Verwundete
Verwundete
Der Herbst färbte die ersten Blätter golden.
Ich hatte nie gedacht, dass eine Jahreszeit so wunderschön und gleichzeitig so grausam sein konnte.
Die Bäume wechselten ihre Farben.
Die Luft wurde klarer.
Und fast jeden zweiten Tag trafen neue Verwundete im Lager ein.
Der Krieg rückte näher.
Das spürte jeder.
„Wagen!“
Die Stimme eines Wachpostens durchschnitt den Nachmittag.
Ich legte den Verband sofort aus der Hand.
Margaret war bereits aufgesprungen.
„Alle bereitmachen!“
Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich das Lazarett in ein eingespieltes Uhrwerk.
Frisches Wasser.
Verbände.
Werkzeuge.
Der Arzt zog sich bereits die blutverschmierte Lederschürze über.
Ich rannte mit einer Schüssel nach draußen.
Vier Planwagen rollten langsam ins Lager.
Schon von Weitem hörte ich das Stöhnen der Männer.
Mein Magen zog sich zusammen.
Jedes Mal hoffte ich, Jasper nicht unter ihnen zu entdecken.
Jedes Mal hatte ich Angst davor.
Heute war er nicht dabei.
Ich atmete unbemerkt erleichtert aus.
Und sofort schämte ich mich dafür.
Denn irgendjemand wartete auf diese Männer genauso, wie ich auf Jasper wartete.
„Bella!“
Margaret deutete auf einen jungen Soldaten.
„Der zuerst!“
Er war kaum älter als achtzehn.
Seine Uniform war voller Schlamm.
Seine rechte Schulter blutete stark.
„Ganz ruhig.“
Ich kniete mich neben ihn.
„Wie heißen Sie?“
„Henry.“
Seine Stimme zitterte.
„Henry Collins.“
„Ich bin Bella.“
Ich schnitt vorsichtig den Stoff über der Wunde auf.
„Sie schaffen das.“
Er versuchte zu lächeln.
„Sagen...“
Er atmete schwer.
„...sagen Sie meiner Mutter...“
„Das können Sie ihr selbst sagen.“
unterbrach ich ihn sanft.
„Sie fahren nicht eher nach Hause, bevor Sie wieder gesund sind.“
Er nickte schwach.
„Versprochen?“
Ich lächelte.
„Versprochen.“
Bis spät in die Nacht arbeiteten wir ohne Pause.
Erst als der letzte Verwundete versorgt war, ließ ich mich erschöpft auf einen Hocker sinken.
Meine Hände zitterten.
Nicht vor Anstrengung.
Vor Erschöpfung.
Margaret stellte mir wortlos einen Becher Tee hin.
„Danke.“
Sie setzte sich neben mich.
„Du wirst besser.“
„Ich hoffe nicht.“
Sie sah mich überrascht an.
„Warum?“
Ich blickte auf meine Hände.
„Weil es bedeutet, dass ich mich an den Krieg gewöhne.“
Margaret schwieg lange.
Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Nein.“
Sie nahm meine Hand.
„Du gewöhnst dich nicht an den Krieg.“
Sie lächelte traurig.
„Du lernst nur, trotz ihm weiterzuhelfen.“
Drei Tage später kam erneut ein Bote.
Diesmal brachte er keinen Brief.
Sondern einen kleinen Beutel.
„Für Miss Bella Swan.“
Ich nahm ihn verwundert entgegen.
„Von wem?“
„Major Whitlock.“
Mein Herz machte einen Sprung.
Vorsichtig öffnete ich den Stoffbeutel.
Darin lag...
eine gepresste Sonnenblume.
Zwischen zwei Blättern Papier.
Und ein kurzer Zettel.
Ich konnte sie nicht mitnehmen, ohne an dich zu denken. Jetzt gehört sie in unseren Garten.
Mehr stand dort nicht.
Ich lächelte so sehr, dass mir die Wangen wehtaten.
„Lass mich raten.“
Nathan war unbemerkt hinter mich getreten.
„Vom Major?“
Ich nickte.
„Eine Sonnenblume.“
Er grinste.
„Der Mann ist hoffnungslos.“
„Nathan.“
„Was denn?“
Er blickte auf die gepresste Blume.
„Weißt du...“
Seine Stimme wurde ungewöhnlich ruhig.
„Vor einem Jahr hätte Jasper nie Blumen gepflückt.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Nicht?“
„Nein.“
Er blickte über den Lagerplatz.
„Damals dachte er nur daran, den nächsten Tag zu überleben.“
Er lächelte leicht.
„Jetzt denkt er an die Zukunft.“
Ich strich vorsichtig über die getrockneten Blütenblätter.
„Das tun wir beide.“
In dieser Nacht legte ich die Sonnenblume zu den anderen Erinnerungen.
Zu dem geschnitzten Vogel.
Zu seinen Briefen.
Und ganz unten in der kleinen Holzkiste lag bereits ein zusammengefaltetes Blatt.
Darauf hatte Jasper vor Wochen mit Bleistift den Grundriss eines kleinen Hauses gezeichnet.
Mit einer breiten Veranda.
Und einem Garten.
Damals hatte ich gelächelt.
Heute strich ich mit den Fingerspitzen über die Zeichnung.
„Eines Tages.“
flüsterte ich.
„Eines Tages bauen wir es wirklich.“
Draußen rauschte der Wind durch die Bäume.
Und viele Meilen entfernt, irgendwo zwischen Marschwegen und Schlachtfeldern, wusste ich, dass Jasper in derselben Nacht wahrscheinlich ebenfalls an dieses Haus dachte.
Es war noch nicht gebaut.
Und doch war es längst unser Zuhause.