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Die erste Jagd

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Die erste Jagd

Ich blieb vor der Hütte stehen.

Obwohl Adrian mich gebeten hatte zu gehen.

Ich konnte es nicht.

Nicht, solange mein Sohn irgendwo dort draußen war.

Nicht, solange ich nicht wusste, ob er zurückkehren würde.

Der Wald war still.

Nur das Rascheln der Blätter und das Zwitschern einzelner Vögel drangen an mein Ohr.

Doch immer wieder hörte ich etwas anderes.

Ein tiefes Knurren.

Das Bersten von Ästen.

Dann wieder Stille.

Ich schloss die Augen.

„Bitte...“

flüsterte ich.

„Schaff das.“

Viele Kilometer entfernt blieb Adrian stehen.

„Nicht weiter.“

Jasper gehorchte.

Sein ganzer Körper war angespannt.

Seine roten Augen wanderten rastlos durch den Wald.

„Ich rieche sie.“

flüsterte er.

„Alles.“

Er drehte sich langsam im Kreis.

„Rehe.“

„Hasen.“

„Füchse.“

Seine Stimme wurde plötzlich rau.

„Und Menschen.“

Adrian nickte.

„Ein Dorf.“

Er deutete nach Osten.

„Etwa fünf Kilometer.“

Jasper hielt sofort die Luft an.

„Ich...“

Seine Hände zitterten.

„Ich möchte dort nicht hin.“

„Das wirst du auch nicht.“

Adrian musterte ihn aufmerksam.

„Nicht heute.“

„Ich weiß nicht, ob jemals.“

gab Jasper ehrlich zu.

Plötzlich hob Jasper den Kopf.

„Da.“

Er zeigte nach Norden.

„Ein Hirsch.“

Adrian runzelte die Stirn.

„Du kannst ihn riechen?“

„Nein.“

Jasper schüttelte langsam den Kopf.

„Ich...“

Er legte sich verwirrt eine Hand auf die Brust.

„Ich weiß einfach, dass er dort ist.“

Adrian sagte nichts.

„Vielleicht ein Zufall.“

murmelte Jasper.

Sie liefen los.

Etwa drei Minuten später betraten sie eine kleine Lichtung.

Dort stand tatsächlich ein junger Hirsch.

Er hob erschrocken den Kopf.

Zu spät.

Jasper setzte sich instinktiv in Bewegung.

Schneller als jeder Gedanke.

Wenige Sekunden später war alles vorbei.

Als Adrian ihn erreichte, kniete Jasper regungslos neben dem Tier.

Er starrte auf seine Hände.

„Ich...“

Seine Stimme war voller Entsetzen.

„Ich habe ihn nicht einmal kommen sehen.“

Adrian betrachtete den Hirsch.

Ein sauberer Jagdbiss.

Keine unnötigen Verletzungen.

„Du hast ihn nicht leiden lassen.“

Jasper antwortete nicht.

Er strich dem Tier vorsichtig über das Fell.

„Es tut mir leid.“

flüsterte er.

Adrian lächelte traurig.

„Das sagen die wenigsten.“

Jasper hob den Blick.

„Warum?“

„Weil viele vergessen, dass jedes Leben einen Wert hat.“

Jasper senkte wieder den Kopf.

„Mama würde so etwas niemals vergessen.“

„Nein.“

stimmte Adrian zu.

„Das würde sie nicht.“

Erst jetzt bemerkte Adrian, dass Jasper wieder angespannt wirkte.

„Was ist?“

Jasper sah in den Wald.

„Wir sind nicht allein.“

Adrian lauschte.

Nichts.

„Bist du sicher?“

„Ja.“

Jasper schloss die Augen.

„Jemand beobachtet uns.“

Sofort spannte sich Adrian an.

„Wo?“

Jasper drehte sich langsam nach Westen.

„Dort.“

Adrian sah nur Bäume.

Nichts bewegte sich.

Doch plötzlich...

ein leises Rascheln.

Eine Gestalt verschwand lautlos zwischen den Stämmen.

Viel zu schnell für einen Menschen.

Adrian fluchte leise.

„Ein Vampir.“

Jasper richtete sich sofort auf.

„Greift er uns an?“

„Nein.“

Adrian beobachtete aufmerksam den Wald.

„Nicht heute.“

„Woher weißt du das?“

„Weil er längst zugeschlagen hätte.“

Jasper runzelte die Stirn.

„Warum beobachtet er uns dann?“

Adrian antwortete nicht.

Denn er wusste es selbst nicht.

Am Nachmittag kehrten sie zur Hütte zurück.

Noch bevor ich sie sah, hörte ich ihre Schritte.

Ich war bereits draußen, als Jasper zwischen den Bäumen erschien.

Er blieb sofort stehen.

Mindestens zwanzig Meter entfernt.

„Nicht näher.“

sagte er hastig.

Ich sah seine Augen.

Sie waren noch immer rot.

Aber...

nicht mehr ganz so dunkel.

„Wie geht es dir?“

fragte ich vorsichtig.

Er lächelte schwach.

„Besser.“

Er schluckte.

„Aber ich rieche dich immer noch.“

Ich nickte.

„Das wird noch eine Weile so bleiben.“

„Ich möchte trotzdem Abstand halten.“

„Das ist vernünftig.“

Er lächelte traurig.

„Ich hätte nie gedacht, dass Vernunft einmal so wehtun kann.“

Mir stiegen Tränen in die Augen.

„Mir auch nicht.“

„Mama?“

„Ja?“

Er sah mich lange an.

„Ich habe heute etwas Merkwürdiges erlebt.“

Adrian verschränkte schweigend die Arme.

Er wollte offenbar hören, wie Jasper es selbst beschrieb.

„Ich wusste plötzlich, wo ein Hirsch war.“

Ich runzelte die Stirn.

„Am Geruch?“

„Nein.“

Er schüttelte sofort den Kopf.

„Ich wusste es einfach.“

Er legte wieder die Hand auf seine Brust.

„Es war...“

Er suchte nach Worten.

„Als würde etwas in mir ziehen.“

Adrian und ich wechselten einen kurzen Blick.

„Und dann?“

fragte ich.

„Dann war er genau dort.“

Er sah uns beide fragend an.

„Ist das normal?“

Adrian antwortete langsam.

„Nein.“

„Noch nicht.“

Jasper runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“

„Ich glaube...“

Adrian betrachtete ihn aufmerksam.

„...deine Gabe beginnt sich zu zeigen.“

„Gabe?“

„Vampire entwickelt manchmal eine besondere Fähigkeit.“

Jasper sah erst Adrian, dann mich an.

„Und meine ist...?“

Adrian lächelte leicht.

„Das wissen wir noch nicht.“

Er blickte in den Wald.

„Aber ich habe das Gefühl...“

Seine Stimme wurde nachdenklich.

„...dass dein Instinkt dich nicht einfach zur Beute geführt hat.“

„Sondern?“

„Zu dem, was du suchst.“

Jasper verstand die Worte noch nicht.

Ich ebenfalls nicht.

Doch tief in meinem Inneren spürte ich, dass Adrian recht hatte.

Etwas in meinem Sohn hatte sich verändert.

Nicht nur sein Körper.

Sondern auch seine Seele.

Die nächsten Wochen wurden zu den schwersten unseres Lebens.

Nicht wegen der Jagd.

Nicht wegen des Versteckens.

Sondern wegen der Entfernung.

Wir lebten unter demselben Dach.

Und trotzdem trennten uns oft mehrere Zimmer.

Mehrere verschlossene Türen.

Mehrere Meter Sicherheitsabstand.

Nicht, weil Jasper das wollte.

Sondern weil er darauf bestand.

„Noch nicht.“

sagte er jedes Mal, wenn ich ihm zu nahe kam.

„Ich vertraue mir noch nicht.“

Die Jagden fanden inzwischen regelmäßig statt.

Adrian bestand darauf.

„Ein hungriger Vampir lernt keine Selbstbeherrschung.“

erklärte er.

„Er lernt nur zu leiden.“

Jasper nickte zwar.

Doch er schien jede Jagd als persönliche Niederlage zu empfinden.

Eines Abends kehrte er erst lange nach Sonnenuntergang zurück.

Seine Kleidung war zerrissen.

An den Händen klebte noch das Blut eines Hirsches.

Er blieb draußen auf der Veranda sitzen.

Ich beobachtete ihn durch das Fenster.

Er bewegte sich nicht.

Starrte nur in die Dunkelheit.

„Du kannst zu ihm gehen.“

sagte Adrian leise.

Ich schüttelte den Kopf.

„Er braucht gerade keine Mutter.“

„Nein.“

Adrian lächelte traurig.

„Genau jetzt braucht er eine.“

Vorsichtig öffnete ich die Haustür.

Jasper hob sofort den Kopf.

Als er meinen Herzschlag hörte, spannte sich sein ganzer Körper an.

„Nicht.“

sagte er sofort.

„Bitte bleib dort.“

Ich blieb auf der Türschwelle stehen.

„Wie war die Jagd?“

Er lachte bitter auf.

„Erfolgreich.“

„Das klingt nicht besonders glücklich.“

„Weil ich es nicht bin.“

Er stützte die Ellenbogen auf die Knie.

„Weißt du, was das Schlimmste ist?“

Ich wartete.

„Es wird leichter.“

Er sah mich an.

Seine Augen waren inzwischen nicht mehr blutrot.

Sie schimmerten bereits leicht golden.

„Ich müsste mich darüber freuen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Aber stattdessen habe ich Angst.“

„Wovor?“

„Dass ich mich daran gewöhne.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Dass Töten irgendwann normal wird.“

Ich setzte mich langsam auf die oberste Stufe der Veranda.

Noch immer mehrere Meter von ihm entfernt.

„Erinnerst du dich an den ersten Hirsch?“

Er nickte.

„Du hast dich bei ihm entschuldigt.“

„Ja.“

„Und heute?“

Er antwortete nicht sofort.

„Heute auch.“

flüsterte er schließlich.

„Jedes Mal.“

Ein warmes Lächeln erschien auf meinem Gesicht.

„Dann brauchst du keine Angst zu haben.“

Er sah mich fragend an.

„Warum?“

„Weil dein Herz sich nicht verändert hat.“

Er senkte den Blick.

„Ich habe doch gar keines mehr.“

Die Worte trafen mich.

„Doch.“

antwortete ich leise.

„Vielleicht schlägt es nicht mehr.“

Ich legte eine Hand auf meine Brust.

„Aber das, was einen Menschen ausmacht, verschwindet nicht einfach.“

„Woher willst du das wissen?“

Ich lächelte traurig.

„Weil ich deinen Vater geliebt habe.“

Jasper blickte auf.

„Papa?“

„Auch er musste lernen, mit etwas zu leben, das er nie wollte.“

Ich erzählte ihm nicht alles.

„Aber ich weiß eines.“

sagte ich.

„Der Mensch, der dein Vater war, hat niemals aufgehört zu existieren.“

Ich sah meinen Sohn an.

„Und derselbe Mensch sitzt jetzt auch vor mir.“

In den folgenden Tagen begann Adrian mit etwas Neuem.

„Heute jagen wir nicht.“

Jasper runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Weil Selbstbeherrschung nicht nur im Wald gelernt wird.“

Adrian führte ihn auf einen Hügel oberhalb einer kleinen Landstraße.

Unter ihnen fuhren Kutschen vorbei.

Menschen liefen über den Weg.

Kinder lachten.

Der Wind trug ihren Duft direkt zu ihnen hinauf.

Sofort spannte sich Jasper an.

Seine Augen wurden dunkler.

„Ich halte das nicht aus.“

presste er hervor.

„Doch.“

antwortete Adrian ruhig.

„Heute wirst du nichts tun.“

„Aber ich rieche sie.“

„Ich weiß.“

„Ich höre ihre Herzen.“

„Ich weiß.“

Jasper knurrte leise.

Seine Hände gruben sich in den Waldboden.

„Ich will dort runter.“

„Nein.“

Adrian blieb völlig ruhig.

„Du bleibst hier.“

Eine Stunde.

Dann zwei.

Jasper bewegte sich keinen Zentimeter.

Schweiß trat ihm auf die Stirn, obwohl sein Körper keinen brauchte.

Immer wieder schloss er die Augen.

Immer wieder öffnete er sie wieder.

Als die letzte Kutsche schließlich hinter einer Kurve verschwand, sackte er erschöpft in sich zusammen.

„Ich habe es geschafft.“

flüsterte er ungläubig.

Adrian nickte.

„Heute.“

Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Morgen wird es wieder schwer.“

„Und übermorgen.“

„Und vielleicht noch viele Jahre.“

Jasper atmete tief durch.

„Dann fange ich morgen eben wieder von vorne an.“

Als Adrian und Jasper zur Hütte zurückkehrten, stand ich bereits draußen.

Mein Sohn blieb wie immer auf Abstand.

Doch dieses Mal lächelte er.

Nur ganz leicht.

„Mama?“

„Ja?“

„Heute habe ich den Menschen widerstanden.“

Ich konnte den Stolz in seiner Stimme hören.

Nicht den Stolz auf seine Stärke.

Sondern den Stolz darauf, niemandem wehgetan zu haben.

Ich lächelte ihn an.

„Ich wusste, dass du das schaffst.“

Er erwiderte mein Lächeln.

„Weißt du...“

Er blickte kurz zum Himmel.

„Vielleicht hatte Papa recht.“

„Womit?“

„Dass ein Versprechen nur etwas wert ist, wenn man jeden Tag dafür kämpft.“

Ich schluckte.

Diese Worte hatte ich meinem Sohn nie erzählt.

Und doch...

...klangen sie genau nach dem Mann, den er niemals kennenlernen durfte.