Tee-Skandal im Lehrerzimmer
Tee-Skandal im Lehrerzimmer
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Tee-Skandal im Lehrerzimmer
Lucinda PoV
Drei Tage waren vergangen. Drei ausgesprochen friedliche Tage. Zumindest dann, wenn man eine bestimmte Person konsequent ignorierte.
>>Guten Morgen, Lucinda.<< Ich ging weiter. >>Lucinda?<< Keine Reaktion. >>Ich weiß, dass du mich hörst.<<
Natürlich hörte ich ihn. Der halbe Korridor hörte ihn. Vermutlich hörte Professor Dumbledore ihn in seinem Büro. Ich bog um die nächste Ecke.
Castor beschleunigte seine Schritte. >>Jetzt warte doch mal!<<
Ich blieb abrupt stehen. Castor wäre beinahe in mich hineingelaufen. Er fing sich gerade noch und schenkte mir ein hoffnungsvolles Lächeln. Ich sah ihn an. Lange. Sehr lange. Dann drehte ich mich wortlos um und ging weiter.
>>Das ist kindisch!<<, rief er mir hinterher.
Ich hob lediglich eine Hand. Nicht einmal den Mittelfinger. Darauf war ich ausgesprochen stolz.
>>Du weißt schon, dass Ignorieren keine Lösung ist!<<
Doch. War es. Eine hervorragende sogar. Ich hatte in den vergangenen drei Tagen erstaunliche Fortschritte darin gemacht. Beim Frühstück ignorierte ich Castor. Im Gemeinschaftsraum ignorierte ich Castor. Auf den Korridoren ignorierte ich Castor. Im Unterricht ignorierte ich Castor besonders gründlich.
Und wenn er irgendwann direkt vor mir auftauchte, sah ich durch ihn hindurch, als wäre er ein besonders uninteressanter Wandteppich. Ruby behauptete, meine Methode sei ausgesprochen unreif. Ruby hatte allerdings auch vor der gesamten Großen Halle damit gedroht, Castor eine vollkommen andere Seite von sich zu zeigen, wenn er mich nicht endlich in Ruhe ließ. Anschließend hatte Professor Snape ihr dafür zehn Punkte gegeben. Ihre moralische Überlegenheit hielt sich also in Grenzen.
Ich musste bei der Erinnerung lächeln. Ruby hatte mich später tatsächlich gefunden. Natürlich. Sie kannte meine Rückzugsorte. Wir hatten nicht lange über den Tagespropheten gesprochen. Das war auch nicht nötig gewesen. Sie hatte sich einfach neben mich gesetzt.
Midas hatte versucht, ihr eine gestohlene Münze zu schenken. Ein Bowtruckle war in ihren Haaren herum geklettert. Und irgendwann hatte sich die Welt wieder ein kleines bisschen weniger unerträglich angefühlt. Die Schlagzeile war inzwischen verschwunden. Zumindest aus dem Tagespropheten. Nicht aus Hogwarts.
Noch immer sahen manche Schüler auffällig auf mein Handgelenk, wenn ich an ihnen vorbeiging. Deshalb trug ich den Armreif weiterhin. Aber niemand sah ihn mehr. Ich zog meinen Ärmel ein kleines Stück weiter nach unten. Das Silber lag verborgen darunter. Geschützt vor neugierigen Blicken.
Manchmal spürte ich bei einer Bewegung das leichte Gewicht an meinem Handgelenk. Dann musste ich daran denken, dass ich noch immer nicht wusste, wer ihn mir geschenkt hatte. Und seltsamerweise störte mich das inzwischen weniger. Vielleicht wollte ich es gerade gar nicht wissen. Das Geheimnis gehörte mir. Solange niemand den Namen des Schenkenden kannte, konnte Kimmkorn daraus wenigstens keine weitere Geschichte machen. Hoffentlich. Bei dieser Frau sollte man niemals zu optimistisch sein.
Leider war der Armreif nicht das einzige Geheimnis, das mich beschäftigte.
Lucinda versteht noch immer nicht, was wir sind.
Ich verlangsamte meine Schritte. Toms Handschrift erschien vor meinem inneren Auge. Vielleicht ist es besser so.
Meine Finger schlossen sich unwillkürlich um den Stoff meines Ärmels. Drei Tage. Seit drei Tagen gingen mir diese Sätze nicht mehr aus dem Kopf. Ruby und ich hatten das erste Siegel gebrochen. Wir hatten gewonnen. Eigentlich hätte mich das glücklich machen sollen. Stattdessen hatte Tom mir mit wenigen Zeilen ein vollkommen neues Rätsel hinterlassen.
Sie stellt zu viele Fragen. Irgendwann wird sie Antworten verlangen.
Verdammt richtig. Was hatte er gewusst? Was hatte er bereits mit elf Jahren über uns verstanden, das mir verborgen geblieben war? Und vor allem—
Es gibt Dinge, die selbst Lucinda niemals erfahren darf.
Ich hasste diesen Satz. Ich hasste ihn inzwischen beinahe so sehr wie seinen Verfasser. Nicht einmal unbedingt wegen des Geheimnisses. Sondern wegen dieser Selbstverständlichkeit. Tom hatte entschieden. Er hatte beschlossen, welches Wissen mir zustand. Was ich erfahren durfte. Was nicht. Typisch. Selbst als Elfjähriger hatte mein Bruder offenbar schon geglaubt, die Welt müsse sich seinen Entscheidungen fügen.
>>Lucinda!<<
Ich fuhr zusammen. Meine Hand schnellte zum Zauberstab. >>Bei Merlin!<<
Harry Potter blieb mehrere Schritte vor mir stehen. >>Ich bin es nur!<<
Ich atmete aus. >>Harry.<<
>>Ja.<<
>>Mach das nie wieder.<<
Er blinzelte. >>Was?<<
>>Mich von hinten anschreien, während ich nachdenke.<<
>>Warum?<<
>>Weil ich beinahe meinen Zauberstab gezogen hätte.<<
Harry betrachtete meine Hand. Dann mich. >>Verstanden.<<
>>Gut.<< Ich ließ den Zauberstab wieder los.
Harry wirkte ungewöhnlich nervös. Nicht die übliche Sorte Nervosität, die er in meiner Gegenwart gelegentlich zeigte, weil er noch immer nicht wusste, was er von mir halten sollte. Nein. Das hier war anders.
Er hielt etwas unter seinem Arm. Etwas Goldenes. Ich sah darauf. Dann auf ihn.
>>Ist das—<<
>>Ja.<<
Das goldene Ei. >>Warum schleppst du das durch Hogwarts?<<
Harrys Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. >>Weil ich Hilfe brauche.<<
Ah. >>Und deshalb suchst du mich?<<
>>Dich und Ruby.<<
Natürlich. Ich verschränkte die Arme. >>Was hast du angestellt?<<
>>Nichts!<<
>>Harry.<<
>>Wirklich nichts.<< Er hob das Ei ein Stück an. >>Es geht darum.<<
>>Das habe ich vermutet.<<
Harry sah sich um. Dann senkte er die Stimme. >>Können wir irgendwo reden, wo uns niemand hört?<<
Das genügte, um meine Aufmerksamkeit vollständig zu bekommen. >>Komm.<<
Ruby fanden wir in der Bibliothek. Wo sonst? Sie saß hinter einem Stapel Bücher, der groß genug war, um einen kleineren Erstklässler darunter zu begraben. Ich ließ mich ihr gegenüber auf den Stuhl fallen. >>Wir haben Arbeit.<<
Ruby sah nicht auf. >>Wenn es um Tom geht, brauche ich noch mindestens zwei Tage.<<
Harry blieb stehen. Ich erstarrte. Ruby hob langsam den Kopf. Ihre Augen trafen meine. Dann Harrys. Stille.
>>Tom?<<, fragte Harry.
Großartig. Ich lächelte. >>Ein Autor.<<
Ruby nickte sofort. >>Thomas Greythorne.<<
Ich sah sie an. Thomas Greythorne?
>>Sehr interessante Abhandlung über alchemistische Schutzmechanismen<<, ergänzte sie.
Harry runzelte die Stirn. >>Noch nie gehört.<<
>>Sehr unbekannt<<, sagte ich.
>>Extrem unbekannt<<, bestätigte Ruby.
Harry betrachtete uns beide. Ich lächelte weiter. Er glaubte uns kein Wort. Kluger Junge. Glücklicherweise hatte er momentan andere Probleme. Er legte das goldene Ei auf den Tisch. Ruby sah darauf. Dann auf Harry. >>Oh.<<
>>Ja.<<
>>Du hast das Rätsel noch immer nicht gelöst?<<
Harry verzog das Gesicht. >>Nein.<<
Ich lehnte mich zurück. >>Wann ist die zweite Aufgabe?<<
>>Am vierundzwanzigsten Februar.<<
Ruby und ich sahen uns an. Dann wieder Harry. >>Und du kommst jetzt zu uns?<<, fragte ich.
>>Ich habe es versucht!<<
>>Offensichtlich ausgesprochen erfolgreich.<<
>>Lucinda<<, mahnte Ruby.
>>Was denn?<<
Harry ließ sich auf einen freien Stuhl fallen. >>Hermine hat schon alles versucht. Ich auch. Ich habe Bücher durchsucht. Zauber ausprobiert. Ich habe sogar versucht, das Ding nachts anzuhören, weil ich dachte, vielleicht klingt es bei Dunkelheit anders.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Und?<<
>>Es klingt genauso schrecklich.<<
Ruby legte ihre Feder beiseite. >>Zeig mal.<<
Harry öffnete das Ei. Ein fürchterliches Kreischen erfüllte die Bibliothek. Ich zuckte zusammen. Ruby hielt sich die Ohren zu. Madam Pince erschien praktisch aus dem Nichts. >>RAUS!<<
Harry klappte das Ei sofort zu. Stille. Wir drei sahen Madam Pince an. Madam Pince sah uns an. >>Entschuldigung<<, sagte Harry.
>>Raus.<<
>>Wir wollten nur—<<
>>RAUS!<<
>>Ausgezeichnet<<, murmelte ich wenige Minuten später. Wir standen in einem verlassenen Klassenraum. >>Keine fünf Minuten und schon aus der Bibliothek geworfen.<<
Ruby schloss die Tür. >>Technisch gesehen wurden wir gemeinsam hinausgeworfen. Das stärkt die Freundschaft.<<
Harry sah zwischen uns hin und her. >>Ihr seid seltsam.<<
>>Das hören wir häufig<<, erwiderte ich.
Ruby zog einen Stuhl heran. >>Noch einmal. Aber diesmal kurz.<<
Harry öffnete das Ei. Wieder dieses Kreischen. Ich verzog das Gesicht.> >Zu.<<
Er schloss es. Ich dachte nach. >>Noch einmal.<<
Harry starrte mich an. >>Ernsthaft?<<
>>Ja.<< Wieder auf. Wieder Kreischen. >>Zu.<<
Harry gehorchte. Ruby hatte inzwischen die Stirn gerunzelt. >>Das ist kein zufälliges Geräusch.<<
Ich sah sie an. >>Dachte ich auch.<<
Harry blickte hoffnungsvoll zwischen uns hin und her. >>Ihr hört da etwas?<<
>>Nein<<, sagte ich. Sein Gesicht fiel.
>>Aber es hat eine Struktur<<, ergänzte Ruby.
Ich nickte. >>Mehrere Tonhöhen. Wiederholungen.<<
>>Also eine Sprache?<<, fragte Harry.
>>Vielleicht.<< Ruby nahm das Ei und drehte es in den Händen. >>Oder etwas, das unter den falschen Bedingungen unverständlich wird.<<
Das gefiel mir. Ich trat näher. >>Bei der ersten Aufgabe musstest du etwas mit einem Drachen machen.<<
>>Ein goldenes Ei stehlen.<<
>>Zurückholen<<, korrigierte Ruby.
>>Der Drache sah das vermutlich anders<<, sagte ich.
Harry grinste.
>>Und dieses Ei enthält den Hinweis auf die nächste Aufgabe<<, fuhr Ruby fort.
Ich ging langsam um den Tisch. >>Dann müsste die Lösung etwas mit dem Ei selbst zu tun haben.<<
Harry seufzte. >>So weit war Hermine auch schon.<<
>>Dann ist Hermine klug.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Und was habt ihr ausprobiert?<<
Harry begann aufzuzählen. >>Zauber. Wärme. Kälte. Dunkelheit. Licht. Ich habe versucht, es auf den Kopf zu stellen. Ron wollte es gegen die Wand werfen.<<
Ich blieb stehen. >>Warum?<<
>>Er meinte, vielleicht müsse man es aufbrechen.<<
Ruby sah mich an. Ich sah Ruby an. >>Gryffindor<<, sagten wir gleichzeitig.
>>Hey!<<
Ich grinste. Dann nahm ich Harry das Ei ab. Es war schwerer, als ich erwartet hatte. Glatt. Kühl. Ich fuhr mit den Fingern über die goldene Oberfläche. Keine Runen. Keine offensichtlichen Verzauberungen. Zumindest nichts, was ich erkennen konnte. >>Vielleicht denken wir zu kompliziert<<, murmelte ich.
Ruby kam näher. >>Möglich.<<
>>Bei Turnieren geht es um Prüfungen. Nicht nur um Magie.<<
>>Mut. Intelligenz. Improvisation.<<
>>Und darum, Hinweise richtig zu deuten.<<
Harry beobachtete uns. >>Könnt ihr das öfter machen?<<
Ich sah ihn an. >>Was?<<
>>So miteinander denken.<<
Ruby grinste. >>Wir machen gar nichts.<<
>>Doch. Ihr beendet gegenseitig eure Gedanken.<<
Ich verzog das Gesicht. >>Das kommt davon, wenn man zu lange Zeit miteinander verbringt.<<
>>Sehr lange<<, murmelte Ruby.
Ich warf ihr einen warnenden Blick zu. Harry bemerkte ihn. Natürlich. Seine Augen verengten sich leicht. >>Wie lange kennt ihr euch eigentlich?<<
>>Lange genug<<, sagte ich.
>>Das ist keine Antwort.<<
>>Doch. Nur keine besonders befriedigende.<<
Bevor er weiterfragen konnte, öffnete ich das Ei erneut. Das Kreischen erfüllte den Raum. Diesmal zwang ich mich, genauer hinzuhören. Hohe Laute. Langgezogene Töne. Fast—
Ich schloss es wieder. >>Es klingt verzerrt.<<
Ruby nickte langsam. >>Ja.<<
>>Als würde etwas fehlen.<<
Harry beugte sich vor. >>Was?<<
Ich antwortete nicht. Noch einmal. Auf. Kreischen. Zu. Ruby ging inzwischen zum Fenster. >>Vielleicht ist nicht das Geräusch falsch.<<
Ich verstand sofort. >>Sondern die Umgebung.<<
Harry sah zwischen uns hin und her. >>Könntet ihr bitte irgendwann anfangen, vollständige Erklärungen abzugeben?<<
Ich ignorierte ihn. >>Luft<<, sagte ich.
Ruby nickte. >>Oder das Fehlen davon.<<
Mein Blick fiel wieder auf das Ei. Dann dachte ich an magische Wesen. An Stimmen. An Gesänge. An Geschöpfe, die nicht dort lebten, wo wir lebten.
>>Wasser.<<
Ruby drehte sich zu mir um. Wir sahen uns an.
Harry blinzelte. >>Wasser?<<
Ich nahm das Ei. >>Versuchen wir es.<<
Eine Badewanne fanden wir nicht. Dafür ein Waschbecken. Es musste reichen. Ruby verschloss den nächsten Waschraum und Harry stellte sich neben mich. Ich füllte das Becken mit Wasser. >>Und jetzt?<<, fragte er.
>>Jetzt hoffen wir, dass wir nicht vollkommen falschliegen.<<
>>Und wenn doch?<<
Ruby lehnte an der Wand. >>Dann haben wir ein goldenes Ei gebadet.<<
Harry schnaubte. Ich tauchte das Ei ins Wasser. Nichts.
>>Öffnen<<, sagte Ruby.
Harry griff hinein. >>Warum ich?<<
>>Dein Ei.<<
Er verdrehte die Augen. Dann öffnete er es unter Wasser. Wir hörten—nichts. Natürlich. Ich starrte auf das Becken. >>Oh.<<
Ruby begann zu lachen. Harry sah mich an. >>Genial.<<
>>Sei still.<<
>>Unsere letzte Hoffnung, hm?<<
>>Harry.<<
Ruby lachte noch immer. >>Ihr habt gesagt, Wasser!<<
>>Das war auch richtig!<<
>>Wir hören nur nichts!<<
Ich funkelte ihn an. >>Dann steck deinen Kopf hinein.<<
Stille. Harry blinzelte. Ruby hörte auf zu lachen. Ich sah auf das Wasser. Dann Harry. >>Steck deinen Kopf ins Wasser.<<
>>Du meinst das ernst.<<
>>Ja.<<
>>Einfach so?<<, fragte er allen Ernstes, woraufhin ich sarkastisch wurde.
>>Nein, Potter. Mit einer feierlichen Zeremonie und drei Opfergaben. Natürlich einfach so.<<
Ruby prustete. Harry murmelte etwas Unverständliches. Dann beugte er sich über das Waschbecken. >>Wenn ich ertrinke—<<
>>In einem Waschbecken?<<, fragte ich.
>>Bei meinem Glück ist alles möglich.<<
Er holte Luft. Tauchte den Kopf unter. Ich öffnete das Ei. Harry erstarrte. Seine Hände packten den Rand des Beckens. Dann schoss sein Kopf wieder nach oben. Wasser tropfte aus seinen Haaren. Seine Augen waren riesig. >>Es singt.<<
Ruby und ich grinsten gleichzeitig. >>Natürlich tut es das<<, sagte ich.
Harry starrte mich an. >>Du wusstest es nicht!<<
>>Das ist vollkommen irrelevant.<<
>>Du hast mich gerade meinen Kopf in ein Waschbecken stecken lassen!<<
>>Und? Hat es funktioniert?<<
Er öffnete den Mund. Schloss ihn. >>Ja.<<
>>Dann beschwer dich nicht.<<
Ruby reichte ihm ein Handtuch. >>Was hast du gehört?<<
Harry trocknete sich das Gesicht. Seine Belustigung verschwand. >>Einen Gesang.<<
>>Wortlaut?<<
Er versuchte, sich zu erinnern. >>Etwas darüber, dass sie mir etwas genommen haben. Etwas, das ich sehr vermissen werde. Ich muss es zurückholen.<<
Mein Lächeln verschwand. Ruby richtete sich auf. >>Wo?<<
Harry sah zum Waschbecken. >>Unter Wasser.<<
Stille. Jetzt wurde die Sache interessant. >>Und wie lange?<<, fragte ich.
>>Eine Stunde.<<
Ruby und ich wechselten einen Blick. Harry sah das. >>Was?<<
>>Nichts<<, sagte Ruby.
>>Das war eindeutig ein Was-Blick.<<
Ich stellte das Ei auf den Rand des Beckens. >>Die zweite Aufgabe findet vermutlich im See statt.<<
Harry wurde blass. >>Im See?<<
>>Naheliegend.<<
>>Im Februar?<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Deine größte Sorge ist die Temperatur?<<
>>Nein! Meine größte Sorge ist, dass Menschen normalerweise nicht unter Wasser atmen können!<<
>>Auch dafür gibt es Magie.<<
>>Welche?<<
Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Ruby tat dasselbe. Harry sah uns erwartungsvoll an. >>Ihr wisst es nicht.<<
>>Doch<<, sagte Ruby. Ich sah sie an. Sie sah mich an. >>Wir wissen, dass es Möglichkeiten gibt.<<
>>Das ist etwas anderes.<<
>>Nur unwesentlich.<<
Harry ließ sich gegen die Wand sinken. >>Großartig.<<
Ich musste lächeln. >>Harry.<<
>>Was?<<
>>Wir haben gerade innerhalb einer halben Stunde herausgefunden, woran du seit Wochen sitzt.<<
Er dachte darüber nach. >>Stimmt.<<
>>Also ein bisschen Vertrauen.<<
Sein Blick wanderte zwischen Ruby und mir hin und her. Dann nickte er. >>Gut.<<
Ruby verschränkte die Arme. >>Als Nächstes finden wir heraus, wie du eine Stunde unter Wasser überlebst.<<
>>Das klingt beruhigend.<<
>>Sollte es auch.<< Ich nahm das goldene Ei. >>Und danach überlegen wir, was mit ‚etwas, das du sehr vermissen wirst‘ gemeint ist.<<
Harrys Gesicht wurde nachdenklich. Meines ebenfalls. Denn genau dieser Teil gefiel mir nicht. Etwas, das Harry wichtig war. Etwas, das ihm genommen werden würde. Ein Mensch? Ein Gegenstand? Ich wusste es nicht.
Aber das Turnier hatte bereits einen Drachen auf einen Vierzehnjährigen losgelassen. Ich würde nicht darauf vertrauen, dass die zweite Aufgabe harmloser wurde. >>Wir finden es heraus<<, sagte ich.
Harry sah mich an. >>Versprochen?<<
Das Wort traf mich unerwartet. Ich betrachtete ihn. Diese grünen Augen. Dieses schwarze Haar. Dieser Junge, der keine Ahnung hatte, warum ich überhaupt hier war. Warum Dumbledore mich zurückgeholt hatte. Oder warum sein Überleben für mich so viel bedeutete. Ich lächelte schwach. >>Versprochen.<<
Harry nickte. Dann griff er nach dem Ei. Dabei rutschte mein Ärmel ein Stück zurück. Silber blitzte hervor. Nur eine Sekunde. Harry sah es. Ich zog den Stoff sofort darüber. Er sagte nichts. Zu meiner Überraschung fragte er auch nicht. Sein Blick blieb kurz auf meinem Handgelenk liegen. Dann nahm er das Ei. >>Danke. Euch beiden.<<
Ruby lächelte. >>Noch nicht bedanken. Wir müssen dich erst unter Wasser bekommen.<<
Harry verzog das Gesicht. >>Bitte sag das nie wieder so.<<
Ich lachte. Zum ersten Mal seit drei Tagen dachte ich weder an Castor noch an Rita Kimmkorn. Nicht einmal an Tom. Nur an ein Rätsel. An Harry. Und an eine zweite Aufgabe, für die wir noch verdammt viel Arbeit vor uns hatten.
***
Leider stellte sich ziemlich schnell heraus, dass das Lösen des Rätsels nur der Anfang gewesen war. Zu wissen, dass Harry eine Stunde unter Wasser verbringen musste, war eine Sache. Dafür zu sorgen, dass er diese Stunde auch überlebte, eine vollkommen andere.
In den folgenden Tagen entwickelte sich die zweite Aufgabe deshalb zu einer Art Gemeinschaftsprojekt. Ein unfreiwilliges Gemeinschaftsprojekt. Zumindest redete ich mir das ein. Denn Harry nahm mein Versprechen ausgesprochen ernst.
Wann immer ich glaubte, für fünf Minuten meine Ruhe zu haben, tauchte irgendwo ein schwarzer Haarschopf auf. In der Bibliothek. Auf dem Korridor. Nach dem Mittagessen. Vor dem Unterricht. Einmal sogar vor dem Eingang zum Slytherin-Gemeinschaftsraum.
Ich blieb mitten im Gang stehen. >>Potter.<<
Harry sah von dem Buch auf, das er gerade studiert hatte. >>Was?<<
Ich deutete auf ihn. >>Du bist ein Gryffindor.<<
Er blickte an sich hinunter. Dann wieder zu mir. >>Das ist mir bekannt.<<
>>Dann erklär mir bitte, warum du vor dem Slytherin-Gemeinschaftsraum herumstehst.<<
>>Ich suche dich.<<
>>Das macht es nicht besser.<<
Harry klappte sein Buch zu und hielt es mir entgegen. Magische Anpassungen des menschlichen Körpers. Ich hob eine Augenbraue. >>Gefunden?<<
>>Drei Möglichkeiten.<<
>>Ausgezeichnet.<<
>>Zwei davon könnten mich umbringen.<<
Ich dachte darüber nach. >>Fortschritt.<<
Harry starrte mich an. >>Deine Definition von Fortschritt macht mir Angst.<<
Ich nahm ihm das Buch ab. >>Solange noch eine Möglichkeit übrig bleibt, die dich nicht umbringt, haben wir gewonnen.<<
>>Beruhigend.<<
>>Ruby ist in der Bibliothek.<<
>>Natürlich ist sie das.<<
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Nach einigen Metern bemerkte ich, dass Harry mich von der Seite ansah. >>Was?<<
>>Nichts.<<
>>Du starrst.<<
>>Tue ich nicht.<<
Ich blieb stehen. Harry ebenfalls. >>Du hast gerade versucht, herauszufinden, ob mein Gesicht dir irgendeine Antwort auf eine Frage gibt, die du dich nicht zu stellen traust.<< Er schwieg. Ich verschränkte die Arme. >>Also?<<
Harry zögerte. >>Dieser Tom.<<
Natürlich. Ich hätte es wissen müssen. >>Welcher Tom?<<
>>Der Autor.<<
>>Thomas Greythorne.<<
>>Genau.<<
Ich lächelte. >>Was ist mit ihm?<<
Harry betrachtete mich aufmerksam. Viel zu aufmerksam. >>Nichts.<<
>>Potter.<<
>>Du hast gerade genauso reagiert wie ich.<<
Verdammt. Ich setzte mich wieder in Bewegung. >>Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.<<
Harry holte auf. >>Ihr habt ihn erfunden.<<
>>Das ist eine gewagte Anschuldigung.<<
>>Ruby hat den Namen innerhalb einer Sekunde gesagt.<<
>>Ruby besitzt ein ausgezeichnetes Gedächtnis.<<
>>Und du hast sie angesehen, als hätte sie gerade den dümmsten Namen der Welt erfunden.<< Ich schwieg. Thomas Greythorne war tatsächlich ein ausgesprochen schlechter Name. Das würde ich Ruby später mitteilen. >>Wer ist Tom?<<
Meine Schritte verlangsamten sich. Harry bemerkte es. Natürlich. Dieser Junge war manchmal wesentlich aufmerksamer, als mir lieb war. Ich sah ihn an. >>Jemand aus meiner Vergangenheit.<< Das war keine Lüge. Harry wartete. >>Mehr musst du momentan nicht wissen.<<
Seine Stirn legte sich in Falten. >>Warum macht ihr immer so ein Geheimnis aus allem?<<
Die Frage war nicht anklagend. Das machte sie schlimmer. Ich sah in seine grünen Augen. Weil die Wahrheit dein Leben verändern könnte. Weil mein Bruder deine Eltern ermordet hatte. Weil ich nicht zufällig nach Hogwarts zurückgekehrt war. Weil mein Leben an das des Mannes gebunden war, der dich seit deiner Geburt töten wollte. Weil du mich vermutlich niemals wieder so ansehen würdest wie jetzt, wenn du meinen wirklichen Namen erfahren würdest.
Stattdessen zuckte ich mit den Schultern. >>Vielleicht sind wir einfach geheimnisvoll.<<
Harry schnaubte. >>Das ist keine Antwort.<<
>>Du lernst schnell.<<
Er verdrehte die Augen. Aber er fragte nicht weiter. Dafür war ich ihm dankbar.
Hermine schloss sich unserer Suche spätestens am folgenden Nachmittag endgültig an. Nicht, dass irgendjemand sie dazu hätte auffordern müssen. Als Ruby und ich die Bibliothek betraten, saß sie bereits mit Harry an einem Tisch. Vor ihnen lagen ungefähr zwölf Bücher. Ruby blieb stehen. >>Oh.<<
Ich betrachtete den Stapel. >>Sie ist schlimmer als du.<<
Ruby sah mich empört an. >>Niemand ist schlimmer als ich.<<
Hermine hob den Kopf. >>Ich habe euch gehört.<<
>>War auch so beabsichtigt<<, erwiderte ich.
Harry ließ seine Stirn auf ein aufgeschlagenes Buch sinken. >>Bitte helft mir.<<
Ich setzte mich ihm gegenüber. >>So schlimm?<<
Hermine schob mehrere Pergamente zu uns. >>Wir haben Atemzauber gefunden. Teilverwandlungen. Verzauberte Gegenstände. Außerdem mehrere Hinweise auf Pflanzen, die möglicherweise eine Anpassung an Wasser ermöglichen.<<
Ruby setzte sich augenblicklich. >>Welche Pflanzen?<<
Hermines Augen leuchteten auf. Oh nein. Ich kannte diesen Blick. Ruby ebenfalls. Innerhalb von Sekunden waren beide über dasselbe Buch gebeugt. Harry hob langsam den Kopf. Wir sahen uns an. >>Jetzt haben wir ein Problem<<, murmelte er.
>>Wieso?<<
Er deutete auf die beiden. >>Die hören heute nicht mehr auf.<<
Ich betrachtete Ruby und Hermine. >>Wahrscheinlich nicht.<<
>>Was machen wir?<<
>>Tee?<<
Harry grinste. >>Tee.<<
Wir standen gleichzeitig auf. >>Wo wollt ihr hin?<<, fragte Hermine sofort.
>>Tee holen.<<
>>Wir arbeiten hier!<<
>>Deshalb holen wir Tee.<<
Ruby hob eine Hand, ohne von ihrem Buch aufzusehen. >>Für mich auch.<<
Natürlich. Als Harry und ich wenig später zurückkamen, hatten Ruby und Hermine bereits drei weitere Bücher geöffnet und diskutierten über die Risiken menschlicher Teilverwandlungen.
Ich stellte Rubys Tasse neben sie. >>Nicht sterben lassen<<, sagte ich und deutete auf Harry.
Ruby griff nach dem Tee. >>Das war der Plan.<<
Harry setzte sich. >>Schön, dass wir uns einig sind.<<
Ich nahm meine eigene Tasse und begann, Hermines Notizen durchzugehen. Je mehr wir fanden, desto deutlicher wurde ein Problem. Möglichkeiten gab es durchaus. Gute Möglichkeiten wesentlich weniger. Einige Zauber hielten nicht lange genug. Andere verlangten ein Maß an Verwandlungsmagie, das ich Harry wenige Wochen vor einer lebensgefährlichen Aufgabe nur ungern ausprobieren lassen wollte. Und bei mindestens zwei Varianten stand ausdrücklich dabei, dass eine fehlerhafte Anwendung zu dauerhaften körperlichen Veränderungen führen konnte.
Ich strich sie sofort durch. Harry sah es. >>Was war das?<<
>>Nichts.<<
>>Lucinda.<<
>>Du möchtest es nicht wissen.<<
>>Jetzt möchte ich es erst recht wissen.<< Ich drehte das Buch zu ihm. Er las. Sein Gesicht verzog sich. >>Kiemen, die möglicherweise nicht wieder verschwinden?<<
>>Deshalb habe ich es gestrichen.<<
Harry schob mir das Buch zurück. >>Gute Entscheidung.<<
>>Danke.<<
Hermine sah zu uns. >>Wir brauchen etwas, das mindestens eine Stunde zuverlässig funktioniert.<<
>>Länger<<, widersprach Ruby.
Harry runzelte die Stirn. >>Warum länger?<<
Ruby sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich. >>Weil du nicht exakt nach neunundfünfzig Minuten und dreißig Sekunden auftauchen möchtest.<<
>>Stimmt.<<
>>Außerdem kennen wir die Bedingungen nicht<<, fügte ich hinzu. >>Temperatur. Tiefe. Sicht. Mögliche magische Wesen.<< Harry wurde mit jedem Wort blasser. Ich hielt inne. >>Vielleicht hätte ich den letzten Teil nicht erwähnen sollen.<<
>>Nein.<<, murmelte er und ich nickte.
>>Gut.<<
Er zögerte mit der nächsten Frage. >>Was lebt eigentlich alles im See?<<
Ruby und ich sahen uns an. Hermine blätterte bereits in einem Buch. >>Willst du das wirklich wissen?<<, fragte ich.
Harry überlegte. >>Nein.<<
>>Ausgezeichnete Entscheidung.<<
Wir arbeiteten trotzdem weiter. Stundenlang. Und irgendwann bemerkte ich etwas. Es fühlte sich beinahe normal an. Ruby neben mir. Bücher. Pergamente. Ein Problem, das gelöst werden musste.
Hermine, die jede noch so kleine Information überprüfen wollte. Harry, der zunehmend verstand, dass er niemals hätte fragen dürfen, wenn er nicht bereit war, anschließend mit Arbeit überschüttet zu werden.
Keine Zeitungen. Keine Gerüchte. Kein Castor. Kein Tagebuch. Nur wir. Ein Rätsel. Vielleicht hatte ich genau das gebraucht.
In den folgenden Tagen entstand daraus eine merkwürdige Routine. Harry recherchierte. Hermine recherchierte noch mehr. Ruby recherchierte in einem Umfang, den kein vernünftiger Mensch als gesund bezeichnet hätte. Und ich versuchte vor allem, die Ergebnisse so zu ordnen, dass Harry am Ende weder ertrank noch versehentlich dauerhaft zum Fisch wurde.
Wir fanden Atemzauber. Hinweise auf magische Pflanzen. Verwandlungsmöglichkeiten. Alte Berichte über Unterwassermissionen. Keine Lösung überzeugte uns bislang vollkommen. Aber wir kamen voran. Harry schien das ebenfalls zu bemerken. Seine anfängliche Verzweiflung wich langsam etwas anderem. Zuversicht. Und seine Fragen über Ruby und mich wurden weniger. Zumindest die ausgesprochenen. Die Blicke blieben. Vor allem dann, wenn Ruby und ich wieder einmal denselben Gedanken hatten.
Eines Abends saßen wir zu viert über einem besonders alten Werk über aquatische Magie. Ruby tippte auf einen Absatz. >>Wenn man den Zauber stabilisiert—<<
>>—könnte die Wirkung vielleicht verlängert werden<<, beendete ich.
Ruby nickte. >>Genau.<<
Stille. Ich sah auf. Harry starrte uns an. >>Was?<<
Er schüttelte langsam den Kopf. >>Nichts.<<
>>Du starrst schon wieder.<<
>>Ich versuche nur, euch zu verstehen.<<
Ruby sah von ihrem Buch auf. >>Gib es auf.<<
Harry lehnte sich zurück. >>Habe ich langsam vor.<<
>>Ausgezeichnet<<, sagte ich. >>Dann können wir uns endlich auf wichtigere Dinge konzentrieren.<<
Harry grinste. Doch ich sah, dass die Neugier nicht verschwunden war. Sie schlummerte nur. Das gefiel mir nicht besonders. Andererseits konnte ich es ihm kaum verdenken. Je länger wir miteinander zu tun hatten, desto mehr Widersprüche musste er bemerken.
Ruby und ich waren nicht besonders gut darin, so zu tun, als hätten wir uns erst vor wenigen Monaten kennengelernt. Manche Gewohnheiten ließen sich nicht ablegen. Manche Blicke brauchten keine Worte. Und manche Freundschaften verrieten ihr Alter vermutlich ganz von allein. Früher oder später würde Harry wieder Fragen stellen. Dann musste ich entscheiden, wie viele Antworten ich ihm geben konnte. Aber nicht heute. Heute hatten wir andere Sorgen.
Eine Stunde unter Wasser. Ein unbekanntes Ziel. Etwas, das Harry genommen werden würde. Und immer weniger Zeit bis zur zweiten Aufgabe. Eigentlich hätte das vollkommen ausreichen müssen. Leider hatte Hogwarts die unangenehme Angewohnheit, einem niemals länger als ein paar Tage nur ein Problem gleichzeitig zu gönnen.
Während wir uns mit Unterwasserzaubern, magischen Pflanzen und der Frage beschäftigten, was Harry am Grunde des Sees erwarten würde, hatte sich offenbar an anderer Stelle bereits die nächste Katastrophe zusammengebraut. Vollkommen unbemerkt. Still. Harmlos. Mit zwei Tassen Tee.
***
Severus PoV
Severus Snape hatte an diesem Morgen bereits schlechte Laune. Nicht ungewöhnlich. Aber bemerkenswert ausgeprägt. Er betrat die Große Halle mit langen Schritten, den schwarzen Umhang hinter sich her schleifend. Die Schüler verstummten wie üblich für einen Augenblick, bevor das Gemurmel wieder einsetzte. Nichts Auffälliges. Bis auf die Eulen. Es waren ungewöhnlich viele.
Mit einem dumpfen Plopp landeten Dutzende Ausgaben des Tagespropheten auf den Tischen. Severus schenkte dem keinerlei Beachtung. Er setzte sich an den Lehrertisch, griff nach seiner Tasse...und bemerkte, dass Minerva McGonagall ihn mit einer Mischung aus Mitleid und belustigtem Entsetzen ansah.
>>Was?<<
Sie antwortete nicht. Stattdessen schob sie ihm wortlos den Tagespropheten hinüber. Severus warf einen flüchtigen Blick auf die Titelseite. Dann erstarrte er. In riesigen Buchstaben prangte dort:
ROMANTISCHES TEEKRÄNZCHEN IM LEHRERZIMMER!
Hat Professor Snape endlich sein Herz verschenkt?
Darunter befand sich ein Foto. Er. Und Minerva. Beide saßen mit einer Tasse Tee im Lehrerzimmer. Minerva sagte gerade irgendetwas. Er blickte zufällig in ihre Richtung. Mehr war nicht passiert. Für Rita Kimmkorn offenbar genug. Severus begann zu lesen.
"Exklusiv für den Tagespropheten enthüllen wir eine überraschend sanfte Seite des berüchtigten Professors Severus Snape. Mehrere vertrauenswürdige Quellen berichten von einem vertraulichen Teetreffen mit einer Kollegin, das weit über dienstliche Gespräche hinausgegangen sein könnte."
Severus blinzelte. Langsam. Gefährlich langsam. Er las weiter.
"Augenzeugen schildern intensive Blicke, auffällig lange Gesprächspausen und den Genuss mehrerer Tassen Tee. Experten für zwischenmenschliche Beziehungen werten dies als eindeutiges Zeichen wachsender Zuneigung."
Ein leises Knacken war zu hören. Der Henkel seiner Tasse war einfach abgebrochen. Minerva betrachtete die Überreste. >>Das war eine schöne Tasse.<<
Severus antwortete nicht. Er las weiter.
"Besonders auffällig: Schulleiter Albus Dumbledore befand sich während des gesamten Treffens auffällig oft in der Nähe. Handelt es sich womöglich um diskrete Verkupplungsversuche?"
Dumbledore verschluckte sich gerade an seinem Zitronentee. >>Oh je.<<
Severus schlug die Zeitung um. Leider ging es noch weiter.
"Schüler berichten außerdem, Professor Snape habe ungewöhnlich höflich 'Danke' gesagt. Ein Verhalten, das nur schwer mit seinem sonst eher frostigen Wesen zu vereinbaren ist. Ist dies der Beginn einer großen Romanze?"
Stille. Absolute Stille. Dann stand Severus langsam auf. Sehr langsam.
>>Kimmkorn...<< Seine Stimme war gefährlich ruhig. >>...wird eines Tages an ihrer eigenen Fantasie ersticken.<<
Währenddessen...am Slytherin-Tisch. Lucinda hatte den Artikel gerade entdeckt. Sie las die Überschrift. Dann das Foto. Dann den ersten Absatz. Sie presste sich sofort eine Hand vor den Mund.
Ruby sah sie an. >>Nicht lachen.<<
Lucinda nickte hastig. >>Ich...ich versuche es...<< Sie las weiter. >> "...intensive Blicke..." << Ein unkontrolliertes Prusten entkam ihr.
Mehrere Slytherins drehten sich zu ihr um. >>Alles in Ordnung, Lucinda?<<
>>J-ja...<< Sie schüttelte den Kopf. >>Überhaupt nicht.<<
Ruby nahm ihr die Zeitung ab. Las die Überschrift. Und verschluckte sich augenblicklich an ihrem Kürbissaft. >>NEIN!<<
Lucinda rang verzweifelt um Fassung. >>Lies...den Absatz mit Dumbledore...<<
Ruby tat es. Zehn Sekunden später lag sie halb über dem Tisch. >>Verkupplungsversuche!<<
Lucinda liefen bereits Tränen über die Wangen. >>Ich kann nicht mehr...<<
Am Lehrertisch hatte Minerva inzwischen ebenfalls zu Ende gelesen. Sie stellte ihre Tasse ab. >>Nun.<< Kurze Pause. >>Ich hoffe wenigstens, dass ich in dieser Geschichte sympathisch wirke.<<
Dumbledore räusperte sich. >>Ich persönlich finde die Rolle des Kupplers ausgesprochen kreativ.<<
Severus drehte langsam den Kopf. >>Albus.<<
>>Ja, Severus?<<
>>Ein Wort.<<
>>Lieber nicht.<<
Genau in diesem Moment fiel Lucindas Blick zum Lehrertisch. Severus bemerkte sie. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Sie kämpfte heldenhaft gegen ein Grinsen. Sie verlor. Innerhalb weniger Sekunden musste sie wieder lachen.
Severus schloss für einen Moment die Augen. Natürlich. Ausgerechnet sie. Als er sie erneut ansah, formte sie lautlos zwei Worte. "Viel Erfolg."
Er antwortete ebenso lautlos. "Warten Sie es ab."
Lucinda bekam einen neuen Lachanfall.
Da erklang plötzlich eine aufgeregte Stimme vom Gryffindor-Tisch. >>Professor McGonagall!<<
Minerva sah auf. >>Ja?<<
>>Stimmt das wirklich?<<
Die gesamte Große Halle wurde mit einem Mal still. Minerva betrachtete den Schüler. Dann die Zeitung. Dann Severus. >>Nun...<< Sie setzte ihre Brille zurecht. >>Professor Snape und ich...<< Eine dramatische Pause. >>...haben tatsächlich gemeinsam Tee getrunken.<<
Die Halle explodierte. Gelächter. Gemurmel. Verblüffte Gesichter. Jemand ließ sogar seinen Löffel fallen. Severus starrte Minerva an. >>Sie helfen nicht.<<
>>Doch.<< Sie nippte seelenruhig an ihrem Tee. >>Ich amüsiere mich.<<
Als Severus wenig später die Große Halle verließ, hörte er hinter sich ein vertrautes Rascheln. Ein kleiner Bowtruckle saß auf dem Fensterbrett. Er hielt ein winzig zusammengerolltes Blatt in den Händen. Severus nahm es misstrauisch entgegen. Darauf stand in Lucindas Handschrift nur ein einziger Satz.
"Falls Sie heiraten , wünsche ich mir eine Einladung."
Severus starrte auf den Zettel. Dann blickte er quer durch die Große Halle. Lucinda grinste unschuldig. Ruby hatte inzwischen den Kopf auf den Tisch gelegt, weil sie vor Lachen keine Luft mehr bekam.
Severus steckte den Zettel langsam ein. >>Miss Stonefield...<<, murmelte er. >>...Sie spielen mit dem Feuer.<<
Am anderen Ende der Halle piepste der kleine Bowtruckle vergnügt. Er schien die Situation ausgesprochen unterhaltsam zu finden. Severus brummte nur und rauschte davon. Auf direktem Wege zu seinem Büro. Dort gab es wenigstens keine Zeitungen oder Journalisten, die ihm irgendeinen verrückten Skandal andichteten.
Severus schloss die Tür seines Büros hinter sich. Endlich. Stille. Keine Schüler. Kein Gelächter. Keine neugierigen Blicke. Keine Minerva McGonagall, die offensichtlich beschlossen hatte, seine öffentliche Demütigung als persönliche Unterhaltung zu betrachten. Und vor allem—keine Rita Kimmkorn.
Severus blieb einen Moment vor der geschlossenen Tür stehen. Dann atmete er langsam aus. Auf seinem Schreibtisch wartete Arbeit. Mehrere Pergamente mussten korrigiert werden. Der Unterricht für die kommenden Tage war vorzubereiten. Zutatenlisten mussten überprüft werden, nachdem einige Vorräte zur Neige gingen. Vernünftige Aufgaben. Sinnvolle Aufgaben. Aufgaben, die keinerlei romantische Teekränzchen beinhalteten.
Severus setzte sich. Er zog das erste Pergament zu sich.
Zaubertränke – fünfter Jahrgang.
Gut. Er tauchte die Feder in Tinte. Las die erste Zeile. Und sah vor seinem inneren Auge die Titelseite des Tagespropheten.
ROMANTISCHES TEEKRÄNZCHEN IM LEHRERZIMMER!
Seine Feder hielt inne. Nein. Er würde darüber nicht nachdenken. Severus zwang seinen Blick zurück auf das Pergament.
Die wichtigste Eigenschaft des Schrumpftrankes ist seine grüne Farbe.
Seine Augen verengten sich. Er setzte ein großes rotes Falsch daneben. Wenigstens auf seine Schüler war Verlass. Ihre Inkompetenz war berechenbar.
Rita Kimmkorn hingegen—
Severus legte die Feder ab. Es war inzwischen das dritte Mal. Das dritte Mal innerhalb eines einzigen Schuljahres, dass diese Frau seinen Namen für eine ihrer absurden Geschichten missbrauchte. Zuerst die Rosen. Die sogenannte Rosen-Affäre . Schon der Gedanke an diesen Titel verursachte ihm körperliches Unbehagen. Ein vollkommen belangloser Zwischenfall war unter Kimmkorns Feder zu einer Geschichte geworden, die den Eindruck erweckt hatte, Severus Snape habe plötzlich ein geheimes Interesse an romantischen Gesten entwickelt.
Als wäre das nicht bereits demütigend genug gewesen, war Thornbloom gefolgt.
Severus' Mund wurde schmal. Castor Thornbloom. Natürlich. Kimmkorn hatte aus seiner vollkommen berechtigten Einmischung beim Weihnachtsball allen Ernstes ein angebliches Duell um Lucinda Stonefield konstruiert. Um Lucinda.
Severus' Finger trommelten einmal gegen die Tischplatte. Absurd. Vollkommen absurd. Er war ihr Lehrer. Ihr Hauslehrer. Miss Stonefield war eine Schülerin, deren außergewöhnliche Fähigkeiten, rätselhaftes Verhalten und bemerkenswertes Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen, erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich machten. Thornbloom wiederum war ein aufgeblasener, selbstverliebter—
Severus hielt inne. Das war irrelevant. Er griff wieder nach seiner Feder. Und nun Minerva. Minerva McGonagall.
Severus schloss für einen Moment die Augen. Sie hatten Tee getrunken. Tee. Nicht gemeinsam den Sonnenuntergang betrachtet. Keine Blumen ausgetauscht. Keine Liebesschwüre. Sie hatten in einem Lehrerzimmer gesessen und Tee getrunken. Und offenbar genügte es inzwischen bereits, dass Severus Snape einer Frau gegenübersaß, ohne sie zu beleidigen, damit Rita Kimmkorn eine bevorstehende Hochzeit vermutete.
Er öffnete die Augen. Vielleicht sollte er aufhören, mit Menschen zu sprechen. Das würde zumindest das Risiko weiterer Artikel reduzieren. Andererseits—vermutlich nicht. Kimmkorn würde daraus wahrscheinlich machen:
EINSAMER PROFESSOR VERSCHLIESST SEIN HERZ – WELCHE FRAU BRACH ES?
Severus verzog angewidert den Mund. Er nahm das nächste Pergament. Nach drei Zeilen stellte er fest, dass er keine Ahnung hatte, was er gerade gelesen hatte. Seine Konzentration war ruiniert. Und ärgerlicherweise lag das nicht einmal ausschließlich an Kimmkorn.
Langsam wanderte seine Hand zu seinem Umhang. Er hielt inne. Unsinn. Severus zog die Hand zurück. Er hatte Unterricht vorzubereiten. Zwei Sekunden später griff er erneut in die Tasche. Das kleine zusammengerollte Blatt kam zum Vorschein. Severus legte es auf den Schreibtisch. Er hätte es wegwerfen sollen. Eigentlich hätte er es bereits in der Großen Halle wegwerfen sollen. Stattdessen hatte er es eingesteckt. Warum?
Eine ausgezeichnete Frage. Er rollte das Blatt auseinander. Lucindas Handschrift. Nur ein einziger Satz.
Falls Sie heiraten, wünsche ich mir eine Einladung.
Severus starrte darauf. Unverschämtheit. Etwas anderes war es nicht. Eine vollkommen respektlose Bemerkung einer Schülerin gegenüber ihrem Professor. Noch dazu über einen Artikel, der ohnehin schon grotesk genug gewesen war. Und sie hatte dafür einen Bowtruckle benutzt.
Severus lehnte sich zurück. Das war vermutlich der absurdeste Teil des gesamten Morgens. Miss Stonefield hatte tatsächlich einen Bowtruckle als Boten eingesetzt. Nicht irgendeinen Schüler. Keine Eule. Keinen simplen Papierflieger. Einen Bowtruckle. Und das kleine Wesen hatte offenbar bereitwillig mitgemacht.
Severus konnte noch immer sehen, wie es auf dem Fensterbrett gesessen hatte.
Das winzige zusammengerollte Blatt in den Händen. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dem gefürchteten Meister der Zaubertränke persönliche Nachrichten zuzustellen.
Severus' Blick glitt wieder über den Satz. Falls Sie heiraten...
Seine Lippen verzogen sich kaum merklich. Sie hatte gelacht. Natürlich hatte sie gelacht. Nicht nur ein wenig. Miss Stonefield hatte am Slytherin-Tisch gesessen und sich derart über seinen Artikel amüsiert, dass ihr Tränen über die Wangen gelaufen waren. Und als ihre Blicke sich getroffen hatten— Viel Erfolg.
Severus hatte ihre lautlosen Worte mühelos verstanden. Ebenso wie sie seine Antwort. Warten Sie es ab. Er runzelte die Stirn.
Wann genau war das eigentlich passiert? Nicht der Artikel. Nicht der Bowtruckle. Diese—Vertrautheit. Severus gefiel das Wort nicht. Er strich es gedanklich sofort wieder.
Es war keine Vertrautheit. Er konnte lediglich Lippen lesen. Und Miss Stonefield war offensichtlich gut darin, seine Reaktionen einzuschätzen. Mehr nicht.
Trotzdem war es bemerkenswert, wie selbstverständlich der kurze Austausch gewesen war. Keiner von ihnen hatte gezögert. Keiner hatte erklären müssen, was gemeint war. Ein Blick hatte genügt.
Severus' Augen wanderten wieder zu dem Zettel. Er erinnerte sich an die ersten Wochen des Schuljahres. An das Misstrauen in ihren Augen. An ihre sorgfältig gewählten Antworten. An dieses ständige Gefühl, dass Lucinda Stonefield jeden Menschen um sich herum auf Abstand hielt. Auch ihn. Besonders ihn. Und inzwischen schickte sie ihm spöttische Nachrichten durch Bowtruckles. Eine höchst zweifelhafte Entwicklung.
Severus faltete den Zettel zusammen. Damit war die Sache beendet. Er öffnete die oberste Schublade seines Schreibtisches. Seine Hand schwebte darüber. Dann legte er das Blatt hinein. Die Schublade schloss sich.
Severus erstarrte. Warum hatte er es nicht weggeworfen? Er blickte zur Schublade. Unsinn. Es war lediglich—
Er suchte nach einer vernünftigen Erklärung. Beweismaterial? Nein. Wofür? Falls Miss Stonefield später abstritt, ihn verspottet zu haben? Noch lächerlicher. Severus rieb sich über die Nasenwurzel. Diese Schule machte ihn wahnsinnig.
Er zog das nächste Pergament zu sich. Unterricht. Endlich. Etwas Vernünftiges. Er begann zu lesen. Diesmal schaffte er beinahe einen ganzen Absatz. Dann klopfte es. Severus schloss die Augen. >>Herein.<<
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ein kleiner grüner Kopf erschien. Severus starrte ihn an. Der Bowtruckle starrte zurück. Nein. Nicht schon wieder. Das Wesen zwängte sich durch den Türspalt und kletterte vollkommen unbekümmert hinein. >>Was willst du?<<
Der Bowtruckle piepste. Severus' Augen verengten sich. >>Solltest du eine weitere Nachricht bei sich tragen, kehre augenblicklich zu Miss Stonefield zurück.<<
Der Bowtruckle hielt inne. Dann hob er seine leeren Hände. Severus schwieg. Das Wesen piepste erneut. >>Ausgezeichnet.<<
Der Bowtruckle kletterte auf einen der Stühle. Offenbar hatte er beschlossen zu bleiben. Severus betrachtete ihn. Dann die geschlossene Schublade. Dann wieder den Bowtruckle. >>Kein Wort.<< Das Wesen legte den Kopf schief. Severus griff nach seiner Feder. >>Und wenn Miss Stonefield dich geschickt hat, um meine Reaktion auszuspionieren, kannst du ihr mitteilen, dass ich ihre Vorstellung von Humor höchst fragwürdig finde.<<
Der Bowtruckle piepste. Severus schrieb weiter. Eine Pause. >>Zehn Punkte Abzug, sollte sie noch eine Nachricht schicken.<< Das Wesen blinzelte. Severus' Feder hielt inne. >>Zwanzig, wenn darin das Wort Hochzeit vorkommt.<<
Ein weiteres Piepsen. Severus sah langsam auf. Er hätte schwören können, dass dieses verdammte Wesen ihn auslachte. Und irgendwo tief in einer Schublade seines Schreibtisches lag noch immer Lucinda Stonefields Nachricht.
Severus hatte nicht vor, sie wegzuwerfen.