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Die Jahre ziehen vorbei

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Jahre ziehen vorbei

Die Zeit wurde irgendwann bedeutungslos.

Anfangs hatte ich noch jeden Tag gezählt.

Dann jede Woche.

Schließlich nur noch die Jahre.

Irgendwann hörte selbst das auf.

Wir blieben nie lange.

Sieben Jahre in Schottland.

Fünf Jahre in Irland.

Einige Winter in Norwegen.

Dann wieder Frankreich.

Kanada.

Immer weiter.

Kurze Zeit waren wir in Forks. Dort regnete es öfters als in jeder anderen Stadt die wir besucht hatten. Aber sie gefiel mir, sie hatte etwas ruhiges an sich.

In Forks hatte ich endlich Jaspers Wunsch erfüllt. Ich legte unseren Garten an. Ich hatte endlich einen Ort gefunden wo ich für uns vorstellen konnte.

Doch auch von hier mussten wir wegziehen.

Immer dann, wenn Menschen begannen zu sagen:

"Sie sehen ja noch genauso aus wie damals."

Packten wir unsere wenigen Sachen.

Und fingen von vorne an.

Wieder einmal.

Ich arbeitete.

Immer.

Mal als Krankenschwester.

Mal als Ärztin.

Mal offiziell.

Mal unter falschem Namen in kleinen Dörfern, in denen niemand viele Fragen stellte.

Krankheit machte keinen Unterschied zwischen Mensch und Vampir.

Und Leid ebenso wenig.

Wenn ich helfen konnte...

...half ich.

Jasper tat es mir gleich.

Er hatte sein Medizinstudium beendet.

Nicht nur einmal.

Über die Jahrzehnte besuchte er immer wieder Vorlesungen.

Lernte neue Operationsmethoden.

Neue Medikamente.

Neue Erkenntnisse.

„Wissen verändert sich.“

sagte er einmal lächelnd.

„Dann sollte ich mich mit ihm verändern.“

Ich musste lachen.

„Du bist der einzige Arzt, der seit fünfzig Jahren dieselbe Handschrift hat.“

Er grinste.

„Zum Glück weiß das niemand.“

Die Welt veränderte sich.

Kutschen verschwanden.

Automobile wurden selbstverständlich.

Aus den ersten Flugzeugen wurden riesige Maschinen, die ganze Kontinente verbanden.

Das Radio.

Das Fernsehen.

Computer.

Mobiltelefone.

Immer wieder mussten Jasper und ich staunen.

Nicht über unsere Unsterblichkeit.

Sondern darüber, wie schnell Menschen ihre Welt veränderten.

„Manchmal glaube ich...“

sagte Jasper eines Abends.

„...die Menschen entwickeln sich schneller als wir.“

Ich lächelte.

„Vielleicht, weil ihre Zeit begrenzt ist.“

Er dachte lange über diesen Satz nach.

Wir begegneten anderen Vampiren.

Einigen nur flüchtig.

Andere blieben ein paar Wochen.

Manche lachten uns aus, weil wir Tiere jagten.

Andere begegneten uns mit vorsichtigem Respekt.

„Ihr verschwendet euer Potenzial.“

hatte einmal ein Vampir spöttisch zu Jasper gesagt.

Mein Sohn hatte nur ruhig geantwortet:

„Vielleicht.“

Dann hatte er den Hirsch auf seiner Schulter etwas fester gehalten.

„Aber ich verliere dafür mich selbst nicht.“

Der Vampir war schweigend gegangen.

Ich war selten so stolz gewesen.

Auch Jaspers Gabe wuchs.

Nicht plötzlich.

Sondern Jahr für Jahr.

Sie wurde präziser.

Stärker.

Zuverlässiger.

Er fand Jagdgebiete, bevor wir hungrig wurden.

Er führte uns zu verlassenen Hütten, lange bevor ein Sturm aufzog.

Einmal lotste er uns mitten in den Rocky Mountains zu einer verletzten Wanderin.

„Hier.“

hatte er plötzlich gesagt.

„Da ist jemand.“

Ich hatte nichts gehört.

Nichts gerochen.

Und doch lag wenige Minuten später tatsächlich eine junge Frau unter einem umgestürzten Baum.

„Woher wusstest du das?“

hatte ich gefragt.

Jasper hatte nur mit den Schultern gezuckt.

„Ich wusste es einfach.“

Die Jahrzehnte vergingen.

Ich gewöhnte mich daran, meinen Geburtstag nicht mehr zu feiern.

Dafür feierten wir jedes Jahr den Tag, an dem Jasper geboren worden war.

Und den Tag, an dem ich Jasper kennengelernt hatte.

Den Tag auf dem kleinen Marktplatz.

„Alles Gute, Mama.“

sagte Jasper jedes Jahr mit einem Lächeln.

„Wofür?“

fragte ich einmal lachend.

„Dafür, dass du Papa begegnet bist.“

Ich hatte ihn nur in den Arm genommen.

Manchmal reichte das.

Frühling 2005.

Wir lebten seit einigen Monaten im Westen Kanadas.

Die Wälder erinnerten mich manchmal an die Geschichten, die ich über den Nordwesten Amerikas gelesen hatte.

Hohe Tannen.

Regen.

Moos.

Stille.

Es gefiel uns dort.

Vielleicht zu gut.

„Wir sollten langsam weiterziehen.“

sagte ich eines Morgens.

Jasper nickte.

Doch diesmal antwortete er nicht.

Er blieb mitten auf dem Waldweg stehen.

Sein Blick war nach Westen gerichtet.

Ich kannte diesen Blick.

Seit Jahrzehnten.

Doch diesmal...

...war etwas anders.

Sein Körper wirkte angespannt.

Fast ehrfürchtig.

„Jasper?“

Keine Antwort.

Er schloss langsam die Augen.

Ich hörte, wie er unnötigerweise tief Luft holte.

Dann öffnete er sie wieder.

„Es...“

Er legte sich eine Hand auf die Brust.

„...ist wieder da.“

„Deine Gabe?“

Er nickte.

„Aber nicht wie sonst.“

Ich trat neben ihn.

„Was fühlst du?“

Er schwieg lange.

Ungewöhnlich lange.

„Jemand.“

flüsterte er schließlich.

„Nur eine Person?“

„Ja.“

Er runzelte die Stirn.

„Nein...“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht nur jemand.“

„Was dann?“

Er lächelte verwundert.

„Es fühlt sich an...“

Er suchte nach Worten.

„...als würde mich diese Person finden wollen.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Das hattest du noch nie.“

„Nein.“

Er blickte wieder nach Westen.

Seine goldenen Augen wirkten fast nachdenklich.

„Es ist...“

Er legte die Hand erneut auf seine Brust.

„Warm.“

„Vertraut.“

„Und irgendwie...“

Er lachte leise über sich selbst.

„...fröhlich.“

„Fröhlich?“

„Ja.“

Er nickte.

„Ich kann es nicht erklären.“

Er schloss noch einmal die Augen.

„Es ist, als würde dort jemand auf mich warten.“

„Kennst du diese Person?“

„Nein.“

antwortete er ehrlich.

„Aber ich habe das Gefühl...“

Er sah mich an.

„...dass sie auf mich genauso neugierig ist wie ich auf sie.“

Ich musste unwillkürlich lächeln.

Das klang nicht nach Gefahr.

Es klang nach einer Begegnung.

Nach etwas Neuem.

Etwas, das unser Leben verändern würde.

„Wo?“

fragte ich leise.

Jasper hob langsam den Arm.

Er zeigte nach Südwesten.

„Dort.“

Ich folgte seinem Blick.

Hinter den endlosen Wäldern lagen die Vereinigten Staaten.

Der Bundesstaat Washington.

„Mama.“

Jasper legte eine zusammengefaltete Zeitung vor mir auf den Tisch.

Ich hob den Blick von Adrians Notizbuch.

„Was hast du gefunden?“

Er deutete auf eine kleine Anzeige.

Das Forks Community Hospital sucht eine Ärztin oder einen Arzt für die Notaufnahme. Bewerbungen ab sofort möglich.

Ich las die wenigen Zeilen mehrmals.

„Forks.“

murmelte ich.

„Washington.“

Jasper nickte.

„Ist das nicht...“

„Genau.“

Er musste den Satz nicht beenden.

Westen.

Immer weiter nach Westen.

Genau dorthin zeigte seine Gabe seit Monaten.

Ich legte die Zeitung langsam auf den Tisch.

„Ich weiß doch auch, wie sehr du dir wünscht wieder nach Forks zu ziehen. Immerhin vermisst du deinen Regenschirm und die stylischen Gummistiefel“

Jasper sah mir frech ins Gesicht.

„Sei nicht so zu deiner Mutter, sonst gibt es einen Monat Hausarrest!“

Wir fingen beide an zu lachen.

Aber tief in mir drin, konnte ich es gar nicht abwarten in mein altes kleines Häuschen zu ziehen.

Die Fahrt nach Washington dauerte mehrere Tage.

Je näher wir unserem Ziel kamen, desto stiller wurde Jasper.

Immer wieder legte er unbewusst eine Hand auf seine Brust.

„Schon wieder?“

fragte ich.

Er nickte.

„Es wird stärker.“

„Kannst du inzwischen erkennen, wer es ist?“

„Nein.“

Er blickte aus dem Fenster.

„Aber ich weiß, dass wir in die richtige Richtung fahren.“

Seine Stimme klang ruhig.

Fast sicher.

„Es fühlt sich an, als würde etwas auf uns warten.“

Forks war klein, so wie ich es in Erinnerung hatte.

Regen hing wie ein grauer Schleier über den Straßen.

Dichte Wälder umgaben die Stadt.

Ich musste unwillkürlich lächeln.

„Wunderschön.“

Jasper nickte.

„Und ruhig.“

„Genau das brauchen wir.“

„Viel Glück.“

Jasper blieb vor dem Eingang des Krankenhauses stehen.

„Ich warte draußen.“

Ich lächelte.

„Das Vorstellungsgespräch dauert bestimmt nicht lange.“

„Kein Problem.“

Er deutete grinsend auf die kleine Hauptstraße.

„Ich sehe mich solange etwas um.“

Ich nickte.

„Bis später.“

Eine freundliche Empfangsdame führte mich in ein schlicht eingerichtetes Büro.

Keine fünf Minuten später öffnete sich die Tür.

Als die Tür aufging, hob ich automatisch den Blick.

Der Mann, der das Büro betrat, war groß, blond und außergewöhnlich attraktiv.

Doch noch bevor er ein Wort sagte, traf mich sein Geruch.

Süß.

Kalt.

Unverwechselbar.

Mein Körper spannte sich augenblicklich an.

Ein Vampir.

Fast unbewusst machte ich einen halben Schritt zurück.

Nur jahrelange Übung verhinderte, dass ich mich noch weiter von ihm entfernte.

Der Fremde blieb ebenfalls für den Bruchteil einer Sekunde stehen.

Seine goldenen Augen ruhten überrascht auf mir.

Nicht feindselig.

Verwundert.

Als hätte auch er etwas bemerkt.

„Dr. Whitlock?“

Seine Stimme war ruhig.

Freundlich.

„Ich bin Carlisle Cullen.“

Ich zwang mich zu einem höflichen Lächeln und schüttelte seine Hand.

Sie war eiskalt.

Steinhart.

Kein Zweifel mehr.

Adrian hatte recht gehabt.

Es gab tatsächlich andere wie ihn.

Nur...

...Carlisle roch anders.

Nicht nach Menschen.

Nicht nach frischem Blut.

Sein Duft erinnerte mich an Adrian.

Tierblut.

Er tötete keine Menschen.

Allein diese Erkenntnis ließ einen Teil der Anspannung aus meinem Körper weichen.

Während des gesamten Gesprächs musterte ich ihn unauffällig.

Er war höflich.

Gebildet.

Und sprach mit derselben Leidenschaft über Medizin wie ich.

Mehr als einmal ertappte ich mich dabei, dass ich vergaß, einem Vampir gegenüberzusitzen.

Doch jedes Mal, wenn der Wind seinen Geruch zu mir trug, erinnerte ich mich daran.

Ich war nicht mehr allein.

Als ich das Krankenhaus verließ, wartete Jasper bereits auf einer Bank.

„Und?“

fragte er neugierig.

Ich hielt den Arbeitsvertrag hoch.

„Ich fange nächste Woche an.“

Er grinste breit.

„Ich wusste, dass sie dich nehmen.“

„So sicher?“

„Natürlich.“

Er zwinkerte.

„Du bist schließlich die beste Ärztin, die ich kenne.“

Ich lachte.

„Schleimer.“

Eine Woche später begann mein erster Arbeitstag.

Alles verlief ruhig.

Das Krankenhaus war klein.

Persönlich

Fast familiär.

Carlisle führte mich durch die Stationen und stellte mich den Mitarbeitern vor.

Er wirkte freundlich.

Und doch hatte ich das Gefühl, dass er mich immer wieder beobachtete.

Nicht misstrauisch.

Sondern nachdenklich.

Am Ende meiner Schicht klopfte es an die Tür meines Behandlungszimmers.

Ich trat aus meinem Behandlungszimmer.

„Mama...?“

Jasper brach mitten im Wort ab.

Er hatte Carlisle gesehen.

Im selben Augenblick hob Carlisle den Kopf.

Auch er roch Jasper sofort.

Für einen flüchtigen Moment herrschte absolute Stille.

Ich sah, wie Jasper sich unmerklich anspannte.

Nicht aus Blutdurst.

Aus Vorsicht.

Ganz langsam trat ich einen halben Schritt vor ihn.

Eine Bewegung, die wahrscheinlich niemandem außer Carlisle auffiel.

Ein stiller Schutzreflex einer Mutter.

Carlisles Blick glitt kurz zwischen uns hin und her.

Dann lächelte ich höflich.

„Dr. Cullen, das ist mein Bruder... Jasper Whitlock.“

Carlisle erwiderte den Händedruck meines Sohnes.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Cullen.“

Carlisle zögerte einen kaum wahrnehmbaren Augenblick, bevor er den Händedruck erwiderte.

„Whitlock...“

wiederholte er freundlich.

„Ein seltener Familienname.“

Jasper lächelte.

„Das stimmt.“

„Unsere Familie stammt ursprünglich aus Texas.“

Carlisles Blick blieb für einen kurzen Moment auf ihm ruhen.

„Wie interessant.“

Mehr sagte er nicht.

Doch als Bella und Jasper das Krankenhaus verließen, blieb Carlisle allein im Flur stehen.

Er blickte auf die geschlossene Eingangstür.

Ein friedlicher Vampir.

Eine Ärztin, die weder Mensch noch Vampir zu sein schien.

Und ein junger Mann mit dem Nachnamen Whitlock.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Carlisle das Gefühl, dass das Schicksal gerade begonnen hatte, ein lange vergessenes Kapitel erneut aufzuschlagen.