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Nicht mehr allein

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Nicht mehr allein

Hallo, alle zusammen :) Es geht weiter, denn das Wochenende steht vor der Tür und unser magisches Abenteuer geht somit in die nächste Runde. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und wir sehen uns Sonntag wieder. Voraussichtlich aber erst gegen Abend. Bis dahin…habt einen schönen Start ins Wochenende ;)

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 49 Nicht mehr allein

Lucinda PoV

Ich hatte mir den Orden des Phönix anders vorgestellt. Nicht unbedingt eindrucksvoller. Nur weniger laut. >>SIRIUS!<<

Ein dumpfer Knall erschütterte die Küche. Ich zuckte zusammen. Ruby verschüttete beinahe ihren Tee. Sirius hingegen lehnte vollkommen ungerührt an der Küchenzeile und betrachtete die junge Hexe, die gerade mit violetten Haaren, einem umgestürzten Stuhl und einem Ausdruck tiefster Empörung vor uns stand. >>Was?<<

>>Du hast den Stuhl dahin gestellt!<<

>>Der Stuhl steht seit ungefähr fünfzig Jahren dort.<<

>>Dann hättest du mich warnen können.<<

>>Vor dem Stuhl?<<

>>Ja!<<

Ich sah zu Ruby. Ruby sah zu mir. >>Der Orden des Phönix<<, murmelte ich.

>>Offenbar.<<

Sirius grinste. >>Keine Sorge. Tonks repräsentiert nur einen kleinen Teil unserer geballten Kompetenz.<<

>>Ich habe das gehört!<<

>>Das war beabsichtigt.<<

Die junge Hexe richtete den Stuhl wieder auf und strich sich eine violette Haarsträhne aus dem Gesicht. >>Nymphadora Tonks.<< Sirius verzog das Gesicht. Tonks' Augen wurden schmal. >>Wenn du mich noch einmal Nymphadora nennst, probiere ich an dir aus, ob Metamorphmagie übertragbar ist.<<

>>Ich habe überhaupt nichts gesagt<<, gab Sirius zurück.

>>Dein Gesicht hat es gesagt.<< Ich musste lächeln. Tonks bemerkte es. >>Du musst Lucinda sein.<<

Das Lächeln verschwand beinahe augenblicklich. Nicht aus Misstrauen. Nur aus Gewohnheit. Sirius bemerkte es trotzdem. >>Ich habe ihnen gesagt, dass wir Gäste haben<<, erklärte er. >>Nicht mehr.<<

Tonks hob beschwichtigend beide Hände. >>Und mehr will ich auch gar nicht wissen. Tonks reicht übrigens. Alles andere ist Körperverletzung.<<

>>Lucinda<<, bestätigte ich ihre Vermutung.

>>Ruby<<, stellte Ruby sich selbst vor.

Tonks grinste. >>Gut. Damit wären die einfachen Namen geklärt.<<

>>Warte, bis Moody kommt<<, sagte Sirius.

Tonks' Grinsen wurde breiter. >>Dann ist es mit einfach vorbei.<<

Als hätte sie ihn gerufen, ertönte aus dem Flur das schwere Geräusch eines Schrittes. Dann noch eines. Unregelmäßig. Hart. Ich erstarrte. Nur für einen Moment. Aber Ruby bemerkte es. Natürlich bemerkte Ruby es.

Ihre Finger berührten meinen Unterarm. Ich brauchte nicht zu fragen, wer dort kam. Ich kannte diesen Gang. Monatelang hatte ich ihn in Hogwarts gehört. Auf Korridoren. In Klassenzimmern. Hinter mir. Vor mir. Manchmal genau dann, wenn ich ihn am wenigsten hatte hören wollen.

Die Küchentür öffnete sich. Alastor Moody trat herein. Und obwohl ich wusste, dass dieser Mann nicht derjenige war, den ich während des vergangenen Schuljahres gekannt hatte, reagierte mein Körper schneller als mein Verstand.

Meine Schultern spannten sich an. Mein Blick glitt zu seiner Hand. Zum Zauberstab. Zum Gesicht. Zum magischen Auge. Es rotierte in seiner Höhle und blieb auf mir stehen. Moody blieb ebenfalls stehen. >>Stonefield.<<

Seine Stimme. Fast dieselbe. Nicht ganz. Ich sagte nichts. Das magische Auge bewegte sich einmal über mich hinweg. >>Wenn Sie mich weiterhin so anstarren, könnten Sie wenigstens sagen, wonach Sie suchen.<<

Ich betrachtete ihn noch einen Augenblick. >>Nach Unterschieden.<<

Tonks biss sich auf die Lippe. Sirius wandte demonstrativ den Kopf ab. Moody schien weder beleidigt noch überrascht. >>Und?<<

Ich musterte ihn noch einmal. >>Sie sind wesentlich unangenehmer.<<

Stille. Dann verzog sich Moodys Mund zu etwas, das bei jedem anderen Menschen vermutlich ein Lächeln gewesen wäre. >>Gut.<<

Sirius brach in Gelächter aus. Ruby schüttelte den Kopf. Und etwas in mir entspannte sich. Nur ein wenig. Aber genug. Dieser Mann war nicht Barty Crouch Junior. Vielleicht war es absurd, ausgerechnet seine Unfreundlichkeit beruhigend zu finden. Nach dem vergangenen Schuljahr nahm ich, was ich bekommen konnte.

>>Alastor<<, sagte eine ruhige Stimme hinter ihm, >>du blockierst die Tür.<<

Moody trat einen Schritt zur Seite. Der Mann hinter ihm war dünn. Das war das Erste, was mir auffiel. Nicht auf jene natürliche Weise, die manchen Menschen eigen war. Seine Kleidung wirkte abgetragen, sein Gesicht müde und älter, als es vermutlich sein sollte. Feine Narben zeichneten sich auf seiner Haut ab. Aber seine Augen waren freundlich. Sehr freundlich.

Sie wanderten zunächst zu Sirius. Und sofort veränderte sich etwas. Nicht viel. Ein kaum sichtbares Lächeln. Sirius richtete sich von der Küchenzeile auf. >>Moony.<<

>>Tatze.<<

Ich sah zwischen ihnen hin und her. Moony? Tatze? Ich beschloss, vorerst keine Fragen zu stellen. Der Fremde trat näher und umarmte Sirius kurz. Es war keine überschwängliche Begrüßung. Gerade deshalb fiel sie mir auf. Da war eine Selbstverständlichkeit zwischen ihnen, die keine Worte benötigte. Eine Vertrautheit, die nicht erst gestern entstanden war. Ich kannte diese Art von Freundschaft.

Ruby und ich mussten einander ebenfalls nicht erklären, was ein Blick bedeutete. Manche Menschen verbrachten so viel Zeit miteinander, dass Worte irgendwann nur noch Ergänzungen waren. Der Mann löste sich von Sirius. Dann fiel sein Blick auf Ruby.

Er hielt inne. Sah Ruby an. Sah Sirius an. Wieder Ruby. Seine Mundwinkel zuckten. >>Du bist also Ruby.<<

Ruby hob eine Augenbraue. >>Das klingt, als hätte Sirius von mir erzählt.<<

>>Gelegentlich.<<

>>Moony.<< Der warnende Tonfall von Sirius war unverkennbar.

Der Mann lächelte vollkommen unschuldig. >>Was denn? Ich wollte lediglich feststellen, dass ich beeindruckt bin.<<

Ruby verschränkte die Arme. >>Wovon?<<

Er sah zu Sirius. >>Dass du es offenbar schon länger mit ihm aushältst.<<

Ich mochte ihn. Sofort.

Sirius starrte seinen Freund an. >>Dreizehn Jahre haben dir offenbar nicht gutgetan.<<

>>Im Gegenteil. Ich hatte viel Zeit, meine Menschenkenntnis zu verbessern.<<

Ruby lachte. >>Remus Lupin<<, stellte er sich schließlich vor und reichte ihr die Hand. Dann mir.

>>Lucinda Stonefield.<<

Sein Händedruck war warm. Nicht besonders kräftig. Als er die Hand zurückzog, bemerkte ich die Müdigkeit erneut. Sie saß nicht nur in seinem Gesicht. Sie schien in seinen Knochen zu stecken. Etwas lastete auf diesem Mann. Etwas, das älter war als diese Nacht und schwerer als bloße Erschöpfung.

Ich kannte diesen Ausdruck. Nicht seine Ursache. Aber den Versuch, Schmerzen so selbstverständlich zu tragen, dass andere irgendwann aufhörten, danach zu fragen. Remus bemerkte meinen Blick. Für einen Augenblick sahen wir einander an. Ich lächelte nur. Er erwiderte es. Keine Frage. Vielleicht mochte ich ihn deshalb noch ein wenig mehr.

Kingsley Shacklebolt traf wenige Minuten später ein.

Im Gegensatz zu Tonks benötigte er dafür weder einen umgestürzten Stuhl noch Beschimpfungen gegen Sirius. Ich hielt das sofort für bemerkenswert. Er wirkte ruhig. Kontrolliert. Seine tiefe Stimme füllte den Raum, ohne dass er sie heben musste, und als Sirius erklärte, Kingsley arbeite im Ministerium, wurde ich aufmerksam. >>Im Ministerium?<<

Kingsley sah mich an. >>Auror.<<

>>Dann dürfte die gegenwärtige Lage dort interessant sein.<<

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. >>Interessant ist eine höfliche Bezeichnung.<<

Moody schnaubte. >>Feigheit trifft es besser.<<

>>Alastor<<, sagte Remus.

>>Was? Es stimmt.<<

Kingsley setzte sich. >>Der Minister hat sich festgelegt. Dumbledore lügt. Potter ist traumatisiert. Cedric Diggorys Tod war ein tragischer Unfall. Jede gegenteilige Behauptung wird zunehmend als Versuch betrachtet, Unruhe zu stiften.<<

Meine Finger schlossen sich fester um meine Tasse.

Potter ist traumatisiert. Natürlich. Es war einfacher, Harry zum verwirrten Jungen zu erklären, als anzuerkennen, dass ein Monster zurückgekehrt war.

>>Sie wissen, dass Harry die Wahrheit sagt?<<, fragte ich.

Kingsley antwortete ohne Zögern. >>Ja.<<

Ich nickte. Das genügte mir fürs Erste.

>>Fudge ist ein Narr<<, sagte Sirius.

>>Das scheint momentan die verbreitete Einschätzung zu sein<<, bemerkte Remus.

Moody grunzte. >>Snape hat dasselbe gesagt.<<

Ich hob den Kopf. Sirius' Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. >>Dann muss selbst der alte Fledermaus—<< Ruby trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein. >>Au!<<

>>Benimm dich.<<

>>Er hat angefangen<<, entgegnete Sirius trotzig.

>>Snape ist nicht einmal hier.<<

Sirius brummte. >>Das macht es schlimmer.<<

Remus betrachtete Ruby interessiert. >>Du trittst Sirius also tatsächlich.<<

>>Nur wenn es notwendig ist<<, gab sie unschuldig zurück und Remus schmunzelte.

Sirius sah aus, als überlege er ernsthaft, ob Freundschaften nach mehreren Jahrzehnten noch gekündigt werden konnten. Ich nahm einen Schluck Tee. Dieser Orden gefiel mir immer besser.

***

Die Stimmung änderte sich, als Albus eintraf. Nicht abrupt. Aber spürbar. Gespräche wurden leiser. Moody richtete sich auf. Kingsley legte die Unterlagen beiseite, die er mitgebracht hatte. Sogar Sirius verlor einen Teil seines spöttischen Ausdrucks.

Albus begrüßte die Anwesenden und setzte sich schließlich an das Kopfende des langen Küchentisches. Sein Blick wanderte durch die Runde. Blieb kurz auf Ruby liegen. Dann auf mir. >>Danke, dass ihr gekommen seid.<<

Niemand antwortete. Albus faltete die Hände vor sich. >>Einige von euch wissen bereits, weshalb wir uns wieder versammeln. Andere haben bislang nur Teile der Ereignisse erfahren. Lord Voldemort ist zurückgekehrt.<<

Stille. Das Wort lag schwer im Raum. Ich spürte meinen rechten Unterarm. Keine Reaktion. Gut.

>>Das Ministerium weigert sich gegenwärtig, diese Tatsache anzuerkennen<<, fuhr Albus fort. >>Das verschafft Voldemort einen Vorteil, den er nutzen wird. Seine Rückkehr soll vor der breiten Öffentlichkeit verborgen bleiben, während er seine Anhänger sammelt und seine nächsten Schritte vorbereitet.<<

>>Dann müssen wir schneller sein<<, sagte Moody.

>>Das müssen wir.<< Albus' Blick wurde ernst. >>Aus diesem Grund wird der Orden des Phönix neu formiert.<<

Ich betrachtete die Menschen am Tisch.

Sirius.

Remus.

Tonks.

Moody.

Kingsley.

Ruby.

Menschen, die vollkommen unterschiedlich waren. Menschen, die vermutlich vollkommen unterschiedliche Gründe hatten, hier zu sitzen. Aber sie waren hier.

Wegen Tom. Nein. Nicht wegen Tom. Gegen ihn. Das war ein Unterschied. Ein wichtiger.

Albus sah zu Ruby und mir. Sofort richteten sich auch die anderen Blicke auf uns. >>Bevor wir fortfahren, muss ich etwas deutlich machen. Miss Chadwick und Miss Stonefield werden sich für unbestimmte Zeit hier im Hauptquartier aufhalten.<<

Moodys magisches Auge drehte sich zu mir. Ich widerstand dem Impuls, es anzustarren.

>>Ihre Anwesenheit<<, fuhr Albus fort, >>ist streng vertraulich. Insbesondere gilt dies für Miss Stonefield. Niemand außerhalb dieses Raumes erfährt ohne meine oder ihre ausdrückliche Zustimmung etwas über ihren Aufenthaltsort, ihre Beteiligung an unseren Tätigkeiten oder Informationen, die sie uns zur Verfügung stellt.<<

Tonks runzelte die Stirn. Kingsley hingegen zeigte keinerlei sichtbare Reaktion. Moody schon. Natürlich. >>Warum?<<

Albus sah ihn an. >>Weil ihre Sicherheit davon abhängt.<<

>>Das beantwortet nicht meine Frage.<<

>>Mehr müssen Sie gegenwärtig nicht wissen.<<

Ich sah Albus an. Er hätte es sagen können. Mit einem einzigen Satz.

Lucinda Stonefield ist Lucinda Riddle.

Danach hätte niemand mehr gefragt, warum meine Anwesenheit geheim bleiben musste. Albus wusste das. Ich wusste das. Ruby ebenfalls. Doch er sagte nichts.

Mein Geheimnis blieb meines. Ich senkte den Blick. Nur für einen Augenblick.

>>Albus verbürgt sich für sie<<, sagte Kingsley ruhig. >>Das genügt mir.<<

Remus nickte. >>Mir auch.<<

Tonks zuckte mit den Schultern. >>Ich wusste vor fünf Minuten nicht einmal, dass es etwas gibt, das ich nicht wissen soll. Ich denke, ich kann damit leben.<<

Sirius grinste. >>Das ist erstaunlich philosophisch für dich.<<

>>Danke.<<

>>Es war kein Kompliment.<<

>>Dann nehme ich es trotzdem.<<

Moody sah mich weiterhin an. Schließlich grunzte er. >>Solange Sie nicht wieder anfangen, mich anzustarren.<<

>>Keine Versprechen.<<

Sein Mundwinkel zuckte. Ich beschloss, das als Zustimmung zu betrachten.

Albus wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Dann sah er Ruby und mich an.

Sein Ausdruck veränderte sich. Wurde weicher. >>Bislang habe ich euch beide um Hilfe gebeten, ohne von euch zu verlangen, euch offiziell einer Organisation anzuschließen.<< Ruby stellte ihre Tasse ab. Ich wusste bereits, was kam.

>>Ihr habt mehr getan, als irgendjemand von euch hätte verlangen dürfen. Dennoch wird das, was vor uns liegt, gefährlicher werden. Deshalb möchte ich diese Entscheidung nicht für euch treffen.<< Sein Blick ruhte auf mir. >>Ruby. Lucinda. Seid ihr bereit, euch dem Orden des Phönix anzuschließen?<<

Eigentlich hätte ich darüber nachdenken sollen.

Über die Konsequenzen. Über die Gefahr. Über Tom. Über all die Möglichkeiten, wie diese Entscheidung enden konnte. Stattdessen sah ich zu Ruby. Sie sah bereits mich an. Und plötzlich waren wir wieder zwei Mädchen aus einer anderen Zeit.

Zwei Hexen, die vor Jahrzehnten eine Entscheidung getroffen hatten, deren Folgen uns bis heute begleiteten. Ruby lächelte schwach. >>Zusammen?<<

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Ich erwiderte ihr Lächeln. >>Bis zum Ende.<<

Dann sahen wir zu Albus. >>Ja<<, sagten wir gleichzeitig.

Sirius lehnte sich zurück. Remus lächelte. Tonks grinste breit. Kingsley nickte uns zu. Moody musterte uns, als überlege er bereits, wie lange wir in einem tatsächlichen Kampf überleben würden. Vermutlich war das bei ihm eine Form der Begrüßung.

Albus lächelte. >>Dann willkommen im Orden des Phönix.<<

Es gab keinen Schwur. Keinen Zauber. Keine feierliche Zeremonie. Nur diese Worte. Und trotzdem wusste ich, dass etwas geschehen war. Jahrzehntelang hatte es Ruby und mich gegeben. Unseren Fluch. Unser Versprechen. Unseren Kampf. Tom und uns. Zum ersten Mal saß ich in einem Raum voller Menschen, die denselben Feind hatten. Ich war nicht sicher, wie ich mich damit fühlte. Erleichtert vielleicht. Und genau das machte mir beinahe Angst. Denn ich war es nicht gewohnt, die Last mit so vielen Menschen zu teilen.

Ruby stieß mit ihrem Knie leicht gegen meines. Ich sah zu ihr. Sie sagte nichts. Musste sie nicht. Ich verstand. Und deshalb entschloss ich mich dazu, meine jüngste Erkenntnis mit unseren Verbündeten zu teilen. >>Es gibt noch etwas.<<

Die Gespräche verstummten erneut. Albus sah mich an. Ich hatte nicht geplant, es sofort zu erzählen. Andererseits war ich gerade einem Orden beigetreten, dessen einziger Zweck darin bestand, meinen Bruder aufzuhalten. Geheimnisse waren notwendig. Aber nicht jedes Geheimnis war nützlich.

>>Voldemort sucht etwas.<<

Moody reagierte zuerst. >>Was?<<

>>Das weiß ich nicht.<<

Sein Gesicht verdüsterte sich. >>Woher wissen Sie dann, dass er überhaupt etwas sucht?<<

Ich schwieg. Da war sie. Die Frage, von der ich gewusst hatte, dass sie kommen würde. Ich konnte schlecht erklären, dass ich manchmal Bruchstücke der Gedanken und Gefühle des Dunklen Lords wahrnahm, weil mein Leben seit Jahrzehnten magisch an seines gebunden war. Nicht ohne die nächste Frage beantworten zu müssen. Und die nächste. Bis irgendwann mein wirklicher Name auf diesem Tisch lag. >>Meine Quelle ist verlässlich.<<

Moody schnaubte. >>Das war nicht meine Frage.<<

>>Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.<<

Sein magisches Auge fixierte mich. Ich hielt seinem Blick stand. >>Das genügt<<, sagte Albus.

Moody drehte den Kopf zu ihm. >>Dir vielleicht.<<

>>Mir genügt es.<<

Stille. Moody gefiel das nicht. Das sah ein Blinder. Aber er akzeptierte es. Vorerst. Kingsley verschränkte die Hände auf dem Tisch. >>Was genau wissen Sie?<<

Ich dachte an den Traum zurück. An das leere Klassenzimmer. An Tom als Jungen. Die anderen folgen. Du würdest neben mir stehen. Dann an das andere Bild. Eine Hand. Pergament. Bücher. Stein. Metall. Eine Tür. Suchen. Finden.

>>Nicht viel.<< Ich zwang mich, ausschließlich bei dem zu bleiben, dessen ich sicher war. >>Ich habe Bruchstücke. Keine vollständigen Bilder. Ich weiß weder, wo er sucht, noch wonach.<<

>>Ein Gegenstand?<<, fragte Remus.

>>Vielleicht.<<

>>Eine Person?<<, fragte Kingsley.

Ich zögerte. >>Möglich.<<

Tonks setzte sich gerader hin. >>Eine Information?<<

>>Auch das kann ich nicht ausschließen.<<

Moody grummelte etwas, das verdächtig nach hilfreich klang. Ich ignorierte ihn.

>>Aber ich kenne Tom.<<

Die Worte waren heraus, bevor ich sie verhindern konnte. Stille. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ruby sah mich an. Sirius ebenfalls. Albus bewegte sich nicht. Ich korrigierte mich nicht. Tom Riddle war kein Geheimnis. Dass ich ihn kannte , konnte vieles bedeuten. Zumindest hoffte ich das.

>>Voldemort<<, fuhr ich ruhiger fort, >>tut nichts ohne Grund. Er sammelt Wissen. Er plant. Er wartet, wenn es notwendig ist. Aber das, was ich wahrgenommen habe, war anders.<<

Remus' Blick ruhte aufmerksam auf mir. >>Inwiefern?<<

Ich suchte nach dem richtigen Wort. Es kam sofort. >>Dringlichkeit.<<

Kingsleys Gesicht wurde ernst. >>Er braucht es.<<

Niemand machte einen Scherz. >>Was immer er sucht<<, sagte ich, >>es ist nicht bloß interessant für ihn. Es fehlt ihm. Und er will es finden.<<

Albus lehnte sich leicht zurück. Ich konnte sehen, dass er nachdachte. Das gefiel mir nicht. Albus Dumbledore dachte selten über belanglose Dinge so lange nach. >>Hat er es bereits lokalisiert?<<, fragte Moody.

>>Ich glaube nicht.<<

>>Warum?<<

>>Weil er sonst nicht suchen würde.<<

Tonks unterdrückte ein Geräusch. Moody warf ihr einen Blick zu. >>Was?<<

>>Nichts.<<

Remus legte die Fingerspitzen aneinander. >>Dann haben wir zumindest einen Vorteil.<<

Ich sah ihn an. >>Welchen?<<

>>Zeit.<<

Das Wort traf mich härter, als es sollte. Wir haben noch Zeit.

Für einen Moment sah ich Cedric. Reglos. Harry neben ihm. Ich senkte den Blick. Nein. Diesen Fehler würde ich nicht noch einmal machen. >>Nicht genug<<, sagte ich.

Remus musterte mich. Er fragte nicht nach. Wieder mochte ich ihn dafür.

Kingsley wandte sich an Dumbledore. >>Wenn seine Anhänger mit der Suche beauftragt werden, könnten wir Aktivitäten beobachten. Beschaffungen. Bewegungen. Ungewöhnliche Anfragen im Ministerium.<<

>>Ich kann dort die Augen offenhalten<<, sagte Tonks.

>>Unauffällig<<, fügte Moody hinzu.

Tonks sah beleidigt aus. >>Ich kann unauffällig sein.<< Sirius hob eine Augenbraue und blickte zum umgestürzten Stuhl, den sie inzwischen wieder aufgerichtet hatte. Tonks folgte seinem Blick. >>Das war ein aggressiver Stuhl.<<

Remus räusperte sich. Ich war ziemlich sicher, dass er ein Lachen unterdrückte. Albus nickte langsam. >>Wir beobachten zunächst. Niemand handelt allein aufgrund einer Vermutung. Sobald wir erfahren, wonach Voldemort sucht, entscheiden wir über das weitere Vorgehen.<<

Ich presste die Lippen zusammen. Abwarten. Schon wieder. Ich hasste Abwarten. Ruby wusste das. >>Lucinda.<<

>>Ich habe nichts gesagt.<<

>>Dein Gesicht hat es gesagt.<<

Tonks deutete triumphierend auf Ruby. >>Siehst du? Das funktioniert.<<

Sirius seufzte. Ich hätte beinahe gelacht. Beinahe. Denn tief in meinem Inneren blieb dieses Gefühl. Die Dringlichkeit. Toms Dringlichkeit. Er suchte etwas. Etwas, von dem er glaubte, dass er es brauchte. Und wenn ich meinen Bruder richtig kannte, würde er dafür über Leichen gehen. Die Frage war nur:

Wonach?

Die Sitzung löste sich erst weit nach Mittag langsam auf.

Kingsley musste zurück ins Ministerium. Tonks folgte ihm wenig später, nachdem sie beim Aufstehen beinahe denselben Stuhl ein zweites Mal umgeworfen hatte.

Moody verschwand mit der ausdrücklichen Aufforderung an alle, wachsam zu bleiben. >>Ständige Wachsamkeit!<<, donnerte er aus dem Flur.

Ich wartete, bis die Haustür ins Schloss gefallen war. Dann sah ich Sirius an.

>>Macht er das immer?<<

Sirius grinste. >>Du gewöhnst dich daran.<<

>>Das bezweifle ich.<<

>>Das ist vermutlich gesünder.<<

Remus war geblieben. Er stand am Tisch und sammelte einige leere Tassen zusammen. Sirius nahm ihm wortlos zwei davon ab. Remus protestierte nicht. Wieder diese Selbstverständlichkeit.

Ich beobachtete, wie Sirius etwas sagte, das ich nicht verstand. Remus antwortete nur mit einem Blick. Sirius grinste. Ein Stück Vergangenheit, das ich nicht kannte. Aber ich erkannte seine Form.

Ruby trat neben mich. >>Du starrst schon wieder.<<

>>Ich beobachte.<<

>>Natürlich.<<

>>Sie sind sich sehr nah.<<

Ruby folgte meinem Blick. >>Sirius und Remus?<<

Ich nickte. Sirius hatte inzwischen einen Arm um Remus' Schulter gelegt und versuchte offenbar, ihn davon zu überzeugen, irgendetwas zu essen. Remus schob ihn weg. Sirius kam zurück. Remus seufzte.

>>Schon sehr lange<<, sagte Ruby.

Ich lächelte schwach. >>Das sieht man.<<

Dann bemerkte ich wieder Remus' Gesicht. Die Müdigkeit. Die Narben. Die Art, wie er für den Bruchteil einer Sekunde die Hand gegen die Tischkante stützte, als koste selbst das Stehen mehr Kraft, als es sollte.

>>Mit ihm stimmt etwas nicht.<<

Ruby sah mich von der Seite an. >>Lucinda.<<

>>Ich werde nicht fragen.<<

>>Gut.<<

Ich schwieg. Manche Geheimnisse gehörten dem Menschen, der sie trug. Das hatte Albus heute gerade erst für mich bewiesen. Wenn Remus Lupin wollte, dass ich wusste, was seine Augen so müde machte, würde er es mir irgendwann erzählen. Bis dahin genügte mir, was ich bereits wusste.

Sirius Black vertraute ihm. Und Ruby vertraute Sirius. Für den Anfang war das genug. Ich sah durch die Küche. Auf den langen Tisch. Die zurückgelassenen Tassen. Pergamente. Stühle. Menschen, die eben noch darüber gesprochen hatten, wie sie Tom aufhalten konnten.

Früher hatte ich geglaubt, dieser Kampf gehöre mir. Ruby und mir. Wir hatten den Fluch erschaffen. Wir hatten unser Leben daran gebunden. Wir hatten Jahrzehnte darauf gewartet, dass Tom zurückkehrte. Doch heute hatte Albus mir eine Frage gestellt. Und ich hatte Ja gesagt. Nicht zu einem weiteren Fluch. Nicht zu einem weiteren Opfer. Sondern zu Menschen. Zu Verbündeten.

Ich sah zu Ruby. Dann zu Sirius und Remus. Irgendwo draußen kämpften Kingsley und Tonks innerhalb eines Ministeriums, das die Wahrheit nicht sehen wollte. Moody würde vermutlich jeden Schatten persönlich verhören. Albus sammelte Menschen, während Tom Anhänger sammelte. Und ich stand irgendwie mitten zwischendrin.

Tom hatte mir vor langer Zeit einen Platz angeboten. Neben ihm. Ich hatte ihn abgelehnt. Damals hatte ich geglaubt, damit allein auf der anderen Seite zu stehen. Heute wusste ich es besser. Ich war nicht allein. Vielleicht war ich es nie gewesen.

***

Severus PoV

>>Sie haben was getan?<<

Albus Dumbledore sah nicht einmal von dem Pergament auf, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. >>Ich glaube nicht, dass meine Aussprache Anlass zu Missverständnissen gegeben hat.<<

Severus' Augen verengten sich. >>Dann wiederholen Sie es zu meinem persönlichen Vergnügen.<<

Dumbledore legte die Feder beiseite. >>Miss Chadwick und Miss Stonefield sind heute offiziell dem Orden des Phönix beigetreten.<<

Severus starrte ihn an. Es wurde nicht besser, wenn man es ein zweites Mal hörte. >>Zwei fünfzehnjährige Schülerinnen.<<

>>Formal betrachtet.<<

Severus' Miene verdüsterte sich. >>Benutzen Sie diese Formulierung noch einmal, und ich werde davon ausgehen, dass Sie mich absichtlich provozieren.<<

Ein verdächtiges Funkeln erschien in Dumbledores Augen. >>Das würde ich niemals tun.<<

Natürlich nicht. Severus trat näher an den Schreibtisch. >>Sie haben zwei Schülerinnen in eine Organisation aufgenommen, deren erklärtes Ziel darin besteht, den gefährlichsten Schwarzmagier unserer Zeit zu bekämpfen.<<

>>Ruby und Lucinda haben Voldemort bereits bekämpft, bevor ich ihnen diese Frage gestellt habe.<<

Severus hielt inne. Ruby und Lucinda. Nicht Miss Chadwick und Miss Stonefield. Interessant. >>Was genau soll das bedeuten?<<

>>Dass beide sehr genau wissen, welcher Gefahr sie sich aussetzen.<<

>>Das war nicht meine Frage.<<

>>Nein.<<

Severus atmete langsam durch die Nase aus. Manchmal war er überzeugt, dass Albus Dumbledores größte Begabung nicht in Verwandlung, Duellmagie oder irgendeiner anderen Form außergewöhnlicher Zauberkunst lag.

Sie bestand darin, Fragen zu beantworten, ohne auch nur eine einzige brauchbare Information preiszugeben. >>Sie vertrauen ihnen also derart weitgehend, dass Sie sie in den Orden aufnehmen.<<

>>Ja.<<

>>Sie vertrauen Stonefield, obwohl Sie sich weiterhin weigern, mir zu erklären, wer sie überhaupt ist.<<

Dumbledore sah ihn ruhig an. >>Ja.<<

>>Bemerkenswert.<<

>>Sie selbst scheinen ihr inzwischen ebenfalls mehr zu vertrauen als zu Beginn des vergangenen Schuljahres.<<

Severus' Blick wurde scharf. >>Wir sprechen nicht über mich.<<

>>Natürlich nicht.<<

Da war es wieder. Dieses kaum wahrnehmbare Funkeln. Severus beschloss, es zu ignorieren. >>Warum bin ich hier?<<

Dumbledores Gesicht wurde ernst. Der Wechsel war gering, aber deutlich genug. >>Lucinda hat während der heutigen Zusammenkunft eine Information mit uns geteilt.<< Severus wartete. >>Sie glaubt, dass Voldemort nach etwas sucht.<<

Stille. Severus' Spott verschwand. >>Wonach?<<

>>Das weiß sie nicht.<<

>>Wo?<<

>>Auch das weiß sie nicht.<<

Severus betrachtete Dumbledore ausdruckslos. >>Außerordentlich hilfreich.<<

>>Sie ist sich jedoch sicher, dass diese Suche für Voldemort von großer Bedeutung ist.<<

>>Auf welcher Grundlage?<< Dumbledore schwieg. Natürlich. Severus' Augen wurden schmal. >>Woher weiß Stonefield davon?<<

>>Das kann ich Ihnen nicht sagen.<<

>>Kann nicht oder will nicht?<<

>>Beides.<<

Das war immerhin ehrlicher als gewöhnlich. Severus ging einige Schritte durch das Büro. Voldemort suchte etwas. An sich war daran nichts Ungewöhnliches.

Der Dunkle Lord hatte sein gesamtes Leben damit verbracht, Wissen, Macht und magische Artefakte zusammenzutragen. Eine Behauptung dieser Art konnte alles und nichts bedeuten. Nur stammte sie von Lucinda Stonefield. Und genau das machte sie problematisch.

Er sah sie wieder vor sich. Am Rand des Labyrinths. Bleich. Mit ausgestreckter Hand. Er kommt zurück. Sie hatte es gewusst. Nicht vermutet. Nicht gefürchtet. Gewusst. Noch bevor Potter mit Diggorys Leiche zurückgekehrt war. Noch bevor Severus' Dunkles Mal die letzte Bestätigung geliefert hatte.

Lucinda Stonefield besaß Informationen über den Dunklen Lord, die sie nicht besitzen durfte. Er wusste nicht, woher. Er wusste nicht, warum. Aber er wäre ein Narr, ihre Warnung deshalb zu ignorieren. Und Severus Snape hatte für Narren bereits mehr als genug Verachtung übrig. >>Wie sicher ist sie?<<

>>Sehr.<<

>>Das waren ihre Worte?<<

Dumbledore dachte kurz nach. >>Sie sagte, dass es ihm fehlt. Dass er es braucht.<<

Severus blieb stehen. Das änderte die Sache. Brauchen.

Voldemort wollte vieles. Macht. Gehorsam. Furcht. Kontrolle. Doch Dinge, von denen er glaubte, dass er sie brauchte , waren eine andere Angelegenheit.

>>Hat sie irgendeine Vermutung geäußert?<<

>>Nein. Es könnte sich um einen Gegenstand handeln. Eine Person. Eine Information. Sie weiß es selbst nicht.<<

>>Aber sie weiß, dass er sucht.<<

>>Ja.<<

Severus wandte sich zum Fenster. Seine Gedanken arbeiteten bereits. Die letzte Zusammenkunft. Voldemorts Worte. Seine Anweisungen. Die Personen im Raum.

War etwas erwähnt worden? Nein. Nichts, das ihm aufgefallen wäre. Aber das bedeutete wenig.

Der Dunkle Lord teilte seinen Anhängern niemals mehr mit, als sie wissen mussten. Vielleicht wussten nur wenige davon. Vielleicht niemand.

>>Sie möchten, dass ich herausfinde, worum es sich handelt.<<

>>Ja.<<

Severus drehte sich um. >>Und wie stellen Sie sich das vor? Soll ich bei der nächsten Zusammenkunft einfach fragen?<<

Dumbledores Mundwinkel zuckte. >>Davon würde ich abraten.<<

>>Ausgezeichnet. Wenigstens in einem Punkt sind wir uns einig.<<

>>Sie kennen Voldemort besser als die meisten Mitglieder des Ordens. Sie wissen, wie er denkt. Vor allem wissen Sie, wie man ihm Fragen stellt, ohne dass sie wie Fragen wirken.<<

Das war leider wahr. Severus hatte viele Jahre damit verbracht, zu lernen, welche Worte in Gegenwart des Dunklen Lords ungefährlich waren. Und welche tödlich. >>Ich werde sehen, was ich herausfinden kann.<<

Dumbledore nickte. Severus ging zur Tür. >>Severus.<<

Er schloss kurz die Augen. Natürlich. >>Was?<<

>>Seien Sie vorsichtig.<<

Severus sah über die Schulter. >>Sie schicken mich zu einem Mann, der mich ohne einen zweiten Gedanken töten würde, sollte er erkennen, dass ich ihn ausspioniere. Ich hatte nicht vor, unvorsichtig zu sein.<<

>>Das meinte ich nicht ausschließlich.<<

Severus' Hand verharrte an der Türklinke. Dumbledore sah ihn über seine Brille hinweg an. Severus wartete. Keine Erklärung folgte. >>Mit Bedacht?<<, fragte er trocken.

Jetzt lächelte Dumbledore. >>Mit Bedacht.<<

Severus öffnete die Tür. >>Ich beginne, diesen Ausdruck zu verabscheuen.<<

>>Das wäre bedauerlich.<<

>>Für wen?<<

Dumbledore antwortete nicht. Severus zog die Tür hinter sich zu. Natürlich nicht.

***

Spinner's End empfing ihn mit Stille. Severus bevorzugte Stille. Normalerweise. Heute schien sie seinen Gedanken lediglich mehr Raum zu geben.

Er legte seinen Umhang über einen Stuhl und ging ins Wohnzimmer. Die dicht gefüllten Bücherregale warfen lange Schatten über die Wände. Mit einer Bewegung seines Zauberstabs entzündete er die Lampe neben seinem Sessel.

Er setzte sich nicht. Stattdessen blieb er vor dem Kamin stehen.

Voldemort sucht etwas.

Eine Behauptung ohne Beweis. Von einer Quelle, die Dumbledore nicht nennen wollte. Übermittelt von einem Mädchen, über das Dumbledore ebenfalls nichts sagen wollte. Severus hätte darüber lachen sollen. Er tat es nicht.

Lucinda hatte bereits einmal gewusst, dass der Dunkle Lord zurückkehrte. Das genügte. Die Frage war nicht mehr, ob er ihre Information ernst nahm. Die Frage war, wie er sie überprüfen konnte, ohne dabei zu sterben.

Severus begann langsam durch den Raum zu gehen. Direkt fragen konnte er nicht. Selbst eine beiläufige Bemerkung wäre gefährlich. Der Dunkle Lord war paranoid. Und seit seiner Rückkehr hatte sich diese Eigenschaft keineswegs abgeschwächt.

Wonach sucht Ihr, mein Lord?

Lächerlich. Er konnte ebenso gut seinen Zauberstab auf den Tisch legen und erklären, dass er für Dumbledore spionierte. Nein. Wenn Voldemort etwas suchte, musste Severus ihn nicht dazu bringen, darüber zu sprechen.

Er musste ihn dazu bringen, ihn selbst für die Suche benutzen zu wollen.

Severus blieb stehen. Das war der Unterschied. Fragen erzeugten Misstrauen.

Nützlichkeit erzeugte Informationen. Voldemort wusste, dass Severus in Hogwarts lebte. Er wusste, dass Dumbledore ihm vertraute. Er wusste, dass Severus Zugang zu einer der größten magischen Bibliotheken Großbritanniens hatte. Zu alten Büchern. Archiven. Schülerakten. Dumbledore. Potter. Und möglicherweise zu Informationen, die anderen Todessern verschlossen blieben.

Severus' Augen verengten sich. Er durfte nicht fragen, wonach der Dunkle Lord suchte. Er musste lediglich einen Grund schaffen, weshalb Voldemort glaubte, dass Severus ihm dabei helfen konnte. Das war wesentlich einfacher. Und wesentlich gefährlicher.

Er ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich. Ein leeres Pergament lag vor ihm. Severus nahm eine Feder. Schrieb zunächst drei Worte.

Hogwarts.

Darunter:

Ministerium.

Dann:

Potter.

Er betrachtete die Begriffe. Wenn das Gesuchte mit einem dieser Bereiche zusammenhing, konnte er bei der nächsten Zusammenkunft beiläufig Informationen anbieten. Nicht zu viel. Gerade genug.

Er könnte berichten, dass Dumbledore begonnen hatte, alte Kontakte zu reaktivieren. Dass im Schloss Veränderungen vorbereitet wurden. Dass Potter weiterhin unter Beobachtung stand. Und dann warten.

Voldemort korrigierte Menschen gern. Noch lieber demonstrierte er, dass er mehr wusste als sie. Wenn Severus eine falsche Vermutung geschickt genug präsentierte, bestand die Möglichkeit, dass der Dunkle Lord selbst verriet, welche Richtung die richtige war. Nicht durch eine Antwort. Durch eine Reaktion. Ein Wort. Eine Frage. Einen Blick. Manchmal genügte das.

Severus legte die Feder nieder. Drei Ansatzpunkte. Keiner davon durfte zu offensichtlich sein. Er würde Geduld brauchen. Das gefiel ihm deutlich besser als Lucinda Stonefield, wie er vermutete. Der Gedanke kam unerwartet. Severus runzelte die Stirn. Warum dachte er überhaupt darüber nach, ob Stonefield geduldig war?

Er schob das Pergament beiseite.

Weil ihre Information der Grund ist, weshalb Sie hier sitzen.

Natürlich. Eine vollkommen ausreichende Erklärung.

Severus lehnte sich zurück. Sein Blick fiel auf die drei Worte.

Hogwarts.

Ministerium.

Potter.

Irgendetwas fehlte. Er wusste nur noch nicht, was. Doch Voldemort würde es ihm verraten. Nicht freiwillig. Nicht bewusst. Aber Severus hatte jahrelang gelernt, Geheimnisse aus Schweigen zu lesen. Er würde herausfinden, wonach der Dunkle Lord suchte. Und dann würde er Dumbledore berichten.

Sein Blick blieb auf dem Pergament liegen. Nach einigen Sekunden zog er es wieder zu sich. Unter die drei Begriffe schrieb er einen vierten.

Stonefield.

Die Feder hielt inne. Severus betrachtete den Namen. Er wusste nicht, weshalb Lucinda über Voldemorts Suche Bescheid wusste. Er wusste nicht, woher sie von seiner Rückkehr gewusst hatte. Er wusste nicht, weshalb Dumbledore ihre Identität mit einer Hartnäckigkeit schützte, die selbst für ihn ungewöhnlich war. Aber langsam begann Severus zu begreifen, dass diese Fragen womöglich nicht voneinander getrennt waren.

Er strich den Namen nicht durch. Stattdessen legte er die Feder daneben. Dumbledore wollte, dass er herausfand, wonach Voldemort suchte. Gut. Das würde er. Und vielleicht würde Severus auf dem Weg dorthin endlich verstehen, warum Lucinda Stonefield immer schon einen Schritt näher am Dunklen Lord zu stehen schien, als sie es eigentlich dürfte.

Mit Bedacht. Selbstverständlich.