LNCrawler

Was wir zu verlieren haben

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Was wir zu verlieren haben

Hallo, meine Lieben :) So, ich liefere euch das neue Kapitel zum Sonntag. Ich hoffe, ihr habt ein erholsames Wochenende und seid in Leselaune. Denn auch heute wird es spannend ;) Viel Spaß beim Weiterlesen und bis morgen.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 50 Was wir zu verlieren haben

Ruby PoV

Das zweite Siegel hasste mich. Ich war inzwischen davon überzeugt.

Natürlich war mir bewusst, dass ein magisches Siegel nicht zu persönlichen Abneigungen fähig war. Zumindest sollte es das nicht sein.

Nach drei Tagen mit diesem verdammten Ding begann ich allerdings, meine wissenschaftlichen Überzeugungen zu überdenken. >>Du kannst mich auch nicht leiden, oder?<<, murmelte ich.

Das Tagebuch antwortete nicht. Typisch.

Ich beugte mich wieder über den Tisch. Um mich herum lagen Pergamente, Bücher und Notizen, die inzwischen einen beträchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Grimmauld Place beanspruchten. Ich hatte mehrere Schutzzauber um den Tisch gelegt und zusätzlich einen Bannkreis gezogen, den Lucinda unter keinen Umständen überschreiten durfte, solange ich arbeitete. Nicht weil ich ihr misstraute. Sondern weil das Tagebuch auf sie reagierte.

Das erste Siegel hatte uns das bereits deutlich genug gezeigt. Das zweite war anders. Komplizierter.

Ich führte meinen Zauberstab langsam über die Oberfläche. Feine silberne Linien erschienen über dem schwarzen Einband. Eine. Zwei. Drei. Dann eine vierte. Ich hielt den Atem an. >>Na endlich.<<

Die vierte Linie bewegte sich. Ich erstarrte. Sie bog nach links ab. Die zweite folgte ihr. Dann verschob sich die erste. >>Nein.<< Das Muster veränderte sich direkt vor meinen Augen. >>Nein, nein, nein—<< Mit einem leisen Zischen erloschen sämtliche Linien. Ich starrte das Tagebuch an. >>Du verdammtes—<<

Ich brach ab. Atmete ein. Atmete aus. Dann schrieb ich auf das Pergament neben mir:

Reaktion auf Analysezauber 17: Struktur erneut verändert.

Darunter:

Vermutung bestätigt: Zweites Siegel passt seine magische Architektur an äußere Einwirkung an.

Ich betrachtete den Satz. Das klang deutlich wissenschaftlicher als:

Das Tagebuch hasst mich.

Leider fühlte sich Letzteres zutreffender an.

Ich legte den Zauberstab beiseite und rieb mir die Augen. Das erste Siegel war schwierig gewesen. Dieses hier war absurd. Es genügte nicht, die einzelnen Schichten zu identifizieren. Sobald ich glaubte, eine davon verstanden zu haben, veränderte sich das gesamte Gefüge. Fast als würde das Siegel lernen. Oder sich erinnern. Ich mochte keine Magie, die sich erinnerte. Vor allem nicht, wenn sie von Tom Riddle stammte.

Mein Blick fiel auf das geschlossene Tagebuch. Was hattest du dort hineingeschrieben, Tom? Was war so wichtig gewesen, dass selbst Lucinda es niemals erfahren sollte? Das erste Siegel hatte uns keine Antwort gegeben. Nur eine neue Frage. Und irgendwo hinter dieser neuen Barriere lag vielleicht der nächste Teil davon.

Vielleicht etwas über seine Forschungen. Vielleicht etwas darüber, was er bereits damals geplant hatte. Vielleicht—

Ich zwang mich, den Gedanken abzubrechen. Spekulationen halfen mir nicht. Strukturen halfen. Runen. Alchemistische Prinzipien. Magische Wechselwirkungen. Probleme hatten Regeln. Und wenn sie Regeln hatten, konnte ich sie lösen. Irgendwann.

Ich griff erneut nach meinem Zauberstab. Dabei streifte mein Blick eines der Bücher, die neben meinen Aufzeichnungen lagen. Nicht Toms Tagebuch. Ein anderes. Ein altes Verzeichnis

Ich hatte es aus Gewohnheit mitgenommen, weil einige der darin beschriebenen dunklen Schutzmechanismen Ähnlichkeiten mit dem zweiten Siegel aufwiesen. Zwischen zwei Seiten steckte noch immer ein Stück Pergament. Ich wusste sofort, was darauf stand. Ich hätte es herausnehmen sollen. Verbrennen vielleicht. Stattdessen zog ich es hervor. Mein eigener Vermerk. Ein Name.

Severus Snape.

Darunter zwei Worte.

Todesser. Dunkles Mal.

Ich lehnte mich zurück. Das Problem war nicht neu. Ich hatte es lediglich erfolgreich verdrängt. Lucinda wusste es noch immer nicht. Und je länger ich schwieg, desto unangenehmer wurde dieser Umstand.

Im vergangenen Schuljahr hatte ich mir eingeredet, ich müsste zuerst mehr herausfinden. Dann war Crouch gekommen. Das Labyrinth. Cedric. Tom.

Danach hatte es wichtigere Dinge gegeben. Zumindest hatte ich mir das gesagt.

Jetzt saß Severus Snape im Orden des Phönix. Albus vertraute ihm. Nicht widerwillig. Nicht unter Vorbehalt. Er vertraute ihm genug, um ihn in den innersten Kreis eines Widerstands gegen Voldemort aufzunehmen. Und Severus Snape trug das Dunkle Mal.

Ich wusste es. Albus wusste es. Sirius wusste es vermutlich ebenfalls. Lucinda nicht.

Ich drehte das Pergament zwischen meinen Fingern. Ich erinnerte mich an den Krankenflügel. An Severus, der Lucinda das Leben gerettet hatte. An die zweite Aufgabe. An seinen Gesichtsausdruck, nachdem Lucinda ins Wasser gesprungen war. An Barty Crouch Juniors Stimme. Diese bemerkenswerte Sorge.

Und ich erinnerte mich daran, wie Severus Lucinda aufgefangen hatte, nachdem sie zusammengebrochen war. Nichts davon passte zu dem Bild, das ich von einem treuen Anhänger Voldemorts hatte. Aber Menschen waren selten so einfach. Das wusste ich besser als die meisten. Tom war schließlich nicht als Lord Voldemort geboren worden.

Ich faltete das Pergament zusammen. Warum vertraute Albus Severus Snape? Nicht ein bisschen. Nicht aus Notwendigkeit. Sondern vollkommen. Zumindest wirkte es so. Und weshalb hatte Severus die Seiten gewechselt?

Ich wusste es nicht. Das war das Problem. Ich wusste genug, um misstrauisch zu sein. Aber nicht genug, um ihn zu verurteilen. Und Lucinda—

Ich schloss kurz die Augen. Lucinda hatte ein Recht darauf, es zu erfahren. Vielleicht. Nein. Ganz sicher. Aber hatte sie ein Recht darauf, es von mir zu erfahren? Das war eine andere Frage.

>>Du siehst aus, als würdest du überlegen, jemanden zu ermorden.<<

Ich fuhr herum. Sirius lehnte im Türrahmen. >>Wie lange stehst du da?<<

>>Lange genug, um festzustellen, dass das Buch offenbar gewinnt.<<

Ich sah zum Tagebuch. >>Das Buch gewinnt nicht.<<

>>Natürlich nicht.<<

>>Sirius.<<

Er grinste und kam herein. Sein Blick wanderte über das Chaos auf dem Tisch. >>Beeindruckend.<<

>>Fass nichts an.<<

Seine Hand blieb wenige Zentimeter über einem Pergament stehen. >>Ich wollte überhaupt nichts anfassen.<<

>>Deine Hand behauptet etwas anderes.<<

Sirius zog sie zurück. >>Du und Lucinda seid erschreckend ähnlich.<<

>>Nimm das zurück.<<

>>Nein.<< Er setzte sich mir gegenüber. Das Grinsen verschwand langsam. >>Du kommst nicht weiter.<<

Es war keine Frage. Ich sah wieder zum Tagebuch. >>Doch.<< Sirius wartete. Ich seufzte. >>Nein.<<

>>Ah.<<

>>Das zweite Siegel verändert seine Struktur. Jedes Mal, wenn ich eine Schicht analysiere, reagiert die nächste darauf. Wenn ich versuche, zwei gleichzeitig zu stabilisieren, verschiebt sich eine dritte. Und wenn ich zu viel Magie hineinleite, könnte ich die Aufzeichnungen beschädigen.<<

Sirius betrachtete das Tagebuch. >>Also ist es schwierig.<<

>>Das ist eine ausgesprochen primitive Zusammenfassung.<<

>>Aber korrekt.<<

Leider. >>Ja.<<

Er lehnte sich zurück. >>Dann wirst du länger brauchen.<<

>>Wir haben nicht länger.<<

>>Ruby.<<

>>Tom ist zurück. Er sucht irgendetwas. Das Ministerium steckt den Kopf in den Sand und wir sitzen hier vor einem Tagebuch, in dem möglicherweise seit fünfzig Jahren Antworten stehen.<< Meine Stimme war lauter geworden. Sirius sagte nichts. >>Und ich bekomme es nicht auf.<<

Da war es. Der eigentliche Satz. Leise. Hässlich. Sirius sah mich lange an. Dann beugte er sich vor. >>Du hast einen Fluch erschaffen, den vermutlich niemand sonst auf der Welt hätte erschaffen können.<<

Ich verzog das Gesicht. >>Das war nicht unbedingt eine meiner besseren Entscheidungen.<<

>>Du hast dreizehn Jahre lang an mich geglaubt, obwohl praktisch die gesamte magische Welt überzeugt war, dass ich ein Mörder bin.<<

>>Damit hatte ich recht<<, betonte ich überzeugt.

>>Genau. Sehr lästig übrigens.<< Ein kleines Lächeln entkam mir. >>Und<<, fuhr er fort, >>du hast bislang noch jedes Problem gelöst, das dir begegnet ist.<<

Ich seufzte. >>Das stimmt nicht.<<

>>Fast jedes.<<

>>Auch nicht.<<

>>Die wichtigen.<< Ich schwieg. Sirius deutete auf das Tagebuch. >>Dann eben nicht heute. Und nicht morgen. Aber irgendwann findest du heraus, wie dieses verdammte Ding funktioniert.<<

Ich sah ihn an. Er meinte es ernst. Natürlich meinte er es ernst. Das machte es schlimmer. >>Und wenn nicht?<<

Sirius zuckte mit den Schultern. >>Dann finden wir einen anderen Weg.<<

Wir. So leicht sagte er das. Als hätte es dieses Wort schon immer gegeben.

>>Du, ich, Lucinda<<, fuhr Sirius fort. >>Dumbledore. Remus. Die anderen. Wir sind diesmal nicht allein.<<

Ich schluckte. >>Diesmal.<<

>>Ja.<< Er griff über den Tisch nach meiner Hand. >>Und wenn der ganze Mist vorbei ist, machen wir etwas vollkommen Verrücktes.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Bei dir macht mir diese Formulierung Angst.<<

>>Wir leben.<< Ich musste lachen. Leise. Sirius lächelte. >>Ich meine es ernst. Keine Verstecke mehr. Kein Ministerium, das mich jagt. Kein Voldemort. Kein Krieg.<< Seine Finger schlossen sich fester um meine. >>Wir holen die verlorene Zeit nach.<< Mein Lächeln erstarrte. Sirius bemerkte es nicht. >>Du und ich. Lucinda. Harry, wenn er uns erträgt. Remus sowieso. Vielleicht schaffen wir es sogar, ein einziges Abendessen zu überstehen, ohne dass jemand beinahe stirbt.<<

>>Mit dir am Tisch? Unwahrscheinlich.<<

>>Ich bin optimistisch.<< Er grinste. >>Eine Familie. Endlich.<<

Etwas brach in mir. Nicht sichtbar. Darin war ich gut geworden. Ich lächelte. Weil Sirius lächelte. Weil er Hoffnung verdiente. Weil ich ihm diesen Gedanken nicht nehmen konnte. Eine Familie. Ich sah sie ebenfalls.

Sirius. Remus. Harry. Vielleicht eines Tages Kinder, die durch irgendein viel zu lautes Haus liefen. Und Lucinda.

Lucinda auf einer Lichtung zwischen Bowtruckles. Lucinda, die die Augen verdrehte, wenn Sirius Unsinn erzählte. Lucinda, die behauptete, keine Geburtstage feiern zu wollen und sich trotzdem über jeden einzelnen freute, der an sie dachte. Lucinda—

Ich werde erst sterben, wenn mein Bruder vernichtet ist.

Ich kannte den Fluch. Ich hatte ihn erschaffen. Ich wusste, was wir damals verlangt hatten. Ich wusste, wie die Geschichte enden sollte. Tom würde sterben. Und Lucinda—Nein. Ich drängte den Gedanken fort.

>>Ruby?<< Sirius' Daumen strich über meine Finger. >>Alles gut?<<

Ich zwang mein Lächeln zurück. >>Ja.<< Eine Lüge. Eine kleine. Eine notwendige. Vielleicht. >>Ich dachte nur daran, wie furchtbar anstrengend eine Familie mit dir wäre.<<

Sirius grinste wieder. >>Du wirst es lieben.<<

Ich drückte seine Hand. >>Bestimmt.<<

Er wusste nicht, wie sehr ich mir wünschte, dass er recht behielt. Mein Blick wanderte zurück zu Toms Tagebuch. Zum zweiten Siegel. Zu der Magie, die sich jedes Mal veränderte, wenn ich glaubte, sie verstanden zu haben.

Irgendwo darin lagen Antworten. Vielleicht sogar eine, die ich dringender brauchte als alle anderen. Nicht nur: Wie vernichten wir Tom?

Sondern: Wie behalten wir Lucinda, wenn wir es tun?

Ich hatte den Fluch erschaffen. Vielleicht konnte ich auch ihn eines Tages überlisten. Und wenn es irgendeinen Weg gab, würde ich ihn finden.

Ich musste. Denn Sirius hatte gerade von unserer Zukunft gesprochen. Und ich weigerte mich, eine Zukunft zu akzeptieren, in der Lucinda keinen Platz hatte.

***

Severus PoV

Severus kniete.

Er hasste es. Nicht die körperliche Haltung. Die Bedeutung. Vor ihm saß Lord Voldemort. Kerzen warfen unstetes Licht über den dunklen Raum. Die übrigen Todesser standen in respektvollem Abstand entlang der Wände. Severus hielt den Blick gesenkt. >>Du hast Neuigkeiten aus Hogwarts.<<

>>Ja, mein Lord.<<

Voldemort bedeutete ihm mit einer knappen Bewegung, aufzustehen. Severus gehorchte. Jetzt begann der gefährliche Teil. Nicht fragen. Anbieten.

Er hatte die letzten Tage jedes mögliche Wort durchdacht. Eine zu direkte Bemerkung würde Verdacht wecken. Eine zu unbedeutende brachte ihm nichts. Er benötigte lediglich eine Reaktion. >>Dumbledore hat begonnen, alte Verbindungen wiederherzustellen<<, sagte Severus.

Voldemorts Gesicht blieb ausdruckslos. >>Das überrascht dich?<<

>>Nein, mein Lord.<<

>>Gut.<<

Severus wartete. Dann setzte er den nächsten Schritt. >>Er konzentriert seine Aufmerksamkeit weiterhin stark auf Potter.<<

Etwas veränderte sich. Kaum wahrnehmbar. Aber Severus beobachtete Menschen seit Jahren. Voldemorts Finger bewegten sich auf der Armlehne. Einmal. >>Natürlich tut er das.<<

Interessant. Severus senkte leicht den Kopf. >>Potter scheint gegenwärtig keinen Zugang zu Informationen zu besitzen, die für Euch von Bedeutung wären. Dumbledore hält ihn weitgehend von seinen Planungen fern.<<

Ein Risiko. Bewusst gesetzt. Voldemorts rote Augen ruhten auf ihm. >>Du hältst Potter für unwichtig?<<

>>Keineswegs.<< Severus ließ gerade genug Verachtung in seine Stimme einfließen. >>Ich halte ihn für einen mittelmäßigen Jungen, dem wiederholt außergewöhnliches Glück zuteilwurde.<<

Mehrere Todesser lächelten. Voldemort nicht. >>Glück.<<

>>Ja, mein Lord.<<

Stille. Severus wartete. Widersprich mir.

Voldemort erhob sich. Langsam. >>Du unterschätzt den Jungen.<<

Severus bewegte sich nicht. >>Dann bitte ich um Vergebung.<<

>>Dumbledore hat denselben Fehler nie gemacht.<< Voldemort trat näher. >>Er weiß, dass Potter von Bedeutung ist.<<

Severus hielt seinem Blick stand, gerade so weit, wie es angemessen war. >>Wegen seiner Verbindung zu Euch?<<

Ein vorsichtiger Schritt. Voldemorts Augen verengten sich. >>Wegen dessen, was er für meine Zukunft bedeutet.<<

Da war es. Nicht genug. Aber etwas. Severus neigte den Kopf. >>Dann sollte ich meine Aufmerksamkeit stärker auf Potter richten.<<

Voldemort schwieg. Severus wartete. >>Nicht nur auf Potter.<<

Severus' Herzschlag blieb vollkommen gleichmäßig. >>Mein Lord?<<

>>Dumbledore besitzt Dinge, die er vor mir verborgen hält. Wissen, das mir zusteht.<<

Wissen. Severus erinnerte sich an Dumbledores Worte. Eine Information. Eine Person. Ein Gegenstand. >>Soll ich seine Unterlagen durchsuchen?<<

Voldemort lächelte. Es war kein angenehmes Lächeln. >>Nein.<<

Severus ließ eine Spur von Verwirrung erkennen. Nicht zu viel. >>Dann fürchte ich, Euch missverstanden zu haben.<<

Voldemort ging an ihm vorbei. >>Es gibt Wissen, Severus, das nicht in Dumbledores Büro liegt.<<

Severus drehte den Kopf nicht. >>Und wenn Ihr wünscht, dass ich es beschaffe?<<

>>Wenn ich das wünsche, wirst du es erfahren.<<

>>Selbstverständlich, mein Lord.<<

Voldemort blieb stehen. >>Aber du wirst beobachten.<<

>>Wen?<< Ein winziger Fehler. Zu direkt?

Voldemort sah über die Schulter. Severus senkte sofort den Blick. >>Potter<<, sagte Voldemort schließlich. >>Dumbledore. Das Ministerium. Alles, was sie voreinander zu verbergen versuchen.<< Das Ministerium. Severus speicherte jedes Wort. >>Es gibt etwas, das sie besitzen könnten. Etwas, das mir helfen wird, den Fehler zu korrigieren, der vor vierzehn Jahren geschah.<<

Harry Potter.

Severus verstand. Nicht vollständig. Aber genug. Voldemort suchte tatsächlich etwas. Und dieses Etwas hing mit Potter zusammen. Mit dem Sieg über ihn.

Lucinda Stonefield hatte recht gehabt. >>Ich werde darauf achten.<<

Voldemort trat wieder näher. Seine roten Augen bohrten sich in Severus'. >>Das wirst du.<<

Für einen Augenblick spürte Severus den Druck gegen seinen Geist. Legilimentik. Er ließ die vorbereiteten Gedanken nach vorn gleiten. Potter. Dumbledore. Seine Verachtung für das Ministerium. Nützliche Wahrheiten. Sorgfältig ausgewählte Lügen.

Nichts von Lucinda. Nichts von Dumbledores Auftrag. Nichts vom Orden. Der Druck verschwand. Voldemort wandte sich ab. >>Du kannst gehen.<<

Severus verneigte sich. >>Mein Lord.<<

Er drehte sich um. Kein schneller Schritt. Kein erleichtertes Ausatmen. Keine Veränderung seiner Haltung. Er verließ den Raum genauso, wie er ihn betreten hatte. Kontrolliert.

Erst weit außerhalb des Anwesens erlaubte er sich einen Gedanken, den Voldemort niemals sehen durfte. Stonefield hatte recht.

***

Das Dunkle Mal verblasste erst, als Spinner's End längst wieder hinter ihm lag.

Severus schloss die Haustür. Diesmal ging er unmittelbar zu seinem Schreibtisch. Das Pergament lag noch dort. Vier Begriffe.

Hogwarts.

Ministerium.

Potter.

Stonefield.

Severus nahm die Feder. Unter Potter schrieb er:

Ziel der Suche. Verbindung zum Sieg über Potter bestätigt. Art unbekannt.

Dann hielt er inne. Sein Blick wanderte zum letzten Namen. Stonefield.

Er hatte ihre Behauptung ernst genommen, weil sie Voldemorts Rückkehr vorausgesehen hatte. Nun hatte sie sich ein zweites Mal bestätigt. Zufall wurde langsam zu einer unzureichenden Erklärung.

Severus lehnte sich zurück. Lucinda Stonefield wusste Dinge. Nicht aus Büchern. Nicht aus Gerüchten. Nicht aus Gesprächen, von denen Severus Kenntnis besaß. Sie wusste sie einfach. Oder zumindest wirkte es so.

Und zum ersten Mal ertappte Severus sich bei einem Gedanken, der ihm nicht gefiel. Wenn Stonefield behauptete, etwas über den Dunklen Lord zu wissen, war es möglicherweise klüger, zunächst davon auszugehen, dass sie recht hatte. Unangenehm.

Er mochte überprüfbare Informationen. Quellen. Beweise. Logik. Nicht die unerklärlichen Gewissheiten einer fünfzehnjährigen Hexe. Und doch—

Er kommt zurück. Sie hatte recht gehabt.

Er sucht etwas. Wieder hatte sie recht.

Severus legte die Feder hin. Dumbledore wusste, woher diese Informationen kamen. Davon war er inzwischen überzeugt. Und Dumbledore würde es ihm nicht sagen. Auch davon war er überzeugt. >>Mit Bedacht<<, murmelte Severus finster.

Das leere Zimmer antwortete nicht. Wenigstens etwas. Sein Blick blieb auf Lucindas Namen liegen. Sie war dem Orden beigetreten. Eine Fünfzehnjährige. Eine außergewöhnlich mächtige Fünfzehnjährige, die Dinge über Voldemort wusste, die selbst Severus nur unter erheblichem persönlichen Risiko bestätigen konnte.

Dumbledore vertraute ihr. Mehr noch. Er baute auf sie. Der Gedanke gefiel Severus nicht. Potter war bereits schlimm genug. Seit Jahren wurde ein Junge Stück für Stück in einen Krieg hineingezogen, den Erwachsene begonnen hatten.

Und nun Stonefield. Was plante Dumbledore mit ihr?

Severus kannte den Schulleiter gut genug, um zu wissen, dass er Menschen nicht leichtfertig opferte. Aber er kannte ihn ebenfalls gut genug, um zu wissen, dass Albus Dumbledore bereit war, notwendige Entscheidungen zu treffen. Selbst grausame. Wenn das größere Ziel es verlangte.

Severus' Blick verhärtete sich.

Lucinda hatte eine Macht demonstriert, die selbst ihn erschüttert hatte. Sie besaß unerklärliches Wissen über Voldemort. Dumbledore schützte ihre Vergangenheit. Und jetzt hatte er sie in den Orden aufgenommen. Das ergab ein Bild. Keines, das Severus gefiel.

Potter war der Mittelpunkt dieses Krieges. Das wusste jeder. Doch vielleicht hatte Dumbledore inzwischen eine zweite Figur auf sein Brett gestellt. Eine junge Hexe mit außergewöhnlicher Macht. Eine Hexe, deren Fähigkeiten möglicherweise unmittelbar gegen den Dunklen Lord eingesetzt werden konnten.

Severus stand auf. Nein. Er wusste zu wenig. Spekulationen waren gefährlich. Vor allem, wenn Albus Dumbledore beteiligt war. Er würde ihm berichten, was Voldemort preisgegeben hatte. Mehr nicht. Und dennoch blieb ein unangenehmer Gedanke zurück. Was, wenn Dumbledore Lucinda Stonefield nicht lediglich beschützte? Was, wenn er sie vorbereitete?

Severus trat ans Fenster. Draußen lag Spinner's End dunkel und verlassen. Er erinnerte sich an Lucinda im Krankenflügel. An Blut. An Gift. An einen viel zu schwachen Puls. An Lucinda unter dem schwarzen Wasser. An ihren Zusammenbruch auf dem Turniergelände. Zu viele Bilder für ein einziges Schuljahr. Und das Mädchen war gerade einmal fünfzehn.

Severus' Kiefer spannte sich an. Dumbledore mochte seine Gründe haben. Er hatte sie fast immer. Aber wenn Albus tatsächlich vorhatte, aus Lucinda Stonefield ein Werkzeug gegen Voldemort zu machen, würde Severus diese Gründe sehr genau hören wollen.

Er sah zurück zum Pergament. Zu ihrem Namen. Noch wusste er nicht, wer Lucinda Stonefield wirklich war. Noch wusste er nicht, weshalb sie Voldemort Dinge vorausspürte, die niemand sonst wissen konnte. Aber eines wusste Severus inzwischen. Wenn Lucinda Stonefield vor etwas warnte, würde er zuhören. Und falls Dumbledore vorhatte, sie für diesen Krieg zu benutzen—

Nun. Dann würde Albus Dumbledore sich auf ein ausgesprochen unangenehmes Gespräch gefasst machen müssen.

***

Lucinda PoV

Mein Plan hatte einen entscheidenden Vorteil.

Er war vollkommen vernünftig. Zumindest solange Ruby ihn nicht sah.

Ich saß am kleinen Schreibtisch meines Zimmers und betrachtete die Pergamente, die ich in den vergangenen zwei Stunden beschrieben hatte.

Harry Potter. Darunter hatte ich mehrere Punkte notiert.

Hogwarts.

Unterricht.

Hogsmeade.

Briefe.

Ungewöhnliches Verhalten anderer Schüler.

Neue Lehrer.

Träume.

Letzteres hatte ich zweimal unterstrichen.

Im vergangenen Schuljahr hatten wir Harrys Träume viel zu spät ernst genommen. Diesen Fehler würde ich nicht wiederholen. Ich tippte mit der Feder gegen das Pergament. Das Problem bestand nicht darin, Harry zu beschützen.

Das Problem bestand darin, Harry zu beschützen, ohne dass jemand bemerkte, dass ich Harry beschützte. Ich hatte im vergangenen Schuljahr nicht gerade Talent dafür bewiesen.

Mein Blick wanderte zum Fenster.

Ins Schwarze Wasser springen. Nicht besonders unauffällig.

Barty Crouch Junior ohne Zauberstab über das Gelände schleudern. Noch weniger unauffällig.

Vor einer Tribüne voller Menschen zusammenbrechen. Ausgesprochen ungünstig.

Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. >>Dieses Jahr wird das anders.<<

Niemand antwortete. Gut. Dann konnte mir wenigstens niemand widersprechen.

Ich zog ein zweites Pergament heran. Harry würde vermutlich stärker überwacht werden. Nicht nur von uns. Tom hatte ihn benutzt, um zurückzukehren. Er hatte Harrys Blut genommen. Und nach allem, was wir inzwischen wussten, suchte er etwas, das ihm fehlte. Etwas, das er brauchte.

Ich wusste nicht, ob diese Suche unmittelbar mit Harry zusammenhing. Aber ich würde nicht den Fehler machen, beides voneinander zu trennen. Tom tat nichts ohne Grund. Wenn er Harry weiterhin wollte, würde er einen Weg suchen, ihn zu erreichen. Also mussten wir zuerst da sein. Nur diesmal durfte ich dabei nicht auffallen. Denn Harry war nicht das einzige Ziel, das geschützt werden musste.

Meine Finger glitten unwillkürlich zu meinem rechten Handgelenk. Unter dem Ärmel lag das Zeichen des Fluches. Still. Im Augenblick.

Toms Macht wuchs. Ich spürte es. Nicht ständig. Nicht deutlich genug, um daraus verlässliche Informationen zu gewinnen. Aber er war da. Viel stärker als vor seiner Rückkehr. Früher war er ein Schatten gewesen. Jetzt war er eine Präsenz. Und je stärker er wurde, desto wichtiger wurde meine Okklumentik.

Ein Fehler. Ein einziger. Mehr brauchte es vielleicht nicht. Tom durfte nicht erfahren, dass ich lebte. Nicht jetzt. Noch lange nicht.

Die magische Welt glaubte seit Jahrzehnten, Lucinda Riddle sei tot. Dabei musste es bleiben.

Ich dachte an Cornelius Fudge. An das Ministerium. Und meine Finger verkrampften sich um die Feder. Wie konnte man so blind sein?

Harry hatte Voldemort gesehen. Cedric Diggory war tot. Barty Crouch Junior hatte gestanden. Albus hatte die Rückkehr bestätigt. Und trotzdem entschied das Ministerium, dass die Wahrheit offenbar weniger angenehm war als eine Lüge.

Ich verstand Angst. Wirklich. Ich hatte lange genug mit ihr gelebt. Aber Angst änderte keine Tatsachen. Tom war zurück. Ob Cornelius Fudge daran glaubte oder nicht. Und während das Ministerium seine Augen verschloss, würde mein Bruder jede einzelne Stunde nutzen, die man ihm schenkte.

>>Narren<<, murmelte ich.

>>Wen beleidigst du?<<

Ich zuckte zusammen. Ruby stand in der offenen Tür. >>Das Ministerium.<<

>>Oh.<< Sie trat ein. >>Dann fahre fort.<<

Ich legte die Feder hin. Ruby kam zum Schreibtisch. Ihr Blick fiel auf meine Pergamente. Dann auf mich. Wieder auf die Pergamente. Ich kannte diesen Blick.

>>Nein<<, sagte sie entschieden.

>>Du weißt noch gar nicht, was ich vorhabe.<<

Sie deutete auf meine Liste. >>Harry Potter steht oben auf dem Pergament.<<

>>Das beweist nichts.<<

Ruby nahm das Blatt. >>Hogwarts. Unterricht. Hogsmeade. Briefe. Träume.<< Sie sah mich an. >>Lucinda.<<

>>Was?<<

>>Du planst bereits das nächste Schuljahr.<<

Ich schnaubte. >>Selbstverständlich.<<

>>Die Ferien haben gerade erst angefangen.<<

>>Tom macht auch keine Sommerpause.<<

Das nahm ihr für einen Moment den Wind aus den Segeln. Nur für einen Moment. >>Was hast du vor?<<, wollte sie wissen.

Ich nahm ihr das Pergament wieder ab. >>Dasselbe wie im letzten Schuljahr. Nur besser.<<

Ruby schloss die Augen. >>Das beruhigt mich überhaupt nicht.<<

>>Ich werde Harry im Auge behalten. Seine Träume ernster nehmen. Darauf achten, wer Kontakt zu ihm sucht. Und wenn etwas ungewöhnlich ist, werde ich diesmal nicht warten, bis wir sämtliche Beweise zusammengetragen haben.<<

>>Das klingt sogar vernünftig.<<

>>Danke.<<

>>Ich war noch nicht fertig.<< Natürlich nicht. Ruby deutete auf meine Notizen. >>Was bedeutet weniger Aufsehen?<< Ich schwieg. >>Lucinda.<<

>>Es bedeutet weniger Aufsehen.<<

Ruby hob eine Augenbraue. >>Eine ausgezeichnete Definition.<<

>>Ich kann schlecht erneut vor der gesamten Schule einen Todesser durch die Luft schleudern<<, gab ich zurück.

>>Das wäre tatsächlich wünschenswert.<<

>>Siehst du? Wir sind uns einig.<<

Ruby setzte sich auf die Bettkante. Ich betrachtete sie. Und plötzlich fiel mir etwas ein. Etwas, worüber ich bereits seit der Versammlung nachgedacht hatte.

>>Du musst übrigens nicht mitkommen.<<

Ruby blinzelte. >>Wohin?<<

>>Nach Hogwarts.<<

Stille. Oh. Dieser Blick war schlimmer. >>Entschuldige?<<

>>Nach den Ferien. Du könntest hierbleiben.<< Ruby starrte mich an, als hätte ich vorgeschlagen, Tom zum Weihnachtsessen einzuladen. >>Du könntest weiterhin für den Orden arbeiten. Am Tagebuch arbeiten. Und—<< Ich ließ eine kleine Pause. >>—bei Sirius bleiben.<<

Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Nur kurz. Ich hatte sie. >>Lucinda—<<

>>Du hast dreizehn Jahre auf ihn gewartet.<<

Ihre Augen wurden weicher. >>Ich weiß.<<

>>Dann sehe ich keinen Grund, weshalb du dich im September wieder von ihm verabschieden solltest, nur weil ich nach Hogwarts zurückkehre.<<

>>Du bist der Grund.<<

>>Das ist Unsinn<<, entgegnete ich, doch sie widersprach mir.

>>Nein.<< Ruby stand auf. >>Du willst Harry beschützen, Tom beobachten, deine Okklumentik aufrechterhalten, deine eigene Identität geheim halten, vermutlich nebenbei noch das Tagebuch entschlüsseln und so tun, als wärst du eine vollkommen gewöhnliche Schülerin.<<

>>Ich bin ausgesprochen vielseitig.<<

>>Du bist ausgesprochen wahnsinnig.<<

>>Das auch.<<

Ruby stemmte die Hände in die Hüften. >>Und du glaubst ernsthaft, ich lasse dich damit allein?<<

>>Du würdest mich nicht allein lassen.<< Ich deutete um mich herum. >>Wir haben den Orden. Albus ist in Hogwarts. Professor Snape ebenfalls.<< Bei seinem Namen zögerte Ruby. Kaum merklich. Aber ich bemerkte es. >>Was?<<

>>Nichts.<<

Mein Blick wurde schärfer. >>Ruby.<<

>>Nichts.<<

Ich musterte sie. Merkwürdig. Bevor ich nachfragen konnte, erklang eine Stimme aus dem Flur. >>Ich würde übrigens auf Chadwick hören.<<

Sirius erschien in der Tür. Ich seufzte. >>Hört hier eigentlich jeder meine Gespräche mit?<<

>>Nur die interessanten.<<

Ruby verschränkte die Arme. >>Sie will allein nach Hogwarts zurück.<<

>>Ich will nicht allein nach Hogwarts zurück. Hogwarts enthält mehrere hundert Menschen.<<

Sirius kam herein. >>Du weißt genau, was sie meint.<<

>>Ich versuche lediglich, eine vernünftige Lösung zu finden<<, betonte ich, doch Sirius konterte natürlich wieder auf besonders vorlaute Art und Weise.

>>Das behauptest du erstaunlich häufig unmittelbar vor ausgesprochen unvernünftigen Entscheidungen.<<

Ich starrte ihn an. >>Seit wann bist ausgerechnet du die Stimme der Vernunft?<<

Sirius legte eine Hand auf die Brust. >>Das verletzt mich.<<

Ruby schnaubte. >>Nein, tut es nicht.<<

>>Stimmt.<< Er lehnte sich an den Türrahmen. >>Aber in diesem Fall habe ich recht.<<

>>Ruby könnte bei dir bleiben.<<

Sein Gesicht wurde für einen Augenblick ernst. >>Glaubst du, ich hätte etwas dagegen?<< Ich schwieg. Natürlich nicht. >>Wenn es ausschließlich nach mir ginge<<, fuhr Sirius fort, >>würde ich sie vermutlich an diesen Tisch ketten und erst wieder freilassen, wenn der Krieg vorbei ist.<<

Ruby hob eine Augenbraue. >>Versuch es.<<

>>Deshalb habe ich vermutlich überlebt, indem ich es bislang nicht versucht habe.<< Ich musste lächeln. Dann verschwand sein Grinsen. >>Aber du brauchst sie.<<

>>Ich komme allein zurecht.<<

>>Das bezweifelt niemand.<<

Diese Antwort überraschte mich. Sirius trat einen Schritt ins Zimmer.

>>Es geht nicht darum, ob du allein zurechtkommst. Es geht darum, ob du es allein tun musst .<< Ich sagte nichts. >>Du willst Harry beschützen. Gut.<< Seine Stimme wurde ruhiger. >>Glaub mir, niemand hier wird dir das ausreden. Am allerwenigsten ich.<< Das wusste ich. Harry war sein Patensohn. >>Aber Ruby kennt dich besser als jeder andere. Sie merkt, wenn du etwas verschweigst. Sie weiß, wann du zu weit gehst. Und offenbar besitzt sie eine bemerkenswerte Fähigkeit, dich zumindest gelegentlich davon abzuhalten, dich umzubringen.<<

>>Gelegentlich?<<, fragte Ruby.

>>Ich wollte deine Erfolgsquote nicht übertreiben.<< Sie warf ein Kissen nach ihm. Sirius fing es. >>Danke für die Demonstration.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Ich habe nicht vor, mich umzubringen.<<

Sirius sah mich an. >>Gut. Dann haben wir ja schon einen Vorsatz für das neue Schuljahr.<<

>>Sirius.<<

>>Nein, ernsthaft.<< Er begann an den Fingern abzuzählen. >>Vergiftet werden.<< Erster Finger. >>Von Grindelohs zerkratzt werden, nachdem du in den Schwarzen See springst.<< Zweiter. >>Einen Todesser ohne Zauberstab durch die Luft schleudern und anschließend zusammenbrechen.<< Dritter. Er sah mich an. >>Und das war nur ein Schuljahr.<<

>>Wenn du es so formulierst, klingt es schlimmer, als es war.<< Ruby und Sirius starrten mich gleichzeitig an. Ich überlegte. >>Gut. Es war schlimm.<<

>>Danke<<, sagte Ruby.

Sirius legte das Kissen auf mein Bett. >>Deshalb wäre mein persönlicher Vorschlag für dieses Schuljahr: Versuch ausnahmsweise, nicht beinahe zu sterben.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Das ist dein strategischer Beitrag?<<

>>Ich halte ihn für solide.<<

>>Außerordentlich anspruchsvoll.<<

>>Bei dir offenbar schon.<<

Ruby lachte. Verräterin.

Ich sah zwischen ihnen hin und her. Ruby. Sirius. Sie hatten gerade erst wieder zueinandergefunden. Dreizehn Jahre. Dreizehn verdammte Jahre. Und jetzt sollte Ruby wieder nach Hogwarts zurückkehren, weil ich—

>>Ich will euch das nicht nehmen.<< Die Worte waren leiser, als ich beabsichtigt hatte.

Ruby hörte sofort auf zu lachen. Sirius ebenfalls. >>Lucinda—<<

>>Ihr habt lange genug verloren.<< Ich sah Ruby an. >>Mehr als genug.<<

Sie kam zu mir. >>Und deshalb entscheidest du jetzt, dass ich zwischen dir und Sirius wählen muss?<<

>>Nein.<<

>>Doch. Nur dass du die Entscheidung bereits für mich getroffen hast.<< Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Ruby nahm meine Hand. >>Ich liebe ihn.<< Sirius wurde auffällig still. >>Aber du bist meine Familie.<<

Etwas zog sich schmerzhaft in meiner Brust zusammen. >>Ruby—<<

>>Nein. Hör zu.<< Ihre Finger schlossen sich fester um meine. >>Ich habe dreizehn Jahre auf Sirius gewartet. Und weißt du, warum ich das konnte?<< Ich schüttelte leicht den Kopf. >>Weil ich wusste, dass er irgendwo da draußen war.<<

Ihre Stimme wurde brüchiger. >>Lebendig.<< Ich erstarrte. Ruby sah mir direkt in die Augen. >>Also verlange nicht von mir, hier zu sitzen und mich jeden Tag zu fragen, ob du es auch noch bist.<<

Ich konnte nicht antworten. Hinter ihr senkte Sirius kurz den Blick. Er wusste nicht. Nicht alles. Nicht das Ende, das Ruby und ich vor Jahrzehnten in einen Fluch geschrieben hatten. Aber er verstand genug. Er trat zu uns. >>Außerdem<<, sagte er leiser, >>ist das keine Trennung wie früher.<< Ruby sah zu ihm. Sirius lächelte. >>Du gehst nach Hogwarts. Ich bin hier. Wir wissen beide, wo der andere ist. Wir haben den Orden. Patroni. Briefe. Und wenn Dumbledore mich lässt, werde ich euch vermutlich ohnehin häufiger auf die Nerven gehen, als euch lieb ist.<<

>>Das befürchte ich auch<<, sagte ich.

>>Siehst du? Schon besser.<<

Ruby lehnte ihre Stirn kurz gegen meine. >>Wir haben das zusammen begonnen.<<

Ich schloss die Augen. Natürlich. Dieser Satz. >>Zusammen?<<, flüsterte sie.

Ich atmete aus. >>Bis zum Ende.<<

Als ich die Augen wieder öffnete, lächelte sie. Sirius sah zwischen uns hin und her. >>Muss ich mir Sorgen machen, dass ihr irgendwann erklärt, was dieser Satz eigentlich bedeutet?<<

Ruby und ich antworteten gleichzeitig. >>Nein.<<

Er blinzelte. >>Beruhigend.<<

Ich löste meine Hand aus Rubys und griff nach meinem Pergament. >>Also gut.<<

Ruby wurde misstrauisch. >>Was bedeutet bei dir also gut?<<

Ich setzte die Feder an. Unter meine bisherigen Notizen schrieb ich einen neuen Punkt. Ruby einbeziehen.

Sirius beugte sich über meine Schulter. >>Ausgezeichnet.<<

Dann nahm er mir die Feder aus der Hand. >>Was tust du?<<

>>Ergänzung.<<

Unter meinen Satz schrieb er:

Lucinda am Leben halten.

Ich starrte darauf. Dann auf ihn. >>Das ist kein strategischer Punkt.<<

>>Für mich schon.<<

Ich streckte fordernd meine rechte Hand aus. >>Gib mir die Feder.<<

>>Versprich es.<<

>>Was?<<

>>Dass du es wenigstens versuchst.<<

Ich sah ihn an. Sirius grinste nicht mehr. Und plötzlich verstand ich, dass er es tatsächlich ernst meinte. Nicht nur wegen Ruby. Nicht nur wegen Harry. Wegen mir. Das war unangenehm. Nicht auf eine schlechte Art. Vielleicht gerade deshalb.

Ich nahm ihm langsam die Feder ab. >>Ich verspreche, dieses Schuljahr mein Möglichstes zu tun, nicht beinahe zu sterben.<<

Sirius nickte zufrieden. >>Damit kann ich arbeiten.<<

Ruby schnaubte. >>Ihre Formulierungen werden immer spezifischer.<<

>>Man lernt dazu.<<

Ich betrachtete die beiden Punkte auf meinem Pergament.

Ruby einbeziehen.

Lucinda am Leben halten.

Eigentlich hatte ich nur Harry beschützen wollen. Offenbar war meine Mission gerade erweitert worden. Ich konnte nicht behaupten, dass mir der zweite Teil besonders gefiel. Aber als Ruby sich wieder neben mich setzte und Sirius begann, meine restlichen Notizen ungefragt zu kommentieren, brachte ich es nicht über mich, ihn durchzustreichen. Vielleicht hatten sie recht.

Harry musste geschützt werden. Meine Identität musste geschützt werden. Das Geheimnis um Toms Suche musste gelöst werden. Und ich musste verhindern, dass mein Bruder auch nur ahnte, dass Lucinda Riddle noch lebte.

Aber vielleicht—nur vielleicht—musste ich dabei nicht jedes Problem allein lösen.

Ich sah auf Sirius' krakelige Schrift.

Lucinda am Leben halten.

Ein ausgesprochen ambitionierter Plan. Nach dem vergangenen Schuljahr vermutlich sogar unser schwierigster.