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Ein Jahr Krieg

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein Jahr Krieg

Man sagt, der Mensch gewöhne sich an alles.

Ich glaube nicht, dass das stimmt.

Man lernt nur, mit Dingen zu leben, die man niemals akzeptieren wird.

Als ich in das Lager gekommen war, hatte ich gezittert, wenn ich Blut sah.

Heute konnte ich Kugeln aus Wunden reichen, Verbände wechseln und stundenlang an einem Operationstisch stehen.

Nicht, weil es leichter geworden war.

Sondern weil die Männer auf uns angewiesen waren.

Der Krieg hatte mich verändert.

Aber ich betete jeden Abend darum, dass er mich niemals verhärten würde.

Ein ganzes Jahr war vergangen.

Ein Jahr voller Briefe.

Voller Abschiede.

Voller kurzer Wiedersehen.

Manchmal sah ich Jasper nur für wenige Stunden.

Manchmal blieb er drei oder vier Tage.

Dann verschwand er wieder mit seinem Regiment.

Jedes Mal ließ er etwas zurück.

Einen Brief.

Eine kleine Zeichnung.

Ein gepresstes Blatt.

Einmal sogar eine winzige Holzrose, die er während eines nächtlichen Wachdienstes geschnitzt hatte.

„Damit unser Garten nicht ganz leer bleibt.“

hatte er gesagt.

Ich bewahrte inzwischen alles in derselben Holzkiste auf.

Sie wurde langsam zu klein.

„Bella.“

Nathan setzte sich neben mich auf die Stufen des Lazaretts.

„Ich habe nachgezählt.“

„Das macht mir Angst.“

Er grinste.

„Du hast inzwischen sechsundvierzig Briefe.“

„Siebenundvierzig.“

verbesserte ich ihn.

Er hob überrascht die Augenbrauen.

„Du zählst sie?“

„Natürlich.“

Ich lächelte.

„Jeden einzelnen.“

Nathan nickte nachdenklich.

„Der Major übrigens auch.“

„Woher weißt du das?“

„Weil er deine Briefe immer in derselben Innentasche trägt.“

Er deutete auf seine Brust.

„Direkt hier.“

Mein Herz wurde warm.

„Selbst wenn es regnet, wickelt er sie vorher in Stoff ein.“

Ich musste lachen.

„Das klingt nach Jasper.“

„Ja.“

Nathan sah kurz zum Himmel.

„Er behauptet zwar, das wäre nur vernünftig.“

„Aber?“

„Wir wissen alle, dass er sie behandelt, als wären sie Gold.“

Einige Tage später kehrte Jaspers Regiment erneut ins Feldlager zurück.

Dieses Mal blieben sie nur für eine Nacht.

Als ich ihn sah, bemerkte ich sofort eine Veränderung.

Nicht an ihm.

An den Männern.

Sie blickten ihn an, als wäre er ihr sicherster Halt.

Selbst erfahrene Soldaten warteten auf sein Urteil, bevor sie etwas entschieden.

„Er ist inzwischen eine Legende.“

murmelte Margaret neben mir.

Ich sah sie fragend an.

„Wie meinst du das?“

„Ich höre ständig dieselben Geschichten.“

Sie begann, Verbände zu falten.

„Dass Major Whitlock einen Rückzug organisiert hat, obwohl er selbst verwundet war.“

„Dass er einen Fluss unter Beschuss überquert hat, um Verwundete zu holen.“

„Dass er tagelang kaum geschlafen hat.“

Sie lächelte leicht.

„Die Wahrheit ist wahrscheinlich weniger spektakulär.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Sie sah mich überrascht an.

„Er würde all das tun.“

Margaret nickte langsam.

„Ja.“

„Genau deshalb erzählen die Männer diese Geschichten.“

In dieser Nacht trafen Jasper und ich uns wieder am Fluss.

Der Mond spiegelte sich auf dem Wasser.

Es war warm geworden.

Zum ersten Mal seit Monaten brauchten wir keine Mäntel mehr.

„Ich habe etwas für dich.“

sagte Jasper.

„Schon wieder?“

Er grinste.

„Diesmal nichts Geschnitztes.“

Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Tasche.

Ich öffnete es vorsichtig.

Es war eine neue Zeichnung.

Nicht unser Haus.

Sondern...

eine Veranda.

Mit zwei Schaukelstühlen.

Daneben ein kleiner Junge.

Vielleicht fünf oder sechs Jahre alt.

Er hielt einen Holzstock wie ein Schwert in der Hand.

Neben ihm sprang Major hinterher.

Ich musste lächeln.

„Wer ist das?“

Jasper wurde leicht verlegen.

„Keine Ahnung.“

„Ach nein?“

„Vielleicht...“

Er räusperte sich.

„...jemand, der später einmal behauptet, ein Soldat zu sein.“

Ich betrachtete die Zeichnung lange.

„Er sieht glücklich aus.“

„Das soll er auch.“

Ich sah zu Jasper.

„Du denkst oft an Kinder.“

Er nickte langsam.

„Früher nie.“

„Und heute?“

Er lächelte.

„Heute frage ich mich manchmal...“

Er brach ab.

„Was?“

„Ob unser Sohn wohl eher deine Augen oder meine hätte.“

Mir stockte der Atem.

Es war das erste Mal, dass er laut von Kindern sprach.

Nicht von irgendwann.

Sondern von unseren.

„Und wenn es ein Mädchen wird?“

fragte ich lächelnd.

Er tat, als müsste er angestrengt nachdenken.

„Dann bekommt sie deinen Dickkopf.“

Ich lachte.

„Meinen?“

„Ganz eindeutig.“

„Und was von dir?“

Er sah mich mit einem liebevollen Lächeln an.

„Hoffentlich nichts.“

„Das glaube ich nicht.“

Ich legte die Zeichnung vorsichtig neben mich.

„Ich wünsche mir...“

Er wartete.

„...dass unsere Kinder später nie lernen müssen, wie sich Krieg anhört.“

Jasper wurde ernst.

Ganz langsam nahm er meine Hand.

„Das wünsche ich mir auch.“

Wir schwiegen.

Irgendwo in der Ferne war dumpfer Kanonendonner zu hören.

Beide lauschten wir einen Moment.

Dann drückte Jasper meine Hand fester.

„Egal, wie lange dieser Krieg noch dauert...“

sagte er leise.

„Ich möchte, dass du eines weißt.“

Ich sah ihn an.

„Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich nicht nach Hause zu dir möchte.“

Ich lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter.

„Dann komm immer wieder zurück.“

Er küsste mein Haar.

„Ich werde es versuchen.“

In diesem Augenblick glaubte ich ihm.

Nicht weil der Krieg vorbei war.

Sondern weil ich mir ein Leben ohne diese Hoffnung nicht vorstellen konnte.

Der Krieg veränderte sich.

Das spürte selbst ich.

Nicht an den Karten der Offiziere.

Nicht an den Befehlen.

Sondern an den Gesichtern der Männer.

Die Gespräche wurden leiser.

Das Lachen seltener.

Immer häufiger trafen Verwundete ein, die tagelang kaum etwas gegessen hatten.

Die Uniformen wurden notdürftig geflickt.

Stiefel immer wieder neu besohlt.

Selbst Medikamente wurden knapp.

Margaret begann plötzlich, jeden Verband zweimal zu prüfen, bevor sie ihn wegwarf.

„Vielleicht können wir ihn noch verwenden.“

Vor einem Jahr hätte sie so etwas niemals gesagt.

Auch Jasper veränderte sich.

Nicht in seiner Art.

Er blieb freundlich.

Geduldig.

Aufmerksam.

Aber seine Verantwortung wuchs.

Ständig kamen Offiziere zu ihm.

Sie baten ihn um Rat.

Legten ihm Karten vor.

Fragten nach seiner Einschätzung.

Selbst Männer mit höherem Rang hörten aufmerksam zu, wenn Jasper sprach.

„Seit wann ist das so?“

fragte ich Nathan eines Abends.

Er blickte zu Jasper hinüber, der gerade mit Colonel Davis über einer Karte stand.

„Seit ungefähr einem halben Jahr.“

„Warum?“

Nathan zuckte mit den Schultern.

„Weil er fast immer recht behält.“

„Das klingt einfach.“

„Ist es aber nicht.“

Er wurde ungewöhnlich ernst.

„Weißt du, was der Major besser kann als jeder andere?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Er versteht Menschen.“

Ich runzelte leicht die Stirn.

„Nicht nur seine eigenen Männer.“

Nathan nickte.

„Er weiß, wann jemand Angst hat.“

„Wann jemand übermüdet ist.“

„Wann einer kurz davor ist, einen Fehler zu machen.“

Er lächelte leicht.

„Manchmal glaube ich, er sieht Dinge, die wir alle übersehen.“

Ich musste unwillkürlich an unsere erste Begegnung auf dem Markt denken.

Damals hatte Jasper ebenfalls sofort erkannt, wie groß meine Angst gewesen war.

Vielleicht hatte Nathan recht.

Vielleicht war das schon immer seine besondere Gabe gewesen.

Einige Tage später brachte ein Kurier Nachrichten aus einem anderen Regiment.

Ich sortierte gerade Verbandsmaterial, als ich mehrere Soldaten tuscheln hörte.

„...das war wieder Whitlock.“

„Unglaublich.“

„Er hat den Rückzug organisiert.“

„Und keinen einzigen Wagen verloren.“

Ich hob überrascht den Kopf.

Die Männer bemerkten mich erst jetzt.

„Miss Swan.“

Ich lächelte höflich.

„Sie sprechen über Major Whitlock?“

Der ältere Soldat nickte.

„Man erzählt sich inzwischen überall von ihm.“

„Was denn?“

„Dass er seine Männer lebend zurückbringt.“

Er sprach den Satz aus, als wäre das etwas Außergewöhnliches.

Vielleicht war es das inzwischen tatsächlich.

„Viele Offiziere denken zuerst an den Sieg.“

Der Soldat zog seinen Hut zurecht.

„Ihr Major denkt zuerst daran, wie viele Männer danach noch nach Hause gehen können.“

Ich lächelte.

„Ja.“

Das klang nach Jasper.

„Deshalb hören ihm die Männer zu.“

Er nickte respektvoll.

„Und deshalb spricht inzwischen jeder von Major Whitlock.“

Am Abend fand ich Jasper hinter dem Kommandantszelt.

Er saß auf einer Holzkiste und schrieb einen Brief.

Als er mich bemerkte, legte er die Feder sofort zur Seite.

„Störe ich?“

„Nie.“

Ich setzte mich neben ihn.

„An wen schreibst du?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann zeigte er auf den Umschlag.

Darauf stand kein Name.

Nur:

An die Familie von Private Samuel Brooks.

Ich spürte, wie sich mein Herz zusammenzog.

„Noch ein Brief.“

Er nickte.

„Der fünfte in diesem Monat.“

Er betrachtete seine Hände.

„Es wird nicht leichter.“

Ich schwieg.

Er sprach selten darüber.

„Manchmal sitze ich stundenlang vor einem leeren Blatt.“

sagte er leise.

„Weil ich nicht weiß, wie ich einem Menschen erklären soll, dass seine Welt gerade zerbrochen ist.“

Ich legte vorsichtig meine Hand auf seine.

„Und trotzdem schreibst du.“

„Ich muss.“

Er lächelte traurig.

„Diese Familien verdienen mehr als einen einzigen Satz auf einer Liste.“

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Dann griff ich nach der Feder.

„Darf ich?“

Er sah mich überrascht an.

„Was denn?“

„Ich möchte dir helfen.“

„Bella...“

„Nicht den ganzen Brief.“

Ich lächelte sanft.

„Aber vielleicht den Anfang.“

Er schob mir das Papier hin.

Ich dachte lange nach.

Dann schrieb ich langsam:

"Es gibt keine Worte, die den Schmerz dieses Verlustes kleiner machen können. Dennoch hoffe ich, dass Sie Trost darin finden, zu wissen, dass Samuel bis zuletzt von Männern umgeben war, die ihn achteten und niemals vergaßen."

Ich legte die Feder wieder hin.

„So?“

Jasper las die Zeilen schweigend.

Dann schloss er für einen Moment die Augen.

„Das...“

Seine Stimme war rau.

„...hätte ich selbst nicht besser sagen können.“

Ich lächelte traurig.

„Vielleicht, weil wir beide denselben Wunsch haben.“

„Welchen?“

„Dass niemand glaubt, er wäre vergessen worden.“

Jasper nahm meine Hand und drückte sie sanft.

„Deshalb liebe ich dich.“

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Einfach als schlichte Wahrheit.

Ich lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Dann schreib weiter.“

Er nickte.

Und während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, schrieb Jasper Whitlock den nächsten Brief an eine trauernde Familie.

Nicht als Major.

Nicht als Soldat.

Sondern als Mensch.

Genau dieser Mensch war es, den ich über alles liebte.