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Der Ring

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Ring

Der Sommer war zurückgekehrt.

Die Luft war warm und schwer, der Duft von Kiefern lag über dem Lager, und für wenige Tage schien der Krieg weiter entfernt zu sein, als er tatsächlich war.

Diese Ruhe machte mich inzwischen nervös.

Ich hatte gelernt, dass auf ruhige Tage meist besonders schwere folgten.

„Bella.“

Colonel Davis trat am frühen Morgen ins Lazarett.

„Hätten Sie heute Nachmittag etwas Zeit?“

Ich richtete mich überrascht auf.

„Natürlich, Sir.“

Er nickte.

„Gut. Major Whitlock hat um einige Stunden Urlaub gebeten.“

Ich musste lächeln.

„Hat er das?“

„Er behauptet, er müsse eine sehr wichtige Angelegenheit erledigen.“

Ein kaum sichtbares Schmunzeln huschte über das Gesicht des Colonels.

„Ich habe beschlossen, ihm zu glauben.“

Als er gegangen war, trat Margaret neben mich.

„Eine wichtige Angelegenheit?“

Ich nickte.

„Ich habe keine Ahnung, was er meint.“

Margaret lachte leise.

„Doch.“

„Nein.“

„Bella.“

Sie sah mich liebevoll an.

„Du hast manchmal eine erstaunliche Gabe, das Offensichtliche zu übersehen.“

Am Nachmittag wartete Jasper bereits am Fluss.

Nicht auf unserem Baumstamm.

Sondern etwas weiter oberhalb.

Dort, wo der Fluss eine kleine Biegung machte.

„Du bist spät.“

begrüßte er mich mit einem Lächeln.

„Margaret hat mich aufgehalten.“

„Dann muss ich wohl mit ihr sprechen.“

„Das würde ich lieber lassen.“

Er lachte.

„Vermutlich hast du recht.“

Wir gingen schweigend nebeneinander her.

Diesmal führte Jasper mich nicht in die Stadt.

Nicht auf die Wiese.

Nicht zu seinem Elternhaus.

Er blieb erst stehen, als wir einen alten Baum erreichten.

Seine Äste spendeten Schatten, und unter ihm wuchs dichtes, weiches Gras.

„Hier komme ich manchmal her.“

sagte er leise.

„Wenn ich nachdenken muss.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Und worüber hast du heute nachgedacht?“

Er antwortete nicht sofort.

Stattdessen griff er in die Innentasche seiner Uniform.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Langsam zog er ein kleines, dunkelbraunes Kästchen hervor.

Es war schlicht.

An den Ecken bereits etwas abgenutzt.

Ich sah erst das Kästchen an.

Dann ihn.

„Jasper...?“

Er strich mit dem Daumen über das Holz.

„Das gehörte meiner Mutter.“

Seine Stimme war ungewöhnlich ruhig.

Fast ehrfürchtig.

„Sie hat es mir gegeben, kurz bevor sie starb.“

Ganz vorsichtig öffnete er den Deckel.

Darin lag ein schlichter Goldring.

Kein Edelstein.

Keine Verzierungen.

Nur eine feine Gravur auf der Innenseite.

„Sie sagte damals zu mir...“

Er lächelte traurig.

'Den Ring gibst du erst der Frau, mit der du alt werden möchtest.'

Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.

„Jasper...“

Er schloss das Kästchen wieder.

Zu meiner Überraschung nahm er den Ring jedoch nicht heraus.

Stattdessen legte er das Kästchen behutsam in meine Hände.

„Ich möchte, dass du ihn aufbewahrst.“

Ich sah ihn verwirrt an.

„Aber...“

„Noch nicht.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Ich habe dir versprochen, dass ich dir keinen Antrag zwischen Zelten, Kanonen und Schlachtfeldern machen werde.“

Sein Blick ruhte fest auf meinem.

„Und dieses Versprechen halte ich.“

Ich schluckte schwer.

„Dann... warum?“

Er lächelte sanft.

„Weil ich nicht weiß, was die nächsten Wochen bringen.“

Der Wind bewegte die Blätter über uns.

„Wenn ich den Ring bei mir trage...“

Er brach kurz ab.

„...könnte er verloren gehen.“

Oder mit mir.

Die letzten Worte sprach er nicht aus.

Sie standen trotzdem zwischen uns.

„Bei dir...“

fuhr er leise fort,

„...ist er sicher.“

Ich blickte auf das kleine Kästchen.

Es fühlte sich plötzlich unendlich kostbar an.

Nicht wegen des Goldes.

Sondern wegen dessen, was es bedeutete.

„Du vertraust mir damit das Wertvollste an, was du besitzt.“

„Nein.“

Er lächelte.

„Das Wertvollste sitzt bereits vor mir.“

Ich musste lachen, obwohl mir Tränen über die Wangen liefen.

„Du wirst immer besser mit deinen Worten.“

„Das liegt an dir.“

Er nahm meine Hände in seine.

Gemeinsam hielten wir das kleine Kästchen fest.

„Bella.“

Seine Stimme wurde wieder ernst.

„Ich werde zurückkommen.“

Ich öffnete den Mund.

Doch er hob leicht den Kopf.

„Nein.“

Er lächelte.

„Heute keine Versprechen.“

„Nur eine Bitte.“

Ich nickte.

„Welche?“

„Falls ich irgendwann tatsächlich vor dir auf die Knie gehe...“

Ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„...dann tu wenigstens so, als müsstest du kurz überlegen.“

Ich lachte laut.

„Warum denn das?“

„Damit ich nicht eingebildet werde.“

Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Das schaffe ich nicht.“

„Warum?“

Ich öffnete das Kästchen noch einmal.

Der Ring glänzte warm im Sonnenlicht.

„Weil ich meine Antwort schon kenne.“

Sein Lächeln wurde so weich, dass ich glaubte, mein Herz würde zerspringen.

Er küsste meine Stirn.

Dann meine Wange.

Und schließlich ganz sanft meine Lippen.

„Dann werde ich dich irgendwann fragen.“

flüsterte er.

„Nicht als Major.“

„Nicht als Soldat.“

„Sondern einfach als Jasper.“

Ich legte das Kästchen behutsam zurück in meine Tasche.

Dort, wo sonst seine Briefe lagen.

Es war das erste Mal, dass ich den Ring seiner Mutter berührte.

Die Wochen nach unserem Nachmittag am Fluss vergingen schneller, als mir lieb war.

Das kleine Holzkästchen mit dem Ring lag inzwischen sorgfältig eingewickelt zwischen Jaspers Briefen und den Zeichnungen unseres Hauses.

Manchmal öffnete ich die Kiste nur für einen Augenblick.

Nicht um den Ring anzusehen.

Sondern um mich daran zu erinnern, dass es irgendwo eine Zukunft gab, die auf uns wartete.

Eine Zukunft, die größer war als dieser Krieg.

Ich klammerte mich an diesen Gedanken.

Denn der Krieg selbst schien jede Hoffnung verschlingen zu wollen.

Die Verwundeten erzählten inzwischen dieselben Geschichten.

Nicht mehr von großen Siegen.

Sondern von langen Märschen.

Von fehlender Verpflegung.

Von erschöpften Pferden.

Von Einheiten, die sich immer weiter zurückziehen mussten.

Selbst ich, die keine Karten lesen konnte und keine Ahnung von Strategie hatte, begriff, dass sich etwas verändert hatte.

„Sie verlieren den Glauben.“

sagte Margaret eines Abends leise.

Wir saßen vor dem Lazarett und nähten zerrissene Decken zusammen.

„Wer?“

„Die Männer.“

Sie machte einen Knoten in den Faden.

„Nicht an sich selbst.“

„An den Krieg.“

Ich nickte langsam.

Auch Jasper sprach inzwischen anders.

Er redete kaum noch davon, den Krieg zu gewinnen.

Nur noch davon, seine Männer nach Hause zu bringen.

An einem regnerischen Nachmittag kam Nathan völlig durchnässt ins Lazarett gestürmt.

„Bella!“

„Was ist passiert?“

Er schüttelte das Wasser aus seinen Haaren.

„Der Major sucht dich.“

Mein Herz machte sofort einen Sprung.

„Ist er verletzt?“

„Nein.“

Nathan grinste.

„Zumindest nicht mehr als sonst.“

Ich warf ihm einen missbilligenden Blick zu.

„Das ist nicht lustig.“

Sein Grinsen verschwand sofort.

„Nein.“

sagte er leise.

„Ist es wirklich nicht.“

Ich fand Jasper hinter dem Kommandantszelt.

Er stand über eine große Karte gebeugt.

Colonel Davis und zwei weitere Offiziere verließen gerade das Zelt.

„Miss Swan.“

Der Colonel nickte mir freundlich zu.

„Der Major hat sich eine Stunde Freizeit verdient.“

„Nur eine?“

fragte ich überrascht.

Der ältere Mann lächelte müde.

„Im Krieg ist eine Stunde manchmal ein Luxus.“

Er setzte seinen Hut auf und ging.

Als wir allein waren, ließ Jasper hörbar die Luft aus.

„Du siehst erschöpft aus.“

Er lachte leise.

„Das höre ich in letzter Zeit oft.“

„Weil es stimmt.“

Ich trat näher.

Er nahm meine Hand.

„Heute musste ich zum ersten Mal einen ganzen Abschnitt der Front auf der Karte aufgeben.“

Seine Stimme war ruhig.

Aber ich hörte die Enttäuschung darin.

„Wir konnten ihn nicht halten.“

„Sind viele...“

Ich brachte die Frage kaum über die Lippen.

Er schüttelte den Kopf.

„Nicht so viele, wie ich befürchtet hatte.“

Dann lächelte er traurig.

„Früher hätte ich gesagt: Nicht so viele, wie der General befürchtet hatte.“

Er sah mich an.

„Heute denke ich nur noch an die Familien.“

Ich strich vorsichtig über seinen Handrücken.

„Das macht dich nicht zu einem schlechteren Offizier.“

„Manche würden das anders sehen.“

„Dann kennen sie dich nicht.“

Wir gingen langsam zum Fluss.

Der Wasserstand war durch den Regen gestiegen.

Das Rauschen war lauter als sonst.

„Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir uns kennengelernt haben?“

fragte Jasper plötzlich.

Ich musste lächeln.

„Wie könnte ich den vergessen?“

„Ich schon.“

Ich sah ihn überrascht an.

Er nickte.

„Nicht den Tag.“

Er lächelte leicht.

„Nur die Angst.“

„Welche Angst?“

„Dass du mich hassen würdest.“

Ich blieb stehen.

„Warum sollte ich?“

Er sah auf das Wasser.

„Ich hatte mich eingemischt.“

„Ich kannte dich nicht.“

„Und trotzdem dachte ich die ganze Zeit, du würdest mich fortschicken.“

Ich schüttelte lächelnd den Kopf.

„Stattdessen habe ich dir die Hand gegeben.“

„Ja.“

Er sah mich an.

„Das war vermutlich die wichtigste Entscheidung meines Lebens.“

Ich erwiderte seinen Blick.

„Für mich auch.“

Als wir zurück ins Lager kamen, wartete bereits ein Kurier auf Jasper.

Der junge Soldat sprang sofort vom Pferd.

„Major Whitlock?“

„Ja.“

Er überreichte ihm ein versiegeltes Schreiben.

„Dringende Befehle.“

Jasper brach das Siegel.

Je länger er las, desto ernster wurde sein Gesicht.

„Was ist?“

fragte ich leise.

Er faltete das Schreiben langsam zusammen.

„Wir brechen morgen früh auf.“

Mein Herz zog sich zusammen.

„Schon wieder?“

Er nickte.

„Diesmal weiter nach Süden.“

Nathan, der gerade dazugekommen war, runzelte die Stirn.

„Weiter nach Süden?“

Jasper nickte erneut.

„Man braucht erfahrene Offiziere.“

Er steckte den Brief in seine Tasche.

„Es scheint, als würde sich dort in den nächsten Wochen alles entscheiden.“

Ein kalter Wind fuhr über den Lagerplatz.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass dieser Einsatz anders werden würde.

Nicht, weil ich etwas wusste.

Sondern weil selbst Jasper ungewöhnlich still geworden war.

In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen.

Ich lauschte dem Wind, der an den Zeltplanen rüttelte.

Und tief in meinem Herzen spürte ich, dass wir auf einen Wendepunkt zusteuerten.