Das letzte Puzzleteil
Das letzte Puzzleteil
Hallo, meine Lieben :) Der Start in die neue Woche bringt ein neues Kapitel mit sich und wir steuern aufs Finale des vierten Schuljahres zu. Vielen Dank für den achten Stern *-* Weiterhin bleibt es aufregend und ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen ;) Mittwochen sehen wir uns dann wieder.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 43 Das letzte Puzzleteil
Lucinda PoV
Ich hatte schlecht geschlafen. Das war an sich nichts Besonderes.
In den vergangenen Monaten hatte ich mich beinahe daran gewöhnt, nachts aufzuwachen, weil mein Bruder beschlossen hatte, sich auf irgendeine Weise in meine Träume zu schleichen oder mein rechter Unterarm mich daran erinnerte, dass er noch immer irgendwo dort draußen existierte.
Diesmal war allerdings weder Tom noch der Fluch schuld. Diesmal war es Professor Snape. Was ausgesprochen ärgerlich war.
Ich starrte an die Decke unseres Schlafsaals und versuchte zum vermutlich zwanzigsten Mal, die Begegnung vom vergangenen Abend aus meinem Kopf zu verbannen. Er hatte nicht gefragt. Das war das Problem.
Wenn Professor Snape mich ausgefragt hätte, wäre alles vollkommen normal gewesen. Ich hätte ausgewichen. Er hätte mich durchschaut. Ich hätte mich darüber geärgert. Er hätte mich mit diesem unerträglichen Blick bedacht, der einem das Gefühl gab, er könnte Gedanken allein durch schlechte Laune aus dem Kopf ziehen. Stattdessen hatte er Moody fortgeschickt. Und anschließend lediglich wissen wollen, ob mir etwas geschehen war.
Hat er Sie bedroht?
Hat er Sie angefasst?
Seinen Zauberstab gezogen?
Ihnen auf irgendeine Weise wehgetan?
Ich zog die Decke höher. Warum beschäftigte mich das überhaupt? Er war mein Hauslehrer. Natürlich achtete er darauf, ob jemand aus seinem Haus mitten in der Nacht von einem anderen Professor bedroht wurde. Vollkommen normal. Vollkommen logisch. Und trotzdem—
Vielleicht konnte ich ihm vertrauen.
Ich schloss die Augen. Nein. Das war eindeutig zu früh am Morgen für derartige Gedanken. Im Bett neben mir bewegte sich Pansy. Ich stellte mich augenblicklich schlafend. Sie murmelte etwas Unverständliches, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Daphne regte sich überhaupt nicht. Gut.
Wenigstens musste ich niemandem erklären, weshalb ich noch vor Sonnenaufgang wach lag und über Severus Snape nachdachte. Das hätte Fragen aufgeworfen, auf die ich selbst keine Antworten besaß. Ich wartete noch einige Minuten. Dann gab ich auf.
Meine Strategie für die folgenden Tage war ausgesprochen simpel. Professor Moody aus dem Weg gehen. Das erwies sich als schwieriger als gedacht. Der Mann hatte die bemerkenswerte Eigenschaft, überall aufzutauchen.
In der Eingangshalle. Auf den Treppen. Vor der Großen Halle. Einmal hörte ich das charakteristische Klacken seines Holzbeins am Ende eines Korridors und machte ohne zu zögern kehrt.
Castor, der zufällig hinter mir lief, blieb irritiert stehen. >>Haben wir nicht Verwandlung?<<
>>Doch.<<
>>Das ist die falsche Richtung.<<
>>Ich weiß.<<
>>Warum gehen wir dann hier lang?<<
Ich sah ihn an. >>Abwechslung.<<
Er betrachtete mich einen Moment. >>Du wirst immer merkwürdiger.<<
>>Danke.<<
Ich bog in den nächsten Gang ein. Es war keine Angst. Zumindest redete ich mir das ein. Moody wusste, dass ich etwas untersuchte. Er wusste vermutlich nicht, wie viel Ruby und ich bereits herausgefunden hatten, und genau dabei sollte es bleiben.
Crouch war verschwunden, nachdem er versucht hatte, Dumbledore zu erreichen. Ich hatte nicht vor, ebenfalls zu verschwinden. Noch nicht. Ich musste zuerst herausfinden, wer unter diesem verdammten Gesicht steckte.
Und wenn ich eines gelernt hatte, dann, dass Nachdenken manchmal leichter fiel, wenn man mit jemandem sprach, der überhaupt nichts mit dem Problem zu tun hatte. Deshalb stand ich wenig später vor einer bekannten Tür. Ich klopfte. Keine Antwort. >>Myrte?<<
Stille. Ich öffnete die Tür. >>Wenn du wieder irgendeinem Jungen hinterher spionierst, möchte ich ausdrücklich festhalten, dass ich dich nicht suche.<<
Ein empörtes Quietschen erklang. Myrtes Kopf erschien über einer Toilettenkabine. >>Ich spioniere niemandem hinterher!<<
>>Natürlich nicht.<<
Sie schwebte vollständig hervor. >>Was soll das heißen?<<
>>Gar nichts.<<
Myrte verschränkte die Arme. >>Du bist gemein.<<
>>Das wurde mir bereits gesagt.<<
Sie musterte mich. Dann veränderte sich ihr Gesicht. >>Du siehst müde aus.<<
>>Danke.<<
>>Das war kein Kompliment.<<
>>Noch besser.<<
Myrte schwebte näher. >>Ist etwas passiert?<<
Ich lehnte mich gegen eines der Waschbecken. Wo sollte ich anfangen? >>Bartemius Crouch ist verschwunden.<<
Ihre Augen wurden groß. >>Der vom Ministerium?<<
Ich nickte. >>Er war hier. Auf dem Gelände. Er wollte Dumbledore sprechen.<<
>>Und dann?<<
>>Dann war er weg.<< Myrte wartete. Ich seufzte. >>Und ich glaube, dass jemand dafür gesorgt hat.<<
>>Wer?<<
Mein Blick wanderte zur Tür. >>Das versuche ich herauszufinden.<<
Ich erzählte ihr nicht alles. Nicht vom Vielsafttrank. Nicht von Moodys möglicher falscher Identität. Nicht von Ruby und unseren Nachforschungen. Aber ich erzählte ihr von Crouch. Von seiner Angst. Von meinem Gefühl, dass die Zeit knapp wurde. Und schließlich von Tom. >>Er kommt näher.<<
Myrte wurde still. >>Woher weißt du das?<<
Meine Finger strichen unbewusst über mein rechtes Handgelenk. >>Ich spüre es.<<
Das Kribbeln war inzwischen beinahe ständig vorhanden. Manchmal schwach. Manchmal stärker. Aber nie vollkommen fort. >>Er wird zurückkommen.<<
Myrte sah mich lange an. >>Und dann?<<
>>Dann muss ich bereit sein.<<
>>Bist du das nicht?<<
Ich lachte leise. Humorlos. >>Niemand ist auf Tom vorbereitet.<<
Myrte schwebte ein Stück näher. >>Du schon.<<
Ich sah sie an. >>Myrte—<<
>>Du redest immer so über ihn.<<
Verwundert runzelte ich die Stirn. >>Wie?<<
>>Als wäre er stärker als alle anderen.<<
>>Das ist er.<<
>>Du aber auch.<< Ich erstarrte. Myrte hob das Kinn. >>Du hast doch gesagt, dass ihr Zwillinge seid.<<
>>Das bedeutet nicht—<<, setzte ich an, als sie schon fortfuhr.
>>Du hast gesagt, ihr habt dieselbe Magie.<<
>>Dasselbe Potential.<<, korrigierte ich leise.
>>Dann bist du genauso stark.<<
Seufzend schüttelte ich den Kopf. >>So funktioniert das nicht.<<
>>Warum nicht?<<
Ich stieß mich vom Waschbecken ab. >>Weil Tom Dinge getan hat, die ich niemals tun würde. Magie benutzt hat, die ich niemals benutzen werde. Grenzen überschritten hat, die für mich existieren.<<
Myrte sah mich an. >>Vielleicht bist du genau deshalb stärker.<< Ich verstummte. Sie zuckte mit den Schultern. >>Er musste all diese schrecklichen Dinge tun, um mächtig zu werden. Du nicht.<<
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ausgerechnet Myrte. Ein Mädchen, dessen Leben Tom beendet hatte. Ein Mädchen, das jedes Recht besaß, seinen Namen zu fürchten. Und sie sah mich an, als wäre vollkommen offensichtlich, dass ich ihm gewachsen war.
>>Du hast keine Angst vor mir.<<, stellte ich fest.
Myrte runzelte die Stirn. >>Warum sollte ich?<<
>>Weil ich seine Schwester bin.<<
>>Du bist Lucinda.<<
So einfach. Ich senkte den Blick. >>Manchmal frage ich mich, ob das reicht.<<
Myrte lächelte schwach. >>Dann frag mich.<< Ich sah wieder auf. >>Ich erinnere dich daran.<<
Etwas in meiner Brust wurde warm. >>Danke.<<
>>Gern geschehen.<< Dann verzog sie das Gesicht. >>Aber wenn du jetzt anfängst zu weinen, gehe ich. Lebende Menschen sehen beim Weinen furchtbar aus.<<
Ich lachte. Diesmal wirklich. >>Keine Sorge.<<
>>Gut.<<
Myrte schwebte zufrieden höher. Und für einige Minuten fühlte sich Tom ein kleines bisschen weiter entfernt an.
***
Severus PoV
Alastor Moody log. Severus konnte es nicht beweisen. Das war ausgesprochen lästig. Er hatte in den vergangenen zwei Tagen mehr Zeit damit verbracht, seinen Kollegen zu beobachten, als er bereit gewesen wäre, irgendjemandem gegenüber zuzugeben.
Nicht wegen Stonefield. Selbstverständlich nicht ausschließlich wegen Stonefield. Der Einbruch in seine Vorratskammer war Grund genug. Crouchs Verschwinden ebenfalls. Potters zunehmend zweifelhafte Rolle in der Angelegenheit. Und Moodys Verhalten. Besonders Moodys Verhalten.
Severus saß an seinem Schreibtisch und betrachtete mehrere Pergamente. Alastor Moody hatte Erfahrung. Er kannte dunkle Magie. Er kannte Todesser.
Er war paranoid genug, um verdächtiges Verhalten wie eine vollkommen gewöhnliche Charaktereigenschaft aussehen zu lassen. Und er verwischte seine Spuren. Gründlich. Zu gründlich.
Severus hatte seine Bewegungen überprüft. Nichts. Mit mehreren Lehrern gesprochen, ohne deutlich werden zu lassen, wonach er suchte. Nichts.
Sogar versucht herauszufinden, ob Moody in den vergangenen Monaten ungewöhnlich häufig bestimmte Orte aufgesucht hatte. Wieder nichts.
Severus lehnte sich zurück. >>Verdammt.<<
Die Begegnung im Korridor ließ ihn dennoch nicht los. Moodys Nähe zu Stonefield. Seine Fragen. Seine kaum verhüllte Warnung.
Neugier nicht immer.
Das war keine freundliche Empfehlung eines besorgten Professors gewesen. Moody hatte Lucinda gewarnt. Vor etwas. Oder vor sich selbst.
Severus' Finger trommelten einmal auf die Tischplatte. Stonefield wusste etwas. Davon war er inzwischen überzeugt. Und Moody wusste, dass sie etwas wusste. Eine äußerst ungünstige Kombination.
Severus stand auf. Er könnte Albus informieren. Nein. Albus würde ihm diesen unerträglich wissenden Blick zuwerfen und anschließend fragen, worauf sein Verdacht beruhte. Moody hat Miss Stonefield bedroht.
Dann würde Albus vermutlich wissen wollen, warum Severus ausgerechnet diesem Detail eine solche Bedeutung beimaß. Darauf hatte Severus keinerlei Lust. Außerdem brauchte er Beweise.
Sein Blick fiel auf die Bestandsliste seiner Vorratskammer. Potter. Severus verzog das Gesicht. Es missfiel ihm außerordentlich, auch nur darüber nachzudenken. Aber möglicherweise—Möglicherweise hatte Potter tatsächlich die Wahrheit gesagt. Der Gedanke war beleidigend.
Severus nahm das Pergament. Wenn Potter nicht der Dieb war, musste jemand anderes über ausreichend Wissen verfügen, um seine Schutzzauber zu umgehen. Jemand mit Erfahrung. Jemand, der wusste, welche Zutaten er benötigte. Jemand, dessen Bewegungen innerhalb des Schlosses kaum hinterfragt wurden.
Severus' Augen verengten sich. Moody. Nein. Zu einfach. Ein Verdacht war kein Beweis. Und Severus hatte in seinem Leben lange genug mit Menschen zu tun gehabt, die andere aufgrund bloßer Verdächtigungen verurteilten.
Er würde nicht denselben Fehler machen. Aber er würde Moody beobachten. Sehr genau. Besonders, wenn Lucinda Stonefield sich in seiner Nähe befand. Rein vorsorglich.
***
Lucinda PoV
Anthony Goldstein stand vor mir. Allein. Das war bemerkenswert, weil ich seit dem Weihnachtsball erfolgreich vermieden hatte, mit ihm allein zu sein. Nicht absichtlich. Zumindest nicht vollkommen absichtlich. Vielleicht ein wenig.
>>Hallo.<<, sagte er.
>>Hallo.<<
Großartig. Ein hervorragender Anfang.
Anthony verlagerte das Gewicht. >>Wie geht es deinem Arm?<<
Ich sah auf meinen linken Unterarm. Der Grindeloh hatte keine Narben hinterlassen. Der Verband war inzwischen ebenfalls verschwunden. >>Gut. Madam Pomfrey hat mich wieder vollständig zusammengesetzt.<<
>>Das klingt nach ihr.<<
Stille. Ich hasste Stille. Besonders diese Art.
>>Anthony—<<
>>Lucinda—<<
Wir brachen gleichzeitig ab.
Er lächelte. >>Du zuerst.<<
Natürlich. Ich atmete aus. >>Wegen des Weihnachtsballs.<<
Sein Lächeln verschwand. >>Du musst dich nicht entschuldigen.<<
>>Doch.<<
>>Wofür?<<
Das brachte mich aus dem Konzept. >>Ich habe dich zurückgewiesen.<<
>>Ja.<<
>>Und—<<
>>Das ist kein Verbrechen.<< Ich blinzelte und Anthony zuckte mit den Schultern. >>Du empfindest nicht dasselbe. Das war nicht unbedingt die Antwort, die ich hören wollte, aber du kannst nichts dafür.<<
Betroffen senkte ich den Kopf. >>Ich wollte dir nicht wehtun.<<
>>Ich weiß.<<
So einfach. Warum machten Menschen komplizierte Dinge manchmal so einfach? >>Ich habe seitdem vermutlich ein wenig Abstand gehalten<<, gab ich zu.
>>Das ist mir aufgefallen.<<, meinte er und ich warf ihm einen reumütigen Blick zu.
>>Entschuldige.<<
>>Dafür darfst du dich entschuldigen.<<
Ich musste lächeln. >>Gut. Dann entschuldige ich mich dafür.<<
Anthony grinste. Die Spannung löste sich etwas. Ich betrachtete ihn. Er hatte etwas Besseres verdient als mich. Jemanden, der ihm tatsächlich eine Zukunft anbieten konnte. >>Anthony...in meinem Leben ist kein Platz für eine Beziehung.<<
Sein Gesicht wurde ernst. >>Wegen dem, was du vorhast?<<
Ich antwortete nicht. Anthony wusste nicht alles. Aber genug, um zu verstehen, dass mein Leben komplizierter war als das einer gewöhnlichen Schülerin.
>>Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht<<, sagte ich schließlich. Das war die freundlichste Version der Wahrheit. >>Und ich möchte nicht, dass jemand darauf wartet, ob darin irgendwann Platz für ihn ist.<< Anthony schwieg. >>Du solltest jemanden finden, der dir das geben kann.<<
Er schmunzelte. >>Du versuchst gerade, mein Liebesleben zu planen.<<
>>Offenbar.<<
>>Das ist ein bisschen unheimlich.<<
>>Ich kann damit aufhören<<, bot ich an und er nickte beinahe flehentlich.
>>Bitte.<<
Ich lachte leise. Anthony streckte mir die Hand entgegen. >>Freunde?<<
Ich betrachtete sie. Dann ihn. Und nahm sie. >>Freunde.<<
Er drückte meine Hand kurz. >>Gut. Dann können wir endlich wieder normal miteinander reden.<<
>>Haben wir jemals normal miteinander geredet?<<
>>Guter Punkt.<<
Wir gingen gemeinsam weiter. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich seine Gegenwart wieder leicht an. >>Und?<<, fragte Anthony.
>>Was?<<
>>Was beschäftigt dich gerade?<<
Ich sah ihn von der Seite an. >>Woher weißt du, dass mich etwas beschäftigt?<<
>>Du hast gerade dreimal denselben Wandteppich angesehen.<<
Ich blickte zurück. Tatsächlich. >>Vielleicht gefällt er mir.<<
>>Er zeigt einen Troll, der versucht, eine Ziege zu heiraten.<<
>>Romantisch.<< Anthony schnaubte. Ich lächelte. >>Nur ein Rätsel.<<
>>Schule?<<
>>Nein.<<
Er seufzte. >>Dann kann ich vermutlich nicht helfen.<<
>>Vermutlich nicht.<<
>>Schade. Ich bin ziemlich gut darin, Dinge zu erkennen, die nicht das sind, wofür man sie hält.<<
Ich blieb stehen. Anthony ging noch zwei Schritte weiter. Dann drehte er sich um. >>Was?<<
Ich starrte ihn an. Nicht das, wofür man sie hält. Moody. Wir versuchten seit Tagen herauszufinden, wer er war. Wir suchten Namen. Verbindungen. Feinde. Vergangenheit. Vielleicht war genau das der Fehler. >>Anthony.<<
>>Ja?<<
>>Wenn jemand nicht der wäre, für den er sich ausgibt... wie würdest du es beweisen?<<
Er runzelte die Stirn. >>Das ist eine erstaunlich spezifische Frage.<<
>>Rein theoretisch.<<, pflichtete ich schnell bei, woraufhin er eine Augenbraue hob.
>>Natürlich.<<
>>Anthony.<<
Er dachte nach. >>Ich würde vermutlich aufhören herauszufinden, wer er wirklich ist.<<
Mein Herz schlug schneller. >>Warum?<<
>>Weil ich dafür wissen müsste, nach wem ich suche.<<
Genau. >>Also?<<
Er zuckte mit den Schultern. >>Ich würde beweisen, dass er nicht derjenige ist, der er vorgibt zu sein.<<
Ich starrte ihn an. So einfach. So verdammt einfach. Wir mussten nicht wissen, wer Moody war. Noch nicht. Wir mussten nur beweisen, dass er nicht Moody war. Und wenn Vielsafttrank sein Gesicht erschuf—Dann mussten wir ihm dieses Gesicht nehmen.
Ein langsames Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Anthony wich einen Schritt zurück. >>Warum gefällt mir dieser Gesichtsausdruck nicht?<<
>>Weil du vernünftig bist.<<
>>Lucinda—<<
Ich fiel ihm spontan um den Hals. >>Du bist ein Genie.<<
Seine Augen wurden groß. >>Was habe ich getan?<<
>>Mir geholfen.<<
>>Wobei?<<
Ich ging bereits rückwärts. >>Das willst du nicht wissen.<<
>>Das klingt beunruhigend!<<, gab er zurück und ich grinste verschlagen.
>>Ist es vermutlich auch!<<
Ich drehte mich um. Ruby. Ich musste Ruby finden.
***
Ruby PoV
Bartemius Crouch Junior war tot. Dieser Satz stand seit fast einer Stunde vor mir. Ich hatte ihn auf ein Pergament geschrieben.
Darunter:
Askaban.
Tod.
Vater.
Dunkler Lord.
Und daneben:
Moody.
Es ergab keinen Sinn. Bartemius Crouch hatte seinen Sohn erwähnt. Das konnte Schuld gewesen sein. Reue. Verwirrung. Aber dann hatte er Bertha erwähnt. Und den Dunklen Lord. Und anschließend Moody angesehen, als würde er den Tod persönlich auf sich zukommen sehen.
Ich fuhr mir durch die Haare. >>Was fehlt uns?<<
Das Pergament antwortete nicht. Unhöflich. Ich stand auf. Vielleicht brauchte ich eine Pause. Lucinda würde über diese Erkenntnis vermutlich lachen. Ich verließ das Klassenzimmer und ging durch den Korridor. Dann sah ich Harry. Und blieb stehen.
Er sah furchtbar aus. Nicht verletzt. Nicht krank. Einfach…neben sich.
>>Harry?<<
Er hob den Kopf. >>Oh. Hallo, Ruby.<<
>>Alles in Ordnung?<<
>>Ja.<< Ich sah ihn an. >>Nein<<, korrigierte er.
>>Was ist passiert?<<
Harry zögerte. >>Nichts.<<
>>Du bist schlecht im Lügen<<, meinte ich.
>>Das sagt Hermine auch.<<
>>Dann hat Hermine recht.<< Er lächelte schwach. Ich trat näher. >>Harry?<<
Sein Blick wanderte über den Korridor. >>Ich hatte wieder diesen Traum.<<
Etwas an seiner Stimme ließ mich aufmerksam werden. >>Welchen Traum?<<
>>Ich habe ihn schon länger. Seit dem Sommer.<<
Mein Magen zog sich zusammen. >>Was siehst du?<<
Harry schwieg. Dann erzählte er. Von einem alten Haus. Von Peter Pettigrew. Von einer Gestalt, die er nicht richtig sehen konnte. Von Voldemort. Bei diesem Namen wurde mir kalt.
Ich unterbrach ihn nicht. Harry erzählte weiter. Immer derselbe Ort. Immer dieselben Personen. Aber noch jemand war dort gewesen. Ein Mann.
>>Ich wusste lange nicht, wer er ist<<, sagte Harry.
>>Und jetzt?<<
Harry nickte. >>Ich habe ihn gesehen.<<
>>Wo?<<
>>In Dumbledores Denkarium.<< Ich erstarrte. Harry bemerkte es nicht. >>Ich wollte gar nicht...also, ich hätte nicht hineinschauen sollen. Aber ich habe dort einen Prozess gesehen. Karkaroff war da. Und später noch einen.<<
Mein Herz begann schneller zu schlagen. >>Wessen Prozess?<<
Harry sah mich an. >>Von Todessern.<<
>>Harry. Wer war der Mann?<<
Er zögerte. >>Barty Crouch Junior.<<
Die Welt wurde still. Ich hörte Harry noch etwas sagen. Aber die Worte erreichten mich nicht. Barty Crouch Junior. Mein Blick fiel auf nichts. Ich sah stattdessen ein Pergament vor mir.
Bartemius Crouch. Mein Sohn. Bertha. Der Dunkle Lord. Moody. Vielsafttrank. Harry. Ich griff nach seinem Arm.
>>Ruby?<<
>>Bist du sicher?<<
Harry blinzelte verwirrt. >>Was?<<
>>Der Mann aus deinen Träumen. Bist du sicher, dass es Barty Crouch Junior ist?<<
Harry sah irritiert aus. >>Ja. Ich habe ihn im Denkarium gesehen. Es war derselbe Mann.<<
>>Ganz sicher?<<
>>Ja.<<
Mein Herz schlug bis zum Hals. Nein. Das konnte nicht sein. Bartemius Crouch Junior war in Askaban gestorben. Sein Vater hatte seinen Körper—Ich hielt inne.
Sein Vater. Mein Sohn.
Ich dachte an Crouchs Zustand. An seine Verzweiflung. An seine Todesangst. An Lucindas Frage. Was verbindet sie?
Und plötzlich war da eine Antwort. Noch nicht vollständig. Noch immer fehlten Verbindungen. Aber eines war nicht länger eine Theorie. Harry hatte ihn gesehen. Nicht vor Jahren. Nicht als Erinnerung. In seinen Träumen. Bei Voldemort. In diesem Sommer.
>>Ruby?<<
Ich ließ Harry los. >>Ich muss Lucinda finden.<<
>>Warum?<<
Ich sah ihn an. Ich durfte ihm nichts sagen. Noch nicht. Nicht bevor wir sicher waren. >>Danke, Harry.<<
Seine Stirn legte sich in Falten. >>Wofür?<<
Ich antwortete nicht. Ich lief. Zur Treppe. Hinunter. Meine Gedanken überschlugen sich. Lucinda hatte recht gehabt. Crouchs Worte waren kein Zufall gewesen. Sein Sohn. Der Dunkle Lord. Bertha. Und Harry hatte uns gerade das geliefert, wonach wir seit Tagen suchten.
Einen Menschen, der nicht existieren durfte. Einen Todesser, der offiziell tot war. Einen Mann, der bei Voldemort gewesen war. Ich blieb mitten auf der Treppe stehen. Ein Gedanke traf mich mit solcher Wucht, dass ich mich am Geländer festhalten musste.
Bartemius Crouch hatte nicht von einem Toten gesprochen. Er hatte versucht, Dumbledore vor einem Lebenden zu warnen. Ich hob langsam den Kopf. >>Oh, Merlin.<<
Das war es. Das letzte Puzzleteil. Bartemius Crouch Junior war nicht tot. Barty Crouch Junior lebte.
***
Lucinda PoV
Anthony hatte recht. Das war eine Erkenntnis, mit der ich vermutlich noch eine ganze Weile leben musste.
Ich eilte durch die Korridore und suchte Ruby. Nicht denjenigen finden, der sich hinter Moodys Gesicht verbarg. Zuerst beweisen, dass dieses Gesicht überhaupt falsch war. So einfach. So verdammt einfach.
Warum waren wir nicht früher darauf gekommen? Wenn der Mann tatsächlich regelmäßig Vielsafttrank nahm, mussten wir lediglich verhindern, dass er die Wirkung erneuerte. Oder den Trank irgendwie neutralisieren. Vielleicht gab es einen Gegenzauber. Eine Reaktion mit einer bestimmten Substanz. Etwas, das die Wirkung vorzeitig aufhob. Ich würde es herausfinden. Ruby würde helfen. Und dann—
Dann würden wir endlich sehen, wer seit Monaten unter Alastor Moodys Gesicht durch Hogwarts lief. Ein Gefühl von Triumph breitete sich in mir aus. Nur kurz. Denn mitten im nächsten Korridor brannte plötzlich mein rechtes Handgelenk.
Ich blieb abrupt stehen. >>Ah!<<
Der Schmerz kam ohne Warnung. Heftig. Feurig. Anders als zuvor. Meine Hand schloss sich reflexartig um das Handgelenk. >>Nein...<<
Das Zeichen unter meiner Haut glühte. Ich konnte es sogar durch den Stoff meines Ärmels sehen. Grün. Heller. Stärker.
Mein Atem stockte. >>Tom?<<
Der Korridor verschwamm. Ich griff nach der Wand. Zu spät. Der Stein unter meinen Fingern löste sich auf. Das Licht verschwand. Die Geräusche von Hogwarts verstummten. Und plötzlich stand ich woanders.
Dunkelheit.
Keine Wände. Kein Schloss. Kein Boden. Nur Dunkelheit.
Mein Herz schlug schneller. >> Nicht schon wieder.<<
Meine Stimme hallte zurück. Doch diesmal war es kein Traum. Ich wusste es sofort. Ich war wach. Irgendwo. Zumindest mein Körper war es. Aber mein Geist—
Mein Geist war nicht länger allein. Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Ein leises Schleifen. Dann Schritte. Langsam. Ruhig. Ich drehte mich um. >> Tom?<<
Keine Antwort. Ein schwacher Lichtschein erschien. Nicht grün. Gelblich. Flackernd. Wie Feuer. Und plötzlich entstand um mich herum ein Raum. Alt. Dunkel. Ein Kamin. Ein schwerer Sessel. Ein Mann mit rattenartigem Gesicht stand wenige Meter entfernt. Peter Pettigrew.
Mein Atem setzte aus. >> Wurmschwanz...<<
Er reagierte nicht. Natürlich nicht. Er konnte mich nicht sehen. Ich war nicht wirklich hier. Eine Vision. Eine Erinnerung? Nein. Etwas anderes.
Pettigrew beugte sich vor. Vor ihm stand ein niedriger Sessel. Ich konnte die Gestalt darin zunächst nicht erkennen. Nur eine kleine Hand. Dünn. Unnatürlich.
Dann eine Stimme. >> Harry Potter.<<
Mein Blut gefror. Tom. Ich machte einen Schritt zurück. >> Nein.<<
Die Stimme kam wieder. Schwächer als früher. Aber unverkennbar. Mein Bruder.
Nicht der Junge aus meiner Erinnerung. Nicht einmal der Mann, den die Welt als Voldemort kannte. Etwas dazwischen. Etwas, das noch keinen richtigen Körper besaß. Und trotzdem war seine Präsenz überall.
Der Raum wurde kalt. >> Du kannst mich spüren.<<
Ich erstarrte. Das war nicht möglich. Pettigrew reagierte weiterhin nicht. Aber Tom—Tom sprach mit mir. Direkt. >> Lucinda.<<
Mein Herz hämmerte. >> Was hast du mit Harry vor?<<
Ein leises Lachen. >> Noch immer dieselbe Frage.<<
Ich ballte die Hände zu Fäusten. >> Lass ihn in Ruhe.<<
Die Dunkelheit hinter dem Sessel bewegte sich. Etwas hob den Kopf. Ich sah zwei rote Augen. >> Du hast dich nicht verändert.<< >> Du leider schon.<<
Das Lachen verstummte. Für einen Moment war nichts zu hören. Dann spürte ich Macht. Nicht viel. Noch nicht. Aber mehr als zuvor. Deutlich mehr.
Sie kroch durch den Raum. Über meine Haut. Durch meine Knochen. Mein Handgelenk brannte stärker. Ich biss die Zähne zusammen. >> Du kommst zurück.<< Keine Frage. Eine Feststellung. Tom schwieg. Das reichte. >> Und Harry hat damit zu tun.<<
Wieder keine Antwort. Aber etwas veränderte sich. Ein Bild blitzte auf. Zu schnell. Ein Friedhof. Grabsteine. Eine Statue. Harry.
Ich zuckte zusammen. >> Was war das?<<
Die Szene verschwand. Der Raum ebenfalls. Dunkelheit verschluckte alles. >> TOM!<<
Keine Antwort. Dann erklang eine zweite Stimme. Weiter entfernt. Eine Männerstimme. Unbekannt. >> Alles ist vorbereitet.<<
Ich fuhr herum. Eine Gestalt stand im Schatten. Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Nur die Umrisse. Jünger als Pettigrew. Schlanker. >> Wer bist du?<<
Keine Reaktion. Tom lachte leise. >> Bald wirst du es wissen.<<
Die Gestalt verschwand. Der Schmerz in meinem Handgelenk explodierte. Ich schrie auf. Und plötzlich—Feuer. Blaue Flammen schossen aus der Dunkelheit.
Ich wich zurück. Sie brannten nicht. Sie umgaben mich. Wirbelten. Tanzten.
Ich kannte diese Flammen. Mein Herz blieb stehen. >> Der Feuerkelch.<<
Der Raum veränderte sich erneut. Die Große Halle. Schüler. Lehrer. Der Kelch auf seinem Sockel. Genau wie damals. Die Nacht der Auswahl.
Ich stand mitten zwischen den Menschen. Niemand sah mich. Der Feuerkelch loderte. Blau. Still. Dann färbten sich die Flammen plötzlich rot.
Ich starrte ihn an. >> Nein...<<
Etwas schoss aus dem Kelch. Ein Stück Pergament. Es drehte sich in der Luft. Langsam. Zu langsam. Als wollte die Vision sicherstellen, dass ich jedes einzelne Detail verstand.
Das Pergament sank herab. Ich streckte die Hand danach aus. Meine Finger gingen hindurch. Doch die Schrift darauf konnte ich lesen. Schwarz. Deutlich. Unverkennbar. Harry Potter.
Mein Atem stockte. Die Flammen schossen höher. Das Pergament wurde von ihnen erfasst. Nicht verbrannt. Emporgehoben. Immer höher.
Und plötzlich hörte ich Toms Stimme direkt hinter mir. >> Er gehört mir.<<
Ich fuhr herum. Nichts. Nur Feuer. >> NEIN!<<
Die Flammen explodierten.
Ich kam auf dem Boden zu mir. Keuchend. Mein Rücken lag auf kaltem Stein. Der Korridor. Hogwarts. Ich war wieder da. Mein Atem ging viel zu schnell. Meine Hände zitterten. Das rechte Handgelenk brannte noch immer. >>Nein...<<
Ich setzte mich auf. Die Vision hing mir vor Augen.
Pettigrew.
Tom.
Der Friedhof.
Die unbekannte Gestalt.
Der Feuerkelch.
Und Harrys Name.
Er gehört mir.
Mein Magen zog sich zusammen. Nein. Harry gehörte niemandem. Schon gar nicht ihm. Ich zwang mich aufzustehen. Meine Beine gaben beinahe nach. Ich lehnte mich gegen die Wand.
Plötzlich ergab das Turnier einen völlig neuen Sinn. Harry musste nicht einfach teilnehmen. Er musste bis zum Ende kommen .
Jemand hatte ihn durch jede Aufgabe geführt. Dafür gesorgt, dass er vorbereitet war. Dass er überlebte. Dass er die dritte Aufgabe erreichte. Und mein Bruder wartete. Irgendwo. Auf ihn.
Mir wurde eiskalt. >>Ruby.<<
Ich stieß mich von der Wand ab. Alles andere konnte warten. Anthony. Moody. Der Vielsafttrank. Der Plan zur Enttarnung. Ich musste Ruby finden. Jetzt.
Denn während wir versucht hatten herauszufinden, wer sich hinter Alastor Moodys Gesicht verbarg, hatten wir eine viel wichtigere Frage beinahe übersehen.
Nicht:
Wer hatte Harry in das Turnier gebracht?
Sondern:
Wohin sollte das Turnier ihn bringen?
Ich begann zu laufen. Und tief unter meiner Haut brannte der Fluch weiter. Wie eine Warnung. Wie ein Countdown. Wie die Gewissheit, dass wir kaum noch Zeit hatten.