LNCrawler

Briefe

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Briefe

Ich hielt mein Versprechen nicht.

In der Nacht, nachdem Jasper mir gesagt hatte, dass sein Regiment aufbrechen würde, schlief ich keine Minute.

Ich lauschte jedem Geräusch draußen.

Dem Schnauben der Pferde.

Den Stimmen der Männer.

Dem Klirren von Metall.

Das Lager bereitete sich auf den Aufbruch vor.

Und mit jeder verstreichenden Stunde rückte der Abschied näher.

Als ich am nächsten Morgen das Lazarett betrat, herrschte bereits reges Treiben.

Margaret drückte mir wortlos einen Stapel frischer Leinentücher in die Arme.

Sie musste nichts sagen.

Man sah ihr an, dass sie wusste, was in mir vorging.

„Sie kommen wieder.“

sagte sie schließlich.

Ich nickte.

„Natürlich.“

Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte.

„Das müssen sie.“

Margaret lächelte traurig.

„Diese Hoffnung brauchen wir alle.“

Gegen Mittag half ich dabei, Vorräte auf einen Wagen zu laden.

Verbände.

Medikamente.

Saubere Kleidung.

Alles, was an die Front geschickt werden sollte.

Jasper überprüfte gemeinsam mit Colonel Davis die Listen.

Er wirkte vollkommen konzentriert.

Als wäre der Abschied kein Thema.

Doch jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, erkannte ich dieselbe Anspannung, die auch ich verspürte.

Er versteckte sie nur besser.

„Bella.“

Nathan tauchte neben mir auf.

Er hielt einen kleinen Stoffbeutel in der Hand.

„Für dich.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was ist das?“

„Mach auf.“

Neugierig zog ich das Band auf.

Darin lagen mehrere zusammengefaltete Bögen Papier.

Und ein kleiner Bleistift.

Ich sah ihn verwundert an.

„Warum?“

Er wurde ungewohnt ernst.

„Weil der Major schreiben wird.“

Ich blinzelte.

„Woher weißt du das?“

Nathan schnaubte leise.

„Weil er seit gestern Abend zehnmal gefragt hat, ob im Versorgungstrupp genug Papier ist.“

Ich musste lächeln.

„Wirklich?“

„Er hat versucht, es unauffällig zu machen.“

Nathan grinste.

„War er nicht.“

Ich schloss den Stoffbeutel vorsichtig.

„Danke.“

„Nicht mir.“

Er deutete mit dem Kopf unauffällig zu Jasper.

„Dem Dickkopf da drüben.“

Ich sah hinüber.

Jasper sprach gerade mit zwei Leutnants.

Doch für einen kurzen Augenblick hob er den Blick.

Und lächelte.

Nur ganz leicht.

Ich lächelte zurück.

Am Abend war das Lager ungewöhnlich still.

Niemand sang.

Niemand erzählte Geschichten.

Viele Männer schrieben Briefe.

Andere saßen schweigend am Feuer.

Ich fand Jasper schließlich am Fluss.

Er hatte die Uniformjacke ausgezogen und saß auf dem Baumstamm, auf dem wir schon so oft gemeinsam gesessen hatten.

Neben ihm lag ein kleines Notizbuch.

Als ich näherkam, klappte er es sofort zu.

„Sie schreiben schon wieder.“

Er lächelte verlegen.

„Nur ein bisschen.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Darf ich diesmal lesen?“

Er lachte leise.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Irgendwann.“

Ich nickte.

„Das reicht mir.“

Eine Weile schwiegen wir.

Die Sonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche.

Der kleine Hund – Major – schlief zusammengerollt zu unseren Füßen.

„Ich habe etwas für Sie.“

Jasper griff in seine Manteltasche.

Zum Vorschein kam ein schlichtes Lederband.

Daran hing eine kleine Holzfigur.

Ein winziger Vogel.

Ich nahm sie vorsichtig in die Hand.

„Die haben Sie geschnitzt?“

Er nickte.

„Vor ein paar Wochen.“

Ich fuhr mit dem Daumen über das glatte Holz.

„Sie ist wunderschön.“

„Nein.“

Er sah mich an.

„Aber sie soll Sie daran erinnern.“

„Woran?“

„Dass jeder Vogel irgendwann nach Hause findet.“

Mir stiegen Tränen in die Augen.

„Jasper...“

„Nein.“

Er lächelte sanft.

„Diesmal hören Sie einfach zu.“

Ich nickte.

„Wenn ich unterwegs bin...“

Er nahm meine Hand.

„...schreiben Sie mir.“

„Natürlich.“

„Erzählen Sie mir vom Lager.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Von Nathan.“

Ich musste lachen.

„Das wird eine Menge Papier brauchen.“

„Von Margaret.“

„Von Major.“

Der kleine Hund hob verschlafen den Kopf, als hätte er seinen Namen gehört.

„Und...“

Seine Stimme wurde leiser.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Garten.“

Ich sah ihn verwundert an.

„Meinem Garten?“

„Ja.“

Er blickte auf den Fluss.

„Schreiben Sie mir jedes Mal eine neue Blume.“

Ich lächelte.

„Eine neue Blume?“

„Eine Rose.“

„Eine Lilie.“

„Lavendel.“

Er zuckte leicht mit den Schultern.

„Irgendwann kenne ich ihn auswendig.“

Mein Herz wurde schwer und gleichzeitig warm.

„Und wenn Ihnen die Blumen ausgehen?“

fragte er.

Ich dachte einen Moment nach.

Dann lächelte ich.

„Dann fange ich wieder von vorne an.“

Er erwiderte mein Lächeln.

„Abgemacht.“

Ich lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter.

Er legte seinen Kopf sanft auf meinen.

Wir saßen schweigend am Fluss.

Keine großen Versprechen.

Keine dramatischen Worte.

Nur zwei Menschen, die beschlossen hatten, sich gegenseitig durch Briefe an einer gemeinsamen Zukunft festzuhalten.

Denn solange Briefe ihren Weg fanden...

gab es Hoffnung.