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Unter Schwarzem Wasser

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Unter Schwarzem Wasser

Hallo, meine Lieben. Wir haben wieder den Wochenteiler erreicht und damit geht ein neues Kapitel an den Start. Heute stürzen wir uns in die zweite Aufgabe und das bringt natürlich wieder mächtig Spannung und Aufregung mit sich. Viel Spaß beim Lesen. Freitagabend geht es dann wieder weiter.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

39

Unter Schwarzem Wasser

Lucinda PoV

Es gab Probleme, die lösten sich mit Geduld. Andere verlangten nach Intelligenz. Und dann gab es Harry Potter. >>Nein.<<

Harry ließ die Schultern hängen. >>Du hast dir die zweite Seite noch gar nicht angesehen.<<

>>Musste ich nicht.<< Ich schob ihm das Buch zurück. >>Wenn ein Zauber mit den Worten „bei fehlerhafter Anwendung droht eine dauerhafte Veränderung der Lungenstruktur“ beginnt, ist die Sache für mich erledigt.<<

Harry verzog das Gesicht. >>Vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit gering.<<

>>Vielleicht wachst du danach auch mit Kiemen auf.<<

>>Kiemen wären für die Aufgabe praktisch.<< Ich sah ihn an. Lange. >>Das war ein Scherz.<<

>>Bei dir weiß ich das inzwischen nicht mehr.<<

Ruby, die neben mir hinter einem Stapel Bücher saß, hob einen Finger. >>Ich möchte festhalten, dass dauerhafte Kiemen immerhin das Problem mit dem Atmen lösen würden.<<

Ich drehte langsam den Kopf. >>Du hilfst nicht.<<

>>Ich versuche nur, wissenschaftlich offen zu bleiben.<<

Harry grinste. Hermine nicht. Sie blätterte bereits im nächsten Buch. Seit beinahe einer Woche drehten wir uns im Kreis. Wir wussten, was Harry in der zweiten Aufgabe erwartete. Eine Stunde unter Wasser. Vermutlich im Schwarzen See. Wir wussten sogar, dass ihm dort etwas genommen werden würde, das er vermissen sollte. Was uns fehlte, war der entscheidende Punkt.

Wie brachte man einen vierzehnjährigen Zauberer zuverlässig für mindestens eine Stunde unter Wasser, ohne ihn dabei versehentlich in ein dauerhaftes Amphibienwesen zu verwandeln? Eine überraschend schwierige Frage.

Ich hatte inzwischen Atemzauber verworfen, deren Wirkung zu unsicher war. Ruby hielt mehrere Formen der Teilverwandlung für theoretisch möglich, praktisch aber für gefährlich. Hermine suchte nach verzauberten Gegenständen. Harry—

Harry sah inzwischen aus, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, die Aufgabe einfach ausfallen zu lassen. >>Vielleicht sollte ich einfach sagen, dass ich krank bin.<<

Ich hob den Blick. >>Du hast einen Drachen überlebt.<<

>>Der Drache war wenigstens an Land.<<

>>Technisch gesehen warst du einen Großteil der Zeit in der Luft.<<

Harry funkelte mich an. >>Das sollte mich wahrscheinlich beruhigen, oder?<<

>>Nein.<<

Ruby begann zu lachen. Hermine schüttelte den Kopf. >>Wir finden etwas.<<

Harry ließ die Stirn auf seine verschränkten Arme sinken. >>Ihr sagt das seit Tagen.<<

>>Und bislang lebst du noch<<, stellte ich fest.

Er hob den Kopf. >>Die Aufgabe hat noch nicht stattgefunden.<<

>>Ein Detail.<<

>>Lucinda.<<

>>Harry.<<

Hermine schlug ihr Buch zu. >>Könnt ihr beide für fünf Minuten aufhören?<<

Wir verstummten gleichzeitig. Ruby betrachtete uns. >>Beeindruckend.<< Ich warf ihr einen Blick zu. Sie grinste.

Wir waren gerade dabei, die nächste völlig ungeeignete Methode auszuschließen, als jemand zwischen den Bücherregalen auftauchte. Neville Longbottom. Er hielt ein Buch an die Brust gedrückt und sah aus, als sei er nicht ganz sicher, ob er uns stören durfte. >>Harry?<<

Harry richtete sich auf. >>Neville.<<

Nevilles Blick wanderte über den Tisch. Bücher. Pergamente. Notizen. Vier zunehmend erschöpfte Menschen. >>Ähm...arbeitet ihr an der zweiten Aufgabe?<<

Harry schnaubte. >>Was hat uns verraten?<<

Neville lächelte unsicher. Dann sah er auf das goldene Ei, das neben Harry lag. >>Ich glaube...vielleicht kann ich helfen.<<

Stille. Ich hob eine Augenbraue. Ruby ebenfalls. Hermine legte sofort ihre Feder weg. Harry dagegen starrte Neville an, als hätte dieser gerade angekündigt, Voldemort persönlich zum Tee eingeladen zu haben. >>Wie?<<

Neville trat näher. Er öffnete das Buch. >>Ich habe über magische Wasserpflanzen gelesen.<<

Meine Aufmerksamkeit schärfte sich augenblicklich. >>Welche?<<

Neville blätterte einige Seiten zurück. >>Hier.<< Er deutete auf eine Abbildung. Eine grünlich-braune Pflanze mit zähen, faserigen Ausläufern. >>Dianthuskraut.<<

Ruby beugte sich sofort vor. Hermine ebenfalls. Ich las den Absatz.

Vorübergehende Anpassung des menschlichen Körpers an eine aquatische Umgebung.

Meine Augen wanderten weiter. Kiemen. Schwimmhäute. Veränderte Atmung. >>Wie lange?<<, fragte ich.

Neville deutete auf die nächste Zeile. >>Ungefähr eine Stunde. Manchmal etwas länger.<<

Harry schoss von seinem Stuhl hoch. >>Eine Stunde?<<

>>Ja.<<

>>Unter Wasser?<<

>>Ja.<<

>>Und ich sterbe nicht?<<

Neville wirkte beleidigt. >>Normalerweise nicht.<<

Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Harry griff nach dem Buch. >>Das ist es.<<

Hermine las bereits weiter. >>Es scheint tatsächlich geeignet zu sein.<<

Ruby nickte langsam. >>Wenn die Dosierung stimmt.<<

Harry sah Neville an. >>Woher wusstest du davon?<<

Neville wurde rot. >>Na ja... Pflanzen sind eben mein Ding.<<

Das wusste jeder. Neville Longbottom mochte Pflanzen vermutlich mehr als die meisten Menschen. Also hätte ich die Sache dabei belassen können. Tat ich nicht. >>Trotzdem merkwürdig.<<

Neville sah zu mir. >>Was?<<

Ich tippte mit einem Finger auf die Seite. >>Dass du ausgerechnet jetzt über eine Pflanze liest, die exakt Harrys Problem löst.<<

Harry sah mich an. Hermine ebenfalls. Ruby sagte nichts. Neville rieb sich über den Nacken. >>Professor Moody hat mir ein Buch empfohlen.<<

Mein Finger hielt inne. >>Moody?<<

>>Ja.<<

Da war es. Dieses unangenehme Ziehen im Bauch. >>Welches Buch?<<

Neville hob den Band ein Stück an. >> Magische Wasserpflanzen des Mittelmeers und ihre Anwendung . Er meinte, ich sollte mich nicht immer nur mit gewöhnlichen Gewächshauspflanzen beschäftigen.<<

Das klang harmlos. Fast zu harmlos. Ich sah auf das Buch. Dann Neville. Dann Harry. Professor Moody hatte Neville gezielt auf ein Werk über Wasserpflanzen gestoßen. Und nun tauchte Neville kurz vor der zweiten Aufgabe mit einer Pflanze auf, die Harry genau eine Stunde lang unter Wasser atmen ließ.

Zufall? Vielleicht. Ich glaubte nicht an besonders viele Zufälle.

Ruby sah mich an. Ich erwiderte ihren Blick. Sie kannte mich gut genug. Zu gut.

>>Was?<<, fragte Harry.

>>Nichts.<<

>>Das war wieder dieser Blick.<<

>>Welcher Blick?<<

>>Dieser geheime Blick zwischen euch.<<

Ruby lächelte unschuldig. >>Wir haben keinen geheimen Blick.<<

Harry starrte uns an. >>Doch.<<

>>Beweis es.<<

Harry gab auf. Vernünftig. Ich wandte mich wieder Neville zu. >>Wann hat Moody dir das Buch gegeben?<<

>>Vor ein paar Wochen.<<

>>Einfach so?<<

Neville nickte. >>Er wusste, dass ich Herbologie mag.<<

Natürlich wusste er das. Moody wusste erstaunlich viel. Zu viel. Ich zwang mich, nicht weiterzubohren. Neville hatte nichts damit zu tun. Und Harry brauchte gerade keine neue Verschwörungstheorie. Er brauchte eine Möglichkeit, die zweite Aufgabe zu überleben. >>Wie kommen wir an Dianthuskraut?<<, fragte ich.

Neville lächelte. >>Ich glaube, Professor Sprout hat etwas davon.<<

Harrys Gesicht hellte sich auf. Zum ersten Mal seit Tagen. >>Neville, du bist genial.<<

Neville wurde noch röter. Ich musste lächeln. Das hatte er sich verdient. Trotzdem blieb mein Blick auf dem Buch liegen. Moody. Schon wieder Moody. Und dieses Mal hatte er Harry nicht direkt geholfen. Er hatte lediglich dafür gesorgt, dass jemand anderes genau das richtige Wissen besaß.

Eine Figur in Stellung gebracht. Unauffällig. So, dass es wie Zufall aussah. Mein Lächeln verschwand. Diese Art von Spielen kannte ich. Nur zu gut.

***

Ich fand Moody noch am selben Abend. Oder er fand mich. Bei ihm war man sich da nie sicher. Ich kam gerade aus der Bibliothek und wollte in Richtung Kerker gehen, als das Klacken seines Holzbeins hinter mir erklang. Langsam. Regelmäßig. Unverkennbar. Ich blieb stehen.

>>Stonefield.<< Seine Stimme war rau.

Ich drehte mich um. Professor Moody stand einige Meter entfernt. Sein normales Auge ruhte auf mir. Das magische drehte sich unablässig. Seit dem Giftanschlag hatte ich kein persönliches Gespräch mehr mit ihm geführt. Nicht wirklich. Ich hatte ihn gesehen. Natürlich.

Im Unterricht. Auf den Korridoren. In der Großen Halle. Aber jedes Mal hatte ich Abstand gehalten. Absichtlich. Nun stand er vor mir. Und ich spürte sofort, wie sich mein Körper anspannte. >>Professor.<<

Moody kam näher. >>Sie sehen aus, als würden Sie über etwas nachdenken.<<

>>Das tue ich häufig.<<

>>Kann gefährlich sein.<<

>>Denken?<<

>>Zu viel davon.<<

Ich lächelte kühl. >>Dann bin ich wohl verloren.<<

Sein Mund verzog sich. Vielleicht ein Lächeln. Vielleicht auch nicht. >>Potter vorbereitet?<<

Da war es. Sofort. Ich hob die Augenbrauen. >>Warum fragen Sie mich das?<<

Moodys magisches Auge drehte sich kurz. Ich widerstand dem Impuls, meinen Ärmel zurechtzuziehen. Der Schlangenarmreif lag darunter. Verborgen.

>>Sie verbringen auffällig viel Zeit mit Potter und Granger in der Bibliothek.<<

>>Sie beobachten mich.<<, stellte ich fest, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos.

>>Ich beobachte jeden.<<

>>Sehr beruhigend.<<

>>Sollte es sein.<<

>>Ist es nicht.<<

Eine kurze Stille entstand. Moody grinste schief. >>Sie sind immer noch misstrauisch.<<

>>Ich bin grundsätzlich misstrauisch.<<

>>Das ist gesund.<<

>>Dann verstehen wir uns ja.<<

Sein Blick blieb auf mir. Zu lange. Ich mochte es nicht. Seit dem Giftanschlag noch weniger. >>Longbottom hat Potter offenbar geholfen<<, sagte ich schließlich.

Moodys Ausdruck veränderte sich nicht. Nicht einmal ein Zucken. >>Hat er?<<

>>Dianthuskraut.<<

>>Praktische Pflanze.<<

>>Sehr praktisch.<< Ich trat einen Schritt näher. >>Fast so, als wäre sie für genau diese Aufgabe geschaffen worden.<<

Sein magisches Auge fixierte mich. >>Worauf wollen Sie hinaus, Stonefield?<<

>>Auf gar nichts.<<

>>Sie klingen anders.<<

>>Vielleicht denken Sie zu viel.<<

Jetzt grinste er tatsächlich. >>Touché.<<

Ich erwiderte das Lächeln nicht. >>Sie haben Neville das Buch gegeben.<<

>>Ich empfehle Schülern häufig Literatur.<<

>>Natürlich.<<

>>Longbottom hat Talent. Er braucht nur jemanden, der ihn darauf stößt.<<

Ein vollkommen vernünftiger Satz. Und dennoch störte er mich. Jemanden, der ihn darauf stößt. Genau das war es. Moody musste Harry gar nicht helfen. Es genügte, Neville an die richtige Stelle zu schieben.

Mein Blick wurde schärfer. >>Sie scheinen ein bemerkenswert gutes Gespür dafür zu haben, wer wann welche Information benötigt.<<

Seine Stimme wurde leiser. >>Und Sie stellen bemerkenswert viele Fragen.<<

>>Eine schlechte Angewohnheit.<<

>>Kann gefährlich werden.<<

Ich erstarrte kaum merklich. Der Satz war harmlos. Vielleicht. Aber nach dem Giftanschlag—Nein. Ich würde mir nichts einreden. >>Ist das eine Warnung?<<

Moody hob eine Augenbraue. >>Ein Rat.<<

>>Ich kann auf mich aufpassen.<<

>>Das glauben die meisten.<<

Ich sah ihn an. Er mich. Die Luft zwischen uns fühlte sich plötzlich schwer an. Dann trat Moody an mir vorbei. Nach zwei Schritten hielt er inne. >>Stonefield.<<

Ich drehte den Kopf. >>Ja?<<

>>Passen Sie bei der Aufgabe auf.<<

Meine Stirn legte sich in Falten. >>Ich nehme nicht teil.<<

Moody blickte über seine Schulter. Sein magisches Auge drehte sich. >>Manchmal geraten Zuschauer schneller hinein, als ihnen lieb ist.<<

Dann ging er. Ich blieb zurück. Allein. Und hasste jedes einzelne Wort dieses Gesprächs.

***

Ruby PoV

>>Du machst dieses Gesicht.<<

Lucinda hob den Kopf. >>Welches Gesicht?<<

>>Das, bei dem du innerlich bereits jemanden verhörst.<<

Sie sah wieder auf ihre Tasse. >>Unsinn.<<

>>Moody?<<

Stille. Treffer. Wir saßen in einer stillen Ecke des Ravenclaw-Turms. Nicht meinem Schlafsaal. Lucinda wäre dort ungefähr so unauffällig gewesen wie ein Troll beim Ballett. Eine verlassene Nische reichte.

>>Er hat mich angesprochen<<, sagte sie schließlich.

Ich wurde augenblicklich ernster. >>Heute?<<

>>Nach der Bibliothek.<<

>>Das erste Mal seit...<< Ich beendete den Satz nicht. Musste ich nicht. Seit dem Giftanschlag. Lucinda nickte. >>Was wollte er?<<

>>Wissen, ob Harry vorbereitet ist.<<

Ich runzelte die Stirn. >>Das ist tatsächlich merkwürdig.<<

>>Danke.<<

>>Ich habe nicht gesagt, dass es verdächtig ist.<<

Lucinda sah mich an. >>Ruby.<<

>>Ich kenne diesen Blick.<<

>>Welchen?<<, fragte sie und meine Miene verhärtete sich etwas.

>>Du hast Moody bereits verurteilt, verhört und vermutlich dreimal verhext. In deinem Kopf.<<

>>Nur zweimal.<<

Ich seufzte. >>Lucinda.<<

>>Er hat Neville gezielt auf das Buch gebracht.<<

>>Das wissen wir.<<, pflichtete ich bei, doch sie nahm erst richtig Fahrt auf.

>>Und das Buch enthält genau die Pflanze, die Harry braucht.<<

>>Ja.<<

>>Und Moody wusste offensichtlich, dass Harry mit uns an der Aufgabe arbeitet.<<

>>Er hat ein magisches Auge.<<

>>Das durch Wände sehen kann. Wie beruhigend.<<

Ich musste ihr zugestehen, dass dieser Punkt unangenehm war. >>Was hat er noch gesagt?<<

Lucinda zögerte. Das gefiel mir nicht. >>Dass Zuschauer manchmal schneller in Aufgaben geraten, als ihnen lieb ist.<<

Ich sah sie an. >>Wortwörtlich?<<

>>Ja.<<

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. >>Das gefällt mir nicht.<<

>>Mir auch nicht.<<

Eine Weile schwiegen wir. Dann legte ich meine Hand auf ihre. >>Du hältst dich bei der Aufgabe zurück.<<

Lucinda hob die Augenbrauen. >>Wie bitte?<<

>>Du hast mich verstanden.<<

>>Ich bin Zuschauerin.<<

>>Dann bleibst du das.<<

>>Ruby—<<

>>Nein.<< Ich kannte sie. Bei Merlin, ich kannte sie. Und genau deshalb sagte ich es. >>Falls etwas schiefläuft, greifen die Lehrer ein.<<

>>Natürlich.<<

Zu schnell. >>Lucinda.<<

>>Was?<<

>>Versprich es.<<

Sie sah mich an. Dieses Gesicht. Diese verdammte ausdruckslose Miene, die sie immer dann trug, wenn sie mir etwas nicht versprechen wollte. >>Ich werde nicht absichtlich in den See springen.<<

Ich schloss die Augen. >>Das ist keine Zusage.<<

>>Mehr bekommst du nicht.<<

>>Manchmal hasse ich dich.<<

Sie lächelte. >>Nein.<<

Leider hatte sie recht.

***

Lucinda PoV

Der Morgen der zweiten Aufgabe kam schneller, als mir lieb war.

Am Ufer des Schwarzen Sees herrschte bereits lange vor Beginn der Prüfung eine nervöse Unruhe. Schüler drängten sich auf den vorgesehenen Zuschauerplätzen, Lehrer liefen zwischen den Absperrungen entlang und über allem lag dieser eigenartige Zustand gespannter Erwartung, den Hogwarts inzwischen viel zu gut beherrschte.

Ich stand zusammen mit Ruby etwas abseits. Harry befand sich bei den anderen Champions. Cedric Diggory. Fleur Delacour. Victor Krum. Vier Schüler. Vier Geiseln irgendwo unter der schwarzen Wasseroberfläche. Und exakt eine Stunde Zeit.

Mein Blick blieb an Harry hängen. Nevilles Dianthuskraut hatte funktioniert. Zumindest hoffte ich das. Er hatte die Pflanze kurz zuvor genommen und sah inzwischen aus, als wäre ihm die Entscheidung dafür selbst nicht mehr ganz geheuer.

>>Er schafft das<<, sagte Ruby neben mir.

>>Ich weiß.<<

>>Du klingst nicht überzeugt.<<

>>Ich bin überzeugt.<<

Ruby sah mich von der Seite an. >>Du beobachtest Moody.<<

Ich schwieg. Das genügte ihr als Antwort. Professor Moody stand einige Meter vom Ufer entfernt. Sein magisches Auge bewegte sich unablässig. Einmal schien es direkt in meine Richtung zu sehen. Mir lief ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Manchmal geraten Zuschauer schneller hinein, als ihnen lieb ist.

Ich hasste diesen Satz noch immer. Mehr noch, seit ich wusste, dass Neville ausgerechnet durch Moodys Empfehlung auf das Buch gestoßen war, in dem Dianthuskraut beschrieben wurde. Vielleicht war alles harmlos. Vielleicht dachte ich tatsächlich zu viel. Aber mein Instinkt hatte mich selten ohne Grund gewarnt.

>>Lucinda.<< Ruby legte eine Hand auf meinen Arm. >>Heute keine Alleingänge.<<

Ich sah sie an. >>Ich stehe hier.<<

>>Das war keine Antwort.<<

>>Mehr bekommst du nicht.<<

Sie seufzte. >>Natürlich nicht.<<

Ein Signal ertönte. Die Menge verstummte. Die Champions machten sich bereit. Harry warf einen letzten Blick zu den Zuschauern. Ich hob kaum merklich das Kinn. Keine große Geste. Nur ein stilles: Du schaffst das.

Dann sprang er. Fast gleichzeitig verschwanden auch die anderen Champions im Schwarzen See. Die Wasseroberfläche schloss sich über ihnen. Und das Warten begann.

Eine Stunde konnte erstaunlich lang sein. Vor allem wenn man nichts anderes tun konnte, als auf schwarzes Wasser zu starren. Die ersten Minuten vergingen verhältnismäßig ruhig. Dann begann ich, die Zeit zu zählen. Zwanzig Minuten. Dreißig. Vierzig.

Neben mir wurde Ruby ebenfalls stiller. Die Zuschauer murmelten inzwischen unruhig. Einige versuchten, durch Zauber etwas unter der Oberfläche zu erkennen. Ohne Erfolg.

Der See blieb undurchdringlich. Schwarz. Still. Feindselig.

>>Wie lange?<<, fragte ich.

Ruby sah auf die Uhr. >>Siebenundvierzig Minuten.<<

Ich zog meinen Umhang enger. Mein Blick wanderte erneut zu den Lehrern. Dumbledore wirkte konzentriert. McGonagall angespannt. Snape stand etwas weiter hinten. Regungslos. Nur seine Augen bewegten sich. Und Moody—

Moody beobachtete nicht den See. Er beobachtete die Menschen am Ufer. Mich eingeschlossen. Meine Finger schlossen sich unwillkürlich um den Stoff meines Ärmels. Darunter lag der Schlangenarmreif. Kühl. Vertraut. Für einen Moment gab mir allein das Gefühl des Silbers etwas Ruhe.

Dann durchbrach Bewegung die Oberfläche. Ein Champion tauchte auf. Fleur. Sie wirkte erschöpft. Verletzt. Unruhiges Gemurmel ging durch die Menge. Einige Minuten später folgte Cedric mit Cho. Dann Victor. Er hatte Hermine bei sich.

Erleichterung schoss durch mich. Also lebten sie. Gut. Sehr gut.

Aber Harry fehlte. Natürlich. >>Wie lange?<<, fragte ich Ruby erneut.

>>Achtundfünfzig Minuten.<<

Mein Herz schlug schneller. >>Zu lange.<<

>>Noch nicht.<<

>>Fast.<<

Ruby griff nach meiner Hand. >>Lucinda.<<

>>Ich weiß.<<

Ich wusste, was sie meinte. Warten. Den Lehrern vertrauen. Nicht eingreifen. Verdammt. Eine weitere Minute verging. Dann—

>>>Da!<< Jemand schrie.

Ich fuhr herum. Schwarzes Haar durchbrach die Oberfläche. Harry. Er war da. Er hatte Ron bei sich. Und noch jemanden. Gabrielle.

Für einen Moment vergaß ich zu atmen. Dann schoss Erleichterung durch meinen Körper. >>Er hat es geschafft.<<

Ruby atmete hörbar aus. Ich ebenfalls. Harry kämpfte sich mit den beiden Richtung Ufer. Jubel brach aus. Lehrer eilten näher. Die Spannung löste sich. Für wenige Sekunden glaubte ich wirklich, es wäre vorbei. Dann verschwand Harry. Einfach so. Ein Ruck. Ein Schrei. Wasser spritzte auf. Ron rief seinen Namen. Gabrielle ebenfalls. Und Harry wurde erneut unter die Oberfläche gerissen. Etwas zog Harry nach unten.

>>Grindelohs!<<, rief jemand.

Mein Herz setzte aus. Die Lehrer bewegten sich. Dumbledore hob den Zauberstab. McGonagall ebenfalls. Ruby und ich sahen uns an. Nur einen Blick. Sie wusste es. >>Lucinda, nein.<< Ich warf meinen Umhang ab. >>Lucinda!<< Zu spät. Ich sprang. Der Schwarze See verschluckte alles.

Die Kälte traf mich wie tausend Messer. Mein Körper verkrampfte sich. Für einen Moment verlor ich die Orientierung. Schwarz. Überall nur schwarz. Dann zwang ich mich nach unten. Lumos.

Licht brach aus meinem Zauberstab. Ein paar Meter unter mir kämpfte Harry. Mehrere Grindelohs hatten sich um seine Beine und Arme geschlungen. Seine Kiemen bewegten sich hektisch. Er versuchte, sie abzuschütteln. Einer zog ihn tiefer. Ich richtete den Zauberstab aus. Relashio!

Blasen schossen durch das Wasser. Zwei Grindelohs ließen los. Harry trat nach einem dritten. Ich schwamm weiter hinunter. Meine Lungen begannen bereits zu brennen. Kein Dianthuskraut. Keine Kiemen.

Nur ein Atemzauber, den Ruby und ich während unserer Recherche getestet hatten. Er würde nicht ewig halten. Musste er auch nicht. Ich erreichte Harry.

Seine Augen wurden groß. Vermutlich wollte er fragen, was bei Merlin ich hier tat. Unter Wasser schwierig.

Ich packte seinen Arm. Ein Grindeloh schnellte auf mich zu. Ich sah nur noch Krallen. Dann Schmerz. Mein linker Unterarm brannte auf. Ich zuckte zusammen. Blut färbte das Wasser dunkel. Verdammt.

Ich schleuderte das Wesen mit einem Zauber zurück. Harry griff nach mir. Ich schüttelte den Kopf. Nach oben. Sofort. Wir stießen uns gemeinsam ab. Harry schwamm besser als ich. Natürlich.

Sein veränderter Körper war dafür geschaffen. Mein Atemzauber begann zu flackern. Noch wenige Meter. Mein Arm pochte. Blut zog wie rote Fäden hinter uns her. Dann sah ich Licht. Die Oberfläche. Noch ein Stück. Meine Brust schmerzte. Harry griff nach meiner Hand. Zog.

Wir durchbrachen das Wasser. Ich sog gierig Luft ein. Stimmen. Schreie. Jubel. Chaos. Harry hustete. >>Lucinda?!<<

>>Später!<< Mehr brachte ich nicht heraus.

Dann erreichten Hände uns. Starke Hände. Jemand zog mich aus dem Wasser. Ich rutschte auf dem nassen Ufer beinahe weg. Ein Arm fing mich ab. Schwarz. Natürlich. Severus Snape. Sein Gesicht—Oh. Ich hatte ihn selten so gesehen.

>>Was bei Merlin haben Sie sich dabei gedacht?!<< Seine Stimme war leise. Viel zu leise.

Ich zitterte am ganzen Körper. >>Harry wurde runtergezogen.<<

>>Das habe ich gesehen.<<

>>Dann wissen Sie es ja.<<

Seine Augen verengten sich. >>Dafür gibt es Lehrer.<<

Ich sah zu den Lehrern. Dann wieder zu ihm. >>Die waren zu langsam.<<

Falsche Antwort. Definitiv falsche Antwort. Snapes' Kiefer spannte sich an. >>Stonefield—<< Er brach ab. Sein Blick fiel auf meinen linken Arm. Blut lief über meine Hand. Die Krallen hatten mehrere tiefe Risse hinterlassen. Sein Gesicht veränderte sich. Die Wut verschwand nicht. Sie wurde schlimmer. Nur anders. >>Pomfrey!<<

Ich blinzelte. >>Es ist nur mein Arm.<<

Severus drehte den Kopf zu mir. >>Nur?<<

Ich kannte diesen Ton. >>Das war vielleicht unglücklich formuliert.<<

>>Setzen.<<

>>Professor—<<

>>Sofort.<<

Ich setzte mich. Nicht weil er es gesagt hatte. Natürlich nicht. Sondern weil meine Beine plötzlich beschlossen, nicht mehr zuverlässig zu funktionieren. Severus kniete sich vor mich. Seine Hände griffen nach meinem linken Arm. Vorsichtig. So vorsichtig, dass der Kontrast zu seiner Stimme beinahe absurd war. >>Das wird brennen.<<

>>Ich bin nicht empfindlich.<<

>>Das war keine Einladung zur Diskussion.<<

Ein Zauber traf die Wunde. Ich zischte. >>Verdammt.<<

>>Ihre bemerkenswerte Unempfindlichkeit beeindruckt mich zutiefst.<<

Ich funkelte ihn an. Er sah nicht auf. Seine Aufmerksamkeit lag vollständig auf meinem Arm. Harry saß einige Meter entfernt, in Decken gewickelt. Ron neben ihm. Gabrielle ebenfalls. Alle lebten. Gut. Das war alles, was zählte.

>>Harry?<<, fragte ich.

>>Lebt<<, sagte Snape knapp.

>>Ron?<<

>>Lebt.<<

>>Gabrielle?<<

Jetzt sah er auf. >>Ebenfalls.<<

Ich atmete aus. >>Gut.<<

Seine Augen blieben auf mir. >>Sie hätten sterben können.<<

Ich erstarrte. Nicht wegen der Worte. Wegen seines Tons. Leise. Nicht wütend. Fast—Nein. Ich bildete mir Dinge ein. >>Bin ich aber nicht.<<

>>Diesmal.<<

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Ruby. >>Du bist vollkommen wahnsinnig.<<

Ich sah zu ihr hoch. Ihre Augen glänzten. Wut. Erleichterung. Angst. Alles gleichzeitig. >>Ich hatte gesagt, ich springe nicht absichtlich hinein.<<

Ruby starrte mich an. >>Das war absichtlich!<<

>>Harry wurde runtergezogen.<<

>>Das macht es nicht weniger absichtlich!<<

>>Technisch—<<, setzte ich an, doch sie unterbrach mich harsch.

>>Sag nicht technisch.<<

Ich schloss den Mund. Snape warf Ruby einen kurzen Blick zu. Zum ersten Mal überhaupt schienen sie sich vollkommen einig zu sein. Beunruhigend. Madam Pomfrey kam endlich zu uns. >>Was ist passiert?<<

>>Grindeloh<<, sagte Severus.

>>Mehrere<<, korrigierte ich. Beide sahen mich an. >>Ich wollte nur präzise sein.<<

Pomfrey untersuchte meinen Arm. >>Tiefe Kratzer. Nichts Lebensgefährliches.<<

Severus' Schultern entspannten sich kaum sichtbar. Nur minimal. Ich bemerkte es trotzdem. Warum bemerkte ich solche Dinge überhaupt? >>Sie kommt in den Krankenflügel.<<

>>Nicht nötig.<<

Drei Stimmen gleichzeitig: >>Doch.<<

Ruby. Pomfrey. Snape.

Ich hob beide Hände. Die linke tat weh. >>Gut.<<

Harry rief von der Seite: >>Lucinda!<<

Ich sah zu ihm. Er stand bereits wieder halb auf. Hermine hielt ihn zurück. >>Danke!<<

Ich lächelte. >>Keine Ursache.<<

Severus' Blick wanderte zu Harry. Dann wieder zu mir. Ich hätte schwören können, dass seine Augen sagten: Sehr wohl Ursache.

***

Severus PoV

Severus war wütend. Nein. Wütend war nicht das richtige Wort. Wut war kontrollierbar. Wut war vertraut. Wut konnte man benutzen. Das hier war etwas anderes. Er stand am Rand des Sees und sah zu, wie Pomfrey Stonefields Arm verband. Blut. Viel zu viel Blut.

Es war nicht lebensgefährlich. Er wusste das. Er hatte die Verletzung selbst gesehen. Mehrere tiefe Kratzwunden. Schmerzhaft. Aber harmlos. Harmlos.

Severus wiederholte das Wort innerlich. Es half nicht.

Vor wenigen Minuten hatte er gesehen, wie Lucinda Stonefield ihren Umhang abwarf und ohne einen Moment zu zögern in den Schwarzen See sprang. In einen See voller magischer Kreaturen. Im Februar. Ohne geeignete Vorbereitung. Nur weil Potter verschwunden war.

Natürlich hatte sie Potter gerettet. Natürlich. Was hätte er auch anderes erwarten sollen? Stonefield besaß eine vollkommen unvernünftige Bereitschaft, sich für andere Menschen in Gefahr zu bringen. Er kannte dieses Muster inzwischen. Es gefiel ihm immer weniger.

>>Sie starren.<<

Severus' Kopf drehte sich. Moody stand neben ihm. Zu nah. >>Ich beobachte.<<

>>Natürlich.<<

Severus sah wieder zu Lucinda. Ruby Chadwick redete auf sie ein. Stonefield wirkte erschöpft. Blass. Aber sie lächelte. Als wäre nichts geschehen. Als hätte sie sich nicht gerade beinahe unter Wasser von einem Grindeloh zerreißen lassen. >>Mutiges Mädchen<<, sagte Moody. Severus antwortete nicht. >>Oder dumm.<<

Severus' Blick wurde kalt. >>Wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht.<<

Moody grinste. Das magische Auge drehte sich in seiner Höhle. >>Da ist es wieder.<<

>>Was?<<

>>Diese Reaktion.<<

Severus wandte sich ihm vollständig zu. >>Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.<<

>>Doch.<< Moodys Stimme wurde leiser. >>Sie können mich vielleicht für verrückt halten, Snape. Aber blind bin ich nicht.<<

Severus' Gesicht blieb ausdruckslos. >>Dann kommen Sie zum Punkt.<<

Moody sah zu Lucinda. Dann wiederholte er jenen Satz, den er schon unmittelbar nach dem Giftanschlag äußerte. >>Sobald es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.<<

Stille. Severus spürte, wie sich etwas in ihm verhärtete. >>Sie ist eine Schülerin meines Hauses.<<

>>Mhm.<< Dieses Geräusch. Severus hätte ihn dafür verfluchen können. >>Und Potter ist ein Schüler Ihrer Schule<<, fuhr Moody fort. >>Trotzdem sahen Sie nicht aus, als wollten Sie Potter eigenhändig aus dem See ziehen.<<

>>Potter besitzt Kiemen.<<

>>Stonefield nicht.<< Severus sagte nichts. Verdammt. Moody grinste. >>Interessant.<<

>>Es gibt nichts Interessantes daran.<<

>>Wenn Sie meinen.<<

>>Das tue ich.<<

Moody humpelte davon. Nach wenigen Schritten blieb er stehen. >>Snape.<<

Severus sah ihn nicht an. >>Was?<<

>>Sie sollten aufpassen.<<

Severus' Stimme wurde eisig. >>Mit Drohungen wäre ich an Ihrer Stelle vorsichtig.<<

Moody lachte. >>Keine Drohung.<< Dann ging er.

Severus blieb zurück. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er zwang sie auseinander. Kontrolle. Natürlich hatte er Kontrolle. Er hatte seit Jahren Kontrolle. Er musste sie haben. Das war sein Leben. Eine einzige falsche Reaktion konnte Menschen töten.

Moody redete Unsinn. Mehr nicht. Miss Stonefield war seine Schülerin. Eine außergewöhnlich begabte, notorisch leichtsinnige Schülerin mit einer bemerkenswerten Fähigkeit, sich in Situationen zu bringen, die kein vernünftiger Mensch freiwillig betreten würde. Das erklärte seine Reaktion vollkommen. Nichts weiter.

Sein Blick wanderte erneut zu ihr. Pomfrey hatte den Verband fertiggestellt. Lucinda betrachtete ihren linken Arm. Dann hob sie den Kopf. Ihre Augen fanden ihn. Natürlich. Für einen kurzen Moment sagte keiner etwas. Dann hob sie den unverletzten Arm und formte lautlos: Alles gut.

Severus' Kiefer spannte sich an. Er antwortete nicht. Lucinda hob eine Augenbraue. Wartete. Severus schloss für einen Moment die Augen. Dann formte er ebenso lautlos: Das entscheide ich.

Lucinda grinste. Dieses verdammte Grinsen. Severus wandte sich ab. Hinter ihm hörte er Ruby Chadwick lachen. Er ignorierte es. Vollkommen.

***

Lucinda PoV

Der Krankenflügel roch nach Heiltränken. Nicht unangenehm. Nur steril. Madam Pomfrey hatte mich praktisch ins Bett gezwungen. Ein Bett. Wegen eines verletzten Arms. Unfassbar. Ruby saß auf einem Stuhl daneben und sah mich an.

>>Was?<<, brachte ich hervor.

>>Nichts.<<

Ich musterte sie kritisch. >>Du siehst mich an.<<

>>Darf ich das nicht?<<

>>Nicht so.<< Ruby grinste langsam. Oh nein. >>Was?<<

>>Professor Snape.<<

Ich schloss die Augen. >>Nein.<<

>>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<

>>Du musst nicht.<<

>>Er hat beinahe den See persönlich verflucht.<<

>>Ruby.<<

>>Und Moody.<<

Meine Augen öffneten sich wieder. >>Was ist mit Moody?<<

Ruby wurde ernster. >>Er hat Snape angesprochen.<<

>>Woher weißt du das?<<

>>Ich habe Augen.<<, entgegnete sie und ich runzelte die Stirn.

>>Was hat er gesagt?<<

>>Konnte ich nicht hören.<<

Verdammt. Mein Blick wanderte zum Fenster. Der See lag draußen ruhig. Als wäre nichts passiert. Moodys Worte kamen zurück. Manchmal geraten Zuschauer schneller hinein, als ihnen lieb ist.

Mir wurde kalt. Er hatte es gesagt. Vorher. Natürlich konnte es Zufall gewesen sein. Eine allgemeine Warnung. Ein ehemaliger Auror, der immer Gefahr sah. Aber zusammen mit Neville. Dem Buch. Dem Dianthuskraut. Dem Giftanschlag. Dem Feuerkelch. Es wurde zu viel.

>>Lucinda?<<

Ich sah zu Ruby. >>Ich glaube nicht, dass Moody uns hilft.<< Sie schwieg. >>Ich glaube, er lenkt uns.<<

Rubys Gesicht veränderte sich. >>Das ist ein Unterschied.<<

>>Ein gewaltiger.<<

Ich zog die Decke etwas höher. Mein linker Arm pochte unter dem Verband. Harry lebte. Das war gut. Aber zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr nur einem Verdacht hinterherliefen. Wir kamen etwas näher. An jemanden. An einen Plan. An eine Wahrheit.

Und wenn Moody tatsächlich glaubte, er könne uns wie Figuren auf einem Schachbrett bewegen—dann hatte er einen Fehler gemacht. Ich mochte keine Spiele, deren Regeln ich nicht kannte. Aber ich war verdammt gut darin, sie trotzdem zu gewinnen.

***

Severus PoV

Die zweite Aufgabe war beendet. Potter hatte den zweiten Platz erhalten. Eine Entscheidung, die Severus unter normalen Umständen vermutlich mit einem gewissen Maß an Spott bedacht hätte. Der Junge hatte schließlich einen Wettbewerb daraus gemacht, die Regeln einer ohnehin gefährlichen Aufgabe noch großzügiger auszulegen, indem er nicht nur Weasley, sondern zusätzlich das französische Mädchen aus dem See geholt hatte.

Dumbledore hatte es selbstverständlich bewundernswert gefunden. Moralische Stärke. Selbstlosigkeit. Mut. Severus nannte es eine chronische Unfähigkeit, zwischen Heldentum und unnötigem Risiko zu unterscheiden. Eine Eigenschaft, die Potter offenbar nicht allein besaß.

Severus saß in einem Sessel vor dem Kamin seiner privaten Räume und starrte in die Flammen. Auf dem kleinen Tisch neben ihm stand eine Tasse Tee. Unberührt. Allein der Anblick erinnerte ihn an Rita Kimmkorn. Seine Miene verfinsterte sich. Nicht einmal Tee konnte man an dieser Schule noch in Frieden trinken.

Doch selbst Kimmkorns neueste Absurditäten vermochten es an diesem Abend nicht, seine Gedanken lange zu beschäftigen. Immer wieder sah er schwarzes Wasser. Einen Umhang, der achtlos zu Boden fiel. Dunkles Haar. Und Lucinda Stonefield, die ohne eine Sekunde zu zögern in den See sprang.

Severus schloss die Augen. Fehler. Sofort war das Bild deutlicher. Also öffnete er sie wieder. Er griff nach einem Buch, das auf dem Tisch lag. Schlug es auf. Las den ersten Satz. Dann noch einmal. Beim dritten Versuch stellte er fest, dass er nicht wusste, was darin stand. Mit einem leisen Geräusch der Verärgerung legte er es beiseite. Lächerlich.

Die Gefahr war vorüber. Potter lebte. Miss Stonefield lebte. Ihre Verletzung war behandelt worden. Pomfrey hatte ausdrücklich bestätigt, dass die Wunden an ihrem linken Unterarm keinerlei bleibende Schäden hinterlassen würden. Damit war die Angelegenheit beendet. Es gab keinen vernünftigen Grund, weiter darüber nachzudenken.

Severus nahm die Teetasse. Sie hätten sterben können. Seine Hand hielt inne. Er stellte die Tasse wieder ab. Zum zweiten Mal. Innerhalb eines Schuljahres. Beim ersten Mal hatte sie bewusstlos vor ihm gelegen. Blass. Vergiftet. Ihr Atem viel zu schwach.

Er erinnerte sich noch immer daran, wie wenig Zeit ihm geblieben war, das Gegengift zu brauen. An die erschreckende Erkenntnis, dass eine einzige falsche Berechnung genügt hätte. Heute hatte er erneut hilflos zusehen müssen. Nur für wenige Sekunden. Aber es hatte genügt.

Lucinda war in diesem verdammten See verschwunden. Und Severus hatte nicht gewusst, ob sie wieder auftauchen würde. Seine Finger schlossen sich um die Armlehne. Sie war leichtsinnig. Das war die Erklärung. Nichts weiter.

Miss Stonefield besaß offenbar keinerlei Selbsterhaltungstrieb, sobald ein anderer Mensch in Gefahr geriet. Sie hatte Potter gesehen. Sie hatte gehandelt. Ohne nachzudenken. Ohne auf die Lehrer zu warten. Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was mit ihr selbst geschehen konnte.

Eine Eigenschaft, die Severus keineswegs bewunderte. Im Gegenteil. Er verabscheute sie. Besonders an ihr. Seine Stirn legte sich in Falten. Besonders an ihr. Nein.

Severus stand auf. Er brauchte Arbeit. Arbeit war zuverlässig. Arbeit verlangte keine Selbstanalyse. Er ging zu seinem Schreibtisch und zog mehrere Pergamente heran. Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Morgen. Perfekt.

Er tauchte die Feder in Tinte. Schrieb eine Überschrift.

Stärkungslösung – theoretische Grundlagen

Darunter folgte—Nichts.

Severus starrte auf das Pergament. Eine Stimme schob sich in seine Gedanken. Rau. Amüsiert. Viel zu aufmerksam. Da ist es wieder.

Severus' Feder bewegte sich nicht. Diese Reaktion. Er presste die Lippen aufeinander. Moody. Natürlich. Von allen Menschen, die glaubten, seine Gedanken analysieren zu dürfen, musste es ausgerechnet Alastor Moody sein.

Severus schrieb den ersten Satz.

Bei der Zubereitung der Stärkungslösung ist insbesondere—

>>Unsinn.<< Er strich ihn durch. Nicht der Satz.

Moody.

Moody redete Unsinn. Er war paranoid. Besessen davon, überall verborgene Absichten zu erkennen. Er beobachtete Menschen, bis er Dinge sah, die überhaupt nicht existierten. Also hatte seine Bemerkung keinerlei Bedeutung. Keine.

Sobald es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.

Severus ließ die Feder sinken. Verdammt. Er stand erneut auf. Ging zum Kamin. Blieb davor stehen. Das Feuer knackte leise.

>>Ich verliere nicht die Kontrolle.<< Seine eigene Stimme klang in den stillen Räumen beinahe lächerlich. Severus verzog das Gesicht. Ausgezeichnet. Nun führte er bereits Gespräche mit sich selbst. Vor wenigen Tagen hatte es mit einem Bowtruckle begonnen. Eine bedenkliche Entwicklung.

Er wandte sich vom Kamin ab. Moody hatte Unrecht. Natürlich hatte er Unrecht. Severus hatte am See vollkommen angemessen reagiert. Eine Schülerin seines Hauses war verletzt worden. Er war ihr Hauslehrer. Es war seine Verantwortung. Mehr nicht.

Dass er als Erster bei ihr gewesen war, bedeutete nichts. Dass der Anblick ihres Blutes ihm einen Moment lang den Magen zugeschnürt hatte, bedeutete ebenfalls nichts. Und dass er Potter beinahe eigenhändig wieder in den See geworfen hätte, nachdem Stonefield wegen ihm verletzt worden war—

Severus hielt inne. Nun. Das war vielleicht schwieriger zu erklären.

Er ging zurück zum Sessel. Setzte sich. Griff nach der Tasse. Trank. Der Tee war inzwischen kalt. Natürlich. Severus stellte ihn angewidert zurück.

Seine Gedanken wanderten wieder zum See. Zu Lucindas Gesicht, als er ihren verletzten Arm gesehen hatte. Zu ihrem vollkommen absurden: Es ist nur mein Arm. Nur.

Als wäre ihr eigener Körper grundsätzlich weniger wert als der eines Menschen, den sie retten wollte. Das war es, was ihn so wütend machte. Das musste es sein. Diese erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben. Als würde ihr Überleben keine Rolle spielen. Als wäre es selbstverständlich, sich selbst zu opfern.

Severus kannte Menschen, die so dachten. Menschen, die glaubten, ihr eigenes Leben besitze weniger Wert als das anderer. Menschen, die irgendwann nicht mehr zurückgekommen waren. Sein Blick wurde hart.

Nein.

Er würde diesen Gedanken nicht weiterverfolgen. Nicht heute. Vielleicht niemals.

Stattdessen erinnerte er sich an den Augenblick nach der Behandlung. Lucinda hatte zu ihm gesehen. Mitten zwischen all den Schülern, Lehrern und dem Chaos am See hatte sie seinen Blick gefunden. Alles gut.

Lautlos. Nur für ihn. Und er hatte verstanden. Natürlich hatte er verstanden.

Das entscheide ich.

Severus schloss die Augen. Warum hatte er überhaupt geantwortet? Er hätte sie ignorieren können. Sollte sie doch glauben, was sie wollte. Stattdessen war diese lautlose Art der Verständigung zwischen ihnen inzwischen beinahe selbstverständlich geworden. Ein Blick. Eine Bewegung der Lippen. Ein verdammter Bowtruckle mit einer Nachricht.

Severus öffnete die Augen wieder. Sein Blick wanderte unwillkürlich zum Schreibtisch. Zur Schublade. Nein. Ganz sicher nicht. Er würde jetzt nicht auch noch den Zettel hervorholen. Das wäre endgültig absurd.

Also blieb die Schublade geschlossen. Immerhin ein Erfolg. Ein äußerst bescheidener. Denn Moodys Stimme war noch immer da.

Sobald es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.

Severus lehnte den Kopf gegen den Sessel. Was für ein Unsinn. Er hatte die Kontrolle nicht verloren. Er hatte lediglich—

Sein Blick fiel auf seine rechte Hand. Die Finger waren angespannt. Er zwang sie auseinander. Lediglich reagiert. Angemessen. Als Lehrer. Als Hauslehrer. Als—

Severus brach den Gedanken ab. Die Stille seiner Räume wurde plötzlich unangenehm. Vielleicht war genau das der Grund, warum Moodys Worte ihn so sehr störten. Nicht weil sie wahr waren. Sondern weil Severus keine Erklärung fand, die sie vollkommen falsch machte. Und das war erheblich schlimmer.

Er erhob sich ein letztes Mal und ging zu seinem Schreibtisch. Unterricht. Stärkungslösung. Zutaten. Temperaturen. Dosierungen.

Dinge, die Regeln folgten. Dinge, die sich berechnen ließen. Dinge, die nicht plötzlich in einen eisigen See sprangen und ihn anschließend mit großen blaugrünen Augen ansahen, als wäre überhaupt nichts geschehen.

Severus setzte die Feder an. Dieses Mal schrieb er tatsächlich. Eine ganze Zeile. Dann eine zweite. Bei der dritten hielt seine Hand erneut inne.

Zum zweiten Mal. Gift. Der See. Zweimal innerhalb weniger Monate. Zweimal war Lucinda Stonefield beinahe gestorben. Und bei Merlin—Severus wollte nicht herausfinden, wie sich ein drittes Mal anfühlen würde.

Die Erkenntnis kam so unvermittelt, dass er vollkommen reglos wurde. Eine lange Weile starrte er auf das Pergament. Dann strich er den letzten Satz seiner Unterrichtsvorbereitung so heftig durch, dass die Feder beinahe das Papier zerriss. >>Verdammt, Moody.<<

Mehr sagte er nicht. Denn den Rest wollte Severus selbst nicht hören.