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Der erste Schultag

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Der erste Schultag

„Du musst nicht mitkommen.“

Ich stellte meine Kaffeetasse in die Spüle und sah zu Jasper.

Er stand vor dem kleinen Badezimmerspiegel und band sich zum dritten Mal die Krawatte.

„Ich weiß.“

murmelte er.

„Aber wenn ich sie jetzt schon schief binde, falle ich wenigstens als normaler Schüler auf.“

Ich musste lachen.

„Nach fast hundert Jahren hast du Angst vor der Schule?“

Er sah mich gespielt empört an.

„Mama.“

„Ja?“

„Vor Medizinprofessoren hatte ich nie Angst.“

Er zog eine Grimasse.

„Aber Teenager sind unberechenbar.“

Ich lachte so laut, dass selbst Jasper grinsen musste.

„Das hast du jetzt hoffentlich nicht ernst gemeint.“

„Doch.“

Er zog seine Jacke an.

„Professoren wollen nur richtige Antworten.“

„Schüler wollen wissen, welche Musik man hört, welche Schuhe man trägt und warum man neu ist.“

„Das ist deutlich schwieriger.“

Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Du schaffst das.“

Er nickte.

Dann wurde sein Blick ernster.

„Und du?“

Ich wusste sofort, was er meinte.

Carlisle.

„Ich passe auf.“

antwortete ich ruhig.

„Er scheint nicht gefährlich zu sein.“

„Nein.“

Jasper nickte langsam.

„Aber er ist neugierig.“

„Das bin ich auch.“

Ich lächelte leicht.

„Vielleicht ist das gar nichts Schlechtes.“

Forks High School war kleiner, als Jasper erwartet hatte.

Der Parkplatz war bereits gut gefüllt.

Er stellte den Wagen ab und blieb einen Moment sitzen.

„Alles in Ordnung?“

fragte ich.

Er nickte.

„Ja.“

Dann legte er plötzlich eine Hand auf seine Brust.

Ich kannte diese Bewegung.

„Schon wieder?“

Er schloss kurz die Augen.

„Ja.“

„Ist die Person hier?“

Er öffnete sie wieder.

„Ganz nah.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Kannst du erkennen, wer?“

„Nein.“

Er lächelte verwundert.

„Aber...“

„Sie ist glücklich.“

„Glücklich?“

„Ja.“

Er lachte leise.

„Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“

Ich griff nach seiner Hand.

„Dann finde es heraus.“

Er nickte.

„Bis heute Abend.“

„Bis heute Abend.“

Jasper betrat die Eingangshalle der Forks High School.

Sofort nahm er den vertrauten Duft wahr.

Vampire.

Mehrere.

Er ließ den Blick ruhig durch den Flur gleiten.

Fünf.

Sie standen gemeinsam am anderen Ende der Cafeteria.

Alle mit goldenen Augen.

Alle vollkommen ruhig.

Im selben Augenblick hoben sie fast gleichzeitig den Kopf.

Sie hatten ihn ebenfalls bemerkt.

Jasper Hale sah nur flüchtig hin.

Dann blieb ihm für einen Moment die Luft weg.

Was...

Sein Blick blieb auf dem fremden Vampir hängen.

Der junge Mann war groß.

Schlank.

Dunkelblondes Haar.

Die Haltung.

Die Schultern.

Sogar die Art, wie er den Kopf leicht zur Seite neigte...

Für einen winzigen Augenblick war es, als würde er seinem menschlichen Ich gegenüberstehen.

Nicht identisch.

Die Gesichtszüge waren weicher.

Die Augen erinnerten an jemanden, den Jasper nicht kannte.

Und doch...

...war die Ähnlichkeit erschreckend.

Fast unheimlich.

Gleichzeitig traf ihn eine Welle fremder Gefühle.

Neugier.

Ruhe.

Leichte Nervosität.

Und etwas, das Jasper überhaupt nicht einordnen konnte.

Vertrautheit.

Nicht ihm gegenüber.

Sondern...

...diesem Ort.

„Jazz?“

Emmett runzelte die Stirn.

„Alles okay?“

Jasper antwortete nicht.

Er konnte den Blick nicht von dem Fremden lösen.

Warum starrt Jasper ihn so an?

Edward hob ebenfalls den Blick.

Er hörte Jaspers Gedanken klar und deutlich.

Das ist unmöglich...

Er sieht aus...

Nein. Das kann nicht sein.

Edward betrachtete den neuen Vampir genauer.

Tatsächlich.

Die Ähnlichkeit war verblüffend.

„Edward?“

fragte Emmett leise.

Er schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Später.“

antwortete er ebenso leise.

Alice erstarrte.

Nicht wegen seines Aussehens.

Sondern wegen des Gefühls.

Es war genau dasselbe warme Gefühl, das sie seit Tagen in ihren Visionen begleitet hatte.

Er ist es.

Sie wusste nicht, wer er war.

Oder warum sie sich freute.

Sie wusste nur, dass sie auf diesen Moment gewartet hatte.

Fast wie von selbst setzte sie sich in Bewegung.

„Alice?“

Rosalie sah ihr verwundert hinterher.

Doch Alice hörte sie nicht.

Sie blieb erst stehen, als sie direkt vor dem fremden Vampir angekommen war.

Er lächelte höflich.

„Hallo.“

Alice erwiderte das Lächeln.

„Hallo.“

Für einen Augenblick musterten sie sich schweigend.

Dann musste Alice lachen.

„Das klingt jetzt wahrscheinlich seltsam...“

Der Fremde lächelte.

„...aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns schon kennen.“

Er nickte langsam.

„Genau dasselbe wollte ich gerade sagen.“

Hinter Alice beobachtete Jasper Hale jede einzelne Bewegung.

Die Gefühle des jungen Vampirs waren vollkommen ehrlich.

Keine Feindseligkeit.

Keine Täuschung.

Kein Misstrauen.

Nur ehrliche Verwunderung.

Und trotzdem ließ ihn ein Gedanke nicht los.

Warum sieht er mir so ähnlich?

Zum ersten Mal seit über hundert Jahren konnte Jasper seine eigenen Gefühle kaum noch voneinander unterscheiden.

Neugier.

Verwirrung.

Und tief darunter...

...eine Sehnsucht, deren Ursprung er selbst nicht verstand.

„Alice.“

Eine ruhige Stimme unterbrach die Stille.

Stattdessen trat Rosalie einen Schritt näher.

„Möchtest du uns deinen neuen Bekannten vorstellen?“

Alice blinzelte, als würde sie gerade erst wieder in die Realität zurückkehren.

„Oh!“

Sie lachte leise.

„Natürlich.“

Sie wandte sich wieder Jasper zu.

„Ich bin Alice.“

„Jasper.“

antwortete er freundlich.

Er stockte kurz.

Für einen winzigen Moment dachte er daran, seinen Nachnamen ebenfalls zu nennen.

Doch etwas hielt ihn zurück.

„Freut mich.“

Alice lächelte breit.

„Mich auch.“

„Du bist neu hier?“

„Seit heute.“

„Dann komm.“

Sie deutete den Flur hinunter.

„Ich zeige dir das Schulgebäude.“

Jasper zögerte.

„Bist du sicher?“

„Natürlich.“

Sie hakte sich zwar nicht bei ihm unter, wie sie es sonst vielleicht getan hätte, aber sie ging ganz selbstverständlich neben ihm her.

„Du wirst dich sonst verlaufen.“

Jasper musste schmunzeln.

„Das wäre tatsächlich möglich.“

Die übrigen Cullens blieben zurück.

Emmett sah Jasper Hale grinsend an.

„Na?“

„Was?“

„Der Junge.“

Emmett verschränkte die Arme.

„Schon mal aufgefallen, dass er aussieht wie du?“

Rosalie verdrehte die Augen.

„Emmett.“

„Was denn?“

„Ich meine es ernst.“

Jasper Hale antwortete noch immer nicht.

Edward beobachtete ihn schweigend.

Er hörte jedes einzelne seiner Gedanken.

Das kann kein Zufall sein.

Diese Haltung...

Dieses Lächeln...

Sogar die Art, wie er geht...

Edward runzelte leicht die Stirn.

Das war ungewöhnlich.

Er hatte Jasper noch nie so erlebt.

„Jazz.“

fragte Rose vorsichtig.

„Kennst du ihn vielleicht?“

Jasper schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Und das stimmte.

Er hatte diesen jungen Mann noch nie gesehen.

Doch irgendetwas an ihm ließ ihn nicht los.

Nicht sein Geruch.

Nicht seine Kleidung.

Sondern...

...sein Wesen.

Es fühlte sich seltsam vertraut an.

Als würde er einen längst verlorenen Teil seiner Vergangenheit ansehen.

Währenddessen führte Alice Jasper durch die Schule.

„Das dort ist der Chemieraum.“

„Und da vorne die Bibliothek.“

Jasper nickte aufmerksam.

„Ganz schön groß.“

„Das sagt jeder Neue.“

Alice grinste.

„In einer Woche kennst du jeden Winkel.“

Sie blieb plötzlich stehen.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“

„Natürlich.“

„Du bist...“

Sie überlegte kurz.

„...noch nicht besonders lange ein Vampir, oder?“

Jasper blieb überrascht stehen.

„Woran merkst du das?“

Alice lächelte entschuldigend.

„Du bewegst dich anders.“

„Wie meinst du das?“

„Vorsichtiger.“

Sie sah ihn aufmerksam an.

„Die meisten älteren Vampire haben irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken, wie stark sie sind.“

„Du denkst bei jeder Bewegung darüber nach.“

Jasper musste lachen.

„So offensichtlich?“

„Ein bisschen.“

Er nickte.

„Es sind noch keine hundert Jahre.“

Alice blieb stehen.

„Keine hundert?“

„Nein.“

„Und du trinkst Tierblut.“

„Schon immer.“

Alice lächelte.

„Das erklärt einiges.“

Sie wollte weiterfragen.

Doch in diesem Moment klingelte es.

„Schade.“

murmelte sie.

„Der Unterricht beginnt.“

Jasper grinste.

„Dann muss ich wohl wirklich Schüler spielen.“

Alice lachte.

„Keine Sorge.“

„Du gewöhnst dich daran.“

Sie ahnte nicht, dass der junge Vampir neben ihr Medizin studiert, Operationen durchgeführt und mehr historische Ereignisse erlebt hatte als jeder Lehrer an dieser Schule.

Und Jasper ahnte nicht, dass die kleine Vampirin neben ihm bereits seit Tagen von genau diesem Moment geträumt hatte.

Am anderen Ende des Flures stand Jasper Hale.

Er beobachtete die beiden schweigend.

Und obwohl Edward seine Gedanken hörte, sprach keiner von ihnen ein Wort.

Denn beide wussten:

Dies war erst der Anfang.

Der Vormittag verging überraschend schnell.

Forks High war nicht viel anders als jede andere Schule, die ich in den vergangenen Jahrzehnten besucht hatte.

Nur die Menschen änderten sich.

Die Fragen blieben dieselben.

„Woher kommst du?“

„Hast du Geschwister?“

„Warum bist du nach Forks gezogen?“

Ich antwortete freundlich.

Knapp.

So, wie ich es über viele Jahre gelernt hatte.

„Aus Kanada.“

„Ja. Eine Schwester.“

„Wegen ihrer Arbeit.“

Es waren keine Lügen.

Nur nicht die ganze Wahrheit.

In der Mittagspause entdeckte ich Alice sofort.

Sie winkte mir fröhlich zu.

„Hier drüben!“

Ich nahm mein Tablett und setzte mich zu ihr.

Die anderen blickten neugierig auf.

„Das sind Emmett, Rosalie, Edward...“

Zum Schluss deutete sie auf den blonden Vampir neben ihr.

„...und Jasper.“

Ich erstarrte innerlich.

Jasper.

Natürlich wusste ich, dass auch andere Menschen diesen Namen trugen.

Trotzdem fühlte es sich seltsam an, ihn auszusprechen.

Der blonde Vampir erhob sich leicht.

„Freut mich.“

Seine Stimme war ruhig.

Fast sanft.

Ich erwiderte seinen Händedruck.

„Mich ebenfalls.“

Für einen Augenblick trafen sich unsere Blicke.

Etwas flackerte in seinen goldenen Augen auf.

Verwunderung.

Nicht Misstrauen.

Nicht Feindseligkeit.

Nur ehrliche Verwunderung.

„Alles in Ordnung?“

fragte Alice ihren Freund.

Jasper Hale blinzelte.

„Ja.“

antwortete er ruhig.

„Ich war nur kurz in Gedanken.“

Edward sah erst Jasper, dann mich an.

Auch er begann, genauer hinzusehen.

Nicht auf mein Gesicht.

Sondern auf meine Gesten.

Die Art, wie ich lächelte.

Wie ich sprach.

Wie ich den Kopf leicht schief legte.

Es erinnerte tatsächlich an Jasper.

Nicht genug, um verwandt zu sein.

Aber genug, um Fragen aufzuwerfen.

„Und?“

Emmett grinste breit.

„Spielst du irgendeinen Sport?“

Ich musste lachen.

„Nein.“

„Gar keinen?“

„Ich gehe gern wandern.“

Emmett verzog gespielt das Gesicht.

„Langweilig.“

„Emmett.“

Rosalie stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an.

„Was denn?“

Ich musste erneut lachen.

Sie fühlten sich...

ungewöhnlich normal an.

Fast wie eine Familie.

Zur gleichen Zeit...

„Dr. Whitlock?“

Ich blickte von der Patientenakte auf.

Carlisle blieb in der geöffneten Tür stehen.

„Hätten Sie einen Moment Zeit?“

„Natürlich.“

Er trat ein und schloss die Tür hinter sich.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich bereits wohl bei uns.“

„Sehr.“

antwortete ich ehrlich.

„Das freut mich.“

Er schwieg einen Moment.

Dann fragte er vorsichtig:

„Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?“

Ich wurde sofort aufmerksam.

„Das kommt auf die Frage an.“

Ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ihr Bruder...“

Da war sie.

Die Frage, mit der ich gerechnet hatte.

„Ja?“

„Er wirkt außergewöhnlich höflich.“

Ich musste schmunzeln.

„Das höre ich öfter.“

Carlisle lächelte.

„Und...“

Er wählte seine Worte mit Bedacht.

„...ich habe den Eindruck, dass Sie beide sich außergewöhnlich nahestehen.“

Ich nickte langsam.

„Unsere Eltern sind früh gestorben.“

Auch das war nicht gelogen.

„Wir hatten lange nur uns.“

Carlisle sah mich aufmerksam an.

Er spürte, dass ich ihm etwas verschwieg.

Doch er spürte ebenso, dass ich nicht log.

Eine seltene Kombination.

„Das erklärt einiges.“

sagte er schließlich.

Ich lächelte höflich.

„Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu erzählen.“

Carlisle nickte.

„Natürlich.“

Er drängte nicht weiter.

Doch als er das Behandlungszimmer verließ, blieb eine Frage in seinem Kopf zurück.

Warum erinnert mich dieser Junge so sehr an Jasper?

Und warum...

...trug ausgerechnet er den Namen Whitlock?

Währenddessen saß Jasper Jr. lachend mit Alice und den Cullens in der Cafeteria.

Keiner von ihnen ahnte, dass die Antworten auf all ihre Fragen nur wenige Straßen entfernt arbeiteten.