Mit anderen Augen
Mit anderen Augen
Hallo, meine Lieben :) Tja, der September ist auch bald rum und schon stehen überall bereits die Weihnachtssachen. Naja, ein bisschen Zeit haben wir ja noch ;) Nur in Hogwarts ist schon Weihnachtsstimmung und dieses Fest bringt natürlich ebenfalls wieder ein paar Ereignisse mit sich ;) Viel Spaß beim Weiterlesen!
Liebe Grüße,
eure Melody
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Mit anderen Augen
Lucinda PoV
Weihnachten in Hogwarts war schon immer etwas Besonderes gewesen. Selbst nach all den Jahren hatte sich daran erstaunlich wenig geändert. Die Korridore waren mit Tannenzweigen und Stechpalmen geschmückt. In der Großen Halle schwebten die gewaltigen Weihnachtsbäume bis beinahe an die verzauberte Decke, und aus irgendeinem Grund schien selbst das alte Gemäuer in diesen Tagen ein wenig wärmer zu wirken. Vor allem aber war es ruhiger.
Die meisten Schüler waren über die Ferien nach Hause gefahren. Keine überfüllten Korridore. Kein Gedränge. Kaum Unterricht. Und – zu meinem außerordentlichen Wohlgefallen – seit mehreren Tagen keine neue Ausgabe des Tagespropheten, in der mein Liebesleben erfunden wurde. Vielleicht hatte Rita Kimmkorn endlich ein anderes Opfer gefunden. Ich wünschte diesem unbekannten Menschen viel Kraft.
Meine eigenen Ferien verbrachte ich überwiegend draußen. Ruby war mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, Harry genoss wenigstens ein paar ruhigere Tage, und meine Nachforschungen über den Feuerkelch waren an einem Punkt angelangt, an dem ich dieselben Hinweise zum fünften Mal überprüfte. Also hatte ich beschlossen, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Bei den Bowtruckles.
>>Nein, der muss weiter nach links.<< Der kleine Baumwächter neben meiner Hand piepste empört. >>Ich weiß, dass du anderer Meinung bist. Aber wenn du den Zweig dort befestigst, hält er nicht.<< Noch ein Piepsen. >>Gut. Dann mach es eben falsch.<<
Er tat es. Der Zweig löste sich. Der Bowtruckle starrte ihn an. Ich hob eine Augenbraue. >>Kein Wort.<< Er sah mich an. >>Ich habe nichts gesagt.<<
Empörtes Quieken. Ich lachte. Wir saßen am Rand des Waldes auf jener Lichtung, die inzwischen zu einem meiner liebsten Orte geworden war. Mehrere Bowtruckles arbeiteten an einem der Bäume.
Ein Sturm hatte vor einigen Tagen einige dünnere Äste beschädigt, und die kleinen Wesen waren seitdem damit beschäftigt, ihre Behausungen wieder herzurichten. Ich half, wo ich konnte. Oder zumindest dort, wo man meine Hilfe akzeptierte. Was nicht immer dasselbe war.
Ein Bowtruckle kletterte über meinen Unterarm. >>Vorsicht.<<
Er ignorierte mich. Natürlich. Ein anderer saß auf meinem Knie und untersuchte einen dünnen Zweig, als würde dessen Zukunft über das Schicksal der magischen Welt entscheiden. >>Der ist zu dünn.<< Er piepste. >>Ist er.<< Noch ein Piepsen. >>Warum frage ich überhaupt?<< Ich griff nach einem stabileren Stück Holz. >>Hier. Nimm den.<<
Der Bowtruckle betrachtete meinen Vorschlag. Dann meinen Arm. Dann wieder den Zweig. Ich kannte diesen Blick nicht. Das machte mich misstrauisch. >>Was hast du vor?<< Keine Antwort. Er kletterte auf meine Hand. >>Das beantwortet meine Frage nicht.<<
Seine langen Finger griffen nach dem dünnen Zweig. Dann begann er, ihn um mein Handgelenk zu legen. Ich blinzelte. >>Was wird das?<<
Der kleine Baumwächter arbeitete konzentriert weiter. Der Zweig bog sich erstaunlich geschmeidig. Er führte ihn einmal um mein Handgelenk, befestigte das Ende geschickt und zog anschließend noch zwei winzige grüne Blätter zwischen die Windungen. Ich betrachtete das Ergebnis. >>Hast du mir gerade ein Armband gebastelt?<< Stolzes Piepsen. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. >>Das ist...<< Ich drehte das Handgelenk. >>...wirklich schön.<< Der Bowtruckle richtete sich zufrieden auf. >>Danke.<<
Ich strich vorsichtig mit einem Finger über seinen kleinen Kopf. >>Aber wenn du jetzt erwartest, dass ich dir ebenfalls eines bastle, muss ich dich enttäuschen.<<
>>Ich bezweifle, dass Ihre handwerklichen Fähigkeiten seinen Ansprüchen genügen würden.<<
Ich fuhr herum. Der Bowtruckle auf meiner Hand erschrak. Ich ebenfalls. Professor Snape stand einige Meter entfernt zwischen den Bäumen. Natürlich.
Schwarze Robe. Verschränkte Arme. Dieser Gesichtsausdruck, der vermutlich bereits mehrere Generationen von Schülern davon überzeugt hatte, freiwillig ihre Hausaufgaben zu erledigen. >>Professor.<<
>>Stonefield.<<
Ich sah ihn an. Dann auf die Lichtung. Dann wieder zu ihm. >>Schleichen Sie sich eigentlich absichtlich an Menschen heran?<<
Eine Augenbraue hob sich. >>Ich bin über einen mit Schnee bedeckten Waldboden gegangen.<<
>>Eben. Verdächtig geräuschlos.<<
>>Vielleicht sollten Sie Ihre Umgebung aufmerksamer beobachten.<<
>>Vielleicht sollten Sie wie normale Menschen Schritte verursachen.<< Sein Blick wurde eine Spur finsterer. Ich lächelte. >>Was tun Sie hier?<<
>>Dasselbe könnte ich Sie fragen.<<
Ich deutete auf die Bowtruckles. >>Offensichtlich.<<
Sein Blick wanderte über die Lichtung. Mehrere kleine grüne Wesen arbeiteten an den Ästen. >>Sie verbringen Ihre Weihnachtsferien damit, Bäume zu reparieren.<<
>>Ich helfe Freunden.<<
Sein Blick kehrte zu mir zurück. Etwas darin veränderte sich. Nur kurz. >>Natürlich.<<
Ich verengte die Augen. >>Was soll das bedeuten?<<
>>Nichts.<<
>>Bei Ihnen bedeutet nichts meistens etwas.<<
>>Eine bemerkenswerte Theorie.<<
>>Langjährige Beobachtung.<<
>>Sie kennen mich seit wenigen Monaten.<<
Ich schwieg. Richtig. Manchmal vergaß ich, wie wenig Zeit tatsächlich vergangen war. Professor Snape wusste nichts über mich. Nicht wirklich. Und trotzdem hatte ich gelegentlich das merkwürdige Gefühl, er würde mehr sehen, als mir lieb war. Ich wandte mich wieder dem beschädigten Ast zu. >>Die Bowtruckles hatten nach dem Sturm einiges zu tun. Ich dachte, Gesellschaft könnte nicht schaden.<<
>>Und Ihre Nachforschungen?<<
Meine Hand hielt inne. >>Laufen.<<
>>Erfolgreich?<<
>>Wenn sie erfolgreich wären, hätte ich vermutlich etwas zu berichten.<<
>>Also nein.<<
>>Danke für die Zusammenfassung.<<
Severus schnaubte leise. Ich arbeitete weiter.
Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Merkwürdigerweise störte mich seine Anwesenheit nicht. Noch vor einigen Wochen hätte ich vermutlich versucht, ihn möglichst schnell wieder loszuwerden. Heute ließ ich ihn einfach dort stehen. Vielleicht war das bereits ein Fehler.
Ein leises, ungewöhnlich schrilles Piepsen ließ mich aufsehen. Einer der Bowtruckles saß weiter oben auf einem beschädigten Ast. >>Was ist los?<<
Das Wesen bewegte sich. Dann zuckte es zurück. Ich stand sofort auf. >>Komm herunter.<< Der Bowtruckle zögerte. Ich streckte die Hand aus. >>Komm.<<
Langsam kletterte er zu mir. Erst als er meine Hand erreichte, sah ich die Verletzung. Ein kleiner Splitter hatte sich tief in eines seiner dünnen Beine gebohrt. >>Oh nein.<< Ich nahm ihn vorsichtig auf. >>Zeig mal her.<< Der Bowtruckle zitterte. >>Ganz ruhig.<< Ich wollte nach meinem Zauberstab greifen.
>>Nicht.<<
Ich sah auf. Snape war näher gekommen. >>Warum?<<
>>Weil Sie bei einem Wesen dieser Größe mit einem Heilzauber mehr Schaden anrichten können als Nutzen.<<
>>Ich weiß, wie man—<<
>>Das bezweifle ich nicht.<< Er streckte die Hand aus. >>Geben Sie ihn mir.<<
Ich zögerte. Severus bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. >>Stonefield.<<
>>Er hat Angst.<<
>>Das sehe ich.<<
>>Und Sie sind nicht unbedingt dafür bekannt, beruhigend zu wirken.<<
Seine Augen wurden schmal. >>Soll ich helfen oder möchten Sie weiterhin meine Persönlichkeit analysieren?<<
Ich presste die Lippen zusammen. >>Helfen.<<
Vorsichtig setzte ich den Bowtruckle in seine Hand. Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Professor Snape wurde vollkommen ruhig. Nicht jene bedrohliche Ruhe, die normalerweise unmittelbar vor einem Punkteabzug eintrat. Anders. Seine langen Finger schlossen sich vorsichtig um das kleine Wesen. Behutsam. Fast erstaunlich behutsam. >>Ganz ruhig<<, murmelte er.
Ich starrte ihn an. Hatte Professor Snape gerade beruhigend mit einem Bowtruckle gesprochen? Offenbar musste ich dringend schlafen. Severus zog ein kleines Fläschchen aus seiner Robe. Natürlich trug er Heilmittel mit sich herum. Warum überraschte mich das überhaupt?
Er gab einen winzigen Tropfen auf die Verletzung. Der Bowtruckle zuckte. >>Gleich vorbei.<< Severus griff mit zwei Fingern nach dem Splitter. Eine kurze Bewegung. Der Fremdkörper war draußen. Noch ein Tropfen. Die kleine Wunde schloss sich beinahe vollständig. Der Bowtruckle piepste.
Snape betrachtete ihn kritisch. >>Du wirst überleben.<< Ich musste lachen. Sein Blick schoss zu mir. >>Was?<<
>>Nichts.<<
>>Sie lachen.<<
>>Darf ich das nicht?<<
>>Nicht, wenn ich der Grund dafür bin.<<
>>Sie haben gerade einem Bowtruckle mitgeteilt, dass er überleben wird, als hätten Sie ihm eine tödliche Diagnose erspart.<<
>>Er war verletzt.<<
>>An einem Splitter.<<
>>Sie waren diejenige, die aussah, als würde er jeden Moment verbluten.<<
Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. >>Das stimmt überhaupt nicht.<<
Snape hob eine Augenbraue. Der Bowtruckle piepste. >>Du hältst dich da raus.<<
Zu meinem Erstaunen kletterte das kleine Wesen nicht sofort zu mir zurück. Stattdessen blieb es auf Severus' Hand sitzen. Wir beide sahen es an. Dann einander. >>Interessant<<, murmelte ich.
>>Nein.<<
>>Er mag Sie.<<
>>Nein.<<
>>Professor, er sitzt freiwillig auf Ihrer Hand.<<
>>Ein vorübergehender Zustand.<< Der Bowtruckle kletterte auf seinen Ärmel. Snape erstarrte. Ich biss mir auf die Lippe. >>Stonefield.<<
>>Ich sage nichts.<<
>>Ihr Gesicht tut es.<<
Jetzt konnte ich nicht mehr. Ich lachte. Richtig. Und während ich versuchte, mich wieder zu beruhigen, bemerkte ich etwas Merkwürdiges. Professor Snape setzte den Bowtruckle nicht herunter. Er verscheuchte ihn nicht. Er ließ ihn einfach auf seinem Unterarm sitzen.
Sein Blick wanderte zu meinem Handgelenk. Zu dem kleinen Armband aus einem gewundenen Zweig. >>Was ist das?<<
Ich hob die Hand. >>Ein Geschenk.<<
>>Das sehe ich.<<
>>Dann verstehe ich die Frage nicht.<<
>>Von wem?<<
Ich deutete auf den Bowtruckle neben mir. >>Von ihm.<<
Der kleine Baumwächter richtete sich stolz auf. Severus Snape betrachtete das Armband noch einen Moment. Der Zweig wand sich zweimal um mein Handgelenk.
Fast wie—
Sein Blick blieb einen Augenblick länger darauf liegen. Dann sah er weg. Ich schenkte dem keine weitere Beachtung. Jetzt jedenfalls nicht.
***
Severus PoV
Severus hätte längst gehen sollen. Dafür gab es keinen vernünftigen Grund. Seine Kontrollrunde war beendet. Stonefield befand sich nicht in Gefahr. Die Bowtruckles benötigten offensichtlich keine weitere medizinische Versorgung. Und dennoch stand er noch immer auf dieser verdammten Lichtung.
Ein Bowtruckle saß auf seinem Ärmel. Severus betrachtete ihn. >>Du kannst jetzt gehen.<< Das Wesen piepste. >>Das war keine Einladung zur Diskussion.<<
Lucinda lachte erneut. Severus sah zu ihr. Und genau darin lag das Problem. Sie saß wieder im Schnee, das dunkle Haar fiel ihr über die Schultern, während zwei weitere Bowtruckles um sie herum kletterten.
Keine Rita Kimmkorn. Kein Thornbloom. Keine Geheimnisse. Keine ausweichenden Antworten. Für einige Minuten wirkte Lucinda Stonefield tatsächlich wie das Mädchen, das sie angeblich war. Vierzehn. Unbeschwert. Glücklich.
Nur wusste Severus inzwischen, dass dieses Bild nicht stimmte. Nicht vollständig. Er hatte zu oft etwas anderes gesehen. Den Blick. Diese Momente, in denen ihre Augen plötzlich älter wirkten. Ihre Reaktionen auf Dinge, die sie eigentlich kaum berühren sollten. Die Angst, die sie so sorgfältig verbarg.
Und das Gift.
Er sah sie noch immer auf dem Boden liegen. Bleich. Regungslos. Severus' Mund wurde schmal.
>>Sie starren.<< Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
>>Ich beobachte.<<
>>Natürlich.<<
Da war dieses Wort. Severus verengte die Augen. >>Sie verbringen zu viel Zeit mit Dumbledore.<<
>>Das könnte ich über Sie ebenfalls sagen.<< Ein Treffer. Severus ignorierte ihn. Lucinda sah wieder auf den Baum. >>Manchmal beneide ich sie.<<
Severus folgte ihrem Blick. >>Bowtruckles.<<
>>Ja.<<
>>Warum?<<
Sie zuckte mit den Schultern. >>Ihr Leben ist unkompliziert.<<
>>Sie verteidigen Bäume mit bemerkenswerter Aggressivität.<<
>>Trotzdem wissen sie, was ihre Aufgabe ist.<< Etwas an ihrem Tonfall ließ ihn aufmerksamer werden. Lucinda strich über den Rücken eines der Wesen. >>Baum beschützen. Freunde beschützen. Essen finden. Überleben.<< Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. >>Manchmal wäre es schön, wenn das reichen würde.<<
Severus sagte nichts. Da war es wieder. Dieser Moment. Eine Tür, die sich für einen Sekundenbruchteil öffnete. Normalerweise schlug Lucinda sie sofort wieder zu. Diesmal nicht. >>Sie verlangen viel von sich selbst<<, sagte er.
Ihr Kopf hob sich. Offenbar hatte sie mit dieser Antwort nicht gerechnet. >>Das tun Sie doch auch.<<
Jetzt war Severus derjenige, der schwieg. Ihre blaugrünen Augen ruhten auf ihm. Zu aufmerksam. Er mochte diesen Blick nicht. Oder vielleicht mochte er ihn zu sehr. >>Wir sprechen nicht über mich.<<
>>Natürlich nicht.<<
>>Stonefield.<<
Sie lächelte schwach. Dann verschwand das Lächeln wieder. >>Ich habe mir mein Leben nicht ausgesucht.<<
Severus' Blick wurde schärfer. >>Niemand tut das vollständig.<<
>>Manche Menschen haben mehr Wahlmöglichkeiten als andere.<<
Das wusste er. Besser, als sie ahnte. Severus sah zum Waldrand. >>Und dennoch bleiben Entscheidungen.<< Lucinda schwieg. >>Vielleicht nicht darüber, was Ihnen widerfährt<<, fuhr er ruhiger fort. >>Aber darüber, was Sie daraus machen.<<
Sie sah ihn an. Lange. Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht. Severus wusste nicht, was. Er wusste nur, dass es ihn plötzlich unangenehm berührte.
>>Das war überraschend weise<<, sagte sie schließlich.
Natürlich. Severus' Gesicht verhärtete sich. >>Ich bedauere bereits, etwas gesagt zu haben.<<
>>Nein.<< Das Wort kam schnell. Ohne Spott. Er sah sie an. >>So meinte ich das nicht.<< Lucinda zog die Knie etwas näher an sich. >>Danke.<<
Severus blinzelte. >>Wofür?<<
>>Für gerade eben.<< Sie deutete auf den Bowtruckle. >>Und für...andere Dinge.<<
Er wusste sofort, was sie meinte. Das gefiel ihm nicht. >>Das war nicht notwendig.<<
>>Was?<<
>>Der Dank.<<
>>Ich entscheide selbst, wann ich mich bedanke.<<
>>Eine weitere Ihrer lästigen Eigenschaften.<<
>>Sie haben inzwischen eine erstaunlich lange Liste davon.<<
>>Sie liefern reichlich Material.<<
Lucinda lächelte. Dann betrachtete sie ihn wieder. Diesmal anders. Nicht herausfordernd. Nicht misstrauisch. Einfach offen. >>Sie helfen mir ziemlich oft für jemanden, der mir nicht vertraut.<<
Severus' Körper spannte sich kaum merklich an. Da war sie. Die gefährliche Frage. >>Vertrauen und Verantwortungsgefühl sind zwei unterschiedliche Dinge.<<
>>Natürlich.<<
Severus sah sie warnend an. Ihr Mundwinkel zuckte. Aber sie ließ ihn diesmal davonkommen. >>Sie machen es einem ausgesprochen schwer, Ihnen zu vertrauen, Miss Stonefield.<<
Ihr Lächeln verschwand. Severus bemerkte sofort, dass er etwas getroffen hatte. Lucinda senkte den Blick. Ihre Finger glitten über das kleine Zweigarmband. >>Vielleicht habe ich irgendwann gelernt, dass Vertrauen gefährlicher sein kann als Misstrauen.<<
Severus wurde still. Er kannte diesen Satz. Nicht die Worte. Das Gefühl. Zu gut.
Er hätte fragen können. Wer? Wann? Warum? Er tat es nicht. Zum ersten Mal seit Monaten lag eine mögliche Spur zu einem ihrer Geheimnisse direkt vor ihm.
Und Severus ließ sie liegen. >>Dann sollten Sie lernen, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen Sie misstrauen müssen...und denen, die Ihnen bislang keinen Grund dazu gegeben haben.<<
Lucinda hob langsam den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Severus wusste nicht, wie lange. Eine Sekunde. Vielleicht länger. Der Bowtruckle auf seinem Arm piepste. Der Moment zerbrach. Lucinda sah zuerst weg. >>Sie sollten ihn langsam zurücksetzen.<<
Severus betrachtete das Wesen. >>Mit größtem Vergnügen.<<
Er hielt den Arm zu einem Ast. Der Bowtruckle kletterte hinüber. Dann blieb er sitzen und sah Severus an. >>Nein.<< Piepsen. >>Was auch immer du willst: nein.<<
Lucinda lachte wieder. Severus drehte sich um. Es war Zeit zu gehen. Dringend.
Doch als er die Lichtung verließ, erschien vor seinem inneren Auge noch einmal Lucindas Hand. Der dünne Zweig. Zweimal um ihr Handgelenk gewunden. Wie ein kleines grünes Band. Fast wie eine Schlange.
Severus schob das Bild beiseite. Es kehrte zurück. Äußerst lästig.
***
Lucinda PoV
Ich blieb noch eine Weile auf der Lichtung. Länger als geplant. Die Bowtruckles arbeiteten weiter, als wäre nichts geschehen. Ich dagegen bekam Professor Snapes Worte nicht aus dem Kopf. Und dennoch bleiben Entscheidungen.
Eigentlich war daran nichts Besonderes. Ein einfacher Satz. Und doch hatte er etwas in mir berührt. Vielleicht weil ich ihn ausgerechnet von ihm nicht erwartet hatte.
Ich hatte Severus Snape bereits in viele Kategorien eingeordnet. Grimmig. Sarkastisch. Misstrauisch. Unnachgiebig. Anstrengend. Erschreckend aufmerksam. Aber heute war etwas hinzugekommen. Ich wusste nur noch nicht, wie ich es nennen sollte.
Mein Blick fiel auf den Bowtruckle, den er behandelt hatte. Das kleine Wesen saß vollkommen zufrieden auf einem Ast. Ich erinnerte mich an Snapes Hände. An die Behutsamkeit, mit der er es gehalten hatte. An seine ruhige Stimme.
Ganz ruhig. Fast derselbe Mann hatte Castor Thornbloom wenige Tage zuvor mit wenigen Sätzen beinahe in Grund und Boden gerammt.
Ich musste lächeln. Menschen waren merkwürdig. Vielleicht Professor Snape ganz besonders. Ich hatte ihn lange für einen Mann gehalten, dessen Fassade und Inneres vermutlich ungefähr gleich grimmig waren. Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher. Und diese Unsicherheit fühlte sich anders an als zuvor. Nicht gefährlich. Eher...
Ich suchte nach dem richtigen Wort. Interessant. Das war ungefährlich genug.
Professor Snape war interessant. Mehr nicht. Ich betrachtete mein Armband. Der Bowtruckle, der es mir geschenkt hatte, kletterte auf meine Schulter.
>>Danke nochmal.<<
Er piepste. Ich strich über den gewundenen Zweig. Dann musste ich wieder an Snape denken. Dann sollten Sie lernen, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen Sie misstrauen müssen... und denen, die Ihnen bislang keinen Grund dazu gegeben haben.
Ich atmete langsam aus. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht hatte ich ihn tatsächlich von Anfang an falsch beurteilt. Nicht vollständig. Er war noch immer grimmig. Noch immer schwierig. Und seine Unterrichtsmethoden würden vermutlich auch in hundert Jahren niemand als herzlich bezeichnen.
Aber böse? Nein. Seltsamerweise war ich mir dessen inzwischen sicher. Und vielleicht war Professor Snape nicht nur der Mann, der ständig versuchte, meine Geheimnisse zu durchschauen.
Vielleicht war er auch jemand, der selbst mehr verbarg, als seine schwarze Fassade erkennen ließ. Zum ersten Mal fragte ich mich nicht, was Professor Snape über mich herausfinden wollte. Sondern wer Severus Snape eigentlich war.
***
Ruby PoV
Ich sah sie bereits aus einiger Entfernung. Lucinda kam vom Waldrand zurück. Drei Bowtruckles begleiteten sie. Natürlich. Einer saß auf ihrer Schulter, ein zweiter hatte sich an ihrer Robe festgehalten und der dritte kletterte offenbar gerade durch ihre Haare. Normalerweise hätte mich dieses Bild zum Lächeln gebracht. Heute tat es das nur kurz. Denn ich hatte auch den Mann gesehen, der einige Minuten zuvor denselben Weg verlassen hatte. Professor Snape.
Ich blieb stehen. Lucinda hatte mich noch nicht bemerkt. Sie sah auf ihr Handgelenk. Dort trug sie irgendeinen dünnen Zweig. Ein Geschenk der Bowtruckles, vermutlich. Und sie lächelte. Nicht breit. Nur dieses kleine, gedankenverlorene Lächeln, das ich seit Jahrzehnten kannte. Oh nein.
Mein Magen zog sich zusammen. Nicht weil ich glaubte, Lucinda wäre verliebt. Davon waren wir weit entfernt. Aber ich kannte sie. Und ich wusste, wann jemand begonnen hatte, ihre Gedanken zu beschäftigen. Vor wenigen Tagen hätte ich mich darüber köstlich amüsiert. Vielleicht hätte ich sie aufgezogen.
Ganz sicher sogar. Jetzt konnte ich es nicht.
Severus Snape – ehemaliger Todesser.
Die Worte standen wieder vor meinen Augen. Ich hasste sie. Vor allem weil sie überhaupt nicht zu dem passten, was ich gerade beobachtet hatte. Snape war von der Lichtung gekommen. Lucinda kam hinterher. Und sie sah nicht beunruhigt aus. Nicht misstrauisch. Im Gegenteil. Entspannter als in den vergangenen Tagen.
Was war dort passiert? Ich hätte sie fragen können. Normalerweise hätte ich es getan. Stattdessen wartete ich.
Lucinda bemerkte mich. >>Ruby!<<
Ich lächelte. >>Da bist du ja.<<
Sie kam näher. >>Suchst du mich?<<
>>Nicht wirklich. Ich wollte nur sehen, ob die Bowtruckles dich inzwischen offiziell adoptiert haben.<<
>>Sie arbeiten daran.<< Einer piepste. >>Siehst du?<<
Ich lachte. Es fühlte sich beinahe normal an. Dann sah ich wieder auf ihr Gesicht. >>Du wirkst gut gelaunt.<<
>>Bin ich das?<<
>>Verdächtig sogar.<<
Lucinda hob eine Augenbraue. >>Darf ich nicht?<<
>>Doch. Ich versuche nur herauszufinden, wem wir dafür danken müssen.<<
Da war es. Nur für eine Sekunde. Ein winziges Zögern. >>Niemandem.<<
Ich kannte sie zu gut. >>Aha.<<
>>Ruby.<<
>>Ich habe nichts gesagt.<<
>>Dein Gesicht tut es.<<
Ich musste beinahe lachen. Merlin. Jetzt fing sie auch noch an wie Snape zu reden. Das Universum besaß einen grausamen Sinn für Humor.
>>Professor Snape war übrigens gerade hier<<, sagte sie beiläufig.
Mein Herz sank. Natürlich. >>Ach?<<
>>Einer der Bowtruckles hatte sich verletzt. Er hat ihm geholfen.<<
Lucinda sah wieder auf das kleine Wesen. Und da war dieser Ausdruck erneut. Weicher. Nachdenklicher. >>Er ist manchmal anders, als man glaubt.<<
Mein Lächeln blieb. Nur mit Mühe. Wenn du wüsstest. >>Menschen sind häufig anders, als man glaubt<<, sagte ich.
Lucinda sah mich an. >>Das klingt ungewöhnlich philosophisch für dich.<<
>>Ich habe schlecht geschlafen.<<
Eine Lüge. Eine kleine. Die nächste. Ich hasste dieses Gefühl. Lucinda hakte sich bei mir unter. >>Komm. Ich brauche etwas Warmes.<<
Wir gingen gemeinsam zurück zum Schloss. Wie immer. Schulter an Schulter. Die Bowtruckles zwischen uns. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Denn Lucinda hatte begonnen, Severus Snape mit anderen Augen zu sehen. Und ich ebenfalls.
Nur sahen wir plötzlich zwei vollkommen verschiedene Männer.
Sie sah hinter seine grimmige Fassade und entdeckte etwas Gutes. Ich sah dieselbe Güte. Aber nun wusste ich auch, was einmal hinter dieser Fassade gewesen war. Ein Todesser.
Und während Lucindas Misstrauen langsam kleiner wurde, wuchs meines. Nicht genug, um ihn zu verurteilen. Aber genug, um Angst davor zu haben, wohin all das führen könnte. Ich sah meine beste Freundin von der Seite an.
Einmal Todesser, immer Todesser. Sie hatte diesen Satz oft genug gesagt.
Wenn ich jetzt sprach, würde ich den Mann, den sie heute auf der Lichtung kennengelernt hatte, mit einem einzigen Wort wieder verschwinden lassen. Übrig bliebe nur Toms ehemaliger Diener. Also schwieg ich. Noch.
***
Lucinda PoV
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Das war nichts Ungewöhnliches. Zumindest versuchte ich mir das einzureden.
Ich lag auf dem Rücken, die Decke bis zur Brust gezogen, und betrachtete den dunklen Baldachin über meinem Bett. Um mich herum war es still.
Daphne und Pansy, die über die Weihnachtsferien in Hogwarts geblieben waren, schliefen längst. Nur das leise Knistern des Feuers war zu hören, das irgendwo hinter den Vorhängen meines Bettes langsam herunterbrannte.
Ich drehte mein Handgelenk. Der kleine Zweig war noch immer darum gewunden. Ich hätte ihn längst abnehmen können. Hatte ich aber nicht. Ein Lächeln huschte über meine Lippen.
Die Bowtruckles. Manchmal waren diese kleinen Wesen wirklich das Beste an dieser Schule. Und manchmal sorgten sie dafür, dass Dinge geschahen, über die ich anschließend viel zu lange nachdachte. Mein Lächeln verschwand.
Professor Snape. Schon wieder. Ich schloss die Augen.
Dann sollten Sie lernen, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen Sie misstrauen müssen... und denen, die Ihnen bislang keinen Grund dazu gegeben haben.
Warum beschäftigte mich dieser Satz so sehr? Eigentlich hätte ich darüber lachen sollen. Severus Snape war schließlich einer der misstrauischsten Menschen, denen ich je begegnet war. Er beobachtete mich. Hinterfragte meine Fähigkeiten. Bemerkte jede noch so kleine Unstimmigkeit. Und trotzdem—
Ich sah wieder seine Hände vor mir. Wie vorsichtig sie den verletzten Bowtruckle gehalten hatten. Vollkommen ruhig. Behutsam. So ganz anders als der Mann, der Schüler mit einem einzigen Blick in Angst und Schrecken versetzen konnte.
Ich hatte mich bei ihm bedankt. Nicht nur für den Bowtruckle. Er hatte verstanden. Natürlich hatte er verstanden. Professor Snape verstand erschreckend häufig Dinge, die ich lieber unausgesprochen ließ. Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich ihm so lange mit Misstrauen begegnet war.
Weil er hinsah. Wirklich hinsah. Menschen, die zu genau hinsahen, waren gefährlich. Sie stellten Fragen. Sie bemerkten Widersprüche. Und irgendwann entdeckten sie Dinge, die verborgen bleiben mussten.
Doch heute hatte er etwas bemerkt. Einen winzigen Riss. Eine unvorsichtige Bemerkung über Vertrauen. Er hätte nachfragen können. Er hatte es nicht getan.
Ich öffnete die Augen. Das war neu. Zum ersten Mal hatte Severus Snape eine Gelegenheit bekommen, hinter meine Fassade zu blicken. Und zum ersten Mal hatte er sich entschieden, sie nicht auszunutzen.
Warum? Ich wusste es nicht. Vielleicht war das der Punkt. Ich wusste inzwischen erschreckend wenig über diesen Mann. Ich wusste, dass er Zaubertränke beherrschte wie kaum jemand sonst. Dass seine Geduld mit inkompetenten Schülern ungefähr die Lebensdauer einer Eintagsfliege besaß. Dass er Castor Thornbloom vermutlich irgendwann eigenhändig in einen Kessel stecken würde, sollte der Junge so weitermachen. Dass Professor Snape offenbar grundsätzlich schlechte Laune hatte.
Aber ich wusste inzwischen auch, dass er einem verletzten Bowtruckle helfen würde. Dass er mein Leben gerettet hatte. Dass er mich beschützte, obwohl er mir nicht vertraute. Und dass hinter dieser schwarzen, grimmigen Fassade vielleicht mehr steckte, als ich bislang hatte sehen wollen.
Ich drehte mich auf die Seite. >>Interessant<<, murmelte ich.
Das Wort gefiel mir. Es war ungefährlich. Professor Snape war interessant. Nicht mehr. Damit konnte ich leben. Ich schloss die Augen. Und öffnete sie gleich wieder. Nein. Heute würde das offenbar nichts mehr werden.
Mein Blick wanderte zum Nachttisch. Dort lag ein kleiner Kalender. Ich wusste auch ohne ihn, welches Datum wir hatten. Nur noch wenige Tage. Der 31. Dezember. Mein Geburtstag.
Mein Magen zog sich zusammen. Die Wärme, die der Gedanke an die Lichtung hinterlassen hatte, verschwand. Geburtstage sollten etwas Schönes sein. Zumindest behaupteten das Menschen, die nicht zufällig am selben Tag wie Tom Riddle geboren worden waren.
Ich hatte meinen Geburtstag früher geliebt. Als Kind jedenfalls. Bevor wir verstanden hatten, was aus uns werden würde. Tom und ich hatten uns diesen Tag geteilt. Immer. Zwei Kinder. Ein Geburtstag. Dasselbe Alter. Dasselbe Blut. Dasselbe magische Potential. Und irgendwann zwei vollkommen unterschiedliche Wege.
Ich schluckte. Manchmal fragte ich mich, wann genau ich meinen Bruder verloren hatte. Nicht Voldemort. Tom. Den Jungen, der einmal mein Zwillingsbruder gewesen war. Vielleicht hatte es keinen einzelnen Moment gegeben. Vielleicht war er Stück für Stück verschwunden.
Mit jedem Geheimnis. Mit jedem Schritt in Richtung Dunkelheit. Mit jedem Mal, bei dem Macht wichtiger geworden war als alles andere. Bis irgendwann nichts mehr von dem Bruder übrig gewesen war, den ich gekannt hatte. Und trotzdem—
Am 31. Dezember dachte ich nicht zuerst an Voldemort. Ich dachte an Tom.
Vielleicht war das meine größte Schwäche. Ich wusste, was er geworden war. Ich wusste, was er getan hatte.
Bei Merlin, ich hatte mein eigenes Leben an seines gebunden, damit ich eines Tages dafür sorgen konnte, dass er endgültig vernichtet wurde. Und trotzdem konnte ich nicht so tun, als hätte ich ihn nie geliebt. Er war mein Bruder gewesen. Mein Zwilling. Ein Teil meines Lebens, lange bevor er zu dem Monster geworden war, vor dem die magische Welt sich fürchtete.
Ich zog die Decke höher. Am liebsten würde ich den Tag einfach überspringen. Kein Geburtstag. Keine Glückwünsche. Keine Erinnerungen. Ein gewöhnlicher 31. Dezember. Das würde vollkommen reichen.
Ruby wusste das. Natürlich wusste sie es. Deshalb würde sie hoffentlich vernünftig sein und keine große Sache daraus machen. Ich entspannte mich etwas. Ruby kannte mich schließlich besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Sie wusste genau, wie wenig ich an diesem Tag gefeiert werden wollte.
Ich schloss die Augen. Ja. Ruby würde das respektieren. Ganz bestimmt.