Bitteres Ende
Bitteres Ende
Hallo, meine Lieben :) Vielen Dank für den neunten Stern *-*. Ich hoffe, ihr habt ein schönes Wochenende und seid in Leselaune, denn es geht weiter. Und nach dem brisanten Showdown findet das vierte Schuljahr ein „Bitteres Ende“. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen. Morgen geht es wieder weiter und dann starten wir in die Sommerferien ;)
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 46 Bitteres Ende
Lucinda PoV
Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich es.
Tom war zurück. Keine Vision. Kein Traum. Kein feuriges Brennen an meinem Handgelenk. Ich brauchte nichts davon mehr. Er war einfach da.
Wie eine zweite Präsenz am äußersten Rand meines Bewusstseins. Weit entfernt, verborgen hinter den Mauern meiner Okklumentik und doch unübersehbar. Jahrelang hatte ich nur ein Echo gespürt. Einen Schatten. Den körperlosen Rest eines Mannes, der sich selbst so sehr vor dem Tod gefürchtet hatte, dass er aufgehört hatte, wirklich zu leben. Jetzt war die Leere gefüllt. Mein Bruder hatte wieder einen Körper.
Ich öffnete die Augen. Die weiße Decke des Krankenflügels begrüßte mich. Natürlich. Langsam drehte ich den Kopf. Ruby saß neben meinem Bett.
Die Beine übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt, den Kopf gegen die Wand gelehnt. Sie schlief. Zumindest hatte sie geschlafen. >>Du starrst.<<
Ihre Augen blieben geschlossen. >>Du schläfst nicht.<<
>>Nicht mehr.<< Sie öffnete die Augen. Für einen Moment sagte keine von uns etwas. Dann richtete Ruby sich auf. >>Wie fühlst du dich?<<
>>Er ist zurück.<<
Ihr Gesicht veränderte sich. Keine Überraschung. Nur Schmerz. >>Ja.<<
Ich schloss die Augen. Ein einziges Wort. Mehr hatte es nicht gebraucht. >>Harry hat ihn gesehen?<<
>>Ja.<<
Meine Finger krallten sich in die Bettdecke. >>Er hat einen Körper.<<
>>Ja.<<
>>Das Ritual hat funktioniert.<< Ruby schwieg. Ich öffnete die Augen wieder. >>Und Cedric?<< Da war es. Dieses winzige Zögern. Ich kannte Ruby zu gut. >>Sag es.<<
>>Lucinda—<<
>>Sag es.<<
Ihre Stimme wurde leiser. >>Cedric ist tot.<<
Ich starrte an die Decke. Natürlich wusste ich es. Ich hatte seinen Körper gesehen. Still. Regungslos. Harry neben ihm. Und trotzdem hatte irgendein lächerlicher Teil von mir gehofft, mich geirrt zu haben. >>Wie?<<
>>Harry sagt, Pettigrew hat ihn getötet. Auf Voldemorts Befehl.<<
Meine Augen brannten. Ich blinzelte. Einmal. Zweimal. >>Ich wusste es.<< Ruby sagte nichts. >>Ich habe es gesehen.<<
>>Lucinda.<<
>>Den Friedhof. Den Kessel. Harry. Ich wusste, dass Tom ihn braucht.<<
Ich setzte mich auf. Zu schnell. Die Welt schwankte. Ruby griff nach meiner Schulter. >>Langsam.<<
>>Wir hätten gehen müssen.<<
>>Wir sind gegangen.<<
>>Früher.<<
>>Wir wussten nicht—<<
>>Ich wusste genug!<<
Meine Stimme hallte durch den Krankenflügel. Madam Pomfrey sah vom anderen Ende des Raumes herüber. Ruby ignorierte sie.
>>Ich wusste, dass Harry in Gefahr war. Ich wusste, dass Tom ein Ritual plante. Und was habe ich gemacht?<< Ich lachte bitter. >>Ich habe Bücher gelesen.<<
>>Wir haben versucht, Crouch zu enttarnen.<<
>>Wir haben Zeit verschwendet.<< Und dann hörte ich meine eigene Stimme. Wir haben noch Zeit. Mir wurde schlecht. >>Ich habe es sogar gesagt.<< Ruby schwieg. >>Wir haben noch Zeit.<<, wiederholte ich tonlos. Meine Hände begannen zu zittern. >>Hätten wir früher aufgehört—<<
>>Dann hätten wir Crouch vielleicht nicht enttarnt.<<
>>Dann wäre Cedric vielleicht noch am Leben<<, brachte ich hervor, woraufhin Ruby mich traurig ansah.
>>Oder Crouch hätte uns ausgeschaltet. Oder Harry wäre trotzdem auf diesem Friedhof gelandet. Oder wir wären zu Dumbledore gerannt, hätten eine Vermutung ausgesprochen und Crouch hätte seinen Plan geändert.<<
>>Das weißt du nicht.<<
>>Du auch nicht.<<
Ich sah sie an. Ruby hielt meinem Blick stand. >>Ein Junge ist tot.<<
>>Ich weiß.<<
>>Wegen Tom<<, sagte ich leise.
>>Ja.<<
>>Und ich sollte ihn aufhalten.<<
Rubys Gesicht verhärtete sich. >>Nein.<<
>>Ruby—<<
>>Nein. Diesmal nicht.<< Sie stand auf. >>Du wirst nicht wieder anfangen, jedes Opfer deines Bruders auf deine Schultern zu laden.<<
>>Ich hätte—<<, setzte ich an, als sie mich entschlossen ansah.
>>Dann gib mir die Hälfte.<<
Ich verstummte. >>Was?<<
>>Die Hälfte.<< Ruby streckte die Hand aus. >>Wenn du unbedingt Schuld verteilen möchtest, dann gib mir meine.<<
>>Das ist Unsinn.<<
Sie hob ihr Kinn leicht an. >>Warum?<<
>>Weil du nicht—<<
>>Ich saß neben dir.<< Sie trat näher. >>Ich habe dieselben Bücher gelesen. Ich habe dieselbe Uhr gesehen. Ich habe zugestimmt weiterzumachen. Ich bin mit dir zu spät zur dritten Aufgabe gekommen.<<
>>Ruby, das war nicht deine Entscheidung.<<
>>Ach, aber deine?<<
Ich öffnete den Mund. Nichts kam heraus.
>>Du kannst nicht jede Entscheidung, die wir gemeinsam treffen, nachträglich zu deiner alleinigen Verantwortung erklären, sobald etwas schiefgeht<<, erklärte Ruby, woraufhin ich sie vielsagend ansah.
>>Ich bin seine Schwester.<<
>>Und ich bin deine Freundin.<< Das saß. Ruby setzte sich wieder. >>Wir haben das zusammen begonnen.<<, sagte sie leiser. >>Damals. Und wir sind gestern zusammen zu spät gekommen.<< Ihre Hand legte sich auf meine. >>Und wir werden dafür sorgen, dass es nicht noch einmal passiert.<<
Ich sah auf unsere Hände. >>Zusammen?<<
Ruby drückte meine Finger. >>Bis zum Ende.<<
Ein bitteres Lächeln erschien auf meinen Lippen. >>Du weißt, was das Ende bedeutet.<<
>>Das wusste ich schon, als wir den Fluch erschaffen haben.<<
Ich sah sie an. Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Wir hatten es gemeinsam begonnen. Und wir würden es gemeinsam beenden.
***
Harry war wach.
Das erfuhr ich am Nachmittag. Madam Pomfrey hatte mir unter lautstarkem Protest gestattet aufzustehen, nachdem ich ihr ungefähr zehnmal versichert hatte, dass ich nicht vorhatte, einen weiteren erwachsenen Todesser ohne Zauberstab über das Schulgelände zu schleudern. Zumindest heute nicht.
Harry saß einige Betten entfernt. Er sah schlecht aus. Nicht körperlich. Madam Pomfrey hatte sich darum gekümmert. Es waren seine Augen.
Ich kannte diesen Blick. Den Blick eines Menschen, der etwas gesehen hatte, das nicht mehr aus seinem Kopf verschwinden würde. Ich blieb zunächst stehen. Distanz. Ich hatte sie all die Monate bewusst gewahrt. Nicht, weil ich Harry nicht mochte. Gerade deshalb. Je weniger er mit mir zu tun hatte, desto besser. Zumindest hatte ich das geglaubt. Jetzt war Tom zurück. Und Harry war längst mitten in diesem Krieg.
Ich ging zu ihm. >>Hallo.<<
Harry sah auf. >>Hallo.<<
Großartige Unterhaltung. Ich deutete auf den Stuhl. >>Darf ich?<<
Er nickte. Ich setzte mich. Eine Weile schwiegen wir.
>>Wie geht es dir?<<, fragte ich schließlich.
Harry zuckte mit den Schultern. Eine vollkommen nutzlose Antwort. Also eine ehrliche. >>Mir auch.<<
Das brachte zumindest den Ansatz eines Lächelns hervor. Dann verschwand es wieder. Harry sah auf seine Hände. >>Cedric hätte nicht sterben müssen.<<
Mein Herz zog sich zusammen. >>Nein.<<
>>Er war nur da.<<
Ich wusste es. Das war vielleicht das Schlimmste. Cedric war nicht das Ziel gewesen. Kein alter Feind meines Bruders. Kein Teil irgendeiner Prophezeiung. Kein Hindernis. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Und Tom hatte entschieden, dass das genügte.
>>Es war nicht deine Entscheidung.<<, sagte ich.
Harry lachte bitter. >>Alle sagen das.<<
Ich verstummte. Interessant. Genau dasselbe versuchte Ruby seit Stunden mir einzureden. Vielleicht waren Harry und ich beide hervorragend darin, anderen eine Gnade zuzugestehen, die wir uns selbst verweigerten.
>>Dann haben vielleicht ausnahmsweise alle recht.<<
Harry sah mich an. >>Er wäre nicht dort gewesen, wenn ich nicht—<<
>>Harry.<< Meine Stimme ließ ihn verstummen. >>Cedric wurde ermordet. Du hast ihn nicht getötet.<< Die Worte schmeckten seltsam. Vielleicht sollte ich sie mir selbst ebenfalls irgendwann glauben.
Harry sah wieder weg. Dann runzelte er die Stirn. >>Du wusstest es.<<
Ich erstarrte. >>Was?<<
>>Dass er zurückkommt.<<
Natürlich.
ER KOMMT ZURÜCK!
Ich hatte es vor der halben Schule geschrien. Diskretion war in diesem Moment nicht gerade meine größte Stärke gewesen. >>Ja.<<
Harrys Kopf fuhr herum. Offenbar hatte er mit einer Ausrede gerechnet. >>Woher?<<
Da war sie. Die Frage, die ich nicht beantworten konnte. Nicht jetzt. Vielleicht eines Tages. >>Es gibt Dinge über mich, die ich dir noch nicht erklären kann.<<
Harrys Gesicht verschloss sich. >>Das sagen Erwachsene ständig.<<
Trotz allem musste ich beinahe lächeln. >>Dann formuliere ich es anders.<< Ich beugte mich etwas vor. >>Ich werde dich nicht belügen. Wenn ich dir etwas nicht sagen kann, sage ich genau das.<<
Er musterte mich. >>Und du kannst mir nicht sagen, woher du es wusstest?<<
>>Nein.<<
>>Aber du wusstest es.<<
>>Ja.<<
Harry schwieg. Dann: >>Du glaubst mir?<<
Ich brauchte keine Sekunde. >>Jedes Wort.<<
Etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Nur wenig. Aber ich sah es. Erleichterung. Vielleicht hatte er bereits gespürt, dass seine Geschichte Fragen aufwerfen würde. Ein Friedhof. Ein zurückgekehrter Dunkler Lord. Ein toter Cedric. Ein totgeglaubter Todesser, der ein ganzes Schuljahr lang als Professor durch Hogwarts gelaufen war. Es klang wahnsinnig. Leider war es wahr.
>>Dumbledore glaubt mir auch.<<, sagte Harry.
>>Dann sind wir schon drei.<<
Er sah mich etwas unsicher an. >>Ruby?<<
>>Vier.<<
Ein kleines Lächeln. Diesmal blieb es etwas länger. Ich wurde wieder ernst. >>Harry.<< Er sah mich an. >>Was auch immer jetzt passiert...du stehst ihm nicht allein gegenüber.<<
Seine Augen blieben auf meinen. >>Voldemort?<<
Mein rechtes Handgelenk kribbelte. Ich zog unauffällig den Ärmel darüber. >>Ja.<<
Harry nickte langsam. Er wusste nicht, was dieses Versprechen bedeutete. Noch nicht. Vielleicht war das besser. Ich stand auf. >>Lucinda?<< Ich blieb stehen. >>Danke.<<
Ich sah ihn an. Dann nickte ich. Mehr erlaubte ich mir nicht. Noch immer musste Abstand zwischen uns bleiben. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus Schutz.
Denn jetzt war mein Bruder zurück. Und wenn Tom jemals herausfand, dass ich lebte, sollte Harry Potter nicht auch noch dadurch zu einem Ziel werden, dass er mir nahestand.
***
Ruby PoV
Mein Patronus sprang aus meinem Zauberstab. Silbernes Licht erfüllte den verlassenen Klassenraum. Ich betrachtete ihn einen Moment. Dann atmete ich tief durch. >>Finde Sirius.<<
Der Patronus wartete. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Wie erklärte man einen Abend, an dessen Ende ein Schüler tot, Voldemort zurück und ein totgeglaubter Todesser unter dem Gesicht eines Aurors hervorgekrochen war? Am besten direkt. >>Sirius, er ist zurück.<< Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. >>Harry lebt. Er ist verletzt und vollkommen erschüttert, aber er lebt. Cedric Diggory nicht.<< Ich schluckte. >>Barty Crouch Junior hat sich das gesamte Schuljahr als Alastor Moody ausgegeben. Lucinda und ich haben ihn enttarnt. Der echte Moody wurde gefunden.<<
Ich zögerte. Dann musste ich trotz allem kurz lächeln.
>>Und bevor du fragst: Lucinda lebt ebenfalls. Sie ist erschöpft, stur und fest entschlossen, sich für alles persönlich verantwortlich zu machen. Also im Grunde unverändert.<< Das Lächeln verschwand. >>Sie hat Voldemorts Rückkehr gespürt.<< Ich sah aus dem Fenster. >>Wir waren zu spät, Sirius.<< Die Worte waren leise. >>Aber wir wissen jetzt, womit wir es zu tun haben.<<
Ich dachte an Lucinda. An ihren Schwur. An den Fluch. An all die Jahre. >>Es beginnt wieder.<<
Mein Patronus wartete. Es gab noch etwas. Etwas Persönlicheres. >>Pass auf dich auf. Bitte.<< Meine Stimme brach beinahe.
Dreizehn Jahre. Ich hatte ihn dreizehn Jahre verloren. Ich hatte nicht vor, Voldemort auch nur die Chance zu geben, mir Sirius noch einmal zu nehmen.
>>Melde dich, sobald du kannst.<<
Der Patronus sprang davon. Ich blieb allein zurück. Nur für einen Moment. Dann machte ich mich auf die Suche nach Lucinda. Denn allein wollte ich gerade ebenfalls nicht sein.
***
Lucinda PoV
Hogwarts trauerte. Man konnte es fühlen.
Das Schloss war stiller. Gespräche verstummten schneller. Selbst die Geister schienen sich zurückzuhalten. Am schlimmsten war die Große Halle.
Ich saß am Slytherin-Tisch. Ruby einige Meter entfernt bei Ravenclaw. Und mein Blick wanderte immer wieder zu Hufflepuff. Zu einem Platz, an dem niemand mehr sitzen würde. Blumen lagen dort. Einige Schüler weinten. Andere starrten einfach vor sich hin.
Ich hatte Cedric kaum gekannt. Das machte es nicht besser. Vielleicht machte es das sogar schlimmer. Noch ein Leben. Noch ein Mensch, der nichts mit meinem Bruder zu tun gehabt hatte. Noch jemand, den Tom ausgelöscht hatte, weil ein Leben für ihn nie mehr gewesen war als ein Mittel zum Zweck.
Noch einer, den ich nicht retten konnte.
Als hätte Ruby den Gedanken gehört, hob sie am Ravenclaw-Tisch den Kopf. Unsere Blicke trafen sich. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
Ich wusste genau, was sie meinte. Fang nicht wieder damit an.
Ich senkte den Blick. Leichter gesagt als getan.
Bei der Gedenkfeier sprach Dumbledore offen über Cedrics Tod. Über Voldemort. Über die Wahrheit. Ich hörte jedes Wort. Und dachte nur an einen Jungen, der nie Teil dieses Krieges hätte werden dürfen.
Als die Schüler sich später zerstreuten, blieb ich noch einen Moment zurück. >>Es tut mir leid.<<, flüsterte ich.
Niemand antwortete. Natürlich nicht. Ich wusste nicht einmal genau, zu wem ich sprach. Zu Cedric? Zu Harry? Zu all den Menschen, die Tom bereits getötet hatte? Vielleicht zu mir selbst.
Dann spürte ich jemanden neben mir. Ruby. Keine Worte. Sie stellte sich einfach zu mir. Schulter an Schulter. Ich atmete aus. Zusammen. Bis zum Ende.
Dumbledore bat uns am Abend in sein Büro. Ruby und ich saßen nebeneinander vor seinem Schreibtisch. Fawkes beobachtete uns. Ich beobachtete Fawkes. Das war erheblich angenehmer, als Dumbledore anzusehen, wenn dieser gerade seinen Ich werde jetzt etwas sehr Bedeutungsvolles sagen -Gesichtsausdruck trug.
>>Du starrst meinen Phönix an.<<, bemerkte Albus.
>>Er stellt weniger unangenehme Fragen.<<
Ruby hustete verdächtig. Albus lächelte. Nur kurz. Dann wurde er ernst. >>Das Schuljahr endet unter Umständen, die keiner von uns sich gewünscht hat.<<
Ich sah ihn nun doch an. >>Tom ist zurück.<<
>>Ja.<<
>>Und Harry hat überlebt.<<
>>Ja.<<
>>Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.<<
Dumbledores Augen lagen lange auf mir. >>Genau deshalb möchte ich euch eine Wahl lassen.<< Ruby und ich wechselten einen Blick. >>Eure Rückkehr nach Hogwarts war ursprünglich unter anderen Voraussetzungen geplant<<, fuhr er fort. >>Diese Voraussetzungen haben sich geändert. Grundlegend.<<
>>Albus—<<
>>Lass mich ausreden, Lucinda.<<
Ich lehnte mich zurück. >>Bitte.<<
Er nahm einen tiefen Atemzug. >>Voldemorts Rückkehr macht eure Situation gefährlicher. Insbesondere deine. Solange er nicht weiß, dass du lebst, besitzt du einen erheblichen Vorteil. Aber Hogwarts wird im kommenden Jahr nicht zwangsläufig der sichere Ort sein, der es bisher war.<<
Ich zog eine Augenbraue hoch. >>Bisher? Ich wurde vergiftet, von einem Grindeloh angegriffen und von einem verkleideten Todesser bedroht.<<
Ruby nickte. >>Sie hat einen Punkt.<<
Dumbledore seufzte. >>Ich habe befürchtet, dass du das sagen würdest.<<
>>Dann kennen Sie mich immerhin noch.<<
Sein Blick wurde warm. >>Deshalb frage ich euch. Nicht als Schulleiter. Und nicht als jemand, der euch einen Auftrag gegeben hat.<< Er faltete die Hände. >>Wollt ihr zurückkehren?<<
Ich sah Ruby an. Sie sah mich an. Eigentlich war es lächerlich. Wir brauchten keine Beratung. Keine Diskussion. Tom war zurück. Wie konnte die Antwort da anders lauten?
>>Ja.<<, sagte Ruby.
>>Natürlich.<<, sagte ich gleichzeitig.
Albus schloss kurz die Augen. >>Ich hatte auch das befürchtet.<<
>>Sie könnten sich etwas begeisterter zeigen.<<, gab ich zurück.
>>Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, mich über eure gemeinsamen Entscheidungen nur mit äußerster Vorsicht zu freuen.<<
Ruby grinste. >>Kluger Mann.<<
Ich lehnte mich vor. >>Ich werde nicht verschwinden, Albus. Nicht jetzt.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Ich habe Jahrzehnte auf diesen Moment gewartet.<< Mein Lächeln verschwand. >>Tom ist zurück. Jetzt beginnt der eigentliche Kampf.<<
Dumbledores Gesicht wurde ernst. >>Und gerade deshalb musst du vorsichtig sein.<<
>>Das bin ich immer.<< Ruby und Albus sahen mich gleichzeitig an. >>Was?<<
Ruby schnaubte. Dumbledore entschied sich gnädigerweise gegen einen Kommentar. >>Voldemort darf nicht erfahren, dass Lucinda Riddle lebt.<<
Diesmal widersprach ich nicht. Meine Vision kam mir in den Sinn. Der Gedanke, meine Okklumentik bewusst zu öffnen. Rubys Warnung. >>Wird er nicht.<<
>>Versprich nichts, das vielleicht nicht vollständig in deiner Macht liegt.<<
Das traf unangenehm präzise. Albus sah zwischen uns hin und her. >>Dann sehen wir uns im September wieder.<<
Ruby lächelte. Ich nickte. >>Im September.<<
***
Ich sah Severus Snape ein letztes Mal am folgenden Tag. Keine große Begegnung. Keine dramatischen Worte. Eigentlich war es nicht einmal eine richtige Begegnung. Ich kam mit Ruby aus einem Korridor, als er am anderen Ende erschien. Meine Schritte verlangsamten sich. Ruby bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie sagte nichts.
Snape blieb ebenfalls für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Unsere Blicke trafen sich. Und plötzlich war der Abend wieder da. Crouch. Der Giftanschlag.
Sie haben sich wirklich Mühe gegeben, sie zu retten.
Diese bemerkenswerte Sorge.
Daran dachte ich nicht. Nicht bewusst. Ich dachte daran, wie Snape sich zwischen Moody und mich gestellt hatte. Wie er keine Antworten verlangt hatte. Wie ich nach Crouchs Angriff zu Boden gesunken war. Und an einen Arm, der mich aufgefangen hatte.
Ich wusste nicht, warum sich etwas verändert hatte. Nur, dass es so war. Vielleicht Vertrauen. Ein wenig. Vielleicht Dankbarkeit. Vielleicht etwas, für das ich noch keinen Namen hatte.
Snapes Gesicht verriet nichts. Natürlich nicht. Aber seine Augen ruhten länger auf mir, als nötig gewesen wäre. Nicht prüfend. Nicht misstrauisch. Anders. Er neigte kaum merklich den Kopf. Ich tat dasselbe.
Das war alles. Kein Wort. Dann ging er weiter. Ich ebenfalls.
Nach einigen Schritten sah Ruby zu mir. >>Kein Wort.<<
>>Ich habe überhaupt nichts gesagt.<<
>>Behalte es bei.<<
Ruby lächelte. Ich ignorierte sie. Und sah nicht zurück.
***
Severus PoV
>>Sie kehren zurück.<<
Severus sah Albus an. Minerva saß neben ihm. Das Büro des Schulleiters war ungewöhnlich still. >>Beide?<<, fragte Minerva.
>>Beide.<< Dumbledore nickte. >>Miss Chadwick und Miss Stonefield werden ihr fünftes Schuljahr im September in Hogwarts beginnen.<<
Minerva atmete hörbar aus. >>Ich weiß nicht, ob mich das beruhigen oder beunruhigen soll.<<
>>Beides erscheint angemessen.<<, sagte Severus.
Albus' Mundwinkel zuckten. Severus ignorierte es. Natürlich würden sie zurückkehren. Was hatte er erwartet?
Dass Stonefield nach allem, was geschehen war, vernünftig genug sein würde, sich möglichst weit von Hogwarts und den kommenden Ereignissen fernzuhalten? Lächerlich. Diese Frau war in einen See voller Grindelohs gesprungen, weil Potter in Gefahr gewesen war. Sie hatte einen vermeintlichen Auror vor der gesamten Schule herausgefordert. Sie hatte einen erwachsenen Todesser ohne Zauberstab durch die Luft geschleudert. Vernunft war offensichtlich keine verlässliche Grundlage für Prognosen bezüglich Lucinda Stonefield.
>>Sie wirken erstaunlich schweigsam, Severus.<<
Severus' Blick glitt zu Dumbledore. Da war es. Dieses Funkeln. Er hasste dieses Funkeln. >>Was genau erwarten Sie von mir?<<
>>Nichts.<<
>>Dann sind wir uns einig.<<
Minerva sah zwischen ihnen hin und her. >>Albus.<<
>>Ja?<<
>>Lassen Sie ihn in Ruhe.<<
Dumbledore zeigte sich vollkommen unschuldig. >>Ich habe doch gar nichts gesagt.<<
>>Das ist meistens das Problem.<<
Severus hätte Minerva beinahe dankbar angesehen. Beinahe. Stattdessen stand er auf und trat ans Fenster.
Draußen lag Hogwarts friedlich. Eine Lüge. Der Dunkle Lord war zurück. Severus spürte das Mal noch immer. Er wusste, was kommen würde. Rufe. Befehle. Lügen. Eine Rückkehr in jene Reihen, denen er sich vor Jahren entzogen hatte.
Seine Rolle würde beginnen. Wieder. Und Stonefield würde zurückkommen. Der Gedanke verursachte etwas Unerwartetes. Erleichterung.
Severus' Stirn legte sich in Falten. Unsinn. In Hogwarts war sie sicherer. Das war alles. Albus konnte sie schützen. Die Lehrer konnten sie schützen.
Severus selbst konnte ein Auge auf sie haben. Eine rein praktische Erwägung.
Diese bemerkenswerte Sorge.
Sein Kiefer spannte sich an. Crouch. Severus hatte den Satz nicht vergessen. Ebenso wenig den anderen.
Sobald es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.
Beide waren von demselben Mann gekommen. Nicht von Alastor Moody. Von Bartemius Crouch Junior. Ein Todesser hatte ihn monatelang beobachtet. Und offenbar etwas bemerkt, das Severus selbst nicht verstand.
Er erinnerte sich an Stonefield auf dem Korridor. Ihren letzten Blick. Kein Misstrauen. Zumindest nicht mehr dasselbe wie zu Beginn des Jahres. Etwas hatte sich verändert. Auch darin.
Severus wusste nur nicht, was. Und er hatte momentan keinerlei Absicht, es herauszufinden. Der Dunkle Lord war zurück. Ein Krieg stand bevor.
Lucinda Stonefield besaß eine Macht, für die Severus keine Erklärung hatte. Sie wusste Dinge über den Dunklen Lord, die sie unmöglich wissen konnte. Und Albus hütete ihre Geheimnisse weiterhin mit einer Beharrlichkeit, die Severus zunehmend auf die Nerven ging. Das waren genügend Probleme.
Die Frage, weshalb ausgerechnet die Nachricht von Stonefields Rückkehr im September einen Teil der Anspannung in seiner Brust gelöst hatte, konnte warten. Bis zum nächsten Schuljahr. Oder länger. Vorzugsweise sehr viel länger.
Hinter ihm unterhielten sich Albus und Minerva bereits über die kommenden Monate. Severus hörte nur halb zu. Sein Blick lag draußen auf den Ländereien. Das vierte Schuljahr war vorbei. Cedric Diggory war tot. Potter hatte überlebt. Der Dunkle Lord war zurückgekehrt. Und Lucinda Stonefield würde ebenfalls zurückkehren. Severus schloss für einen Moment die Augen.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund machte nur eine dieser beiden Gewissheiten den Gedanken an den kommenden September ein wenig erträglicher.