Beförderung
Beförderung
Der Frühling brachte keinen Frieden.
Nur mehr Wege, auf denen Armeen marschieren konnten.
Der Boden trocknete.
Die Flüsse führten weniger Wasser.
Und mit jedem Tag schien der Krieg schneller zu werden.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass selbst die Verwundeten in größerer Eile ankamen.
„Bella.“
Margaret stellte einen Korb mit frischen Verbänden auf den Tisch.
„Kannst du bitte nach den Vorräten sehen? Wir brauchen dringend mehr Leinen.“
„Natürlich.“
Ich machte mich sofort auf den Weg.
Vor dem Versorgungszelt herrschte ungewöhnlich viel Betrieb.
Mehrere Offiziere standen beisammen.
Kisten wurden geöffnet.
Pferde abgesattelt.
Ich wollte gerade an ihnen vorbeigehen, als ich Colonel Davis sprechen hörte.
„Er hat sich den Rang verdient.“
Ein anderer Offizier nickte.
„Da stimme ich Ihnen zu.“
„Kaum ein Mann hält seine Einheit so geschlossen.“
Ich blieb unwillkürlich stehen.
„Die Männer würden ihm überallhin folgen.“
„Das tun sie bereits.“
Ich wusste sofort, von wem sie sprachen.
Jasper.
Noch bevor ich weiter zuhören konnte, trat Nathan hinter mich.
„Neugierig?“
Ich erschrak.
„Nathan!“
Er grinste.
„Entschuldige.“
„Du hast mich erschreckt.“
„Das war nicht schwer.“
Er verschränkte verschwörerisch die Arme.
„Willst du wissen, worüber sie reden?“
Ich nickte.
„Ein bisschen.“
Er beugte sich zu mir.
„Ich glaube...“
Er senkte die Stimme noch weiter.
„...der Major bekommt bald ein eigenes Kommando.“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
„Ist das etwas Gutes?“
Nathan antwortete nicht sofort.
„Für seine Karriere?“
Er nickte.
„Ja.“
„Und sonst?“
Sein Lächeln verschwand.
„Es bedeutet mehr Verantwortung.“
„Mehr Männer.“
„Mehr Entscheidungen.“
Er sah zum Kommandantszelt.
„Und mehr Namen, die er nie wieder vergessen wird.“
Den ganzen Tag ließ mich der Gedanke nicht los.
Als ich Jasper am Abend schließlich fand, saß er wieder am Fluss.
Dieses Mal hatte er jedoch Karten und Berichte neben sich liegen.
„Du arbeitest schon wieder.“
Er hob den Blick.
Sein Lächeln erschien sofort.
„Nur ein wenig.“
Ich setzte mich neben ihn.
„Nathan hat erzählt...“
Er seufzte.
„Natürlich hat er das.“
„Stimmt es?“
Er schwieg einen Moment.
Dann nickte er.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Colonel Davis hat angedeutet, dass ich nach dem nächsten Einsatz mehr Männer übernehmen könnte.“
Ich betrachtete sein Gesicht.
Freude sah anders aus.
„Du klingst nicht glücklich.“
Er strich langsam über den Rand einer Karte.
„Ich weiß nicht, ob ich es sein sollte.“
„Warum?“
Er sah hinaus auf das Wasser.
„Weil jeder zusätzliche Soldat auch bedeutet...“
Er sprach den Satz nicht zu Ende.
Er musste es nicht.
Ich verstand.
„Du wirst trotzdem alles tun, um sie nach Hause zu bringen.“
Er lächelte traurig.
„Ja.“
„Und genau deshalb bist du der Richtige.“
Er sah mich lange an.
„Du glaubst mehr an mich als ich selbst.“
Ich nahm seine Hand.
„Dann reicht mein Glaube vielleicht für uns beide.“
Am nächsten Morgen erreichte das Feldlager eine neue Einheit.
Viele der Männer waren kaum älter als siebzehn.
Ihre Uniformen waren neu.
Ihre Gesichter nicht.
Man sah ihnen die Angst an.
„Aufstellen!“
Jasper trat vor die jungen Soldaten.
Ich beobachtete ihn aus einiger Entfernung.
„Willkommen.“
begann er ruhig.
„Ich werde euch nichts vormachen.“
Sofort wurde es still.
„Der Krieg ist nicht heldenhaft.“
Einige der Rekruten wechselten nervöse Blicke.
„Er ist laut.“
„Er ist schmutzig.“
„Und manchmal ungerecht.“
Niemand bewegte sich.
„Aber...“
Seine Stimme wurde fester.
„...solange ihr unter meinem Kommando steht, verspreche ich euch eines.“
Er ließ seinen Blick über jeden einzelnen jungen Mann wandern.
„Ihr werdet niemals allein kämpfen.“
Ich bemerkte, wie sich die Haltung der Rekruten langsam veränderte.
Sie standen gerader.
Atmeten ruhiger.
Sie glaubten ihm.
Nicht, weil sie ihn kannten.
Sondern weil er jedes einzelne Wort ernst meinte.
Nathan trat neben mich.
„Siehst du?“
Ich nickte.
„Ja.“
„Deshalb nennt ihn niemand nur beim Rang.“
Er lächelte stolz.
„Er ist unser Major.“
Am Abend saß Jasper schweigend vor seinem Zelt und putzte sein Säbel.
Ich setzte mich zu ihm.
Eine Weile hörte man nur das leise Schleifen des Schleifsteins.
„Darf ich dir eine Frage stellen?“
Er nickte.
„Immer.“
„Wovor hast du eigentlich am meisten Angst?“
Er hielt inne.
Der Schleifstein blieb in seiner Hand liegen.
„Nicht vor dem Sterben.“
sagte er schließlich.
Ich überraschte diese Antwort nicht.
„Sondern?“
Er sah mich an.
„Davor... irgendwann Entscheidungen zu treffen, bei denen es keine richtige Antwort mehr gibt.“
Ein Windstoß strich durch das Lager.
„Ich merke, dass ich anfange, anders zu denken.“
Er sprach weiter, bevor ich etwas sagen konnte.
„Früher habe ich jeden Mann gleich gesehen.“
„Heute muss ich manchmal entscheiden, wen ich zuerst rette.“
„Welche Stellung wichtiger ist.“
„Wer zurückbleibt, um anderen den Rückzug zu ermöglichen.“
Er schloss für einen Moment die Augen.
„Ich habe Angst, dass ich mich eines Tages daran gewöhne.“
Ich legte meine Hand auf seine.
„Das wirst du nicht.“
„Woher weißt du das?“
Ich lächelte traurig.
„Weil du dir genau davor Angst machst.“
Er sah mich lange schweigend an.
Dann legte er den Säbel beiseite.
„Versprich mir etwas.“
„Was denn?“
„Falls ich jemals vergesse, wer ich bin...“
Seine Stimme war kaum hörbar.
„...dann erinnere mich daran.“
Ich verschränkte meine Finger mit seinen.
„Das verspreche ich.“
Damals glaubte ich, dieses Versprechen würde ich nur für die Zeit des Krieges geben.