdessen stand ich auf.

Eine halbe Stunde später betrat ich die Große Halle. Ruby saß bereits am Ravenclaw-Tisch. Unsere Blicke trafen sich. Sie hob eine Hand. Ich erwiderte den Gruß und ging zum Slytherin-Tisch. Anthony war ebenfalls da. Er unterhielt sich mit Daniel. Für einen kurzen Moment sah er zu mir.

Ich lächelte vorsichtig. Er erwiderte es. Nicht ganz so unbeschwert wie sonst. Aber er lächelte. Etwas von der Anspannung in meiner Brust verschwand. Vielleicht würde es irgendwann wieder normal zwischen uns werden.

Ich setzte mich neben Daphne. >>Morgen.<<

>>Morgen.<<

Pansy schob mir einen Teller entgegen. >>Du siehst müde aus.<<

>>Danke.<<

>>Das war keine Beleidigung.<<

>>Bei dir weiß man nie.<<

Ich griff nach einem Stück Toast. Vielleicht würde dieser Morgen tatsächlich friedlich verlaufen. In diesem Moment flatterten die Eulen durch die Fenster.

Ich erstarrte. Nein.

Daphne bemerkte meinen Gesichtsausdruck. >>Was ist?<<

>>Nichts.<<

Eine Eule ließ eine Zeitung vor Draco fallen. Eine zweite landete am Gryffindor-Tisch. Eine dritte flog zum Lehrertisch. Mein ungutes Gefühl kehrte zurück.

Pansy folgte meinem Blick. >>Du glaubst doch nicht—<<

>>Doch.<<

>>Aber Rita war gestern gar nicht—<<

Sie verstummte. Wir sahen einander an. Rita Kimmkorn benötigte offenbar keine Einladung. Am anderen Ende des Tisches entfaltete Draco die Zeitung. Seine Augen wurden groß. Dann erschien ein Grinsen auf seinem Gesicht. Oh nein.

>>Stonefield.<<

Ich schloss die Augen. >>Nein.<<

>>Du solltest das sehen.<<

>>Nein.<<

>>Unbedingt.<<

>>Draco.<<

Er schob die Zeitung über den Tisch. Ich wollte sie nicht ansehen. Wirklich nicht. Mein Blick fiel trotzdem auf die Titelseite. Und für mehrere Sekunden vergaß ich zu atmen.

In gewaltigen Lettern stand dort:

DUELL DER HERZEN IN HOGWARTS!

Darunter:

Strenger Professor gegen charmanten Schüler – Kampf um geheimnisvolle Slytherin-Schönheit eskaliert beim Weihnachtsball!

Ich starrte darauf. Dann las ich es noch einmal. Nur um sicherzugehen, dass mein Gehirn mir keinen Streich spielte. Tat es nicht. >>Nein.<<

Pansy beugte sich über meine Schulter. >>Oh.<<

Daphne tat dasselbe. >>Oh nein.<<

>>Das habe ich bereits gesagt.<<

Draco grinste. >>Lies weiter.<<

>>Lieber würde ich den Tagespropheten essen.<<

>>Lucinda.<<

>>Nein.<<

>>Da steht Snape.<<

Ich riss ihm die Zeitung aus der Hand. Draco lachte. Rita hatte tatsächlich ein Foto. Natürlich hatte sie eines. Es zeigte Castor, Professor Snape und mich im Korridor. Castor stand mir gegenüber. Professor Snape befand sich einige Schritte entfernt. Durch den gewählten Ausschnitt wirkte es tatsächlich, als stünden sich die beiden Männer gegenüber. Ich dazwischen.

Perfekt. Rita Kimmkorn gehörte verboten. Ich begann zu lesen. Bereits nach dem ersten Absatz bereute ich es. Offenbar war ich nicht Lucinda Stonefield.

Ich war eine „mysteriöse dunkelhaarige Schönheit aus Slytherin, die seit Monaten die Aufmerksamkeit mehrerer Herren auf sich zieht“ .

>>Mehrerer Herren?<<

Pansy begann zu kichern. >>Anthony. Castor.<< Sie deutete auf die Zeitung. >>Snape.<<

>>Professor Snape zählt nicht!<< Mehrere Schüler sahen zu uns. Ich senkte die Stimme. >>Er zählt nicht.<<

>>Sag das Rita.<<

Ich las weiter. Castors Versuch, mich zu einem Treffen zu drängen, war laut Rita ein:

„leidenschaftlicher letzter Versuch des jungen Herzensbrechers, seine Angebetete für sich zu gewinnen.“

Ich schloss kurz die Augen. Natürlich. Dann kam Professor Snape. Ich ahnte, dass es schlimm werden würde. Ich unterschätzte Rita.

„Doch Thornbloom hatte offenbar nicht mit einem überraschenden Rivalen gerechnet. Professor Severus Snape, Hogwarts' berüchtigt strenger Zaubertränkemeister, trat zwischen den jungen Mann und die geheimnisvolle Slytherin und machte unmissverständlich deutlich, dass Thornblooms Aufmerksamkeit unerwünscht sei.“

Meine Finger verkrampften sich um die Zeitung. >>Er ist nicht zwischen uns getreten.<<

Daphne zuckte mit den Schultern. >>Auf dem Bild sieht es ein bisschen so aus.<<

>>Daphne!<<

>>Ich sage nur, was ich sehe.<<

Draco hatte inzwischen Tränen in den Augen. >>Lies den nächsten Absatz.<<

>>Ich hasse dich.<<

>>Lies.<<

Ich las. Und wünschte mir augenblicklich, Voldemort würde Hogwarts angreifen. Das wäre weniger schlimm gewesen.

„Augenzeugen berichten von einem angespannten Wortgefecht zwischen den beiden Männern. Während Thornbloom nicht bereit schien, kampflos aufzugeben, verteidigte Snape die junge Hexe mit einer Intensität, die Fragen aufwirft. Handelte es sich lediglich um die Fürsorge eines Hauslehrers – oder verbirgt sich hinter der eisigen Fassade des Zaubertränkemeisters ein überraschend leidenschaftliches Herz?“

Ich ließ die Zeitung sinken. Niemand sagte etwas. Pansys Lippen zuckten. Daphne betrachtete ausgesprochen konzentriert ihr Frühstück. Draco gab auf und legte den Kopf auf den Tisch. Seine Schultern bebten.

>>Sagt. Kein. Wort.<< Das machte es schlimmer.

Pansy prustete los. Daphne folgte.

>>Das ist nicht lustig!<<

>>Doch<<, brachte Draco hervor.

>>Überhaupt nicht!<<

>>Ein überraschend leidenschaftliches Herz!<<

Ich wollte sterben. Vielleicht funktionierte der Fluch ja doch nicht zuverlässig und ich könnte mich bei Gelegenheit vom Astronomieturm werfen. Ein Stuhl wurde geräuschvoll zurückgeschoben. Castor stand auf. Natürlich hatte er ebenfalls eine Zeitung. Und natürlich sah er vollkommen anders aus als ich. Nicht entsetzt. Nicht beschämt. Nein. Der Idiot sah zufrieden aus.

>>Ich wusste es.<<

Ich starrte ihn an. >>Was?<<

Castor hielt die Zeitung hoch. >>Snape sieht mich als Rivalen.<<

Stille. Mein Mund öffnete sich. Kein Ton kam heraus. Draco hob langsam den Kopf. >>Bitte was?<<

>>Ist doch offensichtlich.<< Castor deutete auf den Artikel. >>Deshalb hat er gestern so reagiert.<<

>>Oder<<, sagte ich langsam, >>weil du mich nicht in Ruhe gelassen hast.<<

Castor winkte ab. >>Das erklärt nicht diese Aggressivität.<<

>>Du hast Professor Snape kennengelernt, oder?<<

Daphne verschluckte sich an ihrem Saft. Castor strich sich durch sein rotblondes Haar. >>Ich kann ihm keinen Vorwurf machen.<<

Ich starrte ihn fassungslos an. >>Wofür?<<

>>Dass er mich als Konkurrenz betrachtet.<<

>>Castor—<<

>>Vielleicht sollte ich ihm ein paar Tipps geben.<<

Pansy blinzelte. >>Tipps?<<

>>Beim Flirten.<<

Ich ließ meine Stirn auf den Tisch sinken. Nein. Einfach nein.

>>Professor Snape könnte durchaus etwas Unterstützung gebrauchen<<, erklärte Castor großzügig. >>Mit diesem Gesichtsausdruck gewinnt man schließlich keine Frau.<<

Draco wurde kreidebleich. Nicht vor Angst. Weil sein Blick über Castors Schulter wanderte. Pansys Lachen verstummte. Daphne sah plötzlich ausgesprochen interessiert auf ihren Teller. Ich hob langsam den Kopf.

Bitte nicht. Hinter Castor stand Professor Snape. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Das war schlimmer als Wut. Viel schlimmer. >>Mr. Thornbloom.<<

Castor erstarrte. Sehr langsam drehte er sich um. >>Professor.<<

>>Wie überaus großzügig von Ihnen.<< Severus' Stimme war samtweich. Ich kannte diesen Ton.

Castor offenbar inzwischen ebenfalls. >>Sir?<<

>>Dass Sie bereit sind, Ihre offenbar umfassende Expertise auf dem Gebiet zwischenmenschlicher Beziehungen mit mir zu teilen.<<

Am Gryffindor-Tisch wurde es verdächtig ruhig. Am Ravenclaw-Tisch ebenfalls. Eigentlich wurde die gesamte Große Halle ruhig. Dumbledore saß am Lehrertisch. Seine Hand lag vor seinem Mund. McGonagall sah aus, als würde sie sehr bewusst nicht in unsere Richtung schauen.

Castor räusperte sich. >>Das war nicht... also...<<

>>Nein, bitte.<< Snape hob eine Hand. >>Lassen Sie sich durch meine Anwesenheit nicht davon abhalten, Ihre Ausführungen fortzusetzen.<<

Castor sah sich um. Niemand half ihm. >>Ich meinte nur den Artikel.<<

>>Natürlich.<< Snapes Blick fiel auf die Zeitung. >>Ein journalistisches Meisterwerk. Zweifellos eine hervorragende Grundlage für Ihre Schlussfolgerungen.<<

>>Ich glaube nicht wirklich, dass Sie—<<

>>Dass ich Sie als Rivalen betrachte?<< Castor schwieg. Severus trat einen Schritt näher. >>Mr. Thornbloom, sollte jemals der außerordentlich unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ich Ihre Unterstützung bei der Kommunikation mit einer Frau benötige, werde ich mich bemühen, zuvor sämtliche anderen Möglichkeiten auszuschöpfen.<< Ein Prusten erklang irgendwo. Snape ignorierte es. >>Sollten diese scheitern, werde ich anschließend einen Troll konsultieren.<<

Jetzt brach der Gryffindor-Tisch zusammen. Fred Weasley schlug mit der Hand auf die Tischplatte. George hielt sich den Bauch. Castors Gesicht wurde rot. Severus war noch nicht fertig. Natürlich nicht. >>Und sollte selbst der Troll keine brauchbaren Ratschläge besitzen...<< Seine schwarzen Augen glitten über Castor. >>...werde ich möglicherweise auf Sie zurückkommen.<<

Ich presste beide Lippen aufeinander. Nicht lachen. Auf keinen Fall lachen.

>>Verstanden?<<

>>Ja, Professor.<<

>>Ausgezeichnet.<< Snape wandte sich ab. Dann hielt er inne. >>Ach, und Thornbloom?<<

Castor sah auf. >>Ja?<<

>>Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin.<<

Sein Gesicht fiel auseinander. >>Wofür?!<<

Snape drehte langsam den Kopf. >>Dafür, dass Sie mich gezwungen haben, dieses Gespräch zu führen.<<

Die Große Halle explodierte. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich stand auf. Sofort.

>>Wo willst du hin?<<, fragte Daphne lachend.

>>Weg.<<

>>Aber dein Frühstück—<<

>>Ich habe keinen Hunger mehr.<<

Draco hob die Zeitung. >>Willst du sie nicht mitnehmen?<<

>>Verbrenn sie.<<

>>Alle Exemplare?<<

Ich sah mich um. Überall Zeitungen. Überall grinsten Schüler. Am Ravenclaw-Tisch hatte Ruby inzwischen ebenfalls den Artikel vor sich. Unsere Blicke trafen sich. Sie sah mich an. Dann auf die Schlagzeile. Dann wieder mich. Langsam hob sie beide Augenbrauen. Nein. Nicht sie auch noch.

Ich zeigte warnend auf sie. Ruby hob unschuldig beide Hände. Ich kannte sie. Diese Diskussion würde kommen. Später. Sehr viel später. Ich drehte mich um und verließ die Große Halle.

Meine Füße trugen mich beinahe automatisch über das Gelände. Weg vom Schloss. Weg von Rita Kimmkorn. Weg von Castor. Und vor allem weg von jedem Menschen, der gerade glaubte, Professor Severus Snape und Castor Thornbloom hätten sich meinetwegen ein romantisches Duell geliefert.

>>Unfassbar<<, murmelte ich. Ich erreichte den Waldrand. >>Absolut unfassbar.<<

Ein leises Piepsen antwortete. Ich blieb stehen. Zwischen den Zweigen bewegte sich etwas. Dann erschien ein kleiner grüner Kopf. >>Oh.<<

Der Bowtruckle kletterte vorsichtig hervor. Ein zweiter folgte. Dann ein dritter. Meine Schultern entspannten sich. >>Wenigstens ihr lest keine Zeitungen.<< Der erste piepste. >>Glaubt mir. Ihr verpasst nichts.<<

Ich setzte mich unter einen Baum. Keine Minute später saß einer der kleinen Baumwächter auf meinem Knie. Ein anderer kletterte auf meine Schulter. Ich strich ihm vorsichtig über den Rücken. >>Wisst ihr, was mein ursprünglicher Plan für dieses Schuljahr war?<< Schwarze Knopfaugen sahen mich an. >>Unauffällig bleiben.<< Der Bowtruckle auf meinem Knie legte den Kopf schief. >>Ja. Ich weiß.<< Ich lehnte den Kopf gegen den Baumstamm. >>Ich sollte nach Hogwarts zurückkehren, meinen Auftrag erfüllen und möglichst verhindern, dass irgendjemand mehr Interesse an Lucinda Stonefield entwickelt als unbedingt notwendig.<< Ein weiterer Bowtruckle kletterte auf meinen Ärmel.

>>Stattdessen wurde ich von einem Niffler verfolgt, von euch adoptiert, beinahe vergiftet und inzwischen mehrfach von Rita Kimmkorn in den Tagespropheten verfrachtet.<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter zupfte an meinem Haar. >>Und jetzt soll Professor Snape sich angeblich mit Castor Thornbloom um mich duellieren.<< Stille. >>Lacht ruhig.<< Ein leises Piepsen. Ich sah ihn an. >>Das war verdächtig.<<

Der kleine Baumwächter schmiegte sich unschuldig an meine Wange. Ich seufzte. Vielleicht war es tatsächlich hoffnungslos. Lucinda Stonefield sollte unscheinbar sein. Eine Schülerin unter Hunderten. Jemand, dessen Name nach diesem Schuljahr wieder aus Hogwarts verschwinden konnte, ohne Fragen zu hinterlassen. Stattdessen kannte inzwischen vermutlich die halbe magische Welt meinen Namen. Und wenn Rita Kimmkorn so weitermachte, würde die andere Hälfte ihn spätestens nächste Woche erfahren.

Ich schloss die Augen. Mein Vorsatz, unauffällig zu bleiben, war nicht einfach gescheitert. Er war spektakulär gestorben. Öffentlich. Vermutlich würde Rita Kimmkorn auch darüber noch einen Artikel schreiben.

Ein Lächeln zog an meinen Mundwinkeln. >>Rita Kimmkorns Meisterwerk<<, murmelte ich. Der Bowtruckle auf meiner Schulter piepste zustimmend. >>Nein. Das war kein Kompliment.<<

Er piepste erneut. Ich gab auf. Und während ich unter dem Baum saß, umgeben von kleinen grünen Geschöpfen, die weder meinen wirklichen Namen noch meinen Bruder oder die neueste Ausgabe des Tagespropheten interessierten, musste ich mir eine unangenehme Wahrheit eingestehen: Unauffällig war ich schon lange nicht mehr. Und nach diesem Morgen bestand vermutlich keine Hoffnung mehr, daran noch irgendetwas zu ändern.

***

Severus PoV

Severus verließ die Große Halle kaum fünf Minuten nach Lucinda. Nicht ihretwegen. Dieser Gedanke stellte sich mit solcher Vehemenz ein, dass er ihn augenblicklich verabscheute. Er hatte schlicht genug.

Genug von dem Gelächter. Genug von Thornbloom. Genug von den verstohlenen Blicken der Schüler. Und vor allem genug von Rita Kimmkorn .

Seine schwarzen Roben peitschten hinter ihm her, während er durch die Korridore rauschte. Schüler, die ihm entgegenkamen, entwickelten ein bemerkenswert gutes Gespür dafür, ihm rechtzeitig aus dem Weg zu springen. Vernünftig. Heute war kein guter Tag, Severus Snape im Weg zu stehen.

Er erreichte die Kerker und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass der Korridor vor seinem Unterrichtsraum verlassen dalag. Wenigstens fand derzeit keine Unterrichtsstunde statt.

Der Gedanke, sich jetzt auch noch mit Longbottom, Thornbloom oder explodierenden Kesseln beschäftigen zu müssen, hätte vermutlich gereicht, um seine Selbstbeherrschung endgültig zu vernichten.

Severus öffnete die Tür zu seinen privaten Räumen. Trat ein. Schloss sie hinter sich. Stille. Endlich. Er atmete einmal tief durch. Dann fiel sein Blick auf seinen Schreibtisch. Severus erstarrte. Dort lag sie. Ordentlich gefaltet. Sorgfältig ausgerichtet. Als wäre sie ein Geschenk. Die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten.

Seine Augen verengten sich. >>Natürlich.<<

Offenbar hatten die Hauselfen beschlossen, dass ihm dieser besondere journalistische Erguss in seiner persönlichen Sammlung noch fehlte. Severus ging langsam zum Schreibtisch. Die Schlagzeile war bereits aus mehreren Metern Entfernung nicht zu übersehen.

DUELL DER HERZEN IN HOGWARTS!

Sein Kiefer spannte sich an.

Darunter prangte:

Strenger Professor gegen charmanten Schüler – Kampf um geheimnisvolle Slytherin-Schönheit eskaliert beim Weihnachtsball!

Severus starrte auf die Worte. Sehr lange. Dann nahm er die Zeitung zwischen zwei Fingern hoch, als handelte es sich um ein besonders widerwärtiges Präparat. Sein Blick wanderte über den Artikel.

Mysteriöse dunkelhaarige Schönheit.

Junger Herzensbrecher.

Überraschender Rivale.

Leidenschaftliches Herz.

Severus zerknüllte die Zeitung. >>Diese Frau...<<

Er warf sie auf den Tisch. Ging drei Schritte. Drehte um. Nahm sie wieder. Las erneut den Absatz, von dem er sich ziemlich sicher war, dass er ihn beim ersten Mal falsch verstanden haben musste. Hatte er nicht.

Handelte es sich lediglich um die Fürsorge eines Hauslehrers – oder verbirgt sich hinter der eisigen Fassade des Zaubertränkemeisters ein überraschend leidenschaftliches Herz?

Severus' Gesicht entgleiste. >>Ein was ?<<

Er schleuderte die Zeitung zurück auf den Tisch. Es gab Flüche. Eine bemerkenswerte Anzahl sogar. Manche verursachten Schmerzen. Andere Hautausschläge. Einige sorgten dafür, dass dem Opfer für mehrere Wochen ein Geweih wuchs. Severus kannte mindestens drei, die Rita Kimmkorns Schreibhand vorübergehend unbrauchbar machen würden. Vier, wenn er bereit war, gewisse gesetzliche Grenzen großzügig auszulegen.

Seine Finger schlossen sich um seinen Zauberstab. Ein kleiner Fluch. Nichts Dramatisches. Vielleicht einer, der ihre Feder jedes Mal in Flammen aufgehen ließ, sobald sie seinen Namen schrieb. Severus hielt inne. Eigentlich war das eine ausgezeichnete Idee. Er begann bereits, die dafür notwendigen Modifikationen eines gewöhnlichen Fluches im Kopf durchzugehen. Dann klopfte es.

Severus schloss die Augen. >>Nein.<<

Die Tür öffnete sich. Natürlich. >>Ich hatte nicht den Eindruck, dass das eine Einladung war<<, sagte Severus eisig.

Albus Dumbledore trat dennoch ein. >>Das war es zweifellos nicht.<<

>>Dann überrascht mich Ihre Anwesenheit.<<

>>Tut sie das wirklich?<<

Severus sah ihn finster an. Dumbledore schloss die Tür. Sein Blick wanderte zum Schreibtisch. Zur zerknüllten Zeitung. Dann zu Severus' Zauberstab. Eine Augenbraue hob sich. >>Sollte ich fragen?<<

>>Nein.<<

>>Ausgezeichnet.<< Dumbledore ging zum Schreibtisch.

Severus reagierte sofort. >>Fassen Sie das nicht an.<<

Dumbledore hielt inne. >>Warum?<<

>>Weil ich noch nicht entschieden habe, ob ich es verbrenne oder als Beweismittel für eine spätere Verleumdungsklage aufbewahre.<<

Ein verräterisches Funkeln erschien in Dumbledores Augen. Severus bemerkte es. Selbstverständlich bemerkte er es. >>Wenn Sie lachen<<, sagte er sehr ruhig, >>werde ich meine Loyalität zu Ihnen ernsthaft überdenken.<<

>>Ich würde niemals über Ihr Unglück lachen, Severus.<<

>>Sie tun es bereits.<<

>>Keineswegs.<<

>>Ihre Augen tun es.<<

Dumbledore schwieg. Das machte es schlimmer. Severus wandte sich ab. >>Diese Frau besitzt keinerlei journalistische Integrität.<<

>>Eine überraschende Erkenntnis.<<

>>Sie hat einen vollkommen eindeutigen Vorfall in eine groteske romantische Fantasie verwandelt.<<

>>Das habe ich gelesen.<<

Severus drehte sich um. >>Natürlich haben Sie das.<<

>>Die Zeitung wurde beim Frühstück ausgeteilt.<<

>>Bedauerlicherweise.<<

Dumbledore nahm auf einem der Stühle Platz. Severus hatte ihm nicht angeboten, sich zu setzen. Auch das ignorierte der Schulleiter. >>Ich fand Ihre Reaktion auf Mr. Thornblooms Interpretation übrigens ausgesprochen eindrucksvoll.<<

Severus' Augen wurden schmal. >>Der Junge ist ein Idiot.<<

>>Das dürfte inzwischen hinreichend dokumentiert sein.<<

>>Er glaubt tatsächlich, ich würde ihn als Rivalen betrachten.<<

Dumbledore neigte den Kopf. >>Tun Sie das nicht?<<

Stille. Absolute. Tödliche. Stille. Severus starrte ihn an. Dumbledores Gesicht war vollkommen unschuldig. Zu unschuldig.

>>Ich bitte um Verzeihung?<<

>>Ich fragte lediglich—<<

>>Ich habe Ihre Frage gehört.<<

>>Dann muss ich sie nicht wiederholen.<<

Severus' Finger zuckten um seinen Zauberstab. Vielleicht sollte er seine Überlegungen bezüglich eines Fluches erweitern. Rita Kimmkorn musste nicht zwangsläufig das einzige Ziel sein. >>Thornbloom<<, sagte Severus mit gefährlicher Ruhe, >>ist ein vierzehnjähriger, selbstverliebter Schwachkopf, dessen herausragendsten Fähigkeiten darin bestehen, Kessel zur Explosion zu bringen und Frauen gegen ihren ausdrücklichen Willen mit seiner Anwesenheit zu belästigen.<<

Dumbledore nickte. >>Eine recht ausführliche Charakterisierung für jemanden, den Sie nicht als Rivalen betrachten.<<

Severus' Blick hätte Stein schmelzen können. >>Albus.<<

>>Severus.<<

>>Hören Sie auf.<<

Ein kleines Lächeln erschien unter Dumbledores Bart. >>Natürlich.<<

Severus wusste genau, dass dieses Natürlich nichts Gutes bedeutete. Er ging zum Kamin. >>Ich habe gestern eingegriffen, weil Thornbloom eine Schülerin bedrängt hat.<<

>>Das weiß ich.<<

>>Eine Schülerin meines Hauses.<<

>>Selbstverständlich.<<

>>Jeder verantwortungsbewusste Lehrer hätte dasselbe getan.<<

>>Ohne Zweifel.<<

Severus drehte sich scharf zu ihm um. >>Warum klingt jede Ihrer Antworten wie eine Anschuldigung?<<

>>Das war keineswegs meine Absicht.<<

>>Sie haben immer eine Absicht.<<

Dumbledore lächelte. Severus hasste dieses Lächeln. Vor allem deshalb, weil es ihm das unangenehme Gefühl vermittelte, der alte Mann wüsste etwas, das Severus selbst noch nicht wusste. Unsinn.

>>Miss Stonefield scheint jedenfalls eine bemerkenswerte Fähigkeit zu besitzen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen<<, bemerkte Dumbledore.

Severus' Gesicht wurde augenblicklich ernst. >>Genau das ist das Problem.<<

Der humorvolle Ausdruck in Dumbledores Augen verschwand ein wenig. Severus ging zurück zum Schreibtisch. >>Sie sollte unauffällig bleiben.<<

>>Das war zumindest der Plan.<<

>>Der inzwischen vollkommen gescheitert ist.<< Er deutete auf die Zeitung. >>Kimmkorn hat ihren Namen bereits mehrfach veröffentlicht. Thornbloom verfolgt sie mit der Beharrlichkeit einer lästigen Hautkrankheit. Goldstein—<<

Severus brach ab.

Dumbledore hob langsam eine Augenbraue. Verdammt. >>Mr. Goldstein?<<

>>Irrelevant.<<

>>Sie haben ihn erwähnt.<<

>>Ein Fehler.<<

>>Natürlich.<<

Severus‘ Augen verengten sich. >>Ich warne Sie.<<

Dumbledores Mundwinkel zuckte. Severus beschloss, ihn zu ignorieren. >>Stonefield wurde vergiftet. Moody beobachtet sie. Kimmkorn schreibt über sie. Immer mehr Menschen beginnen, sich für dieses Mädchen zu interessieren.<<

Diesmal sagte Dumbledore nichts. Severus stützte beide Hände auf den Schreibtisch. >>Und wir wissen noch immer nicht, warum.<<

Dumbledores Blick wurde aufmerksamer. >>Miss Stonefield behauptet, selbst keine Erklärung für den Anschlag zu besitzen.<<

>>Sie lügt.<< Severus sagte es ohne jedes Zögern.

Dumbledore hob leicht die Brauen. >>Eine recht eindeutige Einschätzung.<<

>>Sie verschweigt zumindest einen erheblichen Teil der Wahrheit.<< Severus richtete sich wieder auf. >>Stonefield wusste nach ihrer Vergiftung nicht, wer ihr etwas angetan haben könnte? Sie besitzt angeblich keinerlei Feinde? Niemanden, der ein Motiv hätte, sie zu töten?<< Er schnaubte leise. >>Ich habe glaubwürdigere Ausreden von Erstklässlern gehört, die neben einem geschmolzenen Kessel standen.<<

Dumbledore schwieg. Dieses Schweigen gefiel Severus noch weniger als seine vorherigen Kommentare. >>Sie wissen etwas.<<

>>Ich weiß vieles.<<

>>Eine Ihrer lästigeren Eigenschaften.<<

>>Und dennoch suchen Sie erstaunlich häufig meinen Rat.<<

>>Ein bedauerlicher Mangel an Alternativen.<<

Dumbledore lächelte. Severus wandte sich ab und sah in die Flammen. >>Was auch immer dieses Mädchen verbirgt – jemand könnte bereits davon wissen.<<

Das war es, was ihn beschäftigte. Seit Tagen. Nicht nur die Tatsache, dass Lucinda beinahe gestorben wäre. Nicht nur der vergiftete Kürbissaft. Nicht nur Moodys merkwürdiges Interesse an ihr. Sondern die Frage nach dem Warum.

Lucinda Stonefield war keine gewöhnliche Schülerin. Davon war Severus inzwischen überzeugt. Ihre magischen Fähigkeiten waren zu außergewöhnlich.

Ihr Wissen war an manchen Stellen zu umfangreich. Ihre Reaktionen auf bestimmte Themen zu kontrolliert. Und dann waren da diese Momente, in denen etwas hinter ihren blaugrünen Augen aufblitzte, das nicht zu einem vierzehnjährigen Mädchen passen wollte.

Er hatte es gesehen. Mehrfach. Etwas Altes. Etwas Schweres. Als trüge sie Erinnerungen mit sich herum, über die sie niemals sprach.

>>Sie macht Ihnen Sorgen.<< Dumbledores Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Severus drehte sich nicht um. >>Ihr Verhalten ist verdächtig.<<

>>Das war nicht meine Aussage.<<

>>Aber meine Antwort.<<

Hinter ihm herrschte einen Moment Stille. Dann: >>Sie machen sich große Sorgen um sie, Severus.<<

Severus' Schultern spannten sich an. Da war es wieder. Diese vollkommen unnötige Betonung. Er drehte sich langsam um. >>Vor wenigen Tagen lag diese Schülerin vergiftet auf dem Boden und wäre ohne rechtzeitige Behandlung vermutlich gestorben.<<

Dumbledores Blick wurde für einen Augenblick unergründlich. >>Ich erinnere mich.<<

>>Dann sollte Ihnen meine Sorge um ihre Sicherheit kaum ungewöhnlich erscheinen.<<

>>Nein.<< Dumbledore musterte ihn über seine Halbmondbrille hinweg. >>Die Intensität vielleicht.<<

Severus wurde vollkommen still. >>Was soll das heißen?<<

>>Nichts weiter.<<

>>Sie sagen niemals nichts weiter .<<

>>Vielleicht überrasche ich Sie.<<

>>Das bezweifle ich.<<

Dumbledore lächelte wieder. Severus spürte, wie seine Geduld endgültig dünn wurde. >>Falls Sie ausschließlich hierhergekommen sind, um Rita Kimmkorns journalistische Fantasien zu analysieren und anschließend meine Reaktion darauf einer psychologischen Untersuchung zu unterziehen, kennen Sie den Weg zur Tür.<<

>>Ich wollte lediglich nach Ihnen sehen.<<

Severus starrte ihn an. >>Warum?<<

Dumbledores Blick wanderte demonstrativ zu der zerknüllten Zeitung. >>Eine Vorahnung.<<

Severus folgte seinem Blick. >>Ich könnte Kimmkorn verfluchen.<<

Dumbledore seufzte. >>Severus.<<

>>Nur ein wenig.<<

>>Nein.<<

>>Nichts Dauerhaftes.<<

>>Nein.<<

>>Ihre Schreibhand müsste höchstens einige Tage—<<

>>Severus.<<

Er sah den Schulleiter finster an. >>Sie verderben einem jegliche Freude.<<

>>Das gehört zu meinen Aufgaben.<<

>>Dann erfüllen Sie sie mit erschreckender Hingabe.<< Severus ließ sich schließlich hinter seinem Schreibtisch nieder.

Dumbledore erhob sich. Offenbar hatte er entschieden, dass seine Mission für diesen Morgen erfüllt war. Severus griff nach einem Stapel Schüleraufsätzen.

Vielleicht würde Arbeit zumindest verhindern, dass er ernsthaft einen Fluch entwickelte, der Rita Kimmkorn beim Schreiben seines Namens vorübergehend die Augenbrauen entfernte.

An der Tür blieb Dumbledore stehen. Severus hielt mitten in der Bewegung inne. Natürlich. >>Was?<<

>>Nur eine letzte Bemerkung.<<

>>Nein.<<

Dumbledore ignorierte ihn. >>Rita Kimmkorns Artikel ist zweifellos maßlos übertrieben.<<

Severus hob den Blick. >>Endlich sagen Sie etwas Vernünftiges.<<

>>Allerdings entstehen die überzeugendsten Geschichten häufig dort, wo zumindest ein kleiner Funken Wahrheit vorhanden ist.<<

Severus wurde vollkommen still. Dumbledores Augen funkelten. Verdächtig. Sehr verdächtig. >>Was genau wollen Sie damit sagen?<<

>>Ich?<< Dumbledore wirkte beinahe empört. >>Gar nichts.<<

>>Albus.<<

>>Guten Morgen, Severus.<<

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Severus starrte ihm nach. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Dann griff er nach der zerknüllten Zeitung. >>Ein Funken Wahrheit.<<

Er schleuderte sie in den Kamin. Die Flammen fraßen sich augenblicklich durch Rita Kimmkorns Meisterwerk. >>Vollkommener Unsinn.<<

Das Papier kräuselte sich. Castor Thornblooms Gesicht verschwand zuerst. Wenigstens etwas. Severus lehnte sich zurück. Thornbloom war kein Rivale. Die Vorstellung allein war absurd. Goldstein war irrelevant. Vollkommen irrelevant. Und Lucinda Stonefield war eine Schülerin. Eine ungewöhnliche Schülerin, zweifellos. Eine Schülerin, die Geheimnisse besaß. Eine Schülerin, die ihn regelmäßig mit ihrem Wissen überraschte, seinen Fragen auswich und offenbar glaubte, mit Sarkasmus ließe sich jede unangenehme Unterhaltung beenden. Eine Schülerin, die jemand hatte töten wollen.

Das allein war Grund genug, sie im Auge zu behalten. Als ihr Hauslehrer. Aus Verantwortungsgefühl. Aus Misstrauen. Nichts weiter. Damit war die Angelegenheit geklärt. Vollkommen. Endgültig.

Severus sah in die Flammen. Vor seinem inneren Auge erschien Lucinda. Dunkelgrünes Kleid. Blaugrüne Augen. Ihr Lachen am Waldrand. Ihr bleiches Gesicht auf dem Boden. Thornblooms Hand an ihrem Arm.

Severus' Kiefer spannte sich an. Er griff nach dem ersten Schüleraufsatz. Las die erste Zeile. Dann noch einmal. Nach dem dritten Versuch stellte er fest, dass er kein einziges Wort aufgenommen hatte.

Langsam legte er das Pergament wieder auf den Tisch. Sein Blick wanderte zum Kamin. Die letzten Überreste der Zeitung zerfielen zu Asche. Dumbledores Stimme hallte noch immer in seinem Kopf nach. Ein kleiner Funken Wahrheit.

Severus' Augen verengten sich. >>Unsinn<<, knurrte er. Stille. Diesmal klang es selbst in seinen eigenen Ohren nicht mehr ganz so überzeugend.

***

Ruby PoV

Ich hatte Rita Kimmkorn unterschätzt. Dieser Fehler würde mir kein zweites Mal passieren. Fassungslos starrte ich auf die Ausgabe des Tagespropheten, die vor mir auf dem Ravenclaw-Tisch lag.

DUELL DER HERZEN IN HOGWARTS!

Ich las die Schlagzeile inzwischen zum dritten Mal. Nicht weil ich Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. Sondern weil ein Teil meines Verstandes sich weiterhin weigerte, ihre Existenz zu akzeptieren.

Langsam hob ich den Blick. Am Slytherin-Tisch herrschte noch immer ausgelassene Stimmung. Lucinda war längst verschwunden. Vermutlich hatte sie beschlossen, dass eine Flucht die einzige angemessene Reaktion auf dieses journalistische Verbrechen darstellte. Ich konnte es ihr nicht verdenken.

Eigentlich hätte ich lachen müssen. Noch gestern hätte ich vermutlich triumphierend auf diesen Artikel gezeigt und Lucinda erklärt, dass nun offenbar sogar Rita Kimmkorn bemerkte, was sie selbst hartnäckig übersah.

Doch heute blieb mir das Lachen im Hals stecken. Mein Blick wanderte zum Lehrertisch. Professor Snape war ebenfalls verschwunden.

Professor Fledermaus hatte nach seiner öffentlichen Hinrichtung von Castor Thornbloom offenbar beschlossen, dass seine Anwesenheit in der Großen Halle nicht länger erforderlich war. Und bei Merlin...

Was war das gerade gewesen? Ich sah wieder auf den Artikel.

Rivale. Allein der Gedanke war vollkommen absurd. Castor war vierzehn. Professor Snape war sein Lehrer. Natürlich betrachtete er ihn nicht als Rivalen. Aber das war auch nicht das Interessante. Interessant war, wie Snape reagiert hatte.

Ich hatte ihn beobachtet. Schon wieder. Offenbar entwickelte sich das langsam zu einer schlechten Angewohnheit. Als Castor behauptet hatte, Professor Snape könne ein paar Ratschläge beim Flirten gebrauchen, hatte ich beinahe Mitleid mit ihm bekommen. Beinahe. Dann hatte Snape ihn mit wenigen Sätzen vor der gesamten Großen Halle auseinandergenommen. Und trotzdem...da war etwas gewesen. Nicht wegen Castors alberner Rivalität. Wegen Lucinda. Wieder.

Ich kannte diesen Ausdruck inzwischen. Diese besondere Anspannung. Diese Aufmerksamkeit, die Professor Snape offenbar immer dann entwickelte, wenn es um meine beste Freundin ging. Beim Giftanschlag. Bei Thornbloom. Beim Weihnachtsball. Und vermutlich noch bei einigen anderen Gelegenheiten, die ich bislang nicht bemerkt hatte.

Vor zwei Tagen hätte mich diese Erkenntnis begeistert. Heute machte sie alles nur komplizierter. Denn ich sah plötzlich wieder einen dunklen Korridor vor mir.

Igor Karkaroff. Seinen hochgeschobenen Ärmel. Snapes sofortige Reaktion.

Du weißt genau, was das bedeutet. Und dann diese Worte. Er kommt zurück.

Mein Magen zog sich zusammen. Ich faltete die Zeitung zusammen. Genug. Ich musste herausfinden, was ich da gesehen hatte.

Die Bibliothek war am Vormittag beinahe verlassen. Perfekt. Ich hatte nicht vor, herauszufinden, wer Igor Karkaroff gewesen war. Das wusste ich bereits. Lucinda ebenfalls. Todesser. Gefangener Askabans. Verräter seiner ehemaligen Verbündeten, sobald seine eigene Haut auf dem Spiel gestanden hatte.

Lucinda hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was sie von Männern wie ihm hielt. Einmal Todesser, immer Todesser.

Darüber hatten wir mehr als einmal gesprochen. Für sie gab es in dieser Hinsicht kaum Grauzonen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb mir meine Recherche plötzlich weniger harmlos erschien als noch gestern Abend.

Ich wollte nicht wissen, wer Karkaroff war. Ich wollte wissen, was er Professor Snape gezeigt hatte. Und warum Snape augenblicklich verstanden hatte, was es bedeutete.

Ich zog einen Stapel alter Ausgaben des Tagespropheten zu mir. Wenn ich irgendwo eine Antwort finden würde, dann vermutlich in Berichten aus dem ersten Krieg oder den anschließenden Todesserprozessen. Karkaroff war verhaftet worden. Also musste es Aufzeichnungen geben. Namen. Verbindungen.

Vielleicht sogar Hinweise darauf, wie Voldemorts Anhänger untereinander kommuniziert hatten.

Ich begann zu lesen. Eine Stunde verging. Dann eine zweite. Je tiefer ich grub, desto unangenehmer wurde das Bild. Nicht weil ich etwas grundlegend Neues über Karkaroff erfuhr. Vielmehr bestätigten die Berichte alles, was wir bereits wussten.

Karkaroff hatte zu Voldemorts Anhängern gehört. Er hatte nach seiner Gefangennahme Namen genannt, um seine eigene Freiheit zu erkaufen. Andere Todesser. Menschen, mit denen er gemeinsam gedient hatte. Menschen, deren Identitäten er kannte. Ich hielt inne. Menschen, deren Identitäten er kannte.

Langsam legte ich die Feder aus der Hand. Gestern Abend hatte Karkaroff Professor Snape nicht wie einen gewöhnlichen Kollegen angesprochen. Er hatte keine Erklärung geliefert. Keine Vorgeschichte. Er hatte lediglich seinen Ärmel hochgezogen. Und Snape hatte verstanden. Sofort.

Mein ungutes Gefühl kehrte zurück. Ich zog ein Pergament zu mir.

Karkaroff: ehemaliger Todesser. Das war keine neue Erkenntnis.

Darunter schrieb ich:

Kennt Identitäten anderer Todesser.

Dann:

Zeigt Snape etwas am Unterarm.

Snape weiß sofort, was es bedeutet.

Und schließlich:

„Er kommt zurück.“

Ich starrte darauf. Wer er war, musste ich nicht lange überlegen. Nicht nach allem, was in diesem Schuljahr geschehen war. Nicht nach Harrys Namen im Feuerkelch. Nicht nach Lucindas wachsendem Unbehagen. Nicht nach dem Giftanschlag. Tom.

Mein Blick blieb an dem Namen hängen, obwohl ich ihn nicht einmal aufgeschrieben hatte. Wenn Karkaroff glaubte, dass Voldemort zurückkehrte, weshalb sprach er dann ausgerechnet mit Severus Snape darüber?

Ich lehnte mich zurück. Vielleicht weil Snape Dumbledores Vertrauter war. Das wäre eine Erklärung. Eine vollkommen vernünftige sogar. Karkaroff bekam Angst, wandte sich an jemanden, von dem er wusste, dass er Dumbledore nahestand.

Nur—

Warum dann der Arm? Warum hatte Snape sofort verstanden? Und weshalb hatte Karkaroff mit ihm gesprochen, als müsste er überhaupt nichts erklären?

Ich nahm die Feder wieder auf. Unter Karkaroffs Namen schrieb ich einen zweiten.

Severus Snape.

Meine Hand verharrte. Plötzlich hörte ich Lucindas Stimme in meinem Kopf.

Einmal Todesser, immer Todesser.

Ich verzog das Gesicht. >>Noch wissen wir überhaupt nichts<<, murmelte ich.

Madam Pince sah vom anderen Ende der Bibliothek zu mir. Ich senkte den Kopf.

Professor Snape war kein angenehmer Mensch. Das musste man nun wirklich nicht beschönigen. Er war launisch. Sarkastisch. Unnachgiebig.

Er konnte Schüler mit einem einzigen Blick in Grund und Boden stampfen und schien gelegentlich geradezu persönliche Freude daran zu empfinden, Hauspunkte abzuziehen. Aber böse? Nein. Dieses Wort wollte nicht passen.

Ich hatte gesehen, wie er reagiert hatte, als Lucinda zusammengebrochen war.

Ich hatte gesehen, wie ernst er ihre Vergiftung nahm. Er hatte ihr das Leben gerettet. Und gestern Abend hatte er Castor nicht ignoriert.

Er hätte weitergehen können. Stattdessen hatte er eingegriffen.

Vielleicht war er grimmig. Vielleicht war er unausstehlich. Vielleicht besaß er die soziale Wärme einer Kerkermauer. Aber ich hatte nie das Gefühl gehabt, einem bösen Mann gegenüberzustehen. Und Dumbledore vertraute ihm. Das war der Punkt, zu dem meine Gedanken immer wieder zurückkehrten.

Dumbledore vertraute Severus Snape.

Nicht ein bisschen. Vollständig. Ich hatte die beiden oft genug miteinander gesehen. Also musste es eine Erklärung geben.

Ich suchte weiter. Nach Karkaroffs Prozess. Nach den Namen, die er genannt hatte. Nach alten Berichten über Voldemorts Anhänger. Und irgendwann geschah etwas, das mir überhaupt nicht gefiel. Der Name Severus Snape tauchte auf.

Nicht groß. Nicht als Schlagzeile. Nicht mit einer eindeutigen Erklärung, die sämtliche Fragen beantwortete. Aber er war da.

Ich starrte darauf. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Nein. Ich las die Passage erneut. Dann noch einmal. Es war kein Beweis. Noch nicht. Aber zusammen mit dem, was ich gestern Abend gesehen hatte...

Karkaroff. Der Unterarm. Snape. Er kommt zurück.

Ich griff nach meinem Pergament. Unter Severus' Namen schrieb ich langsam:

Verbindung zu Karkaroffs Vergangenheit?

Meine Feder stockte. Dann setzte ich darunter:

Todesser?

Ich betrachtete das Wort. Es gefiel mir nicht. Überhaupt nicht. Denn wenn ich recht hatte, hatte ich ein Problem. Eigentlich sogar zwei. Das erste hieß Severus Snape. Das zweite hieß Lucinda.

Ich wusste genau, wie sie über Todesser dachte. Für Lucinda waren diese Menschen nicht einfach fehlgeleitete Anhänger irgendeines dunklen Zauberers gewesen. Sie hatten ihrem Bruder gedient. Sie hatten Tom freiwillig Macht gegeben. Seine Befehle ausgeführt. Seine Ideologie getragen. Einmal Todesser, immer Todesser. Und ausgerechnet Severus Snape—

Ich schloss die Augen. Ausgerechnet der Mann, dem Lucinda zunehmend vertraute. Der Mann, dessen Verhalten ihr gegenüber ich seit Wochen mit wachsender Belustigung beobachtete. Der Mann, von dem ich inzwischen beinahe überzeugt gewesen war, dass hinter seiner grimmigen Fassade Gefühle entstanden, die er selbst noch nicht verstand.

Was, wenn er einer von ihnen gewesen war? Ich wollte es nicht glauben. Das überraschte mich selbst. Eigentlich hätte ich angesichts meines Verdachts misstrauisch werden müssen. Stattdessen suchte ich nach Gründen, weshalb ich mich irrte. Weil Professor Snape nicht wie ein böser Mann auf mich wirkte.

Schwierig? Oh ja. Unausstehlich? Regelmäßig. Aber böse? Nein. Und vielleicht war genau das gefährlich. Oder vielleicht war Lucindas Satz nicht so unumstößlich, wie sie glaubte.

Dieser Gedanke ließ mich erst recht erstarren. Denn ich wusste, dass sie ihn nicht akzeptieren würde. Noch nicht. Ich sah wieder auf meine Notizen.

Todesser?

Darunter schrieb ich:

Warum vertraut Dumbledore ihm?

Das war die entscheidende Frage. Nicht Karkaroff. Nicht einmal das Zeichen.

Dumbledore. Wenn Severus Snape tatsächlich einmal Voldemort gedient hatte, musste Dumbledore davon wissen. Und wenn Dumbledore es wusste und ihm trotzdem vertraute...dann fehlte mir ein Teil der Geschichte. Ein ziemlich großer.

Ich faltete das Pergament zusammen. Noch würde ich Lucinda nichts erzählen. Nicht mit einer Vermutung. Nicht mit einem einzigen Wort in alten Aufzeichnungen. Und ganz sicher nicht mit einer Anschuldigung, bei der ich genau wusste, welche Wirkung sie auf meine beste Freundin haben würde. Ich brauchte Gewissheit. Denn gestern hatte ich mich noch gefragt, ob Professor Severus Snape Gefühle für Lucinda entwickelte.

Heute stellte ich mir eine wesentlich unangenehmere Frage.

Hatte Severus Snape einst ihrem Bruder gedient?

Und falls die Antwort darauf tatsächlich ja lautete—

Warum saß dieser Mann dann heute an Albus Dumbledores Seite?