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Der Befehl

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Befehl

Der Herbst kündigte sich langsam an.

Die Nächte wurden kühler.

Morgens hing Nebel zwischen den Zelten und ließ das Lager beinahe friedlich wirken.

Wenn ich nicht die Soldaten gesehen hätte, die ihre Gewehre reinigten, hätte ich fast vergessen können, wo wir waren.

Fast.

„Bella.“

Margaret reichte mir eine Tasse heißen Kaffee.

„Du solltest heute etwas früher Feierabend machen.“

„Warum?“

„Weil du seit vier Wochen keinen freien Nachmittag mehr hattest.“

Ich lächelte.

„Mir geht es gut.“

„Das bezweifle ich nicht.“

Sie strich mir liebevoll über den Arm.

„Aber selbst die stärksten Menschen brauchen manchmal eine Pause.“

Ich wollte gerade antworten, als plötzlich eine Trompete über den Lagerplatz schallte.

Ein Signal, das ich inzwischen nur zu gut kannte.

Sammeln.

Innerhalb weniger Augenblicke veränderte sich die Stimmung.

Gespräche verstummten.

Soldaten verließen ihre Zelte.

Offiziere eilten zum Hauptquartier.

Ich suchte Jasper automatisch mit den Augen.

Er kam bereits schnellen Schrittes über den Platz, den Hut unter den Arm geklemmt.

Unsere Blicke trafen sich.

Nur für einen Moment.

Er lächelte.

Ganz kurz.

Dann verschwand er im Kommandantenzelt.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.

Die Besprechung dauerte ungewöhnlich lange.

Fast zwei Stunden.

Niemand wusste, worum es ging.

Selbst Nathan wirkte nervös.

„Das gefällt mir nicht.“

murmelte er.

„Warum?“

„Wenn Colonel Davis alle Offiziere so lange zusammenruft...“

Er ließ den Satz unvollendet.

Er musste es nicht.

Ich verstand.

Als sich die Plane schließlich öffnete, trat zuerst Colonel Davis hinaus.

Sein Gesicht war ernst.

Dann folgten die anderen Offiziere.

Zuletzt Jasper.

Ich erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Nicht an seinem Gesicht.

An seiner Haltung.

Seine Schultern wirkten schwerer.

Als hätte man ihm gerade eine Last aufgelegt.

Er entdeckte mich sofort.

Kam jedoch nicht zu mir.

Stattdessen begann er, Befehle an seine Männer zu verteilen.

„Munition kontrollieren.“

„Verpflegung für sieben Tage.“

„Die Pferde werden noch heute Abend vorbereitet.“

Sieben Tage?

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Nathan lief an mir vorbei.

Ich hielt ihn am Ärmel fest.

„Nathan.“

Er blieb stehen.

Sein sonst so fröhliches Gesicht war verschwunden.

„Was ist los?“

Er senkte den Blick.

„Wir marschieren.“

Mir wurde schlagartig kalt.

„Wann?“

„Übermorgen.“

Die Welt schien für einen Augenblick stillzustehen.

Übermorgen.

Nicht irgendwann.

Nicht nächste Woche.

Übermorgen.

„Wie lange?“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Das weiß niemand.“

Den restlichen Nachmittag arbeitete ich wie in Trance.

Ich wechselte Verbände.

Kochte Tee.

Sortierte Medikamente.

Doch meine Gedanken waren überall.

Nur nicht bei meiner Arbeit.

Immer wieder blickte ich zur Zeltöffnung.

In der Hoffnung, Jasper würde kommen.

Er kam nicht.

Er war beschäftigt.

Er musste seine Männer vorbereiten.

Natürlich musste er das.

Und trotzdem tat es weh.

Erst weit nach Sonnenuntergang klopfte es leise an mein kleines Zelt.

Ich wusste sofort, wer draußen stand.

„Herein.“

Jasper trat ein.

Er wirkte erschöpft.

Seine Uniformjacke hing offen, seine Haare waren vom Wind zerzaust.

Zum ersten Mal seit Langem sah er älter aus als zwanzig.

„Hallo.“

sagte ich leise.

„Hallo.“

Er schloss die Plane hinter sich.

Keiner von uns wusste, wie man ein solches Gespräch begann.

Schließlich setzte er sich langsam auf den kleinen Holzstuhl.

„Ich wollte früher kommen.“

„Ich weiß.“

„Es ging nicht.“

„Ich weiß.“

Er sah mich lange an.

„Nathan hat es Ihnen erzählt.“

Ich nickte.

„Ja.“

Wieder entstand Schweigen.

Diesmal war es schwer.

Fast erdrückend.

„Ich habe versucht, den Marsch hinauszuzögern.“

sagte er schließlich.

„Colonel Davis hat alles versucht.“

Er fuhr sich müde durchs Gesicht.

„Aber der Befehl kommt von ganz oben.“

Ich setzte mich ihm gegenüber.

„Haben Sie Angst?“

Er lächelte schwach.

„Jeder Mann, der Ihnen etwas anderes erzählt, lügt.“

Diese Ehrlichkeit traf mich mehr als jede beruhigende Lüge.

„Und Sie?“

fragte er leise.

Ich nickte.

„Ja.“

Er stand langsam auf.

Kam zu mir.

Blieb direkt vor mir stehen.

„Bella...“

Er nahm vorsichtig meine Hände in seine.

„Es gibt etwas, das ich Ihnen sagen muss.“

Mein Herz zog sich zusammen.

„Was denn?“

Er holte tief Luft.

„Sollte ich nicht zurückkommen...“

„Nein.“

Ich schüttelte sofort den Kopf.

„Bitte sagen Sie das nicht.“

„Sie müssen mir zuhören.“

Seine Stimme war ruhig.

Sanft.

„Nein.“

Mir liefen bereits Tränen über die Wangen.

„Ich möchte das nicht hören.“

Er hob eine Hand und strich sie vorsichtig über meine Wange.

„Genau deshalb muss ich es sagen.“

Ich schloss die Augen.

„Wenn ich nicht zurückkomme...“

flüsterte er.

„...dürfen Sie nicht aufhören zu leben.“

Ich öffnete die Augen wieder.

„Versprechen Sie mir das.“

Ich konnte nicht.

Ich brachte kein einziges Wort heraus.

Er zog mich langsam in seine Arme.

Ganz fest.

Zum ersten Mal seit wir uns kannten.

Ich legte den Kopf an seine Brust.

Sein Herz schlug schnell.

Fast genauso schnell wie meines.

„Ich liebe Sie, Bella.“

flüsterte er in mein Haar.

Zum ersten Mal sprach er diese Worte aus.

Nicht zögernd.

Nicht vorsichtig.

Sondern mit einer Gewissheit, die mir den Atem nahm.

Ich schlang die Arme fester um ihn.

„Ich liebe Sie auch.“

Draußen herrschte geschäftiges Treiben.

Pferde wurden gesattelt.

Wagen beladen.

Soldaten bereiteten sich auf den Marsch vor.

Doch in diesem kleinen Zelt existierte für einen kostbaren Augenblick nur noch wir beide.

Und keiner von uns sprach aus, dass dies vielleicht unsere letzte gemeinsame Nacht vor dem Krieg sein könnte.