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Der Wahrheit auf der Spur

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Wahrheit auf der Spur

Hallo, meine Lieben. So, Arbeit ist geschafft und deshalb geht es jetzt weiter. Morgen und Sonntag folgen auch wieder neue Kapitel, denn wir feiern das lange Wochenende sozusagen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich auf eure Feedbacks. Gehen wir der Wahrheit auf die Spur ;)

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

40

Der Wahrheit auf der Spur

Lucinda PoV

Ich hörte jemanden atmen. Langsam. Schwer. Unregelmäßig. Ich öffnete die Augen. Dunkelheit. Keine Wände. Keine Decke. Kein Boden. Nur Schwärze. >> Ruby?<< Meine Stimme verschwand in der Finsternis. Keine Antwort.

Ich wollte mich bewegen. Konnte es nicht. Mein Körper gehorchte mir nicht. Etwas hielt mich fest. Nein. Nicht etwas. Jemand.

Mein Herz begann schneller zu schlagen. Wieder dieses Atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Es kam nicht von mir. >> Wer ist da?<<

Stille. Dann—Ein Flüstern. So leise, dass ich zunächst glaubte, es mir eingebildet zu haben. >> Lucinda...<<

Mein Blut gefror. Nein. Ich kannte diese Stimme. Ich kannte sie besser als jede andere auf dieser Welt. >> Tom?<<

Das Atmen verstummte. Für einen einzigen Moment herrschte vollkommene Stille. Dann hörte ich ein leises Lachen. Nicht das kalte, hohe Lachen Voldemorts. Dieses hier war anders. Jünger. Vertrauter. Das Lachen eines Jungen, der vor langer Zeit neben mir in Hogwarts gesessen hatte. Das Lachen meines Bruders. >> Wo bist du?<<

Keine Antwort. Die Dunkelheit bewegte sich. Ich konnte es nicht anders beschreiben. Sie schien dichter zu werden. Schwerer. Als würde etwas darin Gestalt annehmen. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. >> Tom!<<

Etwas berührte meine Hand. Ich zuckte zusammen. Finger. Eiskalt. Sie schlossen sich um mein Handgelenk. >> Lass mich los!<<

Ich riss an meinem Arm. Vergeblich. Der Griff wurde fester. Und plötzlich - Schmerz. Er schoss durch meinen gesamten Körper. Ich schrie auf. Mein Handgelenk brannte. Genau dort, wo sich das Zeichen des Fluches befand.

Ich sah hinunter. Zum ersten Mal durchbrach Licht die Dunkelheit. Ein fahles, krankes Grün. Das Symbol auf meiner Haut glühte.

Mein Atem stockte. >> Nein...<<

Es pulsierte. Einmal. Zweimal. Im Rhythmus meines Herzschlags. Nein. Nicht meines Herzschlags. Seines. Ich spürte ihn. Nicht als Erinnerung. Nicht als Albtraum. Nicht als den Bruder, den ich vor Jahrzehnten verloren hatte. Als etwas Lebendiges.

Etwas, das irgendwo dort draußen existierte. Schwach. Gebrochen. Körperlos. Aber lebendig. >> Tom...<<

Das grüne Licht wurde stärker. Und mit ihm kam etwas anderes. Macht. Noch war sie kaum mehr als ein Funke. Doch ich spürte, wie sie sich sammelte.

Wie etwas Unsichtbares sie nährte. Wie aus einem kaum wahrnehmbaren Flackern langsam eine Flamme wurde. Meine Augen weiteten sich. >> Was tust du?<<

Das Lachen erklang erneut. Diesmal nicht hinter mir. Nicht vor mir. Überall. >> Tom!<<

Die Finger um mein Handgelenk verschwanden. Ich taumelte zurück. Plötzlich sah ich etwas in der Dunkelheit. Zwei Augen. Rot. Nur für einen Herzschlag. Dann waren sie fort. Ich wich zurück. >> Nein.<< Die Dunkelheit begann sich um mich zu schließen. >> Nein!<<

Ich versuchte wegzulaufen. Es gab keinen Boden. Keinen Ausgang. Nichts. Nur ihn. Und dann hörte ich seine Stimme ein letztes Mal. Nicht die Stimme des Jungen. Diesmal war sie kalt. Fremd. Und doch wusste jeder Teil von mir, wem sie gehörte. >> Bald.<<

Ich riss die Augen auf. Keuchend fuhr ich hoch. Dunkelheit. Mein Herz raste. Für einen schrecklichen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann erkannte ich die Umrisse meines Bettes. Die grünen Vorhänge. Den schwachen Schein des Sees hinter den Fenstern des Slytherin-Schlafsaals. Hogwarts. Ich war in Hogwarts. Nur ein Traum.

Ich presste eine Hand gegen meine Brust. >>Nur ein Traum...<< Meine Stimme zitterte.

Ich zwang mich, tief durchzuatmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag. Dann bemerkte ich den Schmerz. Mein Blick fiel auf mein rechtes Handgelenk. Ich erstarrte.

Unter meiner Haut lag ein schwacher grüner Schimmer. Das Zeichen. Der Fluch.

>>Nein...<<

Ich schlug die Decke zurück und stolperte aus dem Bett. Meine Beine fühlten sich weich an. Mit zitternden Fingern schob ich den Ärmel vollständig nach oben. Der Schimmer verschwand bereits. Doch ich hatte ihn gesehen. Und schlimmer noch—ich spürte ihn immer noch.

Tom. Irgendwo. Weit entfernt. Aber nicht mehr so weit wie zuvor. Ich schloss die Augen. Der Traum war verschwunden. Die Verbindung nicht. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten fühlte sie sich anders an. Stärker. Wacher.

Mein Bruder war noch immer körperlos. Noch immer schwach. Doch etwas hatte sich verändert. Etwas bewegte sich. Etwas begann.

Und tief in meinem Inneren wusste ich plötzlich mit einer Sicherheit, die mir mehr Angst machte als jeder Albtraum: Tom fand einen Weg zurück.

***

Am nächsten Morgen hatte ich nicht geschlafen. Zumindest nicht wirklich. Jedes Mal, wenn ich die Augen geschlossen hatte, hatte ich wieder diese Stimme gehört. Bald.

Ich saß Ruby gegenüber auf der breiten Fensterbank eines verlassenen Klassenzimmers. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, doch ich bezweifelte inzwischen, dass sie noch eine einzige Zeile las. Vorsichtig zog ich den Ärmel meines Pullovers über den Verband an meinem Unterarm. Ein stechender Schmerz fuhr durch die noch heilenden Verletzungen. >>Au.<<

Ruby hob den Kopf. >>Das klang überzeugend.<<

>>Ich dachte, du liest.<<

>>Tue ich auch.<<

>>Dann lies.<<

>>Ich kann lesen und gleichzeitig feststellen, dass du dich entgegen Madam Pomfreys ausdrücklicher Anweisung bewegst.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Die Wunde ist fast verheilt.<<

>>Das hast du gestern auch gesagt.<<

>>Gestern war sie ebenfalls fast verheilt.<<

Normalerweise hätte Ruby darüber gelacht. Diesmal tat sie es nicht. Ihr Blick blieb an meinem Gesicht hängen. Ich wandte mich dem Fenster zu. Draußen lag Schnee auf dem Gelände. Einige Schüler liefen über den Hof, als wäre die Welt vollkommen in Ordnung.

Harry hatte die zweite Aufgabe überstanden. Ron ebenfalls. Gabrielle Delacour war sicher aus dem See zurückgekehrt. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen. Stattdessen hörte ich noch immer diese eine Stimme. Bald. >> Du hast überhaupt nicht geschlafen.<< Es war keine Frage.

Ich zog die Knie etwas näher an mich. >>Doch.<< Ruby hob eine Augenbraue. >>Kurz.<<

>>Lucinda.<< Ich schwieg. Sie klappte das Buch zu. >>Was ist passiert?<<

Meine Finger wanderten unbewusst zu meinem rechten Handgelenk. Zum Zeichen des Fluches, welches immer noch leicht pulsierte. Ruby bemerkte die Bewegung. Sofort verschwand jede Spur von Humor aus ihrem Gesicht. >>Der Fluch?<<

Ich nickte. >>Ich habe heute Nacht von Tom geträumt.<<

Ruby sagte nichts. Also erzählte ich ihr alles. Die Dunkelheit. Seine Stimme. Die Berührung. Das Zeichen. Und dieses Gefühl von Macht, das dort vorher nicht gewesen war. Als ich endete, herrschte lange Stille.

>>Vielleicht war es nur ein Traum.<<, sagte Ruby schließlich.

Ich sah sie an. Wir wussten beide, dass sie das selbst nicht glaubte. >>Das Zeichen hat geleuchtet, nachdem ich wach war.<<

Rubys Gesicht wurde bleicher. >>Du bist sicher?<<

>>Vollkommen.<< Ich stand auf und trat ans Fenster. >>Es war nicht wie sonst. Normalerweise träume ich von Erinnerungen. Vom Waisenhaus. Von Hogwarts. Von früher. Manchmal von der Nacht, in der...<< Ich brach ab. Ruby wartete. >>Diesmal habe ich ihn nicht nur gesehen oder gehört. Ich habe ihn gespürt.<< Meine Hand legte sich auf meine Brust. >>So deutlich wie früher.<<

>>Durch den Fluch?<<

>>Ich weiß es nicht. Vielleicht.<< Ich schüttelte den Kopf. >>Aber etwas ist anders. Seine Magie fühlt sich stärker an. Nicht stark. Noch nicht. Aber... wacher.<<

Ruby stand nun ebenfalls auf. >>Lucinda...<<

Ich drehte mich zu ihr um. Und sprach die Worte aus, vor denen ich mich seit dem Erwachen gedrückt hatte. >>Er kommt zurück.<<

Ruby erstarrte. Nur für einen Augenblick. Doch ich sah es. Ihre Gedanken waren plötzlich woanders. >>Ruby?<< Keine Reaktion. >>Ruby.<<

Sie blinzelte. >>Was?<<

>>Wo warst du gerade?<<

>>Nirgendwo.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Du bist eine miserable Lügnerin.<<

>>Und du bist übermüdet.<<

>>Das war keine Antwort.<<

>>Sollte es auch nicht sein.<<

Ich musterte sie. Ruby hielt meinem Blick stand. Irgendetwas beschäftigte sie. Das erkannte ich sofort. Aber ich kannte sie lange genug, um zu wissen, wann weiteres Nachfragen sinnlos war. >>Na schön<<, murmelte ich.

Ruby lächelte schwach. >>Wenn Tom wirklich kurz vor seiner Rückkehr steht, haben wir ein größeres Problem.<<

>>Harry.

Der Gedanke traf uns gleichzeitig. Ich wandte mich ab. >>Jemand hat ihn in dieses Turnier gebracht.<<

>>Das wissen wir.<<

>>Und Moody hat dafür gesorgt, dass Neville ihm vom Dianthuskraut erzählt.<<

Ruby nickte langsam. >>Du glaubst immer noch, dass er dahintersteckt.<<

>>Mehr denn je.<<

>>Dann brauchen wir Beweise.<<

Ich stieß hörbar Luft aus. >>Ruby—<<

>>Beweise, Lucinda.<<

>>Wenn Tom zurückkehrt, bevor wir sie finden, sind Beweise das geringste unserer Probleme.<<

>>Und wenn du Moody ohne Beweise angreifst und dich irrst, haben wir ebenfalls ein Problem.<<

Ich verschränkte die Arme. >>Ich hasse es, wenn du vernünftig bist.<<

>>Ich weiß.<< Sie lächelte leicht. >>Deshalb bin ich es so gerne.<<

Ich warf ihr einen finsteren Blick zu. Doch die Unruhe blieb. Tief in mir. Wie ein zweiter Herzschlag. Tom war da draußen. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte ich das Gefühl, dass er nicht länger weit entfernt war.

Er kam näher. Jeden Tag.

***

Severus PoV

Severus Snape hatte sich drei Tage lang eingeredet, dass die Angelegenheit erledigt war. Miss Stonefield lebte. Potter lebte. Die zweite Aufgabe war beendet. Es bestand folglich keinerlei vernünftiger Grund, weiter darüber nachzudenken.

Bedauerlicherweise hatte sein Verstand beschlossen, Vernunft für überschätzt zu halten. Immer wieder sah er dasselbe Bild. Potter, der plötzlich unter der Wasseroberfläche verschwand. Stonefield, die keine Sekunde gezögert hatte. Ihr Sprung. Das Blut im Wasser. Und später ihr vollkommen ernst gemeinter Versuch, ihre eigene Verletzung als unbedeutend abzutun.

Severus stieß die Tür zum Büro des Schulleiters auf.

>>Severus.<< Dumbledore blickte von einem Pergament auf. >>Welch unerwartete Freude.<<

>>Ersparen Sie mir das.<<

>>Dann nehme ich an, Sie sind nicht wegen eines freundschaftlichen Besuchs hier.<<

Severus trat vor den Schreibtisch. >>Es geht um Miss Stonefield.<<

Etwas blitzte in Dumbledores Augen auf. Natürlich. >>Wie überraschend.<<

Severus' Blick verengte sich. >>Was soll das heißen?<<

>>Nichts. Bitte fahren Sie fort.<<

Severus traute diesem unschuldigen Gesichtsausdruck keine Sekunde. >>Sie wussten, dass sie in den See springen würde.<<

Dumbledores Lächeln verschwand. >>Nein.<<

>>Aber Sie waren nicht überrascht.<<

>>Ich war durchaus überrascht.<<

>>Nicht genug.<< Dumbledore schwieg. Severus trat näher. >>Dieses Mädchen hat ohne zu zögern ihr eigenes Leben riskiert, um Potter zu retten.<<

>>Das ist mir aufgefallen.<<

>>Und mir ist aufgefallen, dass Sie darauf kaum reagiert haben.<<

>>Was hätten Sie denn von mir erwartet?<<

>>Eine Erklärung.<<

Dumbledore faltete die Hände. >>Wofür?<<

Severus lachte freudlos auf. >>Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, wovon ich spreche.<< Er begann, vor dem Schreibtisch auf und ab zu gehen. >>Seit Beginn des Schuljahres verhält sich Miss Stonefield ungewöhnlich, sobald Potter betroffen ist. Sie beobachtet ihn. Sie beschäftigt sich mit seiner Teilnahme am Turnier. Sie scheint erstaunlich gut darüber informiert zu sein, welche Gefahren ihm drohen. Und nun springt sie einem Grindeloh hinterher, obwohl sie dabei beinahe selbst schwer verletzt wird.<< Dumbledore betrachtete ihn schweigend. >>Sie beschützt ihn.<< Der Satz blieb zwischen ihnen stehen. Severus wandte sich ihm zu. >>Mit allen Mitteln.<< Noch immer keine Antwort. >>Warum?<<

Für einen kurzen Moment herrschte eisernes Schweigen. Schweigen, das Severus gerade wahnsinnig machte, weil es ihm kostbare Antworten verwehrte. Antworten auf all die Fragen, die ihm seit der erste Begegnung mit Lucinda Stonefield durch den Kopf gingen.

Dumbledore seufzte leise. >>Das müssen Sie Miss Stonefield fragen.<<

Severus' Miene wurde eisig. >>Sie wissen es.<<

>>Möglicherweise.<<

>>Natürlich wissen Sie es.<<

>>Das bedeutet nicht, dass es mir zusteht, es Ihnen zu sagen.<<

Severus starrte ihn an. >>Sie haben sie nach Hogwarts geholt.<<

>>Ja.<<

>>Sie haben ihre Aufnahme persönlich organisiert.<<

>>Auch das stimmt.<<

>>Ihre schulischen Fähigkeiten entsprechen nicht ihrem angeblichen Alter. Sie beherrscht Magie, die sie unmöglich im vierten Schuljahr gelernt haben kann. Ihre Vergangenheit ist praktisch nicht existent. Und jedes Mal, wenn Potter in Gefahr gerät, verhält sie sich, als hinge ihr eigenes Leben davon ab, ihn am Leben zu halten.<< Severus beugte sich leicht über den Schreibtisch. >>Wer ist Lucinda Stonefield?<<

Dumbledore sah ihm lange in die Augen. Dann sagte er ruhig: >>Jemand, dessen Geheimnisse nicht mir gehören.<<

Severus richtete sich wieder auf. >>Wie praktisch.<<

>>Nein.<< Dumbledores Stimme blieb ruhig. >>Notwendig.<<

Severus wandte sich ab. Er hätte wissen müssen, dass dieses Gespräch so enden würde. Dumbledore sammelte Geheimnisse wie andere Menschen Schokofroschkarten. Und gab sie ungefähr genauso bereitwillig wieder her wie ein Drache seinen Schatz.

>>Dann verschwende ich offenbar meine Zeit.<<

>>Nicht unbedingt.<<

Severus blieb stehen. Langsam drehte er sich um. Dumbledore betrachtete ihn nun mit jenem unerträglichen Ausdruck, der gewöhnlich bedeutete, dass er etwas wusste, das alle anderen erst Wochen später verstanden.

>>Was?<<

>>Sie stellen die falsche Frage.<<

>>Ich habe eine ausgesprochen einfache Frage gestellt.<<

>>Wer Miss Stonefield ist<<, meinte Dumbledore und Severus hob eine Augenbraue.

>>Korrekt.<<

>>Vielleicht sollten Sie stattdessen fragen, weshalb sie es Ihnen nicht sagt.<<

Severus' Gesicht verhärtete sich. >>Weil sie offensichtlich etwas zu verbergen hat.<<

>>Zweifellos.<<, bestätigte Dumbledore.

>>Dann sind wir uns ja einig.<<

>>Nicht ganz.<< Dumbledore erhob sich langsam. >>Sie beobachten sie seit Monaten, Severus.<< Severus schwieg. >>Sie prüfen ihre Aussagen. Sie registrieren ihre Fähigkeiten. Sie achten darauf, mit wem sie spricht, wohin sie geht und wann sie sich ungewöhnlich verhält.<<

>>Das gehört zu meinen Aufgaben.<<

>>Natürlich.<< Dumbledores Mundwinkel zuckten.

Severus mochte dieses Natürlich nicht. >>Was wollen Sie damit sagen?<<

Dumbledore trat ans Fenster. >>Vertrauen, Severus, ist selten eine Belohnung für besonders gründliche Beobachtung.<<

Stille. Severus' Blick wurde schmal. >>Ich beobachte sie nicht aus persönlichem Interesse.<<

Dumbledore drehte sich zu ihm um. >>Das habe ich nicht behauptet.<<

Verdammt. >>Sie ist meine Schülerin.<<

>>Auch das weiß ich.<<

>>Und sie ist offensichtlich in etwas verwickelt, das Potter betrifft.<<

>>Dann haben Sie umso mehr Grund, darüber nachzudenken, wie Sie mit ihr umgehen.<<

Severus verschränkte die Arme. >>Sie schlagen also vor, dass ich ihre zahlreichen Widersprüche einfach ignoriere.<<

>>Nein.<< Dumbledore kam zurück zum Schreibtisch. >>Ich schlage vor, dass Sie aufhören, ausschließlich nach ihnen zu suchen.<< Severus antwortete nicht. >>Sie möchten, dass Lucinda Ihnen vertraut.<<

>>Ich möchte Antworten.<<

>>Das eine könnte das andere bedingen.<< Dumbledore ließ sich wieder nieder. >>Menschen erzählen uns ihre Geheimnisse selten, weil wir sie erfolgreich in die Enge getrieben haben.<<

Severus' Blick wanderte zum Fenster. Ungewollt erinnerte er sich an mehrere Begegnungen. Stonefields vorsichtige Antworten. Die Art, wie sie verstummte, sobald ein Gespräch ihrer Vergangenheit zu nahekam. Ihre Anspannung, wenn sie bemerkte, dass er sie beobachtete. Und jene seltenen Momente, in denen diese Vorsicht verschwunden war.

Der verletzte Bowtruckle. Der Giftanschlag. Der See. Momente, in denen sie keine Zeit gehabt hatte, ihre Fassade aufrechtzuerhalten.

>>Sie misstraut mir.<< Es war keine Frage.

Dumbledore antwortete dennoch. >>Wundert Sie das?<<

Severus sah ihn scharf an. >>Sollte es?<<

>>Versetzen Sie sich in ihre Lage.<<

Severus schwieg. Eine Schülerin mit einem Geheimnis. Ein Lehrer, der jede ihrer Bewegungen registrierte. Fragen stellte. Ungereimtheiten bemerkte. Und sie mit jedem weiteren Versuch vermutlich nur darin bestätigte, dass sie vorsichtig sein musste. Ärgerlich. Vor allem, weil Dumbledore recht hatte.

>>Was erwarten Sie von mir?<<

>>Gar nichts.<<

>>Albus<<, sagte er, doch der Schulleiter lehnte sich zurück.

>>Wenn Sie Lucindas Vertrauen gewinnen möchten, dann geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen. Einen aufrichtigen.<<

Severus' Blick verdunkelte sich. >>Und wie genau soll dieser aussehen?<<

Dumbledore lächelte. >>Das herauszufinden überlasse ich Ihnen.<<

Natürlich. Severus drehte sich zur Tür. >>Dieses Gespräch war vollkommen nutzlos.<<

>>Dann werden Sie sicherlich nicht mehr darüber nachdenken.<<

Severus blieb mit der Hand an der Türklinke stehen. Er sah über die Schulter. Dumbledores Augen funkelten amüsiert. >>Gute Nacht, Severus.<<

Severus öffnete die Tür. >>Gute Nacht, Professor Dumbledore.<<

Er schloss sie hinter sich. Auf dem Weg hinunter in die Kerker dachte er über jedes einzelne Wort nach. Was ihn nur noch schlechter gelaunt machte.

Geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen. Unsinn.

Severus nahm die nächste Treppe hinunter und zog die Roben enger um sich. Er brauchte Miss Stonefields Vertrauen nicht. Er brauchte Antworten. Das waren zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Zumindest sollten sie es sein.

Wenn eine Schülerin offensichtlich falsche Angaben über ihre Vergangenheit machte, Fähigkeiten besaß, die weit über ihr angebliches Alter hinausgingen, und sich darüber hinaus mit einer geradezu beunruhigenden Entschlossenheit in sämtliche Gefahren stürzte, die Harry Potter bedrohten, war Misstrauen keine persönliche Schwäche. Es war Vernunft.

Severus hatte Jahrzehnte damit verbracht, Menschen zu misstrauen. Diese Eigenschaft hatte ihn am Leben gehalten. Mehr als einmal. Und nun erwartete Albus offenbar von ihm, dass er sie ausgerechnet bei einem Mädchen ablegte, das vermutlich mehr Geheimnisse besaß als die Hälfte des Lehrerkollegiums zusammen. Lächerlich.

Er bog um eine Ecke.

Vertrauen ist selten eine Belohnung für besonders gründliche Beobachtung.

Severus verzog das Gesicht. Natürlich musste Albus einen solchen Satz formulieren. Eine einfache Antwort wäre schließlich zu viel verlangt gewesen.

Was sollte er überhaupt tun? Miss Stonefield zu sich bestellen?

Guten Abend. Da meine bisherigen Versuche, Ihre zahlreichen Lügen aufzudecken, offenbar nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, würde ich Ihnen nun gerne einen aufrichtigen Grund geben, mir zu vertrauen.

Severus schnaubte. Ausgezeichnet. Das würde zweifellos funktionieren. Vermutlich würde Stonefield noch während des Gesprächs nach dem nächstgelegenen Fluchtweg suchen. Was wiederum— Seine Schritte verlangsamten sich. —genau Albus' Punkt gewesen war.

Severus blieb mitten im Korridor stehen. Nein. Er würde darüber nicht nachdenken. Er setzte seinen Weg fort.

Miss Stonefield war eine Schülerin. Er war ihr Professor. Sie hatte ein Geheimnis. Er würde herausfinden, welches. Ende der Angelegenheit.

Zwei Tage später stellte Severus fest, dass die Angelegenheit bedauerlicherweise nicht beendet war. Er hatte den größten Teil des Nachmittags damit verbracht, Zutaten für die kommende Unterrichtswoche zu überprüfen, als ihm auffiel, dass sein Bestand an Baldrianwurzeln niedriger war als erwartet. Normalerweise hätte er einen Schüler geschickt. Normalerweise.

Nach den Ereignissen der vergangenen Monate hielt Severus es jedoch für eine ausgesprochen schlechte Idee, irgendeinen Vierzehnjährigen unbeaufsichtigt in die Nähe wertvoller Zutaten zu lassen. Vor allem, wenn besagter Vierzehnjähriger möglicherweise Castor Thornbloom hieß. Also machte er sich selbst auf den Weg.

Der Himmel über Hogwarts war grau. Eine dünne Schneeschicht lag auf dem Gelände, und der Wind trieb einzelne Flocken über den Boden. Severus hatte den halben Weg zu den Gewächshäusern zurückgelegt, als eine Bewegung nahe des Waldrandes seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er blieb stehen.

Eine Gestalt kniete unter einem Baum. Dunkles Haar. Slytherin-Schal. Severus musste nicht näher herangehen. Natürlich. Miss Stonefield.

Sein erster Gedanke war Ärger. Pomfrey hatte ihr ausdrücklich Ruhe verordnet. Sein zweiter Gedanke war, dass er sich nicht dafür interessierte. Sein dritter war deutlich weniger überzeugend als der zweite.

Severus blieb im Schatten des überdachten Ganges stehen. Stonefield hatte ihn nicht bemerkt. Sie saß im Schnee, vollkommen unbeeindruckt von der Kälte, und hielt ihre geöffnete Hand vor sich. Ein Bowtruckle saß darauf. Natürlich.

Severus hätte inzwischen vermutlich überraschter sein müssen, wenn sich einmal kein magisches Tier freiwillig in ihrer unmittelbaren Nähe befand. Ein zweiter Bowtruckle kletterte über ihren Ärmel. Stonefield lachte leise.

Severus erstarrte beinahe. Es war kein höfliches Lächeln. Keines jener kleinen, kontrollierten Lächeln, mit denen sie Mitschüler abspeiste. Sie lachte wirklich. Unbeschwert. Für einen kurzen Moment wirkte sie tatsächlich wie das Mädchen, das sie angeblich war. Fünfzehn. Nicht älter. Nicht geheimnisvoll. Nicht gefährlich. Einfach ein Mädchen im Schnee mit einem Bowtruckle auf der Hand.

Dann hob sie den linken Arm. Der Ärmel rutschte ein Stück zurück. Weißer Verband kam zum Vorschein. Severus' Blick blieb daran hängen. Sofort war der See wieder da. Das Wasser. Potter. Blut. Stonefields Gesicht, nachdem man sie aus dem See gezogen hatte. Und ihre vollkommen absurde Behauptung, dass alles in Ordnung sei.

Severus' Kiefer spannte sich an. Das war der Grund, weshalb er Antworten wollte. Natürlich. Nicht Neugier. Nicht persönliches Interesse. Er wollte wissen, warum dieses Mädchen derart bereitwillig ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte.

Warum Potter. Warum immer wieder Potter. Und warum Albus jedes Mal schwieg, sobald Severus der Wahrheit auch nur einen Schritt näherkam.

Stonefield beugte sich zu dem Bowtruckle hinunter. >>Nein, den Verband darfst du nicht haben.<< Das Wesen zupfte daran. >>Lass das.<< Zupf. >>Ich meine es ernst.<<  Zupf. Stonefield zog ihren Arm zurück. Der Bowtruckle klammerte sich daran fest. >>Du bist genauso schlimm wie Midas.<<

Severus' Mundwinkel zuckte. Nur kurz. Dann verschwand jede Spur davon. Stonefield bemerkte ihn noch immer nicht. Vielleicht war das der Grund, weshalb Severus nicht weiterging. Sie verhielt sich anders, wenn sie glaubte, unbeobachtet zu sein. Das wusste er längst. Aber zum ersten Mal fragte er sich, was das eigentlich über ihn aussagte.

Dass sie sich in seiner Gegenwart kontrollierte. Dass ihre Antworten vorsichtiger wurden. Dass ihre Haltung sich veränderte, sobald sie bemerkte, dass er sie beobachtete. Sie misstraut mir.

Albus' Antwort kam ungebeten zurück. Wundert Sie das?

Severus blickte auf das Mädchen am Waldrand. Vielleicht hätte es ihn tatsächlich nicht wundern dürfen. Stonefield besaß Geheimnisse. Das stand außer Frage. Aber Menschen mit Geheimnissen waren nicht automatisch Feinde.

Severus von allen Menschen sollte das wissen. Der Gedanke traf unangenehm präzise. Sein gesamtes Leben bestand aus Dingen, die niemand erfahren durfte. Aus Wahrheiten, die er verschwieg. Aus Loyalitäten, die er nicht erklären konnte. Aus Entscheidungen, deren Gründe nur eine Handvoll Menschen kannten. Und wenn jemand ihn mit derselben Beharrlichkeit beobachten würde, mit der er Stonefield beobachtete—

Severus' Gesicht verfinsterte sich. Er würde diesen Menschen vermutlich innerhalb einer Woche verfluchen. Eine unangenehme Erkenntnis. Noch unangenehmer war, dass Albus vermutlich genau darauf hinausgewollt hatte. Verdammter alter Mann.

Einer der Bowtruckles sprang von Stonefields Schulter in den Schnee. Sie streckte sofort die Hand aus. >>Vorsichtig.<<

Das kleine Wesen ignorierte sie und verschwand zwischen den Wurzeln. Stonefield schüttelte lächelnd den Kopf. Dann zog sie den Ärmel wieder über ihren Verband. Severus' Blick blieb noch einen Moment darauf liegen.

Geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen.

Er wusste noch immer nicht, wie. Und er war keineswegs überzeugt davon, dass Albus recht hatte. Zumindest nicht vollständig. Stonefield musste weiterhin beobachtet werden. Ihre Fähigkeiten blieben unerklärlich. Ihre Vergangenheit blieb fragwürdig. Ihre Verbindung zu Potter blieb höchst verdächtig. Aber vielleicht—

Severus hasste dieses Wort. Vielleicht musste er nicht jede Antwort erzwingen. Vielleicht konnte er warten, bis sie selbst bereit war, ihm eine zu geben. Vorausgesetzt, sie bekam überhaupt einen Grund, dies zu tun.

Stonefield erhob sich. Sie klopfte den Schnee von ihrer Robe und verzog dabei kaum merklich das Gesicht, als sie den verletzten Arm bewegte.

Severus' Stirn legte sich sofort in Falten. Natürlich. Ruhe. Pomfrey hatte ausdrücklich Ruhe gesagt. Er trat aus dem Schatten. >>Miss Stonefield.<<

Sie fuhr herum. Drei Bowtruckles verschwanden augenblicklich hinter ihr. Ihre Augen wurden groß. >>Professor Snape.<<

Severus trat näher. Ihr Blick wanderte für einen kurzen Moment über sein Gesicht. Vorsichtig. Abwartend. Genau so, wie Albus es beschrieben hatte.

Severus bemerkte es diesmal. Und zum ersten Mal störte es ihn.

>>Madam Pomfrey hat Ihnen meines Wissens Bettruhe verordnet.<<

Stonefield hob eine Augenbraue. >>Vor drei Tagen.<<

>>Verletzungen besitzen bedauerlicherweise nicht die Angewohnheit, sich an Stundenpläne zu halten.<<

>>Mir geht es gut.<< Severus' Blick fiel demonstrativ auf den Verband. Stonefield folgte ihm. >>Fast gut.<<, korrigierte sie.

>>Eine beeindruckende medizinische Differenzierung.<<

Ihre Mundwinkel zuckten. >>Danke.<<

>>Das war kein Kompliment.<<

>>Ich habe beschlossen, es trotzdem als eines zu betrachten.<<

Severus sah sie an. Stonefield hielt seinem Blick stand. Und für einen Moment war da wieder diese merkwürdige Ruhe zwischen ihnen. Nicht unangenehm. Nur ungewohnt.

Ein Bowtruckle lugte hinter ihrem Haar hervor. Severus betrachtete ihn. >>Ihre Freunde scheinen anderer Meinung zu sein als Madam Pomfrey.<<

Stonefield sah über ihre Schulter. >>Sie haben mich vermisst.<<

>>Zweifellos ein medizinisch zwingender Grund, sich bei winterlichen Temperaturen an den Rand des Verbotenen Waldes zu setzen.<<

>>Ich trage einen Schal.<< Severus schwieg. Stonefield lächelte. Nur ein wenig. Dann senkte sie den Blick. >>Ich passe auf.<< Die Worte waren leiser.

Severus betrachtete sie. Normalerweise hätte er vermutlich etwas darüber gesagt, wie wenig überzeugend diese Behauptung nach ihrem Sprung in den Schwarzen See klang. Die Bemerkung lag ihm bereits auf der Zunge. Er sprach sie nicht aus. Stattdessen sagte er: >>Das sollten Sie.<<

Stonefield blickte wieder auf. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Nur für einen Moment. Überraschung vielleicht. Sie hatte offenbar mit einer schärferen Antwort gerechnet. Severus bemerkte auch das. Geben Sie ihr einen Grund.

Nein. So einfach war es nicht. Ein einziger nicht ausgesprochener Vorwurf würde keine Geheimnisse verschwinden lassen. Und vielleicht sollte er das auch gar nicht. Noch nicht. >>Gehen Sie zurück ins Schloss, bevor Madam Pomfrey feststellt, dass Sie ihre Anweisungen ausgesprochen kreativ interpretieren.<<

Stonefield nickte. >>Ja, Professor.<< Sie machte zwei Schritte. Dann hielt sie inne. >>Professor Snape?<<

>>Was?<<

Sie zögerte. >>Danke.<<

Severus' Stirn legte sich in Falten. >>Wofür?<<

Stonefield schien selbst nicht genau zu wissen, wie sie antworten sollte. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf. >>Nichts.<<

Sie ging. Severus sah ihr hinterher. Der Verband verschwand wieder unter ihrem Ärmel. Nach wenigen Augenblicken war sie auf dem Weg zum Schloss. Severus blieb zurück.

Er hatte noch immer keine Ahnung, wie man einem Menschen bewusst einen Grund gab, einem zu vertrauen. Er war vermutlich einer der ungeeignetsten Männer Großbritanniens für diese Aufgabe. Und er hatte keineswegs vor, Albus Dumbledores Rat blindlings zu befolgen. Aber vielleicht würde er ihn auch nicht vollkommen ignorieren.

Noch während Severus diesen Gedanken fasste, verzog sich sein Gesicht. Großartig. Jetzt würde Albus am Ende auch noch recht behalten. Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Er wandte sich in Richtung der Gewächshäuser. Und nahm sich fest vor, bei seinem nächsten Gespräch mit dem Schulleiter kein einziges Wort darüber zu verlieren.

***

Ruby PoV

Lucinda hatte ein Talent dafür, mir Sorgen zu bereiten. Das war nichts Neues. Neu war lediglich die Größenordnung. Er kommt zurück. Der Satz begleitete mich seit unserem Gespräch. Beim Abendessen. In der Bibliothek. Während des Unterrichts. Sogar jetzt, als ich spät am Abend durch einen beinahe verlassenen Korridor lief.

Tom. Ich hatte gehofft, wir hätten noch mehr Zeit. Vielleicht war genau das naiv gewesen. Mein Blick fiel auf meinen eigenen Arm. Dann dachte ich wieder an Karkaroff. An den Korridor. An Snape. An die Art, wie Karkaroff seinen Ärmel zurückgezogen hatte.

Damals hatte ich nur einen kurzen Blick erhascht. Genug, um zu erkennen, dass dort etwas war. Etwas, das ihm Angst machte. Und Snape hatte verstanden. Ich war mir inzwischen sicher.

Lucinda wusste noch immer nichts von diesem Zwischenfall. Mehrfach hatte ich mit mir gerungen, ob ich ihr davon erzählen sollte. Aber ich entschied mich jedes Mal wieder dagegen. Es fühlte sich nicht richtig an. Obwohl es gleichzeitig bedeutete, ich musste Geheimnisse vor meiner besten Freundin haben. Meiner besten Freundin, die meinem Erachten nach schon genug durchgemacht hatte.

Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Ich blieb stehen. Klack. Mein Blick wanderte den Korridor entlang. Nichts. Ich wartete. Klack. Da war es wieder. Eine Tür. Jemand versuchte, sie zu öffnen.

Ich kannte diesen Teil der Kerker inzwischen gut genug, um zu wissen, dass hier um diese Uhrzeit niemand etwas verloren hatte. Schon gar kein Schüler. Leise zog ich meinen Zauberstab. Dann löste sich am Ende des Ganges eine Gestalt aus den Schatten. Ich erkannte den hinkenden Gang sofort. Moody.

Mein Herz begann schneller zu schlagen. Was machte er hier? Ich trat lautlos hinter eine steinerne Säule. Moody blieb vor einer Tür stehen. Sein magisches Auge drehte sich unruhig. Ich hielt den Atem an.

Für einen schrecklichen Moment glaubte ich, es würde direkt durch die Säule auf mich blicken. Dann wandte er sich wieder der Tür zu. Ein leises Murmeln. Das Schloss klickte. Moody verschwand dahinter. Ich wartete. Fünf Sekunden. Zehn. Dann trat ich vorsichtig aus meinem Versteck. Mein Blick fiel auf die Tür. Und mir wurde kalt. Ich wusste, was dahinter lag. Snapes Vorratskammer.

Was bei Merlin wollte Alastor Moody in Severus Snapes privaten Vorräten? Ich hätte Hilfe holen können. Vielleicht sogar Snape selbst. Doch dann hätte Moody gewusst, dass er beobachtet worden war. Lucindas Stimme hallte durch meinen Kopf. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht.

Ich hatte sie gebremst. Immer wieder. Keine Vermutungen. Keine Alleingänge. Beweise. Also blieb ich. Minuten vergingen. Dann hörte ich Schritte. Ich verschwand wieder hinter der Säule. Die Tür öffnete sich. Moody trat heraus. Seine Haltung war ruhig. Fast zu ruhig. Er zog die Tür hinter sich zu und versiegelte sie sorgfältig. Dann griff er in seinen Mantel. Für einen Augenblick sah ich etwas in seiner Hand. Eine kleine Phiole. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Moody ließ sie verschwinden. Dann hinkte er davon.

Ich wartete, bis seine Schritte vollständig verklungen waren. Erst dann trat ich hervor. Mein Blick blieb auf der verschlossenen Tür liegen. Eine Phiole. Vielleicht bedeutete sie nichts. Vielleicht hatte Moody eine vollkommen harmlose Erklärung dafür, nachts in die Vorratskammer eines anderen Professors einzubrechen. Und vielleicht würde Castor Thornbloom morgen früh beschließen, nie wieder eine Frau anzusprechen.

Ich ging zur Tür. Berührte das Schloss jedoch nicht. Nein. Keine Spuren hinterlassen. Noch nicht. Langsam ließ ich den Zauberstab sinken. Lucinda hatte recht gehabt. Bei Moody stimmte etwas nicht. Und zum ersten Mal hatten wir mehr als nur ein Gefühl. Wir hatten eine Spur. Eine verdammt gute sogar.