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Der kleine Major

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Der kleine Major

Fünf Jahre.

Jasper war inzwischen fünf Jahre alt.

Und ich war mir sicher, dass kein Junge auf dieser Welt so viele Fragen stellen konnte wie mein Sohn.

„Mama?“

„Hm?“

„Warum ist der Himmel blau?“

„Weil...“

Ich dachte kurz nach.

„...das Sonnenlicht in der Luft gebrochen wird.“

Er runzelte die Stirn.

„Was heißt gebrochen?“

Ich lachte.

„Frag mich lieber etwas über Medizin.“

„Warum?“

„Weil ich das besser erklären kann.“

Er überlegte einen Moment.

„Warum haben Menschen Knochen?“

„Jasper...“

Er grinste verschmitzt.

„Ich habe doch über Medizin gefragt.“

Ich konnte nicht anders, als zu lachen.

„Du hast eindeutig den Humor deines Vaters.“

„Echt?“

Seine Augen begannen zu leuchten.

„Hat Papa auch so viele Fragen gestellt?“

„Nein.“

Ich schmunzelte.

„Er hatte meistens schon die Antworten.“

„Oh.“

Jasper wirkte einen Augenblick nachdenklich.

„Dann muss ich noch üben.“

Er liebte das Krankenhaus.

Nicht wegen der Verletzungen.

Sondern wegen der Menschen.

Jeder kannte ihn.

Jeder begrüßte ihn mit einem Lächeln.

Und jeder wusste, dass Jasper früher oder später irgendeinem Patienten ein Lächeln entlocken würde.

„Mr. Collins!“

rief er einem älteren Mann zu, der sich gerade von einer Beinverletzung erholte.

„Heute laufen Sie schon viel besser!“

Der alte Mann lachte.

„Und woher willst du das wissen, junger Mann?“

Jasper verschränkte wichtig die Arme.

„Mama sagt immer, man muss nach vorne schauen.“

Mr. Collins sah zu mir.

„Den Rat werde ich mir merken.“

Ich lächelte.

„Er hört besser zu, als ich manchmal glaube.“

An freien Nachmittagen gingen wir oft in denselben kleinen Park.

Jasper rannte über die Wiese, jagte Schmetterlingen hinterher oder sammelte bunte Blätter.

„Mama!“

Er kam mit einem besonders schönen Ahornblatt angelaufen.

„Das ist für die Kiste.“

Ich lächelte.

„Für welche Kiste?“

Er sah mich an, als hätte ich etwas völlig Selbstverständliches vergessen.

„Für Papas Sachen.“

Mein Herz wurde warm.

Er war noch klein.

Aber für ihn gehörte sein Vater längst zu unserem Alltag.

Nicht als ferne Erinnerung.

Sondern als Teil unserer Familie.

„Darf ich?“

fragte er.

Gemeinsam öffneten wir zu Hause die Holzkiste.

Zwischen den Briefen, den Zeichnungen und der gepressten Sonnenblume legte Jasper vorsichtig das rote Ahornblatt.

„Jetzt hat Papa auch Herbst.“

sagte er zufrieden.

Ich musste lächeln.

„Das hätte ihm gefallen.“

Am Abend saßen wir wie so oft vor dem Kamin.

Jasper hatte seinen Stoffhund auf dem Schoß.

„Mama?“

„Ja?“

„War Papa mutig?“

Ich nickte.

„Sehr.“

„Hatte Papa Angst?“

Die Frage überraschte mich.

„Ja.“

antwortete ich ehrlich.

„Wirklich?“

„Jeder mutige Mensch hat manchmal Angst.“

Er dachte lange darüber nach.

„Aber warum war er dann mutig?“

Ich zog ihn näher an mich.

„Weil Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben.“

Ich erinnerte mich an Nathans Worte.

An das, was Jasper seinen Rekruten einmal gesagt hatte.

„Mut bedeutet, trotz der Angst das Richtige zu tun.“

Jasper nickte langsam.

„Dann möchte ich später auch mutig sein.“

Ich küsste sanft sein Haar.

„Das bist du jetzt schon.“

„Nein.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich habe heute vor dem großen Hund im Park Angst gehabt.“

Ich lächelte.

„Und trotzdem hast du dem kleinen Mädchen geholfen, ihren Ball zurückzuholen.“

Er sah überrascht zu mir auf.

„Das war mutig?“

„Ja.“

Er grinste stolz.

„Dann bin ich wie Papa.“

Mir traten Tränen in die Augen.

„Ja.“

flüsterte ich.

„Ganz genau wie Papa.“

Später, als Jasper längst schlief, blieb ich noch eine Weile an seinem Bett sitzen.

Im Schlaf sah er seinem Vater jeden Tag ein wenig ähnlicher.

Die blonden, leicht gewellten Haare.

Die feinen Gesichtszüge.

Und dieses kleine Grübchen an der linken Wange, das nur erschien, wenn er besonders herzlich lachte.

Es war dasselbe Grübchen, in das ich mich vor vielen Jahren auf einem kleinen Marktplatz verliebt hatte.

Ich strich meinem Sohn vorsichtig eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Du fehlst ihm.“

flüsterte ich in die Stille.

„Auch wenn er es nicht weiß.“

Meine Finger glitten unbewusst zu dem Ring an meiner Hand.

„Und ich hoffe...“

Ich blickte aus dem Fenster in die dunkle Nacht.

„...dass du dein Versprechen noch immer nicht vergessen hast.“

Denn tief in meinem Herzen glaubte ich noch immer daran.