LNCrawler

Hinter verschlossenen Türen

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Hinter verschlossenen Türen

Der Heimweg kam mir länger vor als sonst.

Der Handwagen war beinahe leer. Jedes Rumpeln über die unebene Straße erinnerte mich daran, was am Morgen noch darin gelegen hatte.

Vier Eier.

Zwei Gläser Marmelade.

Drei Stück Lavendelseife.

Ein paar bestickte Taschentücher.

Mehr war mir von einer Woche Arbeit nicht geblieben.

Immer wieder glitten meine Finger zu dem kleinen Lederbeutel in meiner Manteltasche.

Ich hätte ihn zurückgeben sollen.

Das wäre das Richtige gewesen.

Doch dann hörte ich wieder die Stimme meines Vaters.

"Wenn heute Abend auch nur ein Ei fehlt..."

Ich schloss kurz die Augen.

Vielleicht... vielleicht würde das Geld reichen.

Vielleicht würde er ausnahmsweise nichts sagen.

Vielleicht.

Ich hasste dieses Wort.

Es hatte mich mein ganzes Leben begleitet.

Vielleicht wird morgen alles besser.

Vielleicht hört er irgendwann auf.

Vielleicht ist heute ein guter Tag.

Nie traf eines dieser Vielleichts ein.

Die Sonne war bereits hinter den Bäumen verschwunden, als unser Haus in Sicht kam.

Im Schornstein stieg Rauch auf.

Er war also schon zu Hause.

Mein Magen zog sich zusammen.

Ich stellte den Wagen neben der Scheune ab und atmete tief durch.

Einfach hineingehen.

Nicht zittern.

Nicht weinen.

Sag nichts Falsches.

Ich öffnete die Haustür.

„Du bist spät.“

Seine Stimme kam aus der Küche.

Ich zog langsam meinen Mantel aus.

„Auf dem Markt ist—“

„Komm her.“

Nicht laut.

Nicht schreiend.

Das war immer schlimmer.

Ich trat in die Küche.

Mein Vater saß bereits am Tisch.

Vor ihm lag das alte Kassenbuch.

Er hob den Blick.

„Das Geld.“

Ich griff in meine Manteltasche und legte den Lederbeutel auf den Tisch.

Er öffnete ihn.

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Woher?“

„Ein Pferd ist auf dem Markt durchgegangen.“

Ich bemühte mich, ruhig zu sprechen.

„Es hat meinen Stand zerstört.“

„Und?“

„Ein Major der Armee sagte, das Pferd gehörte ihnen.“

Ich schluckte.

„Er hat den Schaden ersetzt.“

Mein Vater schwieg.

Viel zu lange.

Dann hob er langsam den Kopf.

„Ein Major.“

Ich nickte.

„Und warum sollte ein Major ausgerechnet dir Geld geben?“

„Weil—“

„Lüg mich nicht an!“

Seine Faust krachte auf den Tisch.

Ich zuckte zusammen.

„Ich lüge nicht.“

Er stand auf.

Langsam.

„Du erwartest also, dass ich glaube, ein fremder Offizier schenkt dir einfach so Geld?“

„Er hat es nicht geschenkt.“

„Ach nein?“

Er kam näher.

„Was hast du dafür getan?“

Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

„Nichts.“

„Nichts?“

„Er wollte nur helfen.“

„Helfen.“

Er lachte.

Es war ein kaltes, bitteres Lachen.

„Natürlich.“

Ich machte einen Schritt zurück.

„Es ist die Wahrheit.“

„Du glaubst wohl, ich wäre dumm.“

„Nein.“

„Dann erklär mir, warum ein Major sein Geld für dich ausgibt!“

Ich öffnete den Mund.

Kein Laut kam heraus.

Was hätte ich sagen sollen?

Dass Jasper einfach freundlich gewesen war?

Dass er gesehen hatte, wie verzweifelt ich war?

Mein Vater hätte niemals geglaubt, dass ein Mensch ohne Gegenleistung half.

Weil er selbst niemals geholfen hätte.

„Ich...“

Mehr brachte ich nicht hervor.

Sein Blick wurde dunkel.

„Ich wusste es.“

Er packte meinen Oberarm.

Fest.

Viel zu fest.

„Du hast unseren Namen beschmutzt.“

„Nein!“

„Schweig!“

Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in meine Haut.

„Ich habe dich großgezogen.“

Sein Atem roch nach Whiskey.

„Ich habe dich ernährt.“

„Ich arbeite jeden Tag—“

Die Ohrfeige traf mich so plötzlich, dass ich das Gleichgewicht verlor.

Ich prallte gegen den Küchenschrank.

Geschirr klirrte.

Für einen Moment rauschte es nur noch in meinen Ohren.

„Widersprich mir nie.“

Ich schmeckte Blut.

Langsam richtete ich mich wieder auf.

„Es tut mir leid.“

Die Worte kamen automatisch.

Immer.

Obwohl ich nichts falsch gemacht hatte.

„Zu spät.“

Er griff nach seinem Ledergürtel.

Das metallene Klirren der Schnalle ließ mein Herz schneller schlagen.

Bitte nicht.

Nicht heute.

Nicht...

Ein lautes Klopfen unterbrach die Stille.

Drei feste Schläge gegen die Haustür.

Mein Vater erstarrte.

Ich ebenfalls.

Wer kam um diese Uhrzeit?

Noch einmal klopfte es.

„Mach auf.“

Mein Vater ließ den Gürtel sinken.

„Und wage es nicht, ein Wort zu sagen.“

Ich nickte hastig und ging mit zitternden Knien zur Tür.

Als ich sie öffnete, blieb mir der Atem stehen.

Vor der Veranda stand Major Whitlock.

Neben ihm zwei Soldaten.

In den Händen trugen sie Holzbretter, Kisten und... einen Korb voller Eier.

Sein Blick fiel sofort auf mein Gesicht.

Auf meine gerötete Wange.

Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich sein Ausdruck.

Seine Kiefer spannten sich an.

Die Wärme, die ich auf dem Markt in seinen Augen gesehen hatte, war verschwunden.

An ihre Stelle trat etwas anderes.

Etwas Gefährliches.

„Guten Abend“, sagte er schließlich mit ruhiger Stimme.

„Ist dies das Haus von Miss Isabella Swan?“

Hinter mir erklangen die schweren Schritte meines Vaters.

„Wer will das wissen?“

Jasper richtete sich auf.

„Major Jasper Whitlock. Konföderiertenarmee.“

Er zog förmlich Haltung an.

„Ich bin gekommen, um den entstandenen Sachschaden vollständig zu ersetzen.“

Mein Vater trat neben mich.

„Das haben Sie bereits.“

„Nicht vollständig.“

Jasper deutete auf die Bretter.

„Wir haben einen neuen Verkaufsstand gebaut.“

Dann auf den Korb.

„Frische Eier.“

Ein Soldat hob eine weitere Kiste hoch.

„Neue Einmachgläser.“

„Und Stoffe“, ergänzte der andere.

„Damit Miss Swan ihre Arbeit fortsetzen kann.“

Ich konnte Jasper nicht ansehen.

Wenn ich es tat, würde ich weinen.

Mein Vater hingegen lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

Es war kein freundliches Lächeln.

Es war berechnend.

„Das ist... außerordentlich großzügig.“

„Nein.“

Jasper blieb vollkommen ruhig.

„Es ist lediglich unsere Pflicht.“

Dann glitt sein Blick erneut zu meiner Wange.

Nur einen Augenblick.

Aber lang genug.

Er hatte verstanden.

Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass dieser Abend noch lange nicht vorbei war.