Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen
Von diesem Tag an änderte sich unser Alltag auf eine Weise, die vermutlich niemandem außer uns auffiel.
Wir hielten Abstand.
Zumindest dort, wo andere uns sehen konnten.
Jasper begrüßte mich mit demselben höflichen Nicken wie jede Krankenschwester im Lager.
Ich sprach ihn weiterhin mit „Major“ an, sobald andere in der Nähe waren.
Es war einfacher so.
Sicherer.
Und doch fanden wir immer wieder kleine Augenblicke, die nur uns gehörten.
„Miss Swan.“
Ich blickte von den Verbänden auf.
Jasper stand am Eingang des Lazaretts.
„Major.“
Er hielt einen Stapel Listen in der Hand.
„Colonel Davis benötigt eine Bestandsaufnahme der Medikamente.“
Margaret winkte sofort ab.
„Bella kennt sich inzwischen besser aus als ich.“
„Dann würde ich ihre Hilfe gern in Anspruch nehmen.“
Ich nickte.
„Natürlich.“
Margaret sah erst mich, dann Jasper.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Dann lasst euch Zeit.“
„Margaret...“, murmelte ich leise.
„Was denn?“
Sie tat vollkommen unschuldig.
„Die Listen sind schließlich wichtig.“
Im Vorratszelt lagen Regale voller Flaschen, Leinentücher und getrockneter Kräuter.
Jasper schloss die Plane hinter sich.
Nicht vollständig.
Gerade so weit, dass jeder sehen konnte, dass wir arbeiteten.
„Sie lernen schnell.“
sagte er, während ich die Bestände zählte.
„Das höre ich in letzter Zeit öfter.“
„Weil es stimmt.“
Ich schrieb die Zahlen sorgfältig auf.
„Sie loben mich heute ungewöhnlich oft.“
„Fällt das auf?“
„Ein bisschen.“
Er lächelte.
„Dann sollte ich vorsichtiger sein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Bitte nicht.“
Er sah mich an.
„Nicht?“
„Nein.“
Ich legte die Feder zur Seite.
„Ich musste mein ganzes Leben damit verbringen, nur Fehler zu hören.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Manchmal vergesse ich noch immer, dass ich auch etwas richtig machen kann.“
Sein Lächeln verschwand.
Langsam trat er näher.
„Bella.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Sehen Sie mich an.“
Ich hob den Kopf.
„Wissen Sie, warum jeder im Lazarett Sie gern dort hat?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Weil Sie den Männern das Gefühl geben, dass sie mehr sind als ihre Verletzungen.“
Er machte noch einen Schritt.
„Wissen Sie, warum Nathan jeden Morgen zuerst nach Ihnen sucht?“
Wieder schüttelte ich den Kopf.
„Weil Sie ihm zuhören.“
Seine Hand hob sich langsam.
Diesmal strich er mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr.
So sanft, dass mir der Atem stockte.
„Und wissen Sie, warum ich jeden Tag einen Grund suche, ins Lazarett zu kommen?“
Ich konnte nicht antworten.
„Weil Sie dort sind.“
Für einen Moment vergaß ich alles um mich herum.
Den Krieg.
Das Lager.
Die Geräusche draußen.
Es gab nur noch ihn.
„Jasper...“
Ein lautes Räuspern vor dem Zelt ließ uns beide auseinanderfahren.
Nathan.
Natürlich.
„Sir?“
Sein Grinsen war so breit, dass ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.
„Der Colonel sucht die Medikamentenlisten.“
Jasper schloss für einen Moment die Augen.
„Sie sind noch nicht fertig.“
„Nein?“
Nathan blickte demonstrativ auf das halbleere Blatt.
„Das überrascht mich jetzt aber.“
Ich warf ihm einen strengen Blick zu.
„Nathan.“
„Schon gut.“
Er hob ergeben die Hände.
„Ich gehe ja schon.“
Bevor er verschwand, blieb er noch einmal stehen.
„Übrigens...“
Wir sahen ihn beide an.
„Ich finde, der Major lächelt in letzter Zeit deutlich öfter.“
„Raus.“
sagten Jasper und ich gleichzeitig.
Nathan lachte schallend.
„Jetzt seid ihr sogar einer Meinung.“
Damit verschwand er endgültig.
Am Abend führte Jasper mich ein Stück den Fluss entlang.
Zum ersten Mal verließen wir gemeinsam das Lager.
Nicht weit.
Nur so weit, dass das Stimmengewirr hinter uns leiser wurde.
Die untergehende Sonne tauchte das Wasser in goldenes Licht.
„Hier komme ich manchmal her.“
sagte Jasper.
„Wenn mir alles zu viel wird.“
Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm.
„Es ist wunderschön.“
„Ja.“
Er ließ sich neben mir nieder.
Diesmal nicht mit großem Abstand.
Unsere Schultern berührten sich beinahe.
„Als Kind wollte ich Architekt werden.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Wirklich?“
Er nickte lächelnd.
„Ich habe ständig Häuser gezeichnet.“
„Warum haben Sie das nie erzählt?“
„Weil niemand fragt, wovon ein Major früher geträumt hat.“
„Ich schon.“
Er blickte auf den Fluss.
„Und Sie?“
„Ich?“
„Wovon haben Sie als kleines Mädchen geträumt?“
Ich musste lange überlegen.
So lange, dass mir die Antwort fast peinlich war.
„Von einem Garten.“
Er lächelte.
„Ein Garten?“
„Mit vielen Rosen.“
Ich lächelte verlegen.
„Und einem kleinen Haus.“
„Mehr nicht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich wollte nur einen Ort, an dem niemand Angst haben muss.“
Jasper sagte nichts.
Er griff langsam nach meiner Hand.
Vorsichtig verschränkten sich unsere Finger.
„Dann bauen wir ihn.“
Ich hielt den Atem an.
„Was?“
Er sah mich an.
„Irgendwann.“
Ein sanftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Wenn dieser Krieg vorbei ist.“
Zum ersten Mal sprach Jasper nicht mehr davon, dass er vielleicht nicht zurückkehren würde.
Zum ersten Mal sprach er von einem Wir.
Und zum ersten Mal erlaubte ich mir, an eine Zukunft zu glauben.