Aller Anfang ist schwer
Aller Anfang ist schwer
Hallo, meine Lieben :) Danke für den ersten Stern *-*. Heute geht’s auch schon weiter. Die Einschulung haben wir hinter uns, doch damit geht das Abenteuer erst richtig los. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Weiterlesen, denn die Mission beginnt und, wie der Titel schon sagt, aller Anfang ist bekanntlich schwer ;) Bin gespannt auf eure Meinungen.
Liebe Grüße,
eure Melody
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Aller Anfang ist schwer
Ruby PoV
Das sanfte Licht der Morgensonne fiel durch die hohen Rundbogenfenster des Ravenclaw-Turms und legte goldene Muster auf die dunkelblauen Vorhänge meines Himmelbettes. Für einen kurzen Augenblick blieb ich regungslos liegen und lauschte. Kein Lärm. Keine Hektik. Nur das leise Rascheln von Bettdecken, gedämpfte Stimmen und das entfernte Krächzen einer Eule vor dem Fenster.
Ich schloss die Augen erneut und atmete tief durch. Hogwarts. Wir waren wirklich zurück. Ein unmerkliches Lächeln legte sich auf meine Lippen.
So viele Jahrzehnte waren vergangen und doch fühlte sich dieser Ort immer noch wie ein Zuhause an. Vielleicht sogar mehr als jeder andere Fleck der Welt. Zwischen diesen Mauern hatten Lucinda und ich einst gelernt, gelacht und gehofft. Hier hatte unser Leben begonnen...bevor Tom alles zerstört hatte.
Langsam setzte ich mich auf und ließ den Blick durch den Gemeinschaftsschlafsaal schweifen. Die Einrichtung hatte sich kaum verändert. Die Bücherregale. Die Sternenkarten an der Decke. Die gemütlichen Sessel am Kamin. Ravenclaw hatte sich seine Seele bewahrt.
Ich strich mit den Fingern über das blaue Bettzeug. >>Schön, wieder hier zu sein...<<, murmelte ich leise.
Doch kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, wurde das warme Gefühl in meiner Brust von einer schmerzhaften Leere verdrängt. Sirius.
Unwillkürlich wanderte meine Hand zu der kleinen Kette um meinen Hals, die ich unter meiner Schuluniform trug. Zwischen meinen Fingern spürte ich das vertraute Metall. Er hatte sie mir vor unserer Abreise in die Hand gedrückt.
"Damit du etwas bei dir hast, das dich an mich erinnert."
Als ob ich jemals Gefahr gelaufen wäre, ihn zu vergessen. Ich ließ den Anhänger los und starrte aus dem Fenster. Irgendwo dort draußen...musste er sein. Allein. Versteckt. Gejagt wie ein Verbrecher, obwohl er keiner war. Der Gedanke schnürte mir die Kehle zu.
Ich hätte so gerne gewusst, wie es ihm ging. Ob er genug zu essen hatte. Ob er irgendwo sicher untergekommen war. Ob er überhaupt schlafen konnte. Oder ob ihn dieselben Albträume heimsuchten wie mich.
Ich erinnerte mich an unseren Abschied, als wäre er erst gestern gewesen. Seine Umarmung. Sein schiefes Grinsen, das mehr Schmerz als Zuversicht verborgen hatte. Und schließlich seine letzten Worte. "Pass auf Harry auf."
Nicht auf dich. Nicht auf Lucinda. Auf Harry.
Weil James sein bester Freund gewesen war. Weil Lily ihr Leben für ihren Sohn gegeben hatte. Und weil Sirius niemals zulassen würde, dass Harry dasselbe Schicksal ereilte. Ich schloss die Augen. >>Ich verspreche es.<<
Damals hatte ich diese Worte ausgesprochen. Heute galten sie mehr denn je. Egal, was dieses Schuljahr bringen würde...Harry durfte nichts passieren. Nicht solange ich atmete. Nicht solange Lucinda und ich noch eingreifen konnten. Dafür waren wir schließlich zurückgekehrt.
Ich erhob mich langsam aus dem Bett und trat an eines der hohen Fenster. Von hier oben konnte ich fast das gesamte Schlossgelände überblicken. Der Schwarze See glitzerte im Sonnenlicht. Die Ländereien wirkten friedlich. Fast so friedlich, dass man vergessen konnte, wie nah der Krieg bereits war. Doch mein Blick blieb nicht lange draußen.
Meine Gedanken wanderten zu Lucinda. Ein leises Seufzen entwich mir. Sie musste ihre erste Nacht in den Kerkern verbracht haben. Aus freien Stücken. Wer Lucinda nicht kannte, würde glauben, sie hätte plötzlich Gefallen an Slytherin gefunden. Ich wusste es besser.
Jeder einzelne Schritt, den sie dort unten machte, kostete sie Überwindung. Sie begegnete täglich den Schülern eines Hauses, das sie an ihren Bruder erinnerte. An Tom. An den Jungen, den sie einst hatte retten wollen. Und an den Mann, der sie schließlich ermordet hatte.
Ich lehnte die Stirn gegen das kalte Fensterglas. Sie würde sich niemals beklagen. Nicht bei mir. Nicht bei Dumbledore. Nicht einmal bei sich selbst. Lucinda trug ihre Last immer schweigend. Gerade deshalb machte ich mir Sorgen.
Sie wollte Hinweise finden. Die Vergangenheit entschlüsseln. Vielleicht sogar herausfinden, wie Tom damals wirklich zu Lord Voldemort geworden war. Aber ich wusste, wie gefährlich diese Suche war. Wer zu tief in den Schatten grub, lief Gefahr, selbst darin zu verschwinden.
>>Pass bitte auf dich auf...<<, flüsterte ich.
Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Ich in Ravenclaw. Sie in Slytherin. Vernünftig war es allemal. Wir konnten an zwei Orten gleichzeitig nach Antworten suchen. Doch zum ersten Mal seit einer Ewigkeit würden wir nicht jeden Abend gemeinsam einschlafen oder morgens gemeinsam aufstehen. Ein ungewohntes Gefühl. Fast schon einsam.
Die Schlafsaaltür öffnete sich und einige jüngere Schülerinnen begannen, sich für den Unterricht fertig zu machen. Ich riss mich aus meinen Gedanken. Nein. Traurigkeit half niemandem. Schon gar nicht Sirius.
Er hätte mich ausgelacht, wenn er mich jetzt gesehen hätte.
"Du ziehst vielleicht ein Gesicht, kleine Krähe. Dabei bist du gerade in Hogwarts angekommen."
Ein schwaches Lächeln huschte über mein Gesicht. Ja. Genau deshalb durfte ich den Mut nicht verlieren. Für Sirius. Für Lucinda. Für Harry. Und vielleicht auch ein kleines bisschen für mich selbst. Ich griff nach meiner Ravenclaw-Krawatte und band sie sorgfältig.
Als ich schließlich in den kleinen Spiegel blickte, sah mir keine verunsicherte Hexe entgegen. Sondern eine Frau, die vor über fünfzig Jahren geschworen hatte, ihre beste Freundin niemals allein zu lassen. Daran hatte sich nichts geändert. Auch wenn uns nun ein paar Stockwerke trennten.
Ich würde Lucinda beobachten. Harry beschützen. Und Sirius eines Tages wieder in die Arme schließen. Ganz gleich, wie lange es dauern würde.
>>Dann wollen wir mal<<, sagte ich entschlossen zu meinem Spiegelbild.
Ein neues Schuljahr hatte begonnen. Und ich hatte nicht vor, auch nur einen einzigen Zug des Schicksals unbeantwortet zu lassen. Ich straffte die Schultern, verließ den Schlafsaal und trat hinaus in den Gemeinschaftsraum von Ravenclaw.
Wie erwartet herrschte dort bereits reges Treiben. Einige Schüler saßen mit Büchern vor dem Kamin, andere diskutierten angeregt über ihren Stundenplan oder die Ereignisse des Vorabends. Ich hatte kaum zwei Schritte gemacht, als mich eine fröhliche Stimme aus meinen Gedanken riss. >>Du bist doch Ruby Chadwick, oder? Die Neue?<<
Ich drehte mich um und blickte in das freundliche Gesicht eines Ravenclaw-Mädchens mit schulterlangen kastanienbraunen Haaren, das mich neugierig musterte. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, plapperte sie bereits munter weiter. >>Ich bin übrigens Emily. Also eigentlich Emily Fairclough. Freut mich wirklich! Du bist doch gestern erst gekommen, nicht wahr? Wie findest du den Turm? Ist doch viel schöner als die anderen Gemeinschaftsräume, findest du nicht? Wobei ich den von Hufflepuff natürlich nie gesehen habe, aber ich stelle ihn mir etwas langweilig vor. Ach, und hast du schon deinen Stundenplan? Hoffentlich hast du nicht zu viele Doppelstunden Geschichte der Zauberei. Professor Binns schafft es nämlich tatsächlich, selbst Geister zum Einschlafen zu bringen...<<
Ich musste mir ein Schmunzeln verkneifen. Merlin...
Das Mädchen schien Luft holen lediglich als lästige Unterbrechung ihrer Erzählungen zu betrachten. Aber genau deshalb kam sie mir gerade recht.
>>Du scheinst dich hier ziemlich gut auszukennen<<, bemerkte ich möglichst beiläufig.
Emily stemmte stolz die Hände in die Hüften. >>Na klar! Ich kenne praktisch jeden Lehrer und jeden Winkel von Hogwarts. Frag ruhig, wenn du etwas wissen möchtest.<<
Ein innerliches Triumphgefühl machte sich in mir breit. Besser hätte es kaum laufen können. >>Tatsächlich hätte ich eine Frage. Da Lucinda und ich neu an der Schule sind, würde mich interessieren, ob sich im Lehrerkollegium in letzter Zeit etwas verändert hat.<<
Emily riss begeistert die Augen auf, als hätte ich ihr gerade die schönste Aufgabe der Welt übertragen. >>Oh, da gibt es einiges zu erzählen!<<, platzte es sofort aus ihr heraus. Sie beugte sich verschwörerisch ein Stück näher zu mir und grinste breit. >>Wo soll ich da nur anfangen?<<
Ich lächelte zufrieden. Genau die Antwort, auf die ich gehofft hatte. Lucinda würde sich später über einen ausführlichen Bericht freuen.
***
Lucinda PoV
Ich hatte schlecht geschlafen.
Eigentlich war „schlecht“ noch eine freundliche Umschreibung für das, was diese Nacht gewesen war. Die Geräusche der Kerkergewölbe hatten mich bis weit nach Mitternacht wachgehalten. Das stetige Tropfen von Wasser, das entfernte Rascheln der Vorhänge und gelegentlich das Schnarchen irgendeines Slytherins hatten genügt, um meinen ohnehin überreizten Geist nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
Vielleicht lag es aber auch gar nicht am Schlafsaal. Vielleicht lag es daran, dass ich wieder in Hogwarts war. Wieder dort, wo alles begonnen hatte. Wieder dort, wo Tom einst seine ersten Schritte auf dem Weg zum Monster gemacht hatte.
Als ich am Morgen die Augen öffnete, fühlte ich mich erschöpfter als zuvor. Einen Moment blieb ich reglos liegen und starrte an die steinerne Decke über meinem Bett.
Was genau sollte ich eigentlich tun?
Dumbledore hatte mich nach Hogwarts geholt, damit ich Harry Potter beschützte. Gleichzeitig hoffte ich, Hinweise über die Vergangenheit meines Bruders zu finden. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich, wo ich anfangen sollte.
Tom hatte seine Geheimnisse niemals offen herumliegen lassen. Er war vorsichtig gewesen. Geduldig. Berechnend. Und wenn ich ehrlich war, wusste ich nicht einmal, ob es nach all den Jahren überhaupt noch Spuren gab.
Ein genervtes Seufzen entwich mir. Der Neuanfang fiel mir schwerer als erwartet. Sehr viel schwerer. Vor allem das Haus Slytherin machte die Sache nicht besser.
Bereits beim Frühstück hielt ich mich möglichst am Rand des Tisches auf. Pansy Parkinson war damit beschäftigt, Draco Malfoy mit sehnsüchtigen Blicken zu verfolgen, während einige ältere Schüler lautstark über Reinblüterfamilien diskutierten.
Ich hatte weder Lust auf Gespräche noch auf neue Bekanntschaften. Je weniger Aufmerksamkeit ich erregte, desto besser. Deshalb aß ich schweigend, ignorierte sämtliche Versuche einer Unterhaltung und verließ die Große Halle deutlich früher als die anderen.
Unsichtbar bleiben. Das war der Plan. Zumindest bis ich wusste, wonach ich eigentlich suchte. Leider war Unsichtbarkeit in Hogwarts leichter gesagt als getan. Vor allem dann, wenn man eine beste Freundin wie Ruby hatte.
Am Nachmittag trafen wir uns in einer abgelegenen Ecke der Bibliothek. Zwischen hohen Regalen voller staubiger Bücher hatten wir endlich unsere Ruhe. Kaum hatte ich mich gesetzt, grinste Ruby bereits. >>Hey, und wie war deine erste Nacht im Schlangennest?<<
Ich stöhnte. >>Frag lieber nicht. Ich bin umgeben von Machos und Diven, sie sich allesamt für etwas Besseres halten. Vor allem Pansy Parkinson ist schrecklich. Schmachtet ohne Ende Draco Malfoy an und merkt nicht einmal, dass der sich rein gar nicht für sie interessiert. Wie man nur so wenig Selbstachtung haben kann ist mir ein Rätsel.<<
Ruby verzog das Gesicht. >>Oje. Klingt nach einem Extrapaket Drama.<<
>>Glaub mir, darauf kann ich wirklich verzichten. Ich hoffe, deine Nacht war besser.<<
>>In der Tat. Das Ravenclaw-Haus ist immer noch so schön wie damals. Es fühlt sich an, als wäre ich nie weg gewesen.<<
Ein schwaches Lächeln huschte über mein Gesicht. >>Das freut mich, Ruby. Ich vermisse diese Räumlichkeiten mehr denn je, aber was tut man nicht alles für das Wohl der Allgemeinheit? Unter anderen Umständen läge ich jetzt unter der Erde und du wärst inzwischen angesehene Alchemistin. Stattdessen… drücken wir beide wieder die Schulbank.<<
>>Alles hat seine Vor- und Nachteile. Aber zurück zum Wesentlichen.<< Ruby beugte sich verschwörerisch vor. >>Ich habe die Zeit genutzt und ein paar Informationen über das Kollegium der Lehrer in Erfahrung gebracht.<<
Sofort war meine Aufmerksamkeit geweckt. >>Tatsächlich? Ich bin ganz Ohr.<<
>>Also gut. Professor McGonagall, Hauslehrerin von Gryffindor. Streng, aber gerecht. Sie hat das Herz am rechten Fleck und setzt sich für ihre Schüler ein, wenn diese mal in der Klemme stecken sollten. Sie ist stellvertretende Direktorin und eine enge Vertraute von Dumbledore. Kein Wunder, da er ihr von uns erzählt hat. Professor Sprout, die Hauslehrerin von Hufflepuff, ist eher unscheinbar und lebt für ihr Fach Kräuterkunde. Sie ist ebenso harmlos wie Flitwick, mein Hauslehrer. Über Hagrid brauche ich dir wohl nicht viel sagen, da wir ihn ja bereits aus unserer ersten Schulzeit kennen.<<
Ich nickte. >>Ja. Der Ärmste wurde von Tom heftig tyrannisiert und zum Sündenbock wegen der Kammer des Schreckens gemacht. Dabei ist Hagrid ein feiner Kerl und ich mag ihn sehr gern.<<
>>Geht mir auch so. Toll, dass er jetzt ‚Magische Geschöpfe‘ unterrichtet. Gut, wo war ich… ach, ja. Professor Trelawney unterrichtet ‚Wahrsagen‘ und hat, wenn du mich fragst, nicht alle Sinne beisammen. Dürfte aber keine Gefahr darstellen. Über unseren Gast Madam Maxime konnte ich leider nicht wirklich was rausfinden, aber ich habe einen Kontakt in Frankreich damit beauftragt und der meldet sich zurück, sobald er was findet.<<
>>Ich glaube nicht, dass wir von ihrer Seite aus was zu befürchten haben.<<
Ruby nickte. >>Ganz anders sieht es da bei dem Durmstrang-Kollegen aus. Igor Karkaroff war ein Insasse von Askaban und wurde als Todesser verurteilt.<<
Sofort spannte sich mein Körper an. >>Deswegen kam mir der Name so bekannt vor.<<
>>Richtig. Er wurde allerdings freigelassen, nachdem er einen anderen Anhänger von Voldemort verraten hat: Barty Crouch Junior.<<
>>Davon habe ich gehört. Es soll ein ziemlicher Skandal gewesen sein. Was wurde aus ihm?<<
>>Laut den Überlieferungen ist er in Askaban gestorben. Etwa ein Jahr nach seiner Inhaftierung. Grundgütiger. Er war erst 19 Jahre alt.<<
Ich schwieg kurz. Neunzehn. Viel zu jung. Trotzdem änderte das nichts an meiner Meinung. >>Tragisch, aber ein Todesser weniger, um den wir uns Sorgen machen müssen. Konntest du auch etwas über unseren Neuzugang in Erfahrung bringen?<<
>>Moody? Naja, er ist Ex-Auror, die Hälfte der Insassen von Askaban gehen auf sein Konto und er soll inzwischen ziemlich durchgeknallt sein. Zumindest erzählt man sich, die Jagd nach schwarzen Magiern hätte ihn in den Wahnsinn getrieben.<<
Ich erinnerte mich an den Mann vom Vorabend. An sein magisches Auge. An das ungute Gefühl, das mich bei seinem Anblick beschlichen hatte. >>Ja, das kommt hin. Wir sollten ihn besser im Auge behalten.<<
>>Dem stimme ich zu. Gut, Dumbledore ist eine Partie für sich und der Einzige, über den ich so gut wie nichts ausgraben konnte, war dein Hauslehrer<<, eröffnete Ruby mir und ich wurde nachdenklich.
Unwillkürlich dachte ich an den flüchtigen Moment während des Festes zurück. An die schwarzen Augen. An den Blick, der mich für einen Augenblick durchbohrt hatte. >>Professor Snape<<
>>Jipp. Der Mann scheint ein wahres Mysterium zu sein. Zumindest konnte ich nichts Brauchbares über ihn herausfinden und jetzt weiß ich nicht, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.<<
Ich lehnte mich nachdenklich zurück. >>In der Tat eine gute Frage. Zumindest macht es unsere Fledermaus nicht weniger interessant.<<
Ruby grinste. >>Vielleicht kann ich ja andere Quellen dafür nutzen. Sobald ich was weiß, sage ich dir Bescheid.<<
>>Danke und bitte behalte Karkaroff im Auge. Er mag vielleicht freigelassen worden sein, aber ich bleibe dabei: einmal ein Todesser – immer ein Todesser.<<
Ruby hob eine Augenbraue. >>Weil das Böse niemals vollkommen aus der Seele weicht?<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Nein. Weil ich um die Methoden meines Bruders weiß, wie er bedingungslose Loyalität von anderen erhält. Außerdem traue ich niemandem, der Tom einmal ewige Treue geschworen hat.<<
Ruby betrachtete mich einen Moment lang ernst. Dann legte sich ein entschlossenes Lächeln auf ihr Gesicht. >>Keine Sorge. Sollte Karkaroff noch ein treu ergebenes Schoßhündchen von Lord Voldy sein, finden wir das raus.<<
Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich tatsächlich schmunzeln. >>Ach, Ruby. Gut gemacht.<<
>>Dankeschön.<<
Für einen kurzen Augenblick saßen wir einfach schweigend da. Zwischen staubigen Büchern und jahrhundertealtem Wissen. Und obwohl der Anfang in Hogwarts deutlich schwerer war, als ich erwartet hatte, verspürte ich plötzlich etwas, das mir bislang gefehlt hatte. Eine Richtung. Einen ersten Ansatz.
Vielleicht wusste ich noch nicht, wie ich die Geheimnisse meines Bruders entschlüsseln sollte. Aber ich wusste, wo ich anfangen konnte. Bei seinen ehemaligen Anhängern. Und Igor Karkaroff würde der Erste sein.
***
1.September 1938…
Der Zug nach Hogwarts war längst verschwunden.
Sein Pfeifen hallte nur noch als ferne Erinnerung über den Schwarzen See, während ich zusammen mit den anderen Erstklässlern die gewaltige Eingangshalle betrat. Meine Finger umklammerten den Griff meines Koffers fester, als ich eigentlich wollte. Neben mir lief Tom mit erhobenem Kopf und einer Selbstverständlichkeit, als gehöre dieses Schloss bereits ihm.
Ich hingegen fühlte mich klein. Nicht aus Angst. Eher aus Ehrfurcht.
Hogwarts war noch viel beeindruckender, als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Die unzähligen Kerzen, die steinernen Wände, die sprechenden Gemälde und die Treppen, die sich wie von Geisterhand bewegten, ließen mein Herz schneller schlagen. Professor McGonagalls Vorgänger führte uns schließlich in die Große Halle.
In dem Moment stockte mir der Atem. Über unseren Köpfen schimmerte eine verzauberte Decke, unter der tausende Kerzen schwebten. Vier lange Haustische erstreckten sich durch den Raum und Hunderte Schüler blickten neugierig zu uns herüber. >>Beeindruckend<< , murmelte ich kaum hörbar.
Tom verzog nur leicht den Mund. >>Ein Schloss eben.<<
Ich musste ein Lächeln unterdrücken. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, ob mein Bruder überhaupt staunen konnte. Wir stellten uns in einer Reihe auf. Nach und nach wurden Namen aufgerufen. Ein Junge verschwand nach Gryffindor. Ein Mädchen nach Hufflepuff. Immer wieder brandete Applaus auf. Dann... >>Riddle, Tom!<<
Tom trat selbstbewusst vor. Kaum hatte der sprechende Hut seinen Kopf berührt, rief dieser laut: >>SLYTHERIN!<<
Der Jubel am Schlangentisch war ohrenbetäubend. Tom nahm den Applaus entgegen, als hätte er nie etwas anderes erwartet. Ohne auch nur ein einziges Mal zu mir zurückzusehen, setzte er sich zwischen seine neuen Mitschüler.
Ich sah ihm nach. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Wir waren unser ganzes Leben zusammen gewesen. Und plötzlich...waren wir getrennt. >>Riddle, Lucinda!<<
Ich schluckte einmal tief und trat nach vorne. Der Hut glitt über meine Augen. Für einen Moment wurde alles dunkel. >> Interessant, sehr interessant. Klug, neugierig... großes H erz... außergewöhnlicher Mut. Aber auch Zweifel... sehr viele Zweifel... << Ich hielt unwillkürlich den Atem an. >> Dein Bruder ist eindeut ig für Slytherin geschaffen. Doch du... nein, dort würdest du verkümmern. << Ein kurzer Moment verging. Dann rief der Hut laut: >>RAVENCLAW!<<
Beifall erklang vom blau-bronzefarbenen Tisch. Ich hob den Hut ab und blickte noch einmal kurz zu Tom. Er sah mich an. Sein Blick war kühl. Nicht enttäuscht. Nicht traurig. Eher...verständnislos. Als könnte er nicht begreifen, weshalb wir nicht demselben Haus angehörten. Ich setzte mich schweigend an den Ravenclaw-Tisch. >>Hallo.<< Die freundliche Stimme neben mir ließ mich aufblicken. Ein blondes Mädchen lächelte mich offen an. >> Ich bin Rubina Lightwood. Aber ei gentlich nennt mich jeder Ruby.<<
>>Lucinda.<<
>>Freut mich.<<
Sie reichte mir ohne Zögern die Hand. Ich erwiderte sie. Ihre Finger waren überraschend warm. >> Du bist auch zum ersten Mal hier?<<
Ich nickte. >>Ja.<<
>>Ich auch.<<
Für einen Augenblick schwiegen wir. Dann beugte Ruby sich leicht zu mir. >> Findest du Zaubertränke auch so spannend?<<
Meine Augen wurden automatisch größer. >> Du inter essierst dich für Zaubertränke?<<
>>Sehr sogar.<< Sie grinste. >> Eigentlich interessiere ich mich für alles, was mit alter Magie, Alchemie und Runen zu tun hat.<<
Ich musste unwillkürlich lächeln. >>Ich sammle Bücher darüber.<<
>>Wirklich?<< Jetzt war Ruby diejenige, deren Augen leuchteten. >>Ich auch!<<
Wir sahen uns einen Moment überrascht an. Dann mussten wir beide lachen. Ruby schüttelte ungläubig den Kopf. >>Das gibt es doch gar nicht.<<
>> Niemand in meinem Waisenhaus wol lte jemals über Bücher sprechen<< , sagte ich schmunzelnd. >> Bei mir zu Hause auch nicht. Meine Eltern hal ten mich manchmal für verrückt.<<
>> Dan n sind wir wohl beide verrückt<<, meinte ich und Ruby stimmte mir zu.
>>Ganz eindeutig.<<
Wir lachten erneut. Es fühlte sich erstaunlich leicht an. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nicht darüber nachdenken, was ich sagen durfte oder nicht.
Ruby verstand sofort, wovon ich sprach. >> Welches Fach interessiert dich am mei sten?<<
>>Zaubertränke<<, sagte ich sofort.
>>Bei mir auch.<<
>>Und Verwandlung.<<
>>Bei mir ebenfalls.<<
Ich überlegte kurz. >>Geschichte der Zauberei.<<
Ruby lachte laut. >> Je tzt wird es langsam unheimlich.<<
Ich grinste. >>Ein bisschen.<<
Zum ersten Mal seit unserer Ankunft hatte ich das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Vielleicht...war die Trennung von Tom gar nicht so schlimm, wie ich zunächst geglaubt hatte.
Nachdem das Festmahl beendet war, führte uns ein älterer Ravenclaw-Schüler durch die zahlreichen Gänge des Schlosses. Ich konnte kaum aufhören, mich umzusehen.
Überall bewegten sich Gemälde. Rüstungen begrüßten vorbeigehende Schüler. Treppen wechselten plötzlich ihre Richtung. >> Ich verlaufe mich hier be stimmt mindestens einmal am Tag<< , murmelte Ruby. >> Nur einmal? Das halte ich für optimistisch.<<
Sie lachte. >>Stimmt auch wieder.<<
Während die anderen Ravenclaws bereits ein gutes Stück vorausgegangen waren, blieben Ruby und ich kurz vor einem großen Fenster stehen. Draußen spiegelte sich der Mond auf der schwarzen Oberfläche des Sees.
>> Wunderschön...<<, flüsterte Ruby.
Ich nickte. >> Ja. Irgendwie fühlt es sich an, als wäre dieser Ort voller Geheimnisse.<<
>>Das ist er zweifellos.<<
Die ruhige Stimme hinter uns ließ Ruby erschrocken zusammenfahren.
Ich hingegen musste unwillkürlich lächeln. >>Professor Dumbledore.<<
Der Verwandlungslehrer trat neben uns ans Fenster und verschränkte locker die Hände hinter dem Rücken. Seine halbmondförmige Brille spiegelte das Mondlicht wider und in seinen blauen Augen lag derselbe warme Ausdruck wie an jenem Sommertag, an dem er Tom und mich im Waisenhaus besucht hatte. >>Miss Riddle.<< Sein Lächeln wurde einen Hauch breiter. >> Ich hoffe, Sie und Ihr Bruder haben sich inzwischen ein wenig eingelebt.<<
>>Ja, Professor. Vielen Dank.<<
Ruby sah überrascht zwischen uns hin und her. >>Du... kennst Professor Dumbledore bereits?<<
Ich nickte. >> Er hat Tom und mich im Waisenhaus besucht und uns erzählt, dass wir Hexe und Zauberer sind. Ohne ihn wären wir vermutlich niemals nach Hogwarts gekommen.<<
>> Ach so... << Ruby wirkte beinahe ehrfürchtig und richtete ihre Schultern etwas gerader auf. >>Dann... freut es mich, Sie kennenzulernen, Professor.<<
Dumbledore wandte sich nun ihr zu. >>Ganz meinerseits, Miss...?<<
>> Rubina Lightwo od. Aber jeder nennt mich Ruby.<<
>> Ein sc höner Name.<<
Ruby wurde augenblicklich rot. >>Danke, Sir.<<
Dumbledore betrachtete sie einen Moment schweigend. Es war kein unangenehmes Schweigen. Vielmehr hatte ich den Eindruck, als würde er Menschen lesen wie andere ein aufgeschlagenes Buch. >> Ihr Blick verrät mir eine außergewöhnliche Neugier.<<
Ruby lächelte verlegen. >> Ich lese einfach unglaublich gern.<<
>> Da s habe ich mir bereits gedacht.<<
Ein feines Schmunzeln huschte über sein Gesicht. >> Bewahren Sie sich diese Eigenschaft. Wissen ist eine der mächtigsten Formen der Magie – besonders dann, wenn m an lernt, es weise einzusetzen.<<
Ruby nickte eifrig. >>Das werde ich, Professor.<<
Nun glitt sein Blick wieder zu mir. Für einen kurzen Moment glaubte ich, etwas Nachdenkliches darin zu erkennen. Fast wirkte es, als beschäftigte ihn etwas, das er nicht aussprach. >>Und Sie, Lucinda...<< Er sprach meinen Vornamen so selbstverständlich aus, dass Ruby erneut überrascht zu mir sah. >> ...ich freue mich, dass Ravenclaw Sie aufgenommen hat.<<
Ich lächelte leicht. >> Der sprechende Hut schien sich z iemlich sicher gewesen zu sein.<<
>>Das war er.<< Seine Augen begannen zu funkeln. >> Er erkennt Talente meis t schneller als wir Lehrkräfte.<< Einen Herzschlag lang schwieg er. >> Dennoch hoffe ich, dass Sie beide sich nicht nur über Bücher definieren werden.<<
Ruby runzelte die Stirn. >>Wie meinen Sie das, Professor?<<
Dumbledore trat einen Schritt näher an das Fenster. >> Wissen ist wertvoll. Aber Wissen a llein verändert die Welt nicht.<< Er blickte hinaus auf den Schwarzen See. >> Dazu braucht es Freundschaft. Vertrauen. Mitgefühl. Und manchmal auch den Mut, das Richtige zu tun, obwohl es niemand anderes tut.<<
Seine Worte ließen mich nachdenklich werden. Ich wusste nicht genau, weshalb. Vielleicht, weil sie sich weniger wie ein Rat an zw ei Erstklässlerinnen anhörten und mehr wie etwas, das weit in der Zukunft einmal Bedeutung erlangen würde.
Ruby schien ähnlich zu empfinden. >> Das w erde ich mir merken, Professor.<<
>> Davon bin ich über zeugt.<< Dumbledore schenkte uns beiden noch ein freundliches Lächeln. >> Nun sollte ich Sie jedoch nicht länger vom Erkunden Ihres neuen Zuhauses abhalten. Ich wünsche Ihnen beiden ei ne wunderbare Zeit in Hogwarts.<<
>>Danke, Professor<< , sagten Ruby und ich fast gleichzeitig.
Als er den Korridor entlang davonging, blickte Ruby ihm noch lange nach. >> Er ist irgendwie... geheimnisvoll.<<
Ich musste schmunzeln. >> Ja. Das fand ich scho n bei unserer ersten Begegnung.<<
Ruby verschränkte die Arme und sah mich grinsend an. >> Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir diesem M ann noch öfter begegnen werden. Außerhalb des Unterrichts, meine ich.<<
Ich nickte langsam. >>Bestimmt.<<
Damals ahnte ich nicht, wie recht sie damit hatte. Ich wusste nicht, dass aus der wissbegierigen Ruby einmal die wichtigste Person meines Lebens werden würde. Ich wusste nicht, dass Professor Dumbledore Jahrzehnte später mein engster Verbündeter sein würde. Und ich wusste erst recht nicht, dass genau in diesem Schloss eines Tages das Schicksal der gesamten Zauberwelt entschieden werden sollte.
Doch manchmal beginnt die größte aller Geschichten mit etwas ganz Unscheinbarem. Mit einem Lächeln. Einem Händedruck. Und einer Freundschaft, die stärker werden sollte als die Zeit selbst.