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Ehrlichkeit

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Ehrlichkeit

„Es tut mir leid.“

Die Worte kamen sofort über meine Lippen.

„Ich wollte nicht... ich habe nicht absichtlich...“

Ich trat einen Schritt zurück.

„Ich wollte nur Ihren Mantel zurückbringen.“

Jasper sagte nichts.

Er schloss langsam die Plane hinter sich.

Nicht, um mich festzuhalten.

Sondern um den Lärm des Lagers auszublenden.

Das Zelt wurde still.

Ich hätte am liebsten im Boden versinken wollen.

„Ich hätte nicht lesen dürfen.“

„Nein.“

Seine Stimme war ruhig.

Nicht scharf.

Nicht wütend.

Einfach müde.

„Das hätten Sie nicht.“

Ich nickte beschämt.

„Es war keine Absicht.“

Er trat an den kleinen Tisch und schlug das Notizbuch zu.

Seine Finger ruhten einen Moment auf dem Ledereinband.

„Ich schreibe manchmal.“

„Das wusste ich nicht.“

„Kaum jemand weiß es.“

Er lächelte schwach.

„Nathan würde mich wahrscheinlich nie wieder ernst nehmen.“

Trotz der Anspannung musste ich leise lachen.

„Nein.“

„Sehen Sie.“

Er legte das Buch in eine Schublade.

„Deshalb.“

Wieder entstand Stille.

Ich wusste nicht, ob ich gehen sollte.

Oder bleiben.

„Stimmt es?“

Die Frage war leiser, als ich beabsichtigt hatte.

Er wusste sofort, worauf ich hinauswollte.

„Ja.“

„Sie glauben wirklich...“

Meine Stimme versagte.

„...dass Sie keine Zukunft haben?“

Er antwortete nicht sofort.

Er zog langsam die Handschuhe aus, legte sie ordentlich auf den Tisch und atmete tief durch.

„Ich glaube, dass jeder Soldat sich irgendwann mit diesem Gedanken beschäftigen muss.“

„Aber Sie sind vorsichtig.“

„Das schützt keine Kugel.“

„Sie sind ein guter Offizier.“

„Auch gute Offiziere sterben.“

Ich schloss für einen Moment die Augen.

„Jasper...“

Er hob den Blick.

Zum ersten Mal seit Langem war kein Major vor mir.

Nur ein junger Mann.

Gerade einmal zwanzig Jahre alt.

Mit dunklen Schatten unter den Augen.

„Wissen Sie, wie viele Männer ich inzwischen begraben habe?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe aufgehört zu zählen.“

Seine Stimme war so ruhig, dass sie fast schmerzte.

„Und jedes Mal musste ich ihren Familien schreiben.“

Er sah an mir vorbei.

Als würde er die Briefe vor sich sehen.

„Ich habe Müttern erklärt, warum ihre Söhne nie wieder nach Hause kommen.“

Eine Pause.

„Frauen, warum ihre Männer nicht zurückkehren.“

Noch eine.

„Kindern, warum sie ihren Vater nie wiedersehen.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Und jetzt...“

Er lächelte traurig.

„...soll ich zulassen, dass eine weitere Frau auf mich wartet?“

Ich trat langsam einen Schritt näher.

„Vielleicht wäre sie bereit dazu.“

Er sah mich an.

„Das dürfen Sie nicht sagen.“

„Warum?“

„Weil ich anfange, Ihnen zu glauben.“

Mein Herz schlug schneller.

„Dann glauben Sie mir.“

Er schloss für einen Moment die Augen.

„Bella... bitte.“

„Nein.“

Zum ersten Mal unterbrach ich ihn.

„Immer sagen Sie mir, was ich nicht tun soll.“

Er schwieg.

„Warten Sie nicht.“

„Gewöhnen Sie sich nicht an mich.“

„Hoffen Sie nicht.“

Ich spürte Tränen in meinen Augen.

„Aber haben Sie mich jemals gefragt, was ich möchte?“

Er wirkte, als hätte ich ihn geschlagen.

„Ich...“

„Nein.“

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Das haben Sie nie.“

Er fuhr sich erschöpft durchs Haar.

„Weil ich Angst vor der Antwort habe.“

Da war sie.

Endlich.

Nicht der Krieg.

Nicht die Pflicht.

Nicht der Rang.

Angst.

„Wovor?“

fragte ich leise.

Er lachte bitter.

„Vor allem.“

Er trat an den kleinen Tisch und stützte sich mit beiden Händen darauf.

„Vor dem nächsten Marschbefehl.“

„Vor dem nächsten Gefecht.“

„Vor dem nächsten Brief.“

Seine Stimme wurde immer leiser.

„Und davor...“

Er drehte sich langsam wieder zu mir um.

„...eines Tages jemanden zu haben, den ich zurücklassen muss.“

Mir liefen die Tränen über die Wangen.

Nicht aus Traurigkeit.

Sondern weil ich endlich verstand.

Er hielt mich nicht auf Abstand, um sich selbst zu schützen.

Er tat es...

um mich zu schützen.

Langsam ging ich auf ihn zu.

Diesmal blieb ich nicht zwei Schritte entfernt stehen.

Nicht einen.

Erst direkt vor ihm blieb ich stehen.

Er war deutlich größer als ich.

Ich musste den Kopf heben.

„Sehen Sie mich an.“

Er tat es.

„Ich bin nicht mehr bei meinem Vater.“

Er nickte kaum merklich.

„Ich bin freiwillig hier.“

Wieder nickte er.

„Jeden Morgen stehe ich auf...“

Ich legte vorsichtig meine Hand auf seine.

„...und trotzdem bleibe ich.“

Seine Finger spannten sich unter meinen an.

„Nicht wegen des Krieges.“

Meine Stimme zitterte.

„Sondern...“

Ich holte tief Luft.

„...wegen Ihnen.“

Für einen Herzschlag schien die Welt stillzustehen.

Jasper sah mich an, als hätte ich ihm gerade den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Bella...“

Sein Name auf meinen Lippen fühlte sich inzwischen so selbstverständlich an wie mein eigener Atem.

„Sie müssen mir nichts versprechen.“

Ich lächelte unter Tränen.

„Nicht heute.“

„Nicht morgen.“

„Aber hören Sie auf, für mich zu entscheiden.“

Er schloss die Augen.

Langsam.

Als würde er gegen etwas ankämpfen.

Dann hob er zögernd die Hand.

Ganz vorsichtig strich er mit den Fingerspitzen eine Träne von meiner Wange.

Es war die erste Berührung, die nicht zufällig geschah.

Sie war so sanft, dass ich den Atem anhielt.

„Sie machen es unmöglich...“

flüsterte er.

„...Sie nicht zu lieben.“

Die Worte hingen zwischen uns.

Leise.

Zerbrechlich.

Ehrlich.

Ich antwortete nicht.

Ich konnte nicht.

Stattdessen legte ich meine Hand über seine.

Und zum ersten Mal ließ Jasper sie dort liegen.

Ohne zurückzuweichen.

Ohne sich hinter seinem Rang zu verstecken.

Ohne davonzulaufen.

Draußen prasselte der Regen gegen die Zeltplane.

Drinnen standen wir einfach nur da.

Zwei Menschen, die längst wussten, dass sie sich ineinander verliebt hatten.

Auch wenn keiner von uns ahnte, welchen Preis diese Liebe eines Tages kosten würde.