Hinab in die Schlangengrube
Hinab in die Schlangengrube
Hallo, meine Lieben :) Es geht wieder weiter und heute begeben wir uns, wie der Titel schon sagt, hinab in die Schlangengrube. Oder besser gesagt Lucinda, denn diese hat sich schließlich nicht ohne Grund das Haus ihres Bruders ausgesucht ;) Es bleibt spannend und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Liebe Grüße,
eure Melody
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Hinab in die Schlangengrube
Der flüchtige Moment mit Professor Snape beschäftigte mich auch noch, als das Festmahl sich längst dem Ende neigte. Es war nur ein Blick gewesen. Ein einziger Blick. Und dennoch hatte er genügt, um mir eine unangenehme Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Ich wusste nicht einmal genau, weshalb.
Vielleicht lag es daran, dass Severus Snape Menschen auf eine Art betrachtete, die einem das Gefühl gab, er könne direkt durch sämtliche Mauern blicken, welche man um sich errichtet hatte. Vielleicht erinnerte mich seine Aufmerksamkeit auch einfach daran, wie gefährlich meine Anwesenheit in Hogwarts tatsächlich war.
Jedenfalls stand mein Entschluss fest. Ich würde unsichtbar bleiben. Keine Freundschaften schließen. Keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Keine Fehler machen. Je weniger die Menschen über Lucinda Stonefield wussten, desto besser. Der Lärm in der Großen Halle ebbte langsam ab, als die Schüler sich erhoben und ihren Hauslehrern folgten. Stühle wurden gerückt, Gespräche erfüllten die Luft und für einen kurzen Augenblick überlegte ich ernsthaft, einfach umzudrehen und Hogwarts wieder zu verlassen. Leider war das keine Option.
Deshalb erhob ich mich ebenfalls von meinem Platz und schloss mich den anderen an. Dabei glaubte ich für einen kurzen Moment, noch immer einen bohrenden Blick in meinem Rücken zu spüren, doch ich ignorierte es konsequent. Viel eher richtete ich meine Aufmerksamkeit auf meine beste Freundin, die sich mit den anderen Ravenclaw-Schülern ebenfalls auf dem Sprung befand. Und sie hatte sogar noch eine persönliche Botschaft für mich. >>Willkommen in deinem persönlichen Albtraum.<< Ruby grinste schief und deutete unauffällig auf den Tisch der Slytherins, woraufhin ich brummte.
>>Vielen Dank für die aufmunternden Worte.<<
>>Immer wieder gern.<<
Ich schnaubte leise. Dann trennten sich unsere Wege. Zumindest fürs Erste.
Ruby verschwand mit den Ravenclaws, während ich mich gezwungenermaßen der Gruppe von Slytherin anschloss. Gemeinsam verließen wir die Große Halle und begaben uns Richtung Kerker. Bereits nach wenigen Minuten bereute ich diese Entscheidung zutiefst.
Die Schüler liefen mit erhobenen Köpfen durch die Korridore, als würden sie Hogwarts persönlich regieren. Überall hörte ich Namen alter Reinblutfamilien, Diskussionen über Ansehen, Vermögen und Abstammung. Es war unerquicklich. Und vor allem war es vertraut. Zu vertraut.
Ich hatte diesen Tonfall schon einmal gehört. Diesen Stolz. Diese Überheblichkeit. Diese Überzeugung, etwas Besseres zu sein. Tom hatte genauso gesprochen. Nicht immer. Aber irgendwann. Damals, als die Dunkelheit begann, ihn zu verschlingen.
Ich erinnerte mich noch daran, wie sein Blick sich verändert hatte. Wie aus Ehrgeiz Arroganz geworden war. Wie aus Arroganz Verachtung wurde. Und nun schienen mir zahlreiche Schüler um mich herum dieselben Eigenschaften zu verkörpern. Mein Magen zog sich zusammen. Nein. Sie waren nicht Tom. Nicht einmal ansatzweise. Trotzdem weckten sie Erinnerungen, die ich lieber begraben hätte.
Ich sprach kein einziges Wort, während wir unseren Weg in geschlossener Formation fortsetzten. Der Eingang zum Gemeinschaftsraum lag tief unter dem Schwarzen See und als sich die steinerne Wand öffnete, trat ich zusammen mit den anderen ein. Grünliches Licht flimmerte durch die Fenster. Die Atmosphäre wirkte kühl und fremd.
>>Da ist sie.<<
Ich bemerkte sofort, dass mehrere Blicke auf mich gerichtet wurden. Natürlich. Die neue Schülerin. Wie hätte es auch anders sein sollen? Noch bevor ich mich irgendwo unauffällig platzieren konnte, tauchten Daphne Greengrass und Pansy Parkinson neben mir auf.
>>Seid nett zu ihr. Sie gehört jetzt zu uns<<, sagte Daphne an die anderen gerichtet, während Pansy mir die Schulter tätschelte.
>>Keine Sorge. Man gewöhnt sich schnell an Slytherin.<<
Das wagte ich zu bezweifeln. Dennoch nickte ich lediglich. Pansy schien meine Zurückhaltung fehlzuinterpretieren. >>Die anderen wollen dich kennenlernen<<, sagte sie mit einem Kopfnicken in betreffende Richtung und ich seufzte ergeben
>>Das hatte ich schon befürchtet.<<
Bevor ich protestieren konnte, wurde ich quer durch den Gemeinschaftsraum geführt.
Mehrere Schüler blickten auf. Einige wirkten interessiert. Andere skeptisch. Und manche schienen bereits beschlossen zu haben, mich nicht zu mögen. Besonders einer.
Draco Malfoy saß lässig in einem Sessel und betrachtete mich mit unverhohlener Arroganz. Blasse Haare. Spitzes Gesicht. Sturmgraue Augen. Selbstgefälliges Grinsen.
Ich wusste sofort, dass wir keine Freunde werden würden.
>>Das ist Lucinda Stonefield<<, verkündete Daphne.
Draco erhob sich langsam. >>Die neue Schülerin.<<
>>Messerscharfe Beobachtungsgabe<<, erwiderte ich trocken.
Einige Schüler lachten. Dracos Grinsen verschwand für einen Moment. >>Woher kommst du?<<, verlangte er zu wissen, woraufhin ich mit den Schultern zuckte.
>>Von außerhalb Hogwarts.<<
>>Ach wirklich?<<
>>Ich bemühe mich, hilfreich zu sein.<<
Wieder entstand vereinzeltes Gelächter. Sein Blick verengte sich. >>Du klingst nicht wie eine Slytherin<<, klagte er mich an, wohingegen ich auf das Offensichtliche hinwies.
>>Du klingst stattdessen exakt wie einer.<<
Pansy verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Luft. Daphne musste sich ein Grinsen verkneifen. Draco verschränkte die Arme. >>Falls du glaubst, hier Eindruck schinden zu können, irrst du dich.<<
>>Keine Sorge.<< Ich begegnete seinem Blick ruhig. >>Eindruck auf dich zu machen steht erstaunlicherweise nicht auf meiner Prioritätenliste.<<
Ein Raunen ging durch die Runde. Draco schien nicht gewohnt zu sein, dass ihm jemand widersprach. Schon gar nicht eine neue Schülerin. In seinen sturmgrauen Augen lag ein bedrohliches Funkeln, als er sich etwas vorbeugte. >>Du solltest vorsichtig sein<<, sagte er, doch ich hob lediglich eine Augenbraue.
>>Weshalb?<<
>>Weil es unklug ist, sich Feinde zu machen.<<
Ich betrachtete ihn einen Augenblick lang. Draco sollte ein Feind sein? Der hatte doch gar keine Ahnung, was ich schon alles erlebt hatte. Würde er in meiner Haut stecken, wäre er doch schon wie ein jammerndes Baby unter seiner Bettdecke verschwunden. Zuerst schwieg ich, dann lächelte ich schwach. >>Dann solltest du mit gutem Beispiel vorangehen.<<
Für einen Moment herrschte völlige Stille. Draco starrte mich an. Offenbar hatte er mit vielen Reaktionen gerechnet. Aber nicht damit. Ich hatte weder nachgegeben noch mich provozieren lassen. Genau das schien ihn am meisten zu ärgern. Schließlich schnaubte er nur verächtlich. >>Von mir aus.<< Damit ließ er sich wieder in seinen Sessel fallen.
Zu meiner Erleichterung verlor die Gruppe kurz darauf das Interesse an mir. Ich hatte die erste Prüfung überstanden. Wenn auch nur knapp. Obwohl es mir kaum wie eine Prüfung vorkam. Eher, als ob sämtliche Schlangen soeben versucht hatten, mit ihrem Gift ihr Revier zu markieren. Und Draco Malfoy stand dabei an vorderster Front. Jedoch bereute ich meinen kleinen Zwist mit ihm bereits. Sollte mein Fokus nicht darauf liegen, unsichtbar zu bleiben? Dieses kleine Duell zwischen uns war jedoch das komplette Gegenteil gewesen. Ich konnte nur hoffen, dass Malfoy und sein Gefolge mich von jetzt an in Frieden ließen.
Schließlich führte Daphne mich zusammen mit Pansy zu unserem Schlafsaal. Als ich erfuhr, dass wir uns ein Zimmer teilen würden, verspürte ich tatsächlich so etwas wie Erleichterung. Beide wirkten zumindest erträglicher als der Rest des Hauses. Dann würde mich diese heimtückische Schlangengrube vielleicht nicht schon zu Anfang in den Wahnsinn treiben.
>>Das war ja was<<, äußerte Pansy mit einer Mischung aus Anerkennung und Skepsis, als wir unser Zimmer betraten, doch Daphne grinste verschlagen.
>>Ich fand deinen ersten Auftritt überaus gelungen, Lucinda. Habt ihr Dracos Gesicht gesehen?<<
Wie hätte man das ignorieren können? Der Typ hatte mit seiner Arroganz fast den gesamten Gemeinschaftsraum für sich eingenommen, bevor ich ihn von seinem hohen Ross runterholte. Wobei ich auf künftige Begegnungen dieser Art gut und gerne verzichten konnte. Ich hatte schließlich Wichtigeres zu tun.
Zum Glück gingen Daphne und Pansy nicht weiter darauf ein, sondern zeigten mir noch mein Bett und verabschiedeten sich dann für die Nacht von mir. Ich schnappte mir meinen Pyjama, huschte kurz ins Bad und als ich umgezogen zurückkehrte, schliefen meine beiden Zimmergenossinnen schon tief und fest. Erleichtert atmete ich auf.
Dann kroch ich ins Bett.
Dort lag ich noch eine Weile wach und starrte gedankenverloren an die Decke, während ich die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren ließ. Es kam mir wie ein seltsamer Traum vor, wieder in Hogwarts zu sein. Meine Schulzeit lag schon so lange zurück, es glich einem schwachen Abbild von Erinnerungen, die sich in Bruchstücken immer wieder an die Oberfläche der Versenkung kämpften.
Endlich allein.
Zumindest glaubte ich das. Denn kaum hatte ich die Augen geschlossen, kehrte die Vergangenheit zurück. Wie immer.
Ich stand wieder im Herrenhaus der Riddles. Der Himmel war schwarz.
Blitze zuckten über die Landschaft. Und Tom stand vor mir. Nicht Voldemort. Nicht der Dunkle Lord. Tom. Mein Bruder.
Der Junge, den ich einst geliebt hatte. Der Junge, den ich nicht hatte retten können. >> Du hättest mich aufhalten sollen. << Seine Stimme hallte durch die Dunkelheit. >> D u hättest es verhindern müssen. <<
Schmerz durchfuhr mich. Ich wollte antworten. Wollte ihm sagen, dass ich es versucht hatte. Dass ich gekämpft hatte. Doch die Worte blieben mir im Hals stecken.
Plötzlich veränderte sich sein Gesicht. Die vertrauten Züge verschwammen. Die roten Augen erschienen. Die kalte Fratze Lord Voldemorts blickte mich an. >>Zu spät. <<
Die Worte trafen mich wie ein Fluch. Um uns herum erhoben sich Schatten. Schreie erfüllten die Nacht. Menschen fielen zu Boden. Hogwarts brannte. Und ich konnte nichts dagegen tun. Gar nichts.
Mit einem erstickten Atemzug fuhr ich hoch. Schweiß bedeckte meine Stirn. Mein Herz raste. Der Schlafsaal lag still im Dunkel. Daphne und Pansy schliefen friedlich. Nur ich saß regungslos in meinem Bett. Wieder einmal hatte mich die Vergangenheit eingeholt. Wieder einmal erinnerte sie mich daran, weshalb ich überhaupt hier war.
Nicht für Hogwarts. Nicht für Dumbledore. Nicht einmal für mich selbst. Sondern für die Fehler eines Bruders, den ich nicht hatte retten können. Langsam wandte ich den Blick zum Fenster, hinter dem das dunkle Wasser des Schwarzen Sees vorbeiglitt. Irgendwo dort draußen schlief die Welt. Doch ich wusste bereits jetzt, dass mir in dieser Nacht keine Ruhe mehr vergönnt sein würde. Und so wappnete ich mich innerlich dafür, dass mit dem morgigen Tag auch meine Mission starten würde. Die Mission, welche hoffentlich mit der endgültigen Vernichtung meines Bruders endete.
***
Severus Pov
Die Große Halle leerte sich nur langsam.
Das Gemurmel hunderter Schüler verklang allmählich zwischen den steinernen Säulen, während Stühle über den Boden scharrten und die Hauslehrer ihre Schützlinge zusammentrieben. Von den verzauberten Kerzen an der Decke fiel flackerndes Licht auf den Lehrertisch, an dem Severus Snape noch einen Moment reglos sitzen blieb.
Ein weiteres Schuljahr. Noch ein Jahr voller lärmender Kinder, missratener Zaubertränke und endloser Disziplinarmaßnahmen. Er erhob sich lautlos und strich den schwarzen Umhang glatt, dessen Stoff hinter ihm her schwebte wie der Schatten einer Fledermaus. Minerva war bereits dabei, die Erstklässler von Gryffindor einzusammeln, Flitwick unterhielt sich angeregt mit Madame Maxime und Karkaroff verließ gemeinsam mit seinen Durmstrang-Schülern die Halle.
Igor Karkaroff. Allein sein Anblick genügte, um ein unangenehmes Ziehen in Severus' Magen hervorzurufen. Die Ereignisse bei der Quidditch-Weltmeisterschaft hatten längst jede Illusion zerstört. Das Dunkle Mal.
Nicht am Himmel erschienen, aber aufgerufen. Jemand hatte es gewagt. Jemand hatte den Mut gehabt, das Zeichen des Dunklen Lords erneut in die Welt hinauszutragen.
Für die meisten war es lediglich eine erschreckende Erinnerung an vergangene Zeiten. Für Severus war es etwas anderes. Eine Warnung.
Er spürte das Mal auf seinem linken Unterarm nicht brennen – noch nicht. Dennoch genügte der Gedanke daran, um ihm kalte Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Er wusste genau, was diese Zeichen bedeuteten.
Voldemort war nicht besiegt. Nicht endgültig. Er sammelte Kraft. Und früher oder später würde der Ruf kommen. Dann würde Severus seine Rolle als Doppelagent erneut aufnehmen müssen. Ein gefährliches Spiel zwischen zwei Herren, bei dem ein einziger Fehler den Tod bedeutete.
Sein Blick glitt unwillkürlich zu Albus Dumbledore. Der Schulleiter unterhielt sich mit Moody, als wäre nichts geschehen. Natürlich. Dumbledore wusste längst, was Severus dachte. Vielleicht dachte er dasselbe. Vielleicht sogar noch mehr.
Mit einem kaum hörbaren Seufzer wandte Severus sich ab und verließ die Große Halle. Die steinernen Korridore lagen bereits größtenteils verlassen da. Nur vereinzelte Schüler huschten lachend vorbei, ehe ihre Stimmen in der Ferne verklangen.
Severus wollte gerade den Weg zu seinen Gemächern einschlagen, als ihm plötzlich zwei Gesichter durch den Kopf gingen. Ruby Chadwick. Und...Lucinda Stonefield. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte.
Die beiden neuen Schülerinnen waren ihm bereits aufgefallen, noch bevor sie den Sprechenden Hut überhaupt berührt hatten. Nicht wegen auffälligen Verhaltens. Sondern gerade wegen des Gegenteils. Sie versuchten, nicht aufzufallen. Ein Verhalten, das Severus nur allzu gut kannte. Menschen, die zwanghaft unsichtbar bleiben wollten, hatten fast immer einen Grund dafür.
Ruby Chadwick wirkte ruhig, aufmerksam und ausgesprochen intelligent. Ihre Augen hatten während der gesamten Zeremonie jede Einzelheit beobachtet, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Eine Ravenclaw-Schülerin, wie aus dem Lehrbuch. Lucinda dagegen...
Er blieb vor einem hohen Fenster stehen. Draußen peitschte der Regen gegen die Scheiben. Lucinda Stonefield beschäftigte ihn. Nicht wegen ihrer Einteilung nach Slytherin. Sondern wegen allem, was unmittelbar davor geschehen war. Der Sprechende Hut hatte gezögert. Ungewöhnlich lange. Fast so lange wie damals bei Harry Potter.
Severus erinnerte sich jedes einzelne Wort. Der Hut hatte kaum hörbar gemurmelt. "Du gehörst dort eigentlich nicht hin..."
Nur wer in unmittelbarer Nähe des Podests gesessen hatte, konnte diesen Satz überhaupt vernehmen. Die meisten hatten nichts bemerkt. Severus schon. Er hatte den Hut jahrzehntelang erlebt. Er wusste, wann dieser zögerte. Und vor allem wusste er, dass der sprechende Hut sich nur äußerst selten irrte.
"Du gehörst dort eigentlich nicht hin."
Was hatte das zu bedeuten?
Lucinda hatte keinerlei Überraschung gezeigt. Kein Stirnrunzeln. Kein Zögern. Fast wirkte es...als hätte sie diese Worte erwartet. Das war es gewesen, was ihn stutzig machte. Nicht ihre Miene. Ihre vollkommene Beherrschung. Während andere Erstklässler nervös wurden, sobald der Hut länger brauchte, hatte sie regungslos dagestanden. Fast...als wäre sie es gewohnt, ihre Gefühle zu verbergen.
Severus kannte diese Art von Maske. Er hatte sie selbst jahrelang getragen. Auch danach war sie ihm nicht mehr aus dem Gesicht gewichen. Er setzte seinen Weg fort. Die Fackeln warfen lange Schatten über die Wände der Kerker. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger passte Lucinda Stonefield zu Slytherin.
Nicht, weil ihr Ehrgeiz fehlte. Nein. Ehrgeiz war vorhanden. Aber anders. Die übrigen Slytherins präsentierten ihren Stolz offen, suchten Anerkennung, Einfluss oder Macht. Lucinda dagegen hatte während der gesamten Feier nur eines getan. Sich kleiner gemacht.
Sie hatte weder den Blickkontakt der anderen gesucht noch sich an Gesprächen beteiligt. Selbst nachdem sie ihrem Haus zugeteilt worden war, hatte sie sich möglichst unauffällig an den Tisch gesetzt und jede Aufmerksamkeit gemieden. Als wollte sie mit aller Macht verhindern, wahrgenommen zu werden.
Warum? Wovor versteckte sie sich? Oder...vor wem?
Severus verzog kaum merklich den Mund. Misstrauen gehörte zu seinem Beruf. Er vertraute grundsätzlich niemandem. Doch bei Lucinda war es kein gewöhnliches Misstrauen. Es war Neugier.
Etwas an ihr widersprach allem, was er über Menschen wusste. Sie wirkte nicht wie eine Schülerin, die Angst vor einem Neuanfang hatte. Sie wirkte wie jemand, der bereits viel zu viel erlebt hatte.
Unsinn. Sie war vierzehn Jahre alt. Mehr nicht. Und trotzdem lag in ihren grünen Augen ein Ausdruck, den er sonst nur bei Erwachsenen sah. Vielleicht sogar bei Menschen, die den Krieg erlebt hatten.
Severus blieb schließlich vor der steinernen Tür seiner Gemächer stehen. Seine Hand lag bereits auf dem Türgriff. Doch erneut schob sich Lucindas Gesicht in seine Gedanken. Es war dieser Blick. Dieser vorsichtige, beinahe erschöpfte Blick. Ein Blick, der ständig den Raum absuchte. Als rechne sie jederzeit mit Gefahr.
Langsam öffnete er die Tür. >>Wer auch immer Sie sind, Miss Stonefield...<<, murmelte er so leise, dass außer den kalten Mauern niemand ihn hören konnte. >>...Sie geben sich große Mühe, unsichtbar zu sein.<<
Er trat in seine dunklen Gemächer. Die Tür fiel hinter ihm mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Doch während draußen längst die erste Nacht des neuen Schuljahres über Hogwarts hereinbrach, ließ ihn der Gedanke an die schweigsame Slytherin-Schülerin nicht mehr los. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Und Severus Snape hatte die unangenehme Ahnung, dass diese Begegnung kein Zufall gewesen war.