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Ein Todesser kommt selten allein

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Ein Todesser kommt selten allein

Hallo, meine Lieben :) Man, die Zeit rennt. Schon wieder ein neuer Wochenstart und der September ist auch beinahe vorbei. Grund genug, ein neues Kapitel an den Start zu bringen und es bleibt ereignisreich ;) Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen und einen guten Start in die neue Woche.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 33 Ein Todesser kommt selten allein

Lucinda PoV

Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass Rita Kimmkorns Meisterwerk noch immer lebte. Leider.

Ich hatte insgeheim gehofft, Hogwarts würde über Nacht ein neues Gesprächsthema finden. Eine explodierte Toilette. Einen entlaufenen Troll. Einen weiteren Drachen auf dem Schulgelände. Mir war inzwischen beinahe alles recht.

Stattdessen hörte ich meinen Namen bereits, bevor ich den Slytherin-Gemeinschaftsraum vollständig verlassen hatte.

>>Da ist sie.<<

>>Wer?<<

>>Stonefield.<<

Ich blieb stehen. Nicht umdrehen. Einfach weitergehen.

>>Die aus dem Tagespropheten?<<

Ich schloss kurz die Augen. Weitergehen.

>>Ja. Thornbloom und Snape.<< Meine Schritte wurden schneller. >>Angeblich ist sie der Traum aller Männer.<<

Ich blieb stehen. Langsam. Sehr langsam. Hinter mir wurde es schlagartig still. Ich drehte den Kopf. Drei jüngere Slytherins standen einige Meter entfernt. Keiner von ihnen sah mich an. Bemerkenswert.

>>Der Traum aller Männer?<<, wiederholte ich.

Einer der Jungen wurde rot. >>Das...stand irgendwo.<<

>>Wo?<<

>>Ich weiß nicht mehr.<<

>>Natürlich nicht.<< Ich musterte sie einen Augenblick. Dann setzte ich meinen Weg fort. >>Nur zur Information<<, sagte ich über die Schulter, >>Albträume sind ebenfalls Träume.<<

Stille. Dann hörte ich hinter mir ein ersticktes Lachen. Großartig. Damit würde vermutlich spätestens zum Mittagessen eine neue Version der Geschichte kursieren. Lucinda Stonefield – geheimnisvolle Slytherin-Schönheit und selbsternannter Albtraum aller Männer. Rita Kimmkorn würde begeistert sein.

Ich bog um die nächste Ecke. Etwas zupfte an meinem Haar. >>Nicht du auch noch.<<

Ein leises Piepsen erklang unmittelbar neben meinem Ohr. Ich schielte zur Seite. Ein Bowtruckle saß auf meiner Schulter und hielt sich mit einer kleinen Hand an einer meiner Haarsträhnen fest. Der zweite hatte es sich offenbar in den Kopf gesetzt, meine Robe als Klettergerüst zu benutzen und hing irgendwo auf Höhe meines Oberarms. Der dritte—

Ich blieb stehen. >>Wo ist der dritte?<< Etwas bewegte sich auf meinem Rücken. Ich seufzte. >>Natürlich.<<

Seit gestern weigerten sich die drei beharrlich, mich länger als unbedingt notwendig allein zu lassen. Offenbar hatten sie meinen Rückzug zum Waldrand als Einladung verstanden, ab sofort meine persönliche Leibgarde zu bilden. Eine sehr kleine. Sehr grüne. Und ausgesprochen hartnäckige Leibgarde.

>>Ihr müsst wirklich nicht mitkommen.<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter piepste. >>Professor Dumbledore möchte mit mir sprechen.<< Noch ein Piepsen.

>>In seinem Büro.<< Keine Reaktion. >>Im Schloss.<< Der kleine Baumwächter blinzelte mich an. >>Ohne Bäume.<< Nichts. Ich hob eine Augenbraue. >>Das war mein stärkstes Argument.<<

Der Bowtruckle kletterte demonstrativ näher an meinen Hals. >>Gut.<< Ich gab auf. >>Aber benehmt euch.<< Ein Piepsen. >>Das gilt besonders für dich.<< Ich deutete auf denjenigen an meinem Ärmel. Er sah mich vollkommen unschuldig an.

Ich kannte diesen Blick inzwischen. Er bedeutete nichts Gutes.

Der Weg zum Büro des Schulleiters dauerte länger als gewöhnlich. Nicht weil ich mich verlaufen hätte. Ich hatte Hogwarts bereits gekannt, als ein erheblicher Teil der heutigen Lehrerschaft noch nicht geboren gewesen war. Das Problem waren die anderen Schüler.

Überall wurde getuschelt. Manche versuchten wenigstens, unauffällig zu sein. Andere besaßen diese Fähigkeit offenbar nicht. Zwei Hufflepuffs verstummten mitten im Gespräch, als ich an ihnen vorbeiging. Eine Gruppe Gryffindors grinste.

Fred und George Weasley verbeugten sich sogar. Beide. Synchron.

Ich beschleunigte meine Schritte. >>Kein Wort!<<, warnte ich.

>>Wir haben überhaupt nichts gesagt<<, protestierte Fred.

>>Noch nicht<<, ergänzte George.

>>Und dabei bleibt es.<<

>>Selbstverständlich.<<

>>Wir würden niemals—<<

Ich hob einen Finger. Beide schwiegen. Der Bowtruckle auf meiner Schulter piepste. Fred betrachtete ihn. >>Wenigstens einer von uns darf etwas sagen.<<

Ich ging weiter. Hinter mir hörte ich George: >>Meinst du, Snape weiß schon, dass sie jetzt der Traum aller Männer ist?<<

Ich stolperte beinahe. >>George!<<

Gelächter folgte mir durch den Korridor. Ich hasste dieses Schloss. Nein. Das stimmte nicht. Ich liebte dieses Schloss. Ich hasste lediglich seine Bewohner. Momentan jedenfalls.

Als ich schließlich vor dem steinernen Wasserspeier stand, war meine Geduld bereits erheblich strapaziert. Das Passwort hatte Dumbledore mir zusammen mit seiner Nachricht zukommen lassen. >>Zitronensorbet.<<

Der Wasserspeier sprang zur Seite. Ich betrat die Wendeltreppe. >>Letzte Gelegenheit<<, murmelte ich und sah die drei Bowtruckles an. >>Ihr könnt immer noch umkehren.<< Keiner bewegte sich. >>Ich habe es versucht.<<

Wenig später klopfte ich an Dumbledores Tür. >>Herein.<<

Ich trat ein. Professor Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch. Fawkes ruhte auf seiner Stange. Mehrere silberne Instrumente summten leise vor sich hin. Und kaum hatte Dumbledore aufgesehen, wanderte sein Blick von mir zu meiner Schulter. Dann zu meinem Ärmel. Schließlich zu dem kleinen grünen Kopf, der vorsichtig hinter meinem Haar hervorsah. Seine Augen begannen zu funkeln. Oh nein. Nicht schon wieder dieses Funkeln. >>Guten Morgen, Lucinda.<<

>>Guten Morgen, Professor.<<

Dumbledore betrachtete meine Begleiter. >>Wie ich sehe, bist du nicht allein gekommen.<<

Ich sah an mir hinunter. >>Offenbar hatte ich keine Wahl.<< Ein Bowtruckle piepste empört. >>Doch. Genau so war es.<<

Dumbledores Mundwinkel zuckten. >>Manche Dinge ändern sich erstaunlich wenig.<<

Ich sah ihn an. Sein Blick ruhte noch immer auf den kleinen Baumwächtern. Und ich verstand. Früher. Vor all den Jahren. Auch damals hatten die Bowtruckles mich ständig begleitet. Wenn ich am Waldrand gesessen hatte. Wenn Ruby und ich unsere freien Nachmittage draußen verbracht hatten. Manchmal waren sie mir sogar heimlich bis ins Schloss gefolgt. Ich hatte angenommen, niemand hätte es bemerkt. Offensichtlich hatte ich Dumbledore unterschätzt. Wieder einmal.

>>Sie erinnern sich daran?<<

>>Sehr gut sogar.<< Sein Lächeln wurde wärmer. >>Es gab eine Zeit, in der man dich außerhalb des Unterrichts kaum antraf, ohne dass sich irgendwo in deiner unmittelbaren Umgebung mindestens ein kleiner Baumwächter befand.<<

Ich sah zu dem Wesen auf meiner Schulter. >>Damals waren sie wenigstens vernünftig genug, sich in den Bäumen aufzuhalten.<<

Empörtes Piepsen. Dumbledore lachte leise. >>Ich glaube, er widerspricht dir.<<

>>Das tun sie ständig.<<

>>Dann scheint sich tatsächlich nicht viel verändert zu haben.<<

Für einen kurzen Moment musste ich lächeln. Es war merkwürdig. Manchmal vergaß ich, dass Dumbledore mich bereits als das Mädchen gekannt hatte, das ich einmal gewesen war. Nicht Lucinda Stonefield. Nicht das angeblich vierzehnjährige Slytherin-Mädchen. Nicht die geheimnisvolle Schülerin, über die Rita Kimmkorn offenbar eine persönliche Artikelserie begonnen hatte.

Einfach Lucinda. Ravenclaw. Rubys beste Freundin. Toms Schwester. Bevor alles zerbrochen war. Ich schob den Gedanken beiseite. >>Sie wollten mich sprechen?<<

>>In der Tat. Setz dich bitte.<<

Ich nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. Der Bowtruckle an meinem Ärmel nutzte die Gelegenheit, um auf meinen Schoß zu klettern. Dumbledore beobachtete ihn amüsiert. >>Zunächst wollte ich mich erkundigen, wie es dir geht.<<

>>Nach dem Giftanschlag oder nach Rita Kimmkorn?<<

Dumbledore dachte tatsächlich darüber nach. >>Beides.<<

>>Das Gift war angenehmer.<<

Seine Augenbrauen wanderten nach oben. >>Lucinda.<<

>>Nur geringfügig.<<

>>Das beruhigt mich außerordentlich.<<

Ich seufzte. >>Mir geht es gut. Wirklich. Madam Pomfrey hat mich gesundgeschrieben. Die Nachwirkungen sind verschwunden.<<

>>Und der Fluch?<<

Mein Lächeln verschwand. Ich strich gedankenverloren über den Rücken des Bowtruckles auf meinem Schoß. >>Ruhig.<<

>>Keine Veränderung?<<

>>Nein.<<

Dumbledore nickte langsam. >>Dann sollten wir hoffen, dass es vorerst so bleibt.<<

Das hoffte ich ebenfalls. Denn jede deutliche Veränderung des Fluches konnte nur eines bedeuten. Tom wurde stärker. Und darauf konnte ich gut verzichten.

>>Was unsere anderen Probleme betrifft...<<, begann Dumbledore.

>>Welches davon?<<

Er sah mich über seine Halbmondbrille hinweg an. >>Eine berechtigte Frage.<<

>>Harry?<<

>>Weiterhin keine Spur davon, wer seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat.<<

Mein Mund verzog sich. >>Ruby und ich kommen ebenfalls nicht weiter.<<

>>Das dachte ich mir.<<

>>Wir haben inzwischen gefühlt jeden verdächtigen Menschen in diesem Schloss durchleuchtet.<< Ein Gesicht schob sich ungebeten in meine Gedanken. Moody. Ich verdrängte es wieder. >>Und dennoch fehlt uns etwas.<<

>>Möglicherweise.<<

Ich lehnte mich zurück. >>Ich mag dieses Wort nicht.<<

>>Möglicherweise?<<

>>Nein. Etwas. Es bedeutet meistens, dass wir keine Ahnung haben, wonach wir suchen.<<

Dumbledore lächelte. >>Eine ausgesprochen nüchterne Betrachtung.<<

>>Ich bin Realistin.<< Der Bowtruckle auf meinem Schoß zog an meinem Ärmel. >>Meistens.<<

Dumbledores Blick wurde ernster. >>Der Anschlag auf dich macht die Situation allerdings komplizierter.<<

Ich nickte. Darüber hatte ich selbst mehr als genug nachgedacht. Jemand hatte Harry in das Turnier gebracht. Jemand hatte versucht, mich zu vergiften. Ob beides miteinander zusammenhing, wussten wir nicht. Aber ich glaubte nicht mehr an Zufälle. Nicht in diesem Schuljahr. >>Ich werde vorsichtiger sein.<<

>>Das hoffe ich.<<

>>Albus.<<

>>Lucinda.<<

>>Ich meine es ernst.<<

>>Das hoffe ich ebenfalls.<<

Ich verengte die Augen. >>Sie sind heute ausgesprochen anstrengend.<<

>>Ich habe gehört, diese Eigenschaft soll mit dem Alter zunehmen.<<

>>Dann möchte ich gar nicht wissen, wie Sie in weiteren fünfzig Jahren sind.<< Dumbledore lachte. Ich schüttelte den Kopf. >>Ich möchte dieses Schuljahr einfach wieder unter Kontrolle bekommen.<<

>>Ein ambitioniertes Ziel.<<

>>So schlimm ist es nun auch wieder nicht.<< Dumbledore sagte nichts. Ich begann aufzuzählen. >>Harrys Name wurde in den Feuerkelch geworfen. Jemand hat versucht, mich umzubringen. Moody beobachtet mich. Castor Thornbloom akzeptiert kein Nein. Ein Niffler hat beschlossen, mich mit Diebesgut zu überschütten. Die Bowtruckles sind inzwischen in den Slytherin-Gemeinschaftsraum eingezogen und Rita Kimmkorn—<<

Ich brach ab. Dumbledores Bart zuckte. >>Sagen Sie es nicht.<<

>>Ich habe nichts gesagt.<<

>>Sie wollten.<<

>>Möglicherweise.<<

Ich zeigte warnend auf ihn. >>Benutzen Sie dieses Wort nicht gegen mich.<< Dumbledore hob ergeben die Hände. Ich atmete aus. >>Von jetzt an konzentriere ich mich wieder ausschließlich auf meinen Auftrag.<<

>>Harry.<<

>>Harry.<< Meine Stimme wurde ernster. >>Jemand hat ihn in dieses Turnier gebracht. Und ich habe mich viel zu sehr ablenken lassen.<<

>>Du wurdest vergiftet, Lucinda. Ich würde das nicht unbedingt als freiwillige Ablenkung bezeichnen.<<

>>Sie wissen, was ich meine.<< Das wusste er. >>Keine Kimmkorn. Keine Thornbloom-Dramen. Keine unnötige Aufmerksamkeit. Ich werde recherchieren, Harry im Auge behalten und herausfinden, wer hinter all dem steckt.<<

Dumbledore faltete die Hände auf dem Schreibtisch. >>Ein vernünftiger Plan.<<

>>Danke.<<

>>Ob Hogwarts ihn ebenfalls für vernünftig hält, bleibt abzuwarten.<<

Ich starrte ihn an. >>Was soll das denn bedeuten?<<

>>Dieses Schloss besitzt eine bemerkenswerte Neigung, Pläne zu verändern.<<

>>Nicht meinen.<<

>>Natürlich nicht.<<

Da war es wieder. Dieses Funkeln. >>Warum sehen Sie mich so an?<<

>>Wie sehe ich dich denn an?<<

>>Als wüssten Sie bereits, welche Katastrophe als Nächstes auf mich wartet.<<

>>Ich besitze bedauerlicherweise keine hellseherischen Fähigkeiten.<<

>>Das beruhigt mich überhaupt nicht.<< Dumbledore lächelte. Ich erhob mich. >>Gut. Dann wären wir fertig.<<

>>Fast.<<

Ich erstarrte. >>Was noch?<<

Dumbledore betrachtete mich einen Augenblick. Dann sagte er mit geradezu beleidigender Beiläufigkeit: >>Ich hoffe lediglich, dass dein Wunsch nach weniger Aufmerksamkeit nicht bedeutet, dass du künftig jede Form davon grundsätzlich ablehnst.<<

Ich blinzelte. >>Wie bitte?<<

>>Aufmerksamkeit kann durchaus verschiedene Ursachen haben.<<

Meine Augen wurden schmal. Nein. Das tat er nicht. >>Professor Dumbledore.<<

>>Ja?<<

>>Falls das eine Anspielung auf diesen Artikel war—<<

>>Habe ich Rita Kimmkorn erwähnt?<<

>>Nein.<<

>>Professor Snape?<< Ich starrte ihn an. Dumbledores Gesicht war vollkommen unschuldig. >>Nein.<<

>>Mr. Thornbloom?<<

>>Hören Sie auf.<< Seine Augen funkelten. Bei Merlin. Er tat es tatsächlich. >>Sie sind der Schulleiter.<<

>>Das ist korrekt.<<

>>Sie sollten vernünftig sein.<<

>>Ich bemühe mich.<<, meinte er, doch ich schnaubte.

>>Nicht besonders erfolgreich.<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter piepste. Ich zeigte auf ihn. >>Und du hilfst ihm nicht.<<

Dumbledore schmunzelte. >>Vielleicht solltest du Rita Kimmkorns Artikel tatsächlich nicht allzu ernst nehmen.<<

>>Das tue ich nicht!<<

>>Ausgezeichnet.<<

>>Er ist vollkommen absurd.<<

>>Selbstverständlich.<<

Ich hielt inne. Diese Antwort. Dieser Tonfall. Warum benutzten ältere Zauberer eigentlich ständig das Wort selbstverständlich , wenn sie ganz offensichtlich das genaue Gegenteil meinten? >>Sie glauben doch nicht etwa—<<

Dumbledore hob beide Hände. >>Ich glaube sehr vieles, Lucinda.<<

>>Das ist keine Antwort.<<

>>Das habe ich von Severus gestern ebenfalls gehört.<<

Ich erstarrte. >>Sie haben mit Professor Snape darüber gesprochen?<< Dumbledores Gesichtsausdruck verriet mir augenblicklich, dass ich diese Frage besser nicht gestellt hätte. >>Ich gehe.<<

>>Lucinda—<<

>>Nein.<< Ich nahm den Bowtruckle von meinem Schoß und setzte ihn auf meine freie Schulter. >>Das Gespräch ist beendet.<<

>>Ich hatte nicht vor—<<

>>Sehr gut. Behalten Sie diesen Vorsatz bei.<< Ich ging zur Tür.

>>Und Lucinda?<<

Meine Hand lag bereits auf der Klinke. Ich schloss die Augen. >>Was?<<

>>Versuch trotzdem, ein wenig Freude an diesem Schuljahr zu haben. Du bist nicht ausschließlich hier, um Gefahren abzuwehren.<<

Diesmal lag kein Schalk in seiner Stimme. Ich sah über die Schulter. Dumbledore lächelte nur. Sanft. Fast traurig. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Denn vielleicht verstand er besser als jeder andere, weshalb ich das nicht konnte. Ich hatte kein normales Leben. Nicht mehr. Vielleicht nie wieder.

>>Harry zuerst<<, sagte ich schließlich.

Dumbledore nickte. >>Harry zuerst.<<

Ich öffnete die Tür. >>Und keine weiteren Schlagzeilen.<<

>>Darauf habe ich leider nur begrenzten Einfluss.<<

>>Dann nehmen Sie Einfluss. Sie sind Dumbledore. Ihnen fällt schon etwas ein.<<

Sein Lachen folgte mir hinaus.

Kaum hatte sich die Tür hinter mir geschlossen, atmete ich tief durch. Das war also beschlossen. Schluss mit Ablenkungen. Schluss mit Rita Kimmkorn. Schluss mit Castor Thornbloom. Und ganz besonders Schluss mit irgendwelchen absurden Gedanken über Professor Snape und ein angeblich leidenschaftliches Herz .

Der Bowtruckle auf meiner linken Schulter zupfte an meinem Haar. >>Nein.<< Piepsen. >>Ich weiß nicht, warum ihr plötzlich alle eine Meinung dazu habt.<<

Noch ein Piepsen. Ich ging die Wendeltreppe hinunter. Von jetzt an gab es nur noch meinen Auftrag. Harry. Den Feuerkelch. Denjenigen, der hinter all dem steckte. Und Tom. Alles andere war unwichtig.

Ich würde herausfinden, wer Harry in Gefahr gebracht hatte. Ich würde verhindern, dass derjenige sein Ziel erreichte. Und wenn es nötig war, würde ich jeden einzelnen Verdächtigen in Hogwarts noch einmal unter die Lupe nehmen. Diesmal gründlicher. Keine Ablenkungen mehr. Keine Gefühle. Keine Schlagzeilen.

Ich trat zurück in den Korridor. Zwei vorbeigehende Ravenclaws sahen mich. Eine von ihnen flüsterte: >>Das ist sie.<<

Die andere kicherte. >>Der Traum aller Männer.<<

Ich blieb stehen. Die Bowtruckles piepsten. Ich sah zur Decke. >>Ich gebe auf.<<

Und irgendwo tief in meinem Inneren hatte ich das ungute Gefühl, dass mein ruhigeres Schuljahr gerade erst angefangen hatte, endgültig aus dem Ruder zu laufen.

***

Severus PoV

Severus Snape hatte schon bessere Wochen erlebt. Genau genommen hatte er auch schon bessere Monate erlebt. Und wenn Hogwarts nicht augenblicklich aufhörte, sich für Rita Kimmkorns journalistische Fantasien zu interessieren, würde er möglicherweise bald damit beginnen, bessere Jahrzehnte aufzuzählen.

Die neueste Entwicklung hatte ihn beim Mittagessen erreicht. Er hatte gerade versucht, in relativer Ruhe eine Tasse Tee zu trinken, als Professor Flitwick sich neben ihm geräuspert hatte. >>Haben Sie eigentlich schon gehört, wie Miss Stonefield inzwischen genannt wird?<<

Severus hatte nicht aufgesehen. >>Nein. Und ich verspüre keinerlei Bedürfnis, diese Wissenslücke zu schließen.<<

>>Der Traum aller Männer.<<

Severus' Hand war mitten in der Bewegung erstarrt. Minerva, die auf seiner anderen Seite gesessen hatte, hatte ausgesprochen plötzlich großes Interesse an ihrem Teller entwickelt. >>Wie bitte?<<, brachte Severus hervor.

Flitwick hatte gelächelt. >>Offenbar hat sich diese Bezeichnung unter den Schülern verbreitet. Nach Kimmkorns Artikel.<<

Natürlich. Severus hatte seine Tasse abgestellt. Sehr langsam. >>Ich frage mich täglich aufs Neue, weshalb wir Schülern gestatten, miteinander zu kommunizieren.<< Minerva hatte sich geräuspert. Verdächtig. Severus hatte den Kopf gedreht. >>Haben Sie etwas beizutragen?<<

>>Keineswegs.<<

>>Dann hören Sie auf, so auszusehen.<<

Minerva hob eine Augenbraue. >>Wie sehe ich denn aus?<<

>>Amüsiert.<<

>>Vielleicht bin ich das.<< Severus hatte sie finster angesehen. Minerva war vollkommen unbeeindruckt geblieben. >>Sie müssen zugeben, Severus, dass die ganze Angelegenheit eine gewisse Komik besitzt.<<

>>Nein. Muss ich nicht.<<

>>Kimmkorns Darstellung ist natürlich vollkommen absurd.<<

Er schnaubte. >>Endlich etwas Vernünftiges.<<

>>Allerdings war Ihre Reaktion auf Mr. Thornbloom durchaus—<<

>>Minerva.<<

Sie hatte ihre Tasse angehoben. >>Ich schweige bereits.<<

>>Tun Sie das gründlicher.<<

Flitwick hatte gelacht. Severus war gegangen. Seitdem hatte sich seine Laune nicht verbessert.

Am Nachmittag rauschte er durch die Korridore der Kerker und versuchte mit mäßigem Erfolg, die vergangenen vierundzwanzig Stunden aus seinen Gedanken zu verbannen. Es gelang ihm nicht. Schuld daran war vor allem Albus.

Allerdings entstehen die überzeugendsten Geschichten häufig dort, wo zumindest ein kleiner Funken Wahrheit vorhanden ist.

Severus' Mund verzog sich. Unsinn. Vollkommener Unsinn. Er hatte keine Ahnung, was Albus mit dieser Bemerkung bezwecken wollte. Genauer gesagt: Er wollte es nicht wissen. Seit wann interessierte es ihn überhaupt, welche romantischen Fantasien Rita Kimmkorn über ihn verbreitete?

Es war lächerlich. Ebenso lächerlich wie Thornblooms Behauptung, Severus würde in ihm einen Rivalen sehen. Bei dem Gedanken verlangsamten sich seine Schritte. Thornbloom.

Severus' Augen verengten sich. Der Junge ging ihm inzwischen mit einer beeindruckenden Zuverlässigkeit auf die Nerven. Nicht nur wegen seiner katastrophalen Fähigkeiten im Brauen. Nicht nur wegen seiner vollkommen übersteigerten Meinung von sich selbst. Und selbstverständlich auch nicht wegen Lucinda Stonefield.

Severus blieb stehen. Warum hatte er überhaupt an sie gedacht? Weil Thornbloom sie bedrängt hatte. Das war alles. Er setzte seinen Weg fort. Castor Thornbloom war vierzehn Jahre alt. Die bloße Vorstellung, Severus könnte diesen Jungen als romantischen Rivalen betrachten, war derart grotesk, dass er nicht wusste, ob er darüber lachen oder jemanden dafür bestrafen sollte.

Vorzugsweise Thornbloom. Immerhin war er derjenige gewesen, der diesen Unsinn in der Großen Halle auch noch laut ausgesprochen hatte.

Snape sieht mich als Rivalen.

Severus' Gesicht verdüsterte sich. Anmaßender kleiner—

Ein Geräusch ließ ihn innehalten. Er befand sich inzwischen in einem ruhigeren Seitengang des Schlosses. Die meisten Schüler waren draußen oder in ihren Gemeinschaftsräumen. Aus einem der ungenutzten Klassenzimmer drang ein leises Kichern. Severus blieb stehen. Noch ein Kichern. Dann Flüstern.

Er schloss kurz die Augen. Natürlich. Es gab Momente, in denen er seine Tätigkeit als Lehrer ernsthaft infrage stellte. Dieser gehörte dazu.

Mit einer fließenden Bewegung öffnete er die Tür. Zwei Gestalten fuhren auseinander. Severus erkannte die erste augenblicklich. Rotblondes Haar. Slytherin-Robe. Castor Thornbloom. Natürlich. Warum hatte Severus auch nur für einen Moment angenommen, das Universum könnte ihm heute eine Pause gönnen?

Das Mädchen neben ihm trug Hufflepuff-Farben. Ihre Haare waren zerzaust. Thornblooms ebenfalls. Severus betrachtete beide. Lange. Sehr lange.

Das Hufflepuff-Mädchen wurde rot. Castor versuchte immerhin, den Eindruck zu erwecken, er hätte nicht gerade in einem verlassenen Klassenzimmer mit ihr herumgeknutscht. Es gelang ihm nicht. >>Professor Snape.<<

>>Mr. Thornbloom.<< Severus' Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. >>Wie beruhigend.<<

Castor blinzelte. >>Sir?<<

Severus trat in den Raum. >>Ich hatte nach Ihrer gestrigen großzügigen Ankündigung bereits befürchtet, Sie könnten ernsthaft versuchen, mir Ratschläge auf dem Gebiet zwischenmenschlicher Beziehungen zu erteilen.<<

Castors Gesicht nahm langsam dieselbe Farbe wie seine Haare an. Das Hufflepuff-Mädchen sah verwirrt zwischen ihnen hin und her. >>Professor, ich—<<

>>Doch angesichts dessen, was ich hier vorfinde, darf ich erleichtert feststellen, dass ich auf Ihre Expertise offenbar keineswegs angewiesen bin.<< Severus verschränkte die Arme. >>Sie scheinen schließlich selbst erhebliche Schwierigkeiten zu besitzen, sich auf eine Dame festzulegen.<<

Stille. Castor öffnete den Mund. Schloss ihn. Das Hufflepuff-Mädchen drehte langsam den Kopf zu ihm. Oh. Interessant. >>Auf eine Dame?<<, fragte sie.

Thornbloom wurde blass. >>Das meint er nicht so.<<

Severus hob eine Augenbraue. >>Tue ich das nicht?<<

Castor sah ihn an. In seinem Blick lag eine eindeutige Bitte. Severus verspürte keinerlei Mitleid. >>Professor—<<

>>Soweit ich mich erinnere, waren Sie erst vor wenigen Tagen noch außerordentlich bemüht, Miss Stonefield von Ihren Qualitäten als Ballbegleitung zu überzeugen.<<

Das Mädchen sah Castor jetzt nicht mehr verwirrt an. Sie sah ihn wütend an. >>Lucinda Stonefield?<<

>>Das ist nicht—<<

>>Und gestern<<, fuhr Severus mit geradezu chirurgischer Präzision fort, >>waren Sie laut eigener Aussage noch überzeugt, mit mir um ihre Aufmerksamkeit konkurrieren zu müssen.<<

>>Professor!<<

>>Was?<<, fragte das Mädchen.

Castor sah aus, als wünsche er sich einen plötzlichen Tod. Severus hingegen stellte fest, dass sich seine Laune erstmals an diesem Tag geringfügig besserte. Merkwürdig. >>Du hast gesagt, das mit Stonefield wäre vorbei!<<, zischte das Hufflepuff-Mädchen.

>>Ist es auch!<<

Severus' Augen wurden schmal. Ist es auch. Gut. Ausgezeichnet. Genau so sollte es sein. Warum dieser Satz eine unerwartet angenehme Wirkung auf seine Stimmung hatte, war vollkommen irrelevant. >>Offenbar<<, bemerkte Severus trocken, >>ist Ihre Definition von vorbei ähnlich zuverlässig wie Ihre Fähigkeiten im Zaubertrankbrauen.<<

Castor sah ihn entsetzt an. >>Sir!<<

Das Mädchen schnappte sich ihre Tasche. >>Du bist unmöglich.<<

>>Warte doch—<< Sie rauschte an Severus vorbei. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Stille. Castor starrte sie an. Dann zu Severus. >>Musste das sein?<<

Severus hob langsam eine Augenbraue. >>Verzeihung?<<

>>Sie hätten doch nicht gleich Stonefield erwähnen müssen.<<

>>Ich dachte, Ihre bemerkenswerten Erfolge bei Frauen wären ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Persönlichkeit.<<

Castor kniff die Augen zusammen. >>Sie machen das mit Absicht.<<

>>Was für eine scharfsinnige Beobachtung. Fünf Punkte für Slytherin.<<

Castors Gesicht hellte sich auf. Severus wartete eine Sekunde. >>Und zehn Punkte Abzug dafür, dass Sie ein leeres Klassenzimmer für Ihre privaten Vergnügungen missbrauchen.<<

>>Das ist nicht fair!<<

>>Fünfzehn.<< Castor verstummte. Severus sah ihn an. >>Möchten Sie zwanzig ausprobieren?<<

>>Nein, Professor.<<

>>Eine Ihrer klügeren Entscheidungen.<<

Castor schnappte sich seine Tasche. Er ging zur Tür. Dann blieb er stehen. Severus hätte wissen müssen, dass der Junge nicht vernünftig genug war, einfach zu verschwinden. >>Professor?<<

>>Was?<<

Castor drehte sich zu ihm um. Ein gefährlich bekanntes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. >>Sie interessieren sich ganz schön dafür, was zwischen mir und Stonefield läuft.<<

Severus wurde vollkommen still. Das Grinsen verschwand augenblicklich wieder. >>Raus.<<

>>War nur eine Feststellung.<<

>>Thornbloom.<<

>>Schon weg.<< Die Tür fiel hinter ihm zu.

Severus blieb allein zurück. Seine Augen ruhten auf der Stelle, an der Castor eben noch gestanden hatte. Sie interessieren sich ganz schön dafür.

>>Idiot.<<

Severus verließ das Klassenzimmer. Er interessierte sich nicht dafür. Er war Hauslehrer. Thornbloom war ein Schüler seines Hauses. Stonefield ebenfalls. Es gehörte zu seinen Aufgaben, derartige Dinge zu registrieren. Ganz einfach.

Außerdem war Castors Verhalten verantwortungslos. Heute dieses Hufflepuff-Mädchen. Gestern Lucinda. Davor vermutlich irgendeine andere.

Severus verzog das Gesicht. Und ausgerechnet dieser Junge hatte ihm Ratschläge beim Flirten anbieten wollen. Lächerlich. Seine Schritte hallten durch den Korridor. Ein kleiner Funken Wahrheit.

Severus blieb abrupt stehen. Albus. Schon wieder. Er presste Daumen und Zeigefinger gegen seine Nasenwurzel. >>Ich werde diesen Mann irgendwann verfluchen.<<

Eine vorbeigehende Zweitklässlerin hörte den Satz. Sie beschleunigte augenblicklich ihre Schritte. Severus sah ihr finster hinterher. >>Nicht Sie.<<

Das Mädchen begann zu rennen. Severus schloss die Augen. Hervorragend. Ein wirklich hervorragender Tag. Und dann hörte er aus einem Korridor weiter vorn zwei Schülerinnen miteinander tuscheln. >>...Traum aller Männer...<<

Severus öffnete die Augen. Nein. Er drehte sich um. Heute würde er sein Büro nicht mehr verlassen. Vielleicht auch morgen nicht. Und sollte irgendjemand dort eine weitere Ausgabe des Tagespropheten für ihn hinterlegt haben, würde er die Hauselfen persönlich darüber informieren, dass Rita Kimmkorn in seinen privaten Räumen ab sofort als verbotene Substanz galt.

Wenigstens eine Sache an diesem vollkommen absurden Tag wusste Severus inzwischen mit absoluter Gewissheit: Von Castor Thornbloom benötigte er ganz bestimmt keine Tipps. Warum ihn diese Erkenntnis derart zufriedenstellte, würde er allerdings nicht weiter untersuchen.

***

Ruby PoV

Während andere Menschen ihre Weihnachtsferien offenbar damit verbrachten, auszuschlafen, Süßigkeiten zu essen oder sich darüber zu unterhalten, wer angeblich der Traum aller Männer war, saß ich seit den frühen Morgenstunden in der Bibliothek. Man musste eben Prioritäten setzen.

Vor mir stapelten sich alte Ausgaben des Tagespropheten, Bücher über den ersten Zaubererkrieg und mehrere Pergamente voller Notizen. Madam Pince hatte mich inzwischen zweimal misstrauisch angesehen. Beim dritten Mal hatte ich aufgehört, zurückzulächeln. Ich hatte eine Mission. Und diese Mission hieß Severus Snape.

Nicht, weil ich plötzlich ein übermäßiges Interesse an Professor Fledermaus entwickelt hatte. Zumindest nicht auf die Art, die Rita Kimmkorn vermutlich daraus gemacht hätte. Nein. Schuld daran war Karkaroff.

Noch immer sah ich die beiden vor mir. Den dunklen Korridor. Karkaroffs Anspannung. Seine Hand an seinem Ärmel. Snapes Reaktion. Und vor allem hörte ich diese drei Worte. Er kommt zurück.

Ich wusste, wer Igor Karkaroff war. Lucinda und ich hatten nie einen Zweifel daran gehabt, dass der Leiter von Durmstrang früher zu Voldemorts Anhängern gehört hatte. Ein Todesser. Lucinda hatte entsprechend wenig für ihn übrig. Eigentlich gar nichts. Einmal Todesser, immer Todesser.

Das war ihre Meinung. Konsequent. Unerbittlich. Und angesichts dessen, was Tom getan hatte, konnte ich ihr diese Haltung nicht einmal verdenken. Aber genau deshalb saß ich hier.

Denn Karkaroff hatte sich beim Weihnachtsball ausgerechnet an Severus Snape gewandt. Nicht an Dumbledore. Nicht an einen Auror. Nicht an irgendeinen anderen Lehrer. An Snape. Und Snape hatte verstanden. Ohne Erklärung. Ohne Nachfrage. Ich zog eine weitere alte Zeitung aus dem Stapel. >>Also gut, Professor<<, murmelte ich. >>Was verbergen Sie?<<

Die ersten Stunden brachten erschreckend wenig. Severus Snape schien eine bemerkenswerte Begabung dafür zu besitzen, selbst in alten Zeitungsarchiven schlechte Laune zu verbreiten. Sein Name tauchte auf. Vereinzelt.

Manchmal in Berichten über Hogwarts. Manchmal nur beiläufig. Aber nichts davon erklärte Karkaroff. Ich rieb mir die Augen.

Vielleicht verrannte ich mich. Vielleicht hatte ihre Unterhaltung überhaupt nichts mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu tun. Vielleicht hatte Karkaroff sich an Snape gewandt, weil dieser Dumbledore nahestand. Das wäre logisch. Sogar ausgesprochen logisch. Nur passte der Unterarm nicht dazu.

Karkaroff hatte ihm etwas gezeigt. Und Snape hatte sofort gewusst, was es bedeutete. Ich griff nach meinen Notizen.

Karkaroff – ehemaliger Todesser.

Darunter:

Kennt andere Todesser.

Zeigt Snape Unterarm.

Snape versteht sofort.

„Er kommt zurück.“

Ich starrte darauf. Die Schlussfolgerung lag direkt vor mir. Ich wollte sie nur nicht ziehen. Also suchte ich weiter. Eine weitere Zeitung. Noch eine. Berichte über Prozesse. Verhaftungen. Askaban.

Namen von Männern und Frauen, die nach Voldemorts Verschwinden angeklagt worden waren. Manche hatten behauptet, unter dem Imperius-Fluch gestanden zu haben. Andere waren verurteilt worden. Wieder andere waren freigekommen.

Ich blätterte weiter. Dann hielt ich inne. Meine Augen wanderten zurück. Ein Name. Ich zog die Zeitung näher. Las die entsprechende Passage. Dann noch einmal.

Mein Herz begann schneller zu schlagen. >>Nein.<<

Ich suchte die Zeile erneut. Vielleicht hatte ich mich verlesen. Hatte ich nicht. Dort stand sein Name. Severus Snape.

Nicht ausführlich. Kein großer Bericht über einen Prozess. Keine dramatische Schlagzeile. Nur ein kleiner Hinweis im Zusammenhang mit ehemaligen Anhängern Voldemorts und Dumbledores Bürgschaft für einen Mann, der nach dessen Verschwinden auf die andere Seite gewechselt hatte. Mehr brauchte ich nicht.

Meine Hand wurde kalt. Langsam legte ich die Zeitung auf den Tisch. >>Bei Merlin...<<

Ich hatte recht gehabt. Severus Snape war ein Todesser gewesen.

Eine ganze Weile bewegte ich mich nicht. Um mich herum herrschte die übliche Stille der Bibliothek. Pergament raschelte. Irgendwo wurde eine Seite umgeblättert. Madam Pince sortierte Bücher. Alles war vollkommen normal.

Nur meine Gedanken waren es nicht mehr. Professor Snape. Ein Todesser.

Ich versuchte, beide Begriffe miteinander zu verbinden. Es gelang mir nicht. Was vermutlich lächerlich war. Severus Snape trug ausschließlich Schwarz. Er lebte in einem Kerker. Er konnte mit einem einzigen Blick ganze Schulklassen verstummen lassen. Er besaß vermutlich mehr Kenntnisse über dunkle Magie als die Hälfte der Menschen, die sich offiziell damit beschäftigten.

Wenn irgendjemand optisch sämtliche Voraussetzungen für einen ehemaligen Todesser erfüllte, dann Professor Fledermaus. Und trotzdem—

Nein. Ich lehnte mich zurück. Etwas passte nicht. Ich dachte an Dumbledore. Der Schulleiter vertraute Snape. Nicht widerwillig. Nicht oberflächlich. Er vertraute ihm mit Dingen, die er anderen Menschen verschwieg. Warum?

Wenn Severus Snape wirklich einmal Voldemort gedient hatte, musste Dumbledore davon wissen. Offensichtlich hatte er sogar für ihn gebürgt. Also warum beschäftigte Snape noch immer eine der wichtigsten Positionen in Hogwarts? Warum war er Hauslehrer? Warum gehörte er zu Dumbledores engsten Vertrauten?

Ich sah wieder auf die Zeitung. Auf die andere Seite gewechselt.

Warum? Was hatte Severus Snape dazu gebracht? Ich wusste es nicht. Und plötzlich war das viel beunruhigender als die Tatsache selbst. Denn ich kannte Todesser. Nicht jeden Einzelnen. Aber ich wusste, was sie getan hatten.

Ich hatte erlebt, was Toms Aufstieg mit der magischen Welt gemacht hatte. Diese Menschen hatten ihm freiwillig gedient. Seine Befehle ausgeführt. Seine Ideologie unterstützt. Und Severus Snape war einer von ihnen gewesen. Mein Magen zog sich zusammen. Lucinda.

Ich schloss die Augen. Einmal Todesser, immer Todesser. Wenn ich ihr erzählte, was ich gerade herausgefunden hatte, wusste ich genau, was geschehen würde. Sie würde sich von ihm zurückziehen. Sofort.

Vielleicht wäre das sogar richtig. Der Gedanke kam unangenehm schnell.

Was wusste ich schließlich wirklich über Severus Snape? Dass er ein hervorragender Zaubertränkemeister war. Dass er ausgesprochen unangenehm werden konnte. Dass er Dumbledore nahestand. Dass er Lucinda beobachtete. Sehr genau sogar. Vielleicht zu genau.

Mein Blick fiel auf meine Notizen. Plötzlich bekam alles eine andere Bedeutung. Was, wenn ich sein Verhalten falsch interpretiert hatte? Was, wenn es überhaupt nichts mit persönlichem Interesse an Lucinda zu tun hatte? Was, wenn Snape etwas wusste?

Nein. Ich richtete mich auf. Das war möglich. Und ich durfte diese Möglichkeit nicht ignorieren, nur weil ich Professor Fledermaus inzwischen lieber mochte, als ich vermutlich zugeben wollte. Wenn Severus Snape einst Tom gedient hatte—

Was wollte er dann von Lucinda? Wusste er, wer sie war?

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Nein. Dafür gab es keinen Hinweis. Keinen einzigen. Wenn Snape ihre Identität kennen würde, hätte er längst anders reagiert. Oder?

Ich begann unruhig mit meiner Feder zu spielen. Er beobachtete sie. Er stellte Fragen. Er misstraute ihr. Aber das tat er, weil Lucinda sich verdächtig verhielt.

Bei Merlin, ich hätte Lucinda misstraut, wenn ich ihre Geschichte nicht gekannt hätte. Sie war angeblich vierzehn und braute Tränke, als hätte sie jahrzehntelange Erfahrung. Sie reagierte auf bestimmte Ereignisse vollkommen anders als andere Schüler. Sie kannte Dinge, die sie nicht kennen sollte. Und sie besaß ungefähr so viel Talent darin, glaubwürdige Erklärungen zu liefern, wie Castor Thornbloom im treuen Werben um eine einzige Frau.

Ich verzog den Mund. Nein. Snapes Misstrauen bewies nichts. Aber seine Vergangenheit änderte trotzdem alles. Ich dachte an den Giftanschlag. An Lucinda, regungslos im Krankenbett. An Professor Snape.

Er hatte ihr das Leben gerettet. Nicht Dumbledore. Nicht Madam Pomfrey. Snape. Er hatte das Gift erkannt. Das Gegengift hergestellt. Danach hatte er begonnen, nach dem Täter zu suchen.

Warum sollte ein Mann, der Lucinda schaden wollte, ihr das Leben retten? Vielleicht um seinen Verdacht nicht zu erregen? Ich schüttelte sofort den Kopf. Das war absurd. Oder wollte ich nur, dass es absurd war?

>>Verdammt.<<

Madam Pince hob den Kopf. Ich lächelte entschuldigend. Sie sah mich an, als erwäge sie, mich persönlich aus der Bibliothek zu werfen. Ich senkte den Blick. Gut. Noch einmal. Sachlich.

Severus Snape war ein ehemaliger Todesser. Das war eine Tatsache. Dumbledore wusste davon. Ebenfalls eine Tatsache. Dumbledore vertraute ihm trotzdem. Das war keine Vermutung. Das hatte ich mit eigenen Augen gesehen. Snape hatte Lucinda das Leben gerettet. Fakt. Er hatte sie vor Castor geschützt. Fakt.

Er beobachtete sie ungewöhnlich aufmerksam. Ebenfalls Fakt. Seine Absichten?

Unbekannt.

Ich zog ein frisches Pergament zu mir. Schrieb:

Severus Snape – ehemaliger Todesser.

Darunter:

Heute loyal zu wem?

Ich hielt inne. Dann:

Dumbledore vertraut ihm. Warum?

Darunter:

Was will er von Lucinda?

Meine Feder verharrte. Ich betrachtete die Frage. Vor wenigen Tagen hätte ich darauf noch eine vollkommen andere Antwort gegeben. Vielleicht mochte er sie. Vielleicht sogar mehr, als ihm selbst bewusst war.

Ich hatte gesehen, wie er sie ansah. Beim Weihnachtsball. Nach dem Giftanschlag. Wenn Castor ihr zu nahe kam. Und Rita Kimmkorns Artikel war zwar ein journalistisches Verbrechen gewesen, aber selbst ich hatte zugeben müssen, dass Professor Fledermaus bei Lucinda eine bemerkenswerte Leidenschaft an den Tag legte. Wenn auch meistens in Form finsterer Blicke und gereizter Kommentare.

Jetzt wusste ich nicht mehr, was ich davon halten sollte. War es Sorge? Misstrauen? Interesse? Oder etwas vollkommen anderes?

Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht hatte ich in seinem Verhalten etwas gesehen, das überhaupt nicht existierte. Aber dann erinnerte ich mich an Lucindas Zusammenbruch. An Snapes Gesicht. An seine Reaktion. Nein. Das konnte ich nicht einfach wegdiskutieren.

Dieser Mann hatte Angst um sie gehabt. Ich hatte es gesehen. Und ich glaubte nicht, dass Severus Snape gut darin war, Angst vorzutäuschen. Ganz im Gegenteil. Er war vermutlich nicht einmal gut darin, zuzugeben, dass er dieses Gefühl überhaupt besaß.

Ich legte die Feder hin. >>Wer sind Sie wirklich?<<, murmelte ich.

Wieder keine Antwort. Unhöflich. Passte immerhin zu ihm.

***

Ich wusste nicht, wie lange ich schließlich auf das Pergament starrte. Irgendwann gelangte ich zu einer Erkenntnis, die mir überhaupt nicht gefiel. Ich wollte Lucinda nichts davon erzählen. Nicht jetzt. Allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Lucinda und ich hatten keine Geheimnisse voreinander. Nicht wirklich. Nach allem, was wir gemeinsam durchgestanden hatten, gab es kaum etwas, das die andere nicht wusste.

Tom. Der Fluch. Unsere Vergangenheit. Unsere Ängste. Unsere Fehler. Jahrzehnte. Und nun saß ich hier und erwog ernsthaft, ihr etwas zu verschweigen. Ich hasste es. Aber ich kannte meine beste Freundin.

Wenn ich ihr heute sagte: Severus Snape war ein Todesser. Dann würde sie den Rest kaum noch hören. Nicht Dumbledores Vertrauen. Nicht die Tatsache, dass Snape offenbar die Seiten gewechselt hatte. Nicht meine Zweifel. Nur dieses eine Wort. Todesser.

Und danach würde sie sich zurückziehen. Lucinda würde keinen Streit anfangen. Sie würde Snape nicht anschreien. Sie würde ihn vermutlich nicht einmal mit meiner Erkenntnis konfrontieren. Nein. Sie würde etwas tun, das viel schlimmer war. Sie würde ihre Mauern wieder hochziehen.

Jedes vorsichtige Stück Vertrauen, das zwischen ihnen in den vergangenen Monaten entstanden war, würde verschwinden. Sie würde wieder ausschließlich Professor Snape sehen. Den ehemaligen Diener ihres Bruders.

Und Snape? Der würde es bemerken. Natürlich würde er es bemerken. Dieser Mann registrierte schließlich bereits, wenn Lucinda beim Tränkebrauen eine halbe Sekunde länger als gewöhnlich auf ihren Kessel sah.

Wenn sie sich plötzlich von ihm zurückzog, würde sein ohnehin vorhandenes Misstrauen explodieren. Er würde Fragen stellen. Lucinda würde ausweichen. Snape würde noch misstrauischer werden. Und am Ende hätten wir möglicherweise ein Problem erschaffen, obwohl ich nicht einmal wusste, ob eines existierte.

Ich sah wieder auf den alten Zeitungsartikel. Vielleicht machte ich einen Fehler. Vielleicht war es unverantwortlich, Lucinda nichts zu sagen. Vielleicht würde ich mir später wünschen, ich hätte es getan. Aber ich konnte Severus Snape nicht ansehen und in ihm einen bösen Mann erkennen. Das war mein eigentliches Problem.

Schwierig? Oh ja. Unausstehlich? Regelmäßig. Launisch? Beinahe professionell.

Aber böse? Nein. Nicht der Mann, den ich in den letzten Monaten beobachtet hatte. Und vielleicht war genau das mein Fehler. Oder Lucindas Satz war nicht so unumstößlich, wie sie glaubte. Einmal Todesser, immer Todesser.

Ich betrachtete die Worte auf meinem Pergament.

Dumbledore vertraut ihm. Warum?

Das war die entscheidende Frage.

Wenn Severus Snape tatsächlich einmal Tom gedient hatte, dann musste Dumbledore davon wissen. Mehr noch. Er hatte offenbar für ihn gebürgt. Also kannte Albus einen Teil der Geschichte, den ich nicht kannte. Und solange mir dieser Teil fehlte, hatte ich kein Recht, über Severus Snape zu urteilen.

Vielleicht auch kein Recht, Lucindas gerade wachsendes Vertrauen in ihn zu zerstören. Ich faltete das Pergament zusammen. Meine Finger zögerten. Das hier war neu. Ein Geheimnis. Vor Lucinda. Ausgerechnet vor Lucinda.

Ein unangenehmer Druck legte sich auf meine Brust. >>Verzeih mir<<, flüsterte ich.

Mit einer Bewegung meines Zauberstabes ließ ich meine Notizen verschwinden. Noch würde ich ihr nichts erzählen. Nicht mit einer halben Wahrheit. Nicht mit einer Vergangenheit, deren Hintergründe ich nicht verstand. Und ganz sicher nicht mit einer Anschuldigung, bei der ich genau wusste, welche Wirkung sie auf meine beste Freundin haben würde.

Ich brauchte Gewissheit. Bis dahin würde ich Snape beobachten. Nicht als Feind. Noch nicht. Aber auch nicht mehr vollkommen unvoreingenommen.

Denn gestern hatte ich mich noch gefragt, ob Professor Severus Snape vielleicht Gefühle für Lucinda Stonefield entwickelte. Heute wusste ich, dass dieser Mann einst ihrem Bruder gedient hatte. Und ausgerechnet deshalb wurde eine andere Frage plötzlich viel wichtiger: Warum hatte Severus Snape damit aufgehört?

Ich blickte auf die Stelle, an der eben noch meine Notizen gelegen hatten.

Vielleicht lag genau darin die Antwort darauf, wer Professor Fledermaus wirklich war. Und bis ich sie gefunden hatte, würde dieses Geheimnis meines bleiben.