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Heimkehr auf Zeit

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Heimkehr auf Zeit

Der erste Frost kam früher als erwartet.

Morgens glitzerte das Gras silbern, und über dem Lager hing dichter Nebel.

Ich zog meinen Schal enger um die Schultern und balancierte einen Korb mit frischem Brot zur Feldküche.

„Bella!“

Nathan kam mir mit erstaunlich guter Laune entgegen.

„Du solltest heute nicht so viel arbeiten.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Das sagt ausgerechnet der Mann, der gestern mit Fieber Dienst machen wollte?“

„Das waren nur Kleinigkeiten.“

„Nathan.“

„Na gut.“

Er grinste.

„Margaret hat mich praktisch ans Bett gefesselt.“

„Und das völlig zu Recht.“

Er wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich das Signalhorn am Lagereingang erklang.

Einmal.

Kurz.

Kein Alarm.

Ein Ankunftssignal.

Mehrere Soldaten blickten gleichzeitig auf.

„Versorgung?“

fragte ich.

Nathan schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Sein Blick wanderte zum Tor.

„Das ist...“

Noch bevor er den Satz beenden konnte, hörten wir Hufschläge.

Nicht viele.

Vielleicht zwanzig Reiter.

Eine kleine Einheit.

Die Männer wirkten erschöpft.

Staub bedeckte ihre Uniformen.

Ihre Pferde gingen langsam.

Und dann...

...erkannte ich ihn.

Jasper.

Mein Herz setzte für einen Augenblick aus.

Er war dünner geworden.

Sein Gesicht wirkte schmaler.

Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

Aber er lebte.

Er lebte.

Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, setzte ich mich in Bewegung.

Ich lief.

Einfach los.

Über den Lagerplatz.

Zwischen den Wagen hindurch.

Jasper hatte mich ebenfalls entdeckt.

Er sprang kaum, dass sein Pferd stand, aus dem Sattel.

Für einen einzigen Moment vergaßen wir alles um uns herum.

Den Krieg.

Das Lager.

Die Soldaten.

Ich blieb direkt vor ihm stehen.

Außer Atem.

„Hallo.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Er lächelte.

Es war müde.

Aber echt.

„Hallo.“

Seine Stimme klang rau.

„Ich habe dich vermisst.“

Zum ersten Mal sagte er es einfach.

Ohne sich zu verstecken.

Ohne Angst.

Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.

„Ich dich auch.“

Er hob langsam die Hand.

Berührte vorsichtig meine Wange.

Als müsste er sich vergewissern, dass ich wirklich da war.

„Du bist gesund.“

„Und du.“

Er lachte leise.

„Das hätte ich beinahe vergessen.“

Ich schlug ihm sanft gegen die Brust.

„Mach nie wieder solche Witze.“

„Entschuldige.“

Seine Hand glitt langsam in meine.

„Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich dich endlich wiedersehe.“

„Major!“

Nathan räusperte sich demonstrativ.

„Schön, dass Sie wieder da sind.“

Jasper drehte sich grinsend um.

„Soldat.“

„Falls Sie sich fragen...“

Nathan verschränkte gespielt beleidigt die Arme.

„Ich habe ausgezeichnet auf Bella aufgepasst.“

„Das bezweifle ich.“

„Unverschämtheit.“

„Nathan.“

„Ja, Sir?“

„Sie sehen aus, als hätten Sie zugenommen.“

Das ganze Lager lachte.

Nathan starrte empört an sich herunter.

„Das ist die Winteruniform!“

„Natürlich.“

antwortete Jasper vollkommen ernst.

Ich musste so lachen, dass ich mich an seinem Arm festhalten musste.

Er sah kurz zu mir hinunter.

Ein warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Und für einen kurzen Augenblick sah ich wieder den jungen Mann vom Marktplatz.

Nicht den Major.

Nicht den Offizier.

Einfach Jasper.

Am Nachmittag erzählte Jasper von den vergangenen Wochen.

Nicht von Kämpfen.

Nicht von Gefallenen.

Sondern von den kleinen Dingen.

Ein Pferd, das ständig ausbrach.

Nathan, der ihm einen Brief geschickt hatte, in dem ausschließlich stand:

"Major, Major klaut noch immer Frühstück."

Selbst Colonel Davis musste darüber lachen.

„Hat der Hund wirklich mein Frühstück gestohlen?“

fragte Jasper.

Nathan nickte ernst.

„Zweimal.“

„Das erklärt einiges.“

„Er hört eben auf seinen Namen.“

Jasper schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Daran bist ausschließlich du schuld.“

„Darauf bin ich sogar ein bisschen stolz.“

Erst als die Dämmerung hereinbrach, fanden Jasper und ich endlich einen Moment allein.

Wie so oft führte unser Weg zum Fluss.

Das Wasser rauschte leise.

Der Baumstamm wartete noch immer auf uns.

„Ich habe etwas für dich.“

sagte ich.

„Schon wieder?“

Ich nickte.

Aus meiner Manteltasche zog ich vorsichtig einen kleinen Stoffbeutel.

„Mach auf.“

Er öffnete ihn langsam.

Darin lag...

eine getrocknete Aster.

Daneben eine kleine Zeichnung.

Ein Garten.

Mit Rosen.

Lavendel.

Und einer Sonnenblume.

Er betrachtete das Blatt lange.

Sehr lange.

„Du hast ihn gemalt?“

„Ich bin keine besonders gute Zeichnerin.“

„Bella.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Er sieht genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe.“

Er strich vorsichtig über das Papier.

„Siehst du den freien Platz dort?“

Ich zeigte auf eine Ecke des Gartens.

„Ja.“

„Da pflanzen wir jedes Jahr etwas Neues.“

Er lächelte.

„Abgemacht.“

Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.

Eine Weile saßen wir schweigend da.

Dann spürte ich, wie Jasper tief Luft holte.

„Wir bleiben nur drei Tage.“

Mein Herz zog sich zusammen.

Drei Tage.

Nach all den Wochen.

„Dann müssen wir jeden einzelnen davon nutzen.“

Er nickte.

„Jeden einzelnen.“

Er nahm meine Hand.

„Und dieses Mal...“

Er lächelte sanft.

„...möchte ich dir endlich die Stadt zeigen, in der ich aufgewachsen bin.“

Ich sah überrascht zu ihm auf.

Bisher hatte Jasper kaum über seine Kindheit gesprochen.

„Wirklich?“

„Wenn wir einen freien Nachmittag bekommen.“

Er lächelte.

„Ich glaube, ich bin bereit, dir den Jungen zu zeigen, der ich einmal war.“

Ich drückte seine Hand.

„Dann freue ich mich darauf.“

Am nächsten Morgen wurde ich ungewöhnlich früh wach.

Nicht wegen eines Alarms.

Nicht wegen eines Verwundeten.

Sondern weil ich wusste, dass Jasper nur für kurze Zeit hier war.

Ich wollte keine einzige Minute davon verschwenden.

Als ich das Lazarett betrat, war Margaret bereits dabei, frische Verbände zusammenzulegen.

Sie lächelte, kaum dass sie mich sah.

„Verschwinde.“

Ich blieb verwundert stehen.

„Wie bitte?“

„Du hast richtig gehört.“

Sie deutete mit dem Kopf zur Zeltöffnung.

„Ich komme allein zurecht.“

„Aber wir haben—“

„Bella.“

Sie stellte den Korb entschieden auf den Tisch.

„Du arbeitest seit Monaten ohne einen freien Tag.“

Ich wollte widersprechen.

„Und bevor du etwas sagst…“

Sie hob einen Finger.

„Der Major ist nur drei Tage hier.“

Mein Herz machte einen kleinen Sprung.

„Woher…?“

„Kind.“

Sie lachte leise.

„Ich bin alt, nicht blind.“

Ich musste lächeln.

„Danke.“

Sie trat auf mich zu und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Genieß dein Glück.“

„Das werde ich.“

Jasper wartete bereits am Fluss.

Als er mich kommen sah, stand er sofort auf.

„Ich hatte gehofft, Margaret würde dich freistellen.“

„Hat sie.“

Er lächelte.

„Dann sollte ich mich wohl irgendwann bei ihr bedanken.“

„Sie wird behaupten, das sei nicht nötig.“

„Und trotzdem werde ich es tun.“

Er hielt mir die Hand hin.

„Komm.“

„Wohin?“

„Überraschung.“

Ich legte meine Hand in seine.

Sie fühlte sich sofort richtig an.

Als hätte sie genau dort hingehört.

Wir liefen fast eine Stunde.

Erst als wir den kleinen Ort erreichten, blieb Jasper stehen.

Es war kaum mehr als eine Handvoll Häuser.

Eine Kirche.

Ein Gemischtwarenladen.

Eine kleine Bäckerei.

„Hier?“

fragte ich.

Er nickte.

„Hier bin ich aufgewachsen.“

Ich betrachtete die Straße.

Kinder spielten mit einem Holzreifen.

Eine ältere Frau fegte ihre Veranda.

Ein Schmied arbeitete in seiner Werkstatt.

Alles wirkte friedlich.

„Es ist wunderschön.“

Jasper lächelte wehmütig.

„Früher kam es mir riesig vor.“

„Und jetzt?“

„Jetzt…“

Er blickte langsam die Straße entlang.

„Jetzt ist es nur noch eine Erinnerung.“

Wir gingen nebeneinander her.

Langsam.

Ohne Eile.

„Dort.“

Er zeigte auf ein kleines weißes Haus.

„Da habe ich gewohnt.“

Mein Blick blieb daran hängen.

Es war schlicht.

Mit einer Veranda.

Ein Schaukelstuhl stand davor.

„Deine Mutter?“

fragte ich leise.

Er nickte.

„Sie hat jeden Abend dort gesessen.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Und gewartet, bis ich vom Spielen nach Hause kam.“

Ich sah zu ihm.

„Du vermisst sie.“

„Jeden Tag.“

Seine Stimme war kaum hörbar.

Ich drückte seine Hand etwas fester.

Mehr konnte ich nicht tun.

„Komm.“

Er führte mich weiter.

„Ich möchte dir etwas zeigen.“

Am Ende der Straße lag eine große Wiese.

Überall wuchsen Wildblumen.

Gelb.

Blau.

Rot.

Der Wind ließ sie sanft hin und her wiegen.

„Hier habe ich als Kind fast jeden Nachmittag verbracht.“

Er ließ sich ins Gras sinken.

Ich setzte mich neben ihn.

„Und was hast du hier gemacht?“

„Geträumt.“

Ich lächelte.

„Wovon?“

Er dachte einen Moment nach.

„Von Reisen.“

„Von einem eigenen Haus.“

„Von einer Familie.“

Er lachte leise.

„Damals klang das alles unglaublich weit weg.“

Ich legte den Kopf leicht schief.

„Und heute?“

Sein Blick fand meinen.

„Heute klingt es zum ersten Mal möglich.“

Mein Herz schlug schneller.

„Bella.“

Er griff vorsichtig nach meiner Hand.

„Ich weiß, dass wir beide nichts versprechen können.“

Ich nickte.

„Das weiß ich.“

„Aber wenn ich zurückkomme…“

Er sprach langsam.

Bedacht.

„Dann möchte ich nicht mehr nur von unserem Garten reden.“

Ich hielt den Atem an.

„Ich möchte anfangen, ihn zu bauen.“

Mir stiegen Tränen in die Augen.

Nicht aus Traurigkeit.

Sondern weil sich dieser Traum plötzlich so greifbar anfühlte.

„Und ich…“

Ich lächelte unter Tränen.

„…werde dafür sorgen, dass immer frisches Brot auf dem Tisch steht.“

Er lachte.

„Nur Brot?“

„Und Marmelade.“

„Honig?“

„Wenn die Bienen mitspielen.“

„Und Major?“

Ich musste lachen.

„Der bekommt seinen eigenen Platz auf der Veranda.“

„Ob das eine gute Idee ist?“

„Ganz bestimmt nicht.“

Wir lachten beide.

Laut.

Unbeschwert.

Zum ersten Mal, seit ich Jasper kannte, hörte ich dieses tiefe, ehrliche Lachen, von dem Nathan erzählt hatte.

Ich schloss für einen Moment die Augen.

Ich wollte mir diesen Klang einprägen.

Für immer.

Damals wusste ich noch nicht, wie oft ich mich in den kommenden Jahren an genau dieses Lachen klammern würde.

Denn Erinnerungen konnten einem Menschen manchmal genauso viel Kraft geben wie Hoffnung.