Ein unerwarteter Gast
Ein unerwarteter Gast
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich den Marktplatz vor mir. Die zerbrochenen Eier. Das scheuende Pferd.
Und dann seine Hand.
Fest.
Warm.
Sicher.
Ich drehte mich auf die andere Seite und starrte an die niedrige Holzdecke.
Warum beschäftigte mich ausgerechnet ein Mann, den ich erst seit wenigen Stunden kannte?
Vielleicht, weil er der erste Mensch gewesen war, der nicht weggesehen hatte.
Oder weil er meinen Namen ausgesprochen hatte, als wäre er mehr als nur ein Vorwurf.
Ich wusste es nicht.
Und ich durfte ohnehin nicht weiter darüber nachdenken.
Mein Vater hatte sich deutlich genug ausgedrückt.
Die nächsten Tage verliefen erstaunlich ruhig.
Fast schon zu ruhig.
Ich stand wie immer vor Sonnenaufgang auf, versorgte die Tiere, backte Brot, kochte Marmelade und nähte bis spät in die Nacht.
Der neue Verkaufsstand war tatsächlich noch schöner als der alte.
Stabiler.
Größer.
An einer Stelle entdeckte ich sogar eine kleine Schnitzerei auf der Innenseite eines Brettes.
Ein winziger Stern.
So klein, dass ihn vermutlich niemand außer demjenigen bemerken würde, der den Stand jeden Tag aufbaute.
Unwillkürlich musste ich lächeln.
Ich strich mit dem Finger darüber.
Vielleicht hatte einer der Soldaten ihn geschnitzt.
Vielleicht...
Oder doch Jasper?
Ich schüttelte den Gedanken sofort wieder ab.
Ein Major hatte Wichtigeres zu tun, als Sterne in Marktstände zu schnitzen.
Oder?
Eine Woche verging.
Dann noch eine.
Ich begegnete Jasper nicht ein einziges Mal.
Je mehr Zeit verstrich, desto mehr redete ich mir ein, dass der Markt nur ein Zufall gewesen war.
Ein kurzer Augenblick.
Mehr nicht.
Männer wie er begegneten Frauen wie mir nicht zweimal.
An diesem Nachmittag war die Luft ungewöhnlich schwer.
Ein Gewitter lag in der Ferne.
Ich kniete im Gemüsegarten und zog Unkraut zwischen den Bohnenpflanzen hervor, als Hufschläge über den Feldweg hallten.
Mein Vater war noch auf den Feldern.
Besuch bekamen wir so gut wie nie.
Ich wischte mir die Hände an meiner Schürze ab und trat vorsichtig um die Hausecke.
Ein einzelner Reiter hielt vor unserem Zaun.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
Major Whitlock.
Er trug heute keine Paradeuniform.
Nur die schlichte graue Felduniform.
Sein Pferd war schweißnass.
Er musste schnell geritten sein.
Als er mich entdeckte, nahm er den Hut ab.
„Miss Swan.“
„Major.“
Ich blieb auf Abstand stehen.
„Ist etwas passiert?“
„Nein.“
Er lächelte leicht.
„Zum Glück nicht.“
Einen Moment schien er nach den richtigen Worten zu suchen.
„Ich war in der Nähe des Lagers unterwegs.“
Das war eine schlechte Lüge.
Das Lager lag mehrere Meilen entfernt.
Wir beide wussten das.
„Und da dachte ich... ich sehe nach, ob Ihr neuer Stand seinen Dienst gut verrichtet.“
Ich musste lachen.
Es rutschte mir einfach heraus.
Seine Augen wurden einen Hauch weicher.
„Das nehme ich als gutes Zeichen.“
„Er ist wunderbar.“
Ich senkte den Blick.
„Vielen Dank.“
„Das freut mich.“
Zwischen uns entstand eine angenehme Stille.
Nicht unangenehm.
Einfach ruhig.
„Sie haben ihn selbst gebaut.“
Es war keine Frage.
Er hob überrascht eine Augenbraue.
„Woher wissen Sie das?“
„Der Soldat hat es mir erzählt.“
Er schien einen Moment verlegen zu sein.
„Er hätte schweigen sollen.“
„Warum?“
„Weil ich keine Gegenleistung erwartet habe.“
Ich betrachtete ihn.
„Warum haben Sie das getan?“
Er antwortete nicht sofort.
Sein Blick wanderte kurz über den Hof.
Zu den reparaturbedürftigen Zäunen.
Zum schiefen Dach.
Zu den verwelkten Blumen am Fenster.
„Weil...“
Er atmete langsam aus.
„...jeder Mensch einen Neuanfang verdient.“
Ich schluckte.
„Selbst ich?“
Die Worte waren heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte.
Er sah mich lange an.
„Vor allem Sie.“
Mir wurde plötzlich bewusst, wie nah wir uns inzwischen standen.
Nicht einmal zwei Schritte trennten uns.
Ich wich einen kleinen Schritt zurück.
Genau in diesem Moment flog die Haustür auf.
„Isabella!“
Mein Vater.
Seine Stimme klang wie Donner.
Ich erstarrte.
Er kam mit schnellen Schritten über den Hof.
Sein Blick fiel sofort auf Jasper.
„Was machen Sie hier?“
Jasper setzte den Hut wieder auf.
„Guten Tag.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Ich hielt den Atem an.
„Ich wollte mich lediglich erkundigen, ob—“
„Meine Tochter braucht keine Besuche.“
„Ich habe auch nicht behauptet, dass sie welche braucht.“
„Dann verschwinden Sie.“
Jasper blieb erstaunlich ruhig.
„Natürlich.“
Er machte keinerlei Anstalten zu streiten.
Er drehte sich bereits zu seinem Pferd.
„Einen schönen Tag noch.“
„Und kommen Sie nicht wieder.“
Für den Bruchteil einer Sekunde blieb Jasper stehen.
Er blickte zu mir.
Nicht lange.
Nur einen Augenblick.
Seine Augen schienen zu fragen:
Geht es Ihnen gut?
Ich nickte kaum merklich.
Eine Lüge.
Er erkannte sie sofort.
Das sah ich.
Dann stieg er auf sein Pferd und ritt davon.
Ich sah ihm nach.
Bis die Hufschläge verklungen waren.
„Ins Haus.“
Die Stimme meines Vaters ließ mich zusammenzucken.
Langsam drehte ich mich um.
Er stand mit verschränkten Armen auf dem Hof.
Sein Gesicht war vor Wut gerötet.
„Ich habe dir gesagt, du hältst dich von ihm fern.“
„Er ist einfach gekommen.“
„Und trotzdem hast du mit ihm gesprochen.“
„Ich konnte ihn doch nicht ignorieren.“
„Doch.“
Er trat dicht vor mich.
„Das hättest du gekonnt.“
Ich senkte den Blick.
„Es tut mir leid.“
„Das hoffe ich.“
Er packte meinen Arm.
Diesmal fester als sonst.
„Denn wenn dieser Soldat noch einmal einen Fuß auf mein Grundstück setzt...“
Er machte eine kurze Pause.
„...werde ich dafür sorgen, dass er es bereut.“
Ich erschrak.
Nicht um mich.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich Angst um jemand anderen.
Und tief in meinem Inneren wusste ich, dass Jasper Whitlock kein Mann war, der Drohungen einfach hinnahm. Die Frage war nur, wie lange es dauern würde, bis einer von beiden einen Schritt zu weit ging.