Ein Herzschlag zu spät
Ein Herzschlag zu spät
In den Tagen nach unserem Gespräch änderte sich nichts.
Und gleichzeitig alles.
Jasper war noch immer Major Whitlock.
Er führte Besprechungen.
Er bildete Rekruten aus.
Er ritt an der Spitze seiner Männer, wenn Übungen außerhalb des Lagers stattfanden.
Niemand hätte vermutet, dass sich etwas verändert hatte.
Doch ich bemerkte es.
Er verabschiedete sich nicht mehr nur mit einem knappen Nicken.
Manchmal blieb sein Blick einen Augenblick länger auf meinem ruhen.
Wenn wir uns zufällig begegneten, fragte er inzwischen, ob ich genug gegessen hatte oder ob ich endlich einmal geschlafen hatte.
Es waren belanglose Fragen.
Aber sie fühlten sich an wie kleine Geständnisse.
Er begann, sich Sorgen um mich zu machen.
Und ich machte mir längst Sorgen um ihn.
„Bella.“
Margaret hielt mich zurück, als ich gerade das Lazarett verlassen wollte.
„Kannst du bitte noch die frischen Verbände in das Vorratszelt bringen?“
„Natürlich.“
Ich nahm den Korb entgegen und machte mich auf den Weg.
Das Lager war ungewöhnlich ruhig.
Viele Männer waren zu einer mehrtägigen Übung aufgebrochen.
Nur wenige Soldaten blieben zurück.
Ich summte leise vor mich hin.
Erst als ich beinahe mit jemandem zusammenstieß, bemerkte ich, dass ich gar nicht auf den Weg geachtet hatte.
„Entschuldigung!“
Zwei starke Hände hielten mich an den Schultern fest, bevor der Korb zu Boden fiel.
„Langsam.“
Ich musste nicht einmal aufblicken.
„Jasper.“
„Sie wollten offenbar den ganzen Verband auf einmal neu wickeln.“
Ich musste lachen.
„Das wäre unpraktisch.“
„Für mich.“
„Für Sie?“
„Ich müsste anschließend Margarets Vortrag über Ordnung und Sauberkeit über mich ergehen lassen.“
„Und davor haben Sie Angst?“
Er nickte vollkommen ernst.
„Mehr als vor manchen Generälen.“
Ich lachte so laut, dass zwei vorbeigehende Soldaten überrascht zu uns herübersahen.
Sofort machte ich einen Schritt zurück.
Ich wollte nicht, dass jemand sprach.
Gerüchte verbreiteten sich schneller als ein Lauffeuer.
Jasper bemerkte meine Bewegung.
Natürlich bemerkte er sie.
„Entschuldigen Sie.“
„Wofür?“
„Ich hätte Sie nicht aufhalten sollen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht der Grund.“
Er folgte meinem Blick zu den Soldaten.
Sein Gesicht wurde wieder ernst.
„Sie haben recht.“
„Ich möchte nicht, dass jemand Ihretwegen redet.“
Er lächelte traurig.
„Immer noch mehr Sorge um mich als um sich selbst.“
„Vielleicht.“
Er nahm mir vorsichtig den Korb aus den Händen.
„Ich trage ihn.“
„Das kann ich selbst.“
„Das weiß ich.“
Er ging trotzdem los.
Ich musste schmunzeln und folgte ihm.
Das Vorratszelt lag etwas abseits des Lagers.
Hierher kam kaum jemand.
Jasper stellte den Korb auf den Tisch.
„Geschafft.“
„Vielen Dank.“
„Gern.“
Keiner von uns machte Anstalten zu gehen.
Es war still.
Nur der Wind bewegte die Zeltplane.
„Bella?“
„Ja?“
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
Er wirkte plötzlich ungewöhnlich nervös.
Ich hätte nie gedacht, dass Jasper Whitlock nervös sein konnte.
„Wenn...“
Er brach ab.
Fuhr sich durchs Haar.
„Vergessen Sie es.“
„Nein.“
Ich lächelte.
„Jetzt müssen Sie sie stellen.“
Er atmete tief durch.
„Wenn es keinen Krieg gäbe...“
Er sah mich direkt an.
„...glauben Sie, wir hätten uns trotzdem gefunden?“
Ich musste nicht überlegen.
„Ja.“
Die Antwort kam sofort.
Er wirkte überrascht.
„So sicher?“
„Ja.“
„Warum?“
Ich trat langsam näher.
„Weil Sie auch auf dem Marktplatz hätten helfen können, ohne mir einen neuen Stand zu bauen.“
Ein weiterer Schritt.
„Sie hätten mich nach Hause bringen können, ohne mich ins Lager mitzunehmen.“
Noch einer.
„Sie hätten mir Hoffnung geben können, ohne jeden Tag nach mir zu sehen.“
Jetzt stand ich direkt vor ihm.
„Sie haben sich jeden einzelnen Tag entschieden, freundlich zu sein.“
Ich lächelte.
„Deshalb glaube ich, dass wir uns immer gefunden hätten.“
Jasper schwieg.
Seine Augen glänzten.
„Sie haben eine bemerkenswerte Art...“
Er hob vorsichtig eine Hand.
„...einem Menschen das Gefühl zu geben, besser zu sein, als er glaubt.“
„Vielleicht sehe ich einfach nur den echten Jasper.“
Sein Atem stockte.
Langsam ließ er die Hand sinken.
„Sie sollten aufhören, so etwas zu sagen.“
„Warum?“
„Weil ich jedes Mal ein Stück meiner guten Vorsätze verliere.“
Ich konnte nicht anders.
Ich lächelte.
„Vielleicht waren es nie gute Vorsätze.“
Er lachte leise.
„Isabella Swan...“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie diskutieren schlimmer als Colonel Davis.“
„Ist das ein Kompliment?“
„Ich fürchte ja.“
Wir lachten beide.
Und genau in diesem Augenblick...
„Major!“
Die Stimme kam von draußen.
Jasper trat sofort einen Schritt zurück.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
„Hier.“
Nathan schob die Plane beiseite.
„Oh.“
Sein Blick wanderte zwischen uns hin und her.
Ein Grinsen breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus.
„Störe ich?“
„Ja.“
Jaspers Antwort kam so trocken, dass ich lachen musste.
Nathan hob überrascht die Augenbrauen.
„Das war eindeutig.“
„Was gibt es?“
fragte Jasper.
„Colonel Davis sucht Sie.“
„Jetzt?“
„Sofort.“
Das Lächeln verschwand aus Jaspers Gesicht.
„Ich komme.“
Nathan nickte.
Doch bevor er wieder verschwand, zwinkerte er mir unauffällig zu.
Ich verdrehte grinsend die Augen.
Natürlich war ihm etwas aufgefallen.
Jasper wartete, bis Nathan außer Hörweite war.
Dann sah er mich an.
„Er wird nichts sagen.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil Nathan mehr Loyalität besitzt, als er auf den ersten Blick vermuten lässt.“
Ich nickte.
„Ich mag ihn.“
„Das tut jeder.“
Jasper ging zur Zeltöffnung.
Kurz davor blieb er stehen.
Er drehte sich noch einmal um.
„Bella.“
„Ja?“
Für einen winzigen Moment kämpfte er sichtbar mit sich selbst.
Dann ging er zurück.
Langsam.
Als gäbe es kein Zurück mehr.
Er blieb direkt vor mir stehen.
„Ich wollte das schon seit Wochen tun.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich hielt den Atem an.
Er hob vorsichtig die Hand.
Legte sie an meine Wange.
Diesmal ohne Zögern.
Sein Daumen strich sanft über meine Haut.
„Und ich weiß, dass ich es wahrscheinlich bereuen werde.“
Ich lächelte leise.
„Ich nicht.“
Er schloss für einen Augenblick die Augen.
Dann beugte er sich langsam zu mir hinunter.
Nicht hastig.
Nicht leidenschaftlich.
Fast so, als wollte er mir jede Gelegenheit geben, zurückzuweichen.
Ich tat es nicht.
Unsere Stirnen berührten sich zuerst.
Dann seine Nase meine.
Und schließlich küsste er mich.
Ganz vorsichtig.
Zögernd.
Als hätte er Angst, ich könnte verschwinden.
Der Kuss dauerte nur wenige Herzschläge.
Als er sich wieder löste, blieb seine Stirn noch immer an meiner.
„Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“
flüsterte er.
Ich lächelte.
„Ich wollte nie zurück.“
Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte Jasper einfach nur glücklich.
Nicht wie ein Major.
Nicht wie ein Soldat.
Sondern wie ein junger Mann, der sich erlaubt hatte, sich zu verlieben.