Unsichtbare Mauern
Unsichtbare Mauern
Am Ende der ersten Woche hatte ich das Gefühl, nie etwas anderes getan zu haben.
Meine Hände wussten inzwischen, wie fest ein Verband sitzen musste.
Ich erkannte Fieber, noch bevor der Arzt das Thermometer ansetzte.
Ich wusste, welcher Soldat seine Schmerzen herunterspielte und welcher nur jemanden brauchte, der sich für ein paar Minuten zu ihm setzte.
Und ich lernte Namen.
Nathan.
Elias.
Thomas.
Benjamin.
Jeder von ihnen hatte irgendwo eine Familie, die hoffte, ihn wiederzusehen.
Es machte den Krieg plötzlich erschreckend greifbar.
„Bella!“
Nathan kam rückwärts durch das Lazarett gelaufen.
„Hast du vielleicht—“
„Wenn du jetzt nach den Keksen fragst, nein.“
Er blieb stehen.
„Woher wusstest du das?“
Ich verschränkte grinsend die Arme.
„Weil du jeden Tag nach den Keksen fragst.“
„Ich wollte nur höflich sein.“
„Nathan“, warf Margaret ein, „du wolltest sie klauen.“
„Das ist eine böse Unterstellung.“
„Die ich gestern mit eigenen Augen gesehen habe.“
„Gestern zählt nicht.“
Ich lachte.
„Hier.“
Ich reichte ihm heimlich einen kleinen Honigkeks.
Seine Augen leuchteten auf.
„Bella...“
Er legte sich dramatisch die Hand aufs Herz.
„Ich wusste, dass wir Freunde werden.“
„Sie verwöhnen die Männer zu sehr.“
Ich drehte mich um.
Jasper stand am Eingang des Lazaretts.
Sofort wurde Nathan kerzengerade.
„Sir!“
„Soldat.“
Jasper blickte auf den Keks.
Dann wieder zu Nathan.
„Ich hoffe, Ihre Verwundung ist so schwer, dass Sie zusätzliche Verpflegung benötigen.“
Nathan schluckte den Keks hastig herunter.
„Selbstverständlich, Sir.“
„Welche Verwundung?“
„Ähm... Hunger?“
Ich musste mir auf die Lippen beißen.
Selbst Margaret hustete verdächtig.
Jasper sah Nathan einen langen Moment schweigend an.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Raus.“
„Jawohl!“
Nathan verschwand beinahe fluchtartig.
Kaum war er außer Hörweite, atmete Jasper hörbar aus.
„Er bringt mich eines Tages noch um den Verstand.“
„Ich glaube, das ist sein Ziel.“
Ein kleines Lächeln huschte über Jaspers Gesicht.
„Da haben Sie vermutlich recht.“
Nachdem Margaret zum nächsten Patienten gegangen war, blieb Jasper noch stehen.
Er beobachtete mich, wie ich frisches Wasser in eine Schüssel goss.
„Sie haben sich gut eingelebt.“
„Dank Margaret.“
„Und dank Ihnen.“
Ich blickte überrascht auf.
„Ich?“
„Die Männer sprechen ständig von Ihnen.“
„Hoffentlich nichts Schlechtes.“
„Im Gegenteil.“
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„Sie sagen, Sie hätten immer ein freundliches Wort.“
Ich wurde verlegen.
„Das kostet nichts.“
„Doch.“
Ich runzelte die Stirn.
„Zeit.“
Seine Stimme war leise geworden.
„Und Mitgefühl.“
Ich sah ihn einen Moment schweigend an.
„Ich glaube nicht, dass Freundlichkeit etwas kostet.“
„Im Krieg schon.“
Seine Antwort kam sofort.
Sie traf mich unerwartet.
Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.
Am Nachmittag musste ich Verbandsmaterial in das Vorratszelt bringen.
Als ich mit einem Stapel Leinentücher über den Platz lief, hörte ich plötzlich laute Stimmen.
„Das ist Wahnsinn!“
Ein junger Soldat stand Jasper gegenüber.
Vielleicht achtzehn Jahre alt.
Seine Hände zitterten.
„Sir, bitte...“
„Ihre Einheit marschiert bei Sonnenaufgang.“
Jaspers Stimme war ruhig.
„Aber ich kann nicht!“
Mehrere Soldaten blieben stehen.
Niemand sagte etwas.
„Meine Frau bekommt in wenigen Tagen unser erstes Kind.“
Der junge Mann kämpfte sichtbar mit den Tränen.
„Bitte... nur zwei Tage.“
Mir zog sich das Herz zusammen.
Jasper schwieg.
Lange.
Viel zu lange.
Dann sagte er:
„Ihr Antrag wurde bereits abgelehnt.“
„Sir...“
„Das ist ein Befehl.“
Die Worte klangen hart.
Fast kalt.
Der Soldat senkte den Kopf.
„Jawohl, Sir.“
Er salutierte und ging.
Seine Schultern zitterten.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Das...
Das konnte doch nicht derselbe Mann sein.
Nicht der Mann, der meinen Marktstand gebaut hatte.
Nicht der Mann, der mich aufgenommen hatte.
Jasper bemerkte mich erst, als sich unsere Blicke trafen.
Für einen Moment lag etwas in seinen Augen.
Bedauern.
Dann wandte er sich wortlos ab.
Am Abend begegnete ich Nathan vor der Feldküche.
„Was ist heute passiert?“
Er hörte sofort, wen ich meinte.
„Mit Collins?“
Ich nickte.
Nathan seufzte.
„Du glaubst jetzt bestimmt, der Major wäre herzlos.“
„Ich...“
„Ist er nicht.“
Er setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm.
„Vor drei Monaten hat er seinen eigenen Urlaub gestrichen.“
„Warum?“
„Damit ein anderer Soldat zu seiner sterbenden Mutter konnte.“
Ich setzte mich neben ihn.
„Das wusste ich nicht.“
„Weiß kaum jemand.“
Nathan lächelte traurig.
„Der Major sorgt immer dafür, dass andere zuerst nach Hause dürfen.“
„Und er?“
„Er bleibt.“
Ich schwieg.
„Er schreibt jeden einzelnen Brief an die Familien der Gefallenen selbst.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Alle?“
Nathan nickte.
„Jeden.“
Mir wurde plötzlich klar, warum Jasper so müde aussah.
„Warum hat er den jungen Soldaten dann nicht gehen lassen?“
Nathan blickte in das Lagerfeuer.
„Weil er Major ist.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Doch.“
Er hob langsam den Blick.
„Er hätte Collins sofort nach Hause geschickt.“
„Also?“
„Dann hätte ein anderer Mann an seiner Stelle marschieren müssen.“
Mir stockte der Atem.
„Jasper entscheidet jeden Tag, wer lebt... und wer vielleicht nicht zurückkommt.“
Nathan stand langsam auf.
„Deshalb wirkt er manchmal so kalt.“
Er lächelte traurig.
„Wenn er jedes Mal sein Herz entscheiden ließe... würde er daran zerbrechen.“
In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen.
Ich dachte an den jungen Soldaten.
An seine Frau.
An sein ungeborenes Kind.
Und an Jasper.
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht, ob er freundlich war.
Sondern wie viel Freundlichkeit ein Mensch opfern musste, um jeden Tag solche Entscheidungen treffen zu können.
Vielleicht trug er nicht deshalb eine Mauer um sich.
Vielleicht war sie das Einzige, was ihn überhaupt noch aufrecht hielt.