Das Versprechen
Das Versprechen
Die Tage wurden wieder länger.
Zwischen den Zelten blühten inzwischen kleine, gelbe Wildblumen, als wollten sie beweisen, dass selbst ein Krieg den Frühling nicht aufhalten konnte.
Ich pflückte jeden Morgen eine davon.
Nicht viele.
Nur eine.
Sie stand anschließend in einer kleinen Glasflasche neben meinem Feldbett.
Jasper behauptete einmal, ich würde selbst den trostlosesten Ort in ein Zuhause verwandeln.
Vielleicht hatte er recht.
„Bella?“
Ich blickte von den Verbänden auf.
Jasper lehnte am Eingang des Lazaretts.
Seine Uniform war sauber.
Ungewöhnlich sauber.
„Du siehst aus, als hättest du heute tatsächlich einmal geschlafen.“
Er lächelte.
„Fast sechs Stunden.“
Ich riss gespielt erschrocken die Augen auf.
„Major Whitlock verschläft den Krieg?“
„Das bleibt bitte unter uns.“
„Ich werde darüber nachdenken.“
Er trat näher.
„Du bist grausam.“
„Das sagt ausgerechnet ein Offizier.“
Zum ersten Mal seit Wochen lachten wir beide unbeschwert.
Margaret beobachtete uns kurz.
Dann räusperte sie sich übertrieben laut.
„Bella.“
„Ja?“
„Ich glaube, der Major möchte dich entführen.“
Jasper legte sich gespielt empört die Hand auf die Brust.
„Entführen klingt sehr unhöflich.“
Margaret nickte ernst.
„Dann eben höflich entführen.“
Selbst der Arzt musste lachen.
Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf.
„Na gut.“
Wir gingen zum Fluss.
Unser Baumstamm stand noch immer dort.
Wind und Regen hatten das Holz dunkler werden lassen.
Jasper strich kurz mit der Hand darüber.
„Er hält sich besser als wir.“
„Sprich für dich.“
Er sah mich grinsend an.
„Du findest, ich sehe alt aus?“
„Nein.“
Ich trat einen Schritt näher.
„Nur müde.“
Sein Lächeln verschwand.
„Das trifft es wahrscheinlich besser.“
Wir setzten uns.
Eine Weile beobachteten wir schweigend das Wasser.
„Weißt du...“
begann Jasper schließlich.
„Ich habe in letzter Zeit oft über unser erstes Gespräch nachgedacht.“
„Auf dem Markt?“
Er nickte.
„Damals hast du mir gesagt, dass du nur einen Ort möchtest, an dem niemand Angst haben muss.“
Ich lächelte traurig.
„Das wünsche ich mir immer noch.“
„Ich auch.“
Er griff nach einem kleinen Stein und warf ihn ins Wasser.
Mehrere Kreise breiteten sich langsam aus.
„Manchmal frage ich mich...“
Er zögerte.
„...ob wir diesen Ort jemals finden.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Vielleicht müssen wir ihn selbst erschaffen.“
Er sah mich lange an.
„Genau deshalb liebe ich dich.“
Der Nachmittag verging viel zu schnell.
Wir sprachen über Kleinigkeiten.
Über den störrischen Hund Major.
Über Nathan, der inzwischen überzeugt war, irgendwann ein berühmter Holzschnitzer zu werden, obwohl seine letzte Ente eher wie ein unförmiger Kürbis ausgesehen hatte.
Über Margaret, die heimlich jedem im Lager zusätzliche Brotscheiben zusteckte und anschließend behauptete, sie könne unmöglich zählen.
Es waren diese einfachen Gespräche, die ich am meisten vermissen würde.
Nicht die großen Versprechen.
Sondern das gemeinsame Lachen.
Als die Sonne langsam tiefer sank, wurde Jasper ungewöhnlich still.
„Bella.“
„Hm?“
Er nahm meine Hand.
Ganz fest.
„Ich muss morgen wieder los.“
Ich nickte langsam.
Diesmal tat der Satz fast mehr weh als sonst.
Vielleicht, weil ich inzwischen wusste, dass jeder Abschied gefährlicher wurde.
„Ich weiß.“
Er schwieg einen Moment.
Dann drehte er vorsichtig meine Handfläche nach oben.
Mit seinem Daumen strich er langsam darüber.
„Darf ich dir noch etwas versprechen?“
Ich lächelte schwach.
„Du hast mir schon so viele Versprechen gegeben.“
„Dieses ist anders.“
Seine Stimme war leise.
Fast feierlich.
„Falls ich eines Tages nicht zurückkomme...“
Ich wollte ihn sofort unterbrechen.
Doch er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Bitte.“
Ich nickte.
„Gut.“
Er holte tief Luft.
„Wenn es irgendeinen Weg gibt...“
Seine Finger schlossen sich fester um meine.
„...werde ich dich wiederfinden.“
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.
„Jasper...“
„Ganz gleich, was aus mir wird.“
Er sah mich an, als wollte er sich jedes Detail meines Gesichts einprägen.
„Ganz gleich, wie lange es dauert.“
Der Wind bewegte die Blätter über uns.
„Und wenn ich hundert Jahre suchen muss.“
Er lächelte sanft.
„Dann suche ich eben hundert Jahre.“
Mir lief eine Träne über die Wange.
„Du Dummkopf.“
Er lachte leise.
„Das hat Nathan auch schon gesagt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich legte meine freie Hand an seine Wange.
„Du wirst zurückkommen.“
„Das hoffe ich.“
„Nicht hoffen.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Versprechen.“
Er erwiderte es.
„Dann verspreche ich dir zweierlei.“
Er küsste meine Hand.
„Ich kämpfe um mein Leben.“
Sein Blick blieb auf meinem.
„Und sollte mir das Schicksal diesen Kampf nehmen...“
Er sprach den Satz langsam, als würde er jedes Wort in seinem Herzen verankern.
„...dann werde ich trotzdem nach dir suchen.“
Ich konnte nichts sagen.
Ich zog ihn einfach in meine Arme.
Wir blieben lange so sitzen.
Keiner sprach.
Keiner bewegte sich.
Nur das Rauschen des Flusses begleitete uns.
Als wir später ins Lager zurückkehrten, ruhte meine Hand unwillkürlich auf der Tasche, in der das kleine Holzkästchen mit dem Ring lag.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Jasper mir nicht nur ein Versprechen gegeben hatte.
Sondern einen Teil seiner Seele.
Die Nacht war ungewöhnlich still.
Zum ersten Mal seit Wochen war kein Kanonendonner zu hören.
Kein Alarm.
Kein Ruf nach Sanitätern.
Nur das Zirpen der Grillen und das leise Rauschen des Flusses.
Ich saß auf unserem Baumstamm und ließ meine Finger über das kleine Holzkästchen gleiten, das in meiner Manteltasche lag.
Jaspers Ring.
Ich nahm ihn nicht heraus.
Allein zu wissen, dass er dort war, genügte.
„Ich wusste, dass ich dich hier finde.“
Ich musste mich nicht umdrehen.
„Du kennst mich inzwischen ziemlich gut.“
„Das hoffe ich.“
Seine Stimme klang müde, aber warm.
Er setzte sich neben mich.
Diesmal blieb zwischen uns kein Abstand.
Unsere Schultern berührten sich.
„Morgen.“
sagte er leise.
Ich nickte.
„Ich weiß.“
Mehr musste keiner von uns sagen.
Wir wussten beide, dass der nächste Einsatz gefährlich werden würde.
Vielleicht gefährlicher als alle zuvor.
„Weißt du noch...“
begann Jasper nach einer Weile.
„...als du mich gefragt hast, wovon ich als Junge geträumt habe?“
Ich lächelte.
„Von einem Haus.“
„Und von einer Familie.“
ergänzte er.
Er sah auf den Fluss hinaus.
„Früher dachte ich immer, solche Träume wären etwas für andere Menschen.“
„Warum?“
„Weil ich Soldat geworden bin.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Man lernt schnell, nicht zu weit vorauszudenken.“
Ich legte meine Hand in seine.
„Und jetzt?“
Er verschränkte seine Finger mit meinen.
„Jetzt denke ich jeden Tag daran.“
„An unser Haus.“
„An den Garten.“
Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Und daran, wie du irgendwann mit Mehl im Gesicht in unserer Küche stehst und behauptest, das Brot wäre trotzdem gelungen.“
Ich lachte leise.
„Das würde ich niemals behaupten.“
„Nein?“
„Ich würde sagen, es hätte Charakter.“
Jetzt musste auch Jasper lachen.
Dieses tiefe, ehrliche Lachen, das ich so liebte.
„Das klingt eindeutig nach dir.“
Die Stille, die darauf folgte, war angenehm.
Nicht schwer.
Nicht traurig.
Einfach friedlich.
„Bella.“
Seine Stimme wurde sanfter.
„Hast du jemals bereut, mit mir gegangen zu sein?“
Ich drehte mich zu ihm.
„Keine einzige Sekunde.“
„Nicht einmal wegen des Krieges?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Der Krieg hat mich dir nicht genommen.“
Ich strich vorsichtig über seine Wange.
„Er hat mich zu dir geführt.“
Seine Augen glänzten im Mondlicht.
„Ich wünschte...“
Er brach ab.
„Was?“
„Ich wünschte, ich könnte dir schon heute das Leben geben, das du verdienst.“
Ich lächelte traurig.
„Du gibst mir etwas viel Wertvolleres.“
„Und was?“
„Ein Zuhause.“
Er runzelte leicht die Stirn.
„Hier? Zwischen Zelten?“
„Nein.“
Ich legte meine Hand auf seine Brust.
Dort, wo sein Herz schlug.
„Hier.“
Für einen langen Moment sagte keiner von uns etwas.
Dann hob Jasper langsam meine Hand an seine Lippen und küsste sie.
„Ich liebe dich.“
flüsterte er.
„Mehr, als ich jemals in Worte fassen könnte.“
Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten.
„Dann versuch es nicht.“
Ich lächelte.
„Bleib einfach bei mir.“
Er antwortete nicht.
Stattdessen zog er mich vorsichtig in seine Arme.
Ich schmiegte mich an ihn.
Sein Herz schlug ruhig unter meiner Wange.
Ich hätte stundenlang so sitzen können.
„Bella?“
„Hm?“
„Komm mit.“
Verwundert sah ich ihn an.
„Wohin?“
Er lächelte sanft.
„Zu mir.“
Ich verstand sofort, was er meinte.
Nicht sein Offizierszelt.
Sondern den kleinen Unterstand, den er sich etwas abseits des Lagers eingerichtet hatte, wenn er für wenige Nächte zurückkehrte.
Ich hielt seinem Blick stand.
Dort lag keine Unsicherheit.
Kein Mitleid.
Keine Verzweiflung.
Nur Liebe.
„Bist du sicher?“
fragte er leise.
„Ich möchte nicht, dass diese Entscheidung aus Angst entsteht.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Meine Stimme war ruhig.
„Nicht aus Angst.“
Ich nahm seine Hand.
„Aus Hoffnung.“
Er schloss für einen Moment die Augen.
Als hätte genau diese Antwort ihm den letzten Zweifel genommen.
Gemeinsam gingen wir den schmalen Weg zwischen den Bäumen entlang.
Langsam.
Ohne Eile.
Keiner von uns sprach.
Es gab nichts mehr zu sagen.
In dieser Nacht schenkten wir einander nicht nur unsere Liebe.
Sondern auch unser Vertrauen.
Unsere Träume.
Und das Versprechen, dass wir – ganz gleich, wie grausam die Welt dort draußen sein mochte – immer an die Zukunft glauben würden, die wir gemeinsam erschaffen wollten.