Auf der anderen Seite
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Hallo, meine Lieben :) Die Woche wird geteilt, aber unsere Geschichte geht weiter. Und es bleibt ereignisreich, trotz Ferien. Ich wünsche euch viel Spaß beim neuen Kapitel und am Freitag geht es wieder weiter. Habt einen schönen Abend.
Liebe Grüße,
eure Melody
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Auf der anderen Seite
Lucinda PoV
Das leere Klassenzimmer lag in einem abgelegenen Teil von Hogwarts, weit entfernt von den belebten Korridoren und neugierigen Blicken anderer Schüler. Der Unterricht war seit Stunden vorbei. Nur das leise Prasseln des Regens gegen die hohen Fenster und das Knacken des Feuers im alten Kamin durchbrachen die Stille.
Tom hatte diesen Raum ausgesucht. Natürlich hatte er das. In letzter Zeit schien jedes Gespräch zwischen uns an Orten stattzufinden, an denen niemand zufällig vorbeikam. Früher hätte ich mir nichts dabei gedacht. Wir waren Zwillinge. Wir hatten uns schon immer zurückgezogen, wenn wir ungestört miteinander sprechen wollten. Doch inzwischen fühlte es sich anders an. Geheimer. Bedrohlicher.
Ich stand am Fenster und beobachtete, wie Regentropfen über das dunkle Glas liefen. Hinter mir befand sich Tom beim Kamin. Auf einem der alten Tische lagen mehrere Bücher und Pergamente, die er augenblicklich umgedreht hatte, als ich das Klassenzimmer betreten hatte. Wieder ein Geheimnis. Mittlerweile wusste ich nicht mehr, wie viele davon zwischen uns standen .
>> Du verstehst es nicht.<<
Toms Stimme war ruhig. Viel zu ruhig. Mein Blick richtete sich noch immer hinaus in die Dunkelheit. Der Regen zog stetig feine Schlieren über das Glas, während hinter mir das Feuer im Kamin leise knackte. >> Doch<<, erwiderte ich. >>Ich fürchte, ich verstehe dich inzwischen besser, als mir lieb ist.<<
Stille. Ich konnte seinen Blick in meinem Rücken spüren. Früher hatte mich das nicht gestört. Früher war Tom einfach mein Bruder gewesen. Mein Zwilling. Der Mensch, der mich manchmal mit einem einzigen Blick verstand, ohne dass ich ein Wort sagen musste. Wir hatten dieselben Räume geteilt, dieselben Lehrer zur Verzweiflung gebracht, dieselben Bücher gelesen und uns darüber gestritten, wer von uns einen Zauber zuerst beherrschen würde. Manchmal hatte ich geglaubt, niemand auf der Welt könne mich so gut kennen wie er. Inzwischen machte mir genau das Angst. >> Dann sieh mich an.<< Ich schloss kurz die Augen. >> Lucinda.<<
Langsam drehte ich mich um. Tom stand vor dem Kamin. Das Feuer warf flackernde Schatten über sein Gesicht, doch seine dunklen Augen ließen nichts erkennen. Wie immer. Er war gut darin geworden. Vielleicht sogar besser als ich. >> Ich habe dir lediglich angeboten, an meiner Seite zu stehen.<<
Ich stieß ein leises, bitteres Lachen aus. >> An deiner Seite?<< >> Ja.<< >> Du meinst hinter dir.<<
Seine Augen verengten sich kaum merklich. >> Das habe ich nicht gesagt.<< >> Das musstest du auch nicht.<<
Ich löste mich vom Fenster und trat einige Schritte in den Raum. Betrachtete die unzähligen Bücher und umgedrehten Pergamente auf dem Tisch. Früher hätte ich gefragt, was darauf stand. Heute wusste ich, dass ich ohnehin keine ehrliche Antwort bekommen würde. >> Du redest ständig davon, was wir erreichen könnten<<, sagte ich. >>Was wir verändern könnten. Was uns zusteht.<< Tom schwieg. >> Aber du sagst niemals, was du damit meinst.<< >> Vielleicht weil ich wusste, wie du reagieren würdest.<< >> Dann weißt du offenbar selbst, dass etwas daran falsch ist.<<
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. Kein freundliches. >> Falsch.<< Er sprach das Wort aus, als wäre es eine besonders kindische Vorstellung. >> Du denkst immer noch in Kategorien, die andere Menschen für dich geschaffen haben. Richtig. Falsch. Gut. Böse.<< >> Und du glaubst, über all dem zu stehen.<< >> Ich glaube, dass wir zu mehr bestimmt sind.<< , korrigierte Tom.
>> Wir?<<
Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Nur für einen Augenblick. Etwas beinahe Vertrautes. >> Ja. Wir.<< Er trat näher. >> Du weißt, was wir können, Lucinda.<<
Ich hielt seinem Blick stand. Natürlich wusste ich es.
Schon als Kinder hatte unsere Magie andere erstaunt. Dinge, für die Mitschüler Wochen brauchten, gelangen uns nach wenigen Versuchen. Manchmal sogar beim ersten. Tom hatte es geliebt. Ich hatte es irgendwann gefürchtet. Nicht die Macht selbst. Sondern das, was sie aus ihm machte. >> Wir sind ihnen nicht gleich<<, fuhr er fort. >>Das waren wir nie.<< >> Vielleicht möchte ich ihnen gleich sein.<<
Tom schnaubte leise. >> Warum?<< Die Frage kam vollkommen ernst. Das war vielleicht das Schlimmste daran. >> Warum solltest du dich kleiner machen, nur damit andere sich in deiner Gegenwart nicht unbedeutend fühlen?<< >> Darum geht es nicht.<< , brachte ich hervor.
>> Worum dann?<< >> Darum, dass Macht dir nicht das Recht gibt, über andere zu bestimmen.<<
Sein Blick wurde kälter. >> Das behaupten gewöhnlich diejenigen, die keine besitzen.<< >> Und genau das meine ich.<< Ich deutete auf ihn. >> Hör dir selbst zu, Tom.<< >> Das tue ich.<< >> Nein. Du hörst nur noch das, was du hören möchtest.<<
Er schwieg. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Nicht aus Angst. Noch nicht. Aus Wut. Aus Verzweiflung. Vielleicht auch aus Trauer. Denn irgendwo in diesem Mann musste doch noch der Junge sein, mit dem ich aufgewachsen war.
Ich wusste nur nicht mehr, wie ich ihn erreichen sollte. >> Was ist aus dir geworden?<<, fragte ich leise.
Etwas zuckte in seinem Blick. So schnell, dass ich es beinahe übersehen hätte. >> Aus mir?<< >> Du sprichst über Menschen, als wären sie Figuren auf einem Spielbrett. Du verschwindest tagelang. Du verbirgst Dinge vor mir. Und jedes Mal, wenn du zurückkommst, erkenne ich dich ein bisschen weniger.<< Er schnaubte. >> Vielleicht bist du diejenige, die sich verändert hat.<< >> Das redest du dir ein.<<
Sein Kiefer spannte sich an. >> Ich biete dir etwas an, wovon andere nicht einmal zu träumen wagen würden.<< >> Was denn?<< Ich breitete die Arme aus. >> Sag es mir. Ein einziges Mal. Keine Andeutungen. Keine Geheimnisse. Was willst du?<<
Tom sah mich lange an. Dann trat er näher. >> Freiheit.<<
Ich schüttelte den Kopf. >> Nein.<< >> Doch.<< , beharrte er, als ich das eigentliche Wort aussprach, welches sich unverkennbar dahinter verbarg.
>> Macht.<<
Seine Miene wurde vollkommen unbewegt. Da war sie. Die Antwort. Nicht ausgesprochen. Aber ich brauchte sie nicht mehr. >> Du willst Macht<<, sagte ich. >>Immer mehr. Egal, was sie kostet.<< >> Und wenn es so wäre?<<
Mein Magen zog sich zusammen. >> Dann werde ich dir niemals dabei helfen.<<
Sein Blick ruhte auf mir. >> Du verschwendest dich.<< >> Nein.<< >> Doch.<< Zum ersten Mal lag etwas Schärferes in seiner Stimme. >>Du weißt überhaupt nicht, was wir gemeinsam sein könnten.<< >> Vielleicht weiß ich es inzwischen nur zu gut.<< >> Wir könnten Dinge verändern, Lucinda. Niemand könnte uns aufhalten. Nicht Dumbledore. Nicht das Ministerium. Niemand.<< >> Und danach?<< Er schwieg. >> Was passiert, wenn niemand mehr da ist, der dir widersprechen kann?<< , fragte ich ganz offen. Keine Antwort. >> Was passiert mit jedem, der sich weigert, dir zu folgen?<<
Seine Augen wurden dunkel. Ich kannte diesen Blick. Ich kannte ihn schon mein ganzes Leben. Früher hatte ich darin Ärger erkannt, Trotz, verletzten Stolz. Jetzt erkannte ich etwas anderes. Kälte >> Du würdest es verstehen<<, sagte er schließlich. >>Wenn du endlich aufhören würdest, dich gegen das zu wehren, was du bist.<< >> Und was bin ich deiner Meinung nach?<<
Er antwortete ohne Zögern. >> Meine Schwester.<< Die Worte trafen mich unerwartet. Tom kam noch einen Schritt näher. >> Meine Zwillingsschwester. Mein Blut. Meine Magie. Die Einzige, die mir nicht folgen müsste.<<
Ich runzelte die Stirn. >> Was soll das bedeuten?<< >> Die anderen folgen.<< Seine Stimme war leise. >> Du würdest neben mir stehen.<<
Für einen einzigen verräterischen Augenblick tat es weh. Weil ich wusste, dass er es ernst meinte. Auf seine Art. Tom bot mir tatsächlich einen Platz an seiner Seite an. Nicht als Dienerin. Nicht als gewöhnliche Anhängerin. Sondern als seine Schwester. Als seine Gleichgestellte. Vielleicht war das das Nächste, was er noch zu Zuneigung fähig war. Und gerade deshalb musste ich Nein sagen. >> Ich will diesen Platz nicht.<<
Sein Gesicht veränderte sich nicht. >> Du weißt nicht, was du ablehnst.<< >> Doch.<< >>Denk darüber nach << , sagte er.
>> Das habe ich.<< >> Dann denk länger darüber nach.<< >> Meine Antwort wird dieselbe bleiben.<<
Zum ersten Mal trat Ärger in seine Augen. Nur ein Funke. >> Du bist töricht.<< >>Und du bist machtbesessen << , brachte ich hervor.
>> Vorsicht.<<
Das eine Wort ließ die Luft zwischen uns gefrieren. Ich hätte aufhören sollen. Vielleicht hätte ein vernünftiger Mensch das getan. Aber Tom hatte schon immer gewusst, dass Vernunft nicht meine größte Stärke war, wenn ich wütend wurde. >> Oder was?<< Er sagte nichts. >> Was willst du tun, wenn ich mich weiterhin weigere? Mich zwingen?<< Stille. >> Mich verfluchen?<< Nichts. >> Mich aus dem Weg räumen wie jeden anderen Menschen, der dir nicht gehorcht?<< >> Lucinda.<< >> Nein!<<
Meine Stimme hallte durch den Raum. Jahrzehnte später wusste ich nicht mehr, ob es wirklich so laut gewesen war. Erinnerungen waren seltsame Dinge. Manche Einzelheiten verblassten. Andere brannten sich für immer ein. Und an die nächsten Worte erinnerte ich mich vollkommen. >> Ich würde eher sterben, als dir zu folgen!<<
Stille. Vollkommene Stille. Das Feuer knackte hinter Tom. Draußen prasselte Regen gegen das Fenster. Ich atmete schwer. Tom hingegen bewegte sich nicht. Er schrie nicht. Er zog keinen Zauberstab. Nicht einmal sein Gesicht verzog sich. Er sah mich einfach an. Und in diesem Moment wünschte ich mir beinahe, er wäre wütend geworden. Wut kannte ich. Wut verging. Diese Ruhe nicht.
Seine Augen glitten über mein Gesicht, als würde er mich zum ersten Mal wirklich betrachten. Nicht wie seine Schwester. Nicht wie seinen Zwilling. Sondern wie ein Problem. Etwas, das einer Lösung bedurfte.
Mir wurde kalt. >> Tom?<< Keine Antwort. >> Sag etwas.<<
Sekunden vergingen. Dann neigte er kaum merklich den Kopf. >> Das ist deine Entscheidung.<<
Mehr nicht. Keine Drohung. Keine Beleidigung. Kein Zorn. Nur diese vier Worte. Das ist deine Entscheidung. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Denn ich kannte ihn. Vielleicht besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt.
Ich wusste, wie Tom aussah, wenn er log. Wie er aussah, wenn er wütend war. Wie er aussah, wenn er etwas wollte. Und ich wusste, wie er aussah, wenn er eine Entscheidung getroffen hatte.
Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Tom bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. Etwas in seinem Blick sagte mir, dass er wusste, was ich gerade verstanden hatte. Mein Bruder würde mich töten.
Nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber bald. Und wenn dieser Moment kam, würde er nicht zögern. Ich schluckte. >> Ich wünschte...<< Meine Stimme versagte. Tom wartete. Ich zwang die Worte heraus. >> Ich wünschte, du hättest dich anders entschieden.<<
Zum ersten Mal flackerte etwas in seinen Augen. So kurz, dass ich bis heute nicht wusste, ob ich es mir eingebildet hatte. Dann wandte er sich von mir ab. >> Geh.<<
Ich blieb noch einen Moment stehen. Ein Teil von mir wollte zu ihm gehen. Ihn am Arm packen. Ihn zwingen, mich anzusehen. Ihn daran erinnern, wer wir einmal gewesen waren. Zwei Kinder. Ein Geburtstag. Dasselbe Blut. Dieselbe Magie.
Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, ob all das wirklich nichts mehr bedeutete. Doch ich wusste die Antwort bereits. Also ging ich. Und mit jedem Schritt wusste ich deutlicher, dass ich gerade nicht einfach einen Raum verließ. Ich ließ meinen Bruder zurück. Vielleicht endgültig.
Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Doch das Geräusch verklang nicht. Es wurde lauter. Dumpfer. Regelmäßiger. Klack. Ich runzelte die Stirn. Klack. Etwas stimmte nicht.
Der Korridor war verschwunden. Die Erinnerung ebenfalls. Klack. Dunkelheit. Ich sah eine Hand. Lang und bleich. Toms Hand. Sie strich über Pergament. Nein.
Eine Karte?
Das Bild verschwamm. Ich versuchte, genauer hinzusehen. Ein Raum. Regale. Bücher. Etwas wurde auf einen Tisch gelegt. Metall blitzte im schwachen Licht. Dann wieder Dunkelheit. Wo bist du?
Der Gedanke war nicht meiner. Mein Atem stockte. Tom. Nicht der Tom aus meiner Erinnerung. Der Tom von heute. Eine Gestalt bewegte sich durch die Dunkelheit. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen. Nur seine Ungeduld. Sie kroch durch die Verbindung wie Eiswasser.
Er suchte etwas. Pergamente wurden beiseitegeschoben. Ein Buch schlug auf. Seiten flogen vorbei. Ein Symbol. Ein Name. Ich versuchte ihn zu lesen. Nichts.
Das Bild zerfiel. Dann Stein. Eine Tür. Eine Hand. Wieder dieses Gefühl.
Suchen. Nein. Mehr. Finden. Er musste es finden. Was?
Mein Herz schlug schneller. Nur einen Augenblick. Nur ein bisschen genauer—
Nein. Der Gedanke traf mich wie ein Schlag. Ich riss mich zurück. Sofort. Mauern. Eine nach der anderen. Jene vertrauten geistigen Barrieren, die ich seit Jahrzehnten aufrechterhielt. Ich durfte nicht nach ihm greifen. Durfte die Verbindung nicht öffnen. Durfte niemals vergessen, dass Tom Riddle glaubte, seine Schwester sei tot. Das Bild zersplitterte. Tom verschwand. Und ich fuhr hoch.
Mein Atem ging stoßweise. Für einige Sekunden wusste ich nicht, wo ich war. Dann erkannte ich das Zimmer. Grimmauldplatz. Mein Bett. Dunkelheit. Ich presste eine Hand gegen meine Brust. >>Verdammt.<< Meine Stimme klang heiser.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich. Mauer um Mauer. Gedanke um Gedanke. Kein Durchkommen. Nichts von mir durfte zu ihm gelangen. Erst als ich sicher war, dass meine Okklumentik wieder vollständig stand, öffnete ich die Augen.
Mein Blick fiel auf meine linke Hand. Sie lag auf meinem anderen Handgelenk. Genau dort, wo die Magie des Fluches manchmal brannte. Ich zog langsam die Finger zurück. >>Wonach suchst du?<<, flüsterte ich.
Natürlich erhielt ich keine Antwort. Ich wusste nicht, was ich gesehen hatte. Nicht, wo Tom gewesen war. Nicht, ob es überhaupt Bilder aus diesem Augenblick gewesen waren oder lediglich Fragmente, die durch unsere Verbindung zu mir gedrungen waren. Aber eines wusste ich. Tom suchte etwas. Und noch wichtiger: Er wollte es unbedingt finden. ***
Als ich wenig später die Küche betrat, saßen Ruby und Sirius bereits am Tisch.
Sirius hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. Ruby hatte mehrere Pergamente vor sich ausgebreitet und las, während sie nebenbei ihr Frühstück vollkommen ignorierte. Für einen kurzen Augenblick blieb ich in der Tür stehen. Ein erstaunlich friedlicher Anblick. Fast normal.
Dann hob Ruby den Kopf. Ihr Gesicht veränderte sich sofort. >>Was ist passiert?<<
Natürlich. Manchmal fragte ich mich, warum ich überhaupt noch versuchte, irgendetwas vor dieser Frau zu verbergen. Sirius stellte seine Tasse ab. >>Guten Morgen wäre auch eine Möglichkeit gewesen.<<
Ich ging zum Tisch. >>Tom sucht etwas.<<
Die Wirkung war augenblicklich. Rubys Feder blieb liegen. Sirius' amüsierter Gesichtsausdruck verschwand. >>Was?<<, fragte Ruby.
Ich setzte mich ihnen gegenüber. >>Ich habe von ihm geträumt.<<
Rubys Blick wurde scharf. >>Geträumt oder—<<
>>Beides.<< Ich fuhr mir über das Gesicht. >>Es begann als Erinnerung.<<
Ich schwieg einen Moment. Der Satz hallte wieder in meinem Kopf. Das ist deine Entscheidung. >>Von damals<<, fügte ich leiser hinzu.
Ruby verstand. Natürlich tat sie das. Sirius hingegen sah zwischen uns hin und her, fragte jedoch nicht nach. Dafür war ich ihm dankbar. >>Und dann hat es sich verändert<<, fuhr ich fort. >>Die Erinnerung war plötzlich weg. Ich habe Tom gesehen. Oder zumindest Bruchstücke von ihm.<<
>>Was genau?<<, fragte Sirius.
>>Pergamente. Bücher. Vielleicht eine Karte. Stein. Eine Tür.<< Ich schüttelte frustriert den Kopf. >>Ich weiß es nicht. Es war zu undeutlich.<<
Ruby beugte sich vor. >>Hast du nach der Verbindung gegriffen?<<
>>Nein.<<
>>Lucinda—<<
>>Nein, Ruby.<< Ich sah ihr fest in die Augen. >>Ich habe sie sofort geschlossen, als ich begriffen habe, was passiert.<<
Sie musterte mich einige Sekunden. Dann nickte sie. >>Gut.<<
>>Ich weiß, was auf dem Spiel steht.<<
>>Das weiß ich.<< Ihre Stimme wurde weicher. >>Ich frage trotzdem.<<
>>Natürlich tust du das.<<
Sirius sah zwischen uns hin und her. >>Und du bist sicher, dass er nach etwas sucht?<<
Ich wandte mich ihm zu. >>Ja.<<
>>Woher?<<
Darauf musste ich nicht lange überlegen. >>Weil ich seine Ungeduld gespürt habe.<< Die Küche wurde still. >>Tom interessiert sich für viele Dinge<<, sagte ich. >>Er forscht. Er sammelt Wissen. Er plant. Das war schon immer so. Aber das hier war anders.<<
Ruby verschränkte langsam die Arme. >>Wie anders?<<
Ich dachte an das Gefühl zurück. An diese rastlose Entschlossenheit. An das beinahe körperliche Bedürfnis, etwas zu finden. >>Er braucht es.<< Ruby und Sirius wechselten einen Blick. >>Was immer es ist<<, fügte ich hinzu, >>mein Bruder sucht nicht danach, weil es ihn interessiert.<< Meine Finger schlossen sich um die Tischkante. >>Er sucht danach, weil ihm etwas fehlt.<<
Sirius lehnte sich langsam zurück. >>Dann hätte ich eine ziemlich einfache Frage.<<
Ruby sah zu ihm. >>Welche?<<
Ein schiefes Lächeln erschien auf seinen Lippen. >>Wenn Voldemort etwas unbedingt finden will...sollten wir dann nicht dafür sorgen, dass wir es vor ihm finden?<<
Stille. Ruby sah Sirius an. Dann mich. Ich hob eine Augenbraue. Sirius' Lächeln wurde breiter. >>Was? Ich kann gelegentlich vernünftige Gedanken haben.<<
>>Gelegentlich<<, wiederholte Ruby trocken und Sirius legte sich eine Hand aufs Herz.
>>Ich wusste, dass du dich auf dieses Wort stürzen würdest.<<
Normalerweise hätte ich darüber gelächelt. Diesmal tat ich es nicht. Denn mein Blick war auf einen unbestimmten Punkt zwischen ihnen gerichtet. Pergament. Stein. Eine Tür. Ein Name, den ich nicht hatte lesen können.
Tom suchte etwas. Und wenn ich meinen Bruder richtig einschätzte, würde er nicht aufhören, bis er es gefunden hatte. Ich hatte mich ihm schon einmal in den Weg gestellt. Damals hatte ich dafür mit meinem Leben bezahlt. Diesmal würde ich vorbereitet sein.
***
Severus PoV
Severus Snape hielt Cornelius Fudge für einen Narren.
Das war an sich keine besonders neue Erkenntnis. Neu war lediglich das Ausmaß, in dem die Dummheit eines einzelnen Mannes inzwischen die gesamte magische Welt gefährdete. >>Er will warten.<<
Dumbledore blickte über seine halbmondförmige Brille hinweg. Severus stand vor dessen Schreibtisch, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er war erst vor wenigen Stunden zurückgekehrt und hatte noch immer das Gefühl, den Blick des Dunklen Lords auf sich zu spüren. >>Warten?<<, wiederholte Dumbledore.
>>Der Dunkle Lord hat nicht vor, seine Rückkehr öffentlich zu machen. Noch nicht.<<
Das leise Klirren eines silbernen Instruments irgendwo im Büro war für einige Sekunden das einzige Geräusch. Dumbledores Gesicht blieb ruhig. >>Das hatte ich befürchtet.<<
Severus' Mundwinkel verzog sich spöttisch. >>Dann dürfte es Sie freuen zu erfahren, dass unser geschätzter Zaubereiminister beschlossen hat, ihm die Arbeit abzunehmen.<<
>>Cornelius hat Angst.<<
>>Cornelius ist ein Narr<<, betonte Severus.
>>Das eine schließt das andere nicht aus.<<
>>In diesem Fall scheint es sich hervorragend zu ergänzen.<<
Dumbledore seufzte leise. Severus empfand keinerlei Mitleid. Fudge hatte die Wahrheit vor Augen gehabt. Harry Potter hatte sie ausgesprochen. Dumbledore hatte sie bestätigt. Cedric Diggory war tot. Barty Crouch Junior war unter ihren Augen enttarnt worden. Und trotzdem klammerte sich das Ministerium an die beruhigende Vorstellung, der Dunkle Lord sei nicht zurückgekehrt.
Weil die Alternative unbequem war. Weil sie Angst machte. Weil sie Handlungen erforderte. Narren.
>>Je länger das Ministerium die Rückkehr des Dunklen Lords verleugnet<<, sagte Severus kalt, >>desto mehr Zeit geben sie ihm, seine Kräfte zu sammeln. Anhänger zu suchen. Alte Verbindungen wiederherzustellen.<<
Dumbledore nickte langsam. >>Und genau darauf setzt er.<<
>>Ja.<< Severus trat näher an den Schreibtisch. >>Er hat ausdrücklich angeordnet, Zurückhaltung zu wahren. Keine öffentlichen Angriffe. Keine unnötige Aufmerksamkeit. Zumindest vorerst.<<
>>Er möchte, dass die Welt schläft.<<
>>Während er erwacht.<<
Ihre Blicke trafen sich. Dumbledores Augen verloren das letzte bisschen Wärme. >>Dann dürfen wir nicht schlafen.<<
Severus schwieg. Er wusste bereits, worauf der Schulleiter hinauswollte. >>Der Orden?<<
>>Formiert sich neu.<<
Natürlich. Severus hatte nichts anderes erwartet. Dumbledore erhob sich und ging langsam zu einem der hohen Fenster. >>Einige der früheren Mitglieder haben bereits zugesagt. Andere werden folgen. Wir brauchen Augen und Ohren an möglichst vielen Stellen. Im Ministerium. In Hogwarts. Außerhalb davon.<<
>>Und innerhalb der Reihen des Dunklen Lords.<<
Dumbledore drehte sich zu ihm um. >>Ja.<<
Nur dieses eine Wort. Severus' linker Unterarm schien unter seinem Ärmel darauf zu reagieren. Er ignorierte es. Er wusste, was seine Aufgabe war. Er hatte sie in dem Moment gewusst, in dem das Dunkle Mal auf seinem Arm wieder schwarz geworden war.
Voldemort brauchte ihn in der Nähe Dumbledores. Dumbledore brauchte ihn in der Nähe Voldemorts. Und Severus würde beiden Männern genau das geben, was sie von ihm erwarteten. Zumindest so lange, wie es notwendig war.
>>Es gibt außerdem zwei Personen, mit denen ich sprechen möchte<<, sagte Dumbledore.
Severus' Blick verengte sich. >>Potter ist zu jung.<<
>>Ich sprach nicht von Harry.<<
Natürlich nicht. Severus benötigte keinen weiteren Hinweis. Zwei Personen. Er dachte an das Ende des Trimagischen Turniers. An Barty Crouch Junior. An eine blonde Ravenclaw, die gemeinsam mit einer Slytherin über das Gelände gestürmt war und offenbar bereits gewusst hatte, dass mit Alastor Moody etwas nicht stimmte. Und an ein Mädchen, das mit ausgestreckter Hand einen erwachsenen Todesser durch die Luft geschleudert hatte, als wären die gewöhnlichen Grenzen der Magie lediglich höfliche Empfehlungen.
Er kommt zurück. Lucindas Stimme hallte in seiner Erinnerung wider.
Sie hatte es gewusst. Bevor Potter zurückgekehrt war. Bevor das Dunkle Mal auf Severus' Arm die letzte Gewissheit geliefert hatte. Sie hatte es gewusst.
>>Stonefield und Chadwick.<< Dumbledore antwortete nicht sofort. Das genügte. Severus stieß leise Luft durch die Nase aus. >>Zwei Schülerinnen.<<
>>Formal betrachtet.<<
Severus' Augen wurden schmal. >>Formal betrachtet?<<
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf Dumbledores Gesicht. >>Sie haben selbst festgestellt, dass Miss Stonefield und Miss Chadwick in einigen Bereichen über ungewöhnliche Kenntnisse verfügen.<<
>>Ungewöhnliche Kenntnisse.<< Severus sprach die Worte aus, als beleidigten sie ihn persönlich. >>Chadwick beherrscht alchemistische Verfahren, die nicht einmal Bestandteil des regulären Hogwarts-Lehrplans sind. Stonefield braut Tränke weit über ihrem angeblichen Ausbildungsstand hinaus und verfügt über eine magische Stärke, die ich bei einer Fünfzehnjährigen noch nie erlebt habe.<<
Dumbledore schwieg. Severus fuhr fort. >>Beide wussten, dass Crouch nicht Moody war. Beide wussten offenbar, dass Potter in Gefahr schwebte. Und Stonefield—<< Er brach ab. Vor seinem inneren Auge schwebte Barty Crouch Junior erneut über dem Boden. Kein Zauberstab. Keine ausgesprochene Formel. Nur Lucindas ausgestreckte Hand. >>—wusste von der Rückkehr des Dunklen Lords, bevor irgendeiner von uns es wissen konnte.<<
Dumbledores Gesicht blieb vollkommen ruhig. Zu ruhig. Severus kannte diese Ruhe. Es war die Ruhe eines Mannes, der sehr viel mehr wusste, als er zu sagen beabsichtigte. >>Wer sind diese beiden Mädchen, Albus?<<
Dumbledore betrachtete ihn lange. >>Zwei junge Hexen, die bereits mehr verloren haben, als sie sollten.<<
Severus' Kiefer spannte sich an. >>Das war keine Antwort.<<
>>Nein.<< Wenigstens gab er es zu.
>>Sie erwarten von mir, dass ich gemeinsam mit zwei Personen arbeite, über die Sie sich beharrlich weigern, mir auch nur die grundlegendsten Informationen zu geben.<<
Dumbledore winkte ab. >>Ich erwarte zunächst überhaupt nichts dergleichen.<<
>>Sie wollen sie für den Orden.<<
>>Ich möchte mit ihnen sprechen.<<
>>Das ist bei Ihnen gewöhnlich der erste Schritt.<<
Dumbledores Augen funkelten leicht. >>Sie kennen mich erschreckend gut, Severus.<<
>>Bedauerlicherweise.<<
Der Schulleiter wandte sich wieder dem Fenster zu. Severus blieb stehen. Er hätte gehen können. Tat es aber nicht. Etwas störte ihn. Mehr als Dumbledores übliche Geheimniskrämerei. >>Sie vertrauen ihnen.<<
Keine Frage. Eine Feststellung. Dumbledore schwieg einen Augenblick. >>Ja.<<
Severus' Blick wurde schärfer. Das war interessant. Albus Dumbledore vertraute vielen Menschen. Aber nur sehr wenigen Menschen vertraute er mit Geheimnissen, die einen Krieg entscheiden konnten. >>Wie lange?<<
Dumbledore sah über die Schulter. >>Wie bitte?<<
>>Wie lange kennen Sie Stonefield und Chadwick wirklich?<<
Stille. Dumbledore lächelte nicht mehr. Severus wusste sofort, dass er die richtige Frage gestellt hatte. >>Länger<<, sagte der Schulleiter schließlich, >>als Sie vermuten.<<
Das war alles. Severus wartete. Dumbledore offenbar ebenfalls. >>Sie sind unerträglich<<, brachte Severus schließlich hervor.
>>Das wurde mir bereits gesagt.<<
>>Vermutlich regelmäßig.<<
>>Gelegentlich.<<
Severus wandte sich ab. Er hatte beinahe die Tür erreicht, als Dumbledores Stimme ihn aufhielt. >>Severus.<<
Seine Hand blieb auf der Klinke liegen. >>Was?<<
>>Wenn es um Miss Stonefield geht...<< Severus drehte langsam den Kopf. Dumbledore musterte ihn. Nicht spöttisch. Nicht amüsiert. Das machte es schlimmer. >>...würde ich Ihnen raten, mit Bedacht vorzugehen.<<
Severus' Stirn legte sich in Falten. >>Was genau soll das bedeuten?<<
Dumbledore wandte sich seelenruhig wieder seinen Unterlagen zu. >>Das werden Sie herausfinden müssen.<<
Natürlich. Severus starrte ihn einige Sekunden an. >>Manchmal frage ich mich, weshalb ich überhaupt noch Fragen stelle.<<
>>Weil Sie Antworten möchten.<<
>>Von Ihnen bekommt man keine.<<
>>Nicht immer.<<
Severus öffnete die Tür. Dann hielt er noch einmal inne. Mit Bedacht vorgehen.
Was zum Teufel sollte das nun wieder bedeuten?
Er dachte an Lucinda Stonefield. An das Mädchen, das einen Todesser ohne Zauberstab überwältigt hatte. An ihre unerklärlichen Fähigkeiten. An ihren Blick im Korridor am letzten Schultag. Und ungewollt an Crouchs Stimme. Diese bemerkenswerte Sorge.
Severus' Miene verdüsterte sich. >>Albus.<<
>>Hm?<<
>>Sollte das irgendeine Ihrer kryptischen Methoden sein, mich zu etwas Bestimmtem zu bewegen—<<
Dumbledore blickte auf. Vollkommen unschuldig. >>Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.<<
Severus sah ihn an. Dumbledore sah zurück. >>Natürlich nicht.<<
Er zog die Tür hinter sich zu. Mit Bedacht. Was auch immer das bedeuten sollte.
Severus würde sich ganz gewiss nicht von Albus Dumbledore dazu verleiten lassen, sich noch intensiver mit dem Rätsel Lucinda Stonefield zu beschäftigen. Er hatte bereits genug Probleme. Bedauerlicherweise wusste Severus zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Lucinda Stonefield sehr bald eines davon werden würde.