Jasper
Jasper
Die Blätter an den Bäumen hatten sich längst verfärbt.
Aus dem warmen Sommer war ein kühler Herbst geworden.
Ich stellte lächelnd fest, dass mein Leben immer dann eine neue Richtung einschlug, wenn der Herbst begann.
Vor einem Jahr hatte ich noch im Feldlazarett gestanden und darauf gewartet, dass Jasper von einem Einsatz zurückkehrte.
Heute stand ich vor dem kleinen Spiegel meines Zimmers in Liverpool.
Mein Kleid spannte inzwischen deutlich über meinem Bauch.
Vorsichtig strich ich mit beiden Händen darüber.
„Du wächst viel zu schnell.“
flüsterte ich lächelnd.
Im selben Moment spürte ich einen kräftigen Tritt.
Ich musste lachen.
„Also gut.“
Ich schüttelte gespielt den Kopf.
„Vielleicht war das unhöflich formuliert.“
Noch ein Tritt.
„Ganz der Dickkopf deines Vaters.“
Im Krankenhaus wussten inzwischen alle von meiner Schwangerschaft.
Die Oberschwester achtete darauf, dass ich keine schweren Patienten mehr heben musste.
Natürlich versuchte ich trotzdem ständig mit anzupacken.
„Mrs. Whitlock.“
tadelte sie mich eines Morgens.
„Sie sollten sich ausruhen.“
„Mir geht es gut.“
„Das behaupten Sie jeden Tag.“
Ich lächelte.
„Weil es stimmt.“
Die ältere Frau verschränkte die Arme.
„Und trotzdem setzen Sie sich jetzt hin.“
Ich gab mich schließlich geschlagen.
Während ich mich auf einen Stuhl setzte, legte ich unbewusst wieder eine Hand auf meinen Bauch.
„Sie reden oft mit dem Baby.“
bemerkte die Oberschwester.
Ich nickte.
„Jeden Abend.“
„Worüber?“
Mein Blick wanderte zum Fenster.
„Über seinen Vater.“
Die ältere Frau schwieg einen Moment.
„Er muss ein außergewöhnlicher Mann gewesen sein.“
Ein warmes Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Der außergewöhnlichste.“
In den folgenden Wochen begann ich, das kleine Zimmer umzuräumen.
Neben meinem Bett stellte ich eine schlichte Wiege auf, die ein Schreiner aus der Nachbarschaft für wenig Geld gebaut hatte.
Sie war aus hellem Holz.
Ganz schlicht.
Doch als ich sie sah, musste ich sofort an Jasper denken.
Er hätte sie wahrscheinlich selbst gebaut.
Und dabei behauptet, sie sei schief geworden.
Obwohl sie am Ende perfekt gewesen wäre.
Ich legte eine kleine Decke hinein.
Daneben stellte ich die Holzkiste.
Nicht, weil sie dort hingehörte.
Sondern weil ich wollte, dass unser Kind eines Tages alles über seinen Vater erfahren konnte.
Die ersten Wehen begannen mitten in der Nacht.
Zuerst glaubte ich, ich hätte mich nur übernommen.
Doch sie kamen wieder.
Und wieder.
„Mrs. Whitlock?“
Eine junge Krankenschwester half mir sofort auf.
„Es geht los.“
Ich nickte nur.
Ich hatte unzählige Frauen bei Geburten begleitet.
Jetzt war ich selbst an der Reihe.
Und plötzlich hatte ich Angst.
Nicht vor den Schmerzen.
Sondern davor, diesen Moment ohne Jasper erleben zu müssen.
Als die Wehen stärker wurden, schloss ich die Augen.
In Gedanken stellte ich mir vor, wie er meine Hand hielt.
„Du schaffst das.“
hörte ich seine Stimme.
Natürlich war sie nicht wirklich da.
Aber sie gab mir Kraft.
Stunden später erfüllte ein kräftiges Schreien den Raum.
„Herzlichen Glückwunsch.“
sagte die Hebamme lächelnd.
„Sie haben einen gesunden Jungen.“
Meine Sicht verschwamm vor Tränen.
Vorsichtig legte sie mir das kleine Bündel in die Arme.
Er war winzig.
Sein dunkles Haar lag feucht an seinem Kopf.
Seine kleinen Finger schlossen sich sofort um meinen Zeigefinger.
Ich lächelte unter Tränen.
„Hallo.“
flüsterte ich.
„Ich bin deine Mama.“
Er beruhigte sich langsam.
Als hätte er meine Stimme erkannt.
Die Hebamme lächelte.
„Haben Sie schon einen Namen?“
Ich brauchte keine Sekunde nachzudenken.
„Ja.“
Ich blickte auf das kleine Gesicht in meinen Armen.
„Jasper.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Jasper Whitlock Junior.“
Die Hebamme nickte lächelnd.
„Ein schöner Name.“
Sie konnte nicht wissen, was dieser Name für mich bedeutete.
Ich küsste sanft die Stirn meines Sohnes.
„Dein Papa hätte dich unendlich geliebt.“
Meine Tränen fielen auf seine kleine Decke.
„Und ich verspreche dir...“
Ich strich ihm vorsichtig über die Wange.
„...du wirst ihn kennenlernen.“
Ich wusste noch nicht, wie.
Nicht wann.
Vielleicht nur durch Geschichten.
Vielleicht niemals persönlich.
Aber eines wusste ich ganz sicher:
Jasper Whitlock würde in unserem Sohn weiterleben.
Mit jedem Lächeln.
Mit jedem Schritt.
Mit jedem Schlag seines kleinen Herzens.
Und tief in meinem Inneren hielt ich an einem Gedanken fest, den ich nie aufgegeben hatte.
Vielleicht hält dein Vater sein Versprechen doch noch.
Vielleicht sucht er uns gerade jetzt.
Die ersten Wochen vergingen wie im Flug.
Manchmal fragte ich mich morgens, welcher Wochentag überhaupt war.
Jasper bestimmte inzwischen meinen gesamten Tagesablauf.
Wann ich schlief.
Wann ich aß.
Wann ich lachte.
Und manchmal auch, wann ich weinte.
Er war ein ausgesprochen friedliches Baby.
Nur nachts schien er beschlossen zu haben, die Welt entdecken zu wollen.
„Du bist ganz eindeutig das Kind deines Vaters.“
murmelte ich lächelnd, während ich ihn durch das kleine Zimmer trug.
„Auch er hat viel zu selten geschlafen.“
Jasper Jr. antwortete mit einem leisen Glucksen.
„Ach, findest du das lustig?“
Ich strich ihm vorsichtig über seine winzige Nase.
„Warte nur, bis du größer bist.“
Er griff mit seiner kleinen Hand nach meinem Finger.
Mit erstaunlich viel Kraft.
Ich lächelte.
„Da bist du wieder.“
flüsterte ich.
„Ganz dein Vater.“
Im Krankenhaus war Jasper inzwischen der Liebling aller Schwestern.
Sobald ich Dienst hatte, kümmerte sich immer jemand freiwillig um ihn.
„Mrs. Whitlock!“
Die ältere Oberschwester kam eines Nachmittags mit Jasper auf dem Arm auf mich zu.
„Ich fürchte, Ihr Sohn hat beschlossen, sämtliches Personal um den Finger zu wickeln.“
Ich lachte.
„Hat er das?“
„Er lächelt jeden an.“
Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Das ist gefährlich.“
Ich nahm ihn vorsichtig entgegen.
„Hast du wieder alle verzaubert?“
Jasper antwortete mit einem fröhlichen Laut.
Die Oberschwester beobachtete ihn einen Moment.
„Er hat wunderschöne Augen.“
Ich nickte.
„Ja.“
Mein Blick blieb auf seinem Gesicht liegen.
Seine Augen waren noch nicht ganz festgelegt.
Aber ihr warmes blau wurde mit jedem Tag deutlicher.
Genau wie bei Jasper.
Jedes Mal, wenn ich hineinsah, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen.
Und gleichzeitig wurde es ein wenig leichter.
An freien Tagen machte ich lange Spaziergänge mit ihm.
Liverpool war laut.
Geschäftig.
Voller Menschen.
Doch sobald wir den kleinen Park hinter dem Krankenhaus erreichten, wurde es ruhiger.
Dort setzte ich mich oft auf dieselbe Bank.
Jasper lag in seinem Kinderwagen und beobachtete fasziniert die Blätter, die sich im Wind bewegten.
„Weißt du...“
begann ich eines Tages.
„Dein Papa hätte dir jetzt bestimmt erklärt, warum die Blätter so tanzen.“
Ich lächelte traurig.
„Und danach hätte er wahrscheinlich behauptet, sie würden vor Major fliehen.“
Ein leises Lachen entfuhr mir.
„Du würdest Major mögen.“
Jasper blickte zu mir auf.
Seine kleinen Augen folgten jeder meiner Bewegungen.
„Er ist ein Hund.“
erklärte ich ihm.
„Ein ziemlich verrückter Hund.“
„Er hat ständig versucht, Essen zu klauen.“
„Und dein Papa hat jedes Mal behauptet, Nathan wäre schuld.“
Ich schüttelte lächelnd den Kopf.
„Das stimmt natürlich nicht.“
Eine ältere Dame, die an meiner Bank vorbeiging, blieb kurz stehen.
„Sie sprechen oft mit Ihrem Kleinen.“
„Ja.“
antwortete ich lächelnd.
„Er soll seinen Vater kennenlernen.“
Die Frau sah sich suchend um.
„Ist Ihr Mann arbeiten?“
Für einen kurzen Augenblick blieb mir die Luft weg.
Ich blickte auf den Ring an meiner Hand.
Er glänzte im Sonnenlicht.
„Nein.“
sagte ich leise.
„Er ist vor seiner Geburt gestorben.“
Die Frau legte mir mitfühlend eine Hand auf die Schulter.
„Es tut mir sehr leid.“
Ich nickte dankbar.
„Danke.“
Als sie weiterging, blickte ich wieder zu meinem Sohn.
„Ich habe nicht gelogen.“
flüsterte ich.
„Ich weiß nur nicht, wie viel Wahrheit wirklich dahinter steckt.“
Am Abend holte ich die Holzkiste hervor.
Inzwischen war daraus ein festes Ritual geworden.
Ich setzte mich mit Jasper auf den Schoß in den alten Schaukelstuhl.
Dann öffnete ich vorsichtig den Deckel.
„Heute...“
sagte ich lächelnd.
„...zeige ich dir etwas Besonderes.“
Ich nahm eine der Zeichnungen heraus.
Das kleine Haus.
Mit der Veranda.
Den Rosen.
Dem Lavendel.
„Das hat dein Papa gemalt.“
Jasper streckte sofort seine kleine Hand danach aus.
„Nein, mein Schatz.“
Ich lachte leise.
„Noch nicht.“
Vorsichtig hielt ich die Zeichnung so, dass er sie betrachten konnte.
„Siehst du die beiden Schaukelstühle?“
Ich strich über das Papier.
„Da wollten wir einmal zusammen sitzen.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Du warst damals noch nicht einmal ein Traum.“
Ich schwieg einen Moment.
Dann lächelte ich.
„Oder vielleicht doch.“
Ich betrachtete die kleine gezeichnete Figur eines Jungen, die Jasper damals mit einem Holzschwert neben das Haus gemalt hatte.
Damals hatten wir darüber gelacht.
Heute liefen mir Tränen über die Wangen.
„Er hat dich schon gesehen...“
flüsterte ich.
„...lange bevor er wusste, dass es dich wirklich geben würde.“
Ich küsste sanft die Stirn meines Sohnes.
„Und weißt du, was ich ganz fest glaube?“
Jasper gähnte herzhaft.
Ich musste lächeln.
„Eines Tages...“
Ich legte die Zeichnung behutsam zurück in die Holzkiste.
„...werde ich deinem Papa erzählen, dass er mit seiner Zeichnung fast recht hatte.“
Ich sah auf meinen kleinen Jungen hinunter.
„Nur eines hat er vergessen.“
Ich strich liebevoll über seine blonden Haare.
„Dass unser Sohn noch viel schöner geworden ist, als er ihn sich jemals hätte vorstellen können.“