Das erste Siegel
Das erste Siegel
Hallo, meine Lieben :) Wir steigen in die neue Woche ein und das mit einem Doppelkapitel ;) Es bleibt spannend und aufregend in Hogwarts. Deshalb wünsche ich euch viel Spaß beim Weiterlesen und bin sehr gespannt auf eure Meinungen. Habt einen fantastischen Start in die Feiertagswoche!
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~
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Das erste Siegel
Lucinda PoV
Drei Tage.
Seit drei Tagen trug ich einen Armreif am Handgelenk, dessen Herkunft mir vollkommen unbekannt war. Und langsam begann mich diese Tatsache wahnsinnig zu machen.
Ich lag auf meinem Bett und hielt den linken Arm über meinen Kopf. Die silberne Schlange glänzte im gedämpften Licht des Slytherin-Schlafsaals, während ihre smaragdgrünen Augen mich beinahe vorwurfsvoll anzustarren schienen. >>Du könntest mir wenigstens sagen, woher du kommst.<<
Die Schlange antwortete nicht. Unhöflich. Ich ließ meinen Arm auf die Decke sinken. Seit Ruby das Schmuckstück entdeckt hatte, war die Liste möglicher Verdächtiger nicht unbedingt kürzer geworden. Anthony hatte ich bereits beinahe ausgeschlossen. Hagrid und Dumbledore sowieso. Sirius ebenfalls.
Castor—
Ich schnaubte. Nein. Castor Thornbloom konnte vermutlich nicht einmal heimlich niesen. Wenn dieser Junge mir einen Armreif schenken würde, ließe er wahrscheinlich vorher ein Banner über Hogwarts schweben.
LUCI, ICH BIN ES GEWESEN.
Mit Musik. Und Feuerwerk. Vermutlich würde Professor Snape dafür weitere fünfzig Punkte abziehen. Womit ich wieder einen Monat lang Zaubertränke brauen dürfte, um unser Hauskonto zu retten. Nein. Castor war es nicht.
Ich strich mit dem Daumen über einen der fein gearbeiteten Schlangenköpfe. Jemand hatte ihn ausgesucht. Für mich. Das war eigentlich der Teil, der mich am meisten beschäftigte. Nicht einmal die Frage, wer es gewesen war. Sondern warum.
Warum eine Schlange? Natürlich war ich eine Slytherin. Für jeden anderen wäre das Erklärung genug gewesen. Für mich nicht. Schlangen hatten schon lange vor meiner Rückkehr nach Hogwarts eine Bedeutung in meinem Leben gehabt. Eine Bedeutung, von der hier niemand etwas wissen durfte.
Mein Bruder. Unsere gemeinsame Fähigkeit. Die Kammer. Slytherins Erbe. All diese Dinge waren mit diesem Symbol verbunden. Und trotzdem empfand ich keine Abneigung gegen den Armreif. Ganz im Gegenteil. Ich mochte ihn. Viel zu sehr.
Ein Klopfen gegen die Fensterscheibe riss mich aus meinen Gedanken. Ich setzte mich auf. Noch einmal. Klopf. Klopf. Dann erschien ein vertrautes Gesicht hinter dem Glas. Ruby. Ich starrte sie an. Sie starrte zurück. Wir befanden uns unter dem See. Wie—
Ruby deutete energisch nach oben. Ich brauchte einige Sekunden. Dann verdrehte ich die Augen. Natürlich stand sie nicht wirklich vor meinem Fenster.
Eine kleine silbrige Illusion ihres Gesichts löste sich bereits wieder auf und hinterließ nur ein schwaches Glitzern auf der Scheibe. Angeberin.
Wenige Augenblicke später verließ ich den Schlafsaal und fand Ruby bereits vor dem Eingang zum Gemeinschaftsraum. Sie lehnte an der Wand. Und grinste. Das war niemals ein gutes Zeichen. >>Was hast du getan?<<
>>Hallo wäre auch eine Möglichkeit gewesen.<<
>>Hallo. Was hast du getan?<<
Ihr Grinsen wurde breiter. >>Ich glaube, ich weiß, wie wir das erste Siegel brechen können.<<
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der Schlangenarmreif war vergessen. >>Was?<<
Ruby stieß sich von der Wand ab. >>Nicht hier.<<
***
Wir wählten einen verlassenen Klassenraum im dritten Stock. Nicht gerade der geheimnisvollste Ort in Hogwarts, aber zumindest besser als ein Korridor voller Schüler. Ruby verschloss die Tür hinter uns und belegte sie zusätzlich mit einem Muffliato.
Ich stellte meine Tasche auf einen Tisch. >>Jetzt rede.<<
>>Du bist unglaublich ungeduldig.<<
>>Ruby.<<
>>Schon gut.<<
Sie zog das Tagebuch hervor. Allein sein Anblick veränderte die Atmosphäre im Raum. Das tat er jedes Mal. Der dunkle Einband war vollkommen unscheinbar, wenn man nicht wusste, wonach man suchen musste. Keine Beschriftung. Keine Initialen. Kein Hinweis auf seinen Besitzer.
Aber ich wusste es. Ich hatte es in der Kammer des Schreckens gefunden. Im alten Unterschlupf meines Bruders. Und seine Magie hing noch immer daran. Nicht Voldemorts Magie. Toms.
Vielleicht war das der Grund, weshalb mir dieses Buch mehr Angst machte als vieles andere, was ich in meinem Leben gesehen hatte. Voldemort kannte ich. Ich wusste, was er geworden war. Dieses Tagebuch hingegen stammte aus einer Zeit, in der Tom noch mein Bruder gewesen war.
Ruby legte es vorsichtig auf den Tisch. Kaum berührte es die Oberfläche, erschienen die feinen Linien auf dem Einband. Ein Kreis. Runen. Mehrere ineinander verschachtelte Symbole. Und sieben magische Verschlüsse.
Wir hatten sie bereits untersucht. Mehrfach. Ohne Erfolg.
>>Ich habe die Zeichen falsch betrachtet<<, erklärte Ruby.
Ich sah sie an. >>Du?<<
>>Genieß den Moment. Er kommt nicht häufig vor.<<
>>Ich wollte ihn gerade für die Nachwelt festhalten.<<
Sie ignorierte mich. >>Wir sind davon ausgegangen, dass die Siegel ausschließlich magisch funktionieren. Schutzzauber. Bannkreise. Blutmagie. Vielleicht etwas, das nur auf Tom reagiert.<<
>>Was angesichts seiner Vorlieben keine schlechte Vermutung war.<<
>>War es auch nicht. Nur unvollständig.<<
Ruby zog ein Pergament aus ihrer Tasche und breitete es neben dem Tagebuch aus. Darauf befanden sich Abschriften der Runen. Dutzende Notizen. Berechnungen. Einige davon verstand selbst ich nicht.
Ich hob eine Augenbraue. >>Wann hast du geschlafen?<<
>>Unwichtig.<<
>>Ruby.<<
>>Schlaf wird überbewertet.<<
Ich schnaubte. >>Das sagt ausgerechnet die Frau, die mich regelmäßig ins Bett schickt.<<
>>Weil du unausstehlich wirst, wenn du müde bist.<<
>>Du bist immer unausstehlich.<<
>>Danke.<< Sie deutete auf eine Gruppe von Symbolen. >>Das hier ist der entscheidende Teil.<<
Ich beugte mich darüber. Drei Runen bildeten ein Dreieck. Erkennen. Trennen. Verbinden. Meine Stirn legte sich in Falten. >>Das ergibt keinen Sinn.<<
>>Magisch nicht. Alchemistisch schon.<<
Natürlich. Ich sah Ruby an. Jetzt verstand ich ihr Grinsen. >>Du glaubst, Tom hat Alchemie benutzt.<<
>>Nicht direkt.<< Sie tippte auf die erste Rune. >>Er hat Prinzipien daraus verwendet. Umwandlung. Gleichgewicht. Gegensätze. Etwas wird nicht einfach zerstört. Es muss in einen anderen Zustand überführt werden.<<
Mein Blick wanderte zum Tagebuch. >>Dann können wir das Siegel nicht brechen.<<
>>Richtig.<< Sie lächelte. >>Wir müssen es auflösen.<<
Bei Merlin. >>Und du weißt, wie?<<
>>Ich habe eine Theorie.<<
>>Das klingt weniger beruhigend.<<
>>Meine Theorien sind ausgezeichnet.<<
>>Unsere letzte große Theorie hat mich an das Leben meines mörderischen Zwillingsbruders gebunden.<<
Ruby schwieg. Ich ebenfalls. >>Gut<<, räumte sie schließlich ein. >>Schlechtes Beispiel.<<
Ich musste lachen. Nur kurz. Dann wurde ich wieder ernst. >>Was brauchst du?<<
Ruby sah auf mein Handgelenk. Nicht auf den Armreif. Darunter. Auf mich. >>Dich.<<
Natürlich. Wann brauchte gefährliche Magie eigentlich einmal nicht mich?
>>Das Siegel erkennt Toms Magie<<, erklärte sie. >>Aber ihr seid Zwillinge. Gleiche Herkunft. Ähnliches magisches Potential. Wenn ich recht habe, hat Tom die erste Schutzschicht so gestaltet, dass seine eigene Magie sie passieren kann.<<
>>Und meine könnte nah genug an seiner liegen, um sie zu täuschen.<<
>>Nicht täuschen.<< Ruby wurde ungewöhnlich ernst. >>Erkennen lassen.<<
Mir gefiel dieser Unterschied überhaupt nicht. Ich sah auf das Tagebuch. >>Was passiert, wenn du dich irrst?<<
>>Dann schließen wir es wieder und überlegen weiter.<<
>>Und wenn es explodiert?<<
>>Dann würde ich vorschlagen, dass wir uns ducken.<<
Ich starrte sie an. >>Ausgezeichneter Plan.<<
>>Danke.<<
Ich atmete tief durch. Dann zog ich meinen Zauberstab. >>Also gut.<<
Ruby stellte sich mir gegenüber. >>Nicht mit Gewalt. Das ist wichtig. Egal, was du spürst – du versuchst nicht, das Siegel zu durchbrechen.<<
>>Ich lasse es mich erkennen.<<
>>Genau.<<
Ihre Hand legte sich auf meine. Vertraut. Fest. So wie damals. Für einen Moment sah ich nicht den verlassenen Klassenraum. Ich sah einen anderen Raum. Kerzen. Pergamente. Blut. Ruby und mich. Zwei junge Hexen, die etwas erschufen, das niemals hätte existieren dürfen. Einen Fluch.
Ich verdrängte die Erinnerung. >>Bereit?<<, fragte Ruby.
Ich nickte. Unsere Zauberstäbe senkten sich gleichzeitig. Die Spitzen berührten das erste Siegel. Nichts geschah. Eine Sekunde. Zwei. Dann—Hitze.
Ich sog scharf die Luft ein. Die Runen leuchteten auf. Nicht grün. Nicht rot. Silbern. Eine Linie nach der anderen erwachte zum Leben und zog sich über den Einband. >>Ruby—<<
>>Nicht zurückziehen.<<
Die Magie schoss durch meinen Arm. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Etwas berührte meinen Geist. Keine Stimme. Kein Gedanke. Nur—Vertrautheit.
Ich kannte diese Magie. Bei Merlin. Ich kannte sie. Tom.
Meine Finger verkrampften sich um den Zauberstab. Plötzlich war ich wieder ein Kind. Ein Junge mit dunklen Haaren neben mir. Zwei Betten im Waisenhaus. Geflüsterte Worte in der Nacht. Eine Schlange im Gras. Seine Hand um mein Handgelenk. Wir brauchen niemanden außer uns. Lüge.
>>Lucinda!<< Rubys Stimme holte mich zurück.
Ich keuchte. Das Siegel glühte inzwischen so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. >>Jetzt!<<
Ruby sprach eine Formel. Keine gewöhnliche Beschwörung. Alchemistische Silben. Alt. Rhythmisch. Die Runen veränderten sich. Der äußere Kreis zerfiel. Nicht wie Glas. Wie Tinte, die sich in Wasser auflöste. Eine Linie verschwand. Dann die nächste.
Ich spürte, wie der Widerstand unter meinem Zauberstab nachließ. Ein letztes Aufleuchten—und das erste Siegel verschwand. Stille.
Ruby und ich standen vollkommen regungslos da. Ich starrte auf das Tagebuch.
>>Haben wir gerade—<<
>>Ja.<<
>>Wirklich?<<
>>Lucinda.<< Ich sah sie an. Ruby grinste. >>Wir haben es geschafft.<<
Ein Lachen entkam mir. Ungläubig. Erleichtert. Ich fiel ihr beinahe um den Hals. >>Wir haben es tatsächlich geschafft!<<
>>Natürlich haben wir das.<<
>>Vor zwei Minuten hattest du noch eine Theorie!<<
>>Eine ausgezeichnete Theorie.<<, korrigierte sie gelassen.
>>Du hast gesagt, wir sollen uns ducken, wenn das Buch explodiert!<<
>>Aber es ist nicht explodiert.<<
>>Das macht deinen Plan nicht besser!<<
Ruby lachte. Und für wenige Sekunden war alles leicht. Wir hatten gewonnen. Nur einen winzigen Kampf. Nur eines von mehreren Siegeln. Aber wir hatten gewonnen. Dann sah ich wieder auf das Tagebuch.
Mein Lachen verstummte. Der Einband hatte sich verändert. Eine feine silberne Linie zog sich darüber. Das erste Siegel war verschwunden. Die anderen blieben. Wartend. >>Öffne es<<, sagte Ruby leise.
Plötzlich wollte ich nicht mehr. Das war lächerlich. Ich hatte mich einem toten Basilisken gestellt. Ich hatte dunkle Magie angewandt. Ich war gestorben. Und trotzdem machte mir ein Buch Angst.
Langsam legte ich meine Hand darauf. Der Einband war warm. Ich schlug ihn auf. Die ersten Seiten waren leer. Eine. Zwei. Drei. Dann erschien Schrift. Dunkle Tinte. Sauber. Präzise. Ich kannte diese Handschrift.
Mein Atem stockte. >>Tom.<<
Ruby trat neben mich. Der erste Eintrag trug ein Datum.
14. September 1938.
Unser erstes Schuljahr.
Ich schluckte. Dann begann ich zu lesen.
Hogwarts ist anders, als ich erwartet hatte.
Darunter folgten mehrere Zeilen. Beobachtungen über das Schloss. Die Lehrer. Andere Schüler. Nichts Besonderes. Und trotzdem konnte ich kaum atmen. Das waren seine Gedanken. Keine manipulierte Version seiner Vergangenheit. Keine Falle. Zumindest hoffte ich das.
Das hier war Tom. Mein Bruder hatte an einem Tisch gesessen. Mit einer Feder in der Hand. Und diese Worte geschrieben. Ich blätterte weiter. Kurze Einträge. Beobachtungen. Namen. Zauber, die ihn interessierten. Magische Theorien. Schon damals analysierte er Menschen wie Figuren auf einem Schachbrett.
Wer war nützlich? Wer leicht zu beeinflussen? Wer besaß Wissen? Wer Macht? Mir wurde kalt.
>>Er war elf<<, murmelte Ruby.
>>Ich weiß.<<
Das machte es schlimmer. Ich blätterte weiter. Dann blieb meine Hand stehen. Mein Name. Nicht Stonefield. Lucinda.
Mein Herz schlug schneller. Ruby sagte nichts. Ich las.
Lucinda versteht noch immer nicht, was wir sind.
Ich erstarrte. Die nächste Zeile.
Vielleicht ist es besser so.
Meine Finger legten sich fester um den Rand der Seite.
Sie stellt zu viele Fragen. Irgendwann wird sie Antworten verlangen.
Darunter war etwas geschrieben worden. Doch die Worte verschwammen vor meinen Augen. Nicht wegen Tränen. Magie. Die Tinte löste sich auf, sobald ich versuchte, sie zu lesen.
>>Nein.<< Ich beugte mich näher. >>Nein, nein, nein.<<
Ruby untersuchte die Seite. >>Das nächste Siegel.<<
Ich sah sie an. >>Was?<<
Sie deutete auf eine kaum sichtbare Rune am unteren Rand. >>Das erste Siegel hat uns Zugang zu einem Teil der Aufzeichnungen gegeben. Aber bestimmte Stellen sind zusätzlich geschützt.<<
Natürlich. Natürlich hatte Tom das getan. Ich sah wieder auf die letzten lesbaren Worte. Irgendwann wird sie Antworten verlangen.
>>Welche Antworten?<<, flüsterte ich.
Das Tagebuch schwieg. Ich schlug die nächste Seite auf. Leer. Die nächste ebenfalls. Dann erschien erneut eine einzige Zeile.
Es gibt Dinge, die selbst Lucinda niemals erfahren darf.
Mir wurde eiskalt. Ruby las sie ebenfalls. Unsere Blicke trafen sich. >>Nun<<, sagte sie langsam.
Ich schloss das Buch. >>Ich hasse ihn.<<
>>Verständlich.<<
>>Seit über fünfzig Jahren ist dieser Mann nicht in der Lage, mir eine einfache Antwort zu geben.<<
Ruby hob eine Augenbraue. >>Er ist nicht anwesend.<<
>>Das hält ihn offenbar nicht davon ab, mich wahnsinnig zu machen.<<
Ich starrte auf das Tagebuch. Der Triumph war noch da. Aber darunter hatte sich etwas anderes geschoben. Eine Frage. Tom hatte etwas vor mir verborgen. Schon damals. Etwas, das offenbar mit uns beiden zu tun hatte. Und wenn mein Bruder geglaubt hatte, ich dürfte es niemals erfahren—dann wollte ich es jetzt erst recht wissen.
***
Am nächsten Morgen war meine gute Laune wieder verschwunden. Nicht wegen Tom. Nicht wegen des Tagebuchs. Nicht wegen der Tatsache, dass sechs weitere Siegel zwischen mir und seinen Geheimnissen lagen. Nein. Diesmal war Rita Kimmkorn schuld.
Ich bemerkte das Problem ungefähr drei Sekunden nachdem die Eulen in die Große Halle geflogen waren. Ein Waldkauz ließ den Tagespropheten vor Draco fallen. Er entfaltete ihn. Sah auf die Titelseite. Dann mich. Wieder die Titelseite. Wieder mich. Oh nein.
>>Was?<<
Dracos Mund verzog sich zu einem Grinsen. Oh nein. >>Stonefield.<<
>>Nein.<<
>>Du weißt noch gar nicht, was ich sagen wollte.<<
>>Dein Gesicht reicht mir.<<
Pansy beugte sich über seine Schulter. Ihre Augen wurden groß. >>Oh.<<
Daphne ebenfalls. >>Oh!<<
Ich schloss die Augen. >>Ich hasse dieses Wort.<<
Draco drehte die Zeitung herum. Und ich sah mich selbst. Auf der Titelseite. Ein Foto vom Vortag. Ich im Korridor. Mein Ärmel war ein Stück nach oben gerutscht. Gerade weit genug. Die silberne Schlange war deutlich zu erkennen.
Darüber prangte die Schlagzeile:
GEHEIMNISVOLLES GESCHENK FÜR HOGWARTS' SCHÖNH EIT – WER WILL LUCI NDA STONEFIELDS HERZ EROBERN?
Ich starrte darauf. >>Nein.<<
Draco grinste. >>Doch.<<
Ich riss ihm die Zeitung aus der Hand.
Kaum ist das Weihnachtsfest vorüber, sorgt Hogwarts' geheimnisvolle Slytherin-Schönheit Lucinda Stonefield erneut für Gesprächsstoff.
Bei Merlin.
Wie unsere aufmerksamen Quellen berichten, trägt die junge Hexe seit ihrem Geburtstag ein auffälliges neues Schmuckstück: einen kostbaren silbernen Armreif in Form einer Schlange mit smaragdgrünen Augen.
Meine Finger zerknitterten das Papier.
Besonders interessant: Niemand scheint zu wissen, von wem das offenbar sehr persönliche Geschenk stammt.
Ich hörte auf zu lesen. >>Ich bringe sie um.<<
Pansy nickte verständnisvoll. >>Wir helfen dir.<<
>>Danke.<<
Draco nahm mir die Zeitung wieder ab. >>Warte, es wird besser.<<
>>Das bezweifle ich.<<
Er las weiter. >>‚Nachdem bereits Anthony Goldstein und der charmante Castor Thornbloom—‘<<
>>Gib mir das.<<
>>‚—Interesse an Miss Stonefield gezeigt haben, stellt sich nun die Frage, ob ein dritter Verehrer das Spielfeld betreten hat.‘<<
Ich ließ meine Stirn auf den Tisch sinken. >>Bitte tötet mich.<<
>>Das wäre schade.<<
Diese Stimme. Ich hob langsam den Kopf. Castor. Natürlich. Er stand einige Plätze entfernt. Und grinste. Dieses Grinsen. Ich kannte dieses Grinsen. Nein.
>>Thornbloom<<, warnte ich.
Er legte eine Hand auf seine Brust. >>Du musst dich nicht bedanken.<<
Stille. Ich blinzelte. >>Wofür?<<
>>Den Armreif.<<
Mein Gehirn benötigte einen Moment. >>Was?<<
Castor grinste noch breiter. Mehrere Slytherins drehten sich bereits zu uns. >>Ich wollte eigentlich bescheiden bleiben.<<
Draco verschluckte sich. Pansy begann zu husten. Ich starrte Castor an. Bescheiden. Castor Thornbloom. >>Aber da es jetzt ohnehin im Tagespropheten steht—<<
Er breitete die Arme aus. >>Überraschung.<<
Ich sah ihn an. Lange. Sehr lange. Und wusste es. Er log. Ich hätte nicht einmal sagen können, woran ich es erkannte. Vielleicht daran, dass Castor niemals drei Tage geschwiegen hätte. Vielleicht an seiner Art, mich anzusehen. Vielleicht an meinem Instinkt. Oder vielleicht—
Meine Finger glitten unter dem Tisch über die silberne Schlange. Nein. Dieses Geschenk war nicht von ihm. >>Du warst es nicht.<<
Sein Grinsen geriet kurz ins Wanken. Nur eine Sekunde. Aber ich sah es. >>Natürlich war ich es.<<
>>Nein.<<
>>Lucinda—<<
>>Du. Warst. Es. Nicht.<<
Jetzt war es stiller geworden. Zu still. Ich spürte Blicke. Slytherin. Ravenclaw. Gryffindor. Hufflepuff. Sogar einige Lehrer schienen aufmerksam geworden zu sein. Genau das wollte ich nicht. Ich stand auf.
>>Wo willst du hin?<<, fragte Draco.
>>Weg.<<
Castor trat einen Schritt vor. >>Lucinda, jetzt warte doch—<<
>>Nein.<<
Ich nahm meine Tasche. Ruby war bereits vom Ravenclaw-Tisch aufgestanden. Ich sah sie. Sie sah mich. Und blieb stehen. Danke. Sie verstand. Ich wollte gerade niemanden bei mir haben. Also verließ ich die Große Halle. Hinter mir begann das Gemurmel erneut.
Die kalte Januarluft traf mich wie ein Schlag. Gut. Genau das brauchte ich. Ich zog meinen Umhang enger um mich und lief weiter. Nicht zum See. Nicht zu Hagrids Hütte. Ich wusste längst, wohin ich wollte. Der Waldrand lag ruhig vor mir. >>Hallo?<< Nichts. Ich trat näher an die Bäume. >>Ich bin es.<<
Ein Rascheln. Dann erschien der erste kleine grüne Kopf zwischen den Zweigen. Ich lächelte schwach. >>Hallo.<<
Der Bowtruckle kletterte vorsichtig den Stamm hinunter. Ein zweiter folgte. Dann ein dritter. Innerhalb weniger Minuten saß ich auf einem umgestürzten Baumstamm und war von kleinen grünen Wesen umgeben. Einer kletterte auf mein Knie. Ein anderer zog an meinem Ärmel. >>Nein.<< Er zog noch einmal. >>Das ist kein Spielzeug.<<
Der Bowtruckle ignorierte mich. Natürlich. Schließlich gab ich auf und schob den Ärmel hoch. Die silberne Schlange kam zum Vorschein. Das kleine Wesen erstarrte. Seine winzigen Finger berührten vorsichtig einen der Schlangenköpfe. >>Schön, oder?<< Er legte den Kopf schief. >>Ich weiß auch nicht, von wem er ist.<< Der Bowtruckle sah mich an. >>Frag nicht.<<
Ein leises Rascheln ertönte hinter mir. Ich drehte mich um. Etwas Goldenes blitzte zwischen den Bäumen auf. Dann kam ein kleines Wesen aus dem Unterholz gewatschelt. Meine Augen wurden groß. >>Midas?<<
Der Niffler blieb stehen. Sah mich an. Dann den Armreif. Oh nein. >>Denk nicht einmal daran.<< Midas dachte eindeutig daran. Seine Augen klebten am Silber. >>Midas.<< Er kam näher. >>Nein.<< Noch ein Schritt. >>Das gehört mir.<< Er streckte eine Pfote aus. Ich zog den Arm zurück. >>Vergiss es.<<
Midas gab ein beleidigtes Geräusch von sich. >>Du hast genug glänzendes Zeug.<< Er sah mich an, als hätte ich gerade etwas vollkommen Absurdes behauptet. >>Bei Merlin. Du bist schlimmer als Castor.<<
Midas setzte sich. Sein Blick wanderte wieder zum Armreif. Ich musste lachen. Nur ein bisschen. Aber es tat gut. Einer der Bowtruckles kletterte auf meine Schulter. Midas begann währenddessen, meine Taschen zu untersuchen. >>Da ist nichts drin.<< Er glaubte mir nicht. >>Du kannst nachsehen.<<
Das tat er. Gründlich. Ich ließ ihn. Langsam verschwand mein Lächeln wieder. Meine Finger legten sich um den Armreif. Gestern hatte ich Toms Tagebuch geöffnet. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte ich Worte meines Bruders gelesen. Worte aus einer Zeit, in der die Welt noch nicht gewusst hatte, wer Lord Voldemort war. Worte über mich. Und heute—
Heute diskutierte vermutlich ganz Hogwarts darüber, welcher Junge mir Schmuck schenkte. Es war absurd. Eigentlich hätte ich darüber lachen müssen. Aber ich konnte nicht. Kimmkorn wusste nicht, was sie getan hatte. Für sie war es eine Geschichte. Eine Schlagzeile. Ein hübsches Mädchen. Ein geheimnisvolles Geschenk. Ein paar Verehrer. Genug Stoff, um Zeitungen zu verkaufen.
Sie wusste nicht, dass ich diesen Armreif an einem Geburtstag erhalten hatte, den ich am liebsten vergessen hätte. Sie wusste nicht, dass ich ihn am nächsten Morgen wieder angelegt hatte, obwohl ich mir vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Sie wusste nicht, wie oft meine Finger inzwischen gedankenverloren über das Silber gestrichen waren. Oder wie merkwürdig beruhigend sich sein Gewicht an meinem Handgelenk anfühlte.
Sie wusste nicht, dass dieses Schmuckstück innerhalb weniger Tage etwas geworden war, das ich nicht erklären konnte. Etwas Persönliches. Etwas, das nur mir gehört hatte. Bis heute.
Jetzt war es eine Schlagzeile. Eine öffentliche Spekulation. Eine weitere Geschichte über Lucinda Stonefield. Ich senkte den Blick. >>Es ist albern, oder?<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter berührte meine Wange. >>Es ist nur ein Armreif.<< Er gab ein leises Geräusch von sich. Ich lächelte bitter. >>Genau.<<
Nur ein Armreif. Warum tat es dann weh, dass Kimmkorn ihn zu etwas Lächerlichem machte? Vielleicht weil er das erste Geschenk seit langer Zeit gewesen war, hinter dem keine Verpflichtung steckte. Kein Auftrag. Keine Vergangenheit. Kein Fluch. Keine Erinnerung daran, wer ich wirklich war.
Jemand hatte mir einfach etwas Schönes geschenkt. Ohne Namen. Ohne Gegenleistung. Und ich hatte es gemocht.
Midas stupste gegen meine Hand. Ich sah ihn an. >>Was?<< Er griff nach meinem Ärmel. >>Nein.<< Er zog. >>Midas.<< Der Niffler ließ nicht los. Ich schob ihn weg. Er kam wieder. >>Du bekommst den Armreif nicht.<< Seine dunklen Augen wurden groß. >>Dieser Blick funktioniert bei mir nicht.<< Noch größer. >>Vergiss es.<<
Ein Bowtruckle neben mir gab ein Geräusch von sich, das verdächtig nach Zustimmung klang. >>Danke. Wenigstens einer steht auf meiner Seite.<<
Midas ließ sich dramatisch nach hinten fallen. Ich lachte. Diesmal richtig. Und genau deshalb mochte ich diese Wesen.
Sie stellten keine Fragen. Sie interessierten sich nicht für Zeitungen. Nicht für Gerüchte. Nicht für Lucinda Stonefield. Und schon gar nicht für Lucinda Riddle. Für sie war ich einfach ich. Ich lehnte mich gegen den Baumstamm. Der Bowtruckle blieb auf meiner Schulter. Midas hatte inzwischen offenbar akzeptiert, dass mein Armreif außerhalb seiner Reichweite blieb und durchsuchte stattdessen den Waldboden nach anderen Schätzen.
Meine Finger strichen wieder über die Schlange. Tom hatte mir etwas verschwiegen. Etwas Großes. Sein Tagebuch würde mir irgendwann verraten, was es war. Sechs Siegel standen noch zwischen mir und der Wahrheit. Und irgendwo in diesem Schloss lief ein Mensch herum, der mir dieses Schmuckstück geschenkt hatte. Zwei Geheimnisse.
Ich betrachtete die smaragdgrünen Augen der Schlange. >>Wenigstens bist du hübscher als das andere.<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter legte den Kopf schief. >>Das Tagebuch<<, erklärte ich. Er blinzelte. >>Lange Geschichte.<<
Midas kam zurück. In seinen Pfoten hielt er etwas Glänzendes. Ich runzelte die Stirn. >>Midas. Woher hast du das?<< Er steckte es sofort in seinen Beutel. >>Midas.<< Er drehte sich um. >>Das war eine Gabel!<< Der Niffler watschelte davon. >>Midas!<< Ich sprang auf. Die Bowtruckles wurden unruhig. >>Wo hast du eine Gabel her?!<<
Midas verschwand zwischen den Bäumen. Ich starrte ihm hinterher. Dann schloss ich die Augen. Natürlich. Mein Bruder hatte ein mehrfach versiegeltes Tagebuch hinterlassen. Eine Journalistin machte mein Privatleben zur Titelgeschichte. Castor behauptete öffentlich, mein heimlicher Verehrer zu sein. Und irgendwo im Verbotenen Wald beging ein Niffler gerade Besteckdiebstahl.
Ich öffnete die Augen. >>Warum ist mein Leben eigentlich so?<<
Der Bowtruckle auf meiner Schulter gab ein leises Zirpen von sich. Ich seufzte.
>>Ja. Vermutlich bin ich selbst schuld.<< Meine Hand glitt ein letztes Mal über den Schlangenarmreif.
Wer immer ihn mir geschenkt hatte— Kimmkorn würde ihn mir nicht kaputtmachen. Castor auch nicht. Dieses eine Geheimnis durfte noch ein wenig meines bleiben. Und vielleicht würde ich irgendwann herausfinden, wem ich dafür danken musste.
Ich sah in Richtung Schloss. Dann dachte ich an die Worte meines Bruders.
Es gibt Dinge, die selbst Lucinda niemals erfahren darf.
Meine Augen verengten sich. >>Tja, Tom<<, murmelte ich. Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. >>Dann hättest du dein Tagebuch besser verstecken sollen.<<
***
Ruby PoV
Lucinda ging. Nicht langsam. Nicht so, als hätte sie lediglich beschlossen, das Frühstück vorzeitig zu beenden. Sie floh.
Ich sah ihr nach, bis die Türen der Großen Halle hinter ihr zufielen. Mein erster Impuls war, sofort aufzustehen. Hinterher. Natürlich. Seit Jahrzehnten war das praktisch meine natürliche Reaktion, wenn Lucinda diesen bestimmten Ausdruck im Gesicht hatte.
Doch ich blieb sitzen. Weil ich sie kannte. Und weil ich genau gesehen hatte, was in ihren Augen gelegen hatte. Keine Angst. Keine Gefahr. Nicht einmal wirkliche Wut. Verletzung. Und vor allem der dringende Wunsch, für einen Moment niemanden sehen zu müssen.
Also blieb ich. Auch wenn es mir schwerfiel. Meine Finger schlossen sich fester um meinen Becher. >>Na ja<<, erklang Castors Stimme am Slytherin-Tisch, >>sie wird sich schon wieder beruhigen.<<
Langsam wandte ich den Kopf. Vielleicht hätte ich gehen sollen. Wirklich. Lucinda brauchte Ruhe. Ich hätte ihr diese Ruhe geben und mich später nach ihr umsehen können. Das wäre vernünftig gewesen. Besonnen. Erwachsen.
Leider redete Castor weiter. >>Wahrscheinlich war sie einfach überrascht, dass ich es öffentlich gesagt habe.<<
Draco Malfoy sah ihn an. Sogar Malfoy wirkte skeptisch. Das hätte Castor eigentlich zu denken geben müssen. Tat es nicht. Natürlich nicht.
>>Du hast ihr den Armreif wirklich geschenkt?<<, fragte irgendein Slytherin.
Castor grinste. >>Wer sonst?<<
Ich schloss die Augen. Einatmen. Ausatmen. Nicht einmischen. Lucinda würde das selbst regeln. Sie hatte ihm bereits gesagt, dass sie ihm nicht glaubte. Damit war alles gesagt. >>War doch offensichtlich, oder?<<
Meine Augen öffneten sich wieder. Nein. Offensichtlich war nur, dass Castor Thornbloom ein bemerkenswert großes Talent dafür besaß, den falschen Moment für Selbstüberschätzung zu wählen. >>Ich wollte eben nicht sofort damit angeben<<, fuhr er fort.
Ich stellte meinen Becher ab. Sehr langsam. Nicht sofort damit angeben. Bei Merlin. >>Natürlich nicht<<, murmelte ich. Niemand hörte mich. Noch nicht.
Castor lehnte sich lässig zurück. >>Ein bisschen Geheimnis gehört schließlich dazu.<<
Das war der Moment. Irgendetwas in mir riss. Vielleicht war es die Schlagzeile. Vielleicht Lucindas Gesicht. Vielleicht die Tatsache, dass ich genau wusste, wie viel ihr dieses Geschenk bereits bedeutete. Oder vielleicht war es einfach Castor Thornbloom.
Ich erhob mich. Mein Stuhl scharrte hörbar über den Boden. Mehrere Ravenclaws sahen auf. Dann Slytherins. Castor bemerkte mich zuletzt. >>Chadwick.<<
>>Thornbloom.<<
Ich ging auf ihn zu. Langsam. Je näher ich kam, desto mehr verstummten die Gespräche um uns herum. Castor grinste noch immer. >>Falls du mir ebenfalls zum gelungenen Geschenk gratulieren möchtest—<<
>>Nein.<< Sein Grinsen geriet ins Stocken. Ich blieb vor ihm stehen. >>Du hast Lucinda diesen Armreif nicht geschenkt.<<
Ein leises Raunen ging durch die Halle. Castor hob die Augenbrauen. >>Und woher willst du das wissen?<<
>>Weil ich dich kenne.<<
>>Ach ja?<<
>>Mehr als ausreichend.<<
Einige Schüler kicherten. Castors Gesicht wurde ein wenig härter. >>Lucinda hat dir offenbar nicht alles erzählt.<<
>>Doch.<< Ich verschränkte die Arme. >>Genau deshalb stehe ich hier.<<
Sein Blick wanderte kurz zur Tür, durch die Lucinda verschwunden war. Dann wieder zu mir. >>Ich verstehe nicht, warum ihr euch so aufregt. Es ist nur ein Geschenk.<<
Nur ein Geschenk. Meine Geduld verabschiedete sich endgültig. >>Nein.<< Meine Stimme war ruhig. Zu ruhig. >>Für dich wäre es vielleicht nur ein Geschenk.<< Castor wollte etwas sagen. Ich ließ ihn nicht. >>Eine Gelegenheit, damit vor allen herumzulaufen und dir auf die Schulter klopfen zu lassen, weil du wieder einmal glaubst, irgendeine große romantische Geste vollbracht zu haben.<<
Sein Gesicht verfinsterte sich. >>So war das nicht.<<
>>Doch. Genau so bist du.<<
Jetzt wurde es vollkommen still. Sogar am Gryffindor-Tisch. Ich wusste, dass sämtliche Blicke auf uns lagen. Es war mir egal. >>Du wärst niemals bescheiden genug, Lucinda etwas Derartiges zu schenken und anschließend drei Tage lang den Mund zu halten.<<
Ein leises Lachen erklang irgendwo hinter mir. Castor wurde rot. >>Das kannst du überhaupt nicht wissen.<<
>>Doch.<< Ich trat einen Schritt näher. >>Wenn du Lucinda einen Armreif schenken würdest, wüsste es spätestens fünf Minuten später die halbe Schule. Weitere zehn Minuten später hättest du vermutlich Hauselfen engagiert, ein Banner aufgehängt und dich selbst zum romantischsten Mann von Hogwarts erklärt.<<
Jetzt lachten deutlich mehr Schüler. Ich fuhr herum. >>Das ist nicht lustig.<<
Das Lachen verstummte beinahe augenblicklich. Ich drehte mich wieder zu Castor. Er sah inzwischen alles andere als amüsiert aus. Gut. >>Das Besondere an diesem Geschenk ist gerade, dass derjenige, von dem es stammt, offenbar keinerlei Anerkennung dafür verlangt hat.<< Meine Stimme wurde leiser. >>Keine Zuschauer. Kein Applaus. Keine öffentliche Inszenierung.<< Ich sah ihm direkt in die Augen. >>Und genau deshalb kann es nicht von dir sein.<<
Stille. Diesmal lachte niemand. Castor presste den Kiefer zusammen. >>Du tust gerade so, als wäre ich irgendein Monster.<<
>>Nein.<< Ich schüttelte den Kopf. >>Ich tue so, als wärst du ein verwöhnter Junge, der es nicht erträgt, wenn ein Mädchen nicht sofort begeistert zusammenbricht, nur weil du ihr Aufmerksamkeit schenkst.<<
Seine Augen wurden schmal. >>Pass auf, Chadwick.<<
Ich hob eine Augenbraue. Oh. Das war interessant. >>Soll das eine Drohung sein?<< Er sagte nichts. Ich lächelte. Nicht freundlich. >>Dann gebe ich dir einen Rat.<< Ich beugte mich ein kleines Stück zu ihm. >>Du solltest sehr genau darüber nachdenken, wen du bedrohst.<<
Sein Gesicht veränderte sich. Nur minimal. Aber genug. Vielleicht erinnerte er sich daran, dass Lucinda und ich nicht ganz so harmlos waren, wie wir aussahen. Vielleicht war es auch nur mein Tonfall. Mir war beides recht.
>>Lucinda hat dir mehrfach gesagt, dass sie kein Interesse an dir hat.<< Ich richtete mich wieder auf. >>Mehrfach. Sehr deutlich. Teilweise beeindruckend kreativ.<< Ein vereinzeltes Kichern. Ich ignorierte es. >>Und trotzdem machst du weiter.<<
Castor hob trotzig das Kinn. >>Weil sie sich irgendwann anders entscheiden könnte.<<
Bei Merlin. >>Nein.<<
>>Das kannst du nicht wissen.<<
>>Doch.<< Ich zeigte auf ihn. >>Und jetzt hörst du mir sehr genau zu.<< Meine Stimme hallte durch die Halle. >>Du lässt Lucinda in Ruhe.<< Sein Mund öffnete sich. >>Kein Nachlaufen. Keine großen Überraschungen. Keine öffentlichen Liebeserklärungen. Keine angeblichen Geschenke. Und vor allem hörst du auf, dich mit Dingen zu schmücken, die nicht von dir stammen.<<
>>Du kannst mir gar nichts verbieten.<<
>>Stimmt.<< Ich lächelte wieder. >>Aber ich kann dir versprechen, dass du eine vollkommen andere Seite von mir kennenlernen wirst, wenn du meine beste Freundin weiterhin belästigst.<<
Absolute Stille. Castor blinzelte. Ich hielt seinem Blick stand. >>Und glaub mir, Thornbloom.<< Meine Stimme sank fast zu einem Flüstern. >>Die möchtest du nicht kennenlernen.<<
Niemand sagte etwas. Nicht Castor. Nicht Draco. Nicht einmal Fred und George Weasley. Langsam wurde mir bewusst, wie still die Halle tatsächlich geworden war. Ich sah zum Lehrertisch.
Professor McGonagall hielt ihre Tasse mitten in der Bewegung. Professor Flitwick hatte den Mund leicht geöffnet. Hagrid starrte mich an. Dumbledore beobachtete mich über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg. Und Professor Snape—Professor Snape sah aus, als müsse er sich gerade sehr bewusst daran erinnern, dass ich eigentlich eine Schülerin war.
Ich räusperte mich. Großartig. Die komplette Lehrerschaft hatte meine kleine Ansprache gehört. Nun ja. Zu spät. Hinter mir begann wieder jemand zu kichern. Dann ein zweiter. Ich drehte mich scharf um. Dutzende Gesichter. Neugierig.
Amüsiert. Begeistert. Bei Merlin.
>>Habt ihr nichts Besseres zu tun?<<
Schlagartig wandten sich mehrere Schüler ihren Tellern zu. Andere husteten auffällig. Fred Weasley betrachtete plötzlich mit erstaunlicher Konzentration sein Frühstück. George ebenfalls.
>>Dachte ich mir.<<
Ich warf Castor einen letzten Blick zu. Er schwieg. Endlich. Dann schnappte ich mir meine Tasche vom Ravenclaw-Tisch. Ich hatte genug. Von Castor. Von Kimmkorn. Von Gerüchten. Von dieser gesamten Halle. Und ehrlich gesagt auch ein wenig von mir selbst.
Denn eigentlich hatte ich nur vorgehabt, Lucinda etwas Zeit zu geben. Stattdessen hatte ich gerade vor der gesamten Schule einen Slytherin bedroht. Dumbledore würde begeistert sein.
Ich marschierte zur Tür. Kurz bevor ich die Große Halle verließ, hörte ich hinter mir eine leise Stimme. >>Chadwick.<< Professor Snape.
Ich blieb stehen. Nicht umdrehen. Vielleicht hatte er gar nicht mich gemeint. Natürlich hatte er mich gemeint. Langsam sah ich über die Schulter. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. >>Professor?<<
Eine Pause. Sein Blick wanderte kurz zu Castor. Dann zurück zu mir. >>Zehn Punkte für Ravenclaw.<<
Ich blinzelte. Was? Die gesamte Halle schwieg wieder. Snape hob eine Augenbraue. >>Für außergewöhnlich präzise Argumentation.<<
Ich starrte ihn an. Dann musste ich lächeln. Nur ganz kurz. >>Danke, Professor.<<
Ich wandte mich zur Tür. Hinter mir begann die Halle zu explodieren. Diesmal vor Gelächter. >>Habt ihr wirklich nichts Besseres zu tun?!<<, rief ich noch einmal über die Schulter. Dann stürmte ich hinaus.
Lucinda würde mich umbringen. Oder umarmen. Bei ihr wusste man das nie so genau. Aber bevor sie irgendetwas davon tun konnte, musste ich sie erst einmal finden. Und wenn ich sie richtig kannte— dann würde ich dort anfangen, wo Menschen sie garantiert nicht suchten. Bei den Bowtruckles.