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Der erste Brief

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Der erste Brief

Es war still.

Nicht die angenehme Ruhe, die nach einem langen Arbeitstag über das Lager fiel.

Diese Stille war anders.

Sie war zu groß.

Zu leer.

Zu endgültig.

Als hätte der Aufbruch der Regimenter einen Teil des Lagers mit sich genommen.

Ich stand noch immer an derselben Stelle, obwohl längst alle anderen zu ihren Aufgaben zurückgekehrt waren.

Erst als Margaret vorsichtig meine Schulter berührte, blinzelte ich.

„Komm.“

Ihre Stimme war sanft.

„Die Verwundeten warten nicht.“

Ich nickte.

Sie hatte recht.

Der Krieg machte keine Pause, nur weil mein Herz gerade mit Jasper davongeritten war.

Den ganzen Tag arbeitete ich wie automatisch.

Ich wechselte Verbände.

Kochte Kräuter.

Hielt einem jungen Soldaten die Hand, während der Arzt eine Kugel aus seinem Bein entfernte.

Meine Hände wussten genau, was sie tun mussten.

Meine Gedanken waren viele Meilen entfernt.

Immer wieder glitt meine Hand zu der Innentasche meiner Schürze.

Dorthin, wo Jaspers Brief lag.

Ich hatte versprochen, ihn erst am Abend zu lesen.

Und dieses Versprechen wollte ich halten.

Als die Sonne hinter den Hügeln verschwand, machte ich mich auf den Weg zum Fluss.

Allein.

Ich setzte mich auf unseren Baumstamm.

Der kleine Hund Major trottete hinter mir her und rollte sich schweigend zu meinen Füßen zusammen.

Mit zitternden Fingern zog ich den Brief hervor.

Das Papier war bereits etwas zerknittert.

Langsam faltete ich ihn auseinander.

Ich erkannte sofort seine Handschrift.

Ordentlich.

Gerade.

Fast so diszipliniert wie er selbst.

Meine liebste Bella,

wenn du diesen Brief liest, bin ich vermutlich schon viele Meilen von dir entfernt.

Allein dieser Gedanke gefällt mir nicht.

Ich weiß nicht, was die nächsten Tage bringen werden.

Vielleicht wird es ruhig.

Vielleicht nicht.

Aber ich möchte nicht, dass der letzte Satz, den du von mir hörst, ein Abschied bleibt.

Deshalb schreibe ich dir lieber von etwas anderem.

Weißt du noch, wie du mir von deinem Garten erzählt hast?

Ich habe heute Morgen darüber nachgedacht, während ich die Männer beobachtet habe.

Ich konnte ihn plötzlich ganz deutlich vor mir sehen.

Ein kleines weißes Haus.

Eine Veranda.

Rosen am Zaun.

Lavendel vor den Fenstern.

Und irgendwo läuft ein Hund herum, der wahrscheinlich immer noch auf den Namen "Major" hört, obwohl ich ihn nie ausgesucht hätte.

Ich musste dabei lächeln.

Nathan würde jetzt behaupten, ich würde alt werden.

Vielleicht hat er sogar recht.

Bella...

Ich weiß nicht, ob Gott jedem Menschen einen zweiten Anfang schenkt.

Aber ich weiß, dass er mir dich geschenkt hat.

Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich wieder Pläne.

Nicht für den Krieg.

Für danach.

Und allein dafür danke ich dir.

Versprich mir nur eines.

Sollte ich länger fort sein, pflanze trotzdem weiter Blumen in unseren Garten.

Denn ich habe vor, sie alle irgendwann zu sehen.

In Liebe

Jasper

Ich bemerkte erst, dass ich weinte, als ein Tropfen auf das Papier fiel.

Schnell wischte ich ihn fort.

Ich wollte die Tinte nicht verwischen.

„Du fehlst mir.“

flüsterte ich in die Abendluft.

Der Wind antwortete nicht.

Er strich nur leise durch das hohe Gras.

Ich faltete den Brief sorgfältig zusammen.

Nicht zurück in meine Schürze.

Sondern in die kleine Holzkiste, in der ich bisher nur das geschnitzte Vögelchen aufbewahrt hatte.

Von diesem Tag an beschloss ich, jeden einzelnen seiner Briefe aufzubewahren.

Egal, wie viele es werden würden.

Am nächsten Morgen erreichte ein Bote das Lager.

Er brachte keine Verwundeten.

Keine schlechten Nachrichten.

Nur eine kurze Meldung.

„Major Whitlocks Regiment hat den Marsch planmäßig fortgesetzt.“

Ich atmete erleichtert aus.

Es war nur ein einziger Satz.

Und doch bedeutete er mir mehr, als ich mir eingestehen wollte.

Jasper war in Sicherheit.

Zumindest heute.

Ich wusste nicht, wie viele solcher Meldungen ich noch brauchen würde.

Aber ich wusste, dass ich auf jede einzelne warten würde.

Tag für Tag.

Brief für Brief.

Bis er wieder nach Hause kam.