Im Zeichen der Rückkehr
Im Zeichen der Rückkehr
Hallo, meine Lieben :) So, es geht weiter und wir starten in die Ferien. Die bleiben natürlich auch nicht ohne Ereignisse und ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen. Wir sehen uns dann Mittwoch wieder. Habt einen schönen Start in die neue Woche.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 47 Im Zeichen der Rückkehr
Severus PoV
Das Dunkle Mal brannte.
Severus erwachte nicht davon. Er hatte ohnehin nicht geschlafen. Er saß am Schreibtisch seines Hauses, vor sich einen unangetasteten Becher Tee und mehrere Pergamente, deren Inhalt er seit beinahe einer Stunde nicht mehr wahrnahm. Seit jener Nacht war Schlaf zu einem Luxus geworden.
Sein linker Unterarm glühte. Nicht jenes dumpfe Ziehen, das ihn seit der Rückkehr des Dunklen Lords immer wieder daran erinnerte, dass die Vergangenheit ihn endgültig eingeholt hatte. Diesmal war es ein Ruf.
Severus schloss für einen Moment die Augen. Dann schob er langsam den Ärmel zurück. Schwarz hob sich das Mal von seiner Haut ab. Deutlich. Lebendig. Fordernd.
Vor wenigen Wochen hatte er geglaubt, dieses Kapitel seines Lebens zumindest weitgehend hinter sich gelassen zu haben. Ein bemerkenswerter Irrtum. Er stand auf. Das Spiegelbild im Fenster zeigte einen schwarz gekleideten Mann mit ausdruckslosem Gesicht. Gut. Genau diesen Mann brauchte er heute Nacht.
Severus zog seinen Ärmel wieder über das Mal. Dann disapparierte er.
Die Luft war kalt.
Severus erschien auf einem abgelegenen Stück Land, dessen genauer Standort vollkommen bedeutungslos war. Der Dunkle Lord wechselte seine Treffpunkte. Eine Vorsichtsmaßnahme. Eine vernünftige. Severus hasste es, wenn der Mann vernünftig handelte.
Vor ihm erhob sich ein altes Herrenhaus. Licht brannte hinter wenigen Fenstern. Er ging hinein. Stimmen verstummten. Maskierte Gestalten standen an den Wänden. Einige kannte er. Andere glaubten, ihn zu kennen.
Severus schenkte keinem von ihnen mehr Aufmerksamkeit als nötig. Seine Rolle hatte begonnen. Wieder. Am Ende des Raumes saß Lord Voldemort.
Severus spürte die alten Reflexe. Die Vorsicht. Das präzise Abwägen jedes Schrittes. Jeder Bewegung. Jedes Atemzuges.
Er ging vor ihm auf ein Knie. >>Mein Lord.<<
>>Severus.<< Diese Stimme. Jahre waren vergangen. Und dennoch erinnerte Severus sich sofort daran, wie leicht ein einziges falsch gewähltes Wort in Gegenwart dieses Mannes zum Todesurteil werden konnte. >>Erhebe dich.<< Severus gehorchte. Rote Augen musterten ihn. >>Du bist gekommen.<<
>>Selbstverständlich.<<
>>Diesmal ohne zweistündige Verspätung.<<
Einige der Anwesenden lachten leise. Severus nicht. >>Meine damalige Position erlaubte mir kein früheres Erscheinen, ohne den Verdacht Dumbledores zu wecken.<<
>>Das hast du bereits erklärt.<<
>>Dann kennen Sie meine Antwort.<<
Gefährlich. Gerade gefährlich genug.
Voldemorts Mundwinkel bewegten sich. >>Und genau deshalb bist du noch immer von Nutzen.<<
Severus senkte leicht den Kopf. >>Das hoffe ich.<<
>>Hoffnung.<< Voldemort sprach das Wort aus, als wäre es etwas Unangenehmes. Dann erhob er sich. Die Todesser verstummten vollständig. >>Die Zaubererwelt weiß noch nichts von meiner Rückkehr.<< Er ging langsam durch den Raum. >>Und vorerst soll das so bleiben.<< Severus hörte aufmerksam zu. >>Dumbledore wird versuchen, Widerstand zu organisieren<<, verkündete Voldemort.
Natürlich würde er das. Er hatte bereits damit begonnen. >>Er besitzt noch immer Freunde. Menschen, die töricht genug sind, ihm zu folgen.<< Voldemorts Blick glitt zu Severus. >>Du wirst herausfinden, wer dazugehört.<<
Severus zeigte keinerlei Reaktion. >>Selbstverständlich.<<
>>Du wirst Dumbledore beobachten. Seine Treffen. Seine Kontakte. Seine Pläne.<<
>>Ja, mein Lord.<<
>>Und du bleibst in Hogwarts.<< Severus' Augen hoben sich. >>Dumbledore vertraut dir.<< Wenn Sie wüssten. >>Dieses Vertrauen macht dich wertvoller als jeden Mann, der offen an meiner Seite steht.<<
Severus wusste das. Dumbledore wusste es ebenfalls. Das war die grausame Einfachheit seiner Position. Der Dunkle Lord brauchte ihn bei Dumbledore. Dumbledore brauchte ihn beim Dunklen Lord. Beide erwarteten Informationen. Beide erwarteten Loyalität. Und Severus würde dafür sorgen müssen, dass nur einer von ihnen tatsächlich die Wahrheit erhielt.
>>Das kommende Schuljahr könnte von Bedeutung sein<<, fuhr Voldemort fort. >>Potter kehrt nach Hogwarts zurück.<<
Severus' Miene blieb unbewegt. >>Wie bedauerlich.<<
Einige Todesser lachten. Voldemort lächelte nicht. >>Behalte ihn im Auge.<<
>>Das tue ich seit Jahren.<<
>>Dann sollte dir die Aufgabe leichtfallen.<<
Ein kurzes Schweigen. >>Und Dumbledore?<<, fragte Severus.
Die roten Augen wurden schmal. >>Jede ungewöhnliche Handlung. Jede Bewegung gegen mich. Jede Person, die er in seine Nähe zieht.<<
Severus nickte. >>Sie werden davon erfahren.<<
Es war keine Lüge. Voldemort würde lediglich erfahren, was Dumbledore ihn erfahren lassen wollte. Die Kunst bestand darin, ihn niemals merken zu lassen, dass zwischen diesen beiden Dingen ein Unterschied bestand.
Das Treffen dauerte an. Namen wurden genannt. Aufträge verteilt. Pläne angedeutet. Severus prägte sich jedes Wort ein. Und sagte so wenig wie möglich. Wie früher. Nur dass er diesmal wusste, auf welcher Seite er stand.
Als Severus das Herrenhaus Stunden später verließ, war der Himmel bereits heller geworden. Er apparierte erst weit entfernt. Dann noch einmal. Und noch einmal. Vorsicht war kein Zeichen von Angst. Vorsicht hielt einen Spion am Leben. Erst als er sicher war, nicht verfolgt zu werden, kehrte er nach Hause zurück.
Die Stille empfing ihn. Severus zog seinen Umhang aus. Sein linker Unterarm pochte noch immer. Er sah nicht hin. Stattdessen trat er ans Fenster.
Potter.
Natürlich hatte der Dunkle Lord nach Potter gefragt. Der Junge war beinahe schon eine Obsession. Und mit diesem Namen kam eine andere Erinnerung.
Gras. Schreie. Diggorys Leiche. Bartemius Crouch Junior. Und eine ausgestreckte Hand. Severus' Blick wurde schmal.
Er sah Crouch wieder vor sich. Sah, wie seine Füße den Boden verlassen hatten. Kein Zauberstab. Kein Spruch. Nichts. Nur Lucinda Stonefield.
Eine junge Frau, die kaum noch hatte stehen können und dennoch einen erwachsenen Todesser durch die Luft geschleudert hatte, als wäre er bedeutungslos. Severus hatte seitdem mehr als einmal versucht, den Vorgang einzuordnen.
Ungewöhnlich starke ungebundene Magie. Affektmagie. Ein bislang unbekannter Zauber. Keine Erklärung überzeugte ihn. Und dann waren da ihre Worte.
Er kommt zurück.
Sie hatte es gewusst. Nicht vermutet. Nicht befürchtet. Gewusst.
Sekunden später war Potter mit Diggorys Leiche zurückgekehrt. Und Severus' Dunkles Mal hatte die Wahrheit bestätigt. Stonefield hatte etwas gespürt, bevor er selbst das Mal bewusst wahrgenommen hatte. Wie?
Severus schloss die Augen. Er hatte sich vorgenommen, diese Frage vorerst ruhen zu lassen. Offenbar war er schlecht darin. Dann erinnerte er sich an Albus' Mitteilung. Miss Stonefield und Miss Chadwick werden im September nach Hogwarts zurückkehren.
Die Spannung in seinen Schultern ließ geringfügig nach. Severus bemerkte es. Seine Miene verdüsterte sich sofort. In Hogwarts waren sie besser geschützt. Das war alles. Vor allem Stonefield. Wenn sie tatsächlich auf irgendeine Weise mit den Vorgängen um den Dunklen Lord verbunden war, wäre es unverantwortlich, sie irgendwo ohne Schutz—
Severus hielt inne. Diese bemerkenswerte Sorge. Crouchs Stimme.
Severus' Kiefer spannte sich an. >>Halten Sie den Mund<<, murmelte er in den leeren Raum.
Crouch war nicht anwesend. Bedauerlich. Severus hätte ihm die Aufforderung gern persönlich übermittelt. Er zog den Ärmel über seinen linken Arm zurecht. Das Dunkle Mal lag darunter verborgen. Stonefields Geheimnis konnte warten. Im September würde er sie wiedersehen. Bis dahin hatte Severus genügend andere Probleme. Zumindest redete er sich das ein.
***
Lucinda PoV
Ich wachte mit seinem Zorn auf. Nicht meinem. Seinem.
Meine Augen flogen auf. Dunkelheit. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann erkannte ich die niedrige Decke. Das kleine Zimmer. Das Haus, das Ruby und ich seit unserer Abreise aus Hogwarts wieder als vorübergehenden Zufluchtsort nutzten.
Mein rechtes Handgelenk brannte. Ich biss die Zähne zusammen. >>Nicht.<<
Der Schmerz pulsierte. Nicht stark genug, um mich außer Gefecht zu setzen. Stark genug, um mich daran zu erinnern. Tom.
Ich setzte mich auf und zog den Ärmel meines Nachthemdes zurück. Das Symbol hob sich deutlicher von meiner Haut ab. Ich starrte es an. >>Du bekommst mich nicht.<< Keine Antwort. Natürlich nicht. Tom sprach nicht mit mir. Er wusste nicht, dass ich lebte. Und genau so sollte es bleiben.
Ich schloss die Augen. Mauer um Mauer. Meine Okklumentik war über Jahrzehnte zu etwas geworden, über das ich kaum noch nachdenken musste.
Jetzt dachte ich wieder darüber nach. Jede Nacht. Jeden Morgen. Manchmal mehrmals am Tag.
Denn seit Tom einen Körper hatte, drückte seine Existenz stärker gegen unsere Verbindung. Keine bewussten Gedanken. Keine Gespräche. Keine gezielte Berührung meines Geistes. Bruchstücke. Das war alles. Gefühle, die nicht meine waren. Manchmal ein Bild. Stein. Dunkelheit. Eine Hand. Rote Augen. Dann nichts.
Wie Licht, das für den Bruchteil einer Sekunde durch einen Türspalt fiel. Mehr erlaubte ich nicht. Ich zwang die Verbindung zurück. Das Brennen ließ nach. Langsam. Mein Atem beruhigte sich.
Ich öffnete die Augen. >>Du bist tot<<, flüsterte ich.
Für Tom war ich das. Lucinda Riddle war vor mehr als fünfzig Jahren gestorben. Seine Schwester. Sein Zwilling. Sein Gegenstück. Tot. Ich würde alles dafür tun, dass er diesen Glauben behielt.
Meine Hand wanderte zur Kommode. Dort lag der Schlangenarmreif. Silber. Smaragdgrüne Augen. Ich nahm ihn. Eigentlich war es lächerlich.
Ich wusste noch immer nicht, wer ihn mir geschenkt hatte. Castor war es nicht gewesen. Das hatte ich längst gewusst. Und nach allem, was inzwischen geschehen war, erschien die Identität des unbekannten Schenkenden geradezu belanglos. Trotzdem legte ich den Armreif an.
Das kühle Silber berührte meine Haut. Ich fuhr mit dem Daumen über den Kopf der Schlange. Alles Gute zum Geburtstag. Vier Worte. Keine Unterschrift. Keine Forderung. Kein Hinweis. Nur ein Geschenk. Und aus irgendeinem Grund fühlte ich mich damit weniger allein.
Ich verzog den Mund. >>Du bist ein Stück Metall.<< Die Schlange zeigte sich unbeeindruckt. >>Sehr hilfreich.<< Immer noch nichts. >>Hervorragender Gesprächspartner.<<
>>Führst du jetzt Unterhaltungen mit Schmuck?<<
Ich fuhr herum. Ruby stand in der Tür. >>Wie lange stehst du da?<<
>>Lange genug.<<
>>Klopfen ist eine bemerkenswerte Erfindung.<<
>>Du hast nicht reagiert.<< Sie trat ein. Ihr Blick fiel sofort auf mein Handgelenk. Nicht auf den Armreif. Auf das Symbol darunter. >>Wieder?<< Ich nickte. Ruby setzte sich zu mir. >>Was hast du gesehen?<<
>>Fast nichts.<<
>>Lucinda.<<
>>Wirklich.<< Ich dachte nach. >>Stein. Dunkelheit. Vielleicht einen Raum.<<
>>Und Gefühle?<<
Ich zögerte. >>Zorn.<<
Ruby wurde ernst. >>Seiner?<<
>>Ja.<<
>>Bist du sicher?<<
Ich sah sie an. >>Ich weiß inzwischen ziemlich gut, welcher Zorn mir gehört.<<
>>Davon gibt es auch ausreichend.<<
Ich schnaubte. >>Danke.<<
>>Immer gern.<< Sie griff nach meinem Handgelenk und untersuchte das Symbol. >>Deine Barrieren?<<
>>Stehen<<, versicherte ich ihr, doch sie hob nur eine Augenbraue.
>>Keine bewusste Verbindung?<<
Kaum merklich schüttelte ich den Kopf. >>Nein.<<
>>Keine Stimme?<<
>>Nein.<<
>>Kein Versuch, nach ihm zu greifen?<<
Ich verdrehte die Augen. >>Ruby.<<
>>Das war keine Antwort.<<
>>Ich habe es versprochen.<<
>>Und?<<
>>Ich halte meine Versprechen.<< Ruby sah mich an. Ich seufzte. >>Meistens.<<
>>Lucinda.<<
>>Ich habe keinen Kontakt aufgenommen.<<
Endlich ließ sie meinen Arm los. >>Gut.<<
Ich betrachtete das Symbol. >>Es ist stärker geworden.<<
>>Der Fluch reagiert auf seine körperliche Rückkehr. Das haben wir erwartet<<, erwiderte Ruby, woraufhin sich mein Blick verfinsterte.
>>Erwartet ist nicht dasselbe wie angenehm.<<
>>Nein.<< Ruby sah mich an. >>Aber du hältst ihn draußen.<
>>Noch.<<
>>Nicht noch.<< Ihre Stimme wurde schärfer. >>Du hältst ihn draußen. Punkt.<<
Ich schwieg. Ruby kannte mich. Sie wusste, welche Gedanken hinter diesem einen Wort lagen. Was, wenn meine Okklumentik irgendwann nicht mehr genügte? Was, wenn Tom mich eines Tages spürte? Was, wenn—
>>Komm.<< Ruby stand auf.
Misstrauisch zog ich die Stirn kraus. >>Wohin?<<
>>Zu einem Problem, bei dem ich mich zur Abwechslung über deine Beteiligung freue.<<
Das klang verdächtig. >>Tagebuch?<<
>>Tagebuch.<<
Ich stand auf. Der Schlangenarmreif blieb an meinem Handgelenk.
Toms Tagebuch lag auf dem Tisch. Ich hasste dieses Ding inzwischen. Gleichzeitig hätte ich vermutlich jemanden verflucht, der versucht hätte, es mir wegzunehmen. Das erste Siegel war gebrochen. Dahinter hatten wir einen kleinen Teil dessen gefunden, was Tom einst festgehalten hatte. Nicht genug. Nie genug.
Seit seiner Rückkehr vor mehreren Wochen war mein Verlangen, weiterzulesen, beinahe unerträglich geworden. Irgendwo in diesen Seiten musste etwas stehen. Über seine Experimente. Seine Pläne. Seine Angst vor dem Tod. Über das, was er getan hatte, um ihn zu überwinden. Und vielleicht…irgendwo…die Antwort darauf, wie man ihn endgültig vernichten konnte.
Ruby beugte sich über das zweite Siegel. Feine magische Linien lagen über dem Papier. Für einen ungeübten Blick kaum sichtbar. Für Ruby offenbar eine persönliche Beleidigung.
>>Du siehst aus, als hätte das Siegel deine Familie beleidigt<<, merkte ich an und ihr Blick verfinsterte sich.
>>Hat es.<<
>>Welche?<<
>>Mich.<<
Ich grinste. >>Fortschritte?<< Ruby antwortete nicht und mein Grinsen verschwand. >>Ruby.<<
>>Es ist komplizierter<<, gestand sie, woraufhin ich die Arme verschränkte.
>>Das hast du gestern gesagt.<<
>>Heute ist es noch komplizierter.<<
>>Wie kann etwas über Nacht komplizierter werden?<<
Ruby hob langsam den Kopf. >>Genau das versuche ich herauszufinden.<<
Ich setzte mich. >>Zeig.<<
Sie deutete auf mehrere Symbole. >>Gestern verlief die magische Struktur so.<< Ihre Feder zeichnete eine Linie auf ein Pergament. >>Heute verläuft sie so.<<
Eine andere Linie. Ich runzelte die Stirn. >>Das Siegel verändert sich.<<
>>Ja.<<
Ich schnaubte verächtlich. >>Das ist doch lächerlich.<<
>>Richte diese Beschwerde an deinen Bruder.<<
>>Mit größtem Vergnügen.<<
Ruby sah mich scharf an. >>Bildlich gesprochen.<<
>>Natürlich.<<
Ich beugte mich über das Tagebuch. Tom.
Selbst als Jugendlicher hatte er es geliebt, anderen überlegen zu sein. Geheimnisse waren für ihn niemals nur Dinge gewesen, die niemand erfahren sollte. Sie waren Macht.
>>Er wollte nicht einfach verhindern, dass jemand es liest<<, murmelte Ruby.
Ich sah auf. >>Was?<<
Sie tippte gegen das Siegel. >>Das erste war eine Barriere. Komplex, aber letztlich eine Barriere. Dieses hier...<< Sie schwieg.
>>Was?<<
>>Ich glaube, es reagiert.<<
Verwundert sah ich zu ihr. >>Auf uns?<<
>>Vielleicht. Auf unsere Magie. Auf unsere Versuche. Vielleicht sogar auf die Art, wie wir versuchen, es zu öffnen.<<
Mir gefiel das nicht. >>Also wusste Tom, dass irgendwann jemand versuchen könnte, die Siegel zu brechen.<<
>>Vermutlich.<<
>>Dann brechen wir es eben trotzdem.<<
Ruby lächelte schwach. >>Irgendwann.<<
>>Bald<<, widersprach ich entschieden.
>>Lucinda.<<
>>Was?<<
>>Das kann Monate dauern.<<
Ich starrte sie an. >>Nein.<<
>>Das Siegel wird sich deiner Meinung dazu bestimmt beugen.<<
Der Blick von Ruby war eindeutig, doch ich wollte das nicht hinnehmen. >>Tom ist zurück. Wir haben keine Monate.<<
>>Dann schaffen wir uns welche.<<
Ich stand auf. >>Harry hat ihn bereits einmal überlebt<<, setzte ich an und Ruby seufzte.
>>Und wird ihn nicht morgen erneut bekämpfen müssen.<<
>>Das weißt du nicht.<<
>>Du auch nicht.<<
Wieder dieser Satz. Ich hasste ihn. Vor allem, weil Ruby ihn immer benutzte, wenn sie recht hatte. >>In diesem Buch könnte stehen, wie wir ihn töten<<, brachte ich hervor, nur damit Ruby dieses eine verfluchte Wort wieder gründlich betonte.
>>Könnte.<<
>>Dann müssen wir es wissen.<<
>>Und wenn wir dieses Siegel mit Gewalt angreifen und das Tagebuch zerstören?<< Ich verstummte. Ruby lehnte sich zurück. >>Genau.<<
Mürrisch setzte ich mich wieder. >>Ich hasse Geduld.<<
>>Das beruht auf Gegenseitigkeit.<<
>>Geduld kann mich nicht hassen.<<
>>Bei dir würde ich keine Naturgesetze ausschließen.<< Ich trat ihr gegen das Schienbein. >>Autsch!<<
>>Arbeite.<<
Ruby murmelte etwas Unfreundliches. Dann beugten wir uns wieder über das Tagebuch. Und ich wusste schon jetzt: uns standen wieder einmal qualvolle Stunden der Recherche und des Grübelns bevor. Mit geringer Aussicht auf Erfolg verstand sich.
Dumbledore erschien am folgenden Abend. Nicht per Eule. Nicht per Patronus. Persönlich. Das war selten ein gutes Zeichen. Zumindest hatte ich dies schon früh gelernt und während meiner Jahrzehnte im Exil war dies gewissermaßen zu seinem Markenzeichen geworden. Wobei Albus Dumbledore ohnehin durch und durch ein wahres Mysterium war.
Ruby öffnete ihm die Tür. >>Albus.<<
>>Ruby.<< Sein Blick wanderte zu mir. >>Lucinda.<
>>Wenn Sie gekommen sind, um zu fragen, ob ich meine Meinung geändert habe: nein<<, sagte ich entschieden und er schmunzelte.
>>Ich hatte noch gar nichts gefragt.<<
>>Das spart Zeit.<<
Dumbledore trat ein. Sein Blick fiel auf das Tagebuch. >>Das zweite Siegel?<<
Ruby schnaubte. >>Ist ein selbstgefälliges kleines Monster.<<
Albus' Augen funkelten. >>Das klingt tatsächlich nach Tom.<<
Ich verschränkte die Arme. >>Ihr seid heute beide ausgesprochen hilfreich.<<
Dumbledore setzte sich. Sein Gesicht wurde ernst. >>Ich bin nicht wegen des Tagebuchs hier.<< Natürlich nicht. >>Es geht um eure Sicherheit.<<
Ich lehnte mich zurück. >>Wir sind sicher.<<
>>Nicht sicher genug<<, betonte Albus.
Ruby und ich wechselten einen Blick. >>Tom weiß nicht, dass ich lebe<<, sagte ich.
>>Und dabei muss es bleiben.<<
>>Meine Okklumentik hält.<<
>>Das bezweifle ich nicht.<< Dumbledore betrachtete mich lange. >>Aber Voldemorts Rückkehr verändert die Lage. Menschen werden wieder nach ihm suchen. Andere werden vor ihm fliehen. Alte Verbündete werden sich sammeln.<<
>>Der Orden<<, sagte Ruby.
Dumbledore nickte. >>Der Orden des Phönix wird wieder gebraucht.<<
Mein Blick fiel auf Fawkes' Feder, die aus Dumbledores Mantel hervorschaute. >>Und was hat das mit uns zu tun?<<
>>Ich möchte euch an einem Ort unterbringen, der besser geschützt ist als dieser.<<
Ruby richtete sich auf. >>Wo?<<
Dumbledore sah sie an. Und plötzlich lag etwas beinahe Amüsiertes in seinem Gesicht. >>Grimmauldplatz zwölf.<<
Ruby erstarrte. Ich sah sie perplex an. >>Was?<< Keine Reaktion. >>Ruby?<<
Ihre Augen wurden groß. Dann verstand ich. Oh. Oh. >>Sirius.<<
Ruby sah Dumbledore an. >>Sirius ist dort?<<
Er nickte zustimmend. >>Ja.<<
Es dauerte ungefähr eine halbe Sekunde. >>Wann gehen wir?<<
Ich starrte sie an. >>Beeindruckend. Gerade eben hätte ich schwören können, du würdest erst Sicherheitsfragen stellen.<<
>>Später<<, entgegnete sie und ich konnte darüber nur den Kopf schütteln.
>>Natürlich.<<
Dumbledore lächelte. >>Morgen.<<
Ruby nickte sofort. Ich sah zwischen beiden hin und her. >>Und ich werde bei dieser Entscheidung gar nicht mehr gefragt?<<
Ruby sah mich an. >>Willst du hierbleiben?<<
Ich betrachtete das Zimmer. Dann mein Handgelenk. Dann Toms Tagebuch. Nein. Eigentlich nicht. Dieses Haus war ein Versteck. Mehr nicht. Vielleicht hatte ich genug Zeit in Verstecken verbracht. >>Nein.<<
Dumbledore nickte. >>Dann ist es entschieden.<<
Er wirkte durchaus zufrieden, aber das überraschte mich nicht. Albus war immer zufrieden, wenn ein Plan von ihm aufging. Und ich wollte gar nicht wissen, was für verruchte Ideen unser werter Schulleiter noch alles in seinem klugen Köpfen vor uns verbarg.
***
Ruby PoV
Grimmauldplatz zwölf.
Ich stand davor. Zumindest wusste ich, dass ich davorstand. Ein Augenblick später schoben sich die Häuser auseinander. Nummer zwölf erschien. Lucinda stand neben mir. >>Du atmest nicht<<, bemerkte sie, was ich sofort widerlegte.
>>Doch.<<
>>Nein.<<
>>Sei still<<, fluchte ich, doch sie schmunzelte nur.
>>Du bist nervös.<<
>>Lucinda.<<
>>Das ist bezaubernd.<<
Ich funkelte sie an. >>Möchtest du die Straße allein betreten?<<
>>Schon gut.<<
Dumbledore öffnete die Tür. Wir traten ein. Das Haus war dunkel. Alt. Und hatte ungefähr den Charme einer Familiengruft. >>Gemütlich<<, murmelte Lucinda sarkastisch.
>>Nicht jetzt.<<
Dann hörte ich Schritte. Mein Herz setzte aus. Er erschien am Ende des Flures. Dunkles Haar. Graue Augen. Ein Gesicht, das ich so lange vermisst hatte.
Sirius blieb stehen. Ich ebenfalls. Für einen Moment waren die vergangenen Monate verschwunden. Unsere heimlichen Treffen. Die Briefe. Die Patronusnachrichten. Alles.
Ich sah nicht den Flüchtigen. Nicht den Mann, dessen Gesicht jahrelang auf Fahndungsplakaten gewesen war. Ich sah Sirius. Meinen Sirius.
>>Kleine Krähe.<<
Das genügte. Ich lief. Lucinda sagte hinter mir irgendetwas. Vermutlich Sarkastisches. Es war mir egal. Sirius fing mich auf. Seine Arme schlossen sich um mich. Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit musste ich nicht daran denken, wie viele Minuten uns blieben.
Kein überstürzter Abschied. Keine Heulende Hütte. Kein Blick über die Schulter. Ich vergrub das Gesicht an seiner Schulter. >>Du bist da<<, murmelte Sirius.
>>Offensichtlich.<<
Er lachte leise. >>Immer noch schlagfertig.<<
>>Immer noch ein Idiot.<<
>>Ich habe dich auch vermisst.<<
Ich lachte. Und dann weinte ich. Verdammt. Sirius hielt mich nur fester. >>Hey.<<
>>Sag nichts<<, raunte ich gegen seine Schulter.
>>Ich wollte—<<
>>Nichts.<<
>>Jawohl.<<
Seine Hand strich über meinen Rücken. Ich schloss die Augen. Dreizehn Jahre. Dreizehn verdammte Jahre, inklusive der vergangenen Monate mit Unterbrechungen. Eine viel zu lange Zeit der erzwungenen Trennung. Und jetzt stand ich hier. Bei ihm.
Schließlich löste ich mich gerade weit genug, um ihn anzusehen. >>Du siehst schrecklich aus<<, stellte ich fest, doch er lächelte nur.
>>Du bist wunderschön.<<
>>Schleimer.<<
>>Hat funktioniert.<<
Diese beiden Worte ließen mich alles vergessen. Ich küsste ihn. Nur kurz. Dann noch einmal. Nicht ganz so kurz. Sirius erwiderte den Kuss sofort und legte seine Arme etwas enger um mich. Mein Herz schlug wie wild. Bei Merlin. Wie hatte ich ihn vermisst.
Irgendwo hinter uns räusperte sich Lucinda. Ich löste mich von Sirius. >>Du hast fünf Sekunden<<, warnte ich.
Lucinda hob beide Hände. >>Ich habe überhaupt nichts gesagt.<<
>>Dein Gesicht reicht.<<
Sirius sah an mir vorbei. Sein Lächeln wurde breiter. >>Stonefield.<<
>>Black.<<
>>Immer noch Ärger?<<
Lucinda überlegte. >>Definiere Ärger.<<
>>Oh, hervorragend.<< Sirius sah zu mir. >>Sie ist also unverändert.<<
>>Leider<<, seufzte ich.
>>Ich stehe direkt vor euch.<<
Dumbledore trat hinter uns ein. >>Das verspricht ein ausgesprochen ruhiger Sommer zu werden.<< Lucinda, Sirius und ich sahen ihn gleichzeitig an. Albus schwieg. >>Ich nehme es zurück.<<
Kluge Entscheidung. Dumbledore schien zu demselben Schluss gekommen zu sein.
>>Ich werde euch für heute allein lassen.<< Sein Blick wanderte zu Lucinda. Für einen kurzen Moment verschwand das amüsierte Funkeln aus seinen Augen. >>Versuch, dich etwas auszuruhen.<<
Lucinda hob eine Augenbraue. >>Das klingt verdächtig nach einer Anweisung.<<
>>Betrachte es als gut gemeinten Rat.<<
>>Dann stehen die Chancen immerhin besser.<<
Dumbledore lächelte. >>Wir sprechen morgen über alles Weitere.<< Dann wandte er sich an Sirius. >>Und ich nehme an, du kannst unseren beiden Gästen ihre Zimmer zeigen.<<
>>Selbstverständlich.<<
>>Ausgezeichnet.<< Albus setzte bereits einen Fuß vor die Tür, hielt dann jedoch noch einmal inne. >>Und Sirius?<<
>>Ja?<<
>>Versuche, das Haus stehen zu lassen.<<
Sirius legte eine Hand auf die Brust. >>Ich bin zutiefst verletzt über dieses mangelnde Vertrauen.<<
>>Das überlebst du.<<
Damit verschwand Dumbledore. Ich sah ihm hinterher. >>Hat er sich gerade Sorgen um das Haus gemacht?<<
>>Er kennt mich<<, sagte Sirius.
>>Das beantwortet meine Frage.<<
Lucinda schnaubte. Dann griff sie nach ihrer Tasche. >>Nun, da offenbar geklärt ist, dass Black noch lebt, vollständig vorhanden ist und du dich persönlich von seinem Zustand überzeugen konntest, werde ich mich ebenfalls zurückziehen.<<
Ich sah sie an. >>Du musst nicht gehen.<<
Lucinda warf mir einen Blick zu. Einen dieser Blicke. >>Ruby.<<
>>Was?<< Ihr Blick wanderte zu Sirius. Dann zu mir. Dann demonstrativ zu unseren Händen, die noch immer ineinander verschränkt waren. >>Oh.<<
Sirius grinste. >>Sie ist wirklich klug.<<
Lucinda sah ihn ausdruckslos an. >>Ich könnte meine Meinung über deine vollständige körperliche Unversehrtheit noch einmal überdenken.<<
>>Schon gut.<<
Ich musste lachen. Lucinda trat zu mir. Für einen Moment verschwand ihr Spott. Sie drückte kurz meine Hand. >>Genieß es<<, sagte sie leise.
Ich wusste, was sie meinte. Nicht nur diesen Abend. Nicht nur das Wiedersehen. Ihn. Solange wir konnten. Meine Finger schlossen sich um ihre. >>Danke.<<
Lucinda nickte. Dann sah sie zu Sirius. >>Wenn sie morgen völlig übermüdet ist, mache ich dich verantwortlich.<<
>>Ich fühle mich geehrt.<<
>>Das solltest du nicht.<< Sie nahm ihre Tasche. >>Gute Nacht.<<
>>Gute Nacht, Lucinda.<<
Sie verschwand die Treppe hinauf. Ich wartete, bis ihre Schritte verklungen waren. Dann wurde es still. Sirius und ich standen allein im Flur. Wirklich allein. Keine hektische Flucht. Keine Angst, dass jeden Augenblick jemand auftauchen könnte. Keine Uhr, die unsere gemeinsame Zeit begrenzte. Ich wusste plötzlich nicht, was ich sagen sollte. Sirius offenbar schon. >>Komm her.<<
Er zog mich wieder an sich. Ich legte den Kopf an seine Brust. Sein Herz schlug unter meiner Wange. Lebendig. Warm. Da.
Eine Weile standen wir einfach so. Dann sagte Sirius: >>Deine Nachricht hat mir beinahe einen Herzstillstand beschert.<<
Ich schloss die Augen. Natürlich. Das Turnier. Crouch. Cedric. Voldemort. Die Wirklichkeit hatte uns wieder eingeholt. >>Welche davon?<<
>>Die letzte.<< Seine Arme wurden fester um mich. >>Du sagst mir über einen Patronus, dass Voldemort zurück ist, ein Schüler gestorben ist, Crouch Junior ein Jahr lang als Moody herumgelaufen ist und Lucinda offenbar beschlossen hat, Todesser ohne Zauberstab durch die Gegend zu werfen.<<
Trotz allem musste ich lachen. >>So formuliert klingt es tatsächlich etwas dramatisch.<<
Sirius löste sich gerade weit genug von mir, um mich anzusehen. >>Ruby.<<
>>Es war dramatisch<<, gab ich zu.
Sein Blick wurde ernst. >>Du hättest verletzt werden können.<<
>>Du auch.<<
>>Ich war nicht dort.<<
>>Genau deshalb.<<
Er verstand. Seine Miene veränderte sich. >>Harry.<<
Ich nickte. >>Er hat Schreckliches erlebt.<<
Sirius sah zur Seite. >>Ich hätte bei ihm sein sollen.<<
>>Du konntest nicht.<<
>>Das macht es nicht besser.<<
Nein. Das tat es vermutlich nicht. >>Er war nicht allein<<, sagte ich. Sirius sah mich wieder an. >>Dumbledore war bei ihm. Und Lucinda hat mit ihm gesprochen.<<
Sirius runzelte die Stirn. >>Lucinda?<<
>>Sie glaubt ihm. Ohne Vorbehalt.<<
Etwas wie Erleichterung erschien in Sirius' Gesicht. >>Gut.<<
>>Sie hat ihm klargemacht, dass er Voldemort nicht allein gegenübersteht.<<
Sirius schwieg einen Moment. >>Das klingt beinahe fürsorglich.<<
>>Sag ihr das niemals.<<
>>Natürlich nicht. Ich möchte den Sommer erleben.<<
Ich lächelte. Dann verschwand es wieder. >>Sirius...<<
>>Ich weiß.<<
>>Er ist wirklich zurück<<, brachte ich leise hervor.
>>Ich weiß.<<
Diesmal konnte ich die Angst nicht verstecken. >>Wir haben so lange—<<
>>Hey.<< Seine Hände legten sich an mein Gesicht. >>Nicht heute.<<
Ich sah ihn an. >>Was?<<
>>Morgen können wir uns Sorgen machen.<< Sein Daumen strich über meine Wange. >>Über Voldemort. Über Harry. Über den Orden. Über Lucinda und ihre offensichtlich vollkommen vernünftige Angewohnheit, sich mit jedem gefährlichen Menschen anzulegen, den sie finden kann.<<
>>Sie würde behaupten, die gefährlichen Menschen legen sich mit ihr an.<<
>>Natürlich würde sie das.<< Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. >>Aber nicht heute.<<
Meine Kehle wurde eng. Dreizehn Jahre. So viele verlorene Tage. So viele Nächte, in denen ich nicht gewusst hatte, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Und jetzt wollte ich tatsächlich einen unserer ersten gemeinsamen Abende damit verbringen, über Voldemort zu sprechen. Nein. Sirius hatte recht. Die Dunkelheit würde morgen noch da sein. >>Nicht heute<<, wiederholte ich.
>>Sehr vernünftig.<<
>>Gewöhn dich nicht daran.<<
>>Niemals.<<
Dann küsste er mich. Diesmal gab es kein überrasches Lachen. Keine Bemerkung von Lucinda im Hintergrund. Keine bevorstehende Trennung. Ich schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn näher. Sirius lachte leise gegen meine Lippen.
>>Was?<<, murmelte ich.
>>Nichts.<<
>>Black.<<
>>Ich bin nur gerade ausgesprochen glücklich.<<
Das brachte mich zum Schweigen. Meine Stirn sank gegen seine. >>Ich auch.<<
Seine grauen Augen hielten meine fest. >>Du bist wirklich hier.<<
>>Das hatten wir bereits festgestellt.<<
>>Lass mich den Moment genießen, kleine Krähe.<<
Ich lächelte. >>Na schön.<<
Er küsste mich wieder. Und dieses Mal dachte ich nicht an Tom Riddle. Nicht an Barty Crouch Junior. Nicht an Cedric. Nicht an den Krieg, der auf uns wartete. Nicht einmal an Harry. Nur an Sirius. An seine Arme um mich. An seinen Herzschlag. An die Gewissheit, dass wir heute Nacht nicht wieder voneinander fortmussten.
Die Probleme würden warten. Nur ein paar Stunden. Mehr verlangten wir gar nicht. Nach dreizehn verlorenen Jahren erschien mir selbst das wie ein kleines Wunder.
***
Lucinda PoV
Später stand ich allein am Fenster meines neuen Zimmers. Ruby war bei Sirius. Natürlich. Ich gönnte es ihr. Mehr als das. Nach allem, was die beiden verloren hatten, verdienten sie jede einzelne Minute.
Ich hob meinen rechten Arm. Zwei Symbole. Das eine unsichtbar für jeden, der nicht wusste, wonach er suchen musste. Der Fluch. Tom.
Das andere aus Silber. Die Schlange. Ein unbekannter Mensch.
Tod und Leben. Vergangenheit und Gegenwart.
Ich fuhr über den Armreif. Draußen lag London. Irgendwo dort draußen war mein Bruder. Zum ersten Mal seit Jahren besaß er wieder einen Körper. Er sammelte seine Anhänger. Er plante. Er wartete. Und er glaubte, ich sei tot. Ich würde dafür sorgen, dass es so blieb.
Mein Symbol pulsierte schwach. Ein fremdes Gefühl streifte meinen Geist. Kälte. Triumph. Dann ein Bild. Schwarze Roben. Kerzenlicht. Es verschwand, bevor ich es greifen konnte. Ich errichtete meine Mauern höher. >>Nein<<, flüsterte ich.
Stille. Gut. Tom konnte seine Macht durch unseren Fluch schicken. Er konnte Bilder hinterlassen. Schatten. Echos. Aber meinen Geist bekam er nicht. Mich bekam er nicht. Nicht noch einmal.
Ich sah auf das silberne Schmuckstück an meinem Handgelenk. Dann dachte ich an Ruby unten bei Sirius. An Harry. An Dumbledore. An Hogwarts. Vielleicht war ich tatsächlich nicht allein. Der Gedanke fühlte sich ungewohnt an. Aber nicht unangenehm.
Ich schloss die Finger um die silberne Schlange. >>Du bist zurück, Tom<<, flüsterte ich in die Dunkelheit. Keine Angst. Diesmal nicht. Nur Gewissheit. >>Dann bin ich es wohl auch.<<
Mehr als fünfzig Jahre hatte ich auf diesen Kampf gewartet. Ich hatte mein Leben an seines gebunden. Ich hatte die Zeit überdauert. Ich hatte zugesehen, wie sein Name erneut zu einem Flüstern geworden war. Jetzt begann alles von vorn.
Nur einen Fehler würde mein Bruder diesmal nicht wiederholen können. Er würde nicht gegen die Welt kämpfen, während seine Schwester tot im Boden lag. Denn Lucinda Riddle war nicht tot. Sie wartete auf ihn. Und wenn der Tag kam, an dem Tom endlich erfuhr, dass ich noch lebte—würde es bereits zu spät sein.