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Happy Birthday, Lucinda!

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Happy Birthday, Lucinda!

Hallo, meine Lieben :) Da ich morgen unterwegs bin, gibt es heute schon das neue Kapitel. Wünsche euch viel Spaß beim Lesen und schon mal einen schönen Start ins Wochenende ;)

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 35 Happy Birthday, Lucinda!

Lucinda PoV

Es gab Tage, an denen man bereits beim Aufwachen wusste, dass man besser im Bett geblieben wäre. Der 31. Dezember gehörte eindeutig dazu.

Ich lag noch einige Minuten regungslos unter meiner Decke und starrte auf den dunkelgrünen Baldachin über mir. Im Schlafsaal herrschte eine beinahe unnatürliche Ruhe. Die meisten Slytherins verbrachten die Weihnachtsferien zu Hause, weshalb nur wenige Betten belegt waren. Irgendwo raschelte jemand hinter zugezogenen Vorhängen, doch ansonsten war nichts zu hören.

Eigentlich perfekt. Still. Unspektakulär. Genau so sollte dieser Tag bleiben.

Ich schloss die Augen wieder. Einunddreißigster Dezember. Mein Geburtstag.

Unser Geburtstag. Sofort erschien sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Nicht jenes bleiche, entstellte Gesicht, welches die magische Welt inzwischen mit Lord Voldemort verband.

Tom. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Dieser ernste Ausdruck, den er schon als Junge getragen hatte, als wäre die gesamte Welt eine Gleichung, die nur darauf wartete, von ihm gelöst zu werden. Wir hatten uns diesen Tag immer geteilt. Zwei Kinder. Ein Geburtstag. Früher hatte ich geglaubt, das würde etwas bedeuten. Heute wusste ich es besser.

Ich setzte mich auf und fuhr mir mit beiden Händen übers Gesicht. >>Alles Gute zum Geburtstag<<, murmelte ich tonlos zu mir selbst.

Es klang vollkommen lächerlich. Vielleicht sollte ich einfach wieder schlafen. Den gesamten Tag. Bis Mitternacht. Dann wäre der Spuk vorbei. Leider knurrte mein Magen und zerstörte diesen hervorragenden Plan.

Also stand ich widerwillig auf, zog meine Schuluniform an und band meine Haare zu einem lockeren Zopf zusammen. Wenn ich schon gezwungen war, diesen Tag zu erleben, dann wenigstens möglichst unauffällig. Keine Feier. Keine Geschenke. Keine Glückwünsche. Und vor allem—Keine Ruby. Zumindest keine Ruby mit irgendwelchen Ideen.

Ich blieb vor dem Spiegel stehen. >>Sie wird sich benehmen<<, sagte ich meinem Spiegelbild. Mein Spiegelbild sah nicht überzeugt aus. >>Sie weiß, dass ich den Tag nicht feiern möchte.<< Noch immer keine Reaktion. Ich verengte die Augen. >>Ruby respektiert meine Wünsche.<<

Jetzt kam ich mir sogar selbst lächerlich vor. Seufzend griff ich nach meinem Umhang und verließ den Schlafsaal. Je näher ich der Großen Halle kam, desto mehr fragte ich mich, ob ich das Frühstück nicht einfach ausfallen lassen sollte. Es wäre sicherer. Andererseits würde Ruby mich spätestens zum Mittagessen suchen. Und wenn Ruby Chadwick einen suchte, fand sie einen. Das hatte sie in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll bewiesen. Also ergab ich mich meinem Schicksal.

Als ich die Große Halle betrat, war sie deutlich leerer als sonst. Nur ein Bruchteil der Schüler war über die Feiertage in Hogwarts geblieben und auch an den Haustischen klafften große Lücken. Gut. Weniger Zeugen.

Ich warf automatisch einen Blick zum Ravenclaw-Tisch. Ruby saß dort. Und lächelte mich an. Ich blieb stehen. Nicht freundlich. Nicht beiläufig. Sie lächelte dieses ganz bestimmte Lächeln. Dieses Ich weiß etwas, das du nicht weißt -Lächeln. Oh nein.

Langsam schüttelte ich den Kopf. Ruby lächelte breiter. Ich zeigte unauffällig mit dem Finger auf sie. Wag es nicht.

Sie hob unschuldig die Augenbrauen. Was denn?

Ich kannte diese Frau seit über fünfzig Jahren. Ich wusste genau, was dieses Gesicht bedeutete. Ich habe überhaupt nichts getan. Was grundsätzlich bedeutete, dass sie etwas getan hatte.

Mit einem unguten Gefühl setzte ich meinen Weg zum Slytherin-Tisch fort und nahm zwischen Daphne und Pansy Platz. >>Guten Morgen<<, begrüßte Daphne mich.

>>Morgen.<<

Pansy griff nach einem Brötchen. >>Du siehst aus, als hättest du schlecht geschlafen.<<

>>Habe ich auch.<<

>>Albtraum?<<

Ich warf einen erneuten Blick zu Ruby. >>So ähnlich.<<

Ruby hob ihre Teetasse und prostete mir quer durch die Halle zu. Ich funkelte sie an. Pansy folgte meinem Blick. >>Was ist denn mit Chadwick?<<

>>Nichts.<<

>>Du siehst sie an, als wolltest du sie verfluchen.<<

>>Das ist unsere Art von Freundschaft.<<

Daphne lachte leise. Ich widmete mich demonstrativ meinem Frühstück. Vielleicht irrte ich mich. Vielleicht plante Ruby tatsächlich nichts. Vielleicht war dieses Lächeln lediglich—Plopp.

Ein Hauself erschien direkt neben mir. Ich erstarrte. Nein. Der kleine Elf trug eine gewaltige Torte auf beiden Händen. Nein. Nein. Nein. Auf der Torte brannten Kerzen. Bei Merlin.

>>Miss Lucinda Stonefield?<< Die ersten Köpfe drehten sich bereits zu uns um. Ich schloss die Augen. >>Nein.<<

Der Hauself blinzelte verwirrt. >>Aber Sie sind Miss Lucinda Stonefield.<<

>>Heute nicht.<<

Pansy verschluckte sich an ihrem Kürbissaft. Daphne schlug ihr auf den Rücken. Der Hauself sah auf die Torte und dann wieder zu mir. >>Tinky soll Miss Stonefield diese Geburtstagstorte bringen!<<

Da war es. Das Wort. Geburtstag. Laut ausgesprochen. Mitten in der Großen Halle. Ich öffnete langsam die Augen.

Am Ravenclaw-Tisch saß Ruby mit der Gelassenheit einer Frau, die soeben keinerlei Verbrechen begangen hatte. Ich starrte sie an. Sie strahlte.

>>Ruby.<< Natürlich konnte sie mich auf diese Entfernung nicht hören. Was vermutlich ihr Glück war.

>>Du hast Geburtstag?<<, fragte Daphne überrascht.

>>Nein.<<

Pansy runzelte die Stirn. >>Aber der Hauself—<<

>>Lügt.<<

Tinky riss empört die Augen auf. >>Tinky lügt niemals!<<

>>Heute wäre ein hervorragender Zeitpunkt, damit anzufangen.<<

Daphne begann zu lachen. Pansy sah auf die Torte. >>Da steht sogar dein Name drauf.<<

Ich wollte es nicht wissen. Wirklich nicht. Trotzdem sah ich hin. In geschwungener grüner Schrift prangte dort:

Happy Birthday, Lucinda!

Darunter befanden sich kleine silberne Sterne. Und winzige Zucker-Bowtruckles. Ich starrte sie an. Verdammt. Die waren niedlich. Nein. Ich war wütend. Ich musste wütend bleiben.

>>Alles Gute zum Geburtstag!<<, sagte Daphne und lächelte mich ehrlich an.

Pansy nickte sofort. >>Ja, alles Gute! Warum hast du denn nichts gesagt?<<

>>Weil ich gehofft hatte, genau diese Situation vermeiden zu können.<<

>>Aber warum?<<

Darauf hatte ich keine Antwort, die ich ihr geben konnte. Weil dieser Tag nicht nur mir gehörte. Weil irgendwo dort draußen ein Mann existierte, der denselben Geburtstag hatte wie ich. Weil ich jedes Jahr daran denken musste, dass wir einmal gemeinsam Kerzen ausgeblasen hatten. Bevor er zum Mörder geworden war. Bevor er mich getötet hatte. Bevor ich mein Leben an seines gebunden hatte.

Ich zwang die Erinnerungen zurück. >>Ich mag Geburtstage einfach nicht besonders.<<

Pansy betrachtete mich skeptisch. >>Seltsam.<<

>>Danke.<<

>>Das war keine Beleidigung.<<

>>Bei dir weiß man nie.<<

Sie grinste. Plötzlich erhob sich am Ravenclaw-Tisch eine Gestalt. Ruby. Natürlich. Sie kam quer durch die Große Halle auf mich zu.

Ich sah sie warnend an. >>Nein.<<

>>Guten Morgen.<<

>>Nein.<<

>>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<

>>Du hast einen Hauselfen mit einer Torte geschickt.<<

>>Richtig.<<

>>Mit Kerzen.<<

>>Es ist ein Geburtstag.<<

>>Und meinem Namen.<<

>>Ich wollte Verwechslungen vermeiden.<< Ich starrte sie an. Ruby setzte sich nicht zu uns, sondern blieb neben dem Tisch stehen und betrachtete die Torte zufrieden. >>Die Bowtruckles sind gelungen.<<

>>Du bist unmöglich.<<

>>Das sagst du jedes Jahr.<<

>>Weil es jedes Jahr stimmt.<<

Ihr Lächeln wurde weicher. >>Alles Gute zum Geburtstag, Lucinda.<<

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen. Für einen Augenblick sah ich nicht die Große Halle. Nicht Pansy. Nicht Daphne. Nicht die neugierigen Schüler. Nur Ruby. Die Frau, die jeden meiner Geburtstage erlebt hatte. Die wusste, was dieser Tag bedeutete. Die wusste, an wen ich dachte. Und die trotzdem vor mir stand und lächelte. Ich senkte die Stimme. >>Ich wollte nicht feiern.<<

>>Ich weiß.<<

>>Dann warum?<<

Ruby schwieg einen Moment. Ihre Augen wurden ernst. >>Weil es auch dein Geburtstag ist.<<

Ich erstarrte. Mehr sagte sie nicht. Musste sie auch nicht. Ich verstand. Der 31. Dezember gehörte nicht nur Tom. Nicht nur meinen Erinnerungen an ihn. Nicht nur dem Verlust. Er gehörte auch mir.

Ich wandte den Blick ab. >>Ich hasse dich ein bisschen.<<

>>Damit kann ich leben.<<

>>Nur heute.<<

>>Natürlich.<<

>>Morgen wieder normal.<<

>>Davon gehe ich aus.<<

Ein leises Räuspern ertönte neben uns. Ich blickte auf. Harry Potter stand am Ende des Slytherin-Tisches. Neben ihm Ron und Hermine. Das wurde immer schlimmer. Harry wirkte ein wenig unsicher. >>Ähm...alles Gute zum Geburtstag.<<

Ich blinzelte. >>Danke.<<

Hermine lächelte. >>Von mir auch.<<

>>Danke.<<

Ron betrachtete die Torte. >>Sieht ziemlich gut aus.<< Hermine stieß ihm den Ellbogen in die Seite. >>Was denn?<<

>>Du sollst ihr gratulieren und nicht die Torte bewerten.<<

>>Ich wollte ja nur—<< Er sah mich an. >>Alles Gute.<<

Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. >>Danke, Ron.<<

Er deutete auf die Torte. >>Falls du die nicht alleine schaffst—<<

>>Ron!<<

>>Schon gut!<<

Harry grinste. Und ich musste tatsächlich lachen. Nur kurz. Aber ehrlich. Als ich wieder aufsah, bemerkte ich einen Blick vom Lehrertisch. Dumbledore. Natürlich. Seine blauen Augen funkelten hinter der Halbmondbrille und ein warmes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er hob seinen Kelch leicht in meine Richtung.

Ich erwiderte die Geste mit einem kaum sichtbaren Nicken. Sein Blick sagte genug. Alles Gute, Lucinda.

Dann wanderte mein Blick weiter. Zu Professor McGonagall. Zu Hagrid, der mir mit einem so breiten Grinsen zuwinkte, dass ich beinahe wieder lachen musste.

Und schließlich—Snape.

Mein Herz machte diesen merkwürdigen kleinen Satz, den ich seit einigen Tagen zunehmend lästig fand. Er saß wie immer vollkommen in Schwarz gekleidet am Lehrertisch und hielt seinen Kelch in einer Hand. Sein Gesicht war ausdruckslos.

Natürlich.

Professor Snape würde vermutlich selbst bei einer Geburtstagsfeier auf einer Beerdigung aussehen, als hätte man ihn gegen seinen Willen eingeladen. Unsere Blicke trafen sich. Nur für einen Moment.

Ich erwartete nichts. Kein Lächeln. Keine Geste. Doch dann neigte er kaum merklich den Kopf. So wenig, dass es wahrscheinlich niemandem außer mir aufgefallen wäre. Ich wusste trotzdem sofort, was es bedeutete.

Alles Gute.

Unwillkürlich lächelte ich. Ganz leicht. Sein Blick blieb einen Augenblick länger auf mir liegen. Dann wandte er sich wieder seinem Frühstück zu.

>>Aha.<<

Ich fuhr herum. Ruby. Sie sah mich an. Dieses Gesicht. Schon wieder. >>Was?<<

>>Nichts.<<

>>Ruby.<<

>>Ich habe überhaupt nichts gesagt.<<

>>Dein Gesicht sagt genug.<<

>>Interessant.<<

>>Was ist interessant?<<

>>Nichts.<<

Ich verengte die Augen. Sie lächelte vollkommen unschuldig. Irgendwann würde ich diese Frau verhexen. Ganz bestimmt.

>>Miss Stonefield muss Kerzen auspusten!<<, verkündete Tinky plötzlich.

Ich wurde blass. >>Nein.<<

Pansy klatschte begeistert in die Hände. >>Doch!<<

>>Pansy.<<

>>Das gehört dazu.<<

>>Ich bin zu alt für so etwas.<<

Ruby verschränkte die Arme. >>Du bist jetzt fünfzehn.<<

Ich warf ihr einen tödlichen Blick zu. Technisch gesehen. Leider.

>>Also los<<, drängte Daphne.

Mittlerweile beobachteten uns wieder viel zu viele Schüler. Ich sah auf die brennenden Kerzen. Früher hatten Tom und ich gemeinsam davor gesessen. Ein Kuchen. Zwei Kinder. Zwei Wünsche.

Ich wusste nicht mehr, was ich mir damals gewünscht hatte. Vielleicht, dass wir für immer zusammenblieben. Welch grausamer Witz. Meine Brust wurde eng.

Für einen Moment verschwamm die Große Halle. Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ruby.

Ich sah zu ihr. Sie sagte nichts. Musste sie nicht. Ich wandte mich wieder der Torte zu. Vielleicht musste ich diesen Tag nicht vergessen. Vielleicht musste ich nur lernen, ihn zurückzuerobern. Von Tom. Von Voldemort. Von meiner Vergangenheit.

Ich holte tief Luft. >>Na schön.<<

Pansy grinste. >>Du musst dir etwas wünschen.<<

Ich schnaubte leise. Wünsche. Davon hatte ich längst aufgehört. Und trotzdem schloss ich für einen kurzen Moment die Augen. Diesmal dachte ich nicht an Tom.

Nicht an seinen Tod. Nicht an meinen. Ich dachte an Ruby. An Hogwarts. An Bowtruckles. An Harry, der einige Meter entfernt mit Ron und Hermine stand. An Dumbledore. Und vollkommen ungebeten an ein Paar dunkler Augen am Lehrertisch.

Vielleicht war das bereits genug. Vielleicht brauchte ich gar keinen großen Wunsch. Nur einen einzigen Tag, der mir gehörte. Ich öffnete die Augen und blies die Kerzen aus. Applaus ertönte.

Ich wollte im Erdboden versinken. Natürlich.

Aber während Ruby neben mir lachte, Daphne bereits ein Stück Torte verlangte und Ron vom Gryffindor-Tisch aus äußerst interessiert beobachtete, wie Tinky das Messer zückte, musste ich ebenfalls lächeln.

Vielleicht sogar ein wenig mehr, als ich wollte. Mein Blick fiel noch einmal auf die kleinen Zucker-Bowtruckles. >>Ruby?<<

>>Hm?<<

>>Danke.<<

Sie lächelte. Diesmal ohne jeden Schalk. >>Immer.<<

Und plötzlich begriff ich etwas, das ich seit Jahrzehnten vergessen hatte. Ich musste meinen Geburtstag nicht lieben. Ich musste auch nicht vergessen, dass Tom am selben Tag geboren worden war. Ich durfte um den Bruder trauern, den ich einmal gehabt hatte, und trotzdem froh darüber sein, selbst noch hier zu sein. Beides konnte gleichzeitig wahr sein.

Vielleicht gehörte der 31. Dezember nicht der Vergangenheit. Vielleicht gehörte er auch nicht Tom. Vielleicht gehörte er einfach uns beiden. Und was er aus seinem Leben gemacht hatte, war seine Entscheidung gewesen. Was ich aus meinem machte—war meine.

***

Ich hatte gerade geglaubt, das Schlimmste überstanden zu haben. Ein verhängnisvoller Irrtum. Tinky hatte kaum das erste Stück Torte abgeschnitten, als ein lautes Flattern durch die Große Halle ging. Ich hob den Kopf. Die Morgenpost. Normalerweise nichts, was mich sonderlich interessierte.

Heute jedoch löste sich eine große schwarze Eule aus dem Schwarm und flog direkt auf mich zu. Mein ungutes Gefühl kehrte augenblicklich zurück. >>Nein.<<

Daphne sah mich irritiert an. >>Was?<<

>>Ich habe heute gelernt, meinem Instinkt zu vertrauen.<<

Die Eule landete vor mir. An ihrem Bein hing ein kleines Paket. Ich starrte es an. Kein Absender. Das war schon einmal verdächtig. Langsam löste ich die Schnur und entdeckte einen kleinen Zettel. Kaum erkannte ich die Handschrift, schloss ich die Augen. Natürlich.

Alles Gute zum Geburtstag, Lucinda.

Bevor du mich verfluchst: Ich bin weit genug entfernt.

Sirius

Ich starrte auf die Nachricht. Dann zu Ruby. Sie hatte inzwischen beide Hände vor den Mund geschlagen. >>Du wusstest davon.<< Sie schüttelte den Kopf. >>Ruby.<<

>>Diesmal wirklich nicht.<<

Ich las weiter.

P.S.: Ruby hat mir ausdrücklich nicht verraten, dass du deinen Geburtstag am liebsten ignorieren möchtest.

Mein Blick hob sich langsam. Ruby erstarrte. >>Du bist eine miserable Lügnerin.<<

>>Ich habe ihm lediglich beiläufig das Datum genannt.<<

>>Warum?<<

>>Weil er gefragt hat.<<

>>Warum hat Sirius Black nach meinem Geburtstag gefragt?<<

Sie zuckte mit den Schultern. >>Vielleicht ist er aufmerksam.<<

Ich kniff die Augen zusammen. >>Ich verfluche euch beide.<<

>>Das hat er vorausgesehen.<<

Widerwillig öffnete ich das Paket. Darin lag eine kleine Schachtel aus dunklem Holz. Als ich sie aufklappte, musste ich schlucken. Eine schlichte silberne Feder lag darin. Kein Schmuck. Zumindest nicht wirklich. Erst als ich sie berührte, bewegte sie sich.

Die Feder richtete sich auf, schwebte einige Zentimeter über der Schachtel und begann, winzige silberne Buchstaben in die Luft zu schreiben.

Für die Hexe, die seit Jahrzehnten auf meine kleine Krähe aufpasst.

Ich wurde vollkommen still. Die Schrift verblasste. Darunter erschien eine zweite Zeile. Danke. Mehr nicht.

Verdammt, Sirius. Das war unfair. Ich schloss die Schachtel. >>Ich verfluche ihn trotzdem.<<

Ruby lächelte. >>Natürlich.<<

>>Vielleicht erst morgen.<<

>>Sehr großzügig.<<

Noch bevor ich antworten konnte, erklang eine tiefe Stimme hinter mir. >>Hab gehört, hier hat jemand Geburtstag.<<

Ich drehte mich um. Hagrid stand im Mittelgang. Und hielt etwas hinter seinem Rücken. Oh nein. >>Hagrid.<<

Sein Bart bewegte sich verdächtig. >>Was?<<

>>Was hast du da?<<

>>Nix.<<

>>Du versteckst etwas hinter deinem Rücken.<<

>>Tu ich nich'.<<

>>Hagrid.<<

Er seufzte. >>Na schön.<<

Dann holte er einen großen, etwas schief eingepackten Gegenstand hervor. Das Papier sah aus, als hätte es bereits einen Kampf hinter sich. Ich musste lächeln.

>>Du hast mir ein Geschenk gekauft?<<

>>Nich' gekauft.<< Er kam näher. >>Selbst gemacht.<<

Das traf mich sofort. Vorsichtig nahm ich das Paket entgegen. Es war überraschend schwer. >>Mach schon auf!<<, forderte Pansy.

Ich löste das Papier. Darunter kam eine kleine Holzkiste zum Vorschein. Nicht besonders groß. Aber wunderschön. In den Deckel waren Blätter und Zweige geschnitzt. Und zwischen ihnen—Bowtruckles.

Meine Finger strichen über das Holz. >>Hagrid...<<

>>Hab mich dran erinnert, wie du früher ständig irgendwelche Sachen gesammelt hast. Federn und Blätter und Steine und weiß der Hippogreif was noch alles.<<

Ich sah ihn an. Er grinste. >>Und weil du offenbar immer noch jeden Bowtruckle im Verbotenen Wald kennst, dachte ich, du kannst vielleicht was damit anfangen.<<

Ich öffnete die Kiste. Innen befanden sich mehrere kleine Fächer. Für Erinnerungsstücke. Meine Kehle wurde eng. Hagrid erinnerte sich. Nach all den Jahren. Nicht an Lucinda Riddle. Nicht an Toms Schwester. An mich. An das Mädchen, das durch den Wald gestreift war und irgendwelche Dinge eingesammelt hatte, die sonst niemand beachtete.

>>Danke<<, brachte ich leise hervor.

Hagrids Gesicht wurde weich. >>Alles Gute, Lucinda.<< Dann beugte er sich ein Stück zu mir herunter. >>Und falls du glaubst, du könntest deinen Geburtstag einfach ausfallen lassen, haste dich geschnitten.<<

Ich lachte. >>Ruby hat dich angestiftet.<<

>>Vielleicht.<<

>>Hagrid.<<

>>Na gut. Ja.<<

Ruby hob vom Ravenclaw-Tisch, wohin sie sich heimlich wieder davongestohlen hatte, unschuldig ihre Tasse. Ich zeigte ihr zwei Finger. Zwei Flüche. Sie grinste. Hagrid lachte so laut, dass mehrere Schüler zu uns herübersahen. Und genau in diesem Moment—Plopp.

Ich erstarrte. Ein Hauself stand neben Hagrid. Dann ein zweiter. Plopp. Ein dritter. Ich sah langsam zum Lehrertisch. Dumbledore saß dort. Und lächelte.

>>Nein.<< Sein Lächeln wurde breiter. >>Albus.<< Ein vierter Hauself erschien.

>>Das ist nicht Ihr Ernst.<<

Dumbledore erhob sich. Jetzt sah endgültig die gesamte Große Halle zu uns. Wunderbar. Genau davon hatte ich heute Morgen geträumt.

>>Professor?<<, fragte Hermine vom Gryffindor-Tisch.

Dumbledore hob beide Hände. >>Da heute ein besonderer Tag für eine unserer Schülerinnen ist, hielt ich es für angebracht, eine kleine Hogwarts-Tradition wiederzubeleben.<<

Ich starrte ihn an. Welche Hogwarts-Tradition? Davon hatte ich noch nie gehört. Dann begriff ich. Es gab keine. Dieser alte Mann erfand gerade eine. Nur um mich zu ärgern. Die Hauselfen stellten vier kleine Schachteln vor mir auf den Tisch. Rot. Gelb. Blau. Grün. Die Farben der vier Häuser. Mein Atem stockte.

Dumbledores Stimme wurde ruhiger. >>Manchmal verbringen Menschen so viel Zeit damit, sich zu fragen, wohin sie gehören, dass sie übersehen, an wie vielen Orten sie bereits willkommen sind.<<

Die Halle war still geworden. Ich konnte ihn nur ansehen. Er wusste. Natürlich wusste er. Ravenclaw. Mein erstes Haus. Slytherin. Mein heutiges. Gryffindor.

Harry. Hufflepuff. Vielleicht einfach Hogwarts selbst. >>Öffne sie<<, sagte Dumbledore.

Nicht Miss Stonefield . Nicht vorwurfsvoll. Nur ruhig. Ich griff zuerst nach der blauen Schachtel. Darin lag eine kleine bronzene Adlerfeder. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ravenclaw.

Meine Finger zitterten. Ich öffnete die grüne. Eine silberne Schlange. Nicht bedrohlich. Elegant. Um einen kleinen Smaragd gewunden. Slytherin. Meine Vergangenheit und meine Gegenwart standen nebeneinander auf dem Tisch.

Ich schluckte schwer. Die rote Schachtel enthielt eine winzige goldene Löwenfigur. Die gelbe einen kleinen schwarzen Dachs. Vier Häuser. Vier Symbole.

Ich blickte zu Dumbledore. >>Warum?<<

Er lächelte. >>Weil Hogwarts niemals nur aus Häusern bestand.<< Seine Augen funkelten hinter der Halbmondbrille. >>Und weil manche Menschen daran erinnert werden müssen, dass sie weit mehr Orte berührt haben, als ihnen bewusst ist.<<

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das war selten. Ruby würde diesen Augenblick vermutlich für den Rest ihres Lebens feiern. Harry war inzwischen aufgestanden. >>Ich finde, er hat recht.<< Mein Blick wanderte zu ihm.

Ron nickte. >>Ja. Also...du bist zwar in Slytherin.<<

Hermine verdrehte die Augen. >>Ron.<<

>>Was denn? Ich wollte etwas Nettes sagen!<<

>>Dann versuch es noch einmal.<<

Ron überlegte. >>Du bist für eine Slytherin ziemlich in Ordnung.<<

Ich starrte ihn an. >>Das war dein zweiter Versuch?<<

Harry brach in Gelächter aus. Hermine schlug sich eine Hand vors Gesicht. Und ich? Ich lachte. Richtig. Nicht dieses vorsichtige Lächeln, das ich mir inzwischen angewöhnt hatte. Nicht aus Höflichkeit. Ich lachte einfach. >>Danke, Ron.<<

>>Siehst du?<< Er grinste Hermine an. >>Hat funktioniert.<<

>>Durch ein Wunder.<<

Ich schüttelte den Kopf. Mein Blick wanderte durch die Halle. Pansy. Daphne. Harry. Ron. Hermine. Hagrid. Ruby. Dumbledore. Und schließlich wieder Severus Snape.

Er saß noch immer am Lehrertisch. Still. Beobachtend. Seine dunklen Augen ruhten auf mir. Diesmal wandte ich mich nicht sofort ab. Vor einigen Tagen hatte ich mich gefragt, ob ich vielleicht begonnen hatte, ihn mit anderen Augen zu sehen. Heute sah ich etwas anderes. Nicht nur ihn. Alle.

Menschen, von denen ich geglaubt hatte, sie auf Abstand halten zu müssen. Menschen, deren Leben ich nicht berühren wollte, weil ich irgendwann ohnehin wieder daraus verschwinden würde. Und trotzdem hatten sie mich hineingelassen. Oder vielleicht hatte ich sie hineingelassen. Ohne es zu merken.

Mein Blick fiel auf die Torte. Auf Sirius' Feder. Auf Hagrids Holzkiste. Auf Dumbledores vier kleine Schachteln. Ich hatte heute Morgen geglaubt, dieser Tag würde mir wieder einmal zeigen, was ich verloren hatte. Tom. Meine Familie. Mein altes Leben. Stattdessen zeigte er mir gerade, was ich inzwischen besaß.

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich Geburtstage so lange gehasst hatte. Sie erinnerten mich daran, dass Zeit verging. Dass Menschen verschwanden. Dass nichts blieb. Aber vielleicht—

Ich sah zu Ruby. Sie lächelte. Vielleicht konnten Geburtstage einen auch daran erinnern, dass man noch da war. Und dass andere froh darüber waren.

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. >>Ihr seid alle vollkommen verrückt.<<

Hagrid lachte. Pansy grinste. Harry ebenfalls.

Ruby hob ihre Tasse. >>Happy Birthday, Lucinda.<<

Ich schüttelte den Kopf. Und lächelte. >>Danke.<<

Diesmal meinte ich nicht nur sie.

***

Der Tag neigte sich bereits seinem Ende entgegen, als ich durch die beinahe verlassenen Korridore von Hogwarts ging.

Draußen war es längst dunkel geworden. Hinter den hohen Fenstern lag das Schulgelände unter einer dünnen Schneeschicht, die im Licht der Laternen glitzerte. Irgendwo in den oberen Stockwerken hörte ich Gelächter. Vermutlich bereiteten sich einige Schüler bereits darauf vor, später gemeinsam das neue Jahr zu begrüßen.

Mein Geburtstag war beinahe vorbei. Und erstaunlicherweise hatte ich ihn überlebt. Sogar ohne jemanden zu verfluchen. Eine beachtliche Leistung.

Ruby würde das vermutlich anders sehen. Schließlich hatte ich ihr mindestens drei verschiedene Flüche angedroht, Sirius zwei und Dumbledore—Nun gut.

Über Dumbledore dachte ich lieber nicht nach.

Allein die Erinnerung an vier Hauselfen, die mitten in der Großen Halle aufgetaucht waren, ließ mich gleichzeitig lächeln und vor Scham zusammenzucken. Ich strich gedankenverloren über die kleine Schachtel in meiner Manteltasche. Hagrids Geschenk hatte ich bereits sorgfältig im Schlafsaal verstaut. Sirius' silberne Feder ebenfalls. Und Dumbledores vier kleinen Symbole...

Bei ihnen hatte ich nicht gewusst, wohin damit. Vielleicht weil ich noch immer nicht genau wusste, was sie mit mir machten. Ich war so sehr damit beschäftigt, dass ich die Gestalt am Ende des Korridors erst bemerkte, als sie bereits auf mich zukam. Silbernes Haar. Lange Roben. Halbmondbrille. Natürlich.

>>Lucinda.<<

Ich blieb stehen. >>Albus.<<

Sein Blick wanderte über mein Gesicht. >>Ich hoffe, du hattest einen angenehmen Geburtstag.<<

Ich schnaubte leise. >>Angenehm ist eine interessante Bezeichnung für einen Tag, an dem gefühlt halb Hogwarts beschlossen hat, mich öffentlich in Verlegenheit zu bringen.<<

Dumbledores Augen funkelten. >>Dann war er also erfolgreich.<<

>>Das war Ihr Ziel?<<

>>Nicht ausschließlich.<<

>>Beruhigend.<<

Er lächelte. Für einen Moment standen wir einfach dort. Dann wurde ich ernster.

>>Ich wollte mich übrigens noch bedanken.<< Sein Ausdruck veränderte sich kaum merklich. >>Für die Geschenke.<< Ich senkte kurz den Blick. >>Und für das, was Sie gesagt haben.<<

>>Du musst dich nicht bedanken.<<

>>Doch.<< Meine Finger glitten in die Manteltasche und berührten eine der kleinen Schachteln. >>Ich glaube, ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt.<<

>>Was?<<

Ich brauchte einen Moment. >>Irgendwo dazuzugehören.<<

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Nicht vollständig. Es wurde nur weicher. >>Dann wurde es höchste Zeit, dich daran zu erinnern.<<

Ich sah aus dem Fenster. >>Ich wollte diesen Tag eigentlich einfach vergessen.<<

>>Ich weiß.<<

Natürlich wusste er es. >>Es ist albern.<<

>>Nein.<< Ich sah wieder zu ihm. Dumbledore betrachtete mich lange. >>Du denkst an Tom.<<

Mein Herz zog sich zusammen. Ich nickte. >>Jedes Jahr.<< Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. >>Ich weiß, was er geworden ist. Ich weiß, was er getan hat. Aber an diesem Tag...<< Ich brach ab. Dumbledore wartete. >>An diesem Tag erinnere ich mich manchmal einfach nur daran, dass er mein Bruder war.<<

Keine Verurteilung erschien in seinen Augen. Kein Unverständnis. Nur dieses beinahe unerträgliche Mitgefühl. >>Und das darfst du.<<

Ich schluckte. >>Manchmal fühlt es sich falsch an.<<

>>Einen Menschen zu vermissen, den es in dieser Form längst nicht mehr gibt?<<

Ich nickte. Dumbledore trat ein wenig näher. >>Lucinda, du musst Voldemort nicht lieben, um um Tom trauern zu dürfen.<<

Ich sah ihn an. Dieser eine Satz traf etwas in mir, das ich seit Jahrzehnten sorgfältig verschlossen hielt. >>Vielleicht.<<

>>Ganz sicher.<<

Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Dann seufzte ich leise. >>Trotzdem verstehe ich noch immer nicht, warum Sie heute diesen ganzen Aufwand betrieben haben.<<

Dumbledore hob eine Augenbraue. >>Nein?<<

>>Vier Hauselfen, Albus.<<

>>Ich hätte fünf nehmen können.<<

Ich starrte ihn an. >>Das soll mich jetzt beruhigen?<<

>>Ich hielt vier für symbolisch angemessener.<< Ich musste lachen. Nur kurz. Dann wurde Dumbledore wieder ernst. >>Ich wollte, dass du etwas verstehst.<< Mein Lächeln verblasste. >>Du bist etwas ganz Besonderes, Lucinda.<<

Unbehagen regte sich in mir. >>Bitte fangen Sie jetzt nicht auch noch mit einer Rede an. Davon hatte ich heute genug.<<

>>Dann fasse ich mich kurz.<< Was bei Dumbledore ungefähr so glaubwürdig war wie Snapes Behauptung, er genieße Kinder. Trotzdem schwieg ich. >>Du hast vor vielen Jahren eine Entscheidung getroffen, die nur sehr wenige Menschen überhaupt hätten treffen können.<<

Ich wusste sofort, wovon er sprach. Der Fluch. Meine Schultern spannten sich an. >>Du hast dein eigenes Leben an das deines Bruders gebunden. Nicht aus Machtgier. Nicht aus Angst vor dem Tod. Sondern weil du wusstest, dass dadurch eines Tages die Möglichkeit bestehen würde, ihn endgültig aufzuhalten.<<

Mein Blick sank zu Boden. >>Ruby hat den Fluch erschaffen.<<

>>Auf deine Bitte hin.<< Ich schwieg. >>Du hast dich entschieden, eine Last zu tragen, die niemand von dir hätte verlangen dürfen.<< Seine Stimme wurde leiser.

>>Und eines Tages wirst du vielleicht sogar dein Leben dafür geben, dass andere Menschen eine Zukunft haben können.<<

Mein Hals wurde eng. Das wusste ich. Natürlich wusste ich es. Ich hatte diese Wahrheit selbst gewählt. Wenn Tom starb, würde auch der Fluch enden. Und vermutlich ich mit ihm. So sollte es sein. So hatte ich es gewollt.

>>Deshalb<<, fuhr Dumbledore ruhig fort, >>halte ich es für ausgesprochen bedauerlich, wenn du ausgerechnet die Tage ignorierst, die daran erinnern, dass du noch lebst.<< Langsam hob ich den Blick. Seine blauen Augen ruhten auf mir.

>>Jeder Geburtstag, der dir noch bevorsteht, ist kostbar, Lucinda.<< Ich brachte kein Wort hervor. >>Du hast dein Morgen der magischen Welt versprochen. Das bedeutet nicht, dass du ihr auch dein Heute schenken musst.<<

Meine Augen brannten. Verdammt. Ausgerechnet Dumbledore.

>>Feiere deine Geburtstage.<< Seine Stimme war ganz ruhig. >>Lache. Lass dich beschenken. Lass dich von Ruby gegen deinen Willen mit Torten überfallen.<< Ein ersticktes Lachen entwich mir. >>Und wenn nötig, ertrage noch ein paar Hauselfen.<<

>>Das geht zu weit.<<

Sein Mundwinkel hob sich. Dann wurde er wieder ernst. >>Lebe, Lucinda. Solange du kannst. Nicht nur für den Tag, an dem du deinen Bruder aufhalten wirst. Sondern auch für dich selbst.<<

Ich konnte nicht antworten. Also nickte ich nur. Einmal. Dumbledore schien zu verstehen. Das tat er leider viel zu oft. >>Gute Nacht, Lucinda.<<

Ich schluckte. >>Gute Nacht, Albus.<< Ich ging an ihm vorbei. Nach einigen Schritten blieb ich noch einmal stehen. >>Und...danke.<<

Als ich mich umdrehte, stand er noch immer dort. >>Alles Gute zum Geburtstag.<<

Diesmal lächelte ich. Dann ging ich weiter.

Als ich wenig später den Schlafsaal betrat, war niemand da.

Pansy und Daphne waren vermutlich noch im Gemeinschaftsraum. Irgendjemand hatte angekündigt, bis Mitternacht wach bleiben zu wollen, und Pansy hatte darauf bestanden, dass ein Jahreswechsel ohne Süßigkeiten praktisch verboten gehörte. Mir kam die Ruhe gerade recht. Ich schloss die Tür hinter mir und lehnte mich kurz dagegen.

Was für ein Tag. Noch heute Morgen hatte ich gehofft, niemand würde meinen Geburtstag bemerken. Jetzt besaß ich eine Torte, mehrere Geschenke und vermutlich genug emotionale Überforderung für die nächsten drei Jahrzehnte. Ich zog meinen Umhang aus. Und blieb stehen. Auf meinem Bett lag etwas. Ich runzelte die Stirn. Ein kleines Paket. Nein. Nicht noch eins. >>Ruby...<<

Ich ging darauf zu. Das Geschenk war vollkommen schlicht verpackt. Dunkles Papier. Keine Schleife. Keine aufwendige Dekoration. Kein Bowtruckle aus Zucker. Also vermutlich doch nicht Ruby.

Ich setzte mich auf die Bettkante. Auf dem Paket befand sich eine kleine Karte. Keine Handschrift. Die Buchstaben wirkten, als wären sie mit Magie direkt auf das Papier geprägt worden. Alles Gute zum Geburtstag.

Das war alles. Kein Name. Kein Hinweis. Nichts. Ich drehte die Karte um. Leer.

>>Sehr geheimnisvoll.<<

Vielleicht Dumbledore? Nein. Dumbledore hätte niemals auf seinen Namen verzichtet. Hagrid ebenfalls nicht. Ruby schon gar nicht. Und Sirius hätte vermutlich noch eine persönliche Beleidigung hinzugefügt. Wer also—

Neugierig löste ich vorsichtig das Papier. Darunter kam eine längliche schwarze Schatulle zum Vorschein. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Warum eigentlich? Es war nur ein Geschenk.

Ich öffnete sie. Und mein Atem stockte. Auf dunklem Samt lag ein Armreif. Silber. Fein gearbeitet. Eine Schlange wand sich in einem eleganten Bogen um das Schmuckstück, ihr Körper so kunstvoll gestaltet, dass einzelne Schuppen im Licht der Kerzen schimmerten. Doch es waren ihre Augen, die meinen Blick fesselten. Zwei kleine Smaragde. Tiefgrün. Sie funkelten beinahe lebendig.

Ich sagte nichts. Konnte es nicht. Langsam nahm ich den Armreif aus der Schatulle. Das Silber fühlte sich kühl unter meinen Fingern an. Die Schlange hätte mich stören müssen. Vielleicht hätte sie mich sogar an Tom erinnern sollen.

An Slytherin. An Parsel. An all jene Dinge, die ich mein Leben lang mit meiner Familie verbunden hatte. Tat sie aber nicht.

Sie war wunderschön. Nicht bedrohlich. Nicht grausam. Einfach...schön.

Ich strich mit dem Daumen über einen der Smaragde. Wer schenkte mir so etwas? Pansy? Nein. Daphne? Unwahrscheinlich. Anthony? Nach dem Weihnachtsball vermutlich ebenfalls nicht. Castor—

Bei Merlin, nein. Der hätte das Geschenk mit einer Blaskapelle überreichen lassen. Unwillkürlich musste ich lachen. Dann fiel mein Blick wieder auf die Karte.

Alles Gute zum Geburtstag.

Keine Unterschrift. Warum anonym? Ich betrachtete den Armreif erneut. Jemand hatte sich Gedanken gemacht. Das war kein beliebiges Geschenk. Eine silberne Schlange mit grünen Augen. Etwas, das zu meinem heutigen Haus passte. Zu mir. Zumindest zu der Person, für die mich alle hielten. Lucinda Stonefield. Slytherin.

Ich legte den Armreif vorsichtig um mein Handgelenk. Er passte. Perfekt. Fast zu perfekt. Ich drehte den Arm langsam im Kerzenlicht. Die Smaragde glitzerten. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Warm. Und gleichzeitig beunruhigend. Ich kannte dieses Gefühl inzwischen. Neugier.

>>Wer bist du?<<, flüsterte ich.

Natürlich antwortete niemand. Ich nahm die Karte noch einmal in die Hand. Keine Handschrift. Kein verräterischer Schnörkel. Nichts. Nur diese vier Worte. Ich hätte das Geschenk ablegen sollen. Bis ich wusste, von wem es stammte. Das wäre vernünftig gewesen. Vorsichtig. Ganz nach meinem Geschmack.

Stattdessen betrachtete ich mein Handgelenk. Und ließ den Armreif dort. Dumbledores Worte kamen mir wieder in den Sinn. Lass dich beschenken.

Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. >>Na schön.<<

Vielleicht konnte ein geheimnisvoller Armreif heute noch durchgehen. Ich stellte die schwarze Schatulle auf meinen Nachttisch und legte mich aufs Bett. Mein Blick blieb auf der silbernen Schlange ruhen. Dieser Geburtstag hatte mit Tom begonnen. Mit Verlust. Mit Erinnerungen an einen Bruder, den es längst nicht mehr gab. Und jetzt endete er mit einem Geschenk von einem Menschen, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Seltsam.

Ich strich ein letztes Mal über die grünen Augen der Schlange. Zum ersten Mal seit langer Zeit wünschte ich mir beinahe, dieser Tag müsste noch nicht enden. Und in meinem Kopf kursierte vor allem eine Frage: von wem kam der Schlangenarmreif?