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Auf die Schliche gekommen

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Auf die Schliche gekommen

Hallo, alle zusammen. Ich wünsche euch einen schönen Feiertag. Ich hoffe, ihr könnt ihn etwas genießen und euch erholen. Wie angekündigt geht es heute weiter und es bleibt spannend. Wünsche euch viel Spaß beim neuen Kapitel.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 41

Auf die Schliche gekommen

Lucinda PoV

Es gab Begegnungen, die vergaß man innerhalb weniger Minuten. Andere blieben im Gedächtnis, obwohl eigentlich nichts Besonderes geschehen war. Meine Begegnung mit Professor Snape am Waldrand gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.

Ich lag am nächsten Morgen bereits seit mehreren Minuten wach und starrte an die Decke meines Himmelbettes. Eigentlich hätte ich über Tom nachdenken sollen. Über den Traum. Über das Leuchten des Fluchzeichens. Über diese verdammte Stimme. Bald.

Stattdessen dachte ich ausgerechnet an Severus Snape. Unfassbar.

Ich drehte mich auf die Seite und zog die Decke höher. Er hatte nichts Besonderes getan. Mich nicht gerettet. Keinen Heiltrank gebraut. Keinen übermotivierten Slytherin davon abgehalten, mich zu belästigen. Er hatte lediglich mit mir gesprochen. Und trotzdem—

Etwas war anders gewesen. Normalerweise hatte ich bei Gesprächen mit ihm stets das Gefühl, auf einem äußerst schmalen Grat zu balancieren. Eine falsche Bemerkung. Ein unbedachter Blick. Ein Satz zu viel. Und sofort begann er, nachzuhaken. Gestern nicht.

Er hatte den Verband gesehen. Natürlich hatte er ihn gesehen. Professor Snape bemerkte vermutlich sogar, wenn irgendwo im dritten Stock jemand eine Feder falsch hielt. Er hätte mich nach Harry fragen können. Nach dem See. Warum ich ohne zu zögern hineingesprungen war. Warum mir Potter überhaupt so wichtig war. Stattdessen hatte er nichts davon getan. Das sollten Sie. Mehr nicht.

Ich zog meine linke Hand unter der Decke hervor. Der weiße Verband war noch immer deutlich sichtbar. Madam Pomfrey hatte versichert, dass ich ihn spätestens in zwei Tagen loswerden würde. Die Wunde heilte gut und würde keine Spuren zurücklassen. Eine Sorge weniger.

Ich strich mit einem Finger über den Rand des Verbandes. Dann musste ich unweigerlich an etwas denken, das Professor Snape mir bereits vor einiger Zeit gesagt hatte. Dann sollten Sie lernen, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen Sie misstrauen müssen... und denen, die Ihnen bislang keinen Grund dazu gegeben haben.

Damals hatte ich den Satz als Herausforderung betrachtet. Vielleicht sogar als Warnung. Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher. Professor Snape hatte mir das Leben gerettet. Er hatte einem verletzten Bowtruckle geholfen. Er hatte Castor von mir ferngehalten. Und gestern hatte er eine Gelegenheit verstreichen lassen, mich mit Fragen in die Enge zu treiben. Vielleicht—

Nein. Ich setzte mich auf. >>Du denkst zu viel<<, murmelte ich.

Pansy drehte sich im Schlaf herum. Ich verstummte. Es war viel zu früh am Morgen, um ausgerechnet über Vertrauen nachzudenken. Noch schlimmer: über Vertrauen zu Severus Snape.

Ich stand auf. Zaubertränke würde meine Gedanken schon wieder in vernünftige Bahnen lenken. Zumindest hoffte ich das.

Ich hätte wissen müssen, dass dieser Tag keine vernünftigen Bahnen kannte.

>>Stonefield.<<

Ich blickte auf. Draco Malfoy stand neben meinem Kessel. >>Was?<<

Sein Blick wanderte auf meinen Trank. Dann auf seinen. Dann wieder auf meinen Trank. >>Der ist richtig, oder?<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Meiner?<<

>>Ja.<<

>>Davon gehe ich aus.<< Draco atmete erleichtert aus. Ich starrte ihn an. >>Warum interessiert dich mein Trank?<<

Er beugte sich etwas näher. >>Weil wir Punkte brauchen.<<

Ich blinzelte. >>Wie bitte?<<

>>Thornbloom hat gestern wieder fünf verloren.<<

Vom Tisch zwei Reihen weiter erklang eine empörte Stimme. >>Das war ungerecht!<<

Ich drehte den Kopf. Castor stand über seinem Kessel und sah zu uns. >>Du hast Professor Snape gefragt, ob er morgens immer so aussieht oder nur montags<<, erinnerte Draco ihn.

>>Es war eine berechtigte Frage.<<

>>Nein<<, sagte ich.

Draco deutete auf mich. >>Siehst du?<<

Castor funkelte mich an. >>Auf wessen Seite bist du eigentlich?<<

Ich wandte mich wieder meinem Trank zu. >>Auf der Seite unseres Punktekontos.<<

Ruby, die einige Plätze weiter arbeitete, gab ein verdächtiges Husten von sich. Castor schnaubte. >>Es waren nur fünf Punkte.<<

Draco sah ihn an, als hätte er gerade die Existenz von Magie geleugnet. >>Nur? Du hast seit Weihnachten mehr Punkte verloren als Crabbe und Goyle zusammen!<<

Crabbe hob irritiert den Kopf. Goyle ebenfalls. >>War das ein Kompliment?<<, fragte Crabbe.

>>Nein.<<

Ich musste ein Lachen unterdrücken. Dann wurde es still. Nicht allmählich. Sofort. Professor Snape bewegte sich zwischen den Tischen hindurch. Seine schwarze Robe strich über den Steinboden. Ich senkte automatisch den Blick auf meinen Kessel. Und wartete.

Auf dieses vertraute Gefühl. Seinen Blick im Rücken. Die Aufmerksamkeit. Das kaum sichtbare Prüfen jeder Bewegung. Nichts. Ich rührte dreimal gegen den Uhrzeigersinn. Gab die letzte Portion gemahlene Mondsteinwurzel hinzu. Wartete. Noch immer nichts.

Unwillkürlich hob ich den Kopf. Professor Snape stand bei Pansy und korrigierte ihre Temperatur. Dann ging er zu Draco. Weiter zu Castor. >>Mr Thornbloom.<<

Castor erstarrte. >>Professor.<<

Snape blickte in seinen Kessel. Sehr lange. >>Was genau versuchen Sie dort herzustellen?<<

Castor sah hinein. >>Den Trank von der Tafel?<<

>>Eine faszinierende Theorie.<<

Ruby biss sich sichtbar auf die Lippe. Ich wandte mich schnell wieder ab. Nicht lachen. Ganz schlechte Idee.

Einige Minuten später trat Snape an meinen Tisch. Ich spürte seine Anwesenheit, noch bevor ich aufsah. Diesmal lag sein Blick tatsächlich auf meinem Kessel. Nicht auf mir. Nur auf dem Trank.

Er prüfte die Farbe. Die Konsistenz. Den aufsteigenden silbrigen Dampf. Seine Augen wurden schmal. >>Fertig?<<

>>Ja, Professor.<<

Er nahm den Glasstab. Einmal umrühren. Dann hob er eine kleine Menge an. Ich wartete. Bei Professor Snape konnte selbst ein vollkommen richtiger Trank noch auf irgendeine Weise beleidigt werden. >>Außergewöhnlich sauber.<<

Meine Augenbrauen hoben sich kaum merklich. Hinter mir hielt offenbar sogar Draco den Atem an.

Snape stellte den Glasstab zurück. >>Zwanzig Punkte für Slytherin.<<

Absolute Stille. Dann hörte ich irgendwo ein sehr leises: >>Ja.<<

Draco. Ich warf ihm einen Blick zu. Er tat sofort so, als hätte er nichts gesagt. Meine Mundwinkel zuckten. >>Danke, Professor.<<

Snape nickte knapp. Dann ging er weiter. Kein zusätzlicher Blick. Keine Frage. Keine kaum merkliche Prüfung meiner Reaktion. Einfach weiter. Ich folgte ihm für einen Moment mit den Augen.  Irgendetwas musste geschehen sein. Oder bildete ich mir das nur ein?

>>Stonefield.<<

Ich sah wieder zu Draco. >>Was?<<

Er deutete auf meinen Kessel. >>Mach das nächste Woche wieder.<<

Ich starrte ihn an. >>Wie bitte?<<

>>Zwanzig Punkte.<<

>>Ich braue keine Tränke für unser Punktekonto.<<

Castor rief von hinten: >>Solltest du aber!<<

Ich drehte mich langsam um. >>Und du solltest aufhören, welche zu verlieren. Ich kann nicht genug Tränke brauen, um dich dauerhaft auszugleichen.<<

Ruby brach endgültig in Gelächter aus. Professor Snape drehte sich zur Klasse. >>Miss Chadwick.<< Ruby verstummte sofort. >>Falls Sie Ihre überschäumende Freude mit dem gesamten Kerker teilen möchten, können Sie dies gerne nach der Stunde während einer zusätzlichen Reinigungseinheit tun.<<

>>Nein, Professor.<<

>>Ausgezeichnet.<<

Ich senkte den Blick. Und grinste trotzdem.

***

Ruby PoV

Ich wartete exakt sieben Minuten nach Unterrichtsende. Nicht weil ich besonders geduldig war. Sondern weil Lucinda nach Zaubertränke grundsätzlich mindestens drei Menschen abschütteln musste.

Heute waren es Draco, der offenbar ernsthaft eine zukünftige Punkteplanung mit ihr diskutieren wollte, Pansy und – natürlich – Castor. Als Lucinda schließlich in die Bibliothek kam, ließ sie sich mir gegenüber auf den Stuhl fallen. >>Ich brauche dringend einen Unsichtbarkeitsumhang.<<

>>Harry besitzt einen.<<

Sie hob den Kopf. >>Was?<<

Mist. >>Nichts.<<

Lucinda verengte die Augen. >>Ruby.<<

>>Unwichtig.<<

>>Du sagst erstaunlich häufig unwichtig, wenn du gerade etwas Interessantes gesagt hast.<<

>>Und du weichst erstaunlich häufig vom Thema ab.<<

>>Welches Thema?<<

Ich sah mich um. Madam Pince befand sich mehrere Regale entfernt. Niemand saß unmittelbar bei uns. Gut. Ich beugte mich vor. >>Moody ist in Snapes Vorratskammer eingebrochen.<<

Lucinda bewegte sich nicht. Eine Sekunde. Zwei. >>Was?<<

>>Leiser.<<

>>Ruby.<<

>>Ich habe ihn gesehen.<<

Sie beugte sich sofort näher. >>Wann?<<

>>Gestern Abend.<<

>>Gestern Abend?<< Ihre Stimme wurde wieder lauter.

Ich hob warnend einen Finger. >>Willst du, dass Madam Pince uns hinauswirft?<<

>>Du hast gesehen, wie Moody in Snapes Vorratskammer einbricht und wartest bis jetzt, um mir davon zu erzählen?<<

>>Du hast geschlafen.<<

Sie schnaubte. >>Dann hättest du mich geweckt.<<

>>Du hattest seit Tagen kaum geschlafen.<<

>>Das ist vollkommen nebensächlich.<<, gab sie zurück, aber ich sah das anders.

>>Für dich vielleicht.<<

Lucinda schloss kurz die Augen. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Sie führte gerade innerlich einen Streit mit sich selbst. Offenbar gewann der vernünftige Teil. Knapp. >>Erzähl alles.<<

Also tat ich es. Der Korridor. Das Schloss. Moody. Wie er in der Vorratskammer verschwunden war. Die Phiole. Lucinda unterbrach mich kein einziges Mal. Das war alarmierend. Als ich endete, lehnte sie sich zurück. >>Du hast gesehen, wie er etwas mitgenommen hat?<<

>>Ja.<<

>>Was?<<

>>Keine Ahnung.<< Sie verzog das Gesicht. >>Phiole. Klein. Dunkles Glas. Mehr konnte ich nicht erkennen.<<

Lucinda begann mit einem Finger auf den Tisch zu tippen. Einmal. Zweimal. Dreimal. >>Ich wusste es.<<

>>Nein.<<

Sie sah mich an. >>Was nein?<<

>>Du wusstest gar nichts. Du hattest einen Verdacht.<<

>>Der sich gerade bestätigt hat.<<

>>Teilweise.<<

Lucinda lehnte sich vor. >>Ruby, ein Lehrer bricht nachts in die private Vorratskammer eines Kollegen ein.<<

>>Verdächtig.<<

>>Und stiehlt etwas.<<

>>Sehr verdächtig.<<, gestand ich ihr zu, was sie noch mehr motivierte.

>>Und ausgerechnet dieser Lehrer hat Neville genau auf das Buch gebracht, das Harry bei der zweiten Aufgabe geholfen hat.<<

Ich nickte. >>Noch verdächtiger.<<

>>Danke.<<

>>Das war keine Zustimmung zu deiner kommenden Hexenjagd.<<

Sie setzte sich wieder zurück. >>Ich plane keine Hexenjagd.<< Ich sah sie an. >>Noch nicht.<<

>>Lucinda.<<

Sie hob die Hände. >>Keine Alleingänge. Keine Konfrontation. Beweise sammeln. Ich habe es verstanden.<<

>>Wirklich?<<

>>Nein. Aber ich werde mich bemühen.<<

Mehr konnte ich vermutlich nicht verlangen. Wir wollten gerade damit beginnen, mögliche Gründe für Moodys Einbruch aufzuschreiben, als Stimmen zwischen den Regalen erklangen. Eine davon kannte ich sofort. Harry. Die andere—Lucinda und ich sahen uns an. Snape.

>>...keine Ahnung, wovon Sie reden, Professor.<< Harry klang angespannt.

Lucindas Augen wurden schmal. Wir standen gleichzeitig auf. Leise bewegten wir uns zwischen die Regale. Nein. Das war kein Lauschen. Das war Ermittlungsarbeit. Ein vollkommen entscheidender Unterschied.

Wir blieben hinter einem hohen Regal stehen. Durch eine schmale Lücke konnte ich Harry sehen. Professor Snape stand vor ihm. Seine Haltung allein reichte aus, um klarzumachen, dass er schlechte Laune hatte. Harry sah aus, als würde er sich wünschen, irgendwo anders zu sein.

>>Sie erwarten ernsthaft, dass ich glaube, Sie hätten keinerlei Kenntnis davon?<<

>>Ja.<<

Snape trat einen Schritt näher. >>Aus meinem privaten Vorrat verschwinden seit Wochen Zutaten.<<

Harrys Stirn legte sich in Falten. >>Ich habe nichts genommen.<<

>>Natürlich nicht.<< Der Sarkasmus hätte Glas schneiden können.

>>Ich war seit Wochen nicht in Ihrem Lager!<<

>>Und dennoch verschwinden ausgerechnet Zutaten, die für Tränke benötigt werden, mit denen Sie bereits in der Vergangenheit erstaunlich vertraut waren.<<

Harry wurde rot. Lucinda sah mich an. Ich zuckte kaum merklich mit den Schultern. Vergangenheit? Was hatte Harry denn bereits aus Snapes Lager gestohlen? Das würde ich später klären.

>>Professor—<<, setzte Harry an, doch Snape unterbrach ihn.

>>Baumschlangenhaut.<< Lucinda erstarrte neben mir. Snape fuhr fort. >>Pulverisiertes Bicornhorn. Florfliegen. Und mehrere weitere Vorräte, deren Fehlen Sie mir vermutlich ebenfalls nicht erklären können.<<

Harry starrte ihn an. >>Nein, weil ich sie nicht genommen habe!<<

Lucindas Hand schloss sich um meinen Ärmel. Fest. Sehr fest. Ich sah zu ihr. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Der Ärger war verschwunden. Das Misstrauen ebenfalls. Stattdessen lag dort etwas, das ich nur zu gut kannte. Erkenntnis.

>>Lucinda?<<, flüsterte ich kaum hörbar.

Sie reagierte nicht. Snape sagte noch etwas zu Harry, aber ich hörte kaum mehr hin. Lucinda zog mich zurück. Weg vom Regal. Weiter. Erst als wir mehrere Reihen zwischen uns und den beiden hatten, blieb sie stehen.

>>Pergament.<<, forderte sie aus heiterem Himmel und ich sah perplex auf.

>>Was?<<

>>Wir brauchen Pergament. Jetzt.<<

Ich griff in meine Tasche. Lucinda nahm mir Feder und Pergament beinahe aus der Hand. >>Was hast du?<<

>>Schreib.<<

>>Du hast die Feder.<<

Sie sah hinunter. >>Stimmt.<<

Das war kein gutes Zeichen. Lucinda Stonefield vergaß selten, was sie in der Hand hielt. Sie setzte sich an den nächsten Tisch. Ich nahm ihr gegenüber Platz.

>>Baumschlangenhaut.<< Sie schrieb. >>Bicornhorn.<< Nächste Zeile. >>Florfliegen.<<

Ich beobachtete sie. >>Und?<<

>>Das reicht schon.<<

>>Wofür?<<

Sie sah auf die Liste. Dann begann sie, weitere Zutaten darunterzuschreiben.

Fluxkraut.

Knöterich.

Blutegel.

Haut eines Baumschleichers.

Ich erkannte einige. Nicht alle. >>Lucinda?<<

Sie reagierte nicht. Ihre Augen wanderten über die Liste. Einmal. Zweimal. Dann legte sie die Feder sehr langsam ab. >>Nein.<<

Mir wurde kalt. >>Was?<<

Sie sah mich an. >>Vielsafttrank.<<

Ich blinzelte. >>Was?<<

>>Die Zutaten.<< Sie deutete auf das Pergament. >>Baumschlangenhaut. Bicornhorn. Florfliegen. Das sind Bestandteile des Vielsafttranks.<<

Ich sah auf die Liste. Dann wieder zu ihr. >>Bist du sicher?<< Lucinda schenkte mir einen Blick. Falsche Frage. >>Natürlich bist du sicher.<<

>>Vielsafttrank gehört zu den kompliziertesten Verwandlungstränken überhaupt.<< Ihre Stimme war inzwischen leiser geworden. >>Er verändert das Erscheinungsbild eines Menschen vollständig. Gesicht. Stimme. Körperbau. Alles.<<

Ich kannte den Trank. Natürlich. Aber gerade deshalb gefiel mir die Richtung ihrer Gedanken überhaupt nicht. >>Vielleicht braut Moody ihn für einen Auftrag.<<

Lucinda sah mich an. >>In Hogwarts?<<

>>Vielleicht experimentiert er.<<

>>Dann könnte er Snape fragen.<<

>>Vielleicht verstehen sie sich nicht.<<

Lucinda hob eine Augenbraue. >>Das rechtfertigt Einbruch und Diebstahl?<<

>>Nein.<< Ich blickte wieder auf die Zutaten. >>Vielleicht braucht er ihn nur einmal.<<

Lucinda schwieg. Dann tippte sie mit dem Finger auf die Liste. >>Seit Wochen.<<

>>Was?<<

>>Snape sagte, seit Wochen verschwinden Zutaten.<<

Mir wurde schlagartig bewusst, worauf sie hinauswollte. >>Der Trank hält nicht dauerhaft.<<

>>Nein.<< Lucindas Blick wurde dunkel. >>Je nach Qualität und Dosierung meist ungefähr eine Stunde.<<

Stille. Um uns herum raschelten Seiten. Irgendwo schob jemand einen Stuhl zurück. Die Bibliothek wirkte plötzlich absurd normal. >>Wenn jemand über Wochen hinweg immer wieder Zutaten für Vielsafttrank braucht...<<, begann ich.

Lucinda beendete den Gedanken. >>...dann muss er die Wirkung immer wieder erneuern.<<

Ich starrte sie an. Sie starrte auf die Liste. Und plötzlich dachte ich an Moody. Seine Narben. Das Holzbein. Das magische Auge. Seine Stimme. Seine ständige Anwesenheit. Lucinda hob langsam den Blick. >>Ruby.<<

>>Nein.<<

>>Denk darüber nach.<<, forderte sie, doch ich wehrte mich vehement dagegen.

>>Ich denke bereits darüber nach. Deshalb sage ich nein.<<

>>Er hilft Harry.<<

>>Indirekt.<<

>>Noch schlimmer.<< Sie begann aufzuzählen. >>Er wusste von Neville. Er wusste, welches Buch er ihm geben musste. Er wusste, dass Harry Hilfe für die zweite Aufgabe brauchen würde. Er beobachtet ihn. Er beobachtet mich. Er wusste vor der Aufgabe offenbar, dass etwas schiefgehen könnte.<<

Ich dachte an seine Warnung an Lucinda. Manchmal geraten Zuschauer schneller hinein, als ihnen lieb ist. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

>>Und jetzt bricht er in Snapes Vorratskammer ein<<, fuhr Lucinda fort, >>und zufällig fehlen Zutaten für Vielsafttrank.<<

Ich betrachtete die Liste. >>Wir wissen nicht, ob er alle genommen hat.<<

>>Nein.<<

>>Wir wissen nicht einmal sicher, ob die Phiole, die ich gesehen habe, eine dieser Zutaten enthielt.<<, legte ich nach und Lucinda stimmte erneut zu.

>>Nein.<<

>>Also haben wir noch keinen Beweis.<< Lucinda schwieg. Ich sah sie warnend an. >>Lucinda.<<

>>Ich weiß.<<

Mein Blick wurde ernster. >>Keine Konfrontation.<<

>>Ich weiß.<<

>>Keine Alleingänge.<<

>>Ruby.<<

>>Ich meine es ernst.<<

Sie sah mich an. >>Und ich auch.<<

Ihre Stimme hatte sich verändert. Keine Ungeduld mehr. Keine Wut. Nur Entschlossenheit. >>Deshalb werde ich ihn nicht konfrontieren.<<

Das überraschte mich. >>Nicht?<<

>>Nein.<< Lucinda zog das Pergament näher zu sich. >>Denn vielleicht haben wir die ganze Zeit die falsche Frage gestellt.<<

Ich runzelte die Stirn. >>Welche?<<

>>Warum Moody sich so merkwürdig verhält.<< Sie strich mit einem Finger über das Wort Vielsafttrank . >>Warum Moody Harry hilft. Warum Moody mich beobachtet. Warum Moody Snape bestiehlt.<< Ihre Augen trafen meine. >>Vielleicht sollten wir uns zuerst fragen, ob wir überhaupt mit Moody zu tun haben.<<

Mir blieb für einen Moment die Luft weg. Da war sie. Die Schlussfolgerung, die ich nicht hatte aussprechen wollen. >>Du glaubst...<<

>>Ich glaube, dass jemand in Hogwarts regelmäßig Zutaten für Vielsafttrank stiehlt.<< Sie sprach jedes Wort langsam aus. >>Und du hast ausgerechnet Professor Moody dabei erwischt, wie er nachts in Snapes Lager eingebrochen ist.<< Ich schwieg. >>Wenn dieser Mann den Trank selbst benötigt...<<

>>Dann ist das Gesicht, das wir jeden Tag sehen...<< Ich konnte den Satz nicht beenden.

Lucinda tat es. >>...nicht seines.<<

Stille. Diesmal war sie erdrückend. Ich sah unwillkürlich zum Eingang der Bibliothek. Als könnte Moody dort stehen. Als könnte sein magisches Auge längst durch sämtliche Bücherregale hindurchsehen.

>>Aber wer?<< Die Frage kam kaum hörbar über meine Lippen.

Lucinda schüttelte langsam den Kopf. >>Das weiß ich nicht.<<

>>Und wo ist der echte Moody?<<

Auch darauf hatte sie keine Antwort. Das machte alles nur schlimmer. Ich zog das Pergament zu mir. >>Also gut.<<

Lucinda hob die Augenbrauen. >>Also gut?<<

>>Du bekommst deinen Verdächtigen.<< Ein triumphierender Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Ich hob sofort einen Finger. >>Einen Verdächtigen. Keine bestätigte Verschwörung.<<

>>Natürlich.<<

>>Und du wirst ihn nicht angreifen.<<

>>Natürlich nicht.<<

>>Du wirst ihn nicht provozieren.<<, ermahnte ich sie.

>>Ruby.<<

>>Und wenn er dich wieder allein anspricht—<<

Sie winkte ab. >>Ich schreie nach dir.<< Ich sah sie an. Sie grinste. >>Das war ein Scherz.<<

>>Bei dir weiß ich das inzwischen nicht mehr.<<

Ihr Grinsen verschwand langsam. Dann blickte sie wieder auf unsere Liste. >>Wir müssen herausfinden, wer er ist.<<

>>Wie?<<

>>Noch keine Ahnung.<<

Ich lehnte mich zurück. >>Ausgezeichneter Plan.<<

>>Danke.<<

>>Das war kein Kompliment.<<, raunte ich ihr zu, doch Lucinda zuckte mit den Schultern.

>>Für mich ist es eins.<<

Ich verdrehte die Augen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ich erneut auf das Pergament blickte.

Baumschlangenhaut.

Bicornhorn.

Florfliegen.

Drei harmlose Wörter. Drei Zutaten. Und möglicherweise der erste echte Beweis dafür, dass wir seit Monaten einem Mann gegenüberstanden, der überhaupt nicht existierte. Zumindest nicht unter diesem Gesicht.

Lucinda nahm das Pergament wieder an sich. >>Ruby?<<

>>Hm?<<

>>Wenn ich recht habe...<<

Sie sprach nicht weiter. Musste sie nicht. Wenn Lucinda recht hatte, war Harrys Teilnahme am Turnier in der Tat keine Verkettung seltsamer Zufälle. Dann hatte jemand ihn bewusst gelenkt. Von Aufgabe zu Aufgabe. Immer einen Schritt näher an ein Ziel, das wir noch nicht kannten. Und dieser jemand stand jeden Tag mitten in Hogwarts. Unter dem Gesicht eines anderen Mannes.

***

Lucinda PoV

In dieser Nacht lag ich lange wach. Schon wieder. Mein Schlafrhythmus konnte sich inzwischen vermutlich offiziell verabschieden. Auf meinem Nachttisch lag das zusammengefaltete Pergament. Ich brauchte es nicht zu öffnen. Ich kannte jedes Wort darauf.

Baumschlangenhaut.

Bicornhorn.

Florfliegen.

Vielsafttrank.

Moody.

Ich schloss die Augen. Sofort sah ich ihn vor mir. Das magische Auge. Die Narben. Das Holzbein. Seinen schiefen Mund. Sie stellen bemerkenswert viele Fragen. Kann gefährlich werden.

Damals hatte ich geglaubt, er wolle mich einschüchtern. Vielleicht hatte er mich gewarnt. Vielleicht hatte er längst bemerkt, dass ich ihm zu nahekam.

Ich öffnete die Augen. An meinem rechten Handgelenk spürte ich ein dumpfes Pochen. Der Fluch. Tom. Bald.

Mein Bruder kehrte zurück. Jemand hatte Harry in das Turnier gebracht. Jemand sorgte dafür, dass er jede einzelne Aufgabe überstand. Und ausgerechnet der Mann, der ihn wiederholt unauffällig in die richtige Richtung gelenkt hatte, wurde möglicherweise mit Vielsafttrank am Leben gehalten.

Nein. Nicht am Leben. In seiner Rolle.

Ich setzte mich auf. Die Dinge begannen endlich zusammenzupassen. Nicht vollständig. Noch fehlten Teile. Entscheidende Teile. Wer hatte Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen? Warum musste er das Turnier unbedingt bis zum Ende bestreiten? Was geschah bei der dritten Aufgabe? Und vor allem—wer verbarg sich hinter Alastor Moodys Gesicht?

Mein Blick fiel auf das Pergament. Zum ersten Mal seit Beginn des Schuljahres hatte ich nicht mehr das Gefühl, blind durch einen dunklen Raum zu laufen. Wir hatten eine Spur. Und diesmal würde ich sie nicht verlieren.

Ich zog die Decke zurück und trat ans Fenster. Tief unten hinter den Glasscheiben lag der Schwarze See. Still. Dunkel. Harmlos. Fast hätte ich darüber gelacht. In Hogwarts war inzwischen überhaupt nichts mehr harmlos.

Meine Finger schlossen sich um den Vorhang. >>Wer bist du?<<, flüsterte ich in die Dunkelheit. Natürlich bekam ich keine Antwort. Noch nicht. Aber ich würde eine bekommen. Denn wenn der Mann, der sich Alastor Moody nannte, tatsächlich glaubte, er könne Harry Potter direkt vor meinen Augen in irgendeine Falle führen—dann hatte er einen entscheidenden Fehler gemacht.

Er hatte mich unterschätzt. Und das hatte vor ihm schon einmal jemand getan. Mein eigener Bruder. Ich hatte nicht vor, denselben Fehler zweimal zuzulassen.

***

Severus PoV

Potter log. Davon war Severus überzeugt. Zumindest hatte er es noch vor einer Stunde gewesen. Nun stand er in seiner privaten Vorratskammer und betrachtete die Regale mit einem Ausdruck, der jeden vernünftigen Schüler augenblicklich zur Flucht veranlasst hätte.

Baumschlangenhaut. Bicornhorn. Florfliegen.

Nicht genug, um seinen Unterricht ernsthaft zu beeinträchtigen. Mehr als genug, um ihn in ausgesprochen schlechte Laune zu versetzen. Severus zog eine kleine Schublade auf. Leer. Sein Kiefer spannte sich an. Er hasste es, wenn jemand seine Vorräte anfasste. Nein. Hass war möglicherweise noch eine Untertreibung.

Seine Zutaten waren katalogisiert, sortiert und teilweise über Jahre hinweg gesammelt worden. Einige davon waren selten. Andere empfindlich. Wieder andere so teuer, dass Severus jedem Schüler persönlich die Finger brechen würde, der auf die Idee kam, sie aus reiner Neugier anzufassen. Bildlich gesprochen. Meistens.

Und nun bediente sich seit Wochen jemand an seinen Beständen. Ohne Erlaubnis. Ohne auch nur den Anstand zu besitzen, die leeren Behälter zu ersetzen. Severus schlug die Schublade zu. Potter. Natürlich Potter. Wer sonst?

Der Junge hatte bereits in seinem zweiten Schuljahr bewiesen, dass fremdes Eigentum für ihn offenbar lediglich eine unverbindliche Empfehlung darstellte. Und heute hatte er ihn angesehen und mit bemerkenswerter Dreistigkeit behauptet, nichts mit dem Verschwinden der Zutaten zu tun zu haben.

Severus schnaubte. Potter besaß das Talent seines Vaters, sich in Schwierigkeiten zu bringen, und offenbar zusätzlich die Fähigkeit, dabei vollkommen unschuldig auszusehen. Eine äußerst ungünstige Kombination.

Er griff nach seiner Bestandsliste. Baumschlangenhaut. Pulverisiertes Bicornhorn. Florfliegen.

Sein Blick glitt weiter. Seltsam. Die Mengen waren gering. Unregelmäßig. Aber jemand kam wieder. Und wieder. Und wieder.

Severus legte das Pergament auf den Tisch. Das gefiel ihm nicht. Ein einmaliger Diebstahl war eine Sache. Wiederholte Einbrüche waren eine andere. Jemand wusste offenbar genau, wie man seine Schutzzauber umging.

Potter war vieles. Unvorsichtig. Überheblich. Katastrophal veranlagt. Aber Severus bezweifelte plötzlich, dass der Junge dazu in der Lage war, über Wochen hinweg unbemerkt in seine Vorratskammer einzudringen. Er verzog das Gesicht. Das bedeutete selbstverständlich nicht, dass Potter unschuldig war. Lediglich, dass Severus einen zweiten Verdächtigen brauchte. Der Gedanke verbesserte seine Laune keineswegs.

Er verließ die Vorratskammer und versiegelte die Tür erneut. Diesmal mit zwei zusätzlichen Zaubern. Sollte jemand noch einmal versuchen, dort einzudringen, würde Severus es erfahren. Und dann—

Seine Mundwinkel verzogen sich kalt. Dann würde das Gespräch erheblich unangenehmer verlaufen als jenes mit Potter.

Severus kehrte in sein Büro zurück. Auf seinem Schreibtisch lagen bereits die Aufsätze des vierten Jahrgangs. Mit einem leisen Seufzen setzte er sich. Thornblooms Pergament lag ganz oben. Natürlich.

Severus betrachtete es. Dann schob er es demonstrativ nach unten. Für derartige Prüfungen seiner geistigen Belastbarkeit war es heute zu spät. Sein Blick fiel stattdessen auf eine kleine Phiole, die am Rand des Schreibtisches stand. Ein Rest des Trankes aus der heutigen Unterrichtsstunde. Miss Stonefields Trank.

Severus nahm die Phiole zwischen zwei Finger. Selbst im schwachen Licht seines Büros besaß die Flüssigkeit exakt die vorgeschriebene Färbung. Keine Trübung. Keine Ablagerungen. Keine erkennbare Verunreinigung. Zwanzig Punkte.

Angesichts dessen, was Thornbloom seinem Haus regelmäßig kostete, waren sie bitter nötig gewesen. Severus hätte vermutlich damit beginnen sollen, Stonefield für jeden gelungenen Trank Punkte auf Vorrat zu geben. Dann hätte Slytherin wenigstens eine realistische Chance, Thornblooms weitere schulische Laufbahn finanziell zu überleben.

Ein kaum sichtbares Zucken ging durch seinen Mundwinkel. Miss Stonefield war außergewöhnlich begabt. Das hatte er längst akzeptiert. Was er noch immer nicht akzeptiert hatte, war die Frage, warum .

Keiner aus dem vierten Jahrgang braute auf diesem Niveau. Nicht ohne jahrelange Erfahrung. Nicht mit dieser Selbstverständlichkeit. Früher hätte Severus während der gesamten Stunde jede ihrer Bewegungen beobachtet. Heute hatte er es nicht getan. Bewusst. Eine Entscheidung, die ihm noch immer absurd vorkam. Geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen.

Albus. Natürlich. Severus stellte die Phiole wieder ab. Er hatte erwartet, dass Stonefield die Veränderung nicht bemerkte. Das war vermutlich naiv gewesen. Sie bemerkte beinahe alles. Mehrmals hatte er ihren Blick während der Stunde auf sich gespürt. Nicht ängstlich. Nicht einmal misstrauisch. Eher...verwundert.

Severus lehnte sich zurück. Großartig. Nun analysierte er bereits die Art, wie Miss Stonefield ihn ansah. Das war zweifellos genau die produktive Verwendung seiner Zeit, die er sich für diesen Abend vorgestellt hatte.

Er griff nach dem ersten Aufsatz. Nicht Thornbloom. Ein kleiner Erfolg. Doch noch bevor er die erste Zeile gelesen hatte, erinnerte er sich an etwas anderes. Die Bibliothek. Stonefield. Chadwick. Er hatte sie dort gesehen. Nur kurz.

Zwei Gestalten zwischen den Regalen, die sich ein wenig zu schnell zurückgezogen hatten, nachdem er Potter zur Rede gestellt hatte.

Severus ließ das Pergament sinken. Natürlich hatten sie gelauscht. Miss Chadwick besaß eine geradezu erschreckende Begabung dafür, sich zufällig dort aufzuhalten, wo sie nichts zu suchen hatte. Und Stonefield—

Severus' Augen wurden schmal. Sie hatte ihn in den vergangenen Tagen weniger beobachtet. Dafür beobachtete sie etwas anderes. Oder jemanden. Er kannte diesen Ausdruck inzwischen. Diese Konzentration. Die kleinen Momente, in denen sie mitten in einem Gespräch verstummte, weil ihre Gedanken längst an einem anderen Ort waren. Miss Stonefield verfolgte eine Spur. Die Frage war nur welche.

Severus stand auf. Sein erster Instinkt war unmittelbar und vertraut. Herausfinden. Beobachten. Wenn nötig folgen. Dann erklang eine unerwünschte Stimme in seinem Gedächtnis. Sie möchten, dass Lucinda Ihnen vertraut.

Severus schloss kurz die Augen. >>Verdammt, Albus.<<

Er setzte sich wieder. Vielleicht sollte er den Rat des Schulleiters schlicht ignorieren. Das wäre erheblich einfacher. Und vermutlich vernünftiger. Stonefield war eine Schülerin.

Eine außergewöhnlich rätselhafte Schülerin, die offenbar beschlossen hatte, sich in sämtliche gefährlichen Angelegenheiten dieses Schuljahres einzumischen. Wenn sie nun wieder irgendetwas untersuchte, konnte Severus kaum guten Gewissens wegsehen. Andererseits—

Sein Blick fiel erneut auf die kleine Phiole ihres Trankes. Heute hatte er ihr Raum gegeben. Und sie hatte ihn angesehen, als wäre ihr genau das aufgefallen. Severus schwieg lange. Vielleicht musste Vertrauen nicht bedeuten, dass er sämtliche Instinkte abschaltete. Vielleicht bedeutete es lediglich, nicht jedem einzelnen davon sofort nachzugeben. Ein Gedanke, der ihm ausgesprochen wenig gefiel.

Sein Blick wanderte zur verschlossenen Tür seines Büros. Irgendwo in diesem Schloss suchte Lucinda Stonefield gerade nach etwas. Severus war sich dessen sicher. Und irgendwo in diesem Schloss lief jemand herum, der sich regelmäßig an seinen persönlichen Vorräten bediente. Ob diese beiden Dinge miteinander zusammenhingen, wusste er nicht. Noch nicht.

Er nahm seinen Federkiel. Potter blieb verdächtig. Seine Vorratskammer würde ab sofort überwacht. Und Miss Stonefield—

Severus hielt inne. Dann tauchte er die Feder in die Tinte. Miss Stonefield würde er vorerst nicht folgen. Nicht, weil Albus es gesagt hatte. Selbstverständlich nicht. Sondern weil Severus beschlossen hatte, abzuwarten, ob sie irgendwann freiwillig zu ihm kam.

Er schrieb die erste Korrektur auf das Pergament. Nach wenigen Sekunden hielt seine Feder erneut inne. Der Gedanke war geradezu lächerlich. Lucinda Stonefield. Freiwillig. Mit einem Geheimnis. In seinem Büro.

Severus schnaubte. Unwahrscheinlich. Doch sollte es tatsächlich geschehen, würde er zuhören. Sein Blick wanderte ein letztes Mal zur Tür seiner Vorratskammer. Bis dahin hatte er ein anderes Problem. Jemand bestahl ihn. Und Severus Snape hatte noch nie besonders gut darauf reagiert, wenn jemand glaubte, ungestraft in seinen persönlichen Angelegenheiten herumwühlen zu können.

Beim nächsten Mal würde er vorbereitet sein. Und wer auch immer hinter diesen Einbrüchen steckte, würde früher oder später einen Fehler machen. Severus hatte Zeit. Er konnte warten. Zumindest versuchte er sich das einzureden.