Masken müssen fallen
Masken müssen fallen
Hallo, meine Lieben. Es geht weiter und heute kommt es zum Showdown :D Das bedeutet: es wird spannend. Deshalb wünsche ich euch auch viel Spaß beim Weiterlesen. Am Sonntag geht es dann in die nächste Runde.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 45 Masken müssen fallen
Lucinda PoV
Die Zeit verging. Viel zu schnell. Und gleichzeitig überhaupt nicht.
Ich wusste nicht mehr, wie viele Seiten ich gelesen hatte. Irgendwann verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen zu bedeutungslosen schwarzen Linien. Ruby schrieb noch immer.
>>Hier.<< Ich schob ihr ein Buch hin.
Sie überflog die Seite. >>Das könnte funktionieren.<<
Ich richtete mich sofort auf. >>Wirklich?<<
>>Vielleicht.<<
>>Ruby.<<
>>Ich sage nicht ja, bevor ich es nicht überprüft habe.<<
Ein Seufzen entfuhr mir. >>Du bist unerträglich.<<
>>Und du willst einen experimentellen Zauber auf einen ehemaligen Auror anwenden. Einer von uns sollte vernünftig bleiben.<<
Ich beugte mich über ihre Schulter. Die Theorie war erstaunlich simpel. Vielsafttrank veränderte nicht nur das Äußere eines Menschen. Er zwang den Körper dazu, eine fremde magische Gestalt stabil aufrechtzuerhalten. Solange die Wirkung anhielt, hielt diese Struktur. Aber sie war nicht unantastbar.
Wenn man die magische Stabilität der Verwandlung für einen Augenblick störte und gleichzeitig einen Offenbarungszauber dagegen setzte—
>>Dann müsste die ursprüngliche Gestalt durchbrechen.<<, murmelte ich.
Ruby nickte. >>Für Sekunden. Vielleicht länger.<<
>>Sekunden reichen.<<
>>Uns.<<
Ich sah sie an. >>Was?<<
>> Uns reichen Sekunden.<< Sie tippte mit der Feder gegen das Pergament. >>Ich destabilisiere die Verwandlung. Du zwingst die ursprüngliche Gestalt hervor. Gleichzeitig.<<
Ein langsames Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. >>Wir haben ihn.<<
Ruby lächelte ebenfalls. >>Wir haben zumindest eine Möglichkeit.<<
>>Ruby.<<
>>Na schön.<< Sie atmete aus. >>Wir haben ihn.<<
Endlich. Nach all den Wochen. Nach dem Gift. Nach Crouch. Nach den gestohlenen Zutaten. Nach den Drohungen. Endlich würden wir diese verdammte Maske herunterreißen.
Ich griff nach meinem Zauberstab. Dann explodierte mein rechtes Handgelenk.
Ich schrie auf. Mein Zauberstab fiel klappernd auf den Tisch.
>>Lucinda!<< Ruby sprang auf.
Ich hörte sie kaum. Der Schmerz war anders. Stärker als zuvor. Viel stärker.
Meine Knie gaben nach. Ruby fing mich auf. >>Lucinda! Sieh mich an!<<
Ich konnte nicht. Das Klassenzimmer verschwand.
Erde. Feuchte, dunkle Erde. Mein Atem ging stoßweise.
Ich stand auf einem Friedhof. Diesmal wusste ich es sofort. Grabsteine ragten aus dem Boden. Nebel kroch zwischen ihnen hindurch. Der Himmel war schwarz. Und irgendwo—weinte jemand.
Nein. Kein Weinen. Ein Wimmern. Ich drehte mich um. >> Harry?<<
Keine Antwort. Dann sah ich einen Kessel. Groß. Schwarz. Unter ihm brannte Feuer. Eine Flüssigkeit brodelte darin. Ich wollte näher treten.
Die Vision sprang. Ein Messer. Silber blitzte. Eine Hand. Peter Pettigrews Hand. >> Nein...<<
Ein Schnitt. Blut. Das Bild zerbrach. Eine Stimme. Toms Stimme. Nicht deutlich.
Nicht vollständig. Nur einzelne Worte. Wie Fragmente, die durch eine zu schmale Öffnung drangen.
...des Dieners...
Dunkelheit. Dann ein Grabstein. Ich konnte die Inschrift nicht lesen. Etwas wurde aus der Erde gehoben. Weiß. Knochen. Mein Magen zog sich zusammen. Wieder Toms Stimme.
...des Vaters...
Das Bild sprang erneut. Harry. Diesmal sah ich ihn. Sein Gesicht. Blass. Verängstigt. Er konnte sich nicht bewegen. Etwas hielt ihn fest. >> Harry!<< Ich rannte auf ihn zu. Meine Hand ging durch ihn hindurch. Natürlich. Nur eine Vision. Verdammt. >> HARRY!<<
Er hörte mich nicht. Ein Arm erschien. Nicht seiner. Ein Messer. Harrys Arm. Seine Haut. Blut. >> Nein!<< Ich griff danach. Nichts.
Die Stimme kam wieder.
...des Feindes...
Mir wurde eiskalt.
Vater.
Diener.
Feind.
Drei Bestandteile. Drei Opfer. Ein Ritual. >> Tom...<<
Der Kessel begann zu brodeln. Heftiger. Die Flüssigkeit darin leuchtete. Etwas bewegte sich darin. Eine Gestalt. Noch unfertig. Noch nicht menschlich. Aber ich spürte sie. Meinen Bruder. >> Nein.<< Ich taumelte zurück. >> Nein, nein, nein—<<
Eine Hand griff über den Rand des Kessels. Lang. Blass. Lebendig.
Die Vision zerriss.
Ich kam mit einem Schrei zurück.
>>Lucinda!<<
Ruby kniete vor mir. Meine Hände lagen auf dem kalten Steinboden. Ich rang nach Luft. >>Was hast du gesehen?<<
Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht.
Vater. Diener. Feind.
Blut. Knochen. Fleisch.
Harry. Der Kessel. Tom.
>>Lucinda.<< Ruby packte mein Gesicht zwischen ihre Hände. >>Sieh mich an.<<
Ich zwang meinen Blick auf sie. >>Ein Ritual.<<
Rubys Gesicht verlor die Farbe. >>Was?<<
>>Er braucht Harry für ein Ritual.<<
Ich rappelte mich hoch. Meine Beine zitterten.
>>Lucinda, langsam—<<
>>Nein.<< Ich griff nach meinem Zauberstab. >>Wir müssen los.<<
>>Wir wollten erst—<<
>>Ruby, ich habe Harry gesehen!<< Sie verstummte. >>Auf dem Friedhof. Blut. Ein Kessel. Pettigrew. Tom.<< Meine Stimme überschlug sich beinahe. >>Er benutzt Harry für seine Rückkehr.<<
Ruby griff nach den Pergamenten. >>Dann gehen wir zu Dumbledore.<<
>>Und zu Moody.<<
>>Lucinda—<<, setzte Ruby an, doch ich unterbrach sie harsch.
>>Wir haben die Lösung.<< Ich deutete auf das Buch. >>Wenn wir recht haben, reißen wir ihm vor allen die Maske herunter. Dumbledore ist dort. Die Lehrer sind dort. Auroren sind dort. Er kann sich nicht herausreden.<<
Ruby nickte. >>Gut.<<
Wir rannten zur Tür. Ich riss sie auf. Der Korridor dahinter war leer. Zu leer. Keine Schüler. Keine Stimmen. Ich blieb stehen.
Ruby prallte beinahe in mich. >>Was ist?<<
Ich sah den Korridor entlang. Natürlich. Die dritte Aufgabe. Alle waren draußen.
Mein Blick schoss zu einer Uhr an der Wand. Und mein Herz setzte einen Schlag aus. >>Nein.<<
Ruby sah ebenfalls hin. >>Oh, nein.<<
Wir hatten uns verrechnet. Nicht bei der Magie. Nicht bei Moody. Bei etwas viel Einfacherem. Der Zeit.
>>Die Aufgabe hat angefangen.<<, flüsterte Ruby.
Ich konnte die Augen nicht von der Uhr nehmen. Ein Satz kam mir wieder in den Sinn. Meine eigene Stimme. So selbstsicher. So verdammt überzeugt.
Wir haben noch Zeit.
Nein. Hatten wir nicht. >>Harry ist schon im Labyrinth.<< Mein Handgelenk brannte erneut. Ich riss die Tür vollständig auf. >>Lauf!<<
Wir rannten. Durch leere Korridore. Treppen hinunter. An verlassenen Klassenzimmern vorbei. Meine Lunge brannte. Mein Handgelenk ebenfalls. Aber nichts davon war so schlimm wie die Bilder in meinem Kopf.
Harrys Blut. Pettigrews Messer. Der Kessel. Die blasse Hand. Des Feindes...
Tom brauchte Harry. Nicht irgendeinen Champion. Nicht irgendeinen Zauberer. Harry.
Deshalb der Feuerkelch. Deshalb die Aufgaben. Deshalb musste er weiterkommen. Jemand hatte ihn nicht in dieses Turnier gebracht, damit er starb. Jemand hatte dafür gesorgt, dass er das Ende erreichte . Und plötzlich verstand ich noch etwas.
Moody hatte Harry geholfen. Immer wieder. Hinweise. Unterstützung. Gelegenheiten. Er hatte ihn nicht beobachtet. Er hatte ihn vorbereitet .
>>Ruby!<<
>>Ich weiß!<<
Wir erreichten die Eingangshalle. Ich stieß die Türen auf. Abendluft schlug uns entgegen. In der Ferne erhoben sich die Tribünen. Und dahinter—das Labyrinth. Mein Herz sank. Die Aufgabe lief bereits. Harry war irgendwo zwischen diesen Hecken. Und der Mann, der ihn monatelang dorthin gelenkt hatte, stand vermutlich direkt davor.
Ich sah Ruby an. Sie hielt ihren Zauberstab bereits in der Hand. >>Zusammen?<<, fragte sie außer Atem.
Ich zog meinen. >>Zusammen.<<
Dann liefen wir los.
***
Wir waren zu spät. Dieser Gedanke hämmerte mit jedem Schritt durch meinen Kopf. Zu spät. Zu spät. Zu spät.
Ruby lief neben mir, ihre Atemzüge gingen genauso schnell wie meine, während wir über das weiträumige Gelände rannten.
Die Pergamente in meiner Tasche waren bedeutungslos geworden. Die Bücher. Unsere Berechnungen. Unsere verdammten Theorien. Wir hatten eine Möglichkeit gefunden. Endlich. Nur war Harry inzwischen im Labyrinth.
>>Schneller!<<, stieß ich hervor.
>>Ich laufe bereits!<< Mein rechtes Handgelenk kribbelte. Ich ignorierte es.
>>Lucinda!<< Ruby griff nach meinem Arm.
Ich blieb stehen. >>Was?<<
>>Wir machen das zusammen.<<
Ich sah sie an. >>Ruby—<<
>>Keine Alleingänge.<<
>>Dafür ist gerade wirklich nicht—<<, wollte ich ansetzen, aber ihr Blick war todernst.
>>Versprich es.<<
Ich starrte meine beste Freundin an. Dann nickte ich. >>Zusammen.<<
Ruby ließ mich los. Wir rannten weiter.
Je näher wir kamen, desto lauter wurde die Menge. Die Zuschauer konnten nicht sehen, was innerhalb des Labyrinths geschah. Trotzdem lagen Anspannung und Erwartung über den Tribünen. Niemand bemerkte uns zunächst. Gut.
Ich verlangsamte meine Schritte. Mein Blick suchte die Lehrer. Dumbledore. McGonagall. Professor Snape. Und—Moody. Da war er. Am Rand des Labyrinths.
Holzbein. Vernarbtes Gesicht. Magisches Auge. Alastor Moody. Nein. Nicht mehr.
Mein Blick traf Ruby. Sie nickte. Wir hatten es oft genug durchgesprochen. Die Wirkung des Vielsafttranks selbst konnten wir nicht einfach beenden. Aber die magische Stabilität der Verwandlung—Die ließ sich stören. Zumindest theoretisch.
Ruby hatte die Grundlage gefunden. Ich hatte daraus einen Zauber gemacht. Nicht besonders elegant. Nicht erprobt. Und vermutlich hätte Professor Flitwick mir für diese Art experimenteller Zauberei mehrere Stunden Vortrag gehalten. Falls wir den heutigen Abend überlebten, durfte er das gern tun.
Ich zog meinen Zauberstab. >>Bereit?<<, fragte Ruby.
>>Nein.<<
>>Gut. Ich auch nicht.<<
Wir gingen weiter. Nicht zu den Tribünen. Auf die freie Fläche. Die ersten Schüler bemerkten uns. Gespräche verstummten. Weitere Köpfe drehten sich.
Ich sah nur Moody.
Sein magisches Auge rotierte. Blieb stehen. Auf mir. Sein Gesicht veränderte sich. Nur ganz leicht. Aber ich sah es. Er hatte verstanden.
>>Miss Stonefield!<< McGonagalls Stimme. Ich ging weiter. >>Miss Stonefield, was tun Sie da?<<
Moody griff nach seinem Zauberstab. Ruby hob ihren.
>>Nicht.<<, sagte ich.
Moody erstarrte. >>Was soll das werden?<< Seine Stimme klang rau. Vertraut. Perfekt.
Ich blieb einige Meter vor ihm stehen. >>Es ist vorbei.<<
Sein normales Auge wurde schmal. >>Wovon reden Sie?<<
>>Sie wissen genau, wovon ich rede.<<
Dumbledore trat vor. >>Lucinda.<<
Allein daran, dass er meinen Vornamen benutzte, erkannte ich den Ernst seiner Stimme. Ich sah ihn nicht an. >>Vertrauen Sie mir.<<
Hinter Moody erschien Professor Snape. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Nur seine Augen waren es nicht. Sie lagen auf mir. Dann auf Moody.
>>Eine ausgesprochen interessante Aufforderung, Stonefield.<<, sagte Moody.
>>Von Ihnen möchte ich kein Vertrauen.<<
>>Was wollen Sie dann?<<
Ich hob den Zauberstab. >>Ihr Gesicht.<<
Ein Raunen ging durch die Zuschauer. Moody lachte. >>Mein Gesicht?<<
>>Das, das Ihnen gehört.<<
Sein Lachen verstummte. Da. Endlich. Angst. Nur ein Funken. Aber ich sah ihn. Ruby ebenfalls. >>Jetzt!<<
Ruby schleuderte ihren Zauber. Silbernes Licht traf Moody mitten in die Brust. Er taumelte zurück. Sein Zauberstab fuhr hoch. Zu spät. Ich spürte Rubys Magie. Die Destabilisierung. Die fremde Verwandlung bäumte sich dagegen auf.
Ich richtete meinen Zauberstab auf sein Gesicht. >> Revela corpus ! <<
Der Zauber traf. Moody schrie. Sein magisches Auge rotierte wild. Seine Hände griffen nach seinem Gesicht. Etwas bewegte sich darunter. Die Haut—flackerte.
Ein Aufschrei ging durch die Tribünen. Das Holzbein gab nach.
Moody stürzte auf ein Knie. >>Was zum—<<
McGonagall verstummte. Ich hielt den Zauber. Meine Hand begann zu zittern.
>>Lucinda!<<, rief Ruby.
>>Ich hab ihn!<<
Die fremde Magie wehrte sich. Vielsafttrank. Stark. Stabil. Immer wieder erneuert. Aber nicht unzerstörbar. Ich presste die Zähne zusammen. >>Runter mit der verdammten Maske.<<
Noch einmal bäumte sich die Verwandlung auf. Dann brach sie. Das vernarbte Gesicht verzerrte sich. Die Nase veränderte sich. Die Haut wurde glatt. Das graue Haar zog sich zurück. Der Körper schrumpfte. Das magische Auge fiel zu Boden. Das Holzbein verschwand. Und dort, wo wenige Sekunden zuvor Alastor Moody gekniet hatte—kniete ein anderer Mann.
Jünger. Blass. Dunkles Haar. Ich kannte dieses Gesicht. Aus meiner Vision.
Ruby sog scharf die Luft ein. >>Barty.<<
Ich senkte langsam meinen Zauberstab. >>Crouch Junior.<<
Für einen einzigen Moment war Hogwarts vollkommen still. Dann brach die Hölle los. Schüler schrien. Lehrer zogen ihre Zauberstäbe. McGonagall wurde kreidebleich. Dumbledore bewegte sich so schnell, dass ich ihn kaum wahrnahm.
Mehrere Zauberstäbe richteten sich auf Crouch. Professor Snape trat auf die freie Fläche. Sein Gesicht—
Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Nicht wütend. Das wäre harmlos gewesen. Er sah aus, als müsste er sich aktiv daran erinnern, dass Mord auf dem Schulgelände vermutlich gegen irgendeine Vorschrift verstieß.
Crouch hob langsam den Kopf. Und lächelte. >>Na endlich.<<
Ich starrte ihn an. >>Sie.<<
>>Ich.<< Seine Stimme war anders. Nicht mehr Moodys Knurren. Jünger. Fast erleichtert. Als wäre es angenehm, die Rolle endlich ablegen zu dürfen.
>>Wo ist der echte Moody?<<, verlangte Dumbledore.
Crouch lachte. >>Lebendig. Vermutlich.<<
Dumbledores Gesicht verhärtete sich. >>Wo?<<
>>Oh, Albus.<< Crouch schüttelte den Kopf. >>Sie haben größere Probleme.<<
Sein Blick wanderte zum Labyrinth. Harry. Mein Herz schlug schneller. >>Was haben Sie mit Harry vor?<<
Crouchs Augen fanden mich wieder. >>Stonefield.<< Er sprach meinen Namen beinahe genüsslich aus. >>Sie waren wirklich lästig.<<
>>Das höre ich häufiger.<<
>>Vom ersten Tag an. Immer diese Fragen. Dieses Herumschnüffeln.<< Er neigte den Kopf. >>Sie hätten einfach eine gewöhnliche Schülerin sein können.<<
Ich lächelte kalt. >>Mein Fehler.<<
>>Allerdings.<< Sein Blick wanderte über meine Schulter. Zu Snape. Und sein Lächeln wurde breiter. >>Aber wissen Sie, Professor...ich muss Ihnen ein Kompliment machen.<< Snape sagte nichts. >>Ihr Gegengift war ausgezeichnet.<<
Mein Körper wurde eiskalt. Snape ebenfalls.
Ruby flüsterte: >>Nein.<<
Crouch lachte. >>Schade eigentlich. Der Giftanschlag hätte mir einiges erspart, wäre er erfolgreich gewesen.<<
Stille. Ich hörte nichts mehr. Nicht die Schüler. Nicht Ruby. Nicht Dumbledore. Nur diesen einen Satz. Der Giftanschlag. Er. Er hatte mich vergiftet. Er hatte versucht, mich zu töten. Weil ich ihm im Weg gewesen war.
Crouch sah Snape an. >>Sie haben sich wirklich Mühe gegeben, sie zu retten.<<
Severus' Zauberstab hob sich. >>Noch ein Wort.<< Leise. Gefährlich.
Crouch grinste. >>Oh. Da ist es wieder.<< Sein Blick sprang zwischen uns hin und her. >>Diese bemerkenswerte Sorge.<<
Etwas in mir riss. Nicht wegen des Gifts. Nicht wegen seiner Worte über Snape. Wegen Harry. Wegen Tom. Wegen der vergangenen Monate. Wegen Crouch Senior. Wegen allem.
Meine Magie explodierte. Ich hob den Zauberstab nicht. Ich dachte keinen Spruch. Ich wollte nur, dass Crouch weg war. Er wurde vom Boden gerissen.
Schreie. Sein Körper flog rückwärts. Mit voller Wucht prallte er gegen die Hecke. Die Zweige bebten. Crouch keuchte.
Ich hob meine Hand. Er blieb dort. Festgepresst. Mein Zauberstab hing nutzlos an meiner Seite. Niemand sagte etwas. Ich ging auf ihn zu. Langsam. Meine Magie pulsierte durch meinen Körper. Heiß. Wild. Viel zu stark. Crouchs Lächeln war verschwunden.
>>Lucinda.<< Rubys Stimme.
Ich hörte sie kaum. Ich blieb vor Crouch stehen. >>Wo ist er?<<
Sein Gesicht verzerrte sich. >>Wer?<<
Ich verstärkte den Druck. Er keuchte. >>Wo. Ist. Er?<<
>>Stonefield!<< McGonagall. Ich ignorierte sie.
>>Wo ist Harry Potter?<<, verlangte Dumbledore.
Harry? Nein. Ich fragte nicht nach Harry.
Mein Handgelenk begann zu brennen. Heftiger. Stärker. Tom. Ich trat näher.
Crouch sah auf meinen rechten Arm. Nur einen Moment. Dann wieder in mein Gesicht. Und plötzlich—lächelte er. Er wusste etwas.
>>Wo ist er?<<, flüsterte ich.
Nicht Harry. Tom .
Crouchs Augen glänzten. >>Sie haben keine Ahnung.<<
Das Brennen explodierte. Ich zuckte zusammen. Nein. Nicht jetzt. Ich umklammerte mein Handgelenk. Der Schmerz schoss meinen Arm hinauf.
>>Hör auf.<<, presste ich hervor.
Ruby kam auf mich zu. >>Lucinda!<<
>>Nicht!<<
Ich schloss die Augen. Tom drängte gegen meine Wahrnehmung. Stärker als jemals zuvor. Ich sah Dunkelheit. Einen Friedhof. Feuer. Harry. Nein.
Ich zwang meine geistigen Mauern hoch. Okklumentik. Schicht um Schicht.
>>Du bekommst mich nicht.<<, flüsterte ich. Der Schmerz wurde schlimmer. Ich keuchte. Meine Knie drohten nachzugeben. Nein. Ich presste die linke Hand über das Zeichen. >>Aufhören.<<
Meine Magie bäumte sich auf. Nicht gegen Crouch. Gegen die Verbindung. Gegen das Brennen. Gegen meinen Bruder. >>Ich sagte—<< Ich riss die Augen auf. >> AUFHÖREN! <<
Der Schmerz brach ab. Sofort. Ich taumelte. Ruby fing meinen Arm. Crouch rutschte an der Hecke etwas tiefer. Meine Konzentration war gebrochen.
Auroren stürmten auf die freie Fläche. Endlich.
Sie umringten Crouch. Zauberstäbe auf ihn gerichtet. Einer riss seine Arme nach hinten. Ein anderer beschwor magische Fesseln.
Ich ließ Ruby mich stützen. >>Harry.<<, sagte sie.
Ich sah zum Labyrinth. Nichts. >>Wir müssen ihn holen.<<
Dumbledore wandte sich bereits den Hecken zu. Dann begann Crouch zu lachen.
Leise zuerst. Dann lauter. Alle sahen ihn an.
>>Was ist daran komisch?<<, fauchte McGonagall.
Crouch hob den Kopf. >>Ihr seid zu spät.<<
Mein Herz blieb stehen. >>Was?<<
>>Ihr könnt nichts mehr verhindern.<< Er lachte weiter. >>Es ist längst geschehen.<<
Nein. Mein Handgelenk—
Ich sah hinunter. Für einen einzigen Augenblick war da nichts. Kein Schmerz. Kein Brennen. Nur Stille. Dann kam es. Macht. Sie traf mich wie eine Welle. Mein Rücken bog sich durch und sämtliche Luft wurde aus meinen Lungen gepresst.
>>Lucinda!<< Ruby griff nach mir.
Ich taumelte aus ihrem Halt. Die Welt um mich herum verschwamm. Die Tribünen. Das Labyrinth. Die Lehrer. Crouchs wahnsinniges Lachen. Alles trat zurück. Denn ich kannte diese Magie. Ich kannte sie besser als jede andere auf dieser Welt. Dieselbe Grundlage. Dasselbe Potential. Dasselbe Blut. Meine Magie. Und doch nicht meine. Dunkler. Kälter. Verdorben durch Jahrzehnte von Magie, die ich niemals berührt hätte. Aber vollständig.
Zum ersten Mal seit mehr als fünfzig Jahren war da kein Echo. Kein Schatten. Kein körperloser Rest. Er war da . Mein Bruder. Mein rechtes Handgelenk flammte auf. Ich schrie.
Ruby packte meinen Arm. >>Was passiert mit dir?!<<
Ich konnte ihr nicht antworten. Etwas riss an der Verbindung. Gewaltiger als jemals zuvor. Meine Okklumentik bäumte sich dagegen auf, aber diesmal ging es nicht um Gedanken. Nicht um Erinnerungen. Es war seine bloße Existenz.
Tom hatte einen Körper. Tom lebte. Tom—Nein.
>>Nein...<< Ich schüttelte den Kopf. Meine Knie gaben beinahe nach.
Ruby hielt mich. >>Lucinda!<<
Ich sah sie an. Und in diesem Augenblick wusste sie es. Noch bevor ich etwas sagte. Ich sah es in ihren Augen. Pure Erschütterung.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe. Ihre Finger verkrampften sich um meinen Arm.
>>Nein.<<, flüsterte sie.
Sie hatte verstanden. Natürlich hatte sie verstanden. Niemand kannte diese Verbindung besser als Ruby. Niemand außer ihr wusste, was es bedeutete, wenn ich meinen Bruder plötzlich mit einer solchen Macht spürte.
Ich riss den Kopf zum Labyrinth herum. Harry. Zu spät. Wir waren zu spät. Die Erkenntnis zerriss den letzten Rest meiner Beherrschung.
>>ER KOMMT ZURÜCK!<<
Meine Stimme hallte über das gesamte Gelände. Crouchs Lachen verstummte. Die Gespräche auf den Tribünen erstarben. Hunderte Gesichter drehten sich zu mir. Schüler. Lehrer. Auroren. McGonagall starrte mich an. Professor Snape ebenfalls. Selbst Dumbledores Gesicht wurde vollkommen ernst.
Niemand bewegte sich. Niemand schien zu verstehen. Nur Ruby.
Ruby stand neben mir und sah mich an, als wäre gerade einer ihrer schlimmsten Albträume Wirklichkeit geworden. >>Lucinda...<<
Ich hörte kaum mehr als ihren Namen für mich. Die Verbindung spannte sich erneut. Diesmal mit solcher Gewalt, dass ein erstickter Laut meine Kehle verließ. Meine Hand fuhr an mein rechtes Handgelenk. Tom.
Ich konnte ihn spüren. Seine Macht. Seinen Körper. Seinen Triumph.
>>Er ist zurück.<<, brachte ich hervor.
Leiser diesmal. Fast tonlos. Aber Ruby hörte es. Und ihr Gesicht zerbrach. Dann—ein Geräusch. Wie Luft, die auseinandergerissen wurde. Etwas erschien vor dem Labyrinth. Der Pokal. Zwei Körper. Einer bewegte sich. Einer nicht.
Harry Potter fiel ins Gras. Neben ihm lag Cedric Diggory. Still. Vollkommen still.
Für einen Herzschlag geschah gar nichts. Dann schrie jemand. >>CEDRIC!<<
Und die Welt versank im Chaos.
Die Tribünen explodierten. Menschen sprangen auf. Lehrer rannten los. Dumbledore. McGonagall. Amos Diggorys Stimme zerriss die Nacht. Harry klammerte sich an Cedrics Körper. Ich stand einfach da. >>Nein.<<
Ruby hielt mich fest. >>Lucinda—<<
>>Nein.<<
Cedric bewegte sich nicht. Harry lebte. Cedric nicht. Und Tom—Tom lebte ebenfalls. Ich hatte es gespürt. >>Ich war zu spät.<<
>>Lucinda.<<
>>Ich wusste es.<< Meine Stimme brach. >>Ich habe es gesehen.<<
>>Das ist nicht deine Schuld.<<
>>Ich wusste es!<<
Die Welt begann sich zu drehen. Doch dann hörte ich einen Schrei.
>>POTTER!<<
Ich fuhr herum. Crouch.
***
Severus PoV
Chaos.
Severus hasste Chaos. Chaos bedeutete Unberechenbarkeit. Und innerhalb weniger Sekunden war das Gelände vollständig darin versunken. Diggory war tot. Potter schrie irgendetwas. Dumbledore rannte zu ihm. Schüler versuchten von den Tribünen zu kommen. Auroren brüllten Befehle. Stonefield stand kaum noch aufrecht. Und Bartemius Crouch Junior—bewegte sich.
Severus sah es zu spät. Eine der magischen Fesseln brach. Crouch rammte einem Auror die Schulter gegen die Brust. Der Mann taumelte. Ein zweiter griff nach ihm. Crouch riss sich los. >>POTTER!<<
Severus' Zauberstab fuhr hoch. Crouch stieß McGonagall zur Seite. Ein Auror ging zu Boden. Zu viele Menschen. Keine freie Sicht. >>Aus dem Weg!<<
Crouch rannte. Direkt auf Potter zu. Severus bewegte sich. Dann geschah etwas, das ihn mitten im Schritt stoppen ließ. Stonefield hob den Kopf. Sie stand mehrere Meter entfernt.
Chadwick hielt noch immer ihren Arm. Lucinda war kreidebleich. Ihre Beine zitterten. Ihr Zauberstab—lag im Gras. Severus sah ihn. Deutlich. Stonefield ebenfalls. Sie griff nicht danach.
Crouch war beinahe bei Potter. Lucinda hob lediglich eine Hand. Und Crouch blieb stehen. Nicht verlangsamte. Nicht stolperte. Blieb stehen. Mitten in der Bewegung. Seine Füße lösten sich vom Boden.
Severus' Atem stockte. Crouch wurde in die Luft gerissen. Ein erwachsener Mann. Wie schwerelos. Schreie erklangen. Stonefields Finger zitterten. Ihr Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Aber sie hielt ihn. Ohne Zauberstab. Ohne Spruch. Ohne sichtbare Form eines Zaubers, die Severus kannte.
Crouch hing mehrere Fuß über dem Boden. Dann drehte Lucinda ihn. Langsam. Bis er ihr direkt ins Gesicht sah. Ihre Blicke trafen sich. Und Severus sah etwas in Lucindas Augen, das er dort noch nie gesehen hatte.
Macht. Nicht Talent. Nicht Begabung. Nicht die außergewöhnliche Präzision, mit der sie selbst schwierigste Zaubertränke beherrschte. Macht. Roh. Ungebändigt. Alt.
Severus kannte mächtige Zauberer. Er hatte neben Albus Dumbledore gestanden. Er hatte vor dem Dunklen Lord gekniet. Er wusste, wie sich große Magie anfühlte. Das hier—
Das hier hätte nicht in einem Mädchen ihres vermeintlichen Alters existieren dürfen. Crouch wusste es ebenfalls. Zum ersten Mal an diesem Abend sah Severus echte Angst in seinem Gesicht.
Lucinda sagte nichts. Sie musste nicht. Ihre Hand bewegte sich. Nur einmal. Crouch flog. Sein Körper wurde quer über die freie Fläche geschleudert. Fort von Potter. Fort von Diggory. Fort von den Schülern. Er schlug hart auf dem Boden auf und rutschte mehrere Meter über das Gras.
Diesmal waren die Auroren schneller. Drei Zauber trafen ihn gleichzeitig. Fesseln schlangen sich um seinen Körper. Sein Zauberstab flog davon. Crouch blieb liegen.
Severus sah nicht länger zu ihm. Sein Blick war bereits bei Lucinda. Sie stand noch. Für eine Sekunde. Vielleicht zwei. Dann knickten ihre Knie ein.
>>Lucinda!<< Er wusste nicht, wann er begonnen hatte zu laufen. Nur, dass Chadwick sie nicht rechtzeitig auffangen konnte. Severus erreichte sie in dem Moment, in dem ihr Körper nach vorne sackte. Sein Arm schlang sich um sie. Viel zu leicht. Viel zu kalt. >>Stonefield.<< Keine Reaktion. >>Lucinda.<<
Ihre Augen öffneten sich einen Spalt. Nicht richtig. >>Er ist zurück.<<, flüsterte sie.
Severus erstarrte.
Um sie herum tobte das Chaos weiter. Diggory. Potter. Crouch. Schreie. Dumbledore. Doch Severus hörte plötzlich nur diese drei Worte.
Er sah hinüber zu Harry. Der Junge lag neben Cedrics Körper. Blut. Schlamm. Entsetzen.
Dann zurück zu Lucinda. Ihr Kopf sank gegen ihn. Bewusstlos. Severus hielt sie fester. Und irgendwo tief in seinem linken Unterarm begann eine alte, verhasste Narbe zu brennen.
Sein Blick schoss hinunter. Das Dunkle Mal. Schwarz. Deutlich. Lebendig. Nein.
Severus hob langsam den Kopf. Lucinda hatte es gewusst. Noch bevor Potter zurückgekehrt war. Noch bevor irgendjemand etwas gesagt hatte. Sie hatte es gespürt . Er kommt zurück.
Nicht Potter. Nicht Crouch. Der Dunkle Lord.
Severus blickte auf die bewusstlose junge Frau in seinen Armen. Auf das Mädchen, das gerade einen erwachsenen Todesser ohne Zauberstab durch die Luft geschleudert hatte. Auf das Mädchen, das Alastor Moody seit Monaten misstraut hatte. Das Potter mit einer geradezu unerklärlichen Verbissenheit beschützte. Das Geheimnisse besaß, die selbst Albus Dumbledore vor ihm verborgen hielt.
Und zum ersten Mal seit Lucinda Stonefield Hogwarts betreten hatte, stellte Severus sich nicht mehr die Frage, ob sie etwas vor ihm verbarg. Nur noch eine.
Wer zum Teufel war Lucinda Stonefield wirklich?