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Strich durch die Rechnung

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Strich durch die Rechnung

Hallo, meine Lieben ;) Es geht heute wieder weiter. Zum Abschluss des schönen langen Wochenendes ;) Ich wünsche euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel. Morgen geht es wieder weiter. Habt einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße,

eure Melody

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42

Strich durch die Rechnung

Lucinda PoV

Es war erstaunlich schwierig, die Identität eines Menschen herauszufinden, wenn man nicht wusste, nach wem man suchte. >>Das ist vollkommen sinnlos.<<

Ruby hob den Blick von ihrem Buch. >>Wir machen das seit ungefähr zwanzig Minuten.<<

>>Eben.<<

Sie hob eine Augenbraue. >>Und deshalb ist es sinnlos?<<

>>Wir haben nach zwanzig Minuten noch keine Antwort.<<

>>Manche Rätsel benötigen länger als zwanzig Minuten, Lucinda.<<

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. >>Schlechte Rätsel.<<

Ruby verdrehte die Augen. Seit wir die fehlenden Zutaten aus Professor Snapes Vorratskammer dem Vielsafttrank zugeordnet hatten, waren zwei Tage vergangen. Zwei ausgesprochen unproduktive Tage.

Wir hatten Bücher über Identitätsmagie gewälzt. Berichte über Vielsafttrank gelesen. Uns mit bekannten Fällen magischer Hochstapelei beschäftigt. Und trotzdem wussten wir nicht mehr als zuvor.

Der Mann, der sich in Hogwarts als Alastor Moody ausgab, war möglicherweise nicht Alastor Moody. Eine erschreckende Erkenntnis. Und gleichzeitig vollkommen nutzlos, solange wir nicht wussten, wer er stattdessen war.

Ich betrachtete unsere Notizen. >>Wir müssen anders anfangen.<<

Ruby legte die Feder hin. >>Das sagst du jetzt zum dritten Mal.<<

>>Diesmal meine ich es.<<

>>Die anderen beiden Male nicht?<<

Ich ignorierte sie. >>Warum Moody?<<

Ruby runzelte die Stirn. >>Was?<<

>>Wir fragen die ganze Zeit, wer sich hinter seinem Gesicht verbirgt. Aber vielleicht müssen wir zuerst herausfinden, warum jemand ausgerechnet ihn gewählt hat.<< Ich stand auf und begann, zwischen den Bücherregalen auf und ab zu gehen. >>Alastor Moody ist berühmt. <<

>>Und paranoid.<<, fügte Ruby hinzu.

>>Ehemaliger Auror.<<

>>Sehr erfahrener ehemaliger Auror.<<

>>Dumbledore vertraut ihm.<<

Ruby wurde nachdenklich. >>Und niemand wundert sich, wenn er sich merkwürdig verhält.<<

Ich blieb stehen. Genau. Bei jedem anderen Professor hätte die Hälfte von Moodys Verhalten Fragen aufgeworfen. Bei ihm? Das ist eben Moody.

Misstrauisch. Exzentrisch. Unberechenbar. Das perfekte Gesicht für jemanden, der nicht auffallen wollte. >>Und er unterrichtet Harry.<<, sagte ich.

Ruby sah mich an. >>Alle Lehrer unterrichten Harry.<<

>>Aber nicht alle Lehrer haben sich derart aktiv in das Turnier eingemischt.<< Ich ging zurück zum Tisch. >>Neville. Das Dianthuskraut. Seine Warnungen. Seine ständige Aufmerksamkeit.<<

>>Das wissen wir bereits.<<

>>Ja. Aber vielleicht ist das der Grund.<< Ich nahm die Feder und zog einen Kreis um Harrys Namen. >>Vielleicht wollte unser Verschwörer niemals Moody sein.<<

Ruby blickte auf das Pergament. >>Sondern?<<

>>Er brauchte ein Gesicht, mit dem er Harry nahekommen konnte.<<

Stille. Ruby verschränkte die Arme. >>Das gefällt mir nicht.<<

>>Mir auch nicht.<<

>>Und wir wissen immer noch nicht, warum Harry unbedingt an diesem Turnier teilnehmen soll.<<

Mein Blick fiel auf den Namen. Harry Potter. Mein rechtes Handgelenk begann beinahe schon aus Gewohnheit zu kribbeln. Tom. Bald.

>>Nein.<<, sagte ich leise. >>Aber ich fürchte, wir werden es erfahren.<<

***

Severus PoV

Jemand bestahl ihn noch immer. Das allein genügte, um Severus Snapes Stimmung nachhaltig zu ruinieren. Dass Potter weiterhin mit einer geradezu beleidigenden Beharrlichkeit behauptete, unschuldig zu sein, verbesserte die Angelegenheit keineswegs.

Severus stand vor seiner Vorratskammer und überprüfte zum dritten Mal die zusätzlichen Schutzzauber. Unverändert. Seit seinem letzten Besuch hatte niemand versucht, sie zu umgehen. Bedauerlich. Er hätte den Täter inzwischen ausgesprochen gerne persönlich kennengelernt.

Sein Blick fiel auf die Bestandsliste. Potter blieb sein Hauptverdächtiger. Allerdings—

Severus verzog das Gesicht. Er mochte allerdings nicht. Allerdings gab es Probleme mit dieser Theorie. Der Junge war nicht annähernd geschickt genug, um über Wochen hinweg unbemerkt in diese Kammer einzudringen. Granger vielleicht. Potter nicht. Und sollte Granger tatsächlich dahinterstecken, stellte sich die Frage, weshalb. Im zweiten Schuljahr hatte es wenigstens einen konkreten Anlass gegeben. Jetzt?

Severus legte das Pergament beiseite. Ein Geräusch auf dem Korridor ließ ihn aufblicken. Gedämpfte Stimmen. Zwei. Weiblich.

Er trat aus der Vorratskammer. Am Ende des Ganges verschwanden gerade zwei Gestalten um die Ecke. Blondes Haar. Dunkles Haar. Natürlich. Chadwick und Stonefield.

Severus schloss die Augen. Nur kurz. Miss Stonefield hatte offenbar beschlossen, dass ein beinahe tödlicher Ausflug in den Schwarzen See noch nicht ausreichend Beschäftigung für ein Schuljahr darstellte.

Er versiegelte die Vorratskammer und folgte ihnen. Nicht auffällig. Selbstverständlich nicht. Er wollte lediglich wissen, weshalb zwei Schülerinnen sich während ihrer Freizeit in diesem Teil der Kerker herumtrieben. Das war Aufsicht. Verantwortungsbewusstsein. Seine Pflicht als Professor. Keinesfalls Misstrauen.

Severus bog um die Ecke. Weiter vorne sah er Stonefields dunkles Haar verschwinden. Er beschleunigte seine Schritte. Dann erklang eine Stimme in seinem Kopf. Wenn Sie Lucindas Vertrauen gewinnen möchten, dann geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen.

Severus ging weiter. Drei Schritte. Vier.

Vertrauen, Severus, ist selten eine Belohnung für besonders gründliche Beobachtung.

Er blieb stehen. Verdammt. Severus starrte den leeren Korridor entlang. Er könnte ihnen folgen. Sie würden es nicht bemerken. Chadwick war aufmerksam, aber nicht aufmerksam genug. Stonefield—Gut. Stonefield möglicherweise schon.

Das war irrelevant. Er war ihr Professor. Wenn sie etwas Gefährliches plante, hatte er jedes Recht zu erfahren, was es war. Mehr noch. Er hatte die Pflicht dazu. Also—

Severus setzte einen Fuß nach vorne. Und blieb erneut stehen. Das war lächerlich. Er führte inzwischen innere Diskussionen darüber, ob er einer Fünfzehnjährigen durch einen Korridor folgen durfte. Albus würde sich köstlich amüsieren. Allein deshalb sollte Severus weitergehen.

Sein Blick blieb auf der Ecke liegen, hinter der die beiden verschwunden waren. Stonefield hatte etwas entdeckt. Dessen war er sich sicher. Seit seinem Gespräch mit Potter war ihre Aufmerksamkeit geschärft. Sie und Chadwick tuschelten. Verschwanden in der Bibliothek. Führten Listen. Und nun schlichen sie durch die Kerker. Severus wollte wissen, warum.

Sie möchten, dass Lucinda Ihnen vertraut.

>>Ich möchte Antworten<<, murmelte er.

Keine Reaktion. Natürlich nicht. Dumbledore war glücklicherweise nicht tatsächlich anwesend. Severus stand noch einige Sekunden dort. Dann wandte er sich um. >>Vollkommen absurd.<<

Er ging zurück. Nicht, weil Albus recht hatte. Ganz sicher nicht. Er hatte lediglich beschlossen, Stonefield die Gelegenheit zu geben, ihren eigenen Fehler zu machen. Und sollte sie tatsächlich in Gefahr geraten—

Severus' Gesicht verfinsterte sich. Dann würde das Experiment mit dem Vertrauen unverzüglich beendet.

***

Ruby PoV

>>Er verfolgt uns nicht mehr.<<

Lucinda blieb stehen. >>Wer?<<

Ich sah über ihre Schulter. Der Korridor hinter uns war leer. >>Snape.<<

Ihre Stirn legte sich in Falten. >>Professor Snape hat uns verfolgt?<<

>>Ich glaube schon.<<

>>Und das sagst du jetzt?<<

>>Er ist umgedreht.<<

Lucinda sah zurück. Für einen Moment sagte sie nichts. Dann erschien etwas Merkwürdiges in ihrem Gesicht. Kein Misstrauen. Eher Nachdenklichkeit. >>Interessant.<<

Ich horchte auf. >>Was?<<

>>Nichts.<<

>>Du klingst neuerdings erstaunlich häufig wie ich.<<

Sie ignorierte mich und setzte ihren Weg fort. Unser Ziel war nicht besonders spektakulär. Die Bibliothek. Schon wieder. Allerdings wollten wir diesmal keine Trankbücher. Wir wollten Informationen über Alastor Moody.

Seine Vergangenheit. Seine bekannten Feinde. Todesser, die er gefangen hatte. Menschen, die einen Grund haben könnten, sein Gesicht zu stehlen. Die Liste war erwartungsgemäß lang. Sehr lang.

>>Der Mann hat sich offenbar Mühe gegeben, möglichst viele Menschen gegen sich aufzubringen.<<, murmelte Lucinda.

>>Das erinnert mich an jemanden.<<

Sie hob den Kopf. >>An wen?<<

>>Niemanden.<<

Ihr Blick wurde schmal. Ich lächelte unschuldig. Wir erreichten gerade die Eingangshalle, als draußen plötzlich Rufe erklangen. Lucinda blieb stehen. Ich ebenfalls. >>Was war das?<<

Noch ein Ruf. Dann Schritte. Wir sahen uns an. Und liefen los.

***

Lucinda PoV

Der Mann taumelte. Das war das Erste, was ich sah. Eine Gestalt bewegte sich über das Gelände, als müsste sie bei jedem Schritt neu überlegen, wie Beine funktionierten. Seine Kleidung war schmutzig. Das Haar ungepflegt. Sein Gesicht bleich.

>>Ist das—<< Ruby brach ab.

Ich erkannte ihn. >>Bartemius Crouch.<<

Was bei Merlin machte der Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit in diesem Zustand auf dem Gelände von Hogwarts? Wir liefen auf ihn zu. Crouch bemerkte uns zunächst nicht. Seine Lippen bewegten sich.

>>Mr Crouch?<<

Sein Kopf schnellte hoch. Seine Augen waren weit aufgerissen. >>Dumbledore.<<

Ich blieb wenige Schritte vor ihm stehen. >>Was?<<

>>Dumbledore... muss... Dumbledore sehen.<< Seine Stimme klang heiser.

Ruby trat neben mich. >>Wir holen ihn.<<

Crouch griff plötzlich nach meinem Arm. Ich zuckte zusammen. Seine Finger waren eiskalt. >>Nein... keine Zeit.<<

>>Mr Crouch—<<

>>Muss ihm sagen... alles...<< Sein Blick wanderte hektisch über das Gelände. >>Er weiß nicht... mein Fehler... mein Sohn...<<

Ich erstarrte. >>Ihr Sohn?<<

Crouchs Gesicht verzerrte sich. >>Mein Sohn...<<

Ruby und ich sahen uns an. Bartemius Crouch Junior war tot. Zumindest offiziell. Er war nach seiner Verurteilung in Askaban gestorben. Was hatte das mit irgendetwas zu tun?

>>Was ist mit Ihrem Sohn?<<, fragte ich.

Crouch schloss die Augen. Sein Griff um meinen Arm wurde fester. >>Ich habe... ich musste... Bertha... der Dunkle Lord...<<

Mein Herz blieb beinahe stehen. >>Was haben Sie gesagt?<<

Seine Augen öffneten sich. Für einen Moment wirkten sie vollkommen klar. >>Dumbledore.<<

Tom. Er wusste etwas über Tom. >>Ruby.<<

Sie verstand sofort. >>Ich hole ihn.<< Sie drehte sich um.

>>Warte.<<

Crouch zuckte plötzlich zusammen. Sein Blick ging an mir vorbei. Ich folgte ihm. Eine Gestalt kam über das Gelände auf uns zu. Hinkend. Stock. Magisches Auge. Moody.

Crouch wurde kreidebleich. Nicht blass. Nicht nervös. Angst. Reine, unverfälschte Angst. Seine Finger gruben sich in meinen Arm. >>Nein.<<

Das Wort war kaum mehr als ein Hauch. Mein Blick schnellte zu ihm. >>Mr Crouch?<<

Er wich zurück. >>Nein...<<

Moody kam näher. >>Was ist denn hier los?<<

Seine Stimme klang so wie immer. Rau. Misstrauisch. Doch Crouch starrte ihn an, als stünde Tom persönlich vor ihm. Mein gesamter Körper spannte sich an. Vielsafttrank.

>>Ruby.<< Diesmal brauchte ich nichts weiter zu sagen.

Sie sah Moody. Dann Crouch. Und verstand. >>Ich hole Dumbledore.<<

Sie lief. Moody sah ihr nach. Sein magisches Auge drehte sich. Dann blieb es auf mir liegen. >>Stonefield.<<

>>Professor.<< Ich stellte mich unauffällig zwischen ihn und Crouch.

Moodys Mundwinkel verzog sich. >>Was macht Crouch hier?<<

>>Er möchte Professor Dumbledore sprechen.<<

>>Das sehe ich.<< Sein Blick wanderte an mir vorbei.

Crouch murmelte etwas. >>Mein Sohn...<<

Moodys Gesicht veränderte sich nicht. Nicht sichtbar. Aber irgendetwas—

Etwas war da. Für den Bruchteil einer Sekunde. >>Sie sollten zum Schloss gehen, Stonefield.<<

>>Ich bleibe hier.<<

>>Das war keine Bitte.<<

Meine Hand wanderte zum Zauberstab. >>Und ich habe nicht vor, Mr Crouch allein zu lassen.<<

Das magische Auge fixierte mich. >>Misstrauisch.<<

>>Man lernt dazu.<<

Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über sein Gesicht. Dann hörte ich Schritte. Mehrere Schüler kamen vom Schloss herüber. Moody sah in ihre Richtung. Crouch riss plötzlich seinen Arm aus meiner Reichweite. >>Nein!<<

Er taumelte davon. >>Mr Crouch!<< Ich folgte ihm. Er bewegte sich auf den Waldrand zu. >>Bleiben Sie stehen!<<

Ein paar Schüler kamen näher. Jemand rief meinen Namen. Ich drehte mich nur einen Augenblick um. Ein einziger. Als ich wieder nach vorne sah— Crouch war verschwunden.

Ich blieb stehen. >>Was zum—<< Ich rannte zum Waldrand. Nichts. >>Mr Crouch!<< Keine Antwort.

Hinter mir erklang Moodys Stock auf dem Boden. Klack. Klack. Klack. >>Wo ist er?<<

Ich drehte mich um. >>Gerade war er noch hier.<<

Moody sah in den Wald. >>Dann ist er wohl hineingelaufen.<<

Ich starrte ihn an. >>In seinem Zustand?<<

>>Offenbar.<<

Nein. Etwas stimmte nicht. Überhaupt nicht. Ruby kam in diesem Moment über das Gelände zurück. Neben ihr Dumbledore. Zu spät.

***

Ruby PoV

Wir suchten beinahe eine Stunde. Dumbledore. Professor McGonagall. Hagrid. Mehrere Lehrer. Lucinda und ich. Moody. Von Bartemius Crouch fehlte jede Spur. Je länger wir suchten, desto stiller wurde Lucinda. Und je stiller Lucinda wurde, desto mehr Sorgen machte ich mir.

Schließlich befahl Dumbledore uns, ins Schloss zurückzukehren. Lucinda widersprach. Natürlich. >>Er kann nicht weit gekommen sein.<<

>>Lucinda.<< Dumbledores Stimme war ruhig. >>Wir werden weitersuchen.<<

>>Er wusste etwas.<<

Dumbledores Blick wurde aufmerksam. >>Was hat er gesagt?<<

Lucinda zögerte. Ihr Blick wanderte zu Moody. Nur kurz. Aber ich bemerkte es. >>Er wollte Sie sprechen.<< Mehr sagte sie nicht. Gut. Sehr gut.

Dumbledore bemerkte vermutlich trotzdem, dass sie etwas verschwieg. Aber er fragte nicht nach. >>Geht ins Schloss.<<

Diesmal folgten wir. Wir sprachen kein Wort, bis wir in einem verlassenen Klassenzimmer angekommen waren. Lucinda schloss die Tür. Versiegelte sie. Dann drehte sie sich zu mir um. >>Er hatte Angst vor ihm.<<

>>Ich weiß.<<

>>Nicht vor Moody.<< Ich schluckte. >>Vor dem Mann, der aussieht wie Moody.<< Lucinda ging zum Tisch. >>Crouch wusste, wer er ist.<<

>>Das wissen wir nicht.<<

>>Ruby.<<

>>Ich weiß.<< Ich setzte mich. >>Ich versuche nur, nicht dieselben Schlüsse zu ziehen wie du.<<

>>Und?<<

>>Funktioniert nicht besonders gut.<<

Lucinda zog Pergament hervor. Die alte Liste. Vielsafttrank. Moody. Harry. Sie legte sie auf den Tisch. Dann schrieb sie einen weiteren Namen darunter.

Bartemius Crouch

>>Er hat seinen Sohn erwähnt.<<

Ich betrachtete die Worte. >>Sein Sohn ist tot.<<

>>Sollte er sein.<<

Mein Blick schnellte zu ihr. >>Lucinda.<<

>>Ich sage nicht, dass er lebt.<<

>>Du denkst es aber.<<

>>Ich denke gar nichts mehr.<< Sie fuhr sich durch die Haare. >>Crouch taucht völlig verwirrt in Hogwarts auf. Er verlangt Dumbledore. Er spricht von seinem Sohn. Von Bertha. Vom Dunklen Lord. Dann sieht er Moody und bekommt Todesangst.<< Sie tippte auf das Pergament. >>Und wenige Minuten später verschwindet er.<< Ich schwieg. >>Das ist kein Zufall.<<

>>Nein.<< Zum ersten Mal widersprach ich ihr nicht.

Lucinda schrieb einen zweiten Namen.

Alastor Moody

Sie setzte ein großes Fragezeichen zwischen beide. >>Was verbindet sie?<<

Ich betrachtete das Pergament. >>Vielleicht nichts.<< Lucinda hob den Kopf. Ich seufzte. >>Gut. Das glaube ich selbst nicht.<<

Sie lehnte sich zurück. >>Wir hatten ihn, Ruby.<<

>>Wen?<<

>>Den ersten Menschen, der uns vielleicht hätte sagen können, was hier passiert.<< Ihre Stimme wurde bitter. >>Und jetzt ist er weg.<<

Da war er. Der Strich durch unsere Rechnung. Wir waren dem falschen Moody endlich nähergekommen. Wir hatten eine Theorie. Eine Spur. Und dann war ein Mann aufgetaucht, der möglicherweise die Antworten besaß. Nur um unmittelbar darauf zu verschwinden.

>>Wir finden ihn.<<, sagte ich.

Lucinda sah mich an. >>Crouch?<<

>>Die Wahrheit.<<

Sie schwieg. Dann nickte sie. Doch ich wusste, dass sie dasselbe dachte wie ich. Vielleicht würden wir Bartemius Crouch nicht mehr lebend finden.

***

Severus PoV

Severus wusste, dass etwas geschehen war, noch bevor Minerva ihn informierte. Das Schloss besaß eine besondere Art von Unruhe, wenn Dumbledore besorgt war. Bartemius Crouch war auf dem Gelände aufgetaucht. Verwirrt. Offenbar kaum bei Sinnen. Und anschließend verschwunden.

Severus gefiel nichts daran. Noch weniger gefiel ihm, was er später sah. Stonefield und Chadwick. Wieder gemeinsam. Wieder mit diesem Ausdruck. Sie bewegten sich durch einen Korridor im zweiten Stock und sprachen gedämpft miteinander. Stonefield hielt ein Pergament in der Hand. Chadwick sagte etwas. Stonefield blieb abrupt stehen.

Severus befand sich weit genug entfernt, um kein Wort zu verstehen. Nah genug, um zu erkennen, dass beide angespannt waren. Sein erster Instinkt war derselbe wie immer. Folgen. Er setzte sich in Bewegung. Stonefield und Chadwick verschwanden um eine Ecke. Severus folgte. Dann blieb er stehen. Schon wieder.

>>Das wird langsam lächerlich.<<, murmelte er.

Geben Sie ihr einen Grund, Ihnen zu vertrauen.

Albus' Stimme war inzwischen zu einem ausgesprochen lästigen Bewohner seines Gedächtnisses geworden. Severus sah den Korridor entlang. Crouch verschwand. Seine Vorräte wurden gestohlen. Potter log entweder ausgesprochen überzeugend oder war tatsächlich unschuldig. Und Lucinda Stonefield hatte offensichtlich etwas entdeckt. Alles in ihm verlangte danach, herauszufinden, was. Sofort.

Doch diesmal kam ein weiterer Gedanke hinzu. Stonefield hatte ihn am Waldrand angesehen. Überrascht. Weil er nicht gefragt hatte. Im Unterricht hatte sie seine veränderte Aufmerksamkeit bemerkt. Und heute—

Severus erinnerte sich daran, wie sie und Chadwick nach seinem Gespräch mit Potter aus der Bibliothek verschwunden waren. Vielleicht hatte das alles miteinander zu tun. Vielleicht nicht.

Er könnte sie verfolgen. Sie belauschen. Ihre Notizen lesen. Wahrscheinlich würde er innerhalb einer Stunde mehr wissen. Und anschließend? Wenn Stonefield es bemerkte, wäre er wieder dort, wo er angefangen hatte. Ein Mann, der Antworten verlangte, ohne selbst einen Grund für Vertrauen zu liefern.

Severus' Kiefer spannte sich an. Er hasste es, wenn Albus recht hatte. Vor allem hasste er es, wenn Albus recht hatte, ohne anwesend zu sein.

Er wandte sich um. Drei Schritte. Dann blieb er erneut stehen. Verdammt. Was, wenn Stonefield tatsächlich in Gefahr war? Was, wenn Crouchs Verschwinden mit dem zusammenhing, was sie untersuchte?

Severus blickte zurück. Leer. Die beiden waren längst fort. Er musste eine Grenze ziehen. Vertrauen bedeutete nicht Blindheit. Und Freiraum bedeutete nicht, dass er zulassen würde, dass Lucinda sich erneut kopfüber in eine lebensgefährliche Situation stürzte. Der See hatte dafür gereicht. Mehr als gereicht.

Also würde er nicht folgen. Noch nicht. Aber er würde aufmerksam bleiben. Und wenn Miss Stonefield auch nur den geringsten Eindruck erweckte, erneut ihr eigenes Leben für irgendeine Spur aufs Spiel setzen zu wollen—

Albus' pädagogische Experimente hin oder her. Dann würde Severus eingreifen. Ohne Diskussion.

***

Lucinda PoV

Bartemius Crouch blieb verschwunden. Auch am nächsten Morgen. Dumbledore ließ das Gelände absuchen. Hagrid durchkämmte Teile des Waldes. Professor McGonagall stellte Fragen. Niemand fand ihn. Ich wusste nicht, was schlimmer war. Dass wir nicht wussten, wo er war. Oder dass ich tief in meinem Inneren glaubte, die Antwort längst zu kennen.

Jemand hatte ihn zum Schweigen gebracht. Vielleicht war er noch am Leben. Ich wollte es glauben. Aber ich hatte gesehen, wie er Moody angesehen hatte. Ich hatte seine Angst gespürt. Und ich wusste inzwischen, wozu Menschen fähig waren, wenn ihre Geheimnisse bedroht wurden.

Ruby und ich saßen am Abend erneut über unseren Notizen. Dieses Mal redeten wir kaum. Auf dem Pergament standen dieselben Namen.

Harry Potter

Alastor Moody

Bartemius Crouch

Und etwas abseits:

Bartemius Crouch Junior – tot

Ich betrachtete den letzten Eintrag.

>>Wir wissen nicht, ob das wichtig ist.<<, sagte Ruby.

>>Nein.<<

>>Crouch war verwirrt.<<, rief sie mir ins Gedächtnis.

>>Ja.<<

>>Er könnte seinen Sohn aus Schuldgefühlen erwähnt haben.<<

>>Könnte er.<<

Ruby seufzte. >>Du glaubst kein Wort von dem, was ich sage.<<

Ich sah sie an. >>Doch. Ich glaube nur nicht, dass es Zufall ist.<< Mein Finger wanderte zu Moodys Namen. >>Und ich glaube nicht mehr an dieses Gesicht.<<

Ruby schwieg. Ich zog ein frisches Pergament heran. Oben schrieb ich:

Wer ist Alastor Moody?

Dann hielt ich inne. Nein. Falsche Frage. Ich strich den Satz durch. Darunter schrieb ich:

Wer trägt Alastor Moodys Gesicht?

Ruby las es. >>Das klingt erheblich beunruhigender.<<

>>Weil es die richtige Frage ist.<<

Mein Blick wanderte zum Fenster. Draußen lag Hogwarts friedlich in der Dunkelheit. Die dritte Aufgabe rückte näher. Tom rückte näher. Und irgendwo in diesem Schloss bewegte sich ein Mann durch die Korridore, dessen Gesicht möglicherweise überhaupt nicht ihm gehörte.

Ein Mann, der Harry seit Monaten beobachtete. Der ihn von Aufgabe zu Aufgabe führte. Und der womöglich gerade dafür gesorgt hatte, dass Bartemius Crouch nie erzählen konnte, was er wusste.

Ich dachte an Crouchs letzte zusammenhängenden Worte. Mein Sohn.

Dann an seine Todesangst beim Anblick Moodys. Mein Herz schlug schneller. Da war etwas. Eine Verbindung. Direkt vor uns. Ich konnte sie beinahe greifen. Aber noch fehlte ein Teil. Ein einziges verdammtes Teil.

Und inzwischen war mir klar, dass unser Gegner nicht einfach abwarten würde, bis wir es fanden. Wir waren ihm zu nahe gekommen. Bartemius Crouch hätte uns vielleicht die Wahrheit sagen können. Jetzt war er verschwunden. Ein Strich durch unsere Rechnung.

Doch während ich auf Moodys Namen blickte, fasste ich einen Entschluss. Wenn jemand glaubte, uns damit von seiner Spur abgebracht zu haben, irrte er sich. Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal wusste ich, dass wir dort suchen mussten, wo es gefährlich wurde.

Denn Menschen beseitigten keine Spuren, die zu nichts führten. Und wer auch immer sich hinter Alastor Moodys falschem Gesicht verbarg—er hatte gerade bewiesen, dass wir auf der richtigen waren.

Ruby betrachtete mich noch einen Moment. Dann schob sie die Pergamente zusammen. >>Für heute reicht es.<<

Ich hob den Kopf. >>Wie bitte?<<

>>Du hast mich verstanden.<<

Ich deutete vielsagend auf unsere Informationen. >>Wir sind gerade endlich einen Schritt weiter.<<

>>Und genau deshalb wirst du jetzt nicht bis zum Morgengrauen über diesen Pergamenten sitzen.<<

>>Ich verschränkte die Arme.

>>Ruby—<<, setzte ich an, doch sie schüttelte den Kopf.

>>Nein.<<

>>Wir könnten noch die Verbindung zwischen Crouch und Moody—<<

Erneut fuhr sie mir ins Wort. >>Morgen.<<

>>Oder zumindest noch einmal nach seinem Sohn—<<

>>Morgen.<<

Ich funkelte sie an. >>Du bist unerträglich.<<

>>Und du bist müde.<<

>>Bin ich nicht.<< Ruby sah mich an. Ich schwieg. >>Gut.<<, murmelte ich.

Sie lächelte zufrieden. >>Das ging erstaunlich schnell.<<

>>Freu dich nicht zu früh.<< Ich stand auf und griff nach meinem Umhang.

Ruby nahm mir das Pergament mit unseren wichtigsten Notizen aus der Hand. >>Das bleibt bei mir.<<

Ich starrte sie an. >>Warum?<<

>>Damit du es nicht im Bett weiterliest.<<

>>Ich hätte das niemals getan.<< Ruby hob eine Augenbraue. >>Du kennst mich erschreckend schlecht.<<

>>Lucinda.<<

Ich seufzte. >>Na schön.<<

Wir verließen gemeinsam das Klassenzimmer. An der nächsten Treppe trennten sich unsere Wege. Ruby musste hinauf zum Ravenclaw-Turm. Ich hinunter zu den Kerkern. >>Schlafen<<, sagte sie noch einmal.

>>Ja, Mutter.<<

>>Ich meine es ernst.<<

>>Das tust du bedauerlicherweise häufig.<<

Ruby grinste. >>Gute Nacht.<<

>>Gute Nacht.<<

Dann ging sie. Ich blieb noch einen Moment stehen. Das Lächeln verschwand. Sobald ich allein war, kamen die Gedanken zurück. Crouch. Sein Gesicht. Seine Angst. Seine Hand an meinem Arm. Dumbledore... muss Dumbledore sehen.

Ich setzte meinen Weg fort. Meine Schritte hallten über die steinernen Treppen. Je näher ich den Kerkern kam, desto stiller wurde Hogwarts. Normalerweise mochte ich diese Ruhe. Heute nicht. Heute gab sie meinen Gedanken zu viel Raum.

Ich hätte Crouch nicht aus den Augen lassen dürfen. Der Gedanke kam sofort. Scharf. Unangenehm. Ich wusste, dass er nicht ganz fair war. Ruby war Hilfe holen gegangen. Ich war bei ihm geblieben. Ich hatte versucht, ihn zu schützen. Und trotzdem war er verschwunden. Direkt vor meinen Augen.

Ich ballte eine Hand zur Faust. Wenn ihm etwas zugestoßen war—

Wenn er tot war—Dann hatte ich wieder jemanden nicht retten können.

Mein Schritt verlangsamte sich. Nein. Ich durfte so nicht denken. Crouch war erwachsen. Ich hatte nicht wissen können, was geschehen würde. Ich war nicht für alles verantwortlich. Hagrid hatte mir das bereits gesagt. Ruby ebenfalls. Dumbledore vermutlich hundertmal. Und dennoch machte das Schuldgefühl keinen Unterschied zwischen Vernunft und Wahrheit. Es war einfach da. Wie immer.

Ich blieb mitten im Korridor stehen. Für einen Moment sah ich nicht die Kerker. Sondern andere Orte. Andere Gesichter. Andere Menschen, denen ich nicht hatte helfen können. Myrte. Die Opfer meines Bruders. Und irgendwo dazwischen immer wieder Tom selbst.

Vielleicht war das mein größtes Problem. Ich wollte jeden retten. Als könnte ich damit irgendwann ausgleichen, was mein Bruder der Welt genommen hatte. Was er mir genommen hatte.

Ich schloss kurz die Augen. >>Nicht jetzt<<, flüsterte ich.

Ich musste klar denken. Mehr denn je. Unser Gegner wusste möglicherweise bereits, dass wir ihm gefährlich nahe kamen. Also durfte ich mir keinen einzigen Fehler erlauben.

Ich atmete langsam aus. Richtete die Schultern. Mein Gesicht wurde ruhig. Leer. Kontrolliert. Lucinda Stonefield. Fünfzehn Jahre. Slytherin. Keine Ahnung von Vielsafttrank. Keine Ahnung von falschen Identitäten. Keine Ahnung von Crouchs möglichen Geheimnissen. Perfekt.

Ich öffnete die Augen. Klack. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Klack. Klack. Ein Holzbein. Natürlich.

Professor Moody kam aus einem Seitengang. Sein normales Auge lag sofort auf mir. Das magische drehte sich unablässig. Ich zwang mich, nicht zu reagieren.

>>Stonefield.<<

>>Professor.<<

Er blieb einige Schritte vor mir stehen. >>Spät unterwegs.<<

>>Ich war in der Bibliothek.<<

>>Mit Chadwick?<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Sie interessieren sich erstaunlich für meinen Tagesablauf.<<

Moodys Mund verzog sich. >>Ich interessiere mich für viele Dinge.<<

>>Das ist mir aufgefallen.<<

Sein magisches Auge blieb für einen Moment auf mir stehen. Ich widerstand dem Impuls, meine Hand zum Zauberstab wandern zu lassen. Nicht jetzt. Keine unnötige Bewegung. Keine Unsicherheit.

>>Sie haben Crouch gesehen.<< Da war es. Sofort.

Ich ließ mir nichts anmerken. >>Viele haben ihn gesehen.<<

>>Aber nicht viele haben mit ihm gesprochen.<<

>>Gesprochen ist großzügig formuliert.<<

Moody kam einen Schritt näher. >>Was hat er gesagt?<<

Mein Herz schlug schneller. Mein Gesicht blieb unbewegt. >>Er wollte Professor Dumbledore sprechen.<<

>>Sonst nichts?<<

>>Er war verwirrt.<<

>>Verwirrte Menschen sagen manchmal erstaunlich interessante Dinge.<<

Ich zuckte leicht mit den Schultern. >>Dann habe ich offenbar das Pech gehabt, nichts davon zu verstehen.<<

Sein Blick wurde schärfer. >>Sie erinnern sich an gar nichts?<<

>>Nicht an etwas, das Ihnen weiterhelfen würde.<< Vielleicht zu scharf. Ich korrigierte meinen Ton sofort. Neutral. Desinteressiert.

Moody betrachtete mich lange. >>Sie haben ein erstaunlich selektives Gedächtnis.<<

>>Das erleichtert das Leben.<<

>>Manchmal.<<  Noch ein Schritt. Jetzt stand er zu nah. Ich bewegte mich trotzdem nicht. >>Sie stellen viele Fragen, Stonefield.<<

>>Tue ich das?<<

>>Mehr als gesund ist.<<

Da war sie wieder. Diese Art Satz. Harmlos genug, dass man ihn jederzeit als Rat verkaufen konnte. Bedrohlich genug, dass ich genau verstand, was gemeint war. Ich lächelte schwach. >>Professor, Sie sollten sich entscheiden. Erst sagen Sie mir, Misstrauen sei gesund. Jetzt sind Fragen plötzlich gefährlich.<<

Ein kurzes Zucken ging durch sein Gesicht. >>Misstrauen hält Menschen am Leben.<< Seine Stimme wurde leiser. >>Neugier nicht immer.<<

Mein Rücken wurde kalt. Ich zwang mich, weiterhin ruhig zu atmen. >>Dann werde ich versuchen, künftig weniger neugierig zu wirken.<<

>>Das wäre klug.<< Sein magisches Auge fixierte mich. >>Manche Dinge gehen Schüler nichts an.<<

>>Das trifft vermutlich auf sehr vieles in Hogwarts zu.<<

>>Bleiben Sie dabei.<<

Ich hob leicht das Kinn. >>Wobei?<<

>>Bei Dingen, die Sie etwas angehen.<<

Keine offene Drohung. Aber dicht genug daran. Er wusste, dass ich suchte. Vielleicht nicht, wie viel wir bereits wussten. Vielleicht nicht, dass Ruby ihn beim Einbruch gesehen hatte. Doch er wusste genug. Und genau deshalb durfte ich jetzt nichts falsch machen.

>>Dann können Sie beruhigt sein.<< Meine Stimme blieb vollkommen gleichmäßig. >>Ich habe derzeit genügend eigene Probleme.<<

Moody starrte mich an. Ich hielt stand. Dann erklang hinter ihm eine Stimme. Kalt. Scharf. >>Professor Moody.<<

Moodys Kopf drehte sich. Meiner ebenfalls. Professor Snape stand einige Meter entfernt im Korridor. Schwarze Roben. Unbewegtes Gesicht. Doch sein Blick gefiel mir deutlich besser als Moodys.

Er kam näher. >>Gibt es einen besonderen Grund, weshalb Sie eine Schülerin meines Hauses zu dieser Stunde in einem verlassenen Korridor verhören?<<

Moodys Mundwinkel zuckte. >>Wir unterhalten uns.<<

Snapes Blick fiel kurz auf mich. Nur einen Moment. Dann wieder auf Moody. >>Eine interessante Definition von Unterhaltung.<<

>>Stonefield kann für sich selbst sprechen.<<

>>Daran habe ich keinerlei Zweifel.<< Severus blieb neben uns stehen. >>Das beantwortet meine Frage nicht.<<

Moodys magisches Auge drehte sich. >>Crouch ist verschwunden. Sie war bei ihm.<<

>>Und deshalb halten Sie es für notwendig, sie mitten in der Nacht ohne Anwesenheit ihres Hauslehrers zur Rede zu stellen?<<

>>Ich stelle Fragen<<, gab Moody zurück, doch Snape zuckte nicht einmal mit der Wimper.

>>Dann können Sie diese morgen stellen.<<

Stille. Die beiden sahen sich an. Keiner bewegte sich. Ich hatte plötzlich das Gefühl, zwischen zwei Raubtieren zu stehen, die lediglich noch nicht entschieden hatten, welches zuerst zubiss.

Moodys Blick glitt zu mir. >>Immer gut bewacht, Stonefield.<<

Ich sagte nichts. Snapes Stimme wurde noch kälter. >>Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?<<

Moody schnaubte. >>Nein.<< Er wandte sich ab. >>Gute Nacht.<<

>>Professor<<, erwiderte ich.

Klack. Klack. Klack.

Das Geräusch seines Holzbeins verschwand langsam im Korridor. Ich wartete. Erst als ich es nicht mehr hören konnte, löste sich die Anspannung in meinen Schultern ein wenig. Dann fiel mir ein, wer noch neben mir stand. Professor Snape. Großartig. Jetzt würden die Fragen kommen.

Was hatte Crouch gesagt? Warum hatte Moody mich angesprochen? Was untersuchte ich? Warum war ich überhaupt wieder einmal mitten in einer Angelegenheit gelandet, die eine vernünftige Vierzehnjährige vermutlich großräumig umgehen würde? Ich stellte mich innerlich darauf ein.

Severus sah mich an. Sein Blick wanderte über mein Gesicht. Zu meinen Händen. Zurück zu meinen Augen. >>Hat er Sie bedroht?<<

Ich blinzelte. >>Nein.<< Zu schnell.

Seine Augen wurden schmal. >>Miss Stonefield.<<

Ich atmete aus. >>Nicht direkt.<<

Sein Gesicht verhärtete sich. >>Was bedeutet nicht direkt?<<

>>Er hat mir geraten, meine Neugier einzuschränken.<<

>>Wie freundlich.<< Der Sarkasmus tropfte beinahe von jedem Wort.

Ich schwieg. Severus trat einen halben Schritt näher. >>Hat er Sie angefasst?<<

>>Nein.<<

>>Seinen Zauberstab gezogen?<<

>>Nein.<<

>>Ihnen auf irgendeine Weise wehgetan?<<

Ich schüttelte den Kopf. >>Nein, Professor.<<

Sein Blick blieb noch einen Moment auf mir. Dann entspannte sich sein Kiefer kaum merklich. Und erst jetzt bemerkte ich, welche Fragen er nicht gestellt hatte.

Nicht: Was hat Crouch Ihnen erzählt?

Nicht: Warum interessiert Moody sich für Sie?

Nicht: Was verbergen Sie?

Er fragte nur, ob mir etwas geschehen war. Das war alles. Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Nicht unangenehm. Eher ungewohnt.

Der Waldrand. Seine Blicke im Unterricht, die plötzlich nicht mehr ständig auf mir geruht hatten. Seine Weigerung, mir nachzulaufen oder mich mit Fragen zu bedrängen. Und nun das hier. Zum ersten Mal seit ich Severus Snape kennengelernt hatte, hatte ich nicht das Gefühl, dass er versuchte, hinter meine Fassade zu gelangen.

Er stand einfach davor. Und wartete. Der Gedanke traf mich unerwartet. Vielleicht…nur vielleicht…konnte ich ihm vertrauen. Nicht vollkommen. Noch lange nicht. Aber zum ersten Mal erschien mir der Gedanke nicht vollkommen absurd. Das war gefährlich. Also verbarg ich ihn. Natürlich.

>>Mir geht es gut.<<

Severus betrachtete mich. >>Das behaupten Sie bemerkenswert häufig in Situationen, in denen ich Ihnen nur bedingt glaube.<<

Meine Mundwinkel zuckten. >>Es stimmt diesmal.<<

>>Das hoffe ich für Sie.<<

Eine kurze Stille entstand. Dann sagte er: >>Sie sollten sich von Moody fernhalten.<<

Mein Herz machte einen kleinen Satz. Wusste er etwas? Ich zwang mein Gesicht ruhig zu halten. >>Warum?<<

Severus zögerte. Nur kurz. >>Weil ich seine Art, mit Schülerinnen meines Hauses umzugehen, zunehmend missbillige.<<

Natürlich. Keine Erklärung. Und diesmal störte mich das überraschend wenig. Vielleicht hatten wir beide Geheimnisse. Der Unterschied war nur, dass ich langsam begann zu glauben, dass seine nicht zwangsläufig gegen mich gerichtet waren. >>Ich werde vorsichtig sein.<<

>>Sie werden in Ihren Gemeinschaftsraum gehen.<<

>>Das auch.<<

Sein Blick wurde schmal. >>Stonefield.<<

>>Professor.<<

Für einen Moment lag etwas beinahe Vertrautes zwischen uns. Ich hätte darüber lächeln können. Tat ich nicht. Stattdessen ging ich an ihm vorbei. Nach zwei Schritten blieb ich stehen. Warum, wusste ich selbst nicht genau.

Ich sah über die Schulter. >>Professor Snape?<<

>>Was?<<

>>Danke.<<

Seine Stirn legte sich leicht in Falten. >>Wofür?<<

Ich hätte es ihm sagen können. Dafür, dass Sie nicht gefragt haben. Dafür, dass Sie ihn weggeschickt haben. Dafür, dass Sie mir gerade das Gefühl gegeben haben, nicht jedes Geheimnis verteidigen zu müssen. Aber die Worte blieben in meinem Hals stecken. Noch war ich nicht so weit. >>Für eben.<<

Severus sah mich lange an. Dann nickte er kaum merklich. >>Gute Nacht, Miss Stonefield.<<

>>Gute Nacht, Professor.<<

Ich ging weiter. Er hielt mich nicht auf. Fragte nicht nach Crouch. Fragte nicht nach Moody. Fragte nicht, was Ruby und ich wussten. Und genau deshalb dachte ich auf dem restlichen Weg zum Gemeinschaftsraum mehr über Severus Snape nach, als mir lieb war.

Bartemius Crouch war noch immer verschwunden. Moody hatte mich gerade indirekt bedroht. Mein Bruder kam näher. Die dritte Aufgabe rückte unaufhaltsam heran. Eigentlich gab es genügend Gründe, niemandem zu vertrauen. Und trotzdem musste ich wieder an einen Satz denken, den Severus Snape mir selbst einmal gesagt hatte.

Man musste lernen, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen man misstrauen musste—und denen, die einem bislang keinen Grund dazu gegeben hatten.

Zum ersten Mal glaubte ich zu verstehen, was er damit gemeint hatte. Und zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, ob Severus Snape zu den Menschen gehörte, vor denen ich mich schützen musste. Sondern wie lange ich noch einen Grund finden würde, mich vor ihm zu verschließen.