Anders
Anders
Ich verbrachte noch zwei weitere Tage im Krankenhaus.
Nicht als Krankenschwester.
Sondern als Patientin.
Dr. Harrison untersuchte mich beinahe stündlich.
Er maß meinen Puls.
Meine Temperatur.
Meine Atmung.
Jedes Mal runzelte er ein wenig mehr die Stirn.
„Das ergibt keinen Sinn.“
murmelte er immer wieder.
Am dritten Morgen legte er schließlich das Stethoskop zur Seite.
„Mrs. Whitlock.“
Er sah mich ernst an.
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären soll.“
„Dann versuchen Sie es einfach.“
Er atmete tief durch.
„Ihr Herz schlägt.“
Ich nickte verwundert.
„Ja.“
„Aber viel langsamer als bei jedem gesunden Menschen.“
Er blätterte in seinen Notizen.
„Ihre Körpertemperatur ist dauerhaft niedriger.“
„Ihre Wunden verheilen innerhalb weniger Stunden.“
„Und...“
Er zögerte.
„...Sie scheinen keinerlei Schwäche mehr zu haben.“
Ich blickte auf meine Hände.
Er hatte recht.
Noch vor wenigen Tagen hatte ich kaum stehen können.
Jetzt fühlte sich mein Körper... leicht an.
Als hätte jede Erschöpfung ihn verlassen.
„Vielleicht...“
begann ich vorsichtig.
„...hat mein Körper einfach außergewöhnlich reagiert.“
Dr. Harrison lächelte traurig.
„Mrs. Whitlock.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich bin seit dreißig Jahren Arzt.“
„So etwas habe ich noch nie erlebt.“
Am Nachmittag durfte ich endlich nach Hause.
Mrs. Holloway öffnete mir die Tür, noch bevor ich klopfen konnte.
„Bella!“
Sie fiel mir sofort um den Hals.
„Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“
„Danke.“
flüsterte ich.
„Für alles.“
Sie winkte nur ab.
„Das war selbstverständlich.“
Dann lächelte sie.
„Jemand möchte dich unbedingt sehen.“
Noch bevor ich antworten konnte, hörte ich kleine Schritte.
„Mama!“
Jasper kam den Flur entlang gerannt.
So schnell, dass Mrs. Holloway erschrocken nach ihm griff.
Doch er war bereits in meinen Armen.
„Du bist wieder da!“
Seine kleinen Arme schlangen sich fest um meinen Hals.
Ich drückte ihn an mich.
Vorsichtig.
Fast ängstlich.
„Natürlich bin ich wieder da.“
Ich vergrub mein Gesicht in seinen blonden Haaren.
Er roch nach Seife.
Nach frischer Luft.
Und...
Plötzlich nahm ich noch etwas wahr.
Einen warmen, süßlichen Duft.
Rhythmisch.
Lebendig.
Ich erstarrte.
Unter meiner Wange hörte ich sein Herz schlagen.
Deutlich.
Jeden einzelnen Schlag.
Bumm.
Bumm.
Bumm.
Viel lauter, als es möglich sein dürfte.
Ich zog unwillkürlich den Kopf zurück.
„Mama?“
Jasper sah mich verwundert an.
„Alles gut?“
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Ja.“
Meine Stimme klang fremd.
„Ich... ich bin nur müde.“
Mrs. Holloway bemerkte nichts.
Sie lächelte erleichtert.
„Er hat jeden Abend nach dir gefragt.“
Ich strich meinem Sohn über die Wange.
„Und ich habe jeden Abend an dich gedacht.“
Das war nicht gelogen.
Doch das laute Schlagen seines kleinen Herzens ließ mich nicht mehr los.
In der Nacht schlief Jasper friedlich nebenan.
Ich dagegen lag wach.
Immer wieder hörte ich Geräusche.
Das Knarren der Dielen.
Den Wind draußen.
Eine Kutsche, die mehrere Straßen entfernt vorbeifuhr.
Sogar das Ticken der kleinen Uhr auf dem Kaminsims.
Jedes einzelne Geräusch war glasklar.
Ich setzte mich langsam auf.
Das konnte nicht normal sein.
Ich zog die Vorhänge ein Stück zur Seite.
Draußen war es stockdunkel.
Und trotzdem...
...konnte ich jedes einzelne Blatt am Baum vor dem Fenster erkennen.
Als wäre es heller Tag.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Was ist nur mit mir passiert?“
flüsterte ich.
Am nächsten Morgen beschloss ich, wieder zu arbeiten.
„Du solltest dich noch schonen.“
meinte Mrs. Holloway besorgt.
Ich lächelte.
„Mir geht es wirklich gut.“
Und das stimmte.
Ich fühlte mich sogar besser als jemals zuvor.
Zu gut.
Im Krankenhaus angekommen, fiel mir sofort auf, wie laut alles geworden war.
Die Gespräche auf dem Flur.
Das Klappern der Instrumente.
Das Rascheln der Kleidung.
Es war, als könnte ich alles gleichzeitig hören.
„Mrs. Whitlock?“
Eine junge Schwester trat neben mich.
„Sind Sie sicher, dass Sie schon wieder arbeiten möchten?“
„Ja.“
antwortete ich.
„Ganz sicher.“
Doch während ich sprach, fiel mein Blick auf ihre Hand.
Sie hatte sich beim Öffnen einer Ampulle geschnitten.
Nur ein winziger Schnitt.
Ein einzelner Tropfen Blut trat hervor.
Sofort zog sich etwas tief in meinem Inneren schmerzhaft zusammen.
Ein brennendes Ziehen.
Nicht im Hals.
Sondern...
wie ein unstillbarer Durst.
Ich riss den Blick sofort weg.
Mein Herz schlug plötzlich schneller.
Oder zumindest glaubte ich das.
„Mrs. Whitlock?“
Die Schwester sah mich fragend an.
„Sie sind ganz blass.“
„Ich...“
Ich presste die Lippen aufeinander.
„Ich brauche nur einen Moment frische Luft.“
Noch bevor die junge Frau etwas erwidern konnte, verließ ich hastig den Raum.
Draußen lehnte ich mich gegen die kühle Steinmauer.
Ich atmete tief ein.
Und erschrak.
Der seltsame Durst verschwand.
Aber er war nicht weg.
Er wartete.
Still.
Geduldig.
Als würde etwas in mir langsam erwachen, das ich weder verstand noch kontrollieren konnte.
Ich erzählte niemandem von dem Durst.
Nicht Dr. Harrison.
Nicht Mrs. Holloway.
Nicht einmal meinem Sohn.
Ich redete mir ein, dass alles Einbildung war.
Eine Nachwirkung des Fiebers.
Der Verletzung.
Der Angst.
Doch mit jedem Tag wurde es schwerer, diese Lüge zu glauben.
Ich hörte Dinge, die kein Mensch hören konnte.
Das Zwitschern der Vögel viele Straßen entfernt.
Das Knarren von Schiffsmasten im Hafen.
Die Regentropfen, die auf einzelne Blätter fielen.
Und immer wieder...
Herzschläge.
Jeder Mensch klang anders.
Manche schnell.
Manche langsam.
Es war, als würde die ganze Welt plötzlich in einem Rhythmus atmen, den nur ich wahrnahm.
An diesem Abend brachte ich Jasper früh ins Bett.
„Noch eine Geschichte?“
fragte er gähnend.
Ich lächelte.
„Natürlich.“
Er kuschelte sich unter seine Decke.
„Die mit Papa.“
„Welche?“
„Die erste.“
Ich wusste sofort, welche er meinte.
„Den Marktplatz?“
Er nickte eifrig.
Also erzählte ich ihm wieder von jenem Tag.
Von den zerbrochenen Eiern.
Von meinem Vater.
Und von dem jungen Soldaten, der sich schützend zwischen uns gestellt hatte.
„War Papa da schon lieb?“
„Ja.“
antwortete ich ohne zu zögern.
„Vom ersten Augenblick an.“
„Hat Papa dich gleich lieb gehabt?“
Ich lächelte.
„Das weiß ich nicht.“
„Ich glaube schon.“
murmelte Jasper verschlafen.
Wenige Minuten später war er eingeschlafen.
Ich blieb noch einen Augenblick neben seinem Bett sitzen.
„Du siehst ihm jeden Tag ähnlicher.“
flüsterte ich.
Dann löschte ich die Kerze.
Der Mond stand hoch am Himmel.
Ich konnte nicht schlafen.
Seit meiner Verletzung war die Nacht zu meinem Feind geworden.
Zu laut.
Zu hell.
Zu lebendig.
Ich zog meinen Mantel über und trat vor das Haus.
Die Straßen waren fast leer.
Nur vereinzelt brannten noch Lichter hinter den Fenstern.
Ich ging langsam bis zu dem kleinen Park.
Dort blieb ich stehen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden.
Nicht bedrohlich.
Aber deutlich.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Nur der Wind bewegte die Äste.
Ich schloss kurz die Augen.
Dann hörte ich ihn.
Einen Herzschlag.
Langsam.
Fast so langsam wie meinen eigenen.
Er kam nicht aus der Ferne.
Sondern direkt hinter mir.
Ich wirbelte herum.
Ein Mann trat aus dem Schatten einer alten Eiche.
Groß.
Blasse Haut.
Dunkles Haar.
Und bernsteinfarbene Augen.
Nicht rot.
Bernstein.
Ich erkannte ihn sofort.
„Sie...“
Meine Stimme versagte.
Es war der Fremde aus dem Krankenhaus.
Der Mann, der mich gebissen hatte.
Instinktiv machte ich einen Schritt zurück.
Er hob sofort beide Hände.
„Bitte.“
Seine Stimme war ruhig.
„Ich bin nicht hier, um Ihnen wehzutun.“
„Bleiben Sie stehen.“
Meine Hände zitterten.
„Wer sind Sie?“
Er senkte den Blick.
„Mein Name ist Adrian.“
„Und...“
Er schluckte schwer.
„Ich schulde Ihnen mehr, als ich jemals zurückzahlen kann.“
Ich schwieg.
Er hob langsam den Blick.
„Ich habe Sie beobachtet.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Seit dem Krankenhaus.“
„Warum?“
„Weil ich sicher sein musste, dass Sie überleben.“
Seine Stimme war voller Schuld.
„Normalerweise...“
Er rang sichtbar mit den Worten.
„...überlebt ein Mensch einen Biss entweder nicht.“
Er machte eine Pause.
„Oder er wird zu einem von uns.“
„Einem von uns?“
Er nickte.
„Zu einem Vampir.“
Das Wort traf mich wie ein Schlag.
Ich lachte kurz auf.
Ungläubig.
„Das ist unmöglich.“
„Ich wünschte, Sie hätten recht.“
Er trat einen Schritt näher.
Langsam genug, dass ich hätte zurückweichen können.
Doch ich blieb stehen.
„Als ich Sie gebissen habe...“
Seine Stimme wurde brüchig.
„...hatte ich die Kontrolle verloren. Als mir klar wurde, was ich getan hatte, habe ich versucht, das Gift wieder aus Ihrem Körper zu ziehen.“
Ich erinnerte mich an den zweiten Schmerz.
An seine Verzweiflung.
„Es war zu spät.“
flüsterte er.
„Nicht vollständig.“
Er nickte.
„Ja.“
Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht.
„Aber ich habe genug entfernt, dass...“
Er schüttelte ratlos den Kopf.
„...ich nicht verstehe, was aus Ihnen geworden ist.“
„Ich auch nicht.“
Zum ersten Mal seit Tagen sprach ich die Wahrheit laut aus.
„Ich höre alles.“
„Ich sehe im Dunkeln.“
„Meine Wunden heilen.“
„Und...“
Ich hielt kurz inne.
„...manchmal riecht Blut anders.“
Adrian schloss kurz die Augen.
„Haben Sie jemanden verletzt?“
„Nein!“
Die Antwort kam sofort.
Viel zu laut.
Er nickte erleichtert.
„Gut.“
„Aber...“
Ich presste die Lippen aufeinander.
„Es fällt schwer.“
Zum ersten Mal seit dem Krankenhaus fühlte ich mich nicht verrückt.
Weil jemand verstand, was mit mir geschah.
Adrian sah mich lange schweigend an.
Dann sagte er leise:
„Mrs. Whitlock...“
Ich schüttelte den Kopf.
„Bella.“
Er nickte.
„Bella.“
Seine Stimme war voller Bedauern.
„Ich glaube...“
Er suchte nach den richtigen Worten.
„...Sie sind weder Mensch noch Vampir.“
Der Wind rauschte durch die Bäume.
„Sie stehen zwischen beiden Welten.“
Ich starrte ihn an.
„Ist das überhaupt möglich?“
„Ich hätte bis vor einer Woche geschworen, dass es unmöglich ist.“
Er lächelte traurig.
„Und trotzdem stehen Sie jetzt vor mir.“
Zum ersten Mal spürte ich, dass sich mein Leben unwiderruflich verändert hatte.
Nicht nur durch den Verlust von Jasper.
Sondern durch das Wesen, das ich selbst geworden war.
Und ich wusste noch nicht, ob ich diese neue Bella jemals akzeptieren könnte.