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Der Major

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Der Major

„Miss?“

Eine tiefe Männerstimme drang nur gedämpft zu mir durch.

Ich blinzelte, doch mein Blick blieb auf den Scherben liegen. Das Eigelb kroch langsam zwischen den Ritzen der Holzbretter hindurch. Es wirkte beinahe friedlich. Als wäre nichts passiert.

„Sind Sie verletzt?“

Ich schüttelte automatisch den Kopf.

„Nein.“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Erst jetzt hob ich den Blick.

Vor mir kniete ein junger Mann in einer grauen Uniform. Die Jacke war voller Staub, an den Schultern glänzten die Abzeichen eines Majors. Er mochte kaum älter sein als ich, vielleicht ein oder zwei Jahre. Sein blondes Haar war ordentlich zurückgekämmt, obwohl ihm einige Strähnen ins Gesicht gefallen waren. Seine Gesichtszüge wirkten streng, fast kühl, doch seine grünen Augen spiegelten eine gewisse Wärme wieder.

„Können Sie aufstehen?“

Er streckte mir die Hand entgegen.

Ich zögerte einen Moment.

Dann legte ich meine Finger in seine.

Sein Griff war fest, aber vorsichtig. Er zog mich auf die Beine, als wäre ich aus Glas.

„Danke.“

„Sie hätten beinahe unter dem Pferd gelegen.“

„Ich... ich habe es gar nicht kommen sehen.“

Er nickte knapp.

„Das habe ich bemerkt.“

Zum ersten Mal huschte etwas wie ein Lächeln über seine Lippen.

Es verschwand genauso schnell wieder.

„Major Whitlock!“

Ein Soldat kam angerannt.

„Das Pferd ist eingefangen, Sir!“

„Gut.“

Der Major ließ meinen Arm los.

„Gab es Verletzte?“

„Nur ein paar Schürfwunden.“

„Dann kümmern Sie sich darum.“

„Jawohl, Sir.“

Der Soldat verschwand wieder.

Ich starrte ihm nach.

Major Whitlock.

Der Name blieb in meinem Kopf hängen.

„Es tut mir leid.“

Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

„Ihr Stand...“

Ich sah wieder auf das Durcheinander.

„Das war alles, was ich diese Woche hergestellt habe.“

Meine Kehle zog sich zusammen.

„Mein Vater...“

Ich verstummte.

Warum wollte ich einem Fremden erzählen, was zu Hause auf mich wartete?

Es ging ihn nichts an.

„Er wird nicht erfreut sein?“

Ich lachte leise.

Es war kein fröhliches Lachen.

„Das wäre... eine nette Umschreibung.“

Er musterte mich.

Nicht aufdringlich.

Eher aufmerksam.

Als würde er etwas suchen.

„War das Ihr einziger Verdienst?“

Ich nickte.

„Die Eier... die Marmelade... die Seife...“

Meine Stimme brach.

„Alles.“

Um uns herum begannen bereits einige Händler aufzuräumen.

Niemand schenkte meinem zerstörten Stand besondere Aufmerksamkeit.

So war das Leben.

Jeder hatte seine eigenen Sorgen.

Major Whitlock ging in die Hocke.

Ohne ein Wort begann er, die unversehrten Gläser einzusammeln.

Ich starrte ihn überrascht an.

„Das müssen Sie nicht.“

„Ich weiß.“

Er hob eine halb zerbrochene Kiste auf.

„Aber ich kann.“

Ich kniete mich ebenfalls hin.

Gemeinsam sammelten wir schweigend auf, was noch zu retten war.

Am Ende blieb erschreckend wenig.

Vier Eier.

Zwei Gläser Marmelade.

Drei Stück Seife.

Einige zerknitterte Taschentücher.

Das war alles.

Ich schluckte schwer.

„Das reicht niemals.“

„Wofür?“

Ich antwortete nicht.

Musste ich auch nicht.

Er verstand es trotzdem.

„Ihr Vater.“

Ich nickte.

Er sah mich lange an.

„Hat er Sie geschlagen?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Woher...

Ich wich seinem Blick aus.

„Ich bin gegen den Schrank gelaufen.“

Die Lüge klang genauso schlecht, wie sie sich anhörte.

Er antwortete nicht sofort.

Stattdessen betrachtete er mein Gesicht.

„Der Schrank hatte auch Hände?“

Unwillkürlich legte ich meine Finger auf den verblassten blauen Fleck an meinem Handgelenk.

Ich hatte vergessen, ihn mit den Ärmeln zu verdecken.

Schnell zog ich die Hand wieder zurück.

„Es ist nicht so schlimm.“

„Miss...“

Er sprach meinen Namen noch gar nicht.

Er wusste ihn nicht einmal.

„Bella.“

„Bella.“

Zum ersten Mal sagte jemand meinen Namen, als wäre er etwas Wertvolles.

Nicht wie einen Vorwurf.

Nicht wie eine Last.

Einfach...

Bella.

„Niemand verdient so etwas.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln.

„Das Leben fragt leider nicht danach, was wir verdienen.“

Er sah mich weiterhin an.

Seine Miene blieb unbewegt.

Doch in seinen Augen lag etwas.

Wut.

Nicht auf mich.

Auf jemanden anderen.

„Major!“

Der gleiche Soldat kam erneut angelaufen.

„Colonel Davis möchte Sie sprechen.“

„Ich komme.“

Er nickte ihm kurz zu und wandte sich wieder an mich.

„Warten Sie einen Moment.“

Bevor ich fragen konnte, was er meinte, verschwand er zwischen den Menschen.

Ich sah ihm verwirrt nach.

Er bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch die Menge, dass jeder ihm Platz machte.

Er war jung.

Viel zu jung für diesen Rang.

Und doch strahlte er eine Ruhe aus, die ich noch nie bei jemandem gesehen hatte.

Ich begann gerade, die wenigen geretteten Waren auf meinen Wagen zu laden, als er zurückkam.

In seiner Hand hielt er einen kleinen Lederbeutel.

„Hier.“

Er legte ihn auf den Tisch.

Ich öffnete ihn vorsichtig.

Silbermünzen.

Viel zu viele.

Erschrocken sah ich auf.

„Nein.“

Ich schob den Beutel sofort zurück.

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Doch.“

„Nein.“

„Bella.“

Seine Stimme blieb ruhig.

„Nehmen Sie das Geld.“

„Ich habe es nicht verdient.“

„Sie haben es sich erarbeitet.“

„Aber nicht von Ihnen.“

Er seufzte leise.

„Das Pferd gehörte der Armee.“

Ich runzelte die Stirn.

„Dann...“

„Dann ist es unsere Verantwortung.“

„Trotzdem.“

Er schob den Beutel erneut zu mir.

„Bitte.“

Dieses eine Wort überraschte mich.

Ein Major bat mich.

Nicht befahl.

Bat.

Ich senkte den Blick.

„Mein Vater wird fragen, woher das Geld kommt.“

„Dann sagen Sie ihm die Wahrheit.“

Ich musste bitter lächeln.

„Die Wahrheit macht ihn nur wütender.“

Zum ersten Mal wirkte Jasper wirklich nachdenklich.

Er schien zu überlegen, wie jemand auf eine solche Aussage reagieren konnte.

Dann nickte er langsam.

„Verstehe.“

Ich glaubte nicht, dass er es wirklich verstand.

Wie auch?

Er kannte meinen Vater nicht.

Niemand kannte ihn so wie ich.

Und ich hoffte, dass das auch so blieb.

Denn wenn er heute Abend die Haustür öffnen hörte und ich mit weniger Waren zurückkehrte, als ich am Morgen mitgenommen hatte...

...würde der Gürtel nicht das Schlimmste sein, was mich erwartete.