Der Brief, den niemand schreiben wollte
Der Brief, den niemand schreiben wollte
Am nächsten Morgen lag Nebel über dem Lager.
Dicht und schwer.
Als hätte selbst der Himmel beschlossen, den Abschied vor uns zu verbergen.
Ich stand neben Jasper, während er sein Pferd sattelte.
Keiner von uns sprach viel.
Nach all den Monaten hatten wir gelernt, dass nicht jeder Abschied Worte brauchte.
Manchmal reichte es, die Hand des anderen zu halten.
„Pass auf dich auf.“
flüsterte ich.
Er lächelte.
„Das hast du mir schon hundertmal gesagt.“
„Und ich werde es noch hundertmal sagen.“
Er strich sanft mit dem Daumen über meine Wange.
„Dann höre ich es auch noch hundertmal gern.“
Ein Offizier rief seinen Namen.
„Major Whitlock!“
Jasper schloss für einen Moment die Augen.
„Ich muss los.“
Ich nickte.
„Ich weiß.“
Er küsste mich ein letztes Mal.
Kurz.
Sanft.
Dann stieg er auf sein Pferd.
Diesmal drehte er sich noch einmal um.
Unsere Blicke trafen sich.
Er legte zwei Finger an die Krempe seines Hutes.
Ein stummes Versprechen.
Dann ritt er davon.
Drei Wochen vergingen.
Dann vier.
Kein Brief.
Ich redete mir ein, dass die Boten andere Wege nehmen mussten.
Dass der Regen die Straßen unpassierbar gemacht hatte.
Dass Jasper schlicht keine Gelegenheit zum Schreiben gefunden hatte.
Nathan versuchte mich aufzumuntern.
„Vielleicht schreibt er diesmal einen besonders langen Brief.“
Ich lächelte tapfer.
„Vielleicht.“
Doch tief in meinem Inneren breitete sich ein Gefühl aus, das ich nicht mehr verdrängen konnte.
Angst.
An einem verregneten Nachmittag erreichte ein einzelner Kurier das Lager.
Sein Pferd war schweißnass.
Die Uniform zerrissen.
Colonel Davis trat ihm sofort entgegen.
Der junge Soldat übergab wortlos ein versiegeltes Schreiben.
Ich beobachtete, wie der Colonel das Siegel brach.
Sein Gesicht wurde blass.
Er las den Brief ein zweites Mal.
Dann faltete er ihn langsam zusammen.
Margaret trat neben ihn.
„Sir?“
Er antwortete nicht sofort.
Stattdessen sah er über den Lagerplatz.
Zu den Zelten.
Zu den Verwundeten.
Zu mir.
In diesem Moment wusste ich, dass etwas Schreckliches geschehen war.
Noch bevor ein einziges Wort gesprochen wurde.
„Alle Offiziere und das Lazarettpersonal ins Kommandantszelt.“
Seine Stimme war ungewöhnlich rau.
Ich spürte, wie meine Knie weich wurden.
Margaret griff sofort nach meiner Hand.
„Bella.“
Ich nickte kaum merklich.
„Es wird schon...“
Doch ich brachte den Satz nicht zu Ende.
Im Zelt herrschte völlige Stille.
Colonel Davis nahm seinen Hut ab.
„Vor fünf Tagen wurde Major Whitlocks Regiment südlich des Flusses angegriffen.“
Mein Herz begann so laut zu schlagen, dass ich kaum noch etwas hörte.
„Es gab schwere Verluste.“
Niemand bewegte sich.
„Major Whitlock befahl seinen Männern den Rückzug und deckte ihn mit einer kleinen Einheit.“
Ich schloss die Augen.
Bitte...
Bitte nicht...
„Seitdem...“
Der Colonel rang sichtbar mit den Worten.
„...gilt Major Jasper Whitlock als vermisst.“
Nicht tot.
Vermisst.
Dieses eine Wort ließ einen winzigen Funken Hoffnung in mir aufglimmen.
„Mehrere Suchtrupps wurden ausgesandt.“
fuhr Colonel Davis fort.
„Bisher ohne Erfolg.“
Er legte den Brief langsam auf den Tisch.
„Die Wahrscheinlichkeit...“
Er brach kurz ab.
„...ist leider gering.“
Ich hörte nichts mehr.
Nicht die Stimmen.
Nicht das Atmen der anderen.
Nur das Rauschen in meinen Ohren.
Vermisst.
Nicht tot.
Vermisst.
Ich klammerte mich an dieses Wort, als wäre es ein Rettungsanker.
Später saß ich allein am Fluss.
Der Ring seiner Mutter lag in meiner Hand.
Das Kästchen hatte ich geöffnet.
Zum ersten Mal nahm ich den Ring heraus.
Das Gold fühlte sich kühl an.
„Du hast mir etwas versprochen.“
flüsterte ich.
Der Wind trug meine Worte über das Wasser.
„Du hast gesagt, du findest mich wieder.“
Eine Träne fiel auf den Ring.
„Also wag es nicht...“
Meine Stimme brach.
„...dieses Versprechen zu brechen.“
Ich schloss die Finger fest um den Ring.
Zum ersten Mal seit wir uns kannten, hatte ich Angst, dass selbst Jasper sein Wort vielleicht nicht würde halten können.
Doch tief in meinem Herzen hörte ich ihn noch immer.
„Ganz gleich, was aus mir wird.“
Drei Tage.
Drei endlos lange Tage.
Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit beschlossen hatte, mich zu quälen.
Jedes Mal, wenn Hufschläge über den Lagerplatz hallten, lief ich zum Eingang des Feldlagers.
Jedes Mal hoffte ich, Jasper zu sehen.
Jedes Mal kehrte ich mit schwerem Herzen um.
Niemand hatte neue Nachrichten.
Niemand wusste, was mit den Männern geschehen war.
„Vermisst.“
Dieses Wort verfolgte mich inzwischen bis in meine Träume.
Nicht tot.
Nicht lebend.
Einfach... verschwunden.
„Bella.“
Margaret stellte wortlos einen Teller vor mich.
Ich blickte kaum auf.
„Ich habe keinen Hunger.“
„Das spielt keine Rolle.“
„Margaret...“
„Nein.“
Ihre Stimme war ungewöhnlich streng.
„Der Major würde mich eigenhändig ausschimpfen, wenn ich zulasse, dass du nichts isst.“
Ich musste trotz allem schwach lächeln.
„Das würde er.“
„Also iss.“
Ich nahm einen kleinen Bissen.
Mehr brachte ich nicht herunter.
Margaret setzte sich schweigend neben mich.
Sie sagte nichts.
Sie musste nichts sagen.
Alle im Lager trauerten.
Nicht nur um einen Offizier.
Sondern um den Mann, der jedem das Gefühl gegeben hatte, nicht allein zu sein.
Nathan war seit dem Morgen verschwunden.
Erst kurz vor Sonnenuntergang entdeckte ich ihn hinter dem Stall.
Er saß auf einem umgedrehten Eimer.
In den Händen hielt er ein Messer.
Vor ihm lag ein Stück Holz.
Doch er schnitzte nicht.
Er starrte einfach nur darauf.
„Nathan?“
Er hob langsam den Kopf.
Seine Augen waren gerötet.
„Hallo.“
Ich setzte mich neben ihn.
„Was machst du?“
Er drehte das Holzstück zwischen den Fingern.
„Eigentlich...“
Er schluckte.
„...wollte ich ihm etwas schnitzen.“
„Jasper?“
Er nickte.
„Eine richtige Ente.“
Ein leises, trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Nicht so ein unförmiges Ding wie sonst.“
Ich musste lachen.
Es war nur ein kurzer Laut.
Aber Nathan lächelte ebenfalls.
„Er hat immer behauptet, ich hätte zwei linke Hände.“
„Dabei hast du dich verbessert.“
„Findest du?“
„Ja.“
Ich nahm das Stück Holz vorsichtig in die Hand.
Man erkannte tatsächlich langsam einen Vogel.
Noch nicht perfekt.
Aber deutlich besser als seine ersten Versuche.
„Er hätte sich darüber gefreut.“
Nathan nickte.
„Deshalb werde ich sie fertig machen.“
Er sah zum Himmel.
„Falls er zurückkommt...“
Er verbesserte sich sofort.
„Nein.“
Er schüttelte entschlossen den Kopf.
„Wenn.“
Nicht falls.
Wenn.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter.
„Er würde sich freuen.“
In derselben Nacht konnte ich nicht schlafen.
Ich zog den Ring aus dem Kästchen.
Langsam ließ ich ihn über meine Finger gleiten.
Er passte perfekt.
Ich schloss die Augen.
Für einen Moment stellte ich mir vor, Jasper hätte ihn mir selbst angesteckt.
Nicht unter einem Baum.
Nicht im Krieg.
Sondern in unserem Garten.
Mit Rosen.
Mit Lavendel.
Mit Major, der wahrscheinlich bellend zwischen den Gästen herumlaufen würde.
Ein bitteres Lächeln erschien auf meinen Lippen.
„Du hast gesagt, du würdest mich finden.“
flüsterte ich.
Ich drehte den Ring zwischen den Fingern.
„Dann finde zuerst den Weg zurück.“
Am nächsten Morgen herrschte ungewöhnliche Unruhe im Lager.
Mehrere Reiter näherten sich.
Colonel Davis eilte sofort zum Eingang.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Die Pferde waren schmutzig.
Die Männer ebenso.
Ich erkannte keinen von ihnen.
Nicht sofort.
Dann sprang einer der Soldaten aus dem Sattel.
„Colonel!“
Er salutierte.
„Bericht!“
„Wir haben das Schlachtfeld abgesucht.“
Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Und?“
fragte der Colonel.
Der Soldat senkte den Blick.
„Wir haben...“
Er holte tief Luft.
„...keine Spur von Major Whitlock gefunden.“
Mir wurde plötzlich schwindelig.
Keine Spur.
Nicht einmal...
Keine Uniform.
Kein Pferd.
Nichts.
Der Soldat sprach weiter.
„Auch von den Männern, die mit ihm zurückgeblieben sind, fehlt jede Spur.“
Colonel Davis runzelte die Stirn.
„Gar nichts?“
„Nein, Sir.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
Der Colonel nickte langsam.
„Ein Schlachtfeld verschluckt keine ganze Einheit.“
Der junge Soldat schüttelte ratlos den Kopf.
„Genau das sagen die Männer auch.“
Zum ersten Mal hob ich den Blick.
Etwas an diesen Worten ließ Hoffnung in mir aufkeimen.
Wenn es keine Spur gab...
Dann bedeutete das vielleicht...
Nein.
Ich durfte mich nicht an Vermutungen klammern.
Und doch...
Etwas tief in meinem Inneren weigerte sich zu glauben, dass Jasper einfach verschwunden war.
Als am Abend endlich Ruhe einkehrte, ging ich wieder zum Fluss.
Ich setzte mich auf unseren Baumstamm.
Der Ring lag fest in meiner Hand.
Der Wind strich durch die Bäume.
Ganz plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein.
Ich blickte mich um.
Niemand.
Nur das Rascheln der Blätter.
Ich lächelte traurig.
„Ich bilde mir schon deine Gegenwart ein.“
flüsterte ich.
Dann schloss ich die Augen.