Der Winter
Der Winter
Der Winter kam früh.
Mit ihm kamen Regen, Schlamm und Kälte.
Das Lazarett war inzwischen bis auf den letzten Platz belegt.
Nicht nur Schussverletzungen.
Lungenentzündungen.
Fieber.
Erfrierungen.
Manchmal hatte ich das Gefühl, Krankheiten seien gnadenloser als jede Kugel.
„Bella.“
Margaret reichte mir eine Decke.
„Leg dich für zwei Stunden hin.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin nicht müde.“
„Du stehst seit achtzehn Stunden.“
„Das geht schon.“
Sie verschränkte die Arme.
„Bella.“
Ich seufzte.
„Du klingst inzwischen genauso wie Jasper.“
Ein warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Dann scheint er etwas richtig gemacht zu haben.“
Die Briefe wurden seltener.
Nicht, weil Jasper aufgehört hatte zu schreiben.
Sondern weil die Boten immer länger brauchten.
Manchmal vergingen drei Wochen.
Manchmal sogar vier.
Ich begann jeden Morgen automatisch zum Lagertor zu sehen.
Immer in der Hoffnung, einen Reiter zu entdecken.
Oft vergeblich.
Doch eines Tages...
„Post!“
Nathan rannte über den Platz, als hätte er persönlich den Krieg gewonnen.
„Bella!“
Ich ließ beinahe den Wassereimer fallen.
„Ist einer dabei?“
Er grinste.
„Vielleicht.“
„Nathan.“
„Na gut.“
Er zog den Brief aus seiner Jacke.
„Diesmal sieht er sogar ziemlich ordentlich aus.“
Ich nahm ihn ihm lächelnd ab.
„Danke.“
„Keine Ursache.“
Er musterte mich kurz.
„Du siehst übrigens genauso aus wie der Major.“
„Wie meinst du das?“
„Immer wenn Briefe kommen, strahlt ihr beide wie Kinder an Weihnachten.“
Ich musste lachen.
„Ist das schlimm?“
„Nein.“
Nathan wurde für einen Moment ernst.
„Es erinnert uns daran, warum wir überhaupt kämpfen.“
Ich wartete bis zum Abend.
Nicht, weil ich musste.
Sondern weil ich den Moment genießen wollte.
Am Fluss öffnete ich vorsichtig den Umschlag.
Meine liebste Bella,
heute hat es zum ersten Mal geschneit.
Nicht viel.
Nur ein dünner Schleier über den Feldern.
Einer der jungen Rekruten behauptete, der Winter würde den Krieg beenden.
Ich habe ihn nicht verbessert.
Manchmal brauchen Menschen Hoffnung mehr als Wahrheit.
Wir mussten in den letzten Wochen weit marschieren.
Meine Männer sind müde.
Ich auch.
Aber jeden Abend lese ich deinen letzten Brief noch einmal.
Die Astern stehen inzwischen direkt neben den Rosen.
Gestern hat Nathan mir geschrieben.
Ja.
Tatsächlich.
Sein gesamter Brief bestand aus einem einzigen Satz:
"Major hat endlich gelernt, keine Stiefel mehr zu stehlen."
Ich weiß bis heute nicht, ob er den Hund oder mich meinte.
Ich vermute fast mich.
Bella...
Manchmal frage ich mich, womit ich dieses Leben verdient habe.
Dann erinnere ich mich daran, dass du irgendwo auf meinen nächsten Brief wartest.
Und plötzlich fühlt sich selbst der längste Marsch ein wenig kürzer an.
Pass gut auf dich auf.
Ich brauche dich noch für unseren Garten.
In Liebe
Jasper
Ich lachte leise.
Natürlich hatte Nathan so etwas geschrieben.
Ich faltete den Brief sorgfältig zusammen.
Doch diesmal blieb ich noch sitzen.
Der Fluss war teilweise zugefroren.
Kleine Schneeflocken fielen lautlos auf die Wasseroberfläche.
Ich stellte mir vor, wie Jasper vielleicht in genau diesem Moment ebenfalls in den Himmel blickte.
Vielleicht sah er denselben Mond.
Vielleicht dieselben Sterne.
Der Gedanke ließ die Entfernung plötzlich kleiner erscheinen.
Die Monate vergingen.
Der Kalender wechselte.
Ein neues Jahr begann.
Und mit ihm erreichte das Lager eine Nachricht, die alle aufatmen ließ.
Major Whitlocks Regiment sollte für einige Wochen in die Nähe ihres bisherigen Stützpunktes zurückverlegt werden.
Nicht dauerhaft.
Nur zur Neuorganisation.
Doch das bedeutete eines:
Jasper würde wieder Briefe über einen regelmäßigen Kurier schicken können.
Und vielleicht...
Mit etwas Glück...
Würde ich ihn sogar früher wiedersehen als erwartet.
Mit diesem Gedanken schrieb ich ihm noch in derselben Nacht.
Ich erzählte ihm von den ersten Schneeglöckchen, die trotz der Kälte zwischen den Zelten gewachsen waren.
Und dass ich beschlossen hatte, sie direkt neben den Astern in unseren Garten zu pflanzen.
Denn selbst mitten im Winter...
fand das Leben einen Weg.
Und ich wollte nie aufhören, daran zu glauben.
Der Winter wollte einfach nicht weichen.
Selbst als der Kalender längst den Frühling versprach, lag morgens noch Frost auf den Zeltdächern.
Ich zog meinen Mantel enger um die Schultern, als Colonel Davis das Lazarett betrat.
Sofort verstummten alle Gespräche.
Er nahm seinen Hut ab.
„Margaret.“
„Colonel.“
„Wir haben neue Befehle erhalten.“
Seine Stimme war ruhig.
Zu ruhig.
„Ein vorgeschobenes Feldlazarett wird eingerichtet. Etwa einen halben Tagesritt von der Front entfernt.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Halber Tagesritt.
Das war deutlich näher als bisher.
„Wir brauchen erfahrene Helfer.“
Colonel Davis ließ seinen Blick durch das Zelt schweifen.
„Ich werde niemanden zwingen.“
Margaret hob ohne einen Moment zu zögern die Hand.
„Ich komme.“
Der Arzt nickte ebenfalls.
„Ich auch.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Ich wusste, was Margaret gleich sagen würde.
Sie drehte sich zu mir.
„Bella...“
„Ich komme mit.“
Die Antwort war gefallen, bevor sie die Frage überhaupt stellen konnte.
Der Colonel musterte mich lange.
„Das wird gefährlicher.“
„Ich weiß.“
„Und deutlich schwerer.“
„Ich weiß.“
Er nickte schließlich.
„Dann brechen wir morgen bei Sonnenaufgang auf.“
Der Ritt dauerte fast den ganzen Tag.
Je näher wir der Front kamen, desto stiller wurde die Landschaft.
Immer häufiger begegneten uns Versorgungskarren.
Verwundete.
Ausgebrannte Höfe.
Verlassene Häuser.
Der Krieg hatte sich durch das Land gefressen wie ein Feuer.
„Bella.“
Margaret ritt neben mir.
„Geht es?“
Ich nickte.
„Ja.“
Doch das stimmte nur halb.
Ich hatte Angst.
Nicht vor dem, was ich sehen würde.
Sondern davor...
Jasper dort zu sehen.
Mitten in all dem.
Das neue Feldlazarett bestand nur aus wenigen großen Zelten.
Kaum waren wir angekommen, hörten wir in der Ferne dumpfes Donnern.
Ich hielt erschrocken inne.
„Ist das...“
Der Arzt nickte.
„Kanonen.“
Es war das erste Mal, dass ich den Krieg hörte.
Nicht nur seine Folgen.
Sondern ihn selbst.
Der Boden vibrierte leicht unter meinen Füßen.
Mir wurde plötzlich bewusst, wie nah wir tatsächlich waren.
Wir arbeiteten bis tief in die Nacht.
Verwundete kamen beinahe ununterbrochen.
Viele konnten noch laufen.
Andere mussten getragen werden.
Ich hatte längst aufgehört zu zählen.
„Bella!“
Margaret deutete auf einen jungen Soldaten.
„Er verliert zu viel Blut!“
Ich kniete mich sofort neben ihn.
„Ganz ruhig.“
Meine Hände arbeiteten wie von selbst.
Verbinden.
Druck ausüben.
Beruhigen.
Atmen.
Irgendwann hörte ich draußen Pferde.
Viele Pferde.
Befehle.
Männerstimmen.
„Das Regiment ist zurück!“
rief jemand.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Ich wagte kaum aufzusehen.
Nicht jetzt.
Nicht mitten in der Versorgung.
Erst als der junge Soldat außer Lebensgefahr war, richtete ich mich langsam auf.
Meine Knie zitterten.
Ich schob die Zeltplane beiseite.
Draußen herrschte reges Treiben.
Soldaten stiegen erschöpft von ihren Pferden.
Sanitäter liefen zwischen den Wagen hindurch.
Offiziere besprachen die nächsten Schritte.
Und dann...
...sah ich ihn.
Jasper.
Er stand mit dem Rücken zu mir.
Seine Uniform war staubig.
Am Ärmel klebte getrocknetes Blut.
Ich wusste nicht, ob es seines war.
Seine Haltung war unverändert gerade.
Doch als hätte er gespürt, dass ich ihn ansah, drehte er sich langsam um.
Unsere Blicke trafen sich.
Für einen einzigen Herzschlag verschwand alles um uns herum.
Er sagte nichts.
Ich auch nicht.
Erst jetzt bemerkte ich, wie müde er aussah.
Nicht nur erschöpft.
Müde bis tief in die Seele.
Und dennoch...
Als sich unsere Augen trafen, erschien dieses vertraute Lächeln auf seinem Gesicht.
Das Lächeln, das nur mir gehörte.
„Bella.“
Seine Lippen formten meinen Namen lautlos.
Ich lächelte zurück.
„Jasper.“
Mehr brauchten wir in diesem Augenblick nicht.
Denn wir wussten beide:
Für diese Nacht waren wir am selben Ort.
Und allein das fühlte sich wie ein kleines Wunder an.