Im Schatten des Labyrinths
Im Schatten des Labyrinths
Hallo, meine Lieben :) Es geht weiter. Pünktlich zum Wochenteiler geht das magische Abenteuer in die nächste Runde und es bleibt spannend. Diese Woche geht es dann Freitag statt Samstag weiter, weil ich am Wochenende unterwegs bin. Viel Spaß beim Weiterlesen.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 44 Im Schatten des Labyrinths
Lucinda PoV
Ich fand Ruby nicht. Natürlich nicht.
Ausgerechnet in dem Moment, in dem ich glaubte, endlich einen Weg gefunden zu haben, Professor Moody die falsche Haut vom Leib zu reißen, schien meine beste Freundin beschlossen zu haben, sich in Luft aufzulösen.
Ich nahm zwei Stufen auf einmal. Mein Handgelenk brannte noch immer.
Nicht mehr wie während der Vision. Nur ein dumpfes, heißes Pochen unter der Haut, das mich mit jedem Herzschlag daran erinnerte, was ich gesehen hatte.
Tom. Pettigrew. Den unbekannten Mann. Den Friedhof. Und Harrys Namen.
Er gehört mir.
>>Nein<<, murmelte ich.
Eine vorbeigehende Hufflepuff-Schülerin sah irritiert zu mir. Ich ignorierte sie. Harry gehörte meinem Bruder nicht. Und wenn Tom glaubte, ich würde einfach danebenstehen und zulassen, dass er den Jungen für irgendeinen seiner Pläne benutzte, erinnerte er sich offenbar nur äußerst unzureichend an seine eigene Zwillingsschwester.
Ich bog um die nächste Ecke. Und prallte beinahe mit Ruby zusammen. >>Da bist du!<<
>>Da bist du !<<
Wir starrten einander an. Ruby sah aus, als wäre sie durch das halbe Schloss gerannt. Vermutlich sah ich nicht besser aus.
>>Ich muss dir etwas sagen<<, sagte sie.
>>Ich dir auch.<<
Sie atmete tief durch. >>Es geht um Crouch.<<
>>Bei mir um Tom.<<
Ruby verstummte. Ich ebenfalls. >>Klassenzimmer<<, sagten wir gleichzeitig.
Keine von uns kommentierte es.
Die Tür fiel hinter uns ins Schloss. Ruby zog sofort ihren Zauberstab. >>Muffliato.<< Ich drehte mich zu ihr um.
>>Barty Crouch Junior lebt.<<
>>Harry ist Teil von Toms Plan.<<
Stille.
Ruby blinzelte.
Ich blinzelte zurück.
>>Was?<< Wieder gleichzeitig.
>>Du zuerst<<, sagte ich.
>>Nein, definitiv du. Was meinst du damit, Harry ist Teil von Toms Plan?<<
Ich zog meinen rechten Ärmel hoch. Das Zeichen war noch immer deutlich zu sehen. Die Haut darum war gerötet.
Rubys Gesicht veränderte sich sofort. >>Lucinda.<<
>>Es ist nichts.<<
>>Das sieht nicht nach nichts aus<<, brachte sie hervor, aber mein Blick wurde scharf.
>>Ruby.<<
Sie presste die Lippen zusammen. >>Was ist passiert?<<
Ich erzählte ihr alles. Von dem Schmerz. Davon, wie Hogwarts verschwunden war. Von Pettigrew. Von Tom. Von dem unbekannten Mann im Schatten. Vom Friedhof. Und schließlich von den blauen Flammen.
Ruby unterbrach mich kein einziges Mal. Erst als ich Harrys Namen erwähnte, wurde sie vollkommen still. >>Der Feuerkelch?<<
>>Ja.<<
>>Bist du sicher?<<
>>Ich habe lange genug auf dieses verdammte Ding gestarrt.<< Ich lehnte mich gegen den Tisch. >>Es waren dieselben blauen Flammen. Dann kam Harrys Pergament.<< Rubys Gesicht verlor langsam die Farbe. >>Was?<<
>>Harry hat mir von seinen Träumen erzählt.<<
Jetzt war ich diejenige, die erstarrte. >>Welchen Träumen?<<
>>Er hat sie seit den Sommerferien. Immer wieder. Er sieht deinen Bruder. Pettigrew. Ein altes Haus.<<
Mein Herz begann schneller zu schlagen. >>Und noch jemanden.<< Ruby nickte. >>Sag mir den Namen.<<
>>Lucinda—<<
>>Ruby.<<
Sie sah mich an. >>Barty Crouch Junior.
Für einige Sekunden bewegte ich mich nicht. Der unbekannte Mann. Alles ist vorbereitet.
>>Nein.<< Ich stieß mich vom Tisch ab. >>Crouch Junior ist tot.<<
>>Offiziell<<, meinte Ruby.
>>Er ist in Askaban gestorben.<<
>>Harry hat ihn gesehen.<<
>>Woher will Harry wissen—<<, setzte ich an, als Ruby mir die Antwort schon auf dem Silbertablett servierte.
>>Dumbledores Denkarium.<< Ich verstummte. Ruby trat näher. >>Er hat eine Erinnerung an den Prozess gesehen. Er kennt Crouch Juniors Gesicht. Und er ist sicher, dass es derselbe Mann ist, den er in seinen Träumen bei Voldemort gesehen hat.<<
Mein Blick wanderte ins Leere.
Crouch. Sein Zustand. Seine Angst. Mein Sohn. Der Dunkle Lord. Bertha. Moody.
Ich griff nach dem Pergament, auf dem wir unsere bisherigen Erkenntnisse gesammelt hatten, welches Ruby mir entgegenstreckte. Mein Finger fuhr über die Namen. >>Er wusste es.<<
>>Crouch?<<
>>Deshalb wollte er Dumbledore sprechen.<<
Ruby trat neben mich. >>Das glaube ich auch.<<
>>Sein Sohn lebt.<<
>>Ja.<<
>>Und arbeitet für Tom.<<
>>Offenbar.<<
Mein Finger blieb auf einem Namen liegen. Alastor Moody.
Ruby sah ebenfalls hin. Keine von uns sagte etwas. Wir mussten es nicht. Mein Herz schlug schneller. >>Der Vielsafttrank.<<
Ruby nickte langsam. >>Der Einbruch.<<
>>Crouchs Reaktion auf Moody.<<
>>Harrys Träume.<<
Mir wurde schlecht. >>Mein Bruder.<<
>>Crouch Junior.<<
Ich sah Ruby an. >>Moody hat Harry geholfen.<<
Ihre Stirn legte sich in Falten. >>Was?<<
>>Das Turnier. Er hat Harry geholfen.
Plötzlich sah ich die vergangenen Monate mit anderen Augen. Moodys auffälliges Interesse. Seine ständige Nähe. Harry. Die Aufgaben. Der Feuerkelch.
>>Harry hat mir erzählt, dass Moody ihm Hinweise gegeben hat<<, sagte Ruby langsam.
>>Natürlich hat er das.<< Ich begann durch das Klassenzimmer zu laufen. >>Wir haben die ganze Zeit die falsche Frage gestellt.<<
Ruby horchte auf. >>Welche?<<
>>Warum Harry teilnehmen soll.<<
Ich blieb stehen. Die Vision blitzte vor meinen Augen auf. Das Pergament. Die Flammen. Der Friedhof. >>Es geht nicht darum, dass er teilnimmt.<<
Ruby wurde blass. >>Sondern?<<
>>Dass er bis zum Ende kommt.<<
Stille. Ich sah sie an. >>Jemand hat seinen Namen in den Feuerkelch geworfen. Jemand sorgt seit Monaten dafür, dass Harry dieses Turnier überlebt. Warum?<< Ruby antwortete nicht. >>Weil das Ziel nicht das Turnier ist<<, flüsterte ich. Mein Magen zog sich zusammen. >>Das Ziel wartet am Ende.<<
Die dritte Aufgabe.
Das Labyrinth.
Tom.
Ruby sah auf unsere Pergamente. >>Dann müssen wir zu Dumbledore.<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Mit was?<<
>>Damit!<< Sie deutete auf den Tisch.
Mein Blick war skeptisch. >>Mit einem Traum von Harry, einer Vision von mir und der Vermutung, dass ein ehemaliger Auror vielleicht ein totgeglaubter Todesser sein könnte?<<
>>Wenn du es so ausdrückst, klingt es tatsächlich nicht besonders überzeugend<<, gestand Ruby seufzend ein.
>>Wir brauchen einen Beweis.<<
Mein Blick fiel wieder auf Moodys Namen. Und ich musste an Anthony denken.
Ich würde aufhören herauszufinden, wer er wirklich ist.
>>Wir müssen nicht beweisen, dass Moody Crouch Junior ist.<<
Ruby sah mich an. >>Was?<<
>>Noch nicht. Wir müssen nur beweisen, dass Moody nicht Moody ist.<<
Langsam verstand sie. >>Vielsafttrank.<<
Ich nickte. >>Wenn wir die Wirkung aufheben...<<
>>...fällt die Maske<<, vollendete Ruby den Satz.
Zum ersten Mal seit meiner Vision empfand ich etwas, das Hoffnung ähnelte. >>Genau.<<
Ruby griff bereits nach einem leeren Pergament. >>Dann finden wir heraus, wie.
***
Severus PoV
Alastor Moody war entweder unschuldig—oder ausgesprochen gut. Severus bevorzugte inzwischen eindeutig die zweite Möglichkeit. Nicht, weil sie angenehmer war. Ganz im Gegenteil. Sie erklärte nur erheblich mehr.
Er hatte Moody beobachtet. Diskret. Er hatte dessen Bewegungen überprüft. Mit Kollegen gesprochen. Sich erkundigt, ohne sich erkundigt wirken zu lassen. Nichts. Kein auffälliger Gang zu den Kerkern. Keine Zeugenaussage. Kein Gegenstand aus seiner Vorratskammer in Moodys Besitz.
Nicht einmal eine kleine Unstimmigkeit, an der Severus hätte ansetzen können. Es war zum Verzweifeln. Moody war vorsichtig. Sehr vorsichtig.
Severus stand in einer Nische des zweiten Stocks und beobachtete, wie sein Kollege am Ende des Korridors mit Professor Flitwick sprach. Das magische Auge rotierte. Das Holzbein stand leicht seitlich. Die Körperhaltung war dieselbe wie immer. Alles an ihm schrie Alastor Moody. Und dennoch—Etwas stimmte nicht.
Severus wusste nur nicht, was. Er wartete, bis Flitwick gegangen war. Dann trat er aus der Nische. Moodys magisches Auge fand ihn sofort. Natürlich. >>Snape.<<
>>Moody.<<
>>Verfolgen Sie mich?<<
Severus' Mundwinkel verzog sich. >>Wenn ich Sie verfolgen würde, hätten Sie es nicht bemerkt.<<
Moody lachte rau. >>Das klingt beinahe wie eine Herausforderung.<<
>>Dann haben Sie mich missverstanden.<< Severus blieb vor ihm stehen. >>Wie ungewöhnlich für Sie.<<
Moodys normales Auge wurde schmal. >>Was wollen Sie?<<
>>Nichts.<<
>>Sie lauern gewöhnlich nicht in Korridoren herum, wenn Sie nichts wollen.<<
>>Und Sie verhören gewöhnlich keine Schülerinnen meines Hauses mitten in der Nacht, wenn Sie nichts wollen.<<
Da. Nur ein winziger Moment. Nicht einmal ein richtiges Zucken. Aber Severus sah es. >>Immer noch deswegen?<<, fragte Moody.
>>Sollte ich es vergessen haben?<<
>>Stonefield ist unverletzt.<<
>>Das ist keine Antwort.<<
Moody stützte sich schwerer auf seinen Stock. >>Sie stellen viele Fragen.<<
Severus' Blick wurde eisig. >>Interessant.<<
>>Was?<<
>>Genau das haben Sie Miss Stonefield ebenfalls vorgeworfen.<<
Stille. Moodys magisches Auge drehte sich. >>Vielleicht sollten Sie beide weniger neugierig sein.<<
>>Vielleicht sollten Sie mir einen Grund geben, es zu sein.<<
Die Männer sahen einander an. Severus wartete. Moody lächelte schließlich. >>Ständige Wachsamkeit.<<
>>Selbstverständlich.
Dann ging Severus an ihm vorbei. Er hatte nichts erfahren. Wieder einmal. Und trotzdem war sein Misstrauen stärker als zuvor. Moody hatte Lucinda gewarnt. Nun warnte er ihn. Warum?
Severus ging weiter. Einige Minuten später hörte er das vertraute Klacken erneut. Weiter hinten im Korridor. Und sah gleichzeitig eine andere Gestalt. Stonefield. Sie kam aus einem Seitengang. Sah Moody. Und blieb stehen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann drehte sie sich um und nahm einen anderen Weg.
Severus' Schritte verlangsamten sich. Lucinda Stonefield wich Menschen nicht aus. Nicht einmal dann, wenn sie es dringend sollte. Sie hatte Thornbloom zur Rede gestellt. Sie war allein in den Verbotenen Wald gegangen. Sie war ohne zu zögern in den Schwarzen See gesprungen. Sie hatte sich Moody selbst nach dessen kaum verhüllter Drohung widersetzt. Und jetzt änderte sie ihren Weg, nur um ihm nicht zu begegnen.
Severus' Kiefer spannte sich an. Was wissen Sie? Der alte Impuls war sofort da. Ihr folgen. Sie abfangen. Fragen. So lange bohren, bis irgendeine ihrer Antworten nicht mehr zu den anderen passte. Dann hörte er Albus' Stimme.
Wenn Sie ihr Geheimnis erfahren wollen, Severus, müssen Sie ihr einen aufrichtigen Grund geben, Ihnen zu vertrauen.
Severus blieb stehen. Er hasste es, wenn Albus in seinem Kopf recht behielt. Stonefield verschwand hinter einer Ecke. Er folgte ihr nicht. Es kostete ihn erstaunlich viel Selbstbeherrschung.
Severus blieb noch einige Sekunden regungslos stehen.
Das Klacken von Moodys Holzbein verklang in der entgegengesetzten Richtung.
Zwei Menschen. Zwei Wege. Und dazwischen ein Verdacht, für den Severus noch immer keinen einzigen brauchbaren Beweis besaß.
Er hasste derartige Situationen. Normalerweise vertraute Severus seinem Instinkt. Er hatte lange genug unter Menschen gelebt, bei denen ein falsch gedeuteter Blick tödlich enden konnte. Er kannte Lügen. Er kannte Täuschung. Er kannte die kleinen Unstimmigkeiten im Verhalten eines Menschen, wenn Worte und Absichten nicht zusammenpassten.
Bei Moody fand er sie nicht. Zumindest nicht dort, wo er sie erwartete. Vielleicht war genau das sein Fehler.
Severus' Blick blieb auf dem leeren Korridor liegen. Was hatte Albus gesagt?
Nicht beobachten. Verstehen. Nein. So hatte der alte Mann es nicht formuliert. Aber darauf lief es hinaus.
Severus sollte Stonefield einen Grund geben, ihm zu vertrauen. Ein ausgesprochen nutzloser Rat, wenn Stonefield weiterhin beharrlich jedes Geheimnis mit sich selbst austrug. Andererseits—
Severus' Stirn legte sich in Falten. Vielleicht musste er aufhören, sich zu fragen, was sie ihm verschwieg. Und stattdessen überlegen, warum sie glaubte, es verschweigen zu müssen. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Er erforderte eine Perspektive, die Severus bislang absichtlich vermieden hatte. Ihre.
Er verschränkte die Arme. Na schön. Stonefield misstraute Moody. Das stand inzwischen außer Frage. Seit wann? Nicht erst seit gestern.
Severus ging langsam weiter. Seine Gedanken wanderten zurück. Zum Winter. Zum Krankenflügel. Zu einem erschreckend bleichen Mädchen in seinen Armen. Kürbissaft. Ein seltenes Gift. Ein Gegengift, das er unter einem Zeitdruck hatte brauen müssen, den er nicht noch einmal erleben wollte.
Damals hatte Severus sich hauptsächlich auf den Täter konzentriert. Wer hatte Zugang? Wer hatte Gelegenheit? Wer besaß ausreichende Kenntnisse? Er hatte sogar Moody verdächtigt. Nicht beweisen können. Und irgendwann war die Spur versandet.
Severus blieb stehen. Nein. Nicht vollkommen. Stonefield hatte Moody ebenfalls misstraut. Schon damals. Er erinnerte sich an ihre Reaktionen. An die Art, wie sie den Professor beobachtet hatte. Vorsichtig. Aufmerksam. Als wartete sie darauf, dass er einen Fehler machte. Warum? Hatte sie schon vor dem Giftanschlag etwas bemerkt? Oder erst danach?
Severus setzte seinen Weg fort. Dann kam der Schwarze See. Ein vollkommen anderer Vorfall. Zumindest hatte er das bislang angenommen. Potter war unter Wasser gezogen worden. Stonefield hatte es gesehen. Und bevor irgendein vernünftiger Mensch überhaupt begriffen hatte, was geschah, war sie gesprungen.
Severus' Kiefer spannte sich bei der Erinnerung an. Er sah noch immer das Wasser. Die Bewegung unter der Oberfläche. Die Sekunden. Zu viele Sekunden. Dann Lucinda. Blut an ihrem linken Arm. Und Moody.
Sobald es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.
Severus' Schritte verstummten. Der Satz hatte ihn geärgert. Mehr als er sollte.
Deshalb hatte er sich darauf konzentriert, dass Moody ihn gesagt hatte. Nicht darauf, wann. Oder warum.
Severus' Augen wurden schmal. Moody hatte ihn beobachtet. Nicht Potter. Nicht ausschließlich die Rettung. Ihn. Seine Reaktion auf Stonefield. Warum?
Ein unangenehmes Gefühl kroch durch Severus' Magen. Vielleicht hatte Moody damals lediglich provozieren wollen. Das wäre durchaus charakteristisch. Aber inzwischen erschien ihm der Satz in einem anderen Licht.
Moody hatte bemerkt, dass Lucinda für ihn ein empfindlicher Punkt war. Und am gestrigen Abend hatte derselbe Mann Lucinda allein in einem Korridor abgefangen. Severus' Gesicht wurde kalt. Nein. Er mochte diese Verbindung überhaupt nicht. Er zwang sich dennoch weiterzudenken. Aus Lucindas Sicht.
Sie war vergiftet worden. Sie hatte überlebt. Sie hatte begonnen, Moody zu beobachten. Sie hatte Potter während der zweiten Aufgabe gerettet. Sie war gestern von Moody bedroht worden. Und heute wich sie ihm aus. Was wusste sie?
Severus schloss für einen Moment die Augen. Falsche Frage. Schon wieder. Er atmete langsam aus. Was glaubte Lucinda, dass Moody vorhatte? Das war besser.
Severus ging weiter. Stonefield besaß eine geradezu groteske Bereitschaft, sich selbst in Gefahr zu bringen, sobald jemand anderes bedroht wurde. Potter insbesondere. Das hatte er spätestens am Schwarzen See verstanden. Albus hatte ihm keine Erklärung dafür gegeben. War nur ausgewichen. Wie immer.
Severus hatte daraufhin angenommen, dass Lucinda irgendeine persönliche Verbindung zu Potter besaß, die ihm verborgen blieb. Vielleicht war auch das falsch. Vielleicht ging es gar nicht ausschließlich um Potter. Vielleicht hatte Stonefield etwas erkannt, das sie davon überzeugte, dass Moody eine Gefahr für Potter darstellte. Und wenn das der Fall war—
Dann war ihr Sprung in den See möglicherweise nicht einfach ein weiterer Ausdruck ihres vollkommen unzureichenden Selbsterhaltungstriebs gewesen. Vielleicht hatte sie geglaubt, Potter müsse um jeden Preis am Leben bleiben.
Severus verlangsamte seine Schritte. Warum? Die Frage führte wieder an dieselbe Wand. Geheimnisse. Stonefield. Potter. Moody. Dumbledore. Und irgendwo dazwischen eine Wahrheit, die offenbar jeder kannte außer ihm.
Severus verzog den Mund. Eine leichte Übertreibung. Aber nur eine leichte. Er erinnerte sich erneut an Lucindas Gesicht nach Moodys Drohung. Ihre eiserne Ruhe. Die Art, wie sie behauptet hatte, alles sei in Ordnung. Und dann an den winzigen Moment danach. Als sie begriffen hatte, dass Severus sie nicht ausfragen würde.
Etwas hatte sich in ihrem Blick verändert. Nur für einen Augenblick. Überraschung. Vielleicht sogar—Vertrauen?
Severus verwarf den Gedanken beinahe reflexartig. Dann hielt er inne. Nein.
Genau das durfte er nicht mehr tun. Wenn er Albus' Rat tatsächlich befolgen wollte, konnte er nicht jedes Zeichen ignorieren, nur weil es ihm unangenehm war.
Er hatte Stonefield gestern nicht bedrängt. Heute hatte er ihr nicht nachgesetzt. Und offenbar war die Welt davon nicht untergegangen. Eine bemerkenswerte Entwicklung.
Severus' Mundwinkel zuckte kaum merklich. Vielleicht bestand Albus' vollkommen unerträglicher Rat tatsächlich nicht darin, gar nichts zu tun. Vielleicht bestand er darin, Lucinda zu zeigen, dass er da war—ohne sie gleichzeitig in eine Ecke zu treiben. Das war erheblich schwieriger.
Mit Einschüchterung kannte Severus sich aus. Geduld war ebenfalls kein Fremdwort. Vertrauen dagegen—
Seine Miene verdüsterte sich. Das war komplizierter. Aber wenn Stonefield tatsächlich einer Spur folgte, die zu Moody führte, und Moody inzwischen wusste, dass sie ihm gefährlich werden konnte, dann würde Severus eines ganz sicher nicht tun. Sie allein lassen. Nicht mehr.
Er würde ihr nicht folgen. Er würde sie nicht verhören. Er würde nicht versuchen, ihre Geheimnisse mit Gewalt aus ihr herauszubrechen. Aber er würde Moody beobachten. Und sollte der Mann Lucinda Stonefield noch einmal in einem verlassenen Korridor abfangen—
Severus' Blick wurde eisig. Dann konnte Alastor Moody selbst herausfinden, wie weit Severus Snapes neu entdeckte Geduld tatsächlich reichte.
***
Lucinda PoV
>>Nein.<< Ruby strich die nächste Möglichkeit durch.
Ich ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. >>Ich hasse Vielsafttrank.<<
>>Das sagst du jetzt zum siebten Mal.<<
>>Ich möchte sicherstellen, dass meine Haltung eindeutig ist.<<
>>Ist sie.<<
>>Gut.<<
Ich hob den Kopf wieder. Seit beinahe zwei Stunden saßen wir über Büchern.
Alchemistische Wechselwirkungen.
Transformationsmagie.
Gegenmittel.
Magische Katalysatoren.
Nichts davon half uns schnell genug.
>>Man kann die Wirkung nicht einfach mit einem Zauber beenden<<, sagte Ruby.
Ich brummte ungehalten. >>Offensichtlich.<<
>>Und wir können ihm schlecht den Trank wegnehmen und eine Stunde warten.<<
>>Warum nicht?<<
Ruby sah mich an. >>Weil Moody vermutlich bemerkt, wenn zwei Schülerinnen ihn entführen.<<
>>Du unterschätzt uns.<<
>>Ich versuche lediglich, einen Plan zu finden, bei dem wir anschließend noch zur Schule gehen dürfen.<<
>>Langweilig.<<
Ruby schnaubte. Ich sah wieder auf die Aufzeichnungen. Die dritte Aufgabe fand heute Abend statt. Mein Blick wanderte zur Uhr. Noch Zeit. Nicht viel. Aber genug. Wir mussten nur eine Möglichkeit finden. Irgendetwas.
>>Vielleicht müssen wir nicht den Vielsafttrank selbst angreifen<<, murmelte Ruby.
Ich sah auf. >>Sondern?<<
>>Die Verwandlung.<< Sie zog ein Buch heran. >>Vielsafttrank zwingt den Körper, eine fremde Gestalt anzunehmen. Wenn wir eine magische Reaktion auslösen könnten, die diese Stabilität stört—<<
Mein Gesicht hellte sich auf. >>Dann könnte die Tarnung zumindest kurz zusammenbrechen.<<
>>Vielleicht.<<
>>Vielleicht reicht mir<<, sagte ich entschlossen, aber Ruby war anderer Meinung,
>>Mir nicht.<<
>>Deshalb bist du Ravenclaw.<<
Ruby blätterte weiter. Ich stand auf. Mein Handgelenk kribbelte. Ich ignorierte es. Harry. Die dritte Aufgabe. Das Labyrinth. Tom.
>>Wir sollten bald zum Gelände<<, sagte Ruby.
>>Ich weiß.<<
>>Lucinda.<<
>>Noch nicht.<<
Sie sah mich an. >>Wenn deine Vision stimmt—<<
>>Dann dürfen wir nicht ohne etwas Brauchbares dort auftauchen.<<
>>Wir könnten Dumbledore warnen<<, schlug sie vor, aber das war mir zu riskant.
>>Und Moody erfährt womöglich davon.<<
Ruby schwieg. Das war unser größtes Problem. Wenn Moody tatsächlich Crouch Junior war und begriff, dass wir ihn enttarnt hatten, konnte er seinen Plan ändern. Oder verschwinden. Oder Harry etwas antun, bevor wir überhaupt wussten, was das eigentliche Ziel war.
Ich sah wieder zur Uhr. >>Wir haben noch Zeit.<<
Ruby folgte meinem Blick. Dann nickte sie widerwillig. >>Noch.<<
Ich setzte mich. Und wir arbeiteten weiter. Zumindest versuchten wir es.
Nach einer weiteren halben Stunde hatte Ruby drei Bücher gleichzeitig geöffnet, zwei Pergamente vollständig beschrieben und ich ungefähr fünf verschiedene Möglichkeiten verworfen, einen Vielsafttrank vorzeitig außer Kraft zu setzen. Keine davon gefiel mir.
Mein Blick glitt erneut zur Uhr. Dann zu meinem rechten Handgelenk. Das Brennen war längst verschwunden. Zurückgeblieben war nur dieses vertraute Kribbeln unter der Haut. Tom. So nah wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Und plötzlich kam mir eine Idee. Eine ausgesprochen schlechte Idee. Was vermutlich erklärte, weshalb ich sie überhaupt in Erwägung zog.
>>Wir könnten einen anderen Weg versuchen.<<
Ruby schrieb weiter. >>Wenn dieser Satz von dir kommt, gefällt mir der andere Weg vermutlich nicht.<<
>>Du weißt noch gar nicht, welchen ich meine.<<
>>Ich kenne dich. Das reicht.<<
Ich ignorierte das. >>Die Vision kam über meine Verbindung zu Tom.<<
Rubys Feder hielt inne. Nur ganz kurz. Dann schrieb sie weiter. >>Nein.<<
>>Ich habe noch gar nichts vorgeschlagen.<<
>>Doch.<< Jetzt hob sie den Kopf. >>Du hattest diesen Gesichtsausdruck schon früher.<<
>>Welchen Gesichtsausdruck?<<
>>Den, bei dem ich anschließend meistens erklären muss, weshalb etwas lebensgefährlich ist.<<
>>Du übertreibst.<< Ruby sah mich lediglich an. Ich seufzte. >>Na schön. Vielleicht ein wenig.<<
>>Was willst du tun?<<
Ich zog den Ärmel meines rechten Arms etwas zurück. Das Zeichen war kaum noch sichtbar. >>Kontakt aufnehmen.<<
Rubys Gesicht wurde schlagartig ernst. >>Mit wem?<<
Ich zog eine Augenbraue hoch. >>Mit wem wohl?<<
>>Lucinda.<<
>>Nur kurz.<<
>>Nein<<, lehnte sie entschieden ab.
>>Wenn die Verbindung stark genug war, mir diese Vision zu zeigen, könnte ich vielleicht versuchen, sie bewusst zu nutzen.<<
Ruby legte ihre Feder hin. >>Nein.<<
>>Vielleicht könnte ich herausfinden, was Tom vorhat. Wo er ist. Was Harry am Ende des Turniers erwartet.<<
>>Nein.<<
>>Du könntest mich zurückholen, wenn—<<
>> Nein.
Diesmal hallte das Wort durch das Klassenzimmer.
Ich verstummte. Ruby stand auf. >>Hast du vollkommen vergessen, warum du seit Jahrzehnten selbst im Schlaf deine Okklumentik aufrechterhältst?<<
>>Natürlich nicht.<<
>>Dann benimm dich auch so.<<
Ich funkelte sie an. >>Harry schwebt in Gefahr.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Und wir sitzen hier und lesen Bücher.<<
>>Weil die Alternative darin besteht, dass du deinem Bruder möglicherweise verrätst, dass du noch lebst!<<
Stille. Mein Blick fiel auf mein Handgelenk. Tom glaubte, mich vor mehr als fünfzig Jahren getötet zu haben. Die gesamte Welt glaubte, Lucinda Riddle sei damals gestorben. Und ich hatte alles dafür getan, dass selbst mein eigener Zwillingsbruder nie einen Grund bekam, daran zu zweifeln.
>>Er hat mit mir gesprochen<<, sagte ich schließlich.
Rubys Ausdruck wurde weicher. >>Das wissen wir nicht.<<
Ich sah scharf auf. >>Er hat meinen Namen gesagt.<<
Lucinda. Ich hörte seine Stimme noch immer. >>Er hat auf meine Fragen reagiert.<<
>>Oder deine Vision hat es so erscheinen lassen.<<
>>Das ist ein ziemlich großer Unterschied<<, entgegnete ich und Ruby richtete sich auf.
>>Genau deshalb solltest du nicht einfach deine geistigen Schutzmauern niederreißen, um herauszufinden, welcher von beiden Fällen zutrifft.<<
Ich schwieg. Ruby trat um den Tisch herum. >>Wir wissen nicht, was diese Vision genau war<<, sagte sie ruhiger. >>Du und Tom seid seit Jahrzehnten magisch miteinander verbunden. Jetzt wird er stärker. Seine Rückkehr steht offenbar unmittelbar bevor. Es ist durchaus möglich, dass diese Verbindung dadurch ebenfalls stärker wird.<<
Mein Blick fiel auf das Handgelenk. >>Also kann ich ihn wahrnehmen.<<
>>Ja.<<
>>Dann kann er vielleicht auch mich wahrnehmen.<<
Ruby zögerte. >>Vielleicht.<< Das gefiel mir nicht. >>Aber wahrnehmen bedeutet nicht erkennen<<, fügte sie sofort hinzu. Ich sah sie fragend an. >>Stell dir die Verbindung wie eine verschlossene Tür vor<<, erklärte sie. >>Etwas dringt inzwischen hindurch. Geräusche. Bilder. Gefühle. Vielleicht sogar einzelne Gedanken. Aber du hältst diese Tür seit Jahrzehnten von deiner Seite aus geschlossen.<<
>>Durch Okklumentik.<<
>>Genau. du bist.
Ich dachte an die Vision. An seine roten Augen. An seine Stimme.
Du kannst mich spüren.
Lucinda.
>>Es hat sich echt angefühlt.<<
>>Das glaube ich dir.<< Ruby legte eine Hand auf meinen Arm. >>Aber wenn Tom tatsächlich wüsste, dass du lebst, glaubst du ernsthaft, er würde es bei einer kryptischen Vision belassen?<<
Nein. Die Antwort kam sofort. Tom hatte mich ermordet, weil ich ihm gefährlich geworden war. Weil ich mich ihm entgegengestellt hatte. Weil er wusste, dass ich dieselbe Macht in mir trug wie er. Wenn er herausfand, dass ich seinen Mordversuch überlebt hatte—
Er würde nach mir suchen. Und Tom Riddle würde nicht ruhen, bevor er mich gefunden hatte. >>Nein<<, sagte ich leise.
>>Eben.<< Ruby ließ meinen Arm los. >>Dass du ihn gesehen und gehört hast, bedeutet nicht, dass er dich ebenfalls bewusst gesehen hat. Vielleicht hast du lediglich Gedanken aufgefangen, die durch eure Verbindung gedrungen sind. Dein Geist könnte daraus eine Vision geschaffen haben.<<
>>Und meinen Namen?<<
>>Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht ein Gedanke. Vielleicht hat er tatsächlich für einen Moment etwas gespürt, das ihn an dich erinnert hat.<< Ruby schüttelte den Kopf. >>Wir wissen es nicht. Und genau deshalb werden wir es nicht ausprobieren.<<
Ich verzog den Mund. >>Du wirst zunehmend herrisch.<<
>>Ich verbringe zu viel Zeit mit dir.<<
>>Offensichtlich.<<
Ich wandte mich ab und trat ans Fenster. Draußen lag das Hogwarts-Gelände friedlich da. Irgendwo jenseits der Mauern wartete Tom. Und am Abend würde Harry ein Labyrinth betreten, von dem ich inzwischen überzeugt war, dass es ihn irgendwie zu meinem Bruder führen sollte.
Die Versuchung war gewaltig. Nur für einen Augenblick. Die Mauern fallen lassen. Nach der Verbindung greifen. Tom finden. Vielleicht genügte eine Sekunde.
>>Lucinda.<<
Ich schloss die Augen. Verdammt. >>Ich weiß.<<
>>Sag es.<<
Ich drehte mich zu Ruby um. >>Was?<<
>>Dass du es nicht tust.<<
>>Du bist unmöglich.<<
>>Sag es.<<
Ich starrte sie an. Sie starrte zurück. Diese Frau kannte mich eindeutig zu gut. >>Ich werde keinen bewussten Kontakt zu Tom herstellen.<<
Ruby hob eine Augenbraue. >>Und?<<
>>Und meine Okklumentik aufrechterhalten.<<
>>Vollständig.<<
>>Ruby<<, gab ich zurück, aber ihre braunen Augen funkelten unnachgiebig.
>>Vollständig.<<
Ich verdrehte die Augen. >>Vollständig. Zufrieden?<<
>>Ein wenig.<<
>>Wie schön für dich.<< Ich kehrte zum Tisch zurück.
Ruby setzte sich ebenfalls. >>Lucinda.<< Ich sah auf. Diesmal war ihr Ausdruck ernst. >>Dass Tom nicht weiß, dass du lebst, ist vielleicht der größte Vorteil, den wir überhaupt noch besitzen.<< Ich antwortete nicht. >>Wenn er zurückkommt, wird sich ohnehin alles verändern. Wir wissen nicht, wie lange du deine Existenz dann noch vor ihm verbergen kannst. Aber solange es möglich ist, schenken wir ihm diese Information nicht freiwillig.<<
Ich sah auf das Pergament vor mir. Sie hatte recht. Ich hasste es, wenn sie recht hatte. >>Also gut.<< Ich zog eines der Bücher wieder zu mir. >>Dann nehmen wir eben den schwierigen Weg.<<
Ruby lächelte schwach. >>Das wäre zur Abwechslung etwas Neues.<< Ich trat ihr unter dem Tisch gegen das Schienbein. >>Autsch!<<
>>Konzentrier dich.<<
Sie rieb sich das schmerzende Bein. >>Das sagt ausgerechnet die Frau, die gerade Kontakt zu Voldemort aufnehmen wollte.<<
>>Ich habe meine Meinung geändert.<<
>>Nachdem ich dich dazu gezwungen habe<<, erinnerte sie mich, doch ich brummte nur.
>>Details.<<
Ruby schüttelte den Kopf und griff wieder nach ihrer Feder. Ich schlug die nächste Seite auf. Mein Handgelenk kribbelte noch immer. Diesmal ignorierte ich es bewusst. Tom durfte weiter glauben, dass seine Schwester seit mehr als fünfzig Jahren tot war. Noch.
Also richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann, der bereits innerhalb der Mauern von Hogwarts stand. Auf Moody. Oder vielmehr auf denjenigen, der sein Gesicht trug.
Vielleicht mussten wir nicht den Vielsafttrank selbst angreifen. Vielleicht genügte es, die Verwandlung zu destabilisieren. Und wenn wir dafür nur eine einzige Sekunde bekamen—
Eine Sekunde würde reichen. Denn eine Maske musste nicht lange fallen. Sie musste nur lange genug fallen, damit jemand sah, was darunter verborgen lag.
***
Severus PoV
Das Labyrinth dominierte das Gelände.
Hohe, dunkle Hecken erhoben sich dort, wo Monate zuvor noch freie Rasenfläche gewesen war. Von den Tribünen aus konnte man kaum mehr als die äußeren Begrenzungen erkennen. Severus mochte es nicht. Nicht, dass ihn irgendjemand gefragt hätte.
Die dritte Aufgabe war gefährlich. Das war beabsichtigt. Die Champions wussten es. Die Lehrer wussten es. Schutzmaßnahmen waren getroffen worden. Und trotzdem mochte Severus es nicht.
Vielleicht lag es an Potter. Vielleicht an Moody. Vielleicht an dem unangenehmen Gefühl, das ihn seit Tagen nicht mehr verlassen hatte.
Er stand etwas abseits der anderen Lehrer und beobachtete die Champions.
Diggory.
Delacour.
Krum.
Potter.
Alle vier wirkten angespannt. Potter besonders. Severus' Blick wanderte weiter.
Moody stand unweit von Dumbledore. Sein magisches Auge rotierte. Immer.
Severus hätte diesem Ding mittlerweile gern einen Fluch entgegen geschleudert. Stattdessen sah er zu den Tribünen.
Schüler drängten sich auf den Sitzreihen. Gryffindor war erwartungsgemäß laut. Hufflepuff ebenfalls. Ravenclaw—
Severus hielt inne. Sein Blick glitt über die Reihen. Noch einmal. Keine Chadwick.
Er sah zu Slytherin. Malfoy. Parkinson. Greengrass. Thornbloom. Stonefields Platz—leer.
Severus' Augen wurden schmal. Vielleicht verspätet. Stonefield hatte ein geradezu erstaunliches Talent, dort aufzutauchen, wo sie nicht sein sollte. Dass sie ausgerechnet bei einer offiziellen Schulveranstaltung fehlte, musste nichts bedeuten. Chadwick ebenfalls nicht. Beide zusammen dagegen—
Severus sah erneut zu Ravenclaw. Nichts. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Wo waren sie?
Er zwang seinen Blick zurück zu den Champions. Dumbledore sprach. Die Menge wurde ruhiger. Severus hörte nur mit halbem Ohr zu. Er suchte erneut die Tribünen ab. Keine Stonefield. Keine Chadwick. Was zum Teufel trieben diese beiden?
Früher hätte die Antwort für ihn gelautet:
Etwas, das sie vor mir verbergen wollen.
Jetzt dachte er etwas anderes.
Etwas, von dem sie glauben, dass es wichtiger ist als die dritte Aufgabe.
Das war schlimmer. Sehr viel schlimmer.
Severus' Blick glitt zu Moody. Der ehemalige Auror beobachtete die Champions. Oder zumindest schien es so. Das magische Auge drehte sich. Über die Tribünen. Über das Gelände. Zurück.
Severus beobachtete es. Einmal. Zweimal. Dann blieb es für einen winzigen Augenblick auf den Slytherin-Reihen liegen. Weiter zu Ravenclaw.
Severus wurde vollkommen still. Zufall. Es konnte Zufall sein. Dieses verdammte Auge bewegte sich ständig. Dann wanderte Moodys normales Auge zurück zum Labyrinth. Keine sichtbare Reaktion. Keine Überraschung. Nichts. Zu ruhig.
Severus sah zu Dumbledore. Sollte er etwas sagen?
Albus, zwei Schülerinnen fehlen bei der dritten Aufgabe und Moody hat die Tribünen angesehen.
Ausgesprochen überzeugend. Severus verzog kaum merklich den Mund. Nein. Er brauchte mehr.
Das Signal für den ersten Champion ertönte. Diggory betrat das Labyrinth. Die Hecken verschluckten ihn. Applaus. Dann Krum. Delacour. Schließlich Potter.
Severus beobachtete ihn. Der Junge stand vor dem Eingang. Für einen Moment wirkte er erschreckend jung. Dann hob er den Zauberstab und ging hinein. Die Hecken schlossen sich hinter ihm.
Der Jubel der Menge schwoll an. Severus hörte kaum hin. Sein Blick lag auf Moody. Der Mann beobachtete das Labyrinth. Konzentriert. Ruhig. Fast zu ruhig.
Dann wieder die Tribünen. Zwei leere Plätze, die eigentlich keine Bedeutung haben sollten. Und plötzlich hatte Severus das dringende Bedürfnis, Stonefield augenblicklich vor sich stehen zu haben.
Nicht um sie auszufragen. Nicht um endlich ihre Geheimnisse zu erfahren. Sondern damit er wusste, wo sie war.
Severus' Kiefer spannte sich an. Was haben Sie herausgefunden?
Denn daran zweifelte er inzwischen nicht mehr. Stonefield und Chadwick waren nicht zufällig abwesend. Sie verfolgten eine Spur. Und wenn diese Spur zu Moody führte—
Severus' Blick wurde hart. Er sah zurück zum Labyrinth. Potter war längst verschwunden. Die hohen Hecken standen regungslos da. Daneben Alastor Moody. Wartend.
Severus wusste nicht, worauf. Noch nicht. Aber sein Instinkt, den er über viele Jahre hinweg zu ignorieren gelernt hatte und der ihn trotzdem erstaunlich selten im Stich gelassen hatte, schrie inzwischen so laut, dass er ihn kaum noch überhören konnte. Etwas stimmte nicht. Nein. Das war zu harmlos.
Severus blickte ein letztes Mal zu den leeren Plätzen von Stonefield und Chadwick. Dann zum Labyrinth. Etwas hatte bereits begonnen.
Und ausgerechnet die beiden Personen, die ihm vielleicht hätten sagen können, was es war, befanden sich irgendwo im Schloss und suchten nach derselben Antwort.