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Die Uhr

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Uhr

Am zweiten Morgen weckte mich nicht das Signalhorn.

Nicht Nathan.

Nicht Margaret.

Sondern ein leises Klopfen gegen den Zeltpfosten.

„Bella?“

Ich musste unwillkürlich lächeln.

„Ich bin wach.“

„Das hoffe ich.“

Ich hörte das Grinsen in seiner Stimme.

„Sonst wäre das hier ziemlich einseitig.“

Ich schlüpfte schnell in meine Schuhe und trat nach draußen.

Jasper wartete bereits.

In einer einfachen weißen Hemdbluse, ohne Uniformjacke.

Für einen kurzen Augenblick vergaß ich, dass vor mir ein Major stand.

Ich sah nur den Mann, den ich liebte.

„Guten Morgen.“

Er beugte sich leicht vor und küsste meine Stirn.

„Guten Morgen.“

„Hast du schon gefrühstückt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dann komm.“

„Schon wieder eine Überraschung?“

„Vielleicht.“

Sein Lächeln verriet nichts.

Er führte uns nicht weit.

Nur bis an den Rand des Lagers.

Dort hatte einer der Köche ein kleines Feuer entfacht.

Auf einem umgedrehten Topf standen zwei dampfende Becher.

Daneben lagen frisches Brot, Butter und Apfelmus.

„Du hast das vorbereitet?“

fragte ich überrascht.

Jasper wurde tatsächlich ein wenig verlegen.

„Mit etwas Hilfe.“

„Nathan?“

„Nein.“

„Margaret?“

„Auch nicht.“

Ich lachte.

„Dann Colonel Davis?“

Jetzt musste auch Jasper lachen.

„Er würde mich vermutlich wegen Verschwendung von Vorräten bestrafen.“

„Wer dann?“

„Mrs. Wilson.“

Die Köchin.

Ich musste schmunzeln.

„Sie mag dich.“

„Sie hat behauptet, ein Major, der versucht, einer Frau ein Frühstück zu machen, brauche dringend Unterstützung.“

„Das klingt nach ihr.“

Er zog den Stuhl für mich zurück.

„Bitte.“

„Danke.“

Es war nichts Besonderes.

Etwas Brot.

Butter.

Warmer Kaffee.

Und doch fühlte es sich an wie das schönste Frühstück meines Lebens.

Nicht wegen des Essens.

Sondern wegen des Mannes, der mir gegenüber saß.

„Du beobachtest mich.“

stellte Jasper irgendwann fest.

Ich erschrak.

„Tue ich das?“

„Seit ungefähr fünf Minuten.“

Ich lachte leise.

„Entschuldige.“

„Warum?“

Er nahm einen Schluck Kaffee.

„Was gibt es zu sehen?“

Ich legte den Kopf leicht schief.

„Alles.“

Er hob fragend eine Augenbraue.

„Du runzelst die Stirn, wenn du nachdenkst.“

Ich zählte an meinen Fingern ab.

„Du hältst deine Kaffeetasse immer mit beiden Händen.“

„Wenn du Brot schneidest, legst du das Messer ganz gerade neben den Teller.“

Er musste lachen.

„Ist das wirklich so?“

„Ja.“

„Das ist mir nie aufgefallen.“

„Mir schon.“

Er sah mich lange an.

„Und dir?“

fragte ich schließlich.

„Was ist dir an mir aufgefallen?“

Er antwortete nicht sofort.

Er betrachtete mich mit einem Blick, der mich gleichzeitig nervös und glücklich machte.

„Du streichst dir eine Haarsträhne immer hinter das linke Ohr, wenn du verlegen bist.“

Ich blinzelte.

„Wirklich?“

„Ja.“

Er lächelte.

„Und wenn du dich freust, fängst du an, mit dem rechten Fuß leicht zu wippen.“

Ich sah unwillkürlich nach unten.

Tatsächlich bewegte sich mein Fuß.

„Das...“

Ich musste lachen.

„...ist mir auch nie aufgefallen.“

„Mir schon.“

Wir schwiegen einen Moment.

Es war ein schönes Schweigen.

Eines, in dem Worte nicht nötig waren.

Später führte Jasper mich zu einem kleinen Uhrmacher am Ende der Straße.

Der Laden war winzig.

Überall tickten Uhren.

Große.

Kleine.

Standuhren.

Taschenuhren.

„Warum sind wir hier?“

fragte ich.

Jasper blieb vor einer alten Vitrine stehen.

„Mein Vater.“

sagte er leise.

„Er hat hier gearbeitet.“

Ich sah überrascht zu ihm auf.

„Er war Uhrmacher?“

Er nickte.

„Als Junge durfte ich ihm manchmal helfen.“

Seine Finger glitten vorsichtig über das Holz der Vitrine.

„Er hat immer gesagt...“

Ein sanftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Eine Uhr zeigt dir nicht nur, wie spät es ist. Sie erinnert dich daran, dass jede Minute kostbar ist.“

Ich ließ den Satz einen Moment wirken.

Dann nahm ich seine Hand.

„Er hatte recht.“

„Ja.“

Sein Blick ruhte auf den zahllosen Uhrwerken.

„Damals habe ich das nicht verstanden.“

Er sah zu mir.

„Heute schon.“

Der alte Uhrmacher trat aus dem Hinterzimmer.

Er war weit über siebzig, sein Rücken leicht gebeugt.

Als sein Blick auf Jasper fiel, blieb er wie angewurzelt stehen.

„Jasper...?“

Jasper lächelte.

„Guten Tag, Mr. Hensley.“

Der alte Mann trat langsam näher.

„Junge...“

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du bist groß geworden.“

„Ein wenig.“

„Dein Vater wäre stolz auf dich.“

Ich sah, wie Jasper für einen Moment schlucken musste.

Der Uhrmacher bemerkte mich.

„Und wer ist die junge Dame?“

Jasper antwortete ohne zu zögern.

„Das ist Bella.“

Er sah mich an.

„Die Frau, die ich heiraten möchte.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Der Satz kam so selbstverständlich über seine Lippen, als hätte er ihn schon tausendmal gesagt.

Der alte Uhrmacher lächelte warm.

„Dann solltest du sie gut festhalten, Junge.“

Jasper drückte meine Hand ein wenig fester.

„Das habe ich vor.“

Als wir den Laden wieder verließen, sagte lange keiner von uns etwas.

Erst nach einigen Minuten blieb ich stehen.

„Du hast gerade gesagt...“

Er lächelte.

„Ich weiß.“

„Du hast es ernst gemeint.“

„Jedes einzelne Wort.“

Ich spürte Tränen in meinen Augen.

„Ich weiß.“

Er hob vorsichtig meine Hand an seine Lippen.

„Dann musst du nur noch Ja sagen.“

Ich lachte unter Tränen.

„Du hast mich noch gar nicht gefragt.“

„Nein.“

Er grinste.

„Aber ich sammle schon einmal Mut.“

Ich legte meine Stirn an seine.

„Dann beeil dich nicht.“

„Warum?“

„Weil ich die Vorfreude genieße.“

Er lachte.

Dieses warme, unbeschwerte Lachen.

Und wieder nahm ich es tief in meinem Herzen auf.

Für einen Tag, an dem ich es vielleicht nur noch in meinen Erinnerungen hören würde.

Der dritte Morgen kam viel zu schnell.

Ich hatte gehofft, die Zeit würde sich wenigstens für diese wenigen Tage etwas langsamer bewegen.

Tat sie nicht.

Als ich aus meinem Zelt trat, hing feiner Nebel über dem Lager.

Die Männer waren ungewöhnlich leise.

Jeder wusste, dass die kleine Verschnaufpause vorbei war.

Morgen würden sie wieder aufbrechen.

Und diesmal...

...würde niemand sagen können, wann sie zurückkehrten.

„Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen.“

Jasper trat neben mich und reichte mir einen Becher heißen Kaffee.

Ich nahm ihn entgegen.

„Ich wollte keine Zeit verschwenden.“

Er lächelte traurig.

„Das habe ich mir gedacht.“

Für einen Moment standen wir einfach nur nebeneinander.

Der Kaffee wärmte meine Hände.

Seine Nähe mein Herz.

„Heute gehört der Tag dir.“

sagte er schließlich.

„Keine Überraschungen mehr?“

„Doch.“

Er grinste.

„Eine letzte.“

Wir ritten aus.

Nicht weit.

Nur ein paar Meilen vom Lager entfernt.

Jasper hatte zwei ruhige Pferde organisiert, und obwohl ich anfangs etwas unsicher war, ritt er die ganze Zeit dicht neben mir.

„Du machst das gut.“

„Das Pferd macht das gut.“

Er lachte.

„Das zählt trotzdem.“

Der Weg führte über sanfte Hügel.

Das Gras bewegte sich im Wind wie Wellen.

In der Ferne standen vereinzelte Eichen.

Es war so friedlich, dass man beinahe vergessen konnte, dass irgendwo Männer aufeinander schossen.

„Hier.“

Jasper hielt sein Pferd an.

Vor uns lag ein kleiner Hügel.

Von dort aus konnte man das ganze Tal überblicken.

„Ist das dein Lieblingsort?“

Er nickte.

„Früher bin ich oft hergekommen.“

Wir banden die Pferde an einen Baum und setzten uns ins Gras.

„Weißt du...“

begann Jasper nach einer Weile.

„Als Junge war ich fest davon überzeugt, dass ich von hier aus die ganze Welt sehen könnte.“

Ich lächelte.

„Und?“

„Ich lag ziemlich daneben.“

„Warum?“

„Weil ich damals dachte, die Welt wäre riesig.“

Er sah zu mir.

„Heute weiß ich, dass sie manchmal ganz klein sein kann.“

„Wie klein?“

Er streckte die Hand aus.

Seine Finger verschränkten sich mit meinen.

„Ungefähr so.“

Wir verbrachten Stunden dort oben.

Redeten über alles.

Und nichts.

Über Bücher.

Über Lieblingsessen.

Über Kindheitserinnerungen.

„Welche war deine liebste Geschichte?“

fragte ich Japser.

Jasper musste lächeln.

„Die von den Wildschwänen.“

„Warum?“

„Weil am Ende alles gut wird.“

Ich nickte nachdenklich.

„Dann hoffe ich, dass unsere Geschichte genauso endet.“

Er drückte meine Hand.

„Das wird sie.“

Damals glaubte ich jedes einzelne Wort.

Am Nachmittag legten wir uns ins hohe Gras.

Der Himmel war wolkenlos.

„Darf ich dir etwas zeigen?“

fragte Jasper.

„Immer.“

Er griff in seine Satteltasche.

Ich erkannte sofort das kleine Notizbuch.

„Du hast doch gesagt, ich dürfte es irgendwann lesen.“

Er lächelte.

„Heute.“

Vorsichtig legte er es in meine Hände.

„Aber nur eine Seite.“

Ich schlug das Buch langsam auf.

Zwischen Berichten, kleinen Skizzen und Notizen entdeckte ich eine Zeichnung.

Sie zeigte ein kleines Haus.

Mit einer breiten Veranda.

Rosen am Zaun.

Lavendel vor den Fenstern.

Eine Schaukel auf der Veranda.

Und davor...

zwei Menschen.

Hand in Hand.

Daneben saß ein Hund.

Ich musste lachen.

„Major.“

„Natürlich Major.“

Er grinste.

Unter der Zeichnung stand nur ein einziger Satz.

Ein Zuhause ist kein Ort. Es ist die Person, zu der man zurückkehrt.

Meine Sicht verschwamm.

Ich strich vorsichtig über die Bleistiftlinien.

„Das hast du geschrieben?“

„Ja.“

„Wann?“

„In der ersten Woche nach meinem Aufbruch.“

Er sah zum Himmel.

„Ich wollte etwas haben, woran ich mich festhalten konnte.“

Ich klappte das Notizbuch vorsichtig wieder zu.

„Darf ich...“

Ich zögerte.

„...diese Seite irgendwann behalten?“

Er sah mich lächelnd an.

„Eines Tages gehört dir das ganze Buch.“

Als die Sonne langsam unterging, ritten wir schweigend zurück.

Je näher wir dem Lager kamen, desto schwerer wurde mein Herz.

Morgen.

Morgen würde er wieder fortreiten.

Vor meinem Zelt blieb Jasper stehen.

Er half mir vom Pferd.

Doch anstatt sofort loszulassen, blieb seine Hand einen Moment an meiner Taille liegen.

„Bella?“

„Ja?“

„Wenn dieser Krieg vorbei ist...“

Er lächelte sanft.

„Dann werde ich dich um deine Hand bitten.“

Mein Herz schlug schneller.

„Nicht heute.“

fuhr er fort.

„Nicht zwischen Kisten und Zelten.“

„Sondern so, wie du es verdienst.“

Ich lächelte unter Tränen.

„Dann werde ich warten.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

„Warum?“

„Weil ich nicht möchte, dass du auf einen Antrag wartest.“

Er strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Ich möchte, dass du dich auf unser Leben freust.“

Bevor ich antworten konnte, küsste er mich.

Länger als je zuvor.

Nicht voller Verzweiflung.

Sondern voller Hoffnung.

Als wir uns schließlich voneinander lösten, lehnte er seine Stirn gegen meine.

„Noch nicht.“

flüsterte er.

„Aber bald.“

Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Tag wirklich kommen würde. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht in einem Monat.

Aber irgendwann.

Denn wir glaubten beide noch daran, dass der Krieg nicht für immer dauern konnte.

Der Morgen seines Aufbruchs war leichter.

Nicht, weil der Abschied weniger wehtat.

Sondern weil wir beide beschlossen hatten, ihn nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

Als Jasper sich in den Sattel schwang, lächelte er mich an.

Ein ehrliches Lächeln.

„Bis bald.“

sagte er.

Nicht Leb wohl.

Nicht Pass auf dich auf.

Einfach:

„Bis bald.“

Ich lächelte zurück.

„Bis bald.“

Dieses Mal weinte ich nicht.

Nicht, solange ich ihn noch sehen konnte.

Erst als die letzte Staubwolke am Horizont verschwunden war, ließ ich die Tränen zu.