Durmstrang und Beauxbatons
Durmstrang und Beauxbatons
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Durmstrang und Beauxbatons
Ich konnte mein Herz schlagen hören. Jeder einzelne Schlag schien durch den steinernen Korridor zu hallen, während Ruby und ich schweigend vor den großen Eichentüren der Großen Halle warteten. Hinter ihnen war das neue Schuljahr bereits eröffnet worden.
Die Erstklässler hatte man hineingeführt und nun erklang Professor Dumbledores Stimme gedämpft durch das schwere Holz. >>…und ich heiße unsere neuen Schülerinnen und Schüler herzlich willkommen…<<
Ich schloss kurz die Augen. Wieder Hogwarts. Wieder dieselben Mauern. Dieselben Gänge. Derselbe Duft nach Kerzenwachs, altem Stein und Magie. Nichts hatte sich verändert. Nur ich. Oder vielmehr…ich hatte mich eben nicht verändert. Während alle Menschen älter geworden waren, trug ich noch immer das Gesicht eines sechzehnjährigen Mädchens. Zum Glück wusste das niemand.
Für Hogwarts war ich nicht Lucinda Marilyn Riddle. Ich war Lucinda Stonefield. Eine Schülerin einer kleinen Privatschule. Nicht mehr. Nicht weniger.
>>Du bist furchtbar still.<< Ruby lächelte mich vorsichtig an.
>>Ich denke nach.<<
>>Das tust du immer.<<
>>Heute ein bisschen mehr.<<
Sie schob mich leicht mit der Schulter an. >>Wir schaffen das.<<
Ich erwiderte ihr Lächeln nur schwach. >>Ich hoffe nur, dass wir niemandem auffallen.<<
>>Das wird schon.<<
Ich schnaubte leise. >>Das sagt die Hexe, die sich grundsätzlich mit jedem anfreundet.<<
Ruby grinste. >>Irgendjemand muss ja sympathisch sein.<<
Bevor ich antworten konnte, wurden die Türen hinter uns aufgerissen. Argus Filch stand davor und musterte uns, als hätten wir persönlich den Schmutz auf seinen Fußboden getragen. >>Na, endlich.<< Seine raue Stimme klang, als würde jedes Wort schmerzen. >>Der Schulleiter wartet nicht ewig auf euch.<<
Ich nickte. >>Natürlich.<<
Filch bedeutete uns mit einer ungeduldigen Handbewegung, ihm zu folgen. Mit jedem Schritt wurde mein Herz schwerer. Dann betraten wir die Große Halle. Für einen Augenblick blieb mir die Luft weg. Tausende Kerzen schwebten wie Sterne unter der verzauberten Decke. Der Himmel darüber war tiefschwarz und übersät mit funkelnden Sternen. Die vier Haustische waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Hunderte Augen richteten sich auf Ruby und mich.
Ich spürte jeden einzelnen Blick. Bitte nicht. Bitte seht nicht so genau hin. Vor dem Lehrertisch stand Professor Dumbledore. Als er uns bemerkte, lächelte er freundlich. >>Ah.<< Seine Stimme hallte durch die Halle. >>Bevor wir mit der Hauszuteilung unserer neuen Schülerinnen beginnen, möchte ich euch zwei Hexen vorstellen, die ab diesem Schuljahr zu uns stoßen.<<
Noch mehr Blicke. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht.
>>Miss Ruby Chadwick.<< Ruby hob freundlich die Hand. >>Und Miss Lucinda Stonefield.<< Ich nickte lediglich knapp. >>Beide wechseln aus einer Privatschule in das vierte Schuljahr von Hogwarts.<< Ein leises Gemurmel ging durch die Halle. >>Sie werden nun wie alle neuen Schülerinnen und Schüler vom Sprechenden Hut einem Haus zugeteilt.<<
Es war seltsam. Fast kam es mir vor, als hätte die Zeit einen Kreis geschlossen und mich zurück an jenen Abend geführt, an dem ich selbst dort gestanden hatte. Klein, verunsichert und ohne jede Ahnung, was die Zukunft für mich bereithielt. Nur dass ich damals noch Lucinda Marilyn Riddle gewesen war. Nicht Lucinda Stonefield. Nicht die Schwester von Lord Voldemort. Nicht eine wandelnde Leiche, die längst hätte tot sein sollen. Ein leises Kribbeln durchlief mich, als Professor McGonagall den alten, zerschlissenen Hut auf den dreibeinigen Hocker legte. Der Sprechende Hut regte sich. Ein Riss öffnete sich nahe seiner Krempe und begann zu sprechen. Doch statt sofort Namen aufzurufen, stimmte er zunächst sein traditionelles Lied an.
Willkommen, Kinder, tretet ein,
heut soll eure Zukunft sein.
Ich bin alt aus längst vergang'ner Zeit,
voll Wissen und Vergangenheit.
Ich sah die Gründer Hand in Hand,
erschaffen dieses Zauberland.
Sie gaben mir Verstand und Sinn,
damit ich seh, wer ihr wirklich seid tief drin.
Nicht euer Name zählt allein,
nicht Gold, nicht Ruhm, nicht edler Schein.
Ich lausche eurem Herzen nur,
denn dort beginnt des Schicksals Spur.
Bist du mutig, stark und kühn,
wirst du in Gryffindor erblühn.
Wo Tapferkeit und Edelmut
stets lodern wie ein helles Glut.
Suchst du Wissen Tag für Tag,
weil Lernen dein größter Schatz sein mag,
dann führt dein Weg mit klarem Blick
nach Ravenclaw – Stück für Stück.
Ist Treue das, was dich bewegt,
und Fleiß der Pfad, den du stets schlägst,
dann wartet Hufflepuff auf dich,
mit Freunden, ehrlich, warm und schlicht.
Besitzt du Ehrgeiz, klugen Geist,
der niemals vor Gefahren weicht,
und strebst du hoch mit List und Macht,
hat Slytherin an dich gedacht.
Doch merke dir, bevor ich wähl,
dass jeder Mensch sich selbst befiehlt.
Nicht das Haus bestimmt allein,
wer du wirst oder kannst einst sein.
Die größten Helden dieser Welt
wurden oft zuerst verkannt.
Und selbst der dunkelste Gedanke
ist niemals deine letzte Schranke.
Nun komm heran und hab kein Bangen,
du musst vor mir nichts je verlangen.
Setz mich auf und sei bereit –
ich kenne deine Wahrheit.
Drum schweige still und zweifle nicht,
ich sehe mehr als dein Gesicht.
Denn gleich erklingt mein Urteil klar...
Donnernder Applaus erfüllte die Halle. Doch ich hörte ihn kaum. Für einen Moment war ich wieder elf Jahre alt. Ich sah mich selbst auf dem Hocker sitzen. Verkrampft. Nervös. Neugierig. Neben mir hatte Tom gestanden. Mein Bruder. Damals noch kein Dunkler Lord. Damals war er einfach nur Tom gewesen. Der hübsche, brillante Junge, den alle bewunderten.
Ich erinnerte mich noch genau an die Stimme des Hutes. >>Interessant... sehr interessant...<<
Bei Tom hatte die Entscheidung kaum eine Sekunde gedauert. >>SLYTHERIN! <<
Jubel war damals vom Tisch der Schlangen aufgestiegen. Tom hatte gestrahlt. Er war stolz gewesen. Und ich...
Ich hatte gehofft, möglichst weit von ihm entfernt zu landen. Der Hut hatte in meinen Gedanken gestöbert. Meine Neugier entdeckt. Meine Liebe zu Büchern. Mein Verlangen, Dinge zu verstehen. >>RAVENCLAW! <<
Noch heute erinnerte ich mich daran, wie erleichtert ich gewesen war. Damals hatte ich geglaubt, die Trennung von Tom würde genügen. Wie naiv ich doch gewesen war.
Ein leises Klatschen riss mich zurück in die Gegenwart. Die Einschulung hatte begonnen. Nacheinander wurden die neuen Schüler aufgerufen. Jubel brandete auf. Mal hier - mal dort. Und schließlich kam der Moment, auf den Ruby und ich gewartet hatten. Professor McGonagall blickte auf ihre Liste. >>Miss Ruby Chadwick.<<
Ruby schenkte mir ein kurzes Lächeln, ehe sie nach vorne trat. Der Hut berührte kaum ihren Kopf. >>RAVENCLAW!<<
Der Tisch der Adler brach sofort in Jubel aus. Genau wie geplant. Ruby grinste zufrieden und steuerte auf ihr neues altes Zuhause zu. Nun blieb nur noch ich. Mein Herz schlug etwas schneller. >>Miss Lucinda Stonefield.<<
Sämtliche Blicke richteten sich auf mich. Ich trat nach vorne. Der Hut wurde auf meinen Kopf gesetzt. Sofort erklang seine Stimme. >>Nun, nun... was haben wir denn hier? Interessant... sehr interessant...<<
Ich verkrampfte mich.
>>Ravenclaw wäre die offensichtliche Wahl. Sehr klug. Sehr scharfsinnig. Wissbegierig. Aber da steckt noch mehr dahinter...<<
Bitte nicht.
>>Oh, du hast einen Wunsch. Einen sehr starken Wunsch sogar...<<, ließ er Hut verlauten, während ich mich darauf konzentrierte, ausschließlich an Slytherin zu denken.
Ja.
Noch immer zögerte er, mir das Ticket für das Haus der Schlangen auszusprechen. >>Sicher? Du gehörst dort eigentlich nicht hin.<<
Ich muss.
Der Hut schwieg kurz. Dann seufzte er beinahe. >>Nun gut. Wenn du unbedingt willst... SLYTHERIN!<<, rief er und ich atmete tief aus.
Der Tisch der Schlangen ganz rechts jubelte lautstark, während ich vor Erleichterung fast vom Hocker gekippt wäre. McGonagall nahm den Hut wieder von meinem Kopf und ich spürte den zufriedenen Blick von Ruby auf mir. Es hatte mich größte Anstrengung gekostet, den sprechenden Hut von meiner List, sowie Ehrgeiz und Stolz zu überzeugen, aber die düsteren Erinnerungen und Gedanken an meinen Bruder schienen ausreichend gewesen zu sein, um meine wahren Eigenschaften zu verschleiern.
Ich erhob mich vom Hocker, spürte eine Hand auf meiner Schulter und sah auf, wo ich Dumbledore erkannte. Er nickte, als wolle er mir noch einmal versichern, dass ich hier das Richtige tat und da sich dieser Mann so gut wie niemals täuschte, sollte mir das genügen.
Dumbledore deutete stumm zum Tisch der Slytherin, wohin ich mich nun begab und dabei den Blicken der gesamten Halle ausgesetzt war. Die Slytherin empfingen mich mit Stolz als neues Mitglied ihres Hauses, doch in den Köpfen der anderen Schüler rotierte sicher schon die Vermutung, ich würde früher oder später auf die dunkle Seite wechseln. So, wie man es von den Slytherin eigentlich meistens erwartete. Niemand von ihnen ahnte, dass ich das Ziel anstrebte, die böse Seite zu zerschlagen und den größten Feind niederzustrecken.
>>Willkommen in Slytherin<<, sagte ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren und schüttelte mir die Hand, wobei ich nur stumm nickte und mir ein schwaches Lächeln abrang. >>Ich bin Pansy Parkinson und das ist Daphne<<, stellte sie sich vor und deutete dann auf eine zierliche Blondine neben sich, die kurz winkte. Auch ihr nickte ich freundlich zu.
>>Lucinda.<<
Wahrscheinlich hätten sie mich schon mit zahlreichen Fragen bombardiert, aber Dumbledore räusperte sich hörbar und ich nahm auf der Bank Platz, wobei ich kurz zu Ruby sah. Die zwinkerte mir aus der Entfernung unauffällig zu, was ihre Geste der Anerkennung war. Es war wohl pures Glück gewesen, den sprechenden Hut von meiner Wahl überzeugen zu können, wo sich in mir doch eigentlich alles dagegen sträubte, dieses Haus von Nahem zu sehen.
Zum Glück schien die Einteilung von Ruby und mir bei den anderen schon wieder in Vergessenheit zu geraten, denn Dumbledore zog sämtliche Aufmerksamkeit auf sich und trat nun an das goldene Pult, um die traditionelle Begrüßungsansprache als Direktor abzuhalten. >>Jetzt, da wir uns alle niedergelassen haben, möchte ich eine weitere Ankündigung machen<<, begann er, als sich plötzlich die Flügeltüren wieder öffneten und Hausmeister Filch im Eiltempo nach vorne trabte. >>In diesem Jahr wird das Schloss nicht nur euch ein Zuhause bieten, sondern auch ein paar ganz besonderen Gästen. Ihr müsst wissen, dass Hogwarts ausgewählt wurde…<< Dumbledore hielt inne, da Filch ihn erreichte und die beiden Männer murmelten untereinander, bis der Hausmeister den Weg wieder zurücklief und Dumbledore fortfuhr. >>Nun denn. Hogwarts wurde ausgewählt, Schauplatz einer legendären Veranstaltung, des Trimagischen Turniers, zu werden.<<
Raunen der Ehrfurcht und des Staunens war von den Tischen zu hören, doch mir ging in diesem Moment allen voran ein Licht auf. Das hatte Dumbledore also damit gemeint, man würde der Anwesenheit von Ruby und mir keine allzu große Beachtung schenken. Das Trimagische Turnier war natürlich ein viel interessanteres Spektakel als der Schulwechsel von zwei jungen Hexen, die quasi aus dem Nichts aufgetaucht waren. Da würde keiner im Bezug auf uns große Fragen stellen. Wahrlich raffiniert.
>>Für alle, die es nicht wissen, das Trimagische Turnier ist eine Begegnung dreier Schulen in einer Reihe von magischen Wettstreiten. Von jeder Schule wird nur ein Schüler ausgewählt, um anzutreten. Eins muss euch klar sein: einmal ausgewählt, müsst ihr allein da durch. Und glaubt mir wenn ich euch sage, diese Wettstreite sind nichts für schwache Herzen.<<
Das dürfte eine Meisterleistung der Untertreibung sein. Nach allem, was ich bislang über dieses barbarische Turnier gehört hatte, brachte es seine Teilnehmer gnadenlos an ihre Grenzen und im schlimmsten Fall bezahlte man die Teilnahme mit seinem Leben. Grund genug für mich, dies gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. Ich war immerhin schon mal gestorben und ein weiteres Mal stand mir bevor, sobald Voldemort vernichtet wurde. Da konnte ich auf ein Blutbad beim Turnier verzichten und gab mich als stille Zuschauerin zufrieden.
Dumbledore lenkte ein. >>Schön, später mehr dazu. Aber zuvor, begrüßt bitte mit mir die charmanten Schülerinnen von der Beauxbatons-Akademie für Zauberei und ihre Schulleiterin Madame Maxime.<<
Kaum, dass er die Worte verkündete, sprangen die Türen wieder auf und eine Truppe blau gekleideter junger Damen kam in die Halle marschiert. Wobei marschiert nicht das richtige Wort war. Viel eher schienen sie zu schweben und machten ein paar Mal Halt, um den männlichen Schülern ein charmantes Seufzen und verführerisches Lächeln zu schenken. Sie alle trugen blaue Kleider sowie Hüte, ihre Haare waren exzellent frisiert und bei ihrem Zaubergang nach vorne, ließen sie sogar eine Schar Schmetterlinge aufsteigen. Einige Schüler konnten sich an dem Anblick gar nicht sattsehen, waren sie doch hin und weg von der Darbietung, wobei ich mit neutraler Miene das Geschehen betrachtete und erst ein wenig staunte, als ich einen Blick auf die französische Schulleiterin warf.
Man, die war vielleicht riesig und damit meinte ich, die überragte selbst Hagrid locker einen guten Kopf und das sollte schon was heißen. In einem edlen roten Pelz mit schwarzem Muster verziert, der bis zum Boden reichte, stolzierte sie hoch erhobenen Hauptes durch die Halle und betrachtete uns alle ein wenig von oben herab.
Dumbledore kam ihr entgegen, bot ihr seine rechte Hand an und führte die Dame galant nach vorne, wo sich ihre Schülerinnen gerade verbeugten und donnernden Applaus für ihre Aufführung ernteten.
Selbst die Lehrer klatschten, wenn auch eher aus Höflichkeit und zufällig entdeckte ich hinter McGonagall einen großen hageren Professor, dessen Mimik so grimmig war, dass sie einem wohl Gänsehaut bescheren sollte. Was war dem denn über die Leber gelaufen? Er stach durch seine schwarze Kleidung geradewegs heraus und sein Gesicht war so bleich, ich hätte es sicher mit der Wand verwechselt, würde es nicht von den ebenso pechschwarzen Haaren umrahmt werden. Irgendwie hatte er etwas Geheimnisvolles an sich, weckte aber zugleich auch ein wenig Misstrauen in mir.
Als schien er meinen Blick zu spüren, sah er zu mir und ich richtete meinen Fokus umgehend wieder auf Dumbledore, der unserer französischen Schulleiterin gerade ernsthaft einen Handkuss gab. Tja, Albus war eben ein wahrer Gentleman. >>Und nun, unsere Freunde aus dem Norden<<, rief er freudig aus und ich war schon gespannt, wer als Nächstes seinen großen Auftritt hinlegen durfte. >>Begrüßen wir die stolzen Söhne von Durmstrang und ihren Schulleiter Igor Karkaroff.<<
Bei den letzten zwei Worten von Dumbledore fühlte es sich an, als würde man mir Stahlseile um den Körper legen und mich mit Strom durchzucken. Ich glaubte mich verhört zu haben, doch nur selten sprach Dumbledore wirres Zeug und für mich kam seine Ankündigung einem Albtraum gleich.
>>Das darf doch wohl nicht wahr sein<<, murmelte ich leise, wurde aber schon im nächsten Augenblick eines Besseren belehrt.
Die Schüler der Durmstrang-Akademie kamen in die Halle stolziert, allesamt mit langen Stäben in den Händen und in dunklen Overalls gekleidet, was ein unglaublich düsteres Ambiente heraufbeschwor. Nur flüchtig konnte ich den Blick von Ruby einfangen, deren Begeisterung sich ebenfalls in Grenzen hielt. Ich spannte mich ungemein an, verfolgte mit leichtem Argwohn die akrobatischen Kunststücke der jungen Männer und tatsächlich kam hinter dem berühmten Sucher Victor Krum dessen Schulleiter in die Halle: Igor Karkaroff. Ein großer schlanker Mann mit kurzem weiß-silbernen Haar, sowie Spitzbart, bohrendem Blick und falschem Lächeln im Gesicht. Ein Todesser wie aus dem Bilderbuch.
>>Albus<<, begrüßte er unseren Schulleiter und dieser empfing ihn mit einer Umarmung, weshalb ich meine Fassungslosigkeit mühsam runterschluckte.
>>Igor.<<
Freundschaftlich klopften sie sich auf die Schulter und ich konnte nicht glauben, dass Dumbledore diesem Mann Zutritt in unsere Schule gewährte. Zwar war mir zu Ohren gekommen, Igor hätte der Loyalität Voldemorts inzwischen entsagt, aber für mich war das noch lange kein Beweis. Denn meine Ansicht würde sich garantiert nicht so schnell ändern: einmal ein Todesser – immer ein Todesser.
Dumbledore sorgte mit wenigen Worten dafür, dass sich die Schüler und Schülerinnen der beiden Akademien an unseren Tischen verteilten, während ihre Schulleiter am Tisch der Lehrer Platz nahmen. Igor Karkaroff saß nun neben dem schwarzhaarigen Professor, wobei sie missbilligende Blicke untereinander tauschten, und Maxime wurde die Ehre zu Teil, zur Rechten von Dumbledore zu dinieren. Worüber auch immer sie sprachen, es ging in dem lauten Gemurmel der Halle unter, da nun das Festmahl begann und sich alle auf die zahlreichen Köstlichkeiten stürzten.
Obwohl mir nun wirklich nicht nach Feiern zumute war, zwang ich mich ebenfalls etwas zu essen und zu trinken. Nicht, dass mich mein Verhalten des Misstrauens doch noch verriet und unnötiges Interesse schürte. Das konnte ich mir in der Position als Undercover-Schülerin nicht erlauben.
Vorsichtig schielte ich prüfend zum Tisch der Gryffindor. Ich hatte einen hervorragenden Blick auf Harry, der neben seinem Freund Ron Weasley saß und das Essen sichtlich genoss. Kein Wunder. Nach allem, was ich von Sirius gehört hatte, lebte der arme Kerl während der Sommerferien bei seinen Verwandten und die waren ihm wohl keineswegs wohlgesonnen. Ich konnte nur erahnen, welch eine Zumutung es für Harry sein musste, jeden Sommer dorthin zurückzukehren. Nur blieb ihm leider kaum eine Wahl. Seine Eltern waren tot, Sirius nach wie vor auf der Flucht und somit blieben ihm nur die Dursleys als Verwandte.
Harry schien meinen Blick zu spüren, da er plötzlich zu mir und sofort wandte ich den Blick ab. Stattdessen schielte ich zu Igor Karkaroff am Lehrertisch, der meinen Körper in eine ungeheure Anspannung verfallen ließ. Ich ballte die Hände leicht zu Fäusten, während meine Gedanken rotierten und sämtliche Fakten über diesen Mann zusammenriefen.
Igor Karkaroff. Ein ehemaliger Todesser. Einer von Toms Anhängern. Einer von denen, die freiwillig seinem Wahnsinn gefolgt waren. Ich erinnerte mich noch gut an ihn. Nicht persönlich. Aber sein Name war mir bekannt. Zu bekannt.
Für einen Sekundenbruchteil überkam mich der Impuls aufzustehen und Dumbledore zur Rede zu stellen. Was machte dieser Mann hier? Unter dem Dach von Hogwarts? In der Nähe von Harry Potter? In der Nähe von Kindern? Doch ich zwang mich zur Ruhe. Mein Gesicht blieb ausdruckslos. Niemand durfte etwas merken. Niemand.
Damit dies auch so blieb, löste ich meinen Fokus von Karkaroff. Stattdessen stach mir nun ein anderer Mann ins Auge, der soeben durch die Hintertür die Große Halle betrat. Und seine Erscheinung wirkte ziemlich marode.
Zerzauste graue Haare. Ein künstliches Bein. Und ein magisches Auge, das sich unabhängig vom anderen bewegte. Professor Moody. Der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, wie ich nebenbei aufschnappte. Irgendetwas an ihm gefiel mir nicht. Ich konnte nicht sagen weshalb. Aber mein Instinkt schlug Alarm. Vielleicht lag es an seinem Blick. Vielleicht an seiner Ausstrahlung. Oder vielleicht einfach daran, dass ich gelernt hatte, meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Denn meistens hatte es recht.
>>Wo kommst du her?<<, riss mich auf einmal Daphne aus meinen Gedanken, woraufhin ich zusammenzuckte und zögerlich nach einer Antwort suchte.
>>Ähm, von ziemlich weit her. Einem Ort, den kaum jemand kennt. Er ist so klein, im Grunde gilt er als bedeutungslos im Vergleich zum Rest der Zivilisation.<<
Der Schalk blitzte in ihren Augen auf. >>Klingt spannend. Und was führt dich nach Hogwarts?<<
>>Nun, die Privatschule, wo ich bisher gelernt habe, wurde leider geschlossen. Und Hogwarts war die beste Ersatzmöglichkeit.<<
Pansy mischte sich ein. >>Den Namen Stonefield habe ich noch nicht gehört. Wer sind deine Eltern?<<, fragte sie, doch ich setzte eine niedergeschlagene Mimik auf.
>>Ich kannte sie nicht. Sie sind kurz nach meiner Geburt gestorben, weshalb ich im Waisenhaus aufgewachsen bin.<<
Dieser Teil war nicht einmal gelogen. Noch heute wurde mir flau im Magen, wenn ich an die Zeit im Waisenhaus zurückdachte, wo Tom und ich lebten, bis Dumbledore uns eines Tages plötzlich aufgriff. Ich würde niemals vergessen, welche Hoffnung ich in diesen seltsamen Professor setzte, der mich und meinen Bruder aus dieser persönlichen Hölle befreite und stattdessen nach Hogwarts brachte, was ich nach kürzester Zeit als mein neues Zuhause angesehen hatte.
Diesen Part erzählte ich meinen neugierigen Bekanntschaften natürlich nicht, aber ihre bohrenden Blicke ließen nicht von mir ab. Daphne runzelte nachdenklich die Stirn. Pansy musterte mich aufmerksam. Etwas zu aufmerksam.
Und plötzlich wurde mir bewusst, dass nicht nur sie mich beobachtete. Mehrere Slytherins hatten ihre Aufmerksamkeit längst auf mich gerichtet. Neugierig. Abschätzend. Misstrauisch. Wie Schlangen, die eine fremde Artgenossin in ihrem Revier entdeckten. Wunderbar. Keine Stunde in Hogwarts und schon stand ich unter Beobachtung. Genau das hatte mir noch gefehlt.
Während Pansy bereits erneut zu einer Frage ansetzte, ließ ich meinen Blick unauffällig durch die Große Halle schweifen. Die Schüler waren noch immer mit den Gästen aus Durmstrang und Beauxbatons beschäftigt, weshalb ich hoffte, wenigstens für den Rest des Abends etwas Ruhe zu haben.
Doch plötzlich blieb mein Blick hängen. Am Lehrertisch. Ich erinnerte mich sofort an den schwarzhaarigen Mann, der mir vorhin beiläufig aufgefallen war. Und durch meinen Fokus auf Karkaroff vorhin, hatte ich ihn komplett ausgeblendet.
Professor Snape saß etwas abseits der anderen Lehrer und wirkte genauso unnahbar wie die schwarzen Mauern eines Gefängnisses. Seine dunklen Augen ruhten auf den Schülern seines Hauses, als würde er jeden Einzelnen einer stillen Prüfung unterziehen.
Für einen kurzen Moment blieb sein Blick an mir hängen. Nicht flüchtig. Nicht zufällig. Sondern aufmerksam. Als hätte er etwas entdeckt, das nicht in sein Bild passte. Unwillkürlich versteifte ich mich. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, doch zwischen all den jubelnden Slytherins schien ausgerechnet ich seine Aufmerksamkeit geweckt zu haben.
Seine dunklen Augen verengten sich leicht. Forschend. Misstrauisch. Fast so, als würde er versuchen, hinter eine Maske zu blicken. Für einen Herzschlag kreuzten sich unsere Blicke. Dann wandte ich den Kopf ab und richtete meine Aufmerksamkeit demonstrativ wieder nach vorne. Unsichtbar bleiben, Lucinda. Das war schließlich der Plan.
Doch irgendetwas sagte mir, dass Professor Severus Snape nicht zu den Menschen gehörte, die offensichtliche Fragen einfach unbeantwortet ließen. Und ich hatte das ungute Gefühl, dass ich gerade zu einer solchen Frage geworden war.
Ein Grund mehr, definitiv unsichtbar zu bleiben und keinerlei Aufsehen zu erregen, solange ich in Hogwarts war. Niemand durfte erfahren, wer ich wirklich war. Weshalb mich mein Weg zurück nach Hogwarts führte und das Hauptaugenmerk lag schließlich auch darin, Harry Potter zu beschützen und nebenbei nach Antworten zu suchen. Auch wenn mich das ungute Gefühl beschlich, dass dies ein nervenaufreibendes Unterfangen werden würde.