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Die Nacht, die alles veränderte

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Nacht, die alles veränderte

Sieben Jahre waren vergangen.

Sieben Jahre, in denen ich gelernt hatte, mit meinem Schmerz zu leben.

Nicht ihn zu vergessen.

Das wäre niemals möglich gewesen.

Aber ich hatte gelernt, gleichzeitig zu lachen und zu trauern.

Zu arbeiten.

Zu leben.

Und jeden Abend meinem Sohn Geschichten über den Mann zu erzählen, den er nie kennenlernen durfte.

„Mama!“

Jasper kam mit einer selbst gemalten Zeichnung in die Küche gerannt.

„Schau!“

Ich legte den Kochlöffel beiseite und nahm das Blatt entgegen.

Darauf waren drei Strichmännchen zu sehen.

Ein großes.

Ein kleineres.

Und ein Hund mit viel zu großen Ohren.

„Wer ist das?“

fragte ich lächelnd.

Er zeigte auf die größte Figur.

„Du.“

Dann auf die kleine.

„Ich.“

Schließlich auf den Hund.

„Major.“

Ich musste lachen.

„Und wo ist Papa?“

Jasper sah mich mit seinen großen blauen Augen an.

Dann malte er mit einem Buntstift eine vierte Figur.

Nicht neben uns.

Sondern über uns.

Mit einem großen Lächeln.

„Da.“

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

„Papa passt auf.“

flüsterte er.

Ich zog ihn fest in meine Arme.

„Ja.“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Das hoffe ich auch.“

In derselben Nacht wurde ich von lautem Klopfen geweckt.

„Mrs. Whitlock!“

Die Stimme eines Pförtners hallte durch das Treppenhaus.

„Bitte kommen Sie sofort!“

Ich zog mir hastig ein Kleid über.

„Was ist passiert?“

„Ein Notfall.“

Mehr wusste er offenbar selbst nicht.

Ich warf noch einen Blick auf den schlafenden Jasper.

Mrs. Holloway, unsere Nachbarin, war bereits herübergeeilt.

„Ich bleibe bei ihm.“

sagte sie beruhigend.

„Danke.“

Ich küsste meinen Sohn auf die Stirn.

„Ich bin bald wieder da.“

Das Krankenhaus war ungewöhnlich still.

Nicht die friedliche Stille einer ruhigen Nacht.

Sondern die angespannte Stille kurz vor einem Gewitter.

Kaum hatte ich die Eingangshalle betreten, kam mir Dr. Harrison entgegen.

Sein weißer Kittel war mit Blut verschmiert.

„Mrs. Whitlock.“

Seine Stimme klang gehetzt.

„Gut, dass Sie da sind.“

„Was ist passiert?“

„Das wissen wir selbst nicht.“

Er fuhr sich erschöpft mit der Hand durchs Haar.

„Zwei Männer haben einen Verletzten vor dem Krankenhaus abgesetzt.“

„Wer waren sie?“

„Sie sind verschwunden, bevor wir Fragen stellen konnten.“

Ich runzelte die Stirn.

„Und der Verletzte?“

Der Arzt schüttelte langsam den Kopf.

„So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.“

Gemeinsam gingen wir den langen Flur entlang.

Schon bevor wir das Behandlungszimmer erreichten, fiel mir der metallische Geruch von Blut auf.

Viel zu viel Blut.

„Er müsste längst tot sein.“

murmelte Dr. Harrison.

„Aber sein Herz schlägt.“

„Langsam.“

„Sehr langsam.“

Je näher wir kamen, desto unruhiger wurde ich.

Etwas fühlte sich falsch an.

Ich konnte nicht erklären, warum.

Nur...

...mein ganzer Körper schien mich warnen zu wollen.

Der Mann lag reglos auf dem Behandlungstisch.

Seine Kleidung war völlig zerrissen.

Tiefe Schnittwunden zogen sich über Brust und Arme.

Seine Haut war ungewöhnlich hell.

Fast durchsichtig.

Ich trat näher.

„Wie alt schätzen Sie ihn?“

fragte der Arzt.

Ich betrachtete das Gesicht des Fremden.

„Vielleicht dreißig.“

„Ich hätte dasselbe gesagt.“

Er zeigte auf eine der Wunden.

„Sehen Sie sich das an.“

Ich beugte mich vor.

Die Verletzung war tief.

Viel zu tief.

Und doch...

Blutete sie kaum noch.

„Das ergibt keinen Sinn.“

flüsterte ich.

Dr. Harrison nickte.

„Genau das dachte ich auch.“

Ich griff nach sauberem Leinen.

„Versuchen wir trotzdem, ihn zu stabilisieren.“

Die nächsten zwei Stunden arbeiteten wir schweigend.

Ich vernähte Wunden.

Legte neue Verbände an.

Reichte Instrumente.

Doch immer wieder fiel mir etwas Merkwürdiges auf.

Seine Haut war...

kühl.

Nicht kalt.

Aber deutlich kühler als die eines Menschen.

„Ist Ihnen nicht warm?“

fragte ich schließlich.

Der Arzt sah mich irritiert an.

„Wie meinen Sie das?“

„Seine Körpertemperatur.“

Er legte selbst eine Hand an die Stirn des Verletzten.

„Merkwürdig.“

murmelte er.

„Vielleicht der Blutverlust.“

Ich nickte.

Doch die Erklärung überzeugte mich nicht.

„Mrs. Whitlock.“

Der Arzt stellte die letzte Schüssel beiseite.

„Ich brauche frisches Verbandsmaterial.“

„Okay.“

Kaum war er aus dem Zimmer verschwunden, trat ich an das Bett.

Der Fremde hatte sich nicht bewegt.

Ich überprüfte noch einmal den Verband an seiner Schulter.

„Sie werden wieder gesund.“

sagte ich leise.

„Sie haben Glück gehabt.“

In diesem Moment...

...öffneten sich seine Augen.

Tiefrote Augen.

Ich erstarrte.

Für einen Herzschlag konnte ich mich nicht bewegen.

Der Fremde sah mich an.

Nicht verwirrt.

Nicht erschrocken.

Sondern...

hungrig.

Ein Knurren drang aus seiner Kehle.

Ich wich einen Schritt zurück.

„Ganz ruhig...“

flüsterte ich.

„Sie sind verletzt.“

Sein Blick fiel auf meinen Hals.

Dann geschah alles gleichzeitig.

Mit einer Geschwindigkeit, die kein Mensch besitzen konnte, war er vom Bett herunter.

Eine eiskalte Hand legte sich auf meinen Arm.

Ich wollte schreien.

Doch kein Laut verließ meine Lippen.

Sein Gesicht kam meinem Hals näher.

Ich sah die langen, schneeweißen Zähne.

Dann...

ein stechender Schmerz.

So scharf, dass mir augenblicklich die Luft wegblieb.

„Nein!“

Der Schrei kam nicht von mir.

Sondern von ihm.

Ebenso plötzlich, wie er mich angegriffen hatte, ließ er mich wieder los.

Er taumelte mehrere Schritte zurück.

Seine roten Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Was...“

Er starrte mich an.

„Was habe ich getan?“

Ich sank auf die Knie.

Meine Hand presste sich gegen meinen Hals.

Warmes Blut rann zwischen meinen Fingern hindurch.

Der Fremde schüttelte panisch den Kopf.

„Nein...“

flüsterte er immer wieder.

„Nicht schon wieder.“

Mit einer Geschwindigkeit, die ich kaum wahrnahm, war er erneut bei mir.

Diesmal jedoch nicht, um mich anzugreifen.

Er kniete sich vor mich.

Sein Gesicht war von Verzweiflung gezeichnet.

„Verzeih mir.“

flüsterte er.

„Bitte... verzeih mir.“

Bevor ich begriff, was geschah, presste er seine Lippen erneut auf die Bisswunde.

Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Hals.

Dann begann sich alles zu drehen.

Ich hörte Stimmen.

Schritte.

Jemand rief meinen Namen.

Der Fremde wurde von mehreren Männern fortgerissen.

Dr. Harrison kniete plötzlich neben mir.

„Bella!“

Seine Stimme klang unendlich weit entfernt.

„Bleiben Sie bei uns!“

Ich versuchte zu antworten.

Doch meine Lippen gehorchten mir nicht mehr.

Das Letzte, was ich spürte, war meine Hand.

Sie tastete blind nach dem Ring an meinem Finger.

Ich umschloss ihn fest.

Und dann...

...verschlang die Dunkelheit alles.

Die Dunkelheit war nicht still.

Sie war erfüllt von Stimmen.

Manche klangen nah.

Andere so weit entfernt, als würden sie aus einem anderen Leben zu mir dringen.

„...viel zu viel Blut verloren...“

„...Puls wird schwächer...“

„...wir verlieren sie...“

Ich wollte die Augen öffnen.

Ich wollte sagen, dass ich hier war.

Dass ich sie hören konnte.

Doch mein Körper gehorchte mir nicht.

Stattdessen breitete sich ein Brennen in mir aus.

Es begann an meinem Hals.

Genau dort, wo mich der Fremde gebissen hatte.

Dann wanderte es langsam weiter.

Über meine Schulter.

Meinen Brustkorb.

Meine Arme.

Es fühlte sich an, als würde flüssiges Feuer durch meine Adern fließen.

Ich hatte in meinem Leben viele Schmerzen erlebt.

Ich hatte Männer gesehen, denen Gliedmaßen amputiert worden waren.

Ich hatte Kugeln aus Wunden entfernt.

Doch nichts...

...nichts kam diesem Schmerz auch nur annähernd gleich.

Ich wollte schreien.

Aber selbst das konnte ich nicht.

„Bella?“

Eine vertraute Stimme.

Sie war nicht wirklich da.

Das wusste ich.

Und trotzdem klammerte ich mich an sie.

„Jasper...“

Der Name blieb in meinen Gedanken hängen.

Ich konnte ihn nicht aussprechen.

Ich sah sein Gesicht vor mir.

So deutlich, als säße er wieder mit mir am Fluss.

Die Sonne fiel durch die Blätter.

Er lächelte.

„Du bist stärker, als du glaubst.“

Ich streckte die Hand nach ihm aus.

Doch zwischen uns lag plötzlich dichter Nebel.

„Bitte...“

Ich wollte ihn festhalten.

„Geh nicht.“

Er lächelte traurig.

„Ich gehe nicht.“

Seine Stimme war ruhig.

„Du musst nur weiterkämpfen.“

Dann verschwand er.

Und mit ihm der Fluss.

Die Sonne.

Die Wärme.

Zurück blieb nur das Feuer.

Als ich das nächste Mal Stimmen wahrnahm, waren sie klarer.

„Das Fieber steigt weiter.“

„Sie verbrennt innerlich.“

„Wir können nichts mehr tun.“

Ich erkannte Dr. Harrison.

Zum ersten Mal hörte ich Angst in seiner Stimme.

„Wie lange schon?“

fragte jemand.

„Drei Tage.“

Drei Tage?

War ich wirklich schon so lange fort?

Mein erster Gedanke galt nicht mir.

Er galt meinem Sohn.

Jasper...

War er allein?

Hatte jemand ihm gesagt, wo ich war?

Ob ich zurückkommen würde?

Ich versuchte verzweifelt, die Augen zu öffnen.

Nur einen Spalt.

Nur für einen Moment.

Nichts.

Das Feuer erreichte mein Herz.

Ich war überzeugt, jetzt sterben zu müssen.

Mein ganzer Körper spannte sich an.

Dann...

plötzlich...

Stille.

Keine Hitze.

Kein Schmerz.

Nur ein einzelner, kräftiger Schlag.

Bumm.

Mein Herz.

Noch einmal.

Bumm.

Langsamer als früher.

Aber deutlich.

Es schlug.

Ich wusste nicht, warum mich diese Erkenntnis so sehr erleichterte.

Vielleicht, weil ich glaubte, Tote hätten keinen Herzschlag.

Langsam öffnete ich die Augen.

Das Licht der Petroleumlampe blendete mich.

Ich blinzelte mehrmals.

Die Umrisse des Zimmers wurden schärfer.

Dr. Harrison saß mit gesenktem Kopf auf einem Stuhl neben meinem Bett.

Er schien eingeschlafen zu sein.

„...Doktor...“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Sofort fuhr er hoch.

„Mrs. Whitlock!“

Ungläubig beugte er sich über mich.

„Sie...“

Er schüttelte fassungslos den Kopf.

„Das ist unmöglich.“

„Was...“

Meine Kehle brannte.

„...ist passiert?“

Er griff sofort nach einem Glas Wasser.

„Ganz langsam.“

Ich nahm einen kleinen Schluck.

Das Wasser fühlte sich...

seltsam an.

Nicht unangenehm.

Nur anders.

„Sie waren vier Tage bewusstlos.“

Vier Tage.

Mein Herz zog sich zusammen.

„Mein Sohn!“

Ich richtete mich ruckartig auf.

Viel zu schnell.

Zu meiner Überraschung wurde mir nicht schwindelig.

„Wo ist Jasper?“

„Beruhigen Sie sich.“

Dr. Harrison legte vorsichtig eine Hand auf meine Schulter.

„Mrs. Holloway hat sich die ganze Zeit um ihn gekümmert.“

Ich schloss erleichtert die Augen.

„Er wollte jeden Tag zu Ihnen.“

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

„Das klingt nach ihm.“

Der Arzt betrachtete mich lange.

Zu lange.

„Was?“

fragte ich schließlich.

Er stand auf.

Nahm einen kleinen Taschenspiegel vom Waschbecken.

Und reichte ihn mir.

„Sehen Sie selbst.“

Verwirrt blickte ich hinein.

Auf den ersten Blick war alles wie immer.

Doch dann bemerkte ich die Veränderung.

Meine Haut.

Sie war ungewöhnlich hell geworden.

Fast makellos.

Selbst die kleine Narbe über meiner Augenbraue, die ich mir als Kind zugezogen hatte...

...war verschwunden.

Ich hob langsam eine Hand an mein Gesicht.

„Das...“

flüsterte ich.

„...kann nicht sein.“

Dr. Harrison nickte kaum merklich.

„Nicht nur das.“

Er zeigte auf meinen Hals.

Der Biss war verheilt.

Vollständig.

Zurück geblieben waren lediglich zwei feine, silbrige Punkte.

Kaum sichtbar.

Aber da.

„Ich verstehe das alles nicht.“

sagte er ehrlich.

„Nach allem, was ich über Medizin weiß, hätten Sie sterben müssen.“

Ich sah wieder in den Spiegel.

Die Frau, die mich daraus ansah, war ich.

Und doch...

...war sie es nicht mehr ganz.

Zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich Angst vor meinem eigenen Spiegelbild.

Nicht, weil ich hässlich geworden war.

Sondern weil ich nicht mehr wusste...

...was ich geworden war.