Feuer
Feuer
„Mama...“
Es war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich kniete noch immer auf dem kalten Pflaster und hielt den Kopf meines Sohnes auf meinem Schoß.
Sein ganzer Körper zitterte.
„Es tut weh...“
Seine Finger krallten sich in meinen Mantel.
Ich schloss die Augen.
Genau dieselben Worte.
Ich hatte sie selbst gesagt.
Vor elf Jahren.
„Ich weiß.“
flüsterte ich.
„Ich weiß, mein Schatz.“
Sein Atem ging stoßweise.
Dann bäumte sich sein Körper plötzlich auf.
Ein Schrei durchschnitt die stille Gasse.
So voller Schmerz...
...dass ich glaubte, mein eigenes Herz würde daran zerbrechen.
„Bitte!“
Er rang nach Luft.
„Mach... dass es aufhört...“
Mir liefen die Tränen über das Gesicht.
Zum ersten Mal seit Jaspers Verschwinden fühlte ich mich wieder vollkommen hilflos.
Ich war Ärztin.
Ich wusste, wie man Leben rettete.
Ich wusste, wie man Blutungen stillte.
Knochen schiente.
Fieber senkte.
Aber dagegen...
...konnte ich nichts tun.
Adrian erschien lautlos neben uns.
Ich hatte ihn nicht kommen hören.
Er sah einen Moment auf Jasper hinab.
Dann begegnete sein Blick meinem.
„Es hat begonnen.“
Seine Stimme war ungewöhnlich ernst.
„Kannst du etwas tun?“
fragte ich verzweifelt.
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Gar nichts?“
„Nein.“
Ich presste meinen Sohn fester an mich.
„Dann bleib wenigstens hier.“
Adrian nickte.
„Natürlich.“
Wir brachten Jasper in eine verlassene Jagdhütte tief im Wald.
Nicht weil ich ihn verstecken wollte.
Sondern weil ich wusste, dass er nach dem Erwachen niemanden in seiner Nähe haben durfte.
Ich hatte Adrian vertraut.
Und zum ersten Mal hatte ich Angst vor meinem eigenen Wissen.
„Wie lange?“
fragte ich.
„Zwei oder drei Tage.“
antwortete Adrian.
„Vielleicht etwas länger.“
Ich nickte.
„Ich gehe nicht von seiner Seite.“
„Das solltest du auch nicht.“
Die Stunden schlichen dahin.
Jasper warf sich immer wieder hin und her.
Seine Haut glühte.
Obwohl ich wusste, dass das unmöglich war.
Das Gift verbrannte ihn von innen.
„Mama...“
flüsterte er im Delirium.
Ich griff sofort nach seiner Hand.
„Ich bin hier.“
„Nicht... weggehen...“
„Nie.“
Ich strich ihm vorsichtig die verschwitzten Haare aus der Stirn.
„Ich verspreche es.“
Er schien meine Stimme zu hören.
Für einen kurzen Moment entspannte sich sein Gesicht.
Dann begann das Zittern erneut.
In der zweiten Nacht wurde es schlimmer.
Sein Herz schlug inzwischen so schnell, dass selbst ich Mühe hatte, den Rhythmus zu verfolgen.
„Ist das normal?“
fragte ich Adrian.
Er nickte.
„Das Herz kämpft.“
„Und wenn es aufhört?“
Adrian antwortete nicht.
Das Schweigen genügte.
Ich nahm unbewusst den Ring an meiner Hand in die Finger.
Es war derselbe Ring.
Derselbe, den Jasper mir gegeben hatte.
Derselbe, den ich seit fast zwanzig Jahren trug.
Langsam zog ich ihn vom Finger.
Adrian beobachtete mich schweigend.
„Was tust du?“
Ich antwortete nicht.
Stattdessen legte ich den Ring vorsichtig in Jaspers Hand.
Seine Finger schlossen sich reflexartig darum.
„Das...“
Meine Stimme brach.
„...war das Wertvollste, was dein Vater mir je gegeben hat.“
Tränen liefen über meine Wangen.
„Falls...“
Ich brachte das Wort kaum heraus.
„Falls du es nicht schaffst...“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Nein.“
„Das werde ich nicht sagen.“
Ich beugte mich vor und küsste seine Stirn.
„Du schaffst das.“
flüsterte ich.
„Du bist ein Whitlock.“
Am Morgen des dritten Tages wurde es plötzlich still.
Viel zu still.
Ich erschrak.
„Adrian...“
Er trat sofort neben mich.
Wir hörten beide hin.
Jaspers Herz.
Es schlug immer langsamer.
Immer ruhiger.
Bis...
Stille.
Kein einziger Schlag mehr.
Mein Atem stockte.
„Nein...“
Ich griff nach seiner Hand.
Sie war eiskalt.
„Bitte...“
Ich bemerkte kaum, dass ich weinte.
„Bitte nicht...“
Sekunden vergingen.
Vielleicht Minuten.
Dann...
öffnete Jasper die Augen.
Leuchtend rot.
So rot, dass sie im Halbdunkel der Hütte beinahe glühten.
Er atmete tief ein.
Ein einziger Atemzug.
Dann richtete er sich mit einer Geschwindigkeit auf, die selbst ich kaum verfolgen konnte.
Er sah mich an.
Für einen winzigen Augenblick glaubte ich, meinen Sohn wiederzuerkennen.
Dann veränderte sich sein Blick.
Seine Nasenflügel bebten.
Er starrte auf meinen Hals.
Auf meinen langsam schlagenden Puls.
Ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle.
„Jasper...“
flüsterte ich.
Sein Gesicht verzerrte sich.
Nicht vor Wut.
Vor Hunger.
Er machte einen Schritt auf mich zu.
Dann noch einen.
Ich blieb regungslos sitzen.
Nicht weil ich keine Angst hatte.
Sondern weil ich wusste:
Wenn ich jetzt weglief...
...würde er mir folgen.
Und wenn er dabei einen Menschen traf...
würde dieser Mensch sterben.
Adrian stellte sich lautlos zwischen uns.
Nicht angreifend.
Nur schützend.
„Jasper.“
Seine Stimme war ruhig.
„Hör auf meine Stimme.“
Doch Jasper hörte ihn nicht.
Seine roten Augen waren nur auf mich gerichtet.
Auf mein Herz.
Auf mein Blut.
Und in diesem Moment wurde mir klar:
Mein Sohn war noch da.
Aber der Blutdurst war stärker als alles, was ich mir je vorgestellt hatte.
Und unser eigentlicher Kampf...
...begann erst jetzt.
„Jasper.“
Meine Stimme zitterte.
Nicht vor Angst.
Sondern vor Schmerz.
Vor mir stand mein Sohn.
Seine Augen leuchteten dunkelrot.
Sein ganzer Körper war angespannt.
Jeder Muskel schien bereit, sich auf mich zu stürzen.
Und trotzdem...
...zitterte seine rechte Hand.
„Mama...“
Das Wort klang gepresst.
Als müsste er gegen jede einzelne Silbe ankämpfen.
„Bitte...“
Er machte einen hastigen Schritt rückwärts.
„Geh weg.“
Adrian hob langsam eine Hand.
„Bella.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Er wird dich angreifen.“
„Nein.“
wiederholte ich leise.
„Nicht freiwillig.“
Jasper presste beide Hände gegen seinen Kopf.
Ein gequältes Knurren entrang sich seiner Kehle.
„Ich...“
Er rang nach Luft, obwohl er sie nicht mehr brauchte.
„Ich höre...“
Seine Augen huschten durch die Hütte.
„Alles.“
Er schluckte schwer.
„Ich rieche...“
Er sah mich an.
Sofort schloss er die Augen wieder.
„Nein...“
flüsterte er.
„Nein...“
Ich machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu.
„Bleib stehen!“
Sein Schrei ließ die Fenster erzittern.
„Bitte!“
Er sank auf die Knie.
„Bitte, Mama...“
Seine Stimme brach.
„Ich rieche dein Blut...“
Mir liefen Tränen über das Gesicht.
„Ich weiß.“
„Es tut weh!“
Er schlug mit der Faust auf den Holzboden.
Das alte Holz splitterte, als wäre es morsches Papier.
Jasper starrte erschrocken auf seine eigene Hand.
„Was...“
Er drehte sie ungläubig.
„Was habe ich getan?“
Adrian trat langsam neben ihn.
„Du bist jetzt stärker als jeder Mensch.“
„Ich wollte das nicht!“
Jasper sah ihn verzweifelt an.
„Ich wollte überhaupt nichts davon!“
Seine roten Augen wanderten wieder zu mir.
Für einen winzigen Moment veränderte sich sein Blick.
Der Hunger verschwand nicht.
Doch etwas anderes trat hervor.
Angst.
„Ich tue ihr weh.“
flüsterte er.
„Nein.“
Adrian antwortete ruhig.
„Noch nicht.“
„Aber ich werde.“
Jasper schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Ich kann mich nicht beherrschen!“
„Dann lernst du es.“
Zum ersten Mal sprach ich wieder.
Jasper sah mich an.
„Ich kann nicht.“
„Doch.“
„Nein!“
Er schlug erneut auf den Boden.
„Ich will dich beißen!“
Der Satz zerriss mir das Herz.
Er sagte ihn nicht voller Bosheit.
Sondern voller Entsetzen.
„Ich weiß.“
antwortete ich ruhig.
„Und genau deshalb weiß ich auch, dass du dagegen kämpfen wirst.“
Er starrte mich an.
„Warum bist du nicht wütend?“
Ich lächelte traurig.
„Weil ich dich kenne.“
„Nein.“
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Du kennst dieses...“
Er rang nach Worten.
„...dieses Monster nicht!“
Ich ging noch einen Schritt näher.
Adrian beobachtete jede meiner Bewegungen aufmerksam.
Er war bereit, dazwischenzugehen.
„Schau mich an.“
Jasper presste die Augen fester zusammen.
„Ich kann nicht.“
„Doch.“
„Ich will dein Blut.“
„Ich weiß.“
„Ich könnte dich töten!“
„Ich weiß.“
Er schluchzte.
Es war ein seltsames Geräusch.
Fast menschlich.
Und doch nicht ganz.
„Warum hast du keine Angst?“
Ich blieb direkt vor ihm stehen.
Nur noch ein Meter trennte uns.
„Weil ich weiß, wer du bist.“
Langsam hob ich meine Hand.
„Nicht.“
flüsterte Adrian warnend.
Ich hörte ihn kaum.
Vorsichtig legte ich meine Hand gegen Jaspers Wange.
Sie war eiskalt.
Härter als früher.
Doch für mich war sie noch immer dieselbe.
Er zuckte zusammen.
Sein ganzer Körper spannte sich an.
Ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Brust.
Ich spürte, wie schwer ihm jeder einzelne Moment fiel.
„Du bist mein Sohn.“
flüsterte ich.
„Und das wird sich niemals ändern.“
Eine einzelne Träne lief über seine Wange.
Sie glitzerte im Licht der aufgehenden Sonne.
„Ich habe solche Angst.“
gab er leise zu.
„Ich auch.“
antwortete ich ehrlich.
„Aber wir schaffen das.“
Adrian trat schließlich neben uns.
„Bella.“
Seine Stimme war sanft.
„Du musst jetzt gehen.“
Ich sah ihn verwundert an.
„Was?“
„Nur für kurze Zeit.“
Er blickte zu Jasper.
„Er braucht seine erste Jagd.“
Jasper wich erschrocken zurück.
„Nein.“
„Ich bringe niemanden um!“
„Das wirst du auch nicht.“
Adrian schüttelte den Kopf.
„Nicht, wenn du mir vertraust.“
„Wie denn?“
„Wir jagen Tiere.“
Jasper blinzelte verwirrt.
„Tiere?“
„Ja.“
Adrian nickte.
„Es ist schwieriger.“
„Das Blut schmeckt anders.“
„Aber es rettet Menschenleben.“
Jasper blickte zu mir.
„Machst du das auch?“
Ich nickte.
„Seit meiner Verwandlung.“
„Du hast nie...“
Er brachte den Satz nicht zu Ende.
„Nein.“
Ich lächelte schwach.
„Nie einen Menschen.“
Er schloss für einen Moment die Augen.
Dann nickte er langsam.
„Dann...“
Seine Stimme war kaum hörbar.
„...möchte ich es genauso machen.“
Adrian legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Dann komm.“
Jasper machte zwei Schritte.
Blieb aber noch einmal stehen.
Er drehte sich zu mir um.
Seine roten Augen trafen meine.
„Mama?“
„Ja?“
„Den Ring.“
Ich blickte auf seine Hand.
Noch immer hielt er den Ring seines Vaters fest umschlossen.
„Den möchte ich nicht behalten.“
Ich trat zu ihm.
Nahm den Ring behutsam entgegen und steckte ihn wieder an meinen Finger.
Jasper lächelte schwach.
„Der gehört dir.“
Er schluckte.
„Bis Papa ihn dir eines Tages selbst wieder ansteckt.“
Für einen Augenblick blieb mir die Luft weg.
Dann zog Adrian ihn sanft mit sich in den Wald.
Ich blieb allein vor der Hütte zurück.