Unverzeihliche Flüche
Unverzeihliche Flüche
Hallo, meine Lieben :) Danke für Stern Nummer 2 *-* Freut mich, dass euch die Geschichte offenbar gefällt. Aber wir sind ja erst am Anfang und es wird auf jeden Fall ereignisreich ;) Denn der Unterricht beginnt und das bedeutet für Lucinda und Ruby, offiziell wieder die Schulbank drücken zu müssen. Was das wohl so alles mit sich bringt? Tja, es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden ;) Viel Spaß beim neuen Kapitel!
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 8 Unverzeihliche Flüche
Meine ersten Tage in Hogwarts waren, um es direkt auszudrücken, die pure Hölle. Das lag nicht etwa an irgendwelchen besonderen Vorkommnissen, sondern schlichtweg an der Tatsache, dass mich das neue Umfeld restlos überforderte. Ich hatte eindeutig zu lange in Isolation gelebt.
Jedes Mal, wenn eine Truppe lachender Schüler an mir vorbeizog, zuckte ich vor Schreck zusammen. Auch der Poltergeist Peeves war für mich eine wahre Plage und vor allen der Gryffindor-Schüler Seamus Finnigan ließ es im Unterricht nur zu gerne explosiv krachen, was mir schon so manches Mal fast einen Herzinfarkt verpasst hatte. Ich war einfach unheimlich schreckhaft geworden und vermutete hinter jeder Ecke ein Attentat, weshalb ich krampfhaft versuchte, mich irgendwie zusammenzureißen.
Ruby tat ihr Bestes, um mich zu unterstützen und versicherte mir gefühlt hunderte Male am Tag, ich würde mich bestimmt bald einleben. Nur fühlte ich mich hier ganz und gar fehl am Platz. Als würde ich nicht in den aktuellen Tagesablauf von Hogwarts passen und ich kannte auch den Grund dafür: ich gehörte nicht hierher.
Ich war buchstäblich aus meiner Zeit gefallen. Mein „Tod“ hatte mich aus dem Leben gerissen, obgleich ich noch atmete. Für die magische Welt war Lucinda Riddle längst gestorben und dennoch wandelte ich hier durch dieses Schloss, welches damals mein Zuhause gewesen war. Heute fühlte es sich seltsam fremd an und ich mich dadurch unglaublich miserabel.
Ein Schatten lag auf mir, der mich allzeit begleitete. Ich ging mit geducktem Kopf durch die Gänge, hielt mich im Unterricht weitestgehend zurück und gab mir die größte Mühe unsichtbar zu bleiben. Und zum Glück klappte das auch scheinbar ganz gut. Denn bis auf meine Zimmergenossinnen Pansy und Daphne, sowie meiner besten Freundin Ruby, schenkte mir kaum jemand Aufmerksamkeit.
Fast alle redeten nur noch über das Trimagische Turnier, dessen Auslese bald anstand und es wurde wild darüber spekuliert, welcher Champion Hogwarts vertreten würde. Die Weasley-Zwillinge Fred und George hatten wohl selbst ihr Glück beim Feuerkelch versucht, doch der hatte ihren billigen Trick von Alterungstrack durchschaut und ihnen ein dementsprechendes Resultat verpasst, was alle anderen köstlich amüsiert hatte.
Ich schaltete bei dem Thema jedoch komplett ab. Wettkämpfe hatten für mich nichts Reizvolles und erinnerten mich irgendwie zunehmend an das machtgierige Verhalten meines Bruders. Hatte Tom doch stets nur das Ziel vor Augen gehabt, der größte Zauberer aller Zeiten zu werden.
Seit ich im Haus Slytherin war, wurde ich mehr denn je von meinen Erinnerungen an ihn eingeholt. Fast schon, als würde sein Geist in den Mauern dieses Schlossteils lauern und mich auf Schritt und Tritt verfolgen. Erbarmungslos raubten mir die Erinnerungen so manche Stunden Schlaf, ließen mich seelische Höllenqualen leiden und es endete immer auf die gleiche Art: einem Todesfluch im Anwesen der Familie Riddle und meinem Todesschrei.
Würde ich die Vergangenheit jemals hinter mir lassen können? Wohl eher kaum. Schließlich war ich nur ins Leben zurückgekehrt, um meinem wahnsinnigen Bruder Einhalt zu gebieten und ihn endlich zu vernichten. Das hatte ich mir geschworen und bevor dies nicht erreicht war, konnte ich keinen Frieden finden. Und obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, wo ich nach dem Tod landen würde, so fürchtete ich ihn keineswegs wie mein Bruder es tat. Für mich kam mir das Leben nämlich sehr viel schwerer vor als der Tod, der für mich letztendlich Erlösung bringen würde.
Ruby hatte ihre Ermittlungen inzwischen mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit aufgenommen. Wann immer sich die Gelegenheit bot, beobachtete sie Igor Karkaroff aus sicherer Entfernung und sammelte Informationen über dessen Tagesablauf. Mehrmals berichtete sie mir von merkwürdigen Gesprächen, die der ehemalige Todesser mit anderen Lehrern führte, doch etwas Handfestes hatte sie bislang nicht entdeckt.
Mir genügte seine bloße Anwesenheit bereits. Allein der Gedanke, dass ein ehemaliger Gefolgsmann meines Bruders frei durch Hogwarts spazierte, ließ mir keine Ruhe. Deshalb beschloss ich schließlich, die Sache selbst anzusprechen.
Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch, als ich sein Büro betrat. Wie so oft wirkte er vollkommen entspannt, als gäbe es auf der Welt keine Probleme. Ich beneidete ihn darum. >>Guten Morgen, Lucinda. Was verschafft mir das Vergnügen?<<, begrüßte er mich, woraufhin ich sogleich mit der Tür ins Haus fiel
>>Professor, ich möchte mit Ihnen über Igor Karkaroff sprechen.<<
Seine blauen Augen musterten mich aufmerksam. >>Ich habe mir bereits gedacht, dass dieses Thema früher oder später zur Sprache kommen würde.<<
>>Dann kennen Sie meine Meinung dazu.<<
>>Durchaus.<<
Natürlich kannte er sie. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. >>Karkaroff war ein Todesser. Einer der Männer, die meinem Bruder bedingungslos gefolgt sind. Weshalb gestatten Sie ihm ausgerechnet jetzt den Zutritt zu Hogwarts?<<
Dumbledore schwieg einen Moment. >>Weil Menschen die Fähigkeit besitzen, sich zu ändern.<<
Ich schnaubte verächtlich. >>Tom hatte ebenfalls diese Fähigkeit. Genutzt hat er sie nur leider in die falsche Richtung.<<
Ein Anflug von Bedauern erschien auf Dumbledores Gesicht. >>Igor Karkaroff hat sich damals von Voldemort losgesagt und dem Ministerium wichtige Informationen geliefert. Ich glaube nicht, dass er eine Bedrohung darstellt.<<
>>Und ich glaube nicht an Zufälle.<< Meine Stimme wurde schärfer. >>Die Zeichen für Voldemorts Rückkehr häufen sich. Das Dunkle Mal bei der Weltmeisterschaft. Pettigrews Flucht. Die Aktivitäten ehemaliger Todesser. Das alles passt viel zu gut zusammen.<<
War ich denn die Einzige, der das auffiel? Gut, Harry hatte womöglich auch schon erkannt, dass all diese Ereignisse nicht mit rechten Dingen zugingen. Doch mit ihm konnte ich nicht reden.
Dumbledore musterte mich lange. >>Dein Misstrauen ist verständlich, Lucinda. Dennoch bitte ich dich darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Behalte Karkaroff im Auge, wenn du das möchtest. Aber handle nicht auf Verdacht.<<
Leider war das eine vernünftige Antwort. Und genau deshalb ärgerte sie mich. Denn tief in meinem Inneren blieb das ungute Gefühl bestehen. Einmal Todesser – immer Todesser. Zumindest fiel es mir schwer, etwas anderes zu glauben.
***
Das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste stand heute als Erstes auf unserem Stundenplan.
Ruby und ich machten uns gemeinsam auf den Weg in den entsprechenden Korridor, während um uns herum das übliche Stimmengewirr der Schüler widerhallte. Das neue Schuljahr war gerade einmal wenige Tage alt und dennoch hatte sich bereits wieder der vertraute Hogwarts-Alltag eingestellt.
>>Ich bin wirklich gespannt auf Professor Moody<<, meinte Ruby und klemmte sich ein dickes Buch unter den Arm. >>Ein ehemaliger Auror unterrichtet schließlich nicht alle Tage. Stell dir nur vor, was der alles erlebt haben muss.<<
Ich zog leicht eine Augenbraue hoch. >>Vermutlich mehr, als ihm lieb ist.<<
>>Gerade deshalb dürfte sein Unterricht unglaublich spannend werden.<< Ruby strahlte regelrecht. >>Er hat jahrzehntelang dunkle Zauberer gejagt. Vielleicht bringt er uns sogar Dinge bei, die in keinem Lehrbuch stehen.<<
>>Oder er erzählt stundenlang Geschichten von früher.<<
>>Das würde mich ehrlich gesagt auch nicht stören.<<
Ich musste schmunzeln. >>Du bist hoffnungslos.<<
>>Neugierig.<<
>>Dasselbe in Grün.<<
Ruby stieß mich gespielt mit der Schulter an. >>Du freust dich doch genauso.<<
Ich zögerte. >>Eigentlich... nein.<<
Sie sah mich überrascht an. >>Wieso<<
Ich ließ den Blick den langen Korridor entlang schweifen. >>Ich weiß nicht.<< Langsam schüttelte ich den Kopf. >>Seit Moody in Hogwarts ist, habe ich ein ungutes Gefühl.<<
>>Wegen seines Aussehens?<<
>>Nein.<< Das wäre zu einfach gewesen. >>Er wirkt...<< Ich suchte nach den richtigen Worten. >>...als würde er ständig damit rechnen, angegriffen zu werden.<<
Ruby dachte kurz darüber nach. >>Nun ja, wenn man sein ganzes Leben lang Todesser jagt, ist das vielleicht gar nicht so ungewöhnlich.<<
>>Vielleicht.<<
Trotzdem überzeugte mich diese Erklärung nicht. Etwas an Moody ließ mich aufhorchen. Sein Blick. Seine Bewegungen. Diese permanente Wachsamkeit. Als würde er niemandem vertrauen. Nicht einmal sich selbst.
Noch ehe ich den Gedanken zu Ende führen konnte, entstand einige Meter vor uns plötzlich lautes Gekicher. >>Da ist er ja!<<
>>Castor! Wartest du nachher auf uns<<
>>Du musst mir unbedingt beim Zaubertränke-Aufsatz helfen!<<
Ruby und ich blieben beinahe gleichzeitig stehen. Mitten auf dem Gang hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Im Zentrum stand ein hochgewachsener Junge mit rot-blondem Haar, geschniegelt wie ein Reinblüter aus bestem Hause. Seine grüne Slytherin-Krawatte saß makellos, während er sich scheinbar vollkommen selbstverständlich von mehreren Schülerinnen umringen ließ. >>Na schön<<, sagte er mit einem charmanten Lächeln, >>aber nur, wenn ihr anschließend aufhört zu behaupten, ich hätte euch absichtlich den Kopf verdreht.<<
Mehrere Mädchen kicherten sofort. Eine Ravenclaw klammerte sich sogar an seinen Arm. >>Als ob du dafür etwas tun müsstest.<<
>>Eben.<< Castor grinste selbstzufrieden. >>Das erledigt mein gutes Aussehen ganz von allein.<<
Ich konnte nicht verhindern, dass ich die Stirn runzelte. >>Bescheiden scheint er jedenfalls nicht zu sein.<<
Ruby unterdrückte ein Lachen. >>Das muss dieser Castor Thornbloom sein.<<
>>Du kennst ihn?<<
>>Nur vom Flurfunk.<< Sie beugte sich etwas näher zu mir. >>Er soll einer der beliebtesten Schüler in Slytherin sein.<<
>>Beliebt?<< Ich warf einen skeptischen Blick auf die kreischende Mädchenschar. >>Das sieht eher nach einer Naturkatastrophe aus.<<
Ruby lachte leise. >>Man nennt ihn wohl den Frauenhelden von Hogwarts.<<
>>Ach.<<
Ich beobachtete, wie Castor einer Hufflepuff-Schülerin galant ein heruntergefallenes Pergament aufhob und ihr dabei ein charmantes Lächeln schenkte. Sie wurde augenblicklich knallrot.
>>Er scheint jedenfalls genau zu wissen, wie er Aufmerksamkeit bekommt<<, brachte ich hervor und Ruby grinste.
>>Das Gegenteil von dir.<<
Ich sah Ruby trocken an. >>Vielen Dank.<<
>>War doch als Kompliment gemeint.<<
>>Natürlich.<<
Castor hob in diesem Moment den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde traf sich unser Blick. Sein selbstgefälliges Lächeln verschwand nicht. Stattdessen nickte er mir sogar kurz zu. Ich erwiderte die Geste nicht. Ohne ein Wort wandte ich mich wieder ab.
>>Sympathisch scheint ihr euch schon einmal nicht zu finden<<, stellte Ruby belustigt fest.
>>Ich kenne ihn doch gar nicht.<<
>>Eben.<<
>>Und das darf ruhig noch eine Weile so bleiben.<<
Ruby schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Manchmal bist du wirklich unglaublich vorsichtig.<<
>>Manchmal?<<
>>Gut...eigentlich immer.<<
Bevor ich etwas erwidern konnte, ertönte hinter uns ein dumpfes Klopfen. Klack. Klack. Klack. Das hölzerne Bein von Professor Moody. Die Gespräche auf dem Flur verstummten augenblicklich. Selbst Castor löste sich aus der Traube seiner Verehrerinnen.
Moody blieb vor der Klassenzimmertür stehen. Sein magisches Auge drehte sich unabhängig vom anderen einmal durch den gesamten Korridor, als würde es jeden Einzelnen von uns prüfen. Unwillkürlich lief mir ein kalter Schauer über den Rücken.
Ruby bemerkte meinen Blick. >>Alles in Ordnung?<<
Ich nickte langsam. >>Ja.<<
Doch kaum hatte ich es ausgesprochen, wusste ich, dass es nicht stimmte. Mein ungutes Gefühl war gerade eben noch stärker geworden. Und spätestens in der ersten Unterrichtsstunde sollte sich auch zeigen, dass dies durchaus berechtigt war.
Professor Moody machte seinem Ruf alle Ehre.
Kaum hatte er den Klassenraum betreten, herrschte eine eigentümliche Spannung, die selbst die lautesten Schüler verstummen ließ. Sein hölzernes Bein klopfte dumpf über den Steinboden, während sein magisches Auge unablässig durch den Raum wanderte und jeden Einzelnen von uns zu mustern schien.
Ich konnte nicht behaupten, dass ich mich in seiner Gegenwart wohlfühlte.
Im Gegenteil. Etwas an diesem Mann ließ sämtliche Alarmglocken in meinem Inneren schrillen. Vielleicht lag es an seinem Blick. Vielleicht an seiner ruppigen Art. Oder einfach daran, dass ich Menschen misstraute, die ihre Narben wie Trophäen mit sich herumtrugen.
Professor Moody stellte sich vor die Klasse und stützte beide Hände auf seinen Schreibtisch. >>Die meisten Lehrer würden euch erzählen, wie ihr dunklen Zauberern entkommt.<< Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. >>Ich bevorzuge es, euch zu zeigen, womit ihr es überhaupt zu tun bekommt.<<
Ein leises Raunen ging durch den Raum. Ich verschränkte die Arme. Das konnte ja heiter werden.
Moody griff in ein Glas auf seinem Pult. Mehrere große Spinnen krabbelten darin übereinander. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
>>Es gibt viele Flüche.<< Er ließ eine der Spinnen auf den Tisch fallen. >>Aber nur drei...<< Sein magisches Auge drehte sich langsam in unsere Richtung. >>...werden als unverzeihlich bezeichnet <<
Mir wurde augenblicklich kalt. Nein..bitte nicht. Nicht diese.
>>Der erste...<< Moody hob seinen Zauberstab. >>...der Imperius-Fluch<<, sagte er und richtete seinen Stab auf das Insekt. >> Imperio! <<
Sofort begann die Spinne merkwürdige Bewegungen zu machen. Sie sprang. Tanzte. Überschlug sich. Tat alles, was Moody verlangte. Mehrere Schüler lachten. Ich nicht. Ich wusste nur zu gut, wie gefährlich dieser Fluch war. Nicht, weil ich ihn jemals selbst eingesetzt hätte. Sondern weil ich gesehen hatte, was er aus Menschen machte.
Wie er ihren freien Willen auslöschte. Wie sie zu Marionetten wurden. Moody hob schließlich den Zauber auf. >>Vollständige Kontrolle.<< Er ließ seinen Blick durch die Klasse schweifen. >>Manche Hexen und Zauberer kämpfen dagegen an.<< Er nickte anerkennend. >>Andere merken nicht einmal, dass sie keine eigenen Entscheidungen mehr treffen.<<
Ich senkte den Blick. Mein Bruder hatte diesen Fluch oft benutzt. Nicht aus Notwendigkeit. Sondern aus Vergnügen. Allein dieser Gedanke ließ mich frösteln.
Moody nahm die nächste Spinne. >>Der zweite...<< Seine Stimme wurde tiefer. >>...der Cruciatus-Fluch. Besonders grässlich.<<
Mir stockte der Atem. Nein. Bitte nicht.
Moody nahm auch dieses Insekt ins Visier und richtete entschlossen seinen Stab darauf. >> Crucio! <<
Im selben Augenblick bäumte sich die Spinne auf. Sie wand sich. Zuckte unkontrolliert. Ihre winzigen Beine schlugen verzweifelt gegen die Tischplatte. Kein Laut war zu hören. Und genau das machte es noch schlimmer.
Das Lächeln verschwand aus sämtlichen Gesichtern. Ich hörte mehrere Schüler erschrocken einatmen. Auch Neville.
Unwillkürlich sah ich zu ihm hinüber. Sein Gesicht war kreidebleich geworden. Er starrte die Spinne an, als sähe er etwas vollkommen anderes. Nicht das Tier. Sondern...seine Eltern.
Ich wusste von ihrem Schicksal. Bellatrix Lestrange. Rodolphus. Rabastan. Barty Crouch Junior. Sie hatten Frank und Alice Longbottom mit eben diesem Fluch gefoltert, bis beide den Verstand verloren hatten. Sie erkannten nicht einmal mehr ihren eigenen Sohn. Ein Schicksal, welches grausamer war als der Tod selbst.
Nevilles Hände zitterten. Er versuchte, es zu verbergen. Vergeblich. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Kein Kind sollte gezwungen sein, so etwas noch einmal mit ansehen zu müssen. Zum ersten Mal verlor ich die Beherrschung. >>Genug<<, brachte ich hervor und Ruby neben mir, zuckte aufgrund meiner scharfen Stimme zusammen.
Doch es erfüllte seinen Zweck. Professor Moody löste den Fluch. Die Spinne blieb reglos liegen. Niemand sagte etwas. Die Stille war beinahe unerträglich. Ich wagte erneut einen Blick zu Neville. Er schluckte schwer. Seine Augen glänzten verdächtig.
Warum tat Moody ihm das an? Er musste doch wissen...
Oder wusste er es vielleicht sogar ganz genau? Mein Misstrauen ihm gegenüber wuchs mit jeder vergehenden Sekunde. Dann griff Moody nach der letzten Spinne. Allein der Anblick genügte. Mein Herz begann zu rasen.
Nein...
Nicht...
>>Und schließlich...<< Seine Stimme klang beinahe ehrfürchtig. >>...der Todesfluch.<<
Ich spürte, wie mein Atem stockte. Plötzlich war ich nicht mehr im Klassenzimmer. Nicht in Hogwarts. Nicht im Jahr 1994. Vor meinem inneren Auge blitzte grünes Licht auf.
Ich hörte Toms kalte Stimme. >> Avada Kedavra. <<
Ich sah sein Gesicht. Seine roten Augen. Seinen hasserfüllten Blick. Dann...
Schmerz. Unendliche Kälte. Das Gefühl, als würde meine Seele aus meinem Körper gerissen. Ich hörte meinen eigenen Schrei. Dann...nichts.
>> Avada Kedavra! <<
Ein grüner tödlicher Strahl schoss aus der Spitze des Zauberstabes und löschte das Leben des wehrlosen Insektes aus. Ich saß wie festgefroren auf meinem Stuhl. Meine Augen waren geweitet und mein Geist wurde zurück in die Vergangenheit katapultiert. Zurück an jenen Tag, wo mich mein Bruder Tom kaltblütig ermordete.
Wieder sah ich sein triumphierendes Gesicht vor mir. Das kalte Lächeln. Und wie er schließlich seinen Zauberstab auf mich richtete, um meine Existenz auszulöschen. Dabei hatte er noch viel mehr angerichtet. Tom hatte mich nicht nur getötet.
Er hatte auch meine Seele in Stücke gerissen und mir das Herz endgültig gebrochen, da ich zumindest noch einen Funken Hoffnung verspürt hatte, er würde sich doch noch von der dunklen Seite abwenden. Der grüne Lichtblitz vor meinem inneren Auge verblasste, ebenso wie die Erinnerung daran.
Aber ich war noch immer wie gelähmt. Starr vor Schreck konnte ich mich nicht rühren. Spürte nur die besorgten Seitenblicke von Ruby, die mich betrachtete und dennoch nicht wagte, mich in irgendeiner Form zu berühren. Denn sie wusste genau, was ich gerade sah. Meinen Tod.
Und zum ersten Mal seit meiner Rückkehr nach Hogwarts wurde mir bewusst, wie nah die Vergangenheit tatsächlich noch war. Viel näher, als ich mir jemals eingestehen wollte. Ich bekam kaum noch Luft. Meine Hände zitterten so stark, dass ich sie unter dem Tisch verkrampft ineinander verschränkte.
Nicht jetzt. Bitte. Nicht hier. Nicht vor allen anderen. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Eins. Zwei. Drei.
Du bist nicht mehr dort.
Du bist in Hogwarts.
Du bist in Sicherheit.
Doch mein Herz glaubte mir kein Wort. Ich spürte den Todesfluch noch immer. Als wäre er nie verschwunden. Als würde das grüne Licht mich ein Leben lang verfolgen.
>>Gegen diesen Fluch...<<, sagte Moody mit ungewöhnlich ernster Stimme, >>...gibt es keinen Gegenzauber.<<
Ich schloss für einen winzigen Moment die Augen.
Wenn Sie wüsste n ...dass hier jemand sitzt, der ihn überlebt hat. Oder besser gesagt zwei Personen, wenn ich Harry mitzählte.
Als ich sie wieder öffnete, war mein Blick wie zufällig zu Neville gewandert. Er wirkte völlig in sich zusammengesunken. Und in diesem Augenblick war mir eines klar. Ganz gleich, ob Alastor Moody tatsächlich der Held war, für den ihn alle hielten...ein Lehrer, der einem Jungen die schlimmste Erinnerung seines Lebens direkt vor Augen führte, ohne auch nur einen Hauch von Mitgefühl zu zeigen, konnte unmöglich der Mensch sein, den ich in Hogwarts an meiner Seite wissen wollte. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob Professor Moody wirklich der war, für den ihn alle hielten.
>>Das wär's für heute!<< Professor Moodys raue Stimme durchschnitt die beklemmende Stille, die sich nach der Vorführung des Todesfluchs über den Klassenraum gelegt hatte. >>Nächstes Mal reden wir darüber, wie man sich gegen dunkle Zauber verteidigt. Bis dahin könnt ihr euch überlegen, warum die meisten Hexen und Zauberer schon beim Anblick dieser Flüche den Verstand verlieren.<<
Einige Schüler lachten nervös. Niemand sonst sagte etwas. Stühle wurden zurückgeschoben. Bücher verschwanden in Taschen. Die Klasse löste sich langsam auf. Ich hingegen blieb wie angewurzelt sitzen. Meine Hände waren noch immer so fest ineinander verschränkt, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten.
Atmen. Einfach nur atmen. Das grüne Licht wollte einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Ich hörte noch immer Toms Stimme. Spürte noch immer die eisige Leere, die der Todesfluch hinterlassen hatte.
>>Lucinda?<< Rubys leise Stimme drang nur gedämpft zu mir durch. >>Geht es dir gut?<<
Ich blinzelte mehrmals, bis der Klassenraum wieder scharf vor meinen Augen erschien. >>Ja. << Meine eigene Stimme klang fremd. >>Mir ist nur... etwas schwindelig.<<
Ruby musterte mich besorgt. >>Du bist ganz blass.<<
>>Das wird gleich wieder.<<
Ich wusste selbst, wie wenig überzeugend das klang. Moody beobachtete inzwischen die Schüler, die den Raum verließen. Für einen flüchtigen Augenblick blieb sein normales Auge auf mir liegen. Sein magisches Auge hingegen schien direkt durch mich hindurchzusehen. Mir zog sich der Magen zusammen.
Ich wollte nur noch weg. Weg von diesem Raum. Weg von diesem Mann. Weg von den Erinnerungen, die er ohne jede Vorwarnung wieder zum Leben erweckt hatte. Ich erhob mich so abrupt, dass mein Stuhl laut über den Steinboden kratzte.
>>Lucinda?<< Ruby griff nach meiner Hand. >>Warte doch…<<
>>Ich brauche nur frische Luft.<<
Mehr brachte ich nicht hervor. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, hatte ich meine Tasche bereits geschultert und verließ beinahe fluchtartig den Klassenraum. Je eher ich von hier wegkam, desto besser.
Ich rannte. Meine Schritte hallten durch die steinernen Korridore von Hogwarts, während ich kaum bemerkte, wohin sie mich überhaupt trugen. Hauptsache fort. Fort von Professor Moody. Fort von den drei Flüchen. Fort von diesem grellen grünen Licht.
Und während ich über die Korridore von Hogwarts hetzte, begann sich die Realität auf einmal durch meine aufgewühlten Emotionen mit längst verdrängten Erinnerungen der Vergangenheit unaufhaltsam zu vermischen.
>> Du solltest diese s Buch zurückbringen.<<
Ich verschränkte die Arme und lehnte mich gegen das Regal in der verbotenen Abteilung der Bibliothek. Die Kerzen warfen lange Schatten über die alten Bücher, während Tom scheinbar vollkommen unbeeindruckt eine vergilbte Seite umblätterte. >>Warum?<< Er sah nicht einmal auf. >>Weil es verboten ist.<<
>> Ge nau deshalb ist es interessant.<<
Ich verdrehte die Augen. >>Tom...<<
Endlich blickte er mich an. Seine dunklen Augen funkelten vor Begeisterung. Nicht vor Bosheit. Nicht damals. Nur vor unstillbarer Neugier. >>Sieh dir das an.<< Er drehte das Buch zu mir. Zwischen den Seiten befanden sich komplizierte Zeichnungen uralter Zauber und Rituale. >>Ist das nicht faszinierend?<<
Ich überflog die ersten Zeilen. Mir wurde sofort unwohl. >> Das s ind schwarzmagische Rituale.<<
>>Natürlich.<< Er lächelte. >>Und?<<
>> Und sie stehe n nicht ohne Grund hier hinten.<<
Tom schnaubte leise. >> Weil die M enschen Angst vor Wissen haben.<<
>>Nein.<< Ich schüttelte entschieden den Kopf. >> Weil manche Dinge besser vergessen werden.<<
Er klappte das Buch mit einem dumpfen Geräusch zu. >>Das sagen sie immer.<<
>> Viel leicht haben sie diesmal recht.<<
>>Ach, Lucinda...<< Er trat langsam auf mich zu. >> Du bist klüger als fast alle Schüler in diesem Schloss.<< Seine Stimme klang ruhig. Beinahe sanft. >> Aber manc hmal bist du erschreckend naiv.<<
>>Naiv?<<
>> Du glaubst ernsthaft, Magie könne gut oder böse sein.<<
>>Kann sie das etwa nicht?<<
>>Nein.<< Seine Antwort kam ohne jedes Zögern. >>Magie ist nur ein Werkzeug.<< Er nahm seinen Zauberstab in die Hand. >> Entscheide nd ist allein, wer sie benutzt.<<
>> Und genau deshalb sind manche Zauber gefährlich.<<
>>Gefährlich für wen?<<
Ich starrte ihn an. >>Für jeden.<<
Tom schüttelte langsam den Kopf. >>Für Schwache.<<
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Diese Antwort...
Sie klang nicht wie die meines Bruders. >>Seit wann denkst du so<<
Er lächelte nur. >> Seit ich ang efangen habe, selbst zu denken.<<
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. >>Tom, hör auf damit.<<
Zum ersten Mal verschwand sein Lächeln. >>Womit?<<
>>Mit diesen Büchern.<< Ich deutete auf den Stapel neben ihm. >>Mit dieser Besessenheit.<<
>>Besessenheit?<<
>> Du ver bringst jede freie Minute hier.<<
>>Weil ich lernen will.<<
>>Nein.<< Ich sah ihm fest in die Augen. >>Du suchst nach etwas.<<
Er schwieg. Das genügte mir als Antwort. >>Du veränderst dich.<<
Er lachte leise. >> Vielleicht ent wickle ich mich einfach weiter.<<
>>Nein.<< Meine Stimme wurde eindringlicher. >> Früher hast du Ges chichten über Hogwarts gelesen.<<
>>Jetzt lese ich über Magie.<<
>> Übe r dunkle Magie.<<
>>Auch das ist Magie.<<
>>Tom!<< Einige Schüler drehten sich erschrocken nach uns um. Das war mir völlig egal. >> Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass diese Za uber jemanden glücklich machen.<<
>>Glücklich?<< Er zog die Augenbrauen hoch. >> We r spricht denn von Glück<<
Mir stockte der Atem. >>Worum geht es dir dann?<<
Er trat dicht vor mich. So dicht, dass ich m ein Spiegelbild in seinen dunklen Augen erkennen konnte. >>Um Möglichkeiten.<<
>>Welche Möglichkeiten?<<
>>Alle.<< Seine Antwort war kaum mehr als ein Flüstern. >>Stell dir vor, Lucinda...<< Er hob langsam eines der Bücher an. >>...es gäbe keine Grenzen mehr.<<
>>Grenzen schützen uns.<<
>>Grenzen halten uns klein.<<
>>Nein.<<
>>Doch.<< Seine Stimme war plötzlich hart geworden. >> Die Zauberer verstecken ihr wertvollstes Wiss en, weil sie Angst davor haben.<<
>> Oder weil sie wissen, was passieren kann.<<
Tom schüttelte den Kopf. >> Sie haben Angst vor Mens chen, die stärker sind als sie.<<
Ich sah meinen Bruder lange schweigend an. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl , dass zwischen uns etwas entstanden war. Eine Kluft. Unsichtbar. Und doch unüberwindbar.
Wir waren Zwillinge. Im selben Waisenhaus aufgewachsen. Wir hatten dieselben Lehrer gehabt. Dieselben Nächte erlebt. Dieselben Träume. Und dennoch standen wir plötzlich auf zwei völlig unterschiedlichen Wegen. >>Versprich mir etwas.<<
Er sah mich fragend an. >>Was denn?<<
>> Lass die Finger von diesen Zaubern.<<
Er lächelte. Ein trauriges Lächeln. Fast mitleidig. >> Du bittest mich, auf Wissen zu verzichten.<<
>> Ich bitte dich, dich nicht darin zu verlieren.<<
Einen Moment lang sagte niemand etwas. Dann legte Tom das Buch langsam unter seinen Arm. >>Keine Sorge.<< Er ging an mir vorbei. >>Ich weiß genau, was ich tue.<<
Seine Schritte entfernten sich. Ich blieb allein zwischen den Regalen zurück. Damals... d amals wollte ich ihm glauben. Ich wollte glauben, dass mein Bruder recht hatte. Dass alles nur harmlose Neugier war.
Heute wusste ich es besser. In Wahrheit hatte ich genau dort begonnen, ihn zu verlieren. Nicht an die dunkle Magie. Sondern an die Faszination von Macht. Und die war weitaus gefährlicher als jeder Zauber, den ein Buch je hätte lehren können.